Sonntag, 30. Juli 2023

ANGEL OF HELL


ANGEL FORCE
Hongkong 1989

Produktion:
Tomas Tang

Darsteller:
Irene Ball,
John White,
Susan Leigh
und
lauter
weitere
ausgedachte
Namen



Tomas Tang schlägt wieder zu! Der findige Geschäftsmann (Filmproduzent möchte man ihn gar nicht nennen!) fand seine Königsdisziplin in den 1980er und 90er Jahren in der Aneignung meist defizitärer, manchmal gar unfertiger Zelluloid-Erzeugnisse, die er, veredelt mit nachgedrehten Szenen und verfälschender Synchronisation, als vermeintliche Action-Highlights unters Video-Volk jubelte. Oftmals waren Ninjas Gegenstand dieser Ergänzungspolitik, weil die japanisch-stämmigen Schattenkrieger eine zeitlang beim Publikum hoch im Kurs standen, aber hin und wieder durften auch ganz normale Cops & Robbers ohne Robe und Stirnband durch die Botanik bollern. So geschehen bei ANGEL OF HELL, der im Original eigentlich ANGEL FORCE heißt, wobei im Vorspann lediglich noch Ngel Forc steht, was wie der Name eines niederländischen Segelschulschiffes klingt:




Inhalt:

Pat (ja, die heißt wirklich so) verbringt ihre freien Nächte damit, in einer Striptease-Bar zu tanzen („tanzen“ im Sinne von „mechanisches Schwingen der Hüfte von links nach rechts“ und „Striptease“ im Sinne von „mit Bikini bekleidet“), um auf diese Weise das nötige Kleingeld für die OP ihrer kranken Mutter zusammenzuzappeln.

Dennis (ja, der heißt wirklich so) ist der Ex-Freund von Pat, der aufgrund seiner Spielschulden (beim Billard!) permanent vor ihrer Haustür steht, um sie um Zaster anzubetteln.

Benny (ja, der heißt wirklich so) ist ein zwielichtiger Geschäftsmann mit Kontakten zur Unterwelt, den sich Pat als Gönner anlacht, um noch schneller an noch mehr Moneten zu kommen.

Linda (ja, die heißt wirklich so) ist Bennys Ehefrau, die von ihrer plötzlichen Nebenbuhlerin so rein gar nichts hält und ein paar Killer auf sie ansetzt (typische Überreaktion).

Bonnie (ja, die heißt wirklich so) ist die Tochter von Benny und Linda und findet es doof, dass sich ihre Eltern ständig in der Wolle haben.

Roger ist ein Taxifahrer, bei dem Bonnie ein wenig Trost findet. Der heißt zwar wirklich so, ist aber in Wahrheit ein verdeckter Ermittler, der über die Tochter an den Gangster-Papa ranmöchte.

So weit, so belanglos. Weil dabei aber die ganze Zeit so gut wie gar nichts passiert, Tomas Tang jedoch unbedingt einen Actionfilm haben wollte, ließ er ein paar Szenen dazudrehen, in denen was passiert. Also, zumindest bewegt sich was, gut inszeniert oder gar aufregend sind diese ganzen hinzuerfundenen Verfolgungsjagden, Schlägereien und Schußwechsel natürlich trotzdem nicht. Hier geht es um die Polizistin Angel (ja, die … Ach, egal!), die sich ein paar schlag- und schießwütige Scharmützel mit irgendwelchen dahergelaufenen Galgenvögeln liefert, die sich ihrerseits wiederum regelmäßig zur gemeinsamen Fruchtschorle treffen, um einen Plan auszuhecken, wie man Benny und einen seiner Kontrahenten effektiv aufeinanderhetzen könnte.

Kritik:

Intendiert war ANGEL OF HELL (beziehungsweise das Werk, das diesem als Grundlage diente) offenbar als Sozial-Drama mit Krimi-Einschlag, in dem eine junge, vom Schicksal gebeutelte Frau sich in die Untiefen verruchter Nachtklubs und Räuberhöhlen begeben muss, um ihrer kranken Mutter helfen zu können – was in der Umsetzung in erster Linie durch narrative Naivität besticht. Anspieltipp ist die Szene, in welcher „Heldin“ Pat ihre bettlägrige Mama besucht, die dann – um der Dramatik der ganzen Situation auch hinreichend Ausdruck zu verleihen – eine Hust-, Prust- und Keuch-Kaskade vom Stapel lässt, dass sich die Balken biegen, wobei sie bestimmt noch drei Male betont, der Arzt habe gemeint, es sehe „nicht gut“ aus. Ach, ohne Scheiß, ja? Seltsamerweise wird diese offenbar an der Schwelle zum Tod stehende (beziehungsweise liegende) Frau dann im weiteren Verlaufe völlig vergessen. Was wohl aus ihr geworden ist? Wenn sie nicht gestorben ist, dann hustet sie noch heute.

Stattdessen verstrickt man sich in irgendwelche Gangster-Geschäfte, wenn Pat sich den gut betuchten Unterwelt-Boss Benny angelt, welcher ihr – natürlich im Gegenzug für ein paar horizontale Gefälligkeiten – verspricht, die lebensrettende OP zu bezahlen. Ob das dann tatsächlich auch passiert, bleibt offen. Da Pat auch weiterhin ihren schäbigen Strip-Schuppen aufsucht, um dort gegen klingende Münze das Becken kreisen zu lassen, kann man zumindest vermuten, dass die Zahlung noch ein wenig auf sich warten lässt. Ab hier wusste man dann offenbar gar nicht mehr so recht, was man eigentlich noch erzählen sollte, und verliert sich daher in zahlreichen Nebenhandlungen, die sich inhaltlich zu allem Ungemach auch noch laufend wiederholen. So trifft sich Pat immer wieder mit ein paar ominösen Männern, die für einen Konkurrenten Bennys arbeiten sollen und irgendetwas von ihr erwarten. Offenbar ein Beweisstück, das Benny ans Messer liefern soll, aber konkreter wird es nicht. Pat stellt dann immer wieder fest, dass es noch dauert, bis sie es hat, und dann trennen sich ihre Wege wieder. Zusätzlich bricht Bennys eifersüchtige Ehefrau mehrfach mit ihrem Gatten einen Streit vom Zaun, was stets in einer saftigen Schelle mündet. Und zwischendurch darf man auch immer mal wieder Pats Ex-Freund Dennis beim Billard spielen zusehen. Aufregend, was? Ach ja: Bennys Frau beginnt dann auch noch eine Affäre mit einem anderen Typen. Ist aber ebenfalls völlig egal.

