Eigene Forschungen

Montag, 24. November 2025

TAXI HUNTER


DI SHI PAN GUAN
HK 1993

Regie:
Herman Yau Lai-To

Darsteller:
Anthony Wong Chau-Sang,
Yu Rongguang,
Ng Man-Tat,
Athena Chu Yun,
Perrie Lai Hoi-San,
Chan Fai-Hung,
Fan Oi-Kit,
Lung Tin-Sang



„Leg dich niemals mit nem Taxifahrer an.“
(Ob Kin diesen Ratschlag beherzigen wird? Nein, wird er nicht!)


Inhalt:

Ah Kin [Anthony Wong] ist Versicherungsagent und als solcher ziemlich gut – die verdiente Beförderung steht kurz bevor. Und auch privat läuft alles rund: Seine Frau [Perrie Lai Hoi-San] befindet sich in anderen Umständen. Einer glorreichen Zukunft scheint somit nichts mehr im Wege zu stehen. Aber zu fahren. Denn Kins Unglücksbringer sitzen hinter den Lenkrädern gelber Automobile. Schon mehrmals war er in der Vergangenheit mit Taxifahrern aneinandergeraten – zum Beispiel, als sie ihm bei einem vorgetäuschten Unfall eine Menge Geld aus der Tasche gezogen haben. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was am Tage der geplanten Niederkunft passiert: Durch die Unachtsam- und Gleichgültigkeit eines Taxifahrers kommt Kins Frau gewaltsam zu Tode – und mit ihr das noch ungeborene Kind. Kins Leben gerät daraufhin aus den Fugen. Vor einem Scherbenhaufen stehend, besorgt sich der einst so brave Bürger eine Knarre. Und ruft sich ein Taxi …

Kritik:

Irgendwann in den frühen 90ern muss ein Taxifahrer dem Herrn Herman Yau wohl mal gehörig ans Bein gepinkelt haben. Jedenfalls sah sich der vielbeschäftigte Filmschaffende dazu veranlasst, diese cineastische Schimpftirade vom Stapel zu lassen. Die kutschierende Zunft kommt nämlich alles andere als gut weg in der grobschlächtigen Rachevision, die das Konzept des Klassikers TAXI DRIVER (1976) auf links dreht und einen wutschnaubenden Anthony Wong zur Jagd auf liederliche Lenkradluder blasen lässt.

Yau war zu seinen Hochzeiten ein echter Tausendsassa des Hongkonger Kinos, verdingte sich als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann, Produzent und in späteren Jahren auch als Schauspieler. Mangelnde Motivation konnte man ihm dabei nicht vorwerfen. Allein 1993, als auch TAXI HUNTER ins Kino kam, brachte er noch zwei weitere Leinwandvehikel auf den Weg – darunter den Bastard UNTOLD STORY, der in seiner makabren Mischung aus Polizeithriller, böser Satire und knallharter Kunstblutverprasserei mächtig die Magengruben malträtierte. Ganz so grenzüberschreitend geht es im vorliegenden Fall allerdings nicht zu, obwohl Subtilität weder beim Schreiben noch bei der Umsetzung zu den priorisierten Tugenden zählte. So werden hier zwar keine Tabus gebrochen, dafür aber eifrig Glas, Glück, Knochen … sowie Herz und Seele der Hauptfigur, die nach einem traumatischen Verlust zum einsamen Vigilanten auf den nächtlichen Straßen Hongkongs wird.

Dieses einschneidende Ereignis, der gewaltsame Tod der Ehefrau, ist im Prinzip die einzige wirklich drastische Szene, die allerdings so plötzlich passiert, dass ihre Schockwirkung noch lange Zeit nachhallt. Dass das erzwungene Ableben auf das Konto eines gewissenlosen Taxifahrers geht, der aufgrund erfolgreichen Fluchtverhaltens noch nicht einmal dafür belangt wird, lässt den zuvor herzensguten Ah Kin gegen besagten Berufsstand tüchtig Hass schieben. Dem Publikum ergeht es dabei ganz ähnlich, denn Yaus Skript zeichnet das Gewerbe als ein fast schon mafiös strukturiertes Kollektiv kleinkrimineller Kreaturen, das sich zusammenrottet, um mit fingierten Unfällen arglosen Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen, oder sich bei begangenen Straftaten – wie der Vergewaltigung betrunkener Fahrgäste – gegenseitig den Rücken deckt. Doch sind es nicht die Taxifahrer allein, die Ah Kin final zur Waffe greifen lassen: Generell entpuppt sich sein Umfeld als weitaus weniger generös, als es zuvor noch den Anschein hatte. Seine Kollegen treiben ihn mit völlig bescheuerten Kommentaren zur Weißglut („Du darfst nicht traurig sein – es ist passiert und lässt sich nicht ändern.“) und sein Boss, der ihn kurz zuvor noch zum Mitarbeiter des Monats ernannte, versteht überhaupt nicht, warum sich seine Arbeitsqualität plötzlich so rapide verschlechtert, streicht die versprochene Beförderung und verordnet Zwangsurlaub.

Seitdem sitzt Kin, teils in strömendem Regen und mit Bierflasche in der Hand, am Straßenrand und bläst Trübsal. Als er dabei eines Tages Zeuge wird, wie ein weiterer unverschämter Kilometerkassierer eine Frau übers Ohr hauen will, mischt er sich kurzerhand ein und verpasst dem Mann eine saftige Ohrfeige – eine Tat, die von den Umstehenden mit herzlichem Applaus quittiert wird. Von da an dauert es nicht mehr lang, bis Kin überzeugt ist, dass Maulschellen als Strafe noch längst nicht ausreichen. Der Weg vom traumatisierten Trauernden zum blindwütigen Mobilistenmeuchler ist psychologisch etwas holprig, aber im Rahmen des Unterhaltungsprogramms völlig ausreichend. Zumal Yau auch um ein wenig Tiefe bemüht ist: So versucht Kin, seine Morde durch geringfügige gute Taten auszugleichen – etwa, indem er einem kleinen Jungen zu einer teuren Sammelkarte verhilft. Und als er tatsächlich einmal auf einen Taxifahrer trifft, der unerwartet freundlich ist, lässt er von seinem Vorhaben ab und belohnt den Mann stattdessen mit einem großzügigen Geldbetrag. Übermenschliche Fähigkeiten entwickelt Kin dabei keine, was der Sache eine gewisse Glaubwürdigkeit verleiht. Während vielen anderen Kino-Killern jeder Coup gelingt, kassiert Kin von einem seiner potenziellen Opfer gehörig Dresche und bleibt wie ein geprügelter Hund am Straßenrand liegen.

Speziell letztere Szene ist bei aller Brutalität zum Piepen und verortet TAXI HUNTER trotz seiner Tragik, Dramatik und Drastik im Bereich der schwarzen Komödie. Noch deutlicher wird das, als Kin in seiner Wohnung das lässige Ziehen der Waffe übt. Was im Kino immer so einfach aussieht, scheitert bei ihm jedoch regelmäßig, weil das lästige Ding entweder in der Hosentasche hängen bleibt oder ihm aus den Fingern flutscht. Das ist natürlich eine ironische Referenz auf den berühmten Monologmoment aus TAXI DRIVER, bei dem sich Robert De Niro vor dem Spiegel den Revolverhelden antrainiert. Und für alle, denen das in Sachen Humor immer noch etwas zu fein ist, wurde mit dem von Ng Man-Tat [→ LEGACY OF RAGE] gespielten Polizisten Gao noch ein waschechter Pflaumenaugust ins Szenario gepflanzt. Schon sein Anblick ist zum Totlachen: Mit seinen viel zu weiten Klamotten, allesamt penetrant verziert mit den Logos amerikanischer Sportvereine, dazu das Baseball-Käppi verkehrt herum auf der Rübe, an deren Schirm zudem sein Dienstausweis baumelt, wirkt er optisch wie ein Zurückgebliebener – ein Eindruck, der durch sein kleinkindähnliches Benehmen nicht unbedingt entkräftet wird. Ng spielt die Rolle allerdings so sympathisch, dass man ihn sofort ins Herz schließt. Dass sein Auftreten ohnehin nur Tarnung und Verwirrtaktik ist, zeigt sich, als er sich im späteren Verlauf als überraschend kompetent erweist. 

Im Rahmen der Erzählung dient Gaos extravagantes Gebaren ohnehin vor allem der Konterkarierung seines Kollegen und Partners Yu Kai Chung, gespielt von Yu Rongguang [→ IRON MONKEY]. Dieser verkörpert nicht nur den klassischen knallharten Cop, sondern – und da wird es brisant – auch Ah Kins besten Kumpel. Natürlich ahnt er als solcher nichts von dem mörderischen Hobby seines Freundes, woraus TAXI HUNTER ein Großteil seiner Spannung bezieht: Wann wird der Polizist bemerken, dass sein Kindheitskamerad der kaltblütige Killer ist? Und wenn es passiert: Wie wird er reagieren? Das Personenensemble wird ergänzt durch Athena Chu Yun [→ MEGA COP] als Fernsehreporterin und Tochter von Gao. Zur Handlung trägt sie nichts Nennenswertes bei, aber die Interaktionen zwischen ihr und ihrem Vater, bei denen es nicht selten um Chili-Soße geht, verleihen den Figuren ein gerüttelt Maß an Menschlichkeit.

