Dienstag, 4. Februar 2014

TAXI DRIVER

[USA][1974]

Regie: Martin Scorsese
Darsteller: Robert De Niro, Jodie Foster, Albert Brooks, Harvey Keitel, Leonard Harris, Peter Boyle, Cybill Shepherd, Norman Matlock, Diahnne Abbott, Frank Adu, Victor Argo, Gino Ardito


"Ein großer Regen müsste kommen und den Abschaum aus dieser Stadt hinausspülen."

Travis Bickle [Robert De Niro] ist Taxifahrer in New York. Seine Aufträge führen ihn in die hässlichsten Winkel der Stadt, ins Rotlichtmilieu, auf den Babystrich, wo Gewalt an der Tagesordnung ist. Er selbst leidet an Schlaflosigkeit und verfällt mehr und mehr dem Wahn, die Stadt säubern zu müssen. Dann kauft Bickle sich eine Waffe.

TAXI DRIVER, der filmische Amoklauf von Regisseur Martin Scorsese [→ THE WOLF OF WALL STREET], wurde 1976 nicht nur zu einem Überraschungserfolg an der Kinokasse, sondern avancierte auch innerhalb kürzester Zeit zu einem Kultfilm und gilt als eines der Paradebeispiele des „New Hollywood“. Diese Gattung, kein Genre im eigentlichen Sinne, eher eine Strömung, ein Aufbegehren junger Filmschaffender mit der gemeinsamen Auffassung, das „klassische Hollywood“ habe sich in die Sackgasse manövriert, durchaus vergleichbar, wenn auch nicht vollkommen konform, mit der „Nouvelle Vague“, der „neuen Welle“ unkonventioneller Werke französischer Regisseure, die gut ein Jahrzehnt zuvor gegen die starren Muster der Filmkunst rebellierten, brachte ab Ende der 60er Jahre eine ganze Reihe dreckiger, anklagender und pessimistischer Werke hervor, welche gesellschaftliche Missstände anprangerten und Finger auf offene Wunden legten.

So auch TAXI DRIVER, welcher die Goldene Palme bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes erhielt und seinen Hauptdarsteller Robert De Niro, welcher unter Scorseses Regie bereits zuvor in MEAN STREETS zu sehen war, zur Ikone machte. Unter Verwendung einer wilden, ungepassten Bildsprache und von verbalen Obszönitäten durchzogen, erzählt Autor Paul Schrader (der später mit LIGHT SLEEPER und BRINGING OUT THE DEAD noch zwei zwar weniger beachtete, doch qualitativ durchaus ebenbürdige Werke mit ähnlicher Thematik schuf) die Geschichte des jungen Mannes Travis Bickle, der, traumatisiert von seinem Kriegseinsatz im Vietnam (auch, wenn das niemals direkt gesagt wird), aufgrund anhaltender Schlaflosigkeit einen Job als Taxifahrer annimmt, welcher ihn an die hässlichsten Ecken der Metropole New York führt. Angewidert von der Kriminalität auf den Straßen und der Verlogenheit der Gesellschaft, wächst seine Frustration von Tag zu Tag und immer mehr wünscht er sich einen großen Regen herbei, welcher den Abschaum aus den Straßen spült.

Bickles Gedanken erschallen aus dem Off, während ihn die sich stets in Bewegung befindliche Kamera auf seinen Fahrten begleitet, dabei nur scheinbar belanglose Bildstrecken produziert, in welchen, neben immer wiederkehrenden, fast liebevollen Nahaufnahmen seines Taxis, die Umgebung, die sündigen Straßen der Stadt, überstrahlt, verwackelt und unklar montiert, zu einer diffusen Einheit verschwimmt. Ohnehin ist die Stadt der eigentliche Hauptdarsteller TAXI DRIVERs, ist sie doch quasi ständig präsent. Selbst, wenn Bickle im Café hockt oder im Schnellrestaurant mit seinen Kollegen ein paar Worte wechselt, vergeht kaum eine Einstellung, in welcher nicht urplötzlich wieder das pulsierende Großstadtleben im Hintergrund zu sehen ist. Die lauten Geräusche der Straße werden zum Soundtrack; wenn überhaupt schweigen sie für den melancholischen Jazzscore Bernard Herrmanns [ CITIZEN KANE], welcher nur wenige Stunden nach Erscheinen des Films starb. Jazz, das ist Improvisation, das ist Spontanität - so wie das Leben auf der Straße.