Das alles ist beseelt von Stillstand und bräsiger Langeweile und mehrmals beginnt man sich zu fragen, was denn überhaupt die Intention war, diese rammdösige Plotte in Produktion zu schicken, dieses Sammelbecken an Belanglosigkeit, bei dem sich eigentlich gar nichts gegenseitig bedingt und nahezu sämtliche Mini-Handlungsstränge getrennt voneinander ablaufen. Oft scheint es, als habe es gar kein Konzept gegeben und man filmte jeden Morgen einfach immer nur das, was einem gerade so in den Sinn kam, Hauptsache, es ging irgendwie weiter! Dazu passt dann auch manch völlig aus der Luft gegriffene Verhaltensweise. Die Story um Pats Ex-Freund, der sie ständig (und noch dazu auf sehr übergriffige Weise) um Geld anhaut, ist schon seltsam genug. Aber wieso kommt sie plötzlich (und offenbar sehr spontan) auf die Idee, dieser könne ein geeigneter Leibwächter für ihre kleine Schwester sein? Würde man dafür nicht jemanden engagieren, dem man auch vertraut und nicht den verschuldeten Ex, der nicht einmal sein eigenes Leben auf Kette bekommt? Oder jemanden, der im Bereich „Leibwache“ Erfahrungen oder Fähigkeiten vorzuweisen hat? Und warum braucht die Kleine überhaupt plötzlich einen Leibwächter? Bis dahin war das Mädchen genau ein einziges Mal im Bild zu sehen und wenn man in diesem Augenblick zufällig gerade geblitzelt hatte, dann hatte man's auch schon verpasst.

Und dann ist da ja auch noch der Undercover-Polizist Roger, der sich an des Gangsterbosses Tochter ranmachen soll, um diese fachgerecht auszuhorchen. Eigentlich ist das der Aufhänger der ganzen Soße, zumindest in der hier vorliegenden Tomas-Tang-Version. Und ausgerechnet diese Story ist dann die marginalste von allen und steuert nicht das Geringste zum Ablauf bei. Dabei kann man jetzt wirklich nicht behaupten, besagter Roger habe sich bei seinem Auftrag keine Mühe gegeben. Mal abgesehen davon, dass Taxifahrer nun bei weitem nicht die beste Tarnung ist, um sich an jemanden ranzuwerfen (eigentlich sind solche Leute ja den ganzen Tag unterwegs und transportieren nicht nur eine einzige Person immer und immer wieder, mit der sie dann zwischenzeitlich auch noch Essen und Wandern gehen), ist es doch enorm respektabel, wie geschickt und subtil er der jungen Frau scheinbar völlig unverfängliche Fragen stellt wie: „Dein Vater ist eben mit einer Frau weggefahren. Kennst du sie vielleicht?“ oder „Bonnie, kennst du die Pläne deines Vaters?“ Aber jedes Mal hat die Gute wirklich absolut keine Ahnung und Roger gelingt es nicht ein einziges Mal, ihr eine brauchbare Information zu entlocken. Muss er aber auch gar nicht, denn am Ende löst sich alles irgendwie ohnehin in Wohlgefallen auf. Benny wird verhaftet, weil ja eigentlich ohnehin jeder weiß, dass er ein Gangster ist. Feierabend!

Naja, nicht ganz, denn der Abspann darf ja nicht rollen, bevor Tomas Tang nicht auch all seine neu gedrehten Szenen losgeworden ist. Darum liefern sich Polizistin Angel und ein paar Halunken (von denen nie so recht klar wurde, zu welcher Bande die denn nun eigentlich gehören sollten) noch ein finales Duell. Obwohl diese nachträglich arrangierte Rahmenhandlung mal wieder alles noch ein bisschen verworrener macht als ohnehin schon der Fall, fügt sie sich dieses Mal deutlich besser ein als meistens bei Tang & Co., zumal hier offenbar auch gar nicht allzu viel verändert wurde. Da Roger innerhalb der Original-Handlung tatsächlich bereits ein verdeckter Ermittler war, konnte man ihn gut mit den zusätzlichen Szenen verbinden, indem man seinen Ansprechpartner bei der Polizei einfach gegen Angel austauschte. Am Auffälligsten fallen die Unterschiede noch anhand der Akteure ins Auge, denn Tang gelang es mal wieder, die hässlichsten Hemden, fürchterlichsten Frisuren und fiesesten Hackfressen aufzutreiben, die man für Geld kaufen konnte. Und auch mimisch befindet man sich im tiefsten Tal. Die Darstellerin der Angel (die im Titel ja immerhin als Hauptfigur behauptet wird, obwohl sie insgesamt höchstens 10 Minuten lang auftaucht) verwechselt Schauspielerei mit Augenaufreißen, wobei man in einer Szene kurz meint, der leibhaftige Belzebub sei in sie gefahren:



(Vielleicht der Grund, warum der deutsche Titel Engel der Hölle lautet?)


Ansonsten herrscht hier mal wieder die brüllende Lieblosigkeit, was schon damit anfängt, dass man den Figuren nicht einmal Nachnamen gönnte. Stattdessen spricht man hier ganz lapidar von Pat, Benny, Bonnie, Linda, Dennis oder Roger, womit ANGEL OF HELL auch vor einer sächsischen Pommes-Bude spielen könnte. Die deutsche Synchronisation beeindruckt dazu fortwährend durch falsche Betonungen und fehlende Emotionen – wobei schon die Frage berechtigt ist, wie man Ansagen wie dieser auch noch Emotionen entlocken könnte:


„Das wird schon wieder! Keine Sorge! Vertrau mir! Es wird schon wieder gut! Mach dir keine Gedanken, Bonnie! Es wird schon wieder!“


Nein, das wird nicht wieder! ANGEL OF HELL gehört in seiner miefigen Lethargie sogar im nicht gerade durch Qualität glänzenden Œuvre eines Tomas Tang zum Bodensatz und darf ohne schlechtes Gewissen ignoriert werden.

Laufzeit: 86 Min. / Freigabe: ungeprüft

Sonntag, 23. Juli 2023

TERMINAL ANGELS


TERMINAL ANGELS
Hongkong, Thailand 1987

Produktion:
Tomas Tang

Darsteller:
Paul John Stanners,
Sun Chien,
Chatchai Plengpanich
und lauter lustige
ausgedachte Namen wie
Laura Bells,
Hubert Hays oder
Rio Smith