Trotz einer gehörigen Portion Galgenhumor verfehlt TAXI HUNTER seine aufrüttelnde Wirkung nicht und überzeugt als wilde Mischung aus TAXI DRIVER, DEATH WISH und dem typischen Hongkong-Kino jener Zeit. Anthony Wong spielt den bemitleidenswerten Ah Kin als eine Art asiatischen Paul Kersey und agiert dementsprechend sehr bodenständig, weit entfernt von der Überkandideltheit seiner sonstigen Psychopathenrollen (etwa in EBOLA SYNDROME). Woran es freilich mangelt, ist echte Spannung. Die Nummer ist zwar durchgehend unterhaltsam und erlaubt sich keine Durststrecken, wirkt aber niemals wirklich nervenzerrend. Auch hätte Wong gern etwas häufiger zuschlagen und noch ein paar mehr bösartige Bolidenbeschleuniger ins Jenseits befördern dürfen. Gewöhnungsbedürftig geriet zudem der Musikeinsatz: Oft erklingen dramatische Töne, wenn es gar nicht nötig wäre, während es in tatsächlich dramatischen Szenen dafür merkwürdig still bleibt. Für Actionfreunde gibt es zwar ein paar rabiate Stunts, aber es sollte klar sein, dass hier kein kinetisches Feuerwerk gezündet wird. Doch auch ohne viel Explosion und Exzess ist TAXI HUNTER eine gelungene Fahrt durch den in schönstes Neonlicht getauchten Großstadtdschungel, die in dieser Form wohl wahrlich nur zu ihrer Zeit und an ihrem Ort entstehen konnte. Ein Mann sieht gelb!

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 17. November 2025

P.O.W. - DIE VERGELTUNG


BEHIND ENEMY LINES
USA 1986

Regie:
Gideon Amir

Darsteller:
David Carradine,
Mako,
Charles Grant,
Steve James,
Phil Brock,
Daniel Demorest,
Tony Pierce,
Steve Freedman



„Ich kann mir nicht vorstellen, warum sie gerade ihn ausgesucht haben.“
„Erstens ist er der Beste. Und dann hat er ein Prinzip, mit dem er noch nie gebrochen hat.“
„Und welches ist das?“
„Jeder kommt wieder nach Hause.“

[Ein paar Filmminuten später sind dann übrigens alle Beteiligten mausetot. Aber gut … von lebend nach Hause war ja auch nie die Rede ...]


Inhalt:

1973: Das Ende des Vietnamkriegs steht kurz bevor; in wenigen Tagen sollen alle Truppen abgezogen werden. Das Problem: Nordvietnam leugnet die Existenz amerikanischer Kriegsgefangener. Sobald der Waffenstillstand in Kraft tritt, gelten alle bis dahin nicht zurückgekehrten Soldaten als verschollen. Die US-Regierung will das nicht hinnehmen und schickt den couragierten Colonel Cooper [David Carradine] in den Dschungel, um in einem aufmerksamkeitsstarken Husaranstück den geheimen Vietcong-Knast zu stürmen und die Vermissten zu befreien. Doch der Einsatz misslingt: Coopers Einheit wird vollständig ausgelöscht, er selbst gerät in die Gewalt des skrupellosen Aufsehers Vinh [Mako]. Dieser erhält den Befehl, den prominenten Gefangenen zu seiner Hinrichtung nach Hanoi zu bringen. Vinh willigt zum Schein ein, verfolgt jedoch eigene Pläne: Er beabsichtigt, sich heimlich in die USA abzusetzen – mitsamt aller Reichtümer, die er während des Krieges angehäuft hat. Es kommt zu einem ungewöhnlichen Deal: Cooper hilft Vinh bei der Flucht – unter der Bedingung, dass sämtliche Internierten mitkommen dürfen. Der Konvoi, der sich bald darauf in Bewegung setzt, dient daher nur scheinbar der Überführung des Colonels zur Schlachtbank. Tatsächlich soll es ein Trip in die Freiheit werden. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt …

Kritik:

Ja, die Mär von den geleugneten Kriegsgefangenen mal wieder! Tatsächlich hielten sich in den USA nach Ende des Vietnamkriegs hartnäckig Gerüchte, der Gegner halte noch etliche amerikanische Soldaten in geheimen Lagern fest. War ja auch deutlich einfacher als zu akzeptieren, dass diese sinnlose Stellvertreteraktion schlicht unfassbar viele Todesopfer gefordert hatte. Das nach zahlreichen Skandalen entfachte Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung trug ebenfalls nicht gerade dazu bei, die Vorstellung einer Vertuschung zu entkräften. Beweise wurden – oh Wunder! – jedoch nie erbracht. Dafür nährten unzählige reaktionäre Actionfilme fleißig die Verschwörungsfantasie und ließen bis an die Zähne bewaffnete Einzelkämpfer ins ehemalige Kriegsgebiet vordringen, um die verlorenen Jungs doch noch rauszuholen. P.O.W. - DIE VERGELTUNG reiht sich, trotz durchaus vorhandener Story-Variation, recht nahtlos in diese Reihe ein. P.O.V. steht dabei für Prisoner of War (also eben Kriegsgefangener) und Die Vergeltung steht für Die Vergeltung. Wobei der offizielle Originaltitel eigentlich BEHIND ENEMY LINES lautet, hin und wieder auch mal abgelöst von P.O.W. - THE ESCAPE. Aber ganz gleich, unter welchem Banner man sich das Werk letzten Endes zu Gemüte führt, klar ist: Hier muss mal wieder ein Heros her, um hinter feindlichen Linien vermeintlich gefallene Kameraden zurück in die Freiheit zu führen.

Verantwortlich dafür war einmal mehr das berühmt-berüchtigte Cannon-Studio, das mit seinen kostengünstig, aber effizient produzierten patriotischen Gassenhauern in den 1980er-Jahren einige Kassenerfolge einfahren konnte. Die Hauptrolle wäre daher eigentlich wie geschaffen gewesen für den Berufsbärtigen Chuck Norris, einer der großen Stars des Hauses, dem die Kompetenz zur gewaltsamen Kombattantenheimführung schon stets in den markanten Gesichtspullover gestrickt war. Aber vielleicht wollte man nach zwei MISSING IN ACTION-Missionen (die dritte stand bereits in den Startlöchern) auch mal ein anderes Frontschwein von der Leine lassen. So darf sich hier nun David Carradine seine Sporen verdienen, der immer noch vom Erfolg der TV-Serie KUNG FU zehrte und zudem wesentlich sympathischer rüberkommt als sein ehemaliger Leinwandpartner (Norris und Carradine trafen 1983 in MCQUADE – DER WOLF aufeinander). Die Siegestrophäe für das beste Mienenspiel bleibt zwar auch diesmal brav in der Schublade, aber als kerniger Colonel mit Hang zum Zweitkick ist Carradine durchaus zelluloidtauglich. Dass sein Charakter eine Reihe saudummer Entscheidungen trifft und dadurch – entgegen permanenter Dialogbehauptung – keinen allzu qualifizierten Eindruck hinterlässt, ist ja nicht seine Schuld, sondern die der Drehbuchschurken (Ob man’s nun glaubt oder nicht: Ganze fünf Schreiberlinge mussten ran, um dieses erzählerisch doch sehr spartanische Scharmützel zu Papier zu bringen).

Der inhaltliche Hauptunterschied zum Gros der Kinokollegen besteht bei P.O.W. darin, dass die Handlung noch während des Krieges spielt. Die meisten Leinwandhelden durften erst nach Ende desselben ins Feindesland vorrücken, um Verschleppte zu befreien und dem ehemaligen Gegner nachträglich noch ein paar Nasenstüber mit auf den Weg zu geben. Hier jedoch findet die Aktion bereits während der letzten Schlachttage statt, was sich als recht reizvolle Variante entpuppt. Mehr denn je herrscht eine chaotische Weltuntergangsstimmung, in der endgültig auf jedwedes Regelwerk gepfiffen wird und jeder nur noch versucht, seine Schäfchen irgendwie ins Trockene zu bringen. Das gilt durchaus für beide Seiten, wird Colonel Cooper doch – entgegen vorheriger Pläne, die eine verdeckte Operation vorsahen – damit beauftragt, mit seiner Einheit ganz und gar unverdeckt und mit viel Krawall ein geheimes Dschungellager hochzunehmen und dabei zwecks intendierter Weltpresse-Aufmerksamkeit möglichst viel Rummel zu veranstalten. Das führt direkt zum Auftakt zu einem der größten Lacher überhaupt, wenn David Carradine und seine Mannen besagtes Camp stürmen und minutenlang wie die Wilden in der Gegend herumballern – bis ihnen auffällt, dass sie ganz allein auf weiter Flur sind und daher die ganze Zeit auch niemand zurückschießt. Diese Sequenz ist wirklich sagenhaft bescheuert und sagt am Ende mehr über das Genre aus, als ihr vermutlich lieb ist: Stumpfes Rotzen aus allen Rohren geht deutlich vor Sinn und Verstand.

Die Absenz jedweder Gegenwehr entpuppt sich als Hinterhalt, dem allen außer Carradines Cooper zum Opfer fallen. Es folgen ein paar der genreüblichen Fiesitäten, wenn der schurkische Kommandant Vinh die Bühne betritt, verkörpert vom japanischstämmigen Makoto Iwamatsu [→ DIE GROSSE KEILEREI], alias „Mako“, der in den USA zeitweise immer dann zum Einsatz kam, wenn ein asiatisches Gesicht gefragt war. Vinh fügt den überlebenden Colonel den übrigen Kriegsgefangenen hinzu und macht mittels mehrerer Exekutionen direkt deutlich, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen ist. Etwas origineller wird es, als beide Parteien ein durchaus glaubhaftes Zweckbündnis eingehen: Kommandant Vinh weiß, dass das nahende Ende des Krieges ihm nicht nur seine Macht, sondern auch sein illegal beiseitegeschafftes Gold kosten wird. Ein Leben in Amnestie im Land des Feindes erscheint ihm daher als gangbare Alternative. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht er jedoch die Unterstützung Coopers – welcher seine Mitwirkung wiederum an die Bedingung knüpft, dass die Gefangenen sicher nach Hause gelangen. Das markiert den Auftakt einer zumindest im Ansatz abenteuerlichen Reise durch ein zerrüttetes Land, die einiges an Sprengkraft und Nervenkitzel birgt, wenn der Lagerkommandant gezwungen ist, seine eigenen Leute zu täuschen – denn der Vietcong kennt bei Verrätern keine Gnade.