Immer wieder werden Bickles düstere Gedanken, sein schwelender Zorn von Bild und Ton untermauert. Ein Regen solle die Straßen reinwaschen, so wünscht er es sich. Kurz danach trifft ein Wasserschwall die Windschutzscheibe seines Wagens. Später stehen, im starken Gegenlicht nur als Schattenriss erkennbar, ein paar junge Menschen vor einem wasserspendenden Hydranten. Als Bickles Unmut wächst, seine Frustration und Hilflosigkeit, fährt die Kamera in das vor ihm stehende Limonadenglas, in dem es wild sprudelt. Und als er, in der wohl berühmtesten Szene, bereits eingedeckt mit schwerem Kaliber, vor dem Spiegel steht und mit markigem Kommentar („Redest du mit mir?“ schaffte es als Zitat sogar in einen Disneyfilm) seine Schießkünste erprobt, tickt im Hintergrund – abermals eingehüllt in den provozierenden Lärm der Straße - überdeutlich die Uhr. Spätestens hier wird klar, dass man es mit einer gefährlichen Zeitbombe zu tun hat.

Die Figur des Travis Bickle bleibt im Großen und Ganzen ein nur schwer zu fassendes Mysterium, für welches man abwechselnd Sympathie und Abscheu empfindet. Eine hohe Schulbildung besitzt er nicht, das macht bereits das anfängliche Bewerbungsgespräch deutlich. Doch ist er auch kein Dummkopf und durchschaut seine Mitmenschen schnell. Als er gegenüber eines Secret-Service-Mitarbeiters Interesse an einer Mitarbeit zeigt, merkt er sofort, dass dieser ihn mit der Frage nach seiner Adresse lediglich als Verdächtigen einstuft und nennt ihm die falschen Daten. Als sich Präsidentschaftskandidat Palantine zu ihm ins Taxi setzt und dieser ihn fragt, was man in der Stadt ändern müsse, reagiert er auf seine (zweifelsfrei sehr naive) Forderung („Die Stadt muss vom Abschaum gesäubert werden“) lediglich mit den üblichen einstudierten Politikerfloskeln, was Travis ebenfalls auf Anhieb erkennt. Von der Welt fühlt Bickle sich nicht verstanden: Als er seinen Kollegen Wizzard [Peter Boyle ( FRANKENSTEIN JUNIOR)] um Rat bittet, hat dieser nur eine ganz simple Problemlösung parat: Suff und Sex. „Das ist das dämlichste, was ich je gehört habe“, lautet Bickles Reaktion.

Die Idee, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, selbst der große Regen sein zu müssen, wird für Bickle schließlich zur Obsession. Sein Plan ist dabei wenig stringent oder gar durchdacht und erschöpft sich zum Großteil bereits im Kaufen und Präparieren von Schusswaffen. Plant er zunächst, Senator Palentine umzubringen, was aufgrund der Sicherheitskräfte misslingt, sucht er sich als nächstes Ziel den ekelhaften Zuhälter „Sport“ [Harvey Keitel ( PULP FICTION)], welcher minderjährige Mädchen in die Prostitution treibt. Die Bekanntschaft mit einem seiner Mädchen, der erst 12jährigen Iris [Jodie Foster (ANNA UND DER KÖNIG)], erschüttert Bickle zutiefst, hat sich diese doch mit ihrem Schicksal scheinbar ohne größere Schwierigkeiten abgefunden. Zwar weckt das Gespräch mit Bickle in ihr durchaus den Wunsch nach einem alternativen Leben, doch „Sport“ kann das naive Mädchen durch geschickte verbale Manipulation wieder überzeugen. Während der Zuhälter zärtlich mit Iris tanzt, läuft im Hintergrund von Schallplatte abermals die Jazzmusik Hermanns – der Klang der Stadt, welche das Mädchen nun wieder gefangen hat.