Alle Hoffnungen, es bei TERMINAL ANGELS aufgrund des markigen Titels und der attraktiven Cover-Gestaltung mit einem kleinen Knaller zu tun zu haben, zerschlagen sich mit Krach und Getöse, wenn die Eröffnungsfanfare ertönt und weiß auf rot der Name des Produktionsstudios erscheint: Filmark International Ldt. steht da, nachweislich eine der schlimmsten Schrammelbuden der Filmgeschichte. Gründer und Initiator war der Geschäftsmann Tomas Tang, der sich regelmäßig asiatischen Zelluloid-Ausschuss aneignete, um diesen nach Umschnitten, Nachsynchronisationen und Hinzufügen eilig nachgedrehter Szenen als vermeintliche Action-Sensation an die Videotheken der Welt zu verhökern. Glänzte in der Regel bereits das Ursprungsmaterial nicht gerade durch Qualität, gaben die neuen, hauseigenen Sequenzen, die überwiegend lachhaften Dialoge und nicht zuletzt die verwirrende Montage dem Ganzen dann meist vollends den Rest. Auch TERMINAL ANGELS entstand nach diesem Prinzip und offeriert folgendes Gebaren:

Inhalt:

Die Journalistin Paula erhält von der älteren Mrs. Poon brisante Fotobeweise, die den windigen Geschäftsmann Wenson als Drahtzieher eines Drogenschmuggelrings entlarven. Als dieser seine Schergen auf sie ansetzt, entkommt sie nur knapp dem Tode und sieht sich gezwungen, mit der CIA zusammenzuarbeiten. Doch auch die schlagkräftige Staatsanwältin Carrie und deren nicht minder wehrhafte Sekretärin Sally werden in den Fall hineingezogen. Was noch keiner ahnt: Mrs. Poon ist selbst eine gewiefte Drogenschmugglerin und hat alle Beteiligten instrumentalisiert, um die Kontrolle über das Kartell zu erlangen.

Kritik:

Was auf dem Papier noch einigermaßen plausibel klingt, ist in Wahrheit ein Wust überwiegend zusammenhangloser Momentaufnahmen, die sich vehement weigern, sich irgendeinem erzählerischen Konzept unterzuordnen. Ja, es passieren Dinge. Aber wie all diese Dinge logisch zusammenhängen und einander bedingen, das bleibt in der Regel rätselhaft. Dabei ist es schwierig auszumachen, in welchem Umfang Tangs Spezialbehandlung dafür verantwortlich zeichnet und wie viel Verwirrungspotential bereits das Original mitbrachte. Originär war TERMINAL ANGELS offenbar einmal ein thailändischer Krimi, der mit den üblichen Zutaten aufwarten konnte: Drogenhandel, Zeugenbefragungen und Mordanschläge, gespickt mit ein bisschen Waffengebrauch und Kampfakrobatik. Mitwirkende sind eine junge Staatsanwältin, die den Drogenbossen den Kampf angesagt hat, deren Sekretärin, die sich aufbrezelt wie eine Bordsteinschwalbe und offenbar mit ihrer Chefin in einem Haushalt wohnt, eine Schauspielerin, der vermeintlich Drogen untergeschoben wurden, sowie zwei arg naseweise Journalisten, die irgendwie auch noch mitmischen, ohne dabei wirklich von Relevanz für irgendetwas zu sein.

Das alles ist so konfus und sprunghaft zusammengemixt, dass man schon nach 15 Minuten gar nicht mehr so recht weiß, wer hier eigentlich wer ist und warum. Nicht unwahrscheinlich, dass dieser Umstand auf das Konto Tomas Tangs geht, der eine Rahmenhandlung um die bedrohte Reporterin Paula und einen CIA-Agenten hinzudichtete, um im Anschluss mittels diverser Dialogumformungen zu versuchen, diese mit dem ursprünglichen Geschehen zu verbinden, was der ohnehin schon nicht besonders plausibel erscheinenden Handlung dann endgültig den Todesstoß versetzte. Tatsächlich sind die Zusatzszenen so lieblos erdacht, dass sie nicht nur im Widerspruch zur Haupthandlung, sondern sogar zu sich selbst stehen: So wird eingangs behauptet, Paula sei in Besitz belastender Bilder (immerhin der Grund für mehrere Mordanschläge auf ihre Person), wohingegen später davon keine Rede mehr ist und sich besagte Beweismittel urplötzlich in Besitz von Paulas Informantin Mrs. Poon befinden sollen. Und irritierend geht es weiter, denn diese Fotos, so wird bald geklärt, existierten eigentlich gar nicht und wurden von Mrs. Poon nur erfunden, um einen Konkurrenten ans Messer zu liefern. Was soll denn das für ein Plan sein? Fotos, deren Existenz man einfach nur behauptet, als Beweis für ein Verbrechen? Man hätte ja zumindest mal was fälschen können, um der Lüge Hand und Fuß zu verleihen. Und eigentlich nicht mal das, denn der Angeschwärzte hat ja tatsächlich Dreck am Stecken.

Solch offensichtliche Undurchdachtheiten lassen die Nummer nochmal ein ganzes Stück unzulänglicher erscheinen als ohnehin der Fall, wobei allerdings bereits das Ausgangsmaterial seine Defizite recht offen zur Schau trägt. Aufgrund der zahlreich vorhandenen weiblichen Schlagkraft war das Vorbild der Veranstaltung offenbar die hongkong'sche IN THE LINE OF DUTY-Reihe, die ebenfalls durch viel Frauen-Power und Stunt-Arbeit von sich reden machte. Die TERMINAL ANGELS spielen jedoch fraglos einige Etagen tiefer, fehlte es doch nicht nur an Budget, sondern vor allem auch an Schwung, Stil und Energie. So passiert Action hier prinzipiell eher selten und wenn, dann überwiegend unzulänglich – insbesondere deswegen, weil man es für eine gute Idee hielt, die Kampfszenen im Zeitraffer ablaufen zu lassen. Das sollte vermutlich Rasanz vortäuschen, lässt die eigentlich gar nicht mal so üblen Choreographien aber wie alberne Slapstick-Nummern wirken. Dabei geht es stellenweise reichlich rabiat zu; zum Repertoire gehören unter anderem blutige Einschüsse aus nächster Nähe, Messerstiche oder sogar Perforierung per Armbrust. Höhepunkt der Gewalt ist sicherlich die Massenexekution in einer Discothek (warum die überhaupt stattfindet, konnte zumindest die Tomas-Tang-Version auch nicht nachvollziehbar erklären), bei welcher mittels massivem Maschinengewehrgebrauchs die Belegschaft einer ganzen Tanzfläche ins Nirwana gepustet wird. Dummerweise entschied man sich aber auch hier wieder für die Bildbeschleunigung – und zwar nicht nur während des Massakers, sondern bereits in den Szenen davor, sodass die Tanzwütigen (übrigens zu nem echt geilen Song!) nun wie die Pferdchen durch die Gegend wippen, wodurch jede Dramatik behände den Bach runtergeht. Wer denkt sich sowas aus? Und wer genehmigt das dann auch noch? Schelle links, Schelle rechts!