Eine wirkliche Annäherung der beiden Antipoden findet dennoch niemals statt. Dazu setzt P.O.W. dann doch wieder zu sehr auf die altbekannte Gut-Böse-Schablone, die allzu ambivalente Anwandlungen gar nicht erst zulässt. Auch wird diese „Zusammen in einem Boot“-Idee nicht konsequent genug durchgezogen und das Skript verzettelt sich bald wieder in Story-Stereotypen. Ein nettes narratives Nebengleis wird immerhin befahren mit der Episode um den befreiten Soldaten Sparks, verkörpert von Charles Grant [→ DELTA FORCE]. Dieser erliegt nämlich ebenfalls der Gier nach Gold und Glitzer und setzt sich, mit geklauter hochkarätiger Altersvorsorge im Gepäck, vom Rest der Truppe ab, um auf eigene Faust außer Landes zu fliehen. Doch sein Glück, so wird ihm bald bewusst, wird er dabei nicht finden. Gerade noch rechtzeitig entdeckt er sowohl sein Gewissen als auch sein patriotisches Herz und kehrt zurück, um seine Kameraden im Kampf gegen die Unterdrücker zu unterstützen. Damit macht er immerhin mehr Charakterentwicklung durch als Colonel Cooper, der von Anfang bis Ende ein besserwisserischer Betonklotz bleibt und – beseelt von einem wirklich sagenhaften Selbstvertrauen – dauerhaft den Dicken markiert, was durchaus ein wenig vermessen erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass bereits zu Beginn die gesamte ihm unterstellte Kompanie aufgrund seiner zweifelhaften Entscheidungen ins Gras beißen musste. Trotzdem bleibt er sich und seinen Manierismen in unerschütterlicher Manier treu. Ohne Hadern, Zaudern oder gar Gewissensbisse zieht er sein Ding durch, bis er im Finale ins Sternenbanner gehüllt böse Kommunisten über den Haufen ballern darf.

Nein, P.O.W. ist gewiss nicht unumgänglich, bietet aber reichlich Rambazamba in schöner Kulisse, da die Philippinen mal wieder sehr überzeugend die Vegetation Vietnams doublen (wobei sich der Genre-Freund an diesen Look vermutlich schon so sehr gewöhnt hat, dass er ihm von Haus aus einfach „richtig“ vorkommt). Auch wirkt seine reaktionäre Botschaft insgesamt eher verschroben als verärgernd, wie zu Beispiel oft bei den Kollegen Norris & Co der Fall. An Klischees mangelt es freilich trotzdem nicht: Hahnenkämpfe, Hurenhäuser, Stromschnellen, Strohhütten, die explodieren, als bestünden sie aus Nitroglycerin … und natürlich die berühmte Dschungelfalle, jenes mit tödlichen Spitzen gespickte, urplötzlich aus dem Geäst schwingende Holzbrett, das garantiert immer irgendein Unglückseliger volle Kanne in die Goschen bekommt. Zu bedauern ist allerdings abermals die sträfliche Unterbeschäftigung des wie immer extrem coolen Steve James [→ DER EXTERMINATOR], der dem alles dominierenden Colonel Cooper zwar tatkräftig unter die Arme greifen darf, über den Status eines besseren Statisten aber dennoch nur nur geringfügig hinauskommt. Dabei hätte ihm die Hauptrolle vermutlich deutlich besser zu Gesicht gestanden.

Laufzeit: 89 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 10. November 2025

DER EXTERMINATOR II


EXTERMINATOR II
USA 1984

Regie:
Mark Buntzman

Darsteller:
Robert Ginty,
Mario Van Peebles,
Deborah Geffner,
Frankie Faison,
John Turturro,
Arye Gross,
Scott Randolf,
Reggie Rock Bythewood



„Du wolltest die Straße säubern? Ich bin die Straße!“
(Gut, seinen Namen kann man sich nicht aussuchen.)


Inhalt:

Einst kämpfte John Eastland [Robert Ginty] als Soldat in Vietnam. Inzwischen streift er ziellos durch die Straßen New Yorks. Nur seine Beziehung zur sympathischen Tänzerin Caroline [Deborah Geffner] bringt etwas Farbe in sein Leben. Doch nicht einmal sie ahnt etwas von Eastlands pikantem Hobby: Regelmäßig hört er den Polizeifunk ab, um herauszufinden, wo sich die bösen Jungs der Stadt herumtreiben. Diesen stattet er dann einen feurigen Besuch ab, der stets nur verkohlte Leichen zurücklässt. Denn John Eastland ist der Exterminator, der maskierte Bestrafer, der kriminelle Umtriebe mit dem Flammenwerfer ahndet. Als eines Tages eine sektenartigen Straßengang die Stadt heimsucht und beginnt, wahllos Menschen umzubringen, laufen einige ihrer Mitglieder Eastland ebenfalls ins Feuer. Für den Bandenchef „X“ [Mario Van Peebles] wird die Sache daher bald persönlich – und Caroline gerät ebenfalls ins Visier der Killer. Gemeinsam mit seinem einzigen Vertrauten, dem Müllwagenfahrer Be Gee [Frankie Faison], rüstet sich der Exterminator fürs finale Gefecht.

Kritik:

Vier Jahre nach seinem ersten Einsatz kehrte der Exterminator zurück – dieses Mal unter der Schirmherrschaft der Cannon Group, jener Produktionsfirma, die sich in den 1980ern mit ebenso radikalen wie reaktionären Action-Reißern einen anständig anrüchigen Ruf erarbeitete. Populäre Stars waren Chuck Norris oder Michael Dudikoff, die meist vor militärisch geprägtem Hintergrund für Recht und Ordnung sorgten. Aber auch Charles Bronson verspritzte ab 1982 sein Blei für Cannon, nachdem das Studio die Rechte daran erworben hatte, dessen Selbstjustiz-Klassiker DEATH WISH (1974) beliebig oft fortsetzen zu dürfen. Und weil ein Revolverheld auf Rachefeldzug noch längst nicht ausreichte, sicherte man sich zusätzlich noch die Erlaubnis, mit dem Gassenhauer DER EXTERMINATOR von 1980 das Gleiche zu tun – immerhin war dieser ja nicht unbedingt unerfolgreich gelaufen und das Interesse an anarchistischen Einzelgängern auf illegitimer Gerechtigkeitsmission war ungebrochen. Robert Ginty übernahm abermals die Titelrolle, während Mark Buntzman, beim Vorgänger noch als Produzent unterwegs, dieses Mal für Buch und Regie verantwortlich zeichnete. Ein Großteil seiner Arbeit bekam das Publikum jedoch nie zu Gesicht: Die Geldgeber waren mit den Ergebnissen so unzufrieden, dass im Nachhinein großzügige Änderungen vorgenommen wurden, die den Inhalt mehrheitlich neu arrangierten – mit heißer Nadel gestrickter Nachdrehs inklusive.

Dass man für diesen am Ende ja doch recht simplen Reißer so viel Aufwand betrieb, zeigt, dass die Produzenten das Werk offenbar weitaus wichtiger nahmen, als die Mehrheit der Kritiker es tat. Ob die zahlreichen Umschnitte und ausgetauschten Szenen ihm tatsächlich nutzten oder im Gegenteil eher schadeten, lässt sich kaum beziffern. Fest steht: EXTERMINATOR II reißt keine Bäume aus. Gut, das muss er auch nicht und hat wahrscheinlich ohnehin niemand erwartet, zumal ja schon Teil 1 nicht der Weisheit letzter Schluss war. Bereits der Einstieg geriet allerdings mehr als holprig, wenn das Publikum Zeuge wird, wie ein paar Wüstlinge einen Laden überfallen und dabei den Inhabern, einem älteren Ehepaar, die Lichter auspusten. Draußen vor der Tür wartet dann jedoch der Exterminator auf die jugendlichen Rowdys, um dort ebenfalls sein Licht auszupusten – das seines Flammenwerfers nämlich, was die eben noch so übermütigen Übeltäter in einen Haufen überknuspriger Grillhähnchen verwandelt. Wie überaus nett vom Exterminator, dass er lange genug vor dem Eingang gewartet hat, damit die Delinquenten auch genug Zeit hatten, ihre Opfer über die Klinge springen zu lassen – so ein strafender Feuerstoß will ja schließlich ausreichend gerechtfertigt sein.

Der auffälligste Unterschied zum Vorgänger besteht darin, dass EXTERMINATOR II tatsächlich eine stringente Geschichte erzählt. Keine sonderlich gute oder gar originelle, das ist klar. Aber wo Teil 1 noch sehr episodenhaft daherkam, folgt Teil 2 einer klassischen, durchgehenden Dramaturgie. Anstelle mehrerer Schmeißfliegen gibt es hier einen großen Antagonisten, den es zu besiegen gilt: der Anführer einer (was auch sonst?) Straßengang, der sich nur „X“ nennt und von Mario Van Peebles [→ HEARTBREAK RIDGE] als guruartiger Fanatiker verkörpert wird. Damit einhergehend wurde auch die einstige Authentizität über Bord geworfen: Das hier porträtierte New York gleicht einer Stadt am Rande der Apokalypse, noch nicht ganz so übertrieben als Kriegsschauplatz gezeichnet wie ein Jahr später bei DEATH WISH III, aber doch schon mit deutlicher Schlagseite in Richtung MAD MAXiger Endzeitvision. Schrill geschminkte Punks marodieren durch die Straßen, terrorisieren unschuldige Bürger, bringen Menschenopfer dar und schießen mit Raketenwerfern Hubschrauber ab. Das ergibt alles gar keinen Sinn, generell schien das Drehbuch alles in den Topf geworfen zu haben, was sich irgendwie mit „böse“ assoziieren lässt. Speziell die rituellen Opferungen erinnern doch sehr an die „Satanic Panic“, jene moralische Massenhysterie, die in den 1980er-Jahren vor allem in den USA um sich griff und viele Menschen glauben machte, überall existierten geheime satanische Kulte, die Jugendliche durch Musik, Spiele und  - Schreck, lass nach! - Filme verderben würden.

