China, Japan 2025
Regie:
Kenji Tanigaki
Darsteller:
Xie Miao,
Joe Taslim,
Yang Enyou,
Jeeja Yanin,
Brian Le,
Yayan Ruhian,
Sahajak Boonthanakit,
Manatsanun Phanlerdwongsakul
„Sieh mal – ein Vogel!“
(Ein Beitrag aus der Kategorie: berühmte letzte Worte.)
Inhalt:
Irgendwo in Südostasien: Der stumme Handwerker Wang Wei [Xie Miao] lebt als alleinerziehender Vater mit seiner kleinen Tochter Rainy [Yang Enyou] zusammen. Er müht sich nach Kräften, für sie zu sorgen und sie zugleich auf die Härten des Lebens vorzubereiten, indem er ihr die Kunst des Kampfes beizubringen versucht. Dass das nicht die schlechteste Idee ist, zeigt sich ausgerechnet nach einem Streit zwischen den beiden, als Rainy wütend auf die Straße läuft. Dort tappt sie in eine Falle, wird überwältigt und auf die Ladefläche eines Lasters geworfen. Obwohl Wei das mitbekommt und sich noch an Ort und Stelle einen verzweifelten Kampf mit den Entführern liefert, kann die Bande entkommen. Da die Polizei keinerlei Anstalten macht, ihm zu helfen, sieht Wei sich gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Hinweisen folgend trifft er bei seiner Jagd den Reporter Navin [Joe Taslim]. Dieser ist den Verbrechern ebenfalls auf der Spur, da er sie hinter dem Verschwinden seiner Frau vermutet. Beide verbünden sich im Kampf gegen ein skrupelloses Menschenhändlerkartell.
Kritik:
THE RAID (2010) galt lange Zeit als Referenz für den sogenannten „Brawler“, jene Unterkategorie des Actionfilms, bei der Nah- und Faustkämpfe im Mittelpunkt stehen. Die indonesische Blendgranate hievte das Genre in puncto Rohheit und Brutalität auf ein neues Level und gilt als Startschuss für zahlreiche Wettbewerber, es ihr gleichzutun. Ob THE FURIOUS auch ohne diese Initialzündung entstanden wäre, ist fraglich. Aber es ist gut, dass er existiert. Ganz in der Tradition der Vorbilder (zu denen sicherlich auch die JOHN WICK-Reihe gehört, die sich zunehmend in besagte Richtung entwickelte, sowie deren Ableger BALLERINA) wird hier eine Welt skizziert, die mit realen Gegebenheiten endgültig nichts mehr am Hut hat. Stattdessen wirkt alles wie die maximale Potenzierung früherer Erfolgsfaktoren. Und das nicht nur zeitnaher Natur: Bereits der Hongkong-Krimi FATAL TERMINATION von 1990 wartet mit dem berühmt-berüchtigten Moment auf, in dem ein kleines Mädchen an den Haaren gepackt aus einem fahrenden Auto gehalten wird. Auch diese Szene findet hier ihre Entsprechung – nur eben noch eine Schippe draufgesetzt.
THE FURIOUS ist ein ultrabrutaler, fleischgewordener Slapstick-Cartoon, der seine Figuren selbst heftigste Malträtierungen nicht nur überleben, sondern nach kurzem Verschnaufer auch unmittelbar weiterkämpfen lässt. Solch übermenschliche Fähigkeiten erklären sich in diesem Alternativuniversum zumindest ansatzweise durch den starken emotionalen Affektantrieb, den alle Beteiligten an den Tag legen. Beim Helden Wang Wei erscheint das noch am plausibelsten: Er ist nahezu mittellos; seine Tochter ist das Einzige, was seinem Leben einen Sinn verleiht. Als sie in die Hände widerwärtiger Menschenhändler fällt, wird er zur Furie, die ihn selbst mit geschundenen, blutigen Füßen einen fahrenden LKW überholen lässt. Aber auch die Gegenseite scheint ihre Machenschaften nicht nur aus finanziellem Interesse zu betreiben, sondern auch aus Lust am Sadismus und einem perversen Überlegenheitsgefühl heraus. Dass es plötzlich jemand wagt, ihnen in die Suppe zu spucken, wird als persönlicher Affront gewertet, als Anomalie, die beseitigt werden muss, und setzt daher wahre Berserkerkräfte frei.
Obwohl von Anfang an klar ist, dass man es hier weniger mit echten Menschen als vielmehr mit unkaputtbaren Kampfmaschinen zu tun hat, funktioniert auch die emotionale Einbindung des Publikums. Grund dafür sind die genutzten Stereotypen, die zwar simpel und stattsam bekannt sind, aber eben auch ungemein effektiv. Da ist mit Wang Wei der ehrbare Außenseiter, ein bescheidener Arbeiter, von Stummheit geschlagen und im Armenviertel lebend. Da ist Rainy, seine entzückende Tochter, die von einem besseren Leben träumt, das er ihr nicht bieten kann. Und dann sind da die grobschlächtigen Schurken, die keinen Pfifferling auf menschliches Leben geben und im großen Stil Kinder entführen – die Gründe dafür werden eher angedeutet als ausformuliert, dürften aber auf der Hand liegen. Als sie Rainy rauben, wird sie in Windeseile in einen Müllsack gesteckt und auf die Ladefläche eines Lastwagens geschmettert. Mehr braucht es nicht, um diesen Leuten mindestens die Pest an den Hals zu wünschen.