Die Frage nach der Verantwortung für das alles ist tatsächlich eine ganz gute, denn hinterher wollte es natürlich mal wieder niemand gewesen sein. Die behauptete Regie führte ein gewisser Philip Fraser, welcher aber ebenso wenig existieren dürfte wie eine Laura Bell, ein Hubert Hays oder ein Rio Smith, deren ausgedachte Darsteller-Namen den Vorspann verzieren. Meistens wird TERMINAL ANGELS dem berühmt-berüchtigten Godfrey Ho zugeordnet, was vermutlich auch zutrifft, zumindest in Bezug auf die nachgedrehten Segmente. Ho selbst wollte allerdings später von seinen Arbeiten für Tomas Tang und dessen Studio nichts mehr wissen und leugnete bisweilen, überhaupt für Filmark gearbeitet zu haben. Bei anderen Gelegenheiten behauptete er sogar, es habe niemals Nachdrehs und Zusammenschnitte mit Fremdmaterial gegeben, was an Absurdität kaum zu überbieten ist, denn das ist nachweisbar und wurde auch von Tomas Tang niemals abgestritten. Die Verbissenheit, mit welcher Ho regelmäßig erwiesene Beteiligungen und Vorgehensweisen negierte, erinnert bisweilen an das Trotzverhalten eines Kleinkindes, das steif und fest behauptet, das Geschirr nicht zerdeppert zu haben, obwohl dessen blutige Fingerabdrücke darauf sind, es die letzten Scherben noch in der Hand hält und außerdem vom Nachbarn dabei beobachtet und gefilmt wurde.

Hos Regie bei den Zusatz-Sequenzen ist somit sehr wahrscheinlich, zumal diese exakt den luschigen Look und die dröge Dramaturgie besitzen, die man von ihm anhand anderer Einsätze auch erwartet. Allein der Augenblick, als ein Killer sich auf freiem Felde anschickt, seine Zielperson zu terminieren, aber, anstatt einfach mal abzudrücken, die ganze Zeit nur doof in die Gegend grinsend vor seinem wehrlos am Boden kauernden Opfer steht, ist bekannte Ho-Qualität. Wer den originalen (und hauptsächlich vertretenen) Stoff auf dem Kerbholz hat, ist ebenfalls unklar. Auch, wenn dieser zumindest eine etwas bessere Figur abgibt, sind Unzulänglichkeiten auch hier nur schwer zu leugnen. Leider fehlt dem Ganzen dann am Ende auch ein gerüttelt Maß an Verrücktheit, das so viele andere Tang-Auswürfe mitbringen, weswegen man TERMINAL ANGELS nicht einmal als gepflegte Spaß-Granate weiterempfehlen kann. Nur für absolute Allesfresser ohne Scheu vor Schund und Schäbigkeit!

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ungeprüft

Freitag, 14. Juli 2023

MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN


DAO SHI XIA SHAN
China, USA 2015

Regie:
Chen Kaige

Darsteller:
Wang Baoqiang,
Aaron Kwok,
Chang Chen,
Fan Wei,
Yuen Wah,
Lam Suet,
Jaycee Chan,
Tiger Chen



Inhalt:

China in den 1930er Jahren: Der junge Mönch He Anxia [Wang Baoqiang] wird, nachdem es ihm gelungen war, all seine Ordens-Brüder im Kung-Fu-Kampf zu besiegen, überraschend aus dem Kloster verbannt. Mittellos streift er daraufhin durchs Land, ohne Ahnung, wohin sein Weg ihn führen soll. Als er dem alten Apotheker Tsui Daoning [Fan Wei] und dessen Frau Yu Zhen [Lin Chi-ling] begegnet, findet er nicht nur neue Freunde, sondern auch ein neues Heim, denn das freundliche Ehepaar nimmt ihn großherzig in die Lehre und bei sich auf. Doch der Friede währt nicht lang, denn Daonings durchtriebener Bruder Daorong [Vaness Wu] begehrt dessen Frau und schmiedet ein tödliches Komplott.

Kritik:

Tatsächlich ist das erst Beginn einer ganzen Reihe von Begegnungen und Erlebnissen der Titelfigur, welche gleichberechtigt neben- beziehungsweise hintereinanderstehen. MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN bietet dementsprechend auch keinen klassischen Handlungsverlauf mit bekannter Drei-Akt-Struktur oder sonstiger gängiger Dramaturgie. Vielmehr begleitet das Publikum den jungen Mönch auf einer Reise, die mit einer Vielzahl an Stationen und Situationen gespickt ist, was immer neue Abenteuer und Konflikte etabliert und die Erzählung (natürlich gewollt) sehr episodenhaft wirken lässt. Über allem schwebt dabei als verbindendes Element stets die Selbstfindung des Helden, der keineswegs als integre Persönlichkeit gezeichnet wird, sondern als zielloser Wanderer, beherrscht von Naivität und Zweifeln. So macht sich er sich unter anderem der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, was zwei Figuren dann auch das Leben kostet. Dass das Gewissen deswegen an ihm nagt, dient als Antrieb für seinen weiteren Weg auf der Suche nach innerem Frieden und dem richtigen Platz im Leben. Das ist ein auffälliger Unterschied zu den meisten anderen Beiträgen des Wuxiá- und Kung-Fu-Genres, bei denen das Erlangen seelischen Gleichgewichts meist zwingend mit der Perfektionierung des eigenen Kampfstils verknüpft ist. Ein begnadeter Kämpfer ist He Anxia allerdings von Anfang an, wie die Eröffnungssequenz auf fulminante Weise unter Beweis stellt. Seine Mitte muss er trotzdem erst noch finden.

Auffallend an der Verfilmung eines zumindest in ihrem Heimatland populären Romans ist, dass deren stilistische Ausrichtung recht unentschlossen scheint. Grundsätzlich hat man es wohl mit einer Komödie zu tun, zumindest deuten diverse Gestiken, Grimassen und visuelle Gags (wie ein paar bizarre Drogenhalluzinationen) ziemlich eindeutig darauf hin. Andererseits sind ernste Themen, tragische Szenen und dramatische Situationen ebenfalls nicht unerheblicher Teil der Veranstaltung, was sich mit der heiteren Attitüde nicht zu 100 % in Einklang bringen lässt. Zusammen mit den dazu stattfindenden philosophischen Diskursen ergibt das eine ziemlich abenteuerliche und gewagte Mischung, die im Großen und Ganzen allerdings doch ziemlich gut funktioniert. Für die nötige Abwechslung zwischendurch sorgen die genreüblichen Kampfszenen, die freilich keine brutalen Prügelorgien porträtieren, sondern stattdessen der elegischen Eleganz z. B. eines TIGER & DRAGON (mit dem es ansonsten kaum Gemeinsamkeiten gibt) verpflichtet sind. Sprich: Die Kämpfe sind eigentlich Tänze, die Sprünge ein Schweben und Gewalttätigkeit weicht gewaltiger Schönheit. Wenn schließlich noch Feuerfunken geschleudert oder die Kräfte des Wassers beschworen werden, rutscht man bisweilen vollständig in den Bereich der esoterischen Fantasy.