Das ist ziemlich gaga, liefert aber immerhin ein paar gelungene Momente traumartigen Einschlags, wenn die Gang im Dunkel der Nacht mit Rollschuhen an den Füßen und Fackeln in den Flossen ritualisiert in Richtung Opferstätte rollert. Doch nicht nur die Schurkenseite macht durch irreale Aktionen auf sich aufmerksam. Die Wirklichkeitsferne wird auch unterstrichen durch die Darstellung des „Helden“, der in der Fortsetzung zu einer Art unkaputtbarem Meuchelmörder umgedeutet wurde. Eingehüllt in eine Verkleidung aus schützendem Stahl, das Gesicht hinter einer Schweißermaske verborgen, übersteht er selbst massiven Kugelhagel ohne den kleinsten Kratzer. Eine Salve aus seinem Flammenwerfer hingegen verwandelt seine Gegner in Windeseile in ein elendes Häuflein Asche, meist akustisch untermalt von sakralen Orgelklängen, was den Exterminator in die Nähe eines göttlichen Bestrafers rückt. Im ersten Teil noch ein getriebener Vietnam-Veteran mit akuter Affektstörung, wirkt John Eastland nun, nicht nur aufgrund seiner martialischen Kostümierung, wie der Killer eines Slasherfilms der Marke FREITAG, DER 13. Hinweise auf seine Vergangenheit inklusive Kriegstrauma und Verlust seines besten Freundes werden hier völlig ausgespart. Zum einen sicherlich deshalb, weil (zurecht) davon ausgegangen werden konnte, dass das Publikum mit dem Vorgänger vertraut ist. Zum anderen passt diese Thematik aber auch gar nicht mehr in das in Teil 2 kreierte Szenario, das keinen Psychopathen braucht, sondern einfach einen rabiaten Dorfsheriff ohne Scheu vor harten Bandagen. Am Ende verwandelt Eastland dann einen Müllwagen mittels improvisierter Panzerung, Maschinengewehren und Raketenabschussrampen in sein persönliches Batmobil, was endgültig jeden realistischen Rahmen sprengt.

Die Idee, Eastland hinter einer metallenen Maske zu verstecken, stammte dem Vernehmen nach von William Sachs [→ CONCRETE WAR]. Der wird offiziell nur als Autor und Produzent gelistet, war aber auch verantwortlich für die zahlreichen Nachdrehs und Umstrukturierungen, nachdem das Studio mit Mark Buntzmans Arbeit unzufrieden war. Da Robert Ginty sein Antlitz jedoch nicht abermals zur Verfügung stellen konnte oder wollte, musste schnell eine Lösung her. Zum Glück gab es bereits eine Szene, in der Ginty besagtes Schweißer-Outfit trug. Und so wurde beschlossen, dieses zu seinem Markenzeichen zu machen. In jeder Szene, in welcher der Exterminator nun derart herausgeputzt zur Tötungstat schreitet, steckt also gar nicht Ginty hinter der Maske, sondern ein Double – und ja, das sind die meisten. Was aus der Not geboren wurde, erweist sich im Endeffekt als enorm eindrücklich: Eastland scheint jede Form von Menschlichkeit abgelegt zu haben und als stählerner Rachegott wiederauferstanden zu sein. Der Flammenwerfer als einziges Mordinstrument ist dabei freilich ebenfalls neu. In Teil 1 kam das Gerät eigentlich nur ein einziges Mal zum Einsatz – und auch das blieb eigentlich nur im Kollektivbewusstsein, weil das Kinoplakat diesen Anblick so eindrücklich verewigte. Hier hingegen ist er zum Charakteristikum geworden, was auf Dauer etwas eintönig ist, da die Einsätze immer gleich ablaufen und stets im gleichen müden Geisterbahn-Effekt münden: ein Feuerstoß in Richtung Kamera, dann ein paar mit den Armen rudernde Stuntleute im Brennumhang und ein paar Sekunden später liegen bereits die verkohlten Gerippe qualmend in der Gegend herum (das geht ja wirklich erstaunlich schnell). Geblieben sind das nihilistische Weltbild und die allgemeine Tristesse, die nur durch die unverkrampfte Beziehung Eastlands zur Tänzerin Caroline (Deborah Geffner aus MAXXXINEund seine wirklich herzliche Freundschaft zum poltrigen Müllwagenfahrer Be Gee (Frankie Faison aus GESCHENKT IST NOCH ZU TEUER) ein paar erhellende Farbtupfer erhält.

Die Fortsetzung der Flammenwerfer-Fabel wird fraglos niemals auf irgendjemandens Lieblingsliste landen, hat als Anschauungsbeispiel für die schroffe Attitüde des 1980er-Kinos aber durchaus ihre Berechtigung – obwohl der nuancierte Hintersinn, der den Vorgänger ein wenig aus der grauen Masse hervorheben konnte, hier vollkommen abwesend ist. Die zweite Runde des rabiaten Rabaukenrösters ist ein überwiegend uninspirierter, aber dennoch veritabler Nachschlag, dem sein Produktionschaos nicht unbedingt anzumerken ist. Robert Ginty selbst hasste diese neue Version zwar, doch wer von finsteren Vigilanten-Fantasien in großstädtischem Schmuddellook nicht genug bekommen kann, ist hier prinzipiell schon an der richtigen Adresse. Feuer frei!

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 3. November 2025

DER EXTERMINATOR


THE EXTERMINATOR
USA 1980

Regie:
James Glickenhaus

Darsteller:
Robert Ginty,
Steve James,
Christopher George,
Samantha Eggar,
Tony DiBenedetto,
Dick Boccelli,
Patrick Farrelly,
Michele Harrell



„Ich suche ein paar deiner Freunde. Einer davon ist so’n Kleiner mit Baskenmütze und Bart. Der andere ist ein großer, klotziger Kerl – hässlich, sieht aus wie’n Affe.“
(In Sachen Personenbeschreibung macht dem Exterminator keiner was vor.)


Inhalt:

In den Wirren des Vietnamkriegs geraten John Eastland [Robert Ginty] und sein Kamerad Michael Jefferson [Steve James] in feindliche Gefangenschaft und entrinnen nur knapp einem grausamen Tod. Jahre später arbeiten beide in einem New Yorker Lagerhaus, stets bemüht, das erlebte Grauen zu vergessen. Doch die Gewalt holt sie unvermittelt ein: Jefferson wird von einer Straßengang überfallen und dabei so schwer verletzt, dass er den Rest seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen ist. Bei Eastland brennen daraufhin alle Sicherungen durch: Mit Flinte und Flammenwerfer im Gepäck verübt er eiskalte brennende Rache. Derart auf den Geschmack gekommen, nimmt sich der Vietnam-Veteran in den folgenden Wochen weitere Kriminelle vor, um sie ihrer tödlichen Strafe zuzuführen: Mafiosi, Dealer, Zuhälter, korrupte Politiker – niemand ist plötzlich mehr sicher. Fieberhaft versucht der idealistische Detective James Dalton [Christopher George], die Identität des Rächers zu enthüllen. Und sogar die CIA nimmt Eastland ins Visir, da sie in seinen Aktionen eine Gefahr für die öffentliche Ordnung sieht. Schließlich kommt es zur explosiven Konfrontation aller Parteien.

Kritik:

Nein, DER EXTERMINATOR ist nicht die Geschichte eines Killerroboters aus der Zukunft, der sich aufs Altenteil zurückgezogen hat. Exterminator, Bildungsbürger wissen das, ist die englische Bezeichnung für einen Kammerjäger. Dieser Berufsstand befreit bekanntermaßen die werte Behausung von lästigem Ungeziefer – womit Tonfall und Intention dieser groben Schlachtplatte auch schon treffend umschrieben wären. Gleich das erste Bild zeigt einen gigantischen Feuerball sowie die Silhouette eines Mannes, der unfreiwillig, dafür aber im hohen Bogen, vor ihm davon segelt. Es ist Krieg, so stellt sich heraus, und der Ort des Geschehens heißt Vietnam. Nur wenige Minuten später ist das Publikum bereits Zeuge zweier enorm brutal inszenierter Enthauptungen geworden und es ist klar: Das hier ist kein Ponyhof.

Der gerade aufgrund seiner Grausamkeit sehr wirkungsvolle Auftakt führt zugleich die beiden Helden ein, John Eastland und Michael Jefferson (Robert Ginty aus ZWEI MINUTEN WARNUNG und Steve James aus AMERICAN NINJA), und das wider Erwarten nicht etwa als sprücheklopfende Kampfmaschinen, sondern als verängstigte Soldaten, die dem Feind nur mit Müh und Not entkommen können. Die Überleitung vom rückblickenden Prolog in die Präsens der 1980er ist auffallend gelungen: Der Helikopter, der die zwei Freunde aus der Kriegshölle hinaus fliegt, scheint plötzlich durch die Zeit zu reisen. Nahezu nahtlos geht der vogelperspektivische Blick auf den Dschungel über in den auf die nächtliche Großstadt der Gegenwart. Die Kamera schwebt über die in zartes Licht gehüllten Dächer New Yorks, der Vorspann beginnt, eine sanfte Ballade setzt ein – ein Moment, der Ruhe und Frieden ausstrahlt, und damit im krassen Gegensatz zu den eben noch erlebten Gräueltaten steht, die freilich immer noch nachhallen. Es wird deutlich: Die Männer mögen dem Tod entronnen sein, den Ort gewechselt und die Jahre überdauert haben. Aber das Trauma des Tötens, das haben sie mitgenommen.