Stattdessen ist es Wang Wei, der ihnen an die Gurgel geht, weil ihm schnell klar wird, dass er sich auf die Institutionen nicht verlassen kann (der örtliche Polizeichef ist dermaßen offensichtlich korrupt, man hätte ihm das Wort auch gleich in die Stirn stanzen können). Das Auffinden der Verbrecher geht dabei so mühelos vonstatten, dass es schlichtweg Humbug ist, dass es den Gesetzeshütern – verbrecherischer Vorgesetzter hin oder her – nicht schon längst gelungen sein soll, der ohnehin nicht besonders geheim operierenden Organisation auf die Schliche zu kommen. Schützenhilfe erhält der verzweifelte Vater vom Journalisten Navin, der wiederum auf der Suche nach seiner Frau ist, die das Syndikat vermutlich ebenfalls auf dem Kerbholz hat. Dass sich die Männer anfangs für Feinde halten und darum erst einmal gegenseitig das Fell gerben, wirkt zwar etwas forciert, aber danach bilden die beiden ein erstaunlich gut funktionierendes Gespann, dem man gern die Daumen drückt.
Was dann folgt, ist in erster Linie Gefechtslärm – THE FURIOUS will nicht durch raffiniertes Geschichtenerzählen glänzen, sondern durch die Zurschaustellung markerschütternder Konfrontationen. Ganz im Geiste vieler Genre-Kollegen sind Schusswaffen dabei nahezu absent. Zum Einsatz kommen stattdessen Dinge wie Fäuste, Füße, Arme, Beine, Pfeile, Messer, Schwerter, Bleche, Wasserspender, Eisblöcke, Fahrräder, Ketten, Hämmer, größere Hämmer und noch größere Hämmer. Letztere werden für die Hauptfigur bald zur Dauerkeule, und es stockt einem der Atem, wenn er damit rücklings über buchstäbliche Berge aus Gegnern klettert, über eine groteske Pyramide aus Haut und Knochen, und dabei in wilder Wut auf das feindliche Fleisch eindrischt – als hätte jemand die berühmte Szene aus Park Chan-wooks Klassiker OLDBOY (2003) zur abendfüllenden Zirkusattraktion aufgeblasen. Wenn dann zwischen all dem apokalyptischen Hauen und Stechen doch mal die guten alten Kugeln fliegen, wirkt das fast ein wenig anachronistisch.
Die Anzahl der Gegner ist dabei absurd hoch, ständig kommen neue Schergen ums Eck, um ihr Scherflein beizutragen. Am schillersten geriet fraglos die von Brian Le [→ EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE] verkörperte Wuchtbrumme Ho – ein Hackbraten vor dem Herren, der in Sachen Einfalt und Grobschlächtigkeit glatt als Zögling von Metzgermeister Leatherface aus TEXAS CHAINSAW MASSACRE durchgehen könnte. Der hat zwar keine Kettensäge (eines der wenigen Utensilien, die hier nicht zum Einsatz kommen), aber er braucht auch keine, weil er seine Widersacher, wenn es denn sein muss, mit bloßer Pranke zum Schlitten umfunktioniert.
Obwohl das alles natürlich durchchoreographiert bis in die Poren, ist Eleganz hier ein Fremdwort. Die Kombattanten raufen sich wie auf dem Schulhof, umklammern sich, verhaken sich, verbeißen sich ineinander, wälzen sich prügelnd auf dem Boden. Das ist stets enorm treffsicher allein zum Zwecke des Staunens und Spuckeversiegenlassens inszeniert, dabei aber ungeheuer gewissenhaft und kompetent. Trotz der Heerscharen an Kämpfern und des schwindelerregenden Tempos, das diese bei ihrem Job an den Tag legen, bleibt die Sache stets übersichtlich und plausibel. Die Bildgestaltung gibt sich dazu keine Blöße, und das brachiale Sound-Design untermalt das Gemetzel mit angenehmem Geschepper, das vermutlich aufgenommen wurde, als ein mit Teetassen beladener Güterzug volle Kanne in eine Reihe parkender Autos gebrettert ist.
In der Hauptrolle sieht man Xie Miao, der 1995 witzigerweise den Filmsohn von Jet Li in MY FATHER IS A HERO spielte und als eben solcher entführt wurde. Hier nun ändern sich die Vorzeichen. Xie wurde damals besetzt, weil man keinen reinen Schauspieler haben wollte, sondern in erster Linie ein Kind, das kämpfen kann. Das macht sich nun erneut bezahlt, denn verlernt hat der Junge nichts. Sein stoischer, entschlossener Blick reicht als Mimik völlig aus, und sprechen muss er als stummer Protagonist ohnehin nicht. Sein Leinwand-Partner Joe Taslim (als Navin) ist indonesischer Abstammung und war – der Kreis schließt sich – bereits bei THE RAID dabei. Eine kleine Rolle (als dessen Ehefrau) ging zudem an die Thailänderin Jeeja Yanin, die in eigenen Vehikeln wie CHOCOLATE (2008) als Star der Show bereits massenhaft Leute vermöbelt hat, hier aber leider nur ganz kurz mitmischen darf – dafür gehört ihr immerhin direkt der Eröffnungskampf.
Auch anhand der Besetzung wird deutlich, dass es sich um eine Gemeinschaftsarbeit handelt: Die Produzenten sind chinesisch, der Regisseur Japaner, der Editor Amerikaner, gedreht wurde in Thailand und Unterstützung kam aus Indonesien. Ist doch schön, dass sich bei einer Produktion, deren Inhalt im Wesentlichen daraus besteht, dass Menschen sich die Fresse polieren, offenbar alle so gut verstanden haben. Wenn das Ergebnis dann noch so begeisternd ausfällt wie bei THE FURIOUS, darf das Beispiel gern Schule machen. Furios.
Laufzeit: 113 Min. / Freigabe: ab 18

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