Bickle, der sich selbst als „von Gott verlassen“ bezeichnet, richtet schließlich ein Blutbad an, vollkommen ungeachtet der Tatsache, dass er damit selbst Teil des Abschaumes geworden ist, den er bekämpfen wollte. Das ist beim Zusehen ebenso befreiend wie deprimierend, gab es zwischenzeitlich doch durchaus Hoffnung für Bickle. Als er sich in die Wahlhelferin Betsy [Cybill Sheperd ( DIE MUSE)] verliebt und diese tatsächlich Interesse an ihm zeigt, zeigt sich, dass er genug Charme besitzt, um Frauen von sich überzeugen zu können. Es ist kein Zufall, dass die Rendezvous mit Betsy einige der wenigen Szenen sind, die sich tagsüber und damit im Licht abspielen. Doch als es wieder dunkel wird, er die falsche Entscheidung für einen romantischen Kinoabend trifft und sie ihn verlässt, scheint sein Schicksal besiegelt. Während Bickles letztem Telefongespräch mit Betsy wendet sich plötzlich die Kamera von ihm ab, fährt stattdessen durch den Raum, lässt ihn allein. Das passiert nicht oft. Die zweite auffällige Abwendung geschieht bezeichnenderweise unmittelbar nach seinem finalen Massaker, als die Kamera sich von ihm löst, um seine blutige Verwüstungsspur abzufahren, bevor sie einen wieder nach draußen entlässt und der dem Soundtrack beigefügte Paukenschlag wieder an das Ticken der Uhr in Bickles Wohnung erinnern darf.

Die Farbe Rot, bis dahin ohnehin dominierend, was auch das einzig Sinnvolle ist angesichts des Milieus, in welchem TAXI DRIVER hauptsächlich spielt, darf in diesem blutgetränkten Finale endgültig triumphieren und heftig gleißende Bilder schaffen. Doch TAXI DRIVER reizt nicht nur die Kontraste von Farbe aus, sondern setzt generell massiv auf Gegensätze: Bickle reist durch hellichten Tag und schwärzeste Nacht, in seinem Taxi sitzen billige Nutten ebenso wie hochrangige Politiker, und auf sein Niederschießen eines Ladendiebs folgt eine Szene fröhlichen Lachens (wenn auch nur aus dem Fernseher). In der Ausführung erinnert TAXI DRIVER dabei in manchen Momenten an den französischen, hauptsächlich auf Improvisation beruhenden „Nouvelle Vague“-Beitrag AUSSER ATEM, scheint er doch anfangs lediglich Momentaufnahmen, Stadtimpressionen und eher unwichtig scheinenden Dialog aneinanderzureihen. Doch spätestens wenn in einer Bemerkung die Rede davon ist, dass man Verbrecher in der Regel an fehlenden Fingern erkennt und im Finale ein ebensolcher seine Finger durch eine Bickle-Kugel verliert, wird klar, dass hier nichts auf Zufall beruht, sondern im Gegenteil streng durchdacht ist.

TAXI DRIVER ist ein Neonlicht getauchtes, in künstlichen Nebel gehülltes, vom Jazz durchdrungenes Mosaik aus Gewalt und Depression, das seiner eigenen Morbidität zwar phasenweise erliegt, aber dennoch einen faszinierend bebilderten Sinnesrausch bietet.

Laufzeit: 109 Min. 

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