Nach dem Sprung ins Jetzt (in das des Produktionsjahres 1980, versteht sich) sieht man Eastland und Jefferson als kistenschleppende Lagerarbeiter, die ein zwar bescheidenes, aber zumindest augenscheinlich recht unbeschwertes Leben führen. Ihre Vergangenheit, so scheint es, hat sie zusammengeschweißt, ihre Freundschaft unerschütterlich zementiert. Hin und wieder schalten sie allerdings noch in den Verteidigungsmodus – so geschehend, als sie ein paar Langfingern, die gerade im Begriff sind, ein Depot zu plündern, gehörig und mit schwingender Faust die Tour vermasseln. Leider gehören die verhinderten Gerstensafteintreiber zu einer skrupellosen Straßengang, die dezent überreagiert und einem der Männer, Jefferson nämlich, in einer stillen Gasse auflauert, wo sie dessen Wirbelsäule per Gartenkralle malträtiert. Den Überfallenen befördert das umgehens in den Krankenkassen-Chopper – Rollstuhlpflicht bis ans Ende seiner Tage (die deutsche Synchronfassung behauptet an dieser Stelle übrigens, man habe ihm das Genick gebrochen, was offenkundig Unsinn ist). Grund genug für Eastland, den verborgenen Vigilanten zu aktivieren und Vergeltung für seinen Freund zu üben.

Es ist wahrlich erstaunlich, wie schnell und beinahe selbstverständlich das hier vonstattengeht: Von einer Szene auf die nächste hat Eastland bereits eines der Bandenmitglieder in seiner Gewalt, ohne jedwede Vorbereitung oder Herleitung. Es scheint, als habe er bereits vor langer Zeit alles organisiert und nur auf einen Anlass gewartet, den inneren Kammerjäger endlich von der Kette lassen zu dürfen. Von seinem Gefangenen (es wird übrigens niemals erklärt, wie er ihn überhaupt in die Finger bekam) erpresst er nun den Aufenthaltsort des Rests der Gang, woraufhin der kampferprobte Wutbürger dort konsequent klar Schiff macht. „Er war doch nur ein Nigger“, versucht einer der Delinquenten die grausame Tat zu rechtfertigen. Eastland hebelt diesen rassistischen Ausfall mit bestechendem Pragmatismus aus: „Dieser Nigger war mein bester Freund.“ So simpel!

Das Publikum ist dabei prinzipiell auf seiner Seite. Auch dann noch, als er sich im Folgenden weiteren menschlichen Unrat vorknöpft, um diesen für seine Vergehen zur verdienten Rechenschaft zu ziehen. Als Held oder gar Identifikationsfigur taugt er dennoch zu keiner Sekunde. Denn nur vordergründig geht es ihm darum, Gerechtigkeit zu üben. Die kurzen Erinnerungsfetzen an den Vietnamkrieg, die hin und wieder mal aufploppen, wirken in dem Zusammenhang fast ein wenig zu plump. Auch ohne dieses ausgelutschte Stilmittel wäre klar gewesen, dass Eastland aufgrund seiner Vergangenheit mentale Blessuren mit sich herumträgt. Der Anschlag auf seinen (vermutlich einzigen wirklichen) Freund hat einen Schalter umgelegt. Seine Racheaktionen treffen zwar nie die Falschen – Autor und Regisseur James Glickenhaus [→ DER PROTECTOR] hat da wirklich ein paar abstoßende (wenngleich nicht unglaubwürdige) Zeitgenossen zu Papier gebracht. Doch die Taten des selbsternannten Kammerjägers sind letztlich nichts anderes als Ausdruck seines zerrütteten Seelenlebens. Weder empfindet er Freude an seinem Feldzug noch verschafft er ihm Genugtuung. Und dem Zuschauer ergeht es ebenso. Denn die Inszenierung der Ereignisse spiegelt die Psyche ihres Protagonisten: Alles ist trist, trostlos und über alle Maßen traurig.

Tatsächlich werden gängige Sensationslüste trotz explizit ausgespielter Brutalitäten kaum befriedigt. Nach dem knalligen Kriegsauftakt regiert überwiegend die Entschleunigung, und das bei einem Spannungsaufbau, der sich einer Klimax konsequent verweigert. Eastlands Rache an der Straßengang ist bereits nach gut 20 Minuten abgeschlossen. Seine anschließenden Selbstjustizaktionen scheinen dann gar keinem Plan mehr zu folgen, wirken improvisiert und impulsiv. Entsprechend episodenhaft sind sie auch gegliedert – wofür Glickenhaus sogar auf das völlig altbackene und eher aus der TV-Landschaft bekannte Stilmittel der Auf- und Abblenden zurückgreift. Auf der Bildebene herrscht überwiegend eine funktionale, dokumentarisch angehauchte Nüchternheit, die jedwede Ausprägung von Attraktivität vermissen lässt. Die Gewaltakte sind zahlreich und definitiv nicht ohne, aber ebenfalls ohne jede Ästhetisierung und damit ähnlich schmucklos wie das restliche Erscheinungsbild DER EXTERMINATORs. Insbesondere die Szene, in der ein anzugtragender Halunke an einem Haken von der Decke hängend in einer riesigen mechanischen Fleischfräse endet, brennt sich als Sinnbild des filmischen Nihilismus ein.

Als Gegenentwurf zu Eastland agiert der vom ehemaligen Western-Akteur Christopher George [→ DRECKIGES GOLD] verkörperte Kriminalbeamte James Dalton, der den Rächer am Ende auch stellt. Wider gängiger Schablonen wird er allerdings nicht zu dessen Widersacher aufgebaut. Mehr noch: Die meiste Zeit agiert er völlig losgelöst von der Haupthandlung. Anstatt mitzuerleben, wie er Ermittlungen anstellt, Erkenntnisse gewinnt, sich auf Eastlands Spur setzt und seinem Zielobjekt dabei immer näher kommt, sieht man ihm bei seinem wenig spektakulären Alltagstrott zu. Dazu gehört auch eine kleine Liebelei mit der Ärztin Megan Stewart (Samantha Eggar aus KEIN KOKS FÜR SHERLOCK HOLMES) und natürlich liegt die Vermutung nahe, das werde später noch einmal von inhaltlichem Belang sein. Aber so ist es nicht. Obwohl ihren gemeinsamen Telefonaten, Strandspaziergängen und Abendessen recht viel Zeit gewidmet wird, kommt es niemals zu einer Verbindung mit dem Fall Eastland. Natürlich könnte man es sich hier einfach machen und behaupten, Glickenhaus habe beim Schreiben lediglich versucht, Zeit zu schinden. Aber tatsächlich funktioniert das Konzept, weil es zeigt, welche alternativen Wege sich beschreiten lassen, um im Großstadtdschungel zu bestehen. Es ist kaum anzunehmen, dass Dalton als Polizist und Stewart als Ärztin mit weniger Gewalt und Elend konfrontiert werden als Eastland es wird. Aber während der eine zum desillusionierten Selbstjustizler wird, suchen sich zwei andere mitten im Moloch ihr kleines privates Glück.

Jeder Vigilantenfilm muss sich am Urvater des Genres messen lassen: Michael Winners DEATH WISH von 1974 mit Charles Bronson in der Hauptrolle. Zwar liegt ein Vergleich zunächst nahe, da hier wie dort ein einsamer Racheritter durch das Dunkel der Großstadt streift. Längere Zeit darüber nachgedacht, ergeben sich jedoch fast mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Denn der Exterminator ist kein Durchschnittstyp, der nach und nach zur Mordmaschine wird. Er ist bereits eine. Er braucht keinen Progress, um zum Richter und Henker zu werden. Nur einen Auslöser. Denn Tod und Gewalt, das kennt er schon längst. Auch die Folgen seiner Taten unterscheiden sich auffallend vom (vermeintlichen) Vorbild: Während die Behörden dort zum heimlichen Verbündeten des Abweichlers werden, wird er hier zum Staatsfeind erklärt und zum Abschuss freigegeben. So ist DER EXTERMINATOR am Ende auch eine Abhandlung über das Los der Kriegsheimkehrer, die von den Mächtigen erst ausgenutzt, dann aber im Stich gelassen wurden. Das verleiht dem vordergründig natürlich sehr plakativen Werk eine unerwartete Tiefe, die es aus dem Gros seiner Mitbewerber hervorstechen lässt.