Die Vielzahl an Figuren und deren Hintergründen verwirrt dabei bisweilen und teils fällt es schwer, in die Dramatik der Ereignisse einzutauchen, da Protagonisten und Prioritäten sich ständig ändern und verschieben. Im Rahmen der Narration ist das letztendlich unerlässlich, da jede einzelne Begegnung des Mönchs zu seinem Entwicklungsprozess beiträgt. Aus diesem Grunde kommt man nicht umhin, anzunehmen, die Erzählung wäre in einem Serien-Konzept womöglich besser aufgehoben gewesen. Immerhin dürfen sich Freunde des Hongkong-Kinos auf diese Weise über ein Wiedersehen mit mehreren bekannten und gern gesehenen Gesichtern erfreuen, denn MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN ist bis in die Nebenrollen glänzend besetzt. So trifft man hier unter anderem Aaron Kwok [→ COLD WAR], der sich als des Kampfes müder Kung-Fu-Meister auf der Suche nach einem Leben in Eintracht und Harmonie befindet, oder Chen Chang [→ THE GRANDMASTER] als treue Seele im Konflikt mit seinem Gewissen. Ebenfalls dabei sind Yuen Wah [→ KUNG FU HUSTLE] als schurkischer Ausbilder, Jaycee Chan [→ INVISIBLE TARGET] als bemerkenswert verabscheuungswürdiger Taugenichts sowie Lam Suet [→ THE ROOKIES] als ausgemachtes Ekelpaket. Ausgerechnet Hauptdarsteller Wang Baoqiang [→ KUNG FU KILLER] gehört dann eher zur unbekannteren Garde, agiert aber kompetent und kreiert einen kuriosen Charakter irgendwo zwischen tapferem Krieger und trotteligem Kasper.

Kaum erkennbar ist MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN eigentlich eine amerikanische Produktion und stammt aus der Zeit, als das Hollywood-Studio Columbia Pictures eifrig in den chinesischen Film-Markt investierte. Doch obwohl die Dollars aus den USA kamen, ist der Rest auf asiatischem Mist gewachsen und vereint ausschließlich einheimisches Personal. Ironischerweise konnte das Werk am Ende dann lediglich in China ein gewisses Publikumsinteresse hervorrufen (eventuell auch, weil die von Xu Haofeng verfasste Vorlage dort auch ein Begriff ist), wo es mit viel technischem Tamtam (als da wären: IMAX-Format, 3D-Optik und DTS:X-Sound) in die Säle kam. In den USA hingegen war der Erfolg schon deutlich überschaubarer, bevor das Ding in Deutschland dann ohne jedweden Werberummel klammheimlich lediglich auf DVD veröffentlicht wurde.

‚Kassenschlager‘ und ‚Publikumsliebling‘ definieren sich also definitiv anders – was schon ein wenig betrüblich ist, führt man sich vor Augen, dass der Name des Regisseurs Chen Kaige lautet. Einst als Lichtgestalt des Kinos gefeiert, als er mit gesellschaftskritischen Bilderbögen wie LEBEWOHL, MEINE KONKUBINE (1993) oder VERFÜHRERISCHER MOND (1996) auf den Film-Festivals der Welt Lob und Preise einheimste, bekam der bis dahin tadellose Ruf erstmals Risse, als er 2005 THE PROMISE vorlegte, eine recht gewagte Mischung aus Historie, Romantik, Fantasy und … nun ja … Road Runner-Cartoon, die überwiegend Stirnrunzeln hervorrief. MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN ruft kein Stirnrunzeln mehr hervor, allerdings auch keine Begeisterung. Dafür gibt es hier schlichtweg zu wenig, was beeindrucken kann oder nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Sehenswert ist die Nummer dennoch. Sie tut nicht weh, vertreibt angenehm die Zeit und kommt im attraktiven Gewand daher. Vor allem die Ausstattung ist visuell ansprechend und lässt das China der 1930er Jahre im flauschigen Märchen-Look wiederauferstehen. Spannung im eigentlichen Sinne bleibt freilich außen vor und wer bei der Geschichte eines Kung-Fu-Mönchs zwangsläufig auf knackende Knochen und blutige Balgereien besteht, der dürfte hier wohl recht schnell das Interesse verlieren. Der Rest erfreut sich an einem zwar unspektakulären, aber doch geschmeidig durchlaufenden Reifeprozess zwischen Humor, Dramatik und feingeistiger Gesinnung. 

Laufzeit: 109 Min. / Freigabe: ab 12

Freitag, 7. Juli 2023

TONGS - TERROR IN CHINATOWN


TONG HAN GOO SI
Hongkong, USA 1986

Regie:
Philip Chan

Darsteller:
Simon Yam Tat-Wah,
Tam Tak-Ban,
Christopher O'Connor,
Lau Dan,
Quitan Han,
Daisey Yung Nga-Wan,
Maria Yuen Chi-Wai,
Anthony Glora



Inhalt:

Mickey und Paul Lee [Simon Yam und Tam Tak-Ban], zwei jugendliche Hongkong-Chinesen, immigrieren in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo sie sich eine bessere Zukunft erhoffen. Es dauert nicht lang, da werden sie von Chinatowns Triaden angeworben. Während Paul auf Anhieb Interesse am kriminellen Leben bekundet, versucht Mickey, ehrbar zu bleiben und dem Verbrechen aus dem Wege zu gehen. Doch die zweifelhaften Machenschaften seines Bruders treiben ihn immer wieder zwischen die Fronten.

Kritik:

Wenn man Philip Chan überhaupt kennt, dann wohl in erster Linie als Darsteller. Dabei agierte er auch vor der Kamera nicht übertrieben häufig, aber seine Rollen waren in der Regel ziemlich prägnant. Den unwirschen Vorgesetzten im Action-Orkan HARD BOILED (1992) vergisst man jedenfalls nicht mehr so schnell. Dass Chan auch häufiger mal auf dem Regiestuhl Platz nahm, um im Hintergrund die Strippen zu ziehen, ist hingegen wohl deutlich weniger bekannt. Nach dem inhaltlich reichlich abstrusen Asien-Giallo NIGHT CALLER (1985) inszenierte er mit TONGS einen für das damalige Hongkong-Kino deutlich charakteristischeren Beitrag, der die Tugenden des hauseigenen Heroic Bloodshed-Genres mit denen des amerikanischen Bandendramas kombiniert und dabei eine auffallend souveräne Figur macht. Inhaltliche Innovationen hatte man sich dabei allerdings größtenteils verkniffen, sodass einem mancher Moment und Fortlauf doch arg bekannt vorkommt und das Geschehen generell recht überraschungsfrei bleibt. Ausreichend einnehmend geriet sie dennoch, die altbekannte Story vom Aufstieg und Fall im Gangster-Milieu – wobei der Reiz in diesem Falle vor allem darin liegt, dass der Protagonist eigentlich intendiert, allem Ungemach aus dem Wege zu gehen und die Verbrecher-Laufbahn am Ende mehr oder minder unfreiwillig einschlägt.