Zwischen all den von Schmutz und Tristesse geprägten Bildern gelingen Kameramann Robert M. Baldwin [→ GRAUEN UM JESSICA] zudem ein paar wunderbare surreale Momente. Etwa jener, in dem Eastland einen Anruf tätigt – aus einer einzelnen völlig intakten Telefonzelle inmitten eines riesigen Trümmerhaufens. Ein paar Klischees und Albernheiten muss man freilich dennoch in Kauf nehmen. Genannt seien das Auto, das mal wieder grundlos explodiert, die beiden Geldeintreiber, die aussehen, als kämen sie gerade vom Jahrestreffen der Blues-Brothers-Fangemeinde, oder der Unterschlupf der brutalen Straßengang, die dort dermaßen entspannt zu launiger Disco-Mucke herumschwoft, dass man einen Moment lang meint, Eastland habe sich in der Tür geirrt und mische gerade versehentlich einen chilligen Studentenclub auf.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 29. September 2025

DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER


IL GRANDE COLPO DEI SETTE UOMINI D’ORO
Italien/Frankreich/Spanien 1966

Regie:
Marco Vicario

Darsteller:
Philippe Leroy,
Rossana Podestà,
Gastone Moschin,
Gabriele Tinti,
Giampiero Albertini,
Dario De Grassi,
Manuel Zarzo,
Enrico Maria Salerno



„Das ist doch unmöglich – die Farbe Ihrer Augen kann doch nicht wechseln!“
„Das tut sie immer, wenn ich verliebt bin.“


Inhalt:

Der verbrecherische Vordenker Alfred [Philippe Leroy] und sein kriminelles Komplizen-Kollektiv, die Goldenen Männer, sind wieder in Aktion: In Rom knackt die Räuberbande einen Tresorraum auf altbewährte Art und Weise. Aber dieses Mal hat sie Pech – am Ausgang des Fluchttunnels wartet schon der amerikanische Geheimdienst, um die Gruppe in Gewahrsam zu nehmen. Überraschenderweise ist dieser aber gar nicht primär daran interessiert, die Gauner gesiebte Luft atmen zu lassen. Stattdessen möchte er die Dienste der Bande selbst in Anspruch nehmen. Der Grund: Auf einem südamerikanischen Eiland stiftet ein kommunistischer Extremist [Enrico Maria Salerno] jede Menge revolutionäre Unruhe. Die Goldenen Männer sollen ihn entführen – als Dank winken sieben Millionen Dollar und die Freiheit. Der Deal wird akzeptiert. Als Köder agiert Alfreds verführerische Freundin Giorgia [Rossana Podestà], die sich das Vertrauen des eitlen Umstürzlers erschleicht und ihn in Windeseile um den Finger wickelt. Was noch keiner ahnt: Während Giorgia das Entführungsopfer weichklopft, plant Alfred parallel dazu noch ein eigenes Ding. Im Hafen der Hauptstadt liegt nämlich ein russischer Militärfrachter vor Anker – und in diesem lagern 7000 Tonnen Gold.

Kritik:

Das verschmitzte Bankraub-Intermezzo SIEBEN GOLDENE MÄNNER kam 1965 so gut an, dass das erfolgreiche Septett nur ein Jahr nach seinem ersten Kino-Coup abermals zuschlagen durfte. Dafür wurden keinerlei Kompromisse gemacht und wirklich alle sind wieder mit dabei: Philippe Leroy als affektierter Anführer, Rossana Podestà als die schillernde Frau an seiner Seite und all ihre kauzigen Kumpanen aus aller Herren Länder. Auch hinter der Kamera ändert sich rein gar nichts, weswegen die Fortsetzung zumindest auf personeller Ebene dem Vorgänger alle erdenkliche Ehre macht. Allerdings auch nur auf dieser. Denn die Belegschaft, so kristallisiert sich schnell heraus, ist auch so ziemlich das einzige, was mitgenommen wurde. DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER unterscheidet sich nämlich in nicht unerheblichem Maße vom ersten Teil und geht inhaltlich wie stilistisch eigene Wege. Dabei wähnt sich das Publikum zunächst noch auf vertrautem Terrain, wenn die Ereignisse der ersten Minuten das Original noch bestmöglich rekapitulieren und der einleitende Raubzug abermals mittels Tarnmanöver, Tunnelgebrauchs und technischen Geräts erfolgt. Allerdings gibt dieses Mal nicht etwa Giorgia den Blickfang in der Bankfiliale, wie es erst den Anschein hat, sondern ihr Partner Albert, in fesche Frauenkleider gehüllt, während sie selbst Zigarre schmauchend im Hotelzimmer hockt und Anweisungen gibt. Dieser Rollentausch spielt bereits gekonnt mit der Erwartungshaltung, wenn vertraute Situationen erst erschaffen, dann aber auf links gedreht werden – wie sich die gesamte Fortsetzung ebenfalls weigert, Vertrautes zu servieren.

War Teil 1 bereits dezent unterwandert von den Mechanismen des Agentenfilms, unternimmt Teil 2 fast einen Hechtsprung in eben jenes Metier, wenn die Goldenen Männer plötzlich von der CIA eingespannt werden, um einen unliebsamen Kommunisten-Strolch von einer südamerikanischen Insel zu entführen. Warum davon ausgegangen wird, eine Handvoll Bankräuber seien das perfekte Personal, um einen Revoluzzer hopszunehmen, bleibt dabei völlig schleierhaft. Hat der Geheimdienst keine eigenen Leute für sowas? Was machen die denn beruflich? Jedenfalls ändert dieser Auftrag die Tonart erheblich, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Lief der Coup im Vorgänger noch im Verborgenen ab, bricht sich hier die große und ganz und gar nicht geheime Action bahn. Da werden Fäuste geschwungen, Maschinengewehre leergeballert und Torpedos abgefeuert – von der früheren Filigranität ist nichts mehr übrig, es regiert die grobe Kelle. Gleichzeitig werden auch die Gimmicks zahlreicher, denn kaum eine Aktion verläuft hier ohne bizarre Hilfsmittel. Der Flugrucksack und das Luftkissenboot gehen dabei fast noch als realistisch durch, aber manches Mal wird auch übers Ziel hinausgeschossen, wenn ein Gegner beispielsweise mittels eines fliegenden Boxhandschuhs ins Reich der Träume geschickt wird. Und wenn dann noch der gefangengesetzte Aushilfs-Fidel-Castro an einen funkensprühenden Traumabbildungsapparat angeschlossen wird, gleitet das SUPERDING endgültig in Richtung halbseidenen Science-Fiction-Quatsch ab.

Derlei Albernheiten hätte es wahrlich nicht gebraucht, kratzen sie doch ein wenig am unschuldigen Charme der Show und an dem Eindruck, Autor und Regisseur Vicario würde sein Publikum in ausreichendem Maße ernstnehmen. Den Spaß an der Sache kann das dennoch kaum trüben, denn DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER ist insgesamt doch ein schöner Cocktail geworden, der auch von dem exotischen Insel-Setting profitiert. Die überschaubaren Schauplätze des Erstlings, der überwiegend unter Tage, im Hotel oder in der Bank stattfand, weichen einem bunten Abenteuerspielplatz mit jeder Menge Urlaubsflair, bei dem zudem alle naslang auch noch die Kulisse gewechselt wird. Auch die Verschiebung in Sachen Figurengewichtung muss als gute Idee gewertet werden. Albert, der bei Teil 1 den Ton angab, hält sich hier nämlich eher bedeckt im Hintergrund und überlässt stattdessen seiner Partnerin das Feld, weswegen Darstellerin Rossana Podestà endlich zeigen kann, was sie auf dem Kasten hat. Zwar hat sie lediglich die eigentlich abgestandene Rolle der verhängnisvollen Verführerin inne, aber was sie daraus macht, ist ein wahres Fest. Nahezu jede Szene, in der sie auftritt, beherrscht sie komplett und die Momente, in denen sie „Il Generale Presidente“ fachgerecht um den Finger wickelt, gehören zu den Glanzlichtern der Veranstaltung. Dass ihr Bezirzungsopfer von Enrico Maria Salerno [→ DAS SYNDIKAT] verkörpert wird, macht die Angelegenheit definitiv nicht schlechter. Dieser ist ja eher für seriöse Rollen bekannt und geschätzt, weswegen sein Mitwirken in fröhlichem Unfug wie diesem schon ein kleiner Lacher für sich ist. Den radikalen Revolutionsführer erweckt er als gleichermaßen affige wie naive Machtmenschen-Karikatur zum Leben, wobei das Skript auf tatsächliche politische Stellungnahmen verzichtet.

Was der Fortsetzung fehlt, ist ein klarer Fokus, pendelt die Story thematisch bisweilen doch arg hin und her. Die Nebenepisode, in der die Bande versucht, einen Frachter um seine goldene Ladung zu erleichtern, verträgt sich nicht so recht mit der Entführungsgeschichte, weil beide Handlungsstränge sich gegenseitig immer ein wenig ausbremsen. Auch gehen die titelgebenden Männer, die ja eigentlich Sympathiefiguren sein sollen, bei der Kaperung erstaunlich brutal und skrupellos zu Werke, was nicht wirklich zu dem Eindruck passt, den sie bis dahin hinterlassen haben. Das ist dann wohl ein Nebeneffekt des Fortsetzungssyndroms, des Fluchs, dass beim zweiten Teil immer alles noch ein bisschen lauter, härter und schneller sein muss. Aber da das Superding als Ganzes so fabelhaft comicartig geriet und auch nie selbst damit handert, sind kleinere Ausfälle wie diese verzeihbar. Wie wenig ernstzunehmen die Chose ist, zeigt die Sequenz, in der Giorgia zu einem Geständnis gezwungen werden soll, indem man eine Handvoll Schwarzer Witwen auf sie zu krabbeln lässt. Allerdings sind diese so eindeutig als mechanische Spielzeuge erkennbar, dass man direkt nach den Aufziehschlüsseln auf den Rücken sucht. Passenderweise zeigt sie dann auch nicht die Spur von Furcht, sondern krault einen der tatsächlich ziemlich knuffigen Achtbeiner, als wäre er ein kleines Kätzchen. 

DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER endet mit Szenen aus der Eröffnung des Vorgängers, wodurch wohl symbolisch so eine Art Kreis geschlossen werden soll. Da beide Auftritte der Goldenen Männer so unterschiedlich ausgefallen sind, wirkt das zwar nicht ganz stimmig, aber immerhin garantiert diese Vorgehensweise jede Menge Abwechslung. Wo Teil 1 eine amüsante, überwiegend jedoch seriös aufbereitete RIFIFI-Variante war, wirkt Teil 2 mit seinen zahlreichen Action- und Abenteuerversatzstücken, wie U-Boote, Torpedos, Revoluzzer, Feuergefechte, Tauchgänge und Haiangriffe, wie die inoffizielle Verfilmung eines TIM UND STRUPPI-Bandes. Und das ist wahrlich nicht die schlechteste Referenz.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 22. September 2025

SIEBEN GOLDENE MÄNNER


SETTE UOMINI D'ORO
Italien 1965

Regie:
Marco Vicario

Darsteller:
Philippe Leroy,
Rossana Podestà,
Gastone Moschin,
Gabriele Tinti,
Giampiero Albertini,
Dario De Grassi,
Manuel Zarzo,
Maurice Poli



„Eine winzige Kleinigkeit lässt den besten Plan zum Teufel gehen.“
„Und wenn man selbst der Teufel ist?“

Inhalt:

Albert [Philippe Leroy], ein britischer Gentleman, und dessen Geliebte, die divenartige Giorgia [Rossana Podestà], beziehen gut gelaunt eine luxuriöse Suite in einem Hotel in der Genfer Innenstadt. Kaum unter sich, öffnen sie ihre Koffer und füllen ihr Zimmer mit allerlei Schnickschnack: Radaranlage, Funkgerät – und ein Teleskop. Denn der Ausblick interessiert die beiden brennend. Direkt gegenüber erhebt sich nämlich das Hauptgebäude der „Credit Suisse Bank“. In diesem lagern die größten Goldreserven des Landes. Und dazwischen, gut verborgen zwischen all dem Hochkarätigen, liegt ein Peilsender – deponiert von Giorgia, nachdem der arglose Bankdirektor der attraktiven Frau nur wenige Stunden zuvor Einblick in die Schatzkammern gewährt hatte. Nun wird unten auf dem Vorplatz eine Baustelle errichtet. Sechs Straßenarbeiter nehmen ihre Arbeit auf. Jeder von ihnen stammt aus einem anderen Teil der Welt. Noch bis vor kurzem hat keiner den anderen gekannt. Ihre Vornamen beginnen alle mit demselben Buchstaben: A. A wie „Albert“. Das ist kein Zufall. Denn Albert ist der Kopf des Ganzen. Er rekrutierte die Männer. Er konstruierte den Plan. Und er hält die Fäden in der Hand. Auf sein Zeichen geht es los: Die sechs Komplizen begeben sich in die Tiefe und bahnen sich, per Funk gesteuert von den Anweisungen Alberts, ihren Weg durch die Kanalisation – schnurstracks in Richtung Reichtum.

Kritik:

Der französische RIFIFI (oder, im Original ausführlicher: DU RIFIFI CHEZ DES HOMMES) von 1955 verhalf aufgrund seines Erfolges einem Subgenre des Kriminal- und Gangsterfilms zu plötzlicher Popularität: dem Heist-Movie. Seither versammelten sich immer wieder mal mehr, mal weniger illustre Schauspieler-Ensembles auf der Leinwand, um gemeinsam den perfekten Raub zu begehen. SIEBEN GOLDENE MÄNNER reiht sich da recht nahtlos ein und variert die bekannten Story-Stationen nur rudimentär. Die düstere Noir-Attitüde der Vorlage allerdings weicht hier der beschwingten Lebensfreude der 1960er-Jahre, während die Erzählung selbst mit Elementen und Stilmitteln des damals ungemein angesagten Agentenfilms verknüpft wird. Das läuft wunderbar rund, zum einen, weil Regisseur Marco Vicario [→ DIE NACKTEN STUNDEN] sein Werk voll und ganz im Griff hat, zum anderen, weil das Publikum hier schlichtweg genau das bekommt, was es auch erwartet: die Faszination der Verbrechensplanung, den Nervenkitzel bei deren Umsetzung – und nicht zuletzt, dem Zeitgeist entsprechend, eine gehörige, wenngleich das Szenario nicht erdrückende Portion Humor.

Dramaturgisch geschickt wird der Zuschauer zu Beginn erst einmal ins kalte Wasser geworfen. Die Aktion startet nämlich ziemlich unverzüglich und verzichtet auf deskriptives Vorgeplänkel. Mit Erklärungen wird ökonomisch umgegangen, Personen werden nicht vorgestellt und Zusammenhänge müssen in Eigenverantwortung eruiert werden. Das funktioniert auch deswegen, weil die Autoren (zu denen auch der Regisseur selbst gehört) eine gewisse Vorerfahrung seitens des Publikums voraussetzen können – die Konventionen sind schließlich geläufig und für welches Genre die Eintrittskarte gelöst wurde, sollte ebenfalls bekannt sein. Worum es geht und wie genau der Plan aussieht, erschließt sich einem somit erst Stück für Stück, auch mittels mehrerer Zeitsprünge in vergangene Ereignisse. Wahnsinnig originell oder gar kompliziert ist das Vorhaben nun allerdings nicht und auch in puncto Glaubwürdigkeit müssen einige Abstriche gemacht werden. Aber darauf kommt es eigentlich gar nicht an: Im Mittelpunkt steht nicht der schnöde Realismus, sondern elegante Kino-Unterhaltung mit einer gesunden Dosis mondänen Flairs, das mit nahezu diebischer Freude zelebriert wird. Schon der Auftakt stellt die Weichen: Noch während die beschwingte Titelmelodie läuft, schäkern Philippe Leroy [→ MILANO KALIBER 9] als „Albert“ und Rossana Podestà [→ DAS SCHLOSS DES GRAUENS] als Giorgia in der schicken Limousine und scheinen dabei Steed und Peel aus MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE Konkurrenz machen zu wollen.

Dieser feinen Herausgeputztheit steht das harte Handwerk gegenüber, für das die sechs weiteren Goldenen Männer zuständig sind, die natürlich gar nicht golden sind, sondern die orangefarbenen Overalls der städtischen Straßenarbeiter tragen. Während Albert und Giorgia im Hotelzimmer die Nobelhobel geben und den Einsatz akribisch durchorchestrieren, simuliert der Rest der Belegschaft in besagter Tarnung die Umsetzung akuter Baumaßnahmen, während er sich eigentlich – stets per Funk mit der „Kommandozentrale Luxussuite“ verbunden – durch das unterirdische Tunnelsystem den Weg zum Tresorraum der nahgelegenen Bankfiliale bahnt. Die technischen Spielereien, die dabei aufgefahren werden, manövrieren das charmante Gaunerstück entschieden in Richtung Spionage-Krimi; neben recht profanen Dingen wie Sprengstoff, Betonbohrern und Förderbändern kommen auch Peilsender sowie Radaranlagen oder versteckte Kameras zum Einsatz. Geht es dabei anfangs noch recht gemächlich zu, steigen Tempo und Dramatik spürbar, je mehr sich der zugrundeliegende Plan herauskristallisiert und je vertrauter einem die Figuren werden. Denn dass der Coup nicht ohne Komplikationen abläuft, liegt in der Natur der Sache – und des Skripts, das natürlich redlich bemüht ist, möglichst viele spannungsfördernde Stolpersteine unterzubringen. Und so treiben neugierige Polizisten, versiegende Luftzufuhr oder außerplanmäßige Wachmannanwesenheiten die Pulsschläge der Protagonisten zwischenzeitig tüchtig nach oben.

Dass der Bruch dennoch gelingt, ist ebenfalls keine Überraschung – SIEBEN GOLDENE MÄNNER folgt dann doch zu sehr den Regeln des Reißbretts, um das Rad neu zu erfinden. Und natürlich geht nach erfolgreichem Abschluss der Aktion das große Behumsen los: Jeder will plötzlich die Beute für sich und auf die einstige Kameradschaft wird ein goldener Haufen gesetzt. Das geschieht allerdings erst nach gut einer Stunde – so lange dauert es nämlich, bis die Barren ins Trockene gebracht sind. Leider bricht damit die Nervenkitzelkurve auch ein wenig ein. Vor allem das Finale zieht sich doch ziemlich und geriet auch generell eher unbefriedigend. Dem positiven Gesamteindruck freilich kann das nichts anhaben – zumal im letzten Drittel, nachdem sie zuvor in erster Linie als Blickfang eingesetzt wurde, auch endlich die Frau an der Seite der sieben Goldjungs charakterlich an Profil gewinnen darf. Rossana Podestà war die Gattin des Regisseurs, der ihre Ausstrahlung gekonnt in Szene zu setzen wusste. So steckt sie bei nahezu jedem ihrer Auftritte in einem neuen extravaganten Kostüm, trägt die imposanteste Perückenpracht spazieren und die verruchteste Brillenmode zur Schau, bevor sie sich im halbtransparenten Catsuit grazil auf der Couch lümmelt. Dass sie weitaus mehr auf dem Kasten hat, als durch Liebreiz zu glänzen, und ihre Rolle über die des attraktiven Anhängsels hinausgeht, beweist sie vergleichsweise spät, aber dafür umso eindrücklicher.

SIEBEN GOLDENE MÄNNER mag RIFIFI als Blaupause nutzen, besitzt jedoch genügend eigene Qualitäten, um aus dem Schatten des Vorbilds herauszutreten. Der spitzbübische Humor ist wohldosiert und schwebt eher als ironischer Unterton über dem Geschehen. Zugleich setzt die Inszenierung gezielt auf Kontraste: hier das Schwelgen in der luxuriösen Umgebung von Schalterhalle und Hotelzimmer, dort die Ungemütlichkeit des Untergrunds mit all seinen Rohren, Gängen und Ungastlichkeiten. Nicht jeder Einfall zündet gleichermaßen: Dass alle Männer namentlich mit „A“ beginnen und aus unterschiedlichen Ländern stammen, ist ein Gimmick, das eher redundant wirkt. Zumindest in der deutschen Fassung mutet Philippe Leroy als Anführer mit seiner verschliffenen Artikulation und den englischsprachigen Einschüben auch weniger wie ein Brite an, denn eher wie jemand, der sich gleich nen Tex-Mex-Burger mit doppelt Zwiebeln bestellen wird. Im Gegenzug dazu wurde in der Synchronfassung unterschlagen, dass eigentlich auch ein Deutscher zu den Goldenen Männern gehört – wahrscheinlich, weil dieser im Original den originellen Namen „Adolf“ trägt, der ja dezent vorbelastet ist. In der deutschen Fassung heißt er nun „Arturo“ und soll vermutlich einen Italiener darstellen. Für gute Laune sorgt zusätzlich die musikalische Untermalung, ein flauschiger Klangteppich, der ganz im Sinne des Zeitgeists gewoben wurde: locker-leichter Jazz, Bossa-Nova-Einflüsse und fröhlich gepfiffene Melodien, dazu lässige Orgel- und Trompetenklänge. All das in einem Kessel miteinander verschmolzen, macht aus den Goldenen Männern am Ende glänzende Unterhaltung. Das Publikum sah das wohl ähnlich – weswegen sie im Folgejahr gleich für einen neuen Coup zurückkehren durften.