Genau an dieser Stelle spielt TONGS seine Karten aus und zeichnet (ohne erhobenen Zeigefinger) eine von Stereotypen geprägte Gesellschaft, die junge, frisch in die USA immigrierte Chinesen regelrecht in vorgefertigte Pfade zwängt. Dass Mickey, der von Simon Yam großartig verkörperte Held der Geschichte, trotz aller gegenteiliger Bestrebungen schließlich dennoch zum Triaden-Mitglied wird, ist somit im Grunde lediglich Resultat einer Selbsterfüllenden Prophezeiung. Gut, einer intensiveren Belastungsprobe hielte diese Behauptung nicht stand, ist der finale Auslöser letzten Endes der von der Autorenschaft fachgerecht installierte Konflikt mit des Protagonisten Bruder Paul, welcher wiederum von Beginn an keine Berührungsängste vor halbseidenen Geschäften an den Tag legte und somit für seinen Blutsverwandten als ungewollte Unterwelts-Eintrittskarte fungiert. Die unerschütterliche Verbundenheit der jungen Männer, die selbst dann noch anhält, als sie sich für grundlegend verschiedene Wege entscheiden, wird dabei nicht nur durch simple Familien-Bande erklärt, sondern vor allem durch ein gemeinsam erlebtes Kindheits-Trauma: In einem überraschend aufwändig und spannend gestalteten Prolog flieht deren Familie im Jahre 1968, während der sogenannten Kulturrevolution, vor den mordenden Roten Garden Mao Zedongs und rettet dabei nicht nur durch Glück und Geschick, sondern vor allem auch dank der Disziplin und Geistesgegenwart des sich noch im Knabenalter befindlichen Mickey ihre heile Haut. Das macht nicht nur das spätere innere Band der beiden Brüder plausibel, sondern erklärt auch, warum eine von der Menschheit erschütterte Seele sich ohne Not für das Beschreiten dunkler Pfade entscheidet.

Aufwühlend hingegen geriet es kaum. Zwar versteht man als Zuschauer die Zusammenhänge, Aktionen und Reaktionen ergeben Sinn und die Ereignisse bauen folgerichtig aufeinander auf, aber eine emotionale Einbindung bleibt aus und immer mal wieder ertappt man sich zwischendurch als teilnahmslosen Zaungast. Das beengte 90-Minuten-Korsett steht TONGS nicht wirklich, die Geschichte, die durchaus epische Züge trägt, hätte deutlich mehr Breite und Raum zur freien Entfaltung verdient. Da findet Mickey eine Freundin, die sympathische Mitarbeiterin einer Reinigung, und verlebt mit ihr ein paar schöne Stunden auf den Straßen New Yorks. Später streiten und trennen sie sich, da Unterwelt-Karriere und arglose Beziehung bekanntlich nur schwerlich unter einen Hut zu bringen sind. Nur lässt einen der auf offener Straße und mit viel Tränen und Trara stattfindende Bruch völlig kalt, da sich beide gefühlt erst vor 5 Minuten kennengelernt haben und die junge Dame seitdem auch nie wieder durchs Bild laufen durfte. Die im Anschluss stattfindende Gangster-Karriere geht dann ebenfalls im Eiltempo und auch reichlich reibungslos über die Bühne. Aus dramaturgischer Sicht eigentlich viel zu spät werden mit den Polizisten Martinelli und Silverman aus heiterem Himmel dann noch zwei zusätzliche Charaktere eingeführt, wobei einer von denen dann auch noch ein falsches Spiel treibt. Zusammen mit den einzelnen Banden-Mitgliedern sowie eigentlich sinnlosen Nebenrollen wie den sich zu profilieren versuchenden Sensations-Reporter Harper, bevölkern dann am Ende viel zu viele Figuren diesen Kosmos, als dass man eine Verbindung zu ihnen aufbauen könnte.

All das hat gleichzeitig aber natürlich auch den Vorteil, dass hier wirklich ständig etwas los ist und Durststrecken nahezu vollkommen ausbleiben. TONGS zieht sein Programm straff durch und ist dabei handwerklich von Anfang bis Ende kompetent gestaltet. Die Schauplätze wirken authentisch eingefangen und viele Szenen wirklich wie improvisiert und „direkt von der Straße“. Getragen wird die Chose hauptsächlich vom damals bereits 30-jährigen Simon Yam [→ AMERICAN YAKUZA II], der zu Beginn locker noch als idealistischer Jugendlicher durchgeht, aber auch in seinem späteren Stadium als gereifter „Boss“ überzeugen kann. Der Rest der Belegschaft liefert allerdings ebenfalls gut ab, obwohl man es mit überwiegend unbekannteren Namen zu tun hat. Ebenso erstaunlich wie erfreulich ist es dabei, dass hier sogar die amerikanischen Cop-Darsteller schauspielerisch etwas auf dem Kasten haben. Tatsächlich waren westliche Darsteller in Hongkong-Filmen, die in den USA spielen, immer ein kleines Problem, gaben sich die Produzenten doch offenbar überwiegend mit dem Erstbesten zufrieden. Dass das hier eben nicht der Fall ist, darf durchaus als Beweis dafür gelten, dass einem das Projekt ausreichend am Herzen lag.

Dass TONGS fast überall als Actionfilm vermarktet wurde, ist wenig verwunderlich, denn sowas verkauft sich immer gut. Tatsächlich aber inszenierte Philip Chan hier in erster Linie ein Milieu- und Charakter-Drama, das im ersten Punkt deutlich überzeugender geriet als im zweiten. Etwas Action gibt es allerdings trotzdem, überwiegend bestehend aus dem obligatorischen Bandenkriegs-Gehabe wie Keilerei, Messer- und Machetenmissbrauch sowie die berühmten tödlichen Schüsse aus dem fahrenden Wagen heraus. Aber das beherrscht nie das Geschehen und ist in der Regel auch hurtig wieder vorbei. Elemente wie die unerschütterliche Bruderliebe, die bestehen bleibt, obwohl beide Parteien auf verschiedenen Seiten stehen, was man sich schluchzend und tränenreich bekundet, erinnern natürlich stark an das Kino eines John Woo, der diesbezüglich mit A BETTER TOMORROW einen Meilenstein fabrizierte. Da dieser aber im selben Jahr entstand, dürften die Überschneidungen eher dem Zufall geschuldet sein.

TONGS – A CHINATOWN STORY (wie er im Original eigentlich komplett heißt) reißt somit am Ende keine Bäume aus, ist aber dennoch ein gediegenes Unterhaltungsprogramm, das Genre-Freunden zwar nichts Neues präsentiert, aber altbewährte Zutaten neu aufkocht, geschmackvoll zubereitet und versiert serviert. Die deutsche Synchronfassung behielt dabei ebenso erfreulicher- wie ungewöhnlicherweise die Bilingualität der Dialoge bei, was den zu Grunde liegenden Authentizitäts-Charakter weiterhin spürbar macht. Die klobig und ungelenk ins Bild geklatschten deutschen Untertitel bei den chinesischsprachigen Dialogen hätte vor Abgabe allerdings gern noch mal jemand Korrektur lesen dürfen.

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 3. Juli 2023

SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO


SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO
USA 1991

Regie:
Mark L. Lester

Darsteller:
Dolph Lundgren,
Brandon Lee,
Cary-Hiroyuki Tagawa,
Tia Carrere,
Toshirô Obata,
Philip Tan,
Rodney Kageyama,
Roger Yuan



„Wenn die Waffe entsichert ist, ziel in die Richtung, wo du jemanden siehst, zieh den Abzug ganz durch und dann sind sie erledigt.“
(Naja, nicht ganz. Man muss ja auch noch treffen.)


Inhalt:

Detective Kenner [Dolph Lungren] heißt nicht nur so, sondern ist auch tatsächlich einer, nämlich der japanischen Kultur. Daher ist er prädestiniert dafür, das Yakuza-Kartell des skrupellosen Yoshida [Cary Hiroyuki-Tagawa] zu zerschlagen, der die USA mit einer neuen Droge überschwemmen will. Unterstützung bekommt er dabei von seinem neuen Partner Johnny Murata [Brandon Lee] – wobei die beiden erst merken, dass sie auf der gleichen Seite stehen, nachdem sie sich gegenseitig erst einmal zünftig verdroschen haben. Von da an weichen der harte Hund und sein asiatischstämmiger Kollege sich aber nicht mehr von der Seite. Und das ist auch gut so, denn ihr Gegner ist gnadenlos. Als Yoshida sich auch noch an die Nachtklub-Sängerin Minako [Tia Carrere] ranwanzt und diese daraufhin Schutz in Kenners starken Armen sucht, wird die Fehde beider Parteien doch sehr persönlich.

Kritik:

Von allen mimisch minderbegabten Action-Akteuren der 1980er (und teils noch 1990er) Jahre, wirkte der schwedischstämmige Hüne Dolph Lundgren aus recht unerfindlichen Gründen immer ein wenig sympathischer als der Rest. Nicht, dass seine Filme in irgendeiner Form besser gewesen wären als die der Konkurrenz, oh nein! Die waren oft sogar auffallend schlechter. Und sein Schauspiel war selbst für das nicht gerade durch darstellerische Glanzleistungen verwöhnte Randale-Genre deutlich unter Durchschnitt. Vielleicht lag es daran, dass Lundgren nie den Eindruck machte, höher hinaus zu wollen oder sich und sein Werk für wichtiger zu halten als es tatsächlich der Fall war. SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO darf in puncto Aufwand und Präsentation ohne schlechtes Gewissen zu den Höhepunkten seiner Karriere gezählt werden. Von einem großen Hollywood-Studio produziert, mit eminenten Finanzmitteln gepudert und mit dem damals seit der erfolgreichen Schwarzenegger-Schote COMMANDO als zuverlässig geltenden Mark L. Lester in der Regie, setzte man viel Vertrauen in die Zugkraft des ehemaligen Türstehers, der auf abenteuerlichen Umwegen zum Kino-Star wurde. Dass man ihm nicht allein das Feld überließ, sondern ihm stattdessen einen ebenbürtigen Partner zur Seite stellte, geschah vermutlich vornehmlich aus zwei Gründen: Zum einen, weil man dem beim Publikum beliebten Sub-Genre des Buddy-Movies noch ein paar Facetten abringen wollte,  zum anderen, weil man sich einen Darsteller angelte, den man offensichtlich ebenfalls zum Massenliebling heranzüchten wollte: Brandon Lee [→ BORN HERO].

Der Sohn der Leinwand-Legende Bruce Lee war zu dem Zeitpunkt in Hongkong ebenfalls bereits eine Berühmtheit und da schlug Hollywood kurzerhand zu und verpasste ihm neben ihrem eigentlichen Zugpferd auch gleich die zweite Hauptrolle. Das funktionierte vor allem deswegen, weil die Prämisse der Story um die Konfrontation von Ost (Asien) und West (USA) herumkonzipiert wurde. Originell ist das freilich nicht, hatten amerikanische Produktionen doch schon längst die japanische Kultur für sich entdeckt und sie in actionorientierten Thrillern wie YAKUZA (1974), THE CHALLENGE (1982) oder BLACK RAIN (1989) als zwar faszinierenden, aber letzten Endes doch meist bedrohlichen Mythos hochstilisiert. Und auch in SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO wimmelt es nur so von asiatischen Schurken, die bei aller brutaler Gewaltanwendung einen verqueren Ehrenkodex pflegen und lauter für den Westler seltsame Dinge tun (die sich in erster Linie natürlich ein amerikanischer Drehbuchschreiber ausgedacht hat). Die Idee, ausgerechnet den von Dolph Lundgren [→ UNIVERSAL SOLDIER] verkörperten Detective Kenner zum Japan-Experten zu machen, während dessen neuer asiatischstämmiger Kollege diesbezüglich stets Fragezeichen in den Augen hat, war dabei vermutlich lustig gemeint, wirklich ausgespielt wurde dieser vermeintliche Trumpf allerdings an keiner Stelle.

Wie hier ohnehin so ziemlich jede Steilvorlage liegengelassen wurde, was SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO am Ende dümmer dastehen lässt, als es eigentlich hätte sein müssen. Fast wirkt es, als habe man einer Riege von Auftragsautoren ein paar Bausteine hingeworfen, die zwar bereits alles andere als originell waren, aus denen man aber dennoch versierte Unterhaltung hätte zimmern können. Doch die Halbherzigkeit, mit der manche Dinge umgesetzt wurden, lässt vermuten, dass man mit den meisten Elementen nicht allzu viel anzufangen wusste. Die Buddy-Movie-Spielkarte blieb fast vollkommen ungenutzt, vertragen sich Kenner und Murata doch quasi auf Anhieb gar prächtig. Die beiden müssen sich nicht erst zusammenraufen, und das, obwohl sie zu Beginn tatsächlich erst einmal zusammen raufen (also: miteinander!), aber das lediglich aufgrund eines Missverständnisses. Danach sind sie dann regelrecht ein Herz und eine Seele, Gegensätze existieren lediglich auf optischer Ebene, Reibereien zwischen beiden gibt es ebenso wenig wie schlagfertige Verbal-Akrobatik. Nun muss nicht jede Variante an große Vorbilder wie NUR 48 STUNDEN, LETHAL WEAPON oder RED HEAT herankommen, aber wenn tatsächlich so rein gar nichts geliefert wird (vor allem der fehlende Dialogwitz macht sich schmerzlich bemerkbar), dann hätte man sich die ungleiche Zweierkonstellation eigentlich auch ganz sparen können.

Freilich macht SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO dennoch Laune. Nicht in dem Maße, wie es möglich gewesen wäre, aber Freunde feuriger Action verzeihen ja so manches Defizit. Für das Erscheinungsjahr 1991 wirkt die Chose dabei erstaunlich altbacken, vor allem, wenn man sich klar macht, dass STIRB LANGSAM, der das Kino in diesem Bereich stilistisch wie inhaltlich nachhaltig veränderte, bereits satte 3 Jahre alt war und mit dem im selben Jahr entstandenen TERMINATOR II ein visueller Meilenstein geschaffen wurde. Diese Nummer hier ist hingegen noch tief und trotzig dem grobschlächtigen 1980er-Action-Kino verschrieben, mehr noch: Sie zelebriert es geradezu. Und zwar so intensiv, dass es in dieser Konzentration kurze Zeit später nur noch auf ironische Weise möglich gewesen wäre. Schon der Auftakt, in dem sich Lundgren im Tarzan-Modus in eine illegale Kampf-Arena schwingt, um dort den Teilnehmern mittels fliegender Kugeln ihre Rechte einzustanzen, stellt korrekt die Weichen. Lundgren wirkt weniger wie ein Cop als viel mehr wie ein Söldner, der völlig ungestraft Leichenberge hinterlässt und sich dafür zu keinem Zeitpunkt rechtfertigen muss. Selbst den eigentlich obligatorischen schimpfenden Vorgesetzten hat man sich hier gespart.

Ansonsten strotzt das Werk so leidenschaftlich vor Klischees, dass es sich stets am Rande der eigenen Karikatur bewegt. Da darf der fiese Obermotz natürlich nicht nur einfach ein fieser Obermotz sein, nein, er muss sich auch noch als Mörder von des Helden Eltern entpuppen. Als ob ihm Dolph ansonsten nicht ohnehin das Licht ausgepustet hätte. Hier dürfen Männer eben noch echte Männer sein, während die Damenwelt dazu verdammt ist, auf ihren starken Retter zu warten. Tia Carrere [→ WAYNE'S WORLD] wirkt in ihrer Rolle als vollkommen passiv agierende Nachtklub-Sängerin (was auch sonst?), die wirklich einzig und allein in der Handlung ist, um als attraktive Schutzbedürftige zu dienen, sogar kreuzunglücklich. Kein Wunder, denn eigentlich erweckt sie – vermutlich auch aufgrund ihrer späteren Power-Frau-Figuren - eher den Eindruck, die böse Brut zur Not auch im Alleingang zerlegen zu können. Dass man ihr zudem noch zwei Nacktszenen mit Lundgren ins Skript mogelte, obwohl zwischen den beiden wirklich nicht der Hauch einer Chemie bestand, war ihr dann offenkundig so unbequem, dass man dafür die wohl auffälligsten Körper-Double-Szenen aller Zeiten initiierte, bei der wirklich jeder Anflug von Sinneslust im Nirwana verpufft. Leidenschaftsloser wurde behauptete Leidenschaft wohl noch nie auf Zelluloid gebannt.

Dafür quillt – ebenfalls genretreu – mal wieder die Homoerotik aus allen Poren, wenn dem Dolph bereits im ersten Drittel das fesche Lederjäckchen von Leibe platzt (kein Wunder, das war auch viel zu eng) und er den Rest der Veranstaltung der Einfachheit halber gleich mit freiem Oberkörper absolviert. Wer diesen zwischendurch auch noch eingeölt hat, möchte man gar nicht wissen. Frau Carrere jedenfalls vermutlich eher nicht. Zusätzlich ausgestattet mit von Rambo geklautem Patronengürtel geht es schließlich in die finale Schlacht, die man strenggenommen auch schon nach 15 Minuten über die Bühne hätte bringen können, aber ganz so kurz wollte man sich dann wohl doch nicht fassen. Der Gewaltpegel ist dabei generell ziemlich hoch, Körper werden zerfetzt und zerquetscht, Köpfe und Arme abgeschlagen als sei das völlig normal. Schmerzhaft wirkt es trotzdem an keiner Stelle, denn durch die maßlose Übertreibung bekommt das Geschehen einen fast schon harmlosen Cartoon-Charakter – der noch durch solche Szenen gesteigert wird, in denen Dolph Lundgren einfach mal so über eine fahrende Limousine springt. Und wenn er sich am Ende noch (aus unbekannten Gründen) in eine reichlich improvisiert wirkende Samurai-Kluft wirft, wirkt er wie ein kleiner Junge, der voll Stolz sein selbst gebasteltes Faschingskostüm zur Schau trägt. Das erinnert doch stark an die erwachsenen Männer, die sich bei Regie-Kollege Godfrey Ho regelmäßig in Gardinen hüllten, um auf der Wiese ein bisschen Ninja zu spielen.

Spannend ist das alles nicht die Bohne, da man sich gar nicht die Mühe machte etwas anderes abzuliefern als vollen Rabatz aus allen Rohren. Aber als solcher funktioniert das natürlich schon ordentlich. In regelrechter Rekord-Kürze (gerade einmal 75 Minuten gönnte man sich, und selbst davon muss man ja noch den Vor- und Abspann abziehen) wird hier ein Macho-Klischee nach dem nächsten rausgeballert. Die Action ist reichlich, wenn auch in der Darbietung nicht unbedingt sensationell. Vor allem, wenn man das Ganze mit dem exzessiven Hongkong-Kino aus der Zeit vergleicht, wirkt diese Veranstaltung trotz glühender Schusswaffen, fliegender Fäuste und massenweise zerstörtem Mobiliar eher undynamisch und bisweilen ein wenig hüftsteif. Daran ändert auch Brandon Lee nichts, der zwar ein paar coole Kicks verteilt, aber von der brachialen Urgewalt seines Vaters meilenweit entfernt ist. Dafür punktet man mit schöner Optik, dichter Atmosphäre und unverhohlenem Mut zur Infantilität. Im Grunde ist SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO damit ein wenig wie sein eigener Hauptdarsteller: kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen, beizeiten etwas albern, niemals überragend … Aber am Ende dann doch halt irgendwie sympathisch.

Laufzeit: 75 Min. / Freigabe: ungeprüft