Laufzeit: 91 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 15. September 2025

DER TODESRÄCHER VON SOHO


DER TODESRÄCHER VON SOHO
BRD 1972

Regie:
Jess Franco

Darsteller:
Fred Williams,
Horst Tappert,
Barbara Rütting,
Elisa Montés,
Siegfried Schürenberg,
Rainer Basedow,
Wolfgang Kieling,
Jess Franco



„Hallo! Hier spricht Edgar Wallace … sein Sohn.“


Inhalt:

In London mordet es sich immer noch am schönsten. Dieser Auffassung ist zumindest ein mysteriöser Messerwerfer, der seine Klingenschleuderkunst dazu missbraucht, ein paar Herren in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Zuvor packt der Killer seinen Opfern aber jedes Mal noch die Koffer. Inspektor Redford [Fred Williams] versteht die Welt nicht mehr und sein Freund, der Krimi-Autor Charles Barton [Horst Tappert], der sich mit Rätseln aller Art beschäftigt, ist ihm ebenfalls keine Hilfe. Eine vage Spur führt den Ermittler schließlich zu dem undurchsichtigen Dr. Bladmore [Siegfried Schürenberg] und dessen Assistentin Helen [Elisa Montés].

Kritik:

Kino-Krimi-Kundigen dürfte der Inhalt entfernt bekannt vorkommen. Die ausgetauschten Namen täuschen nicht darüber hinweg, dass hier lediglich der gut 10 Jahre zuvor entstandene DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER neu geschnürt wurde. Sinn und Zweck der Aktion sind durchaus streitbar, zumal die vorherige Verfilmung gut goutierbar war und diese Neuinterpretation ihr nichts Nennenswertes hinzuzufügen hat. Interesse weckt sie dann auch in erster Linie als Anschauungsobjekt dafür, wie unterschiedlich sich ein und dieselbe Story interpretieren und inszenieren lässt. Denn obwohl DER TODESRÄCHER VON SOHO seinem Vorgänger erstaunlich dicht folgt, teils bis in den Dialog hinein, ist seine Wirkung doch völlig anders. War schon das Original nicht unbedingt ein Musterbeispiel stringenten Erzählens, gleicht die Präsentation hier durch das Weglassen oder zu lapidare Abhandeln von Informationen zeitweise einem Puzzle mit fehlenden Teilen. Beinahe publikumsverachtend springt man ziellos von Ort zu Ort, von Person zu Person, von Zeile zu Zeile, und erzählt dabei nur scheinbar eine Geschichte. In Wahrheit aber irrlichtern konturlose Gestalten wie Gespenster durch die Gegend und suggerieren eine nicht vorhandene Bedeutung, ohne dabei einen Hauch von Halt oder Orientierung zu bieten. Gelegenheiten, Einzelszenen spannend zu gestalten, wurden dabei fast konsequent in den Wind geschlagen.

Wer einen flüchtigen Blick auf den Namen des Regisseurs wirft und sich ein wenig im europäischen Bahnhofskino der damaligen Zeit auskennt, wird vermutlich nicht groß staunen: Dem Spanier Jess Franco, der eigentlich Jesús Franco Manera hieß, ging es eigentlich nie um die Einhaltung dramaturgischer Konventionen, sondern um das Kreieren von Stimmungen. Oft mit surrealer Note versehen und nicht selten unter prekären finanziellen Bedingungen entstanden, meist unter Zuhilfenahme populärer Zutaten wie Nacktheit, Kunstblut und unmoralischem Gebaren. Gerade deswegen verwundert es, dass man die Chance, veränderten Sehgewohnheiten Tribut zu zollen, überwiegend ungenutzt ließ. Das Original war, den Zeitumständen geschuldet, nämlich eigentlich viel zu brav und schrie regelrecht nach einer reißerischen Aufarbeitung. Brutale Messermorde, Wahn und Suizid im Drogenrausch, verruchte Tanzlokale auf sündigen Meilen ... Eigentlich ein Heimspiel für den Regisseur, der sich seine Lorbeeren in diesen Bereichen längst verdient hatte. Ausgerechnet hier legte er jedoch eine ungewöhnliche Zurückhaltung an den Tag. Immerhin führt der Weg einmal in die berühmte „Flamingo-Bar“, die nur deswegen so berühmt ist, weil sie andauernd in Jess-Franco-Filmen erwähnt und/oder besucht wird. Da sitzen die Herr- und Damschaften dann immer ganz gesittet, als befände man sich nicht etwa in einer miesen Spelunke, sondern im vornehmen Opernhaus, und schauen zu schwofeligem Saxophongesäusel dem Mädchen der Saison minutenlang beim mal mehr, mal minder rythmischen Ablegen der Abendgarderobe zu. Aber nicht einmal das wird hier vollends ausgespielt, wendet sich die Kamera doch fast schamhaft von der Bühne ab, bevor die Show überhaupt erst so richtig beginnt. 

Das ist umso rätselhafter, da es offensichtlich nie das Ziel war, sich als anspruchsvolle Unterhaltung zu tarnen. DER TODESRÄCHER VON SOHO ist bis ins Mark durchdrungen von den typischen Schmuddel-Schwingungen des damaligen Bahnhofskinos, vor allem manifestiert in seinem schäbigen Look, der stark von Schauplätzen wie düsteren Hinterhöfen und ungastlichen Gässchen geprägt ist. Um den tristen Örtlichkeiten doch noch ein bisschen Leben einzuhauchen, lichtete sie Kameramann Manuel Merino Rodríguez [→ DIE SIEBEN MÄNNER DER SUMURU] oftmals im Weitwinkelmodus und aus ungewöhnlichen Perspektiven ab. Das Ergebnis sind unwirkliche, teils (alp-)traumhafte Bilder, die an den deutschen Expressionismus erinnern. Zwar wirkt der Einsatz eher willkürlich, statt wirklich Teil eines künstlerischen Konzepts zu sein. Dennoch bleibt die Bildgestaltung der einzige Aspekt, der zumindest im Ansatz den Anschein von Ambition vermittelt. Da begeben sich die Protagonisten schonmal zwischen zwei Spiegel, um einen sehnervverwirrenden Blick in die Unendlichkeit zu ermöglichen. Ins Auge stechen des Weiteren eine kurze visuelle Hommage an Alfred Hitchcocks VERTIGO sowie das Finale, wenn der Schurke versucht, der Justiz durch einen Tunnel zu entkommen – Bilder, die für den Bruchteil einer Sekunde an ähnliche Augenblicke aus dem Klassiker DER DRITTE MANN erinnern. Dass der Ort je nach Einstellung völlig anders ausgeleuchtet ist und Licht und Schatten sich dabei fröhlich die Klinke in die Hand geben, beweist dann allerdings wieder die generelle Gleichgültigkeit, mit der man hier zu Werke ging.

Die Besetzungsliste wird angeführt von Horst Tappert [→ PERRAK] als rotzigem Privatermittler mit Selbstjustiz-Allüren. Horst tappert trantütig durch die kargen Kulissen und lässt dabei keine Identifikationsmöglichkeit zu – zumal die Hintergründe seiner Figur über weite Strecken im Dunkeln bleiben. Ähnlich verhält es sich mit dem von Fred Williams [→ SIE TÖTETE IN EKSTASE] verkörperten Inspektor Redford, der laut Skript ein gewitzter Kriminalist sein soll. Aber anstatt zu ermitteln und logische Schlussfolgerungen zu ziehen, markiert er lieber den Schürzenjäger, taumelt ziellos durch die Gegend und trifft Entscheidungen, die schlichtweg nicht nachvollziehbar sind. Zwar gelingt es ihm am Ende, den Täter zu stellen, aber das ist eher dem Zufall als seinem Spürsinn zu verdanken. Insgesamt ist seine Rolle so überflüssig, dass man ihn auch gleich ganz aus dem Spiel hätte lassen können. Siegfried Schürenberg ist dem Krimifilmfan noch gut bekannt als Sir John von Scotland Yard aus der klassischen Edgar Wallace-Reihe, erstmals 1962 in DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN. Hier spielt er als zwielichtiger Arzt eine völlig andere Rolle, zwar gewohnt routiniert, sich aber sicherlich auch fragend, was das eigentlich alles soll. Perlen vor die Säue warf man mit Elisa Montés [→ DJANGO – DER RÄCHER], die in ihrer ersten Szene sehr charmant und schlagfertig eingeführt wird, später aber wirklich nur noch flennen und sich retten lassen darf. Für die humoristische Note sorgt Luis Morris [→ TODESMELODIE] als Fotograf, der laufend Sätze vom Stapel lässt wie „Ach, wie wunderbar sind doch des Schicksals Fügungen“. Die Figur kommt in der Kritik im Allgemeinen schlecht weg, ist aber tatsächlich ganz witzig und um Lichtjahre besser als ihr von Chris Howland gespieltes Pendant im originalen DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER. Und auch Regisseur Jess Franco [→ SADISTEROTICA] selbst gibt wieder einen Gastauftritt als „Messerexperte“ (ein schöner Beruf!), der allerdings nichts Nennenswertes beisteuert.

Gedreht wurde offenbar in Spanien – oder war es doch Portugal, wie von Jess Franco selbst einmal behauptet? Sicher ist nur: London war es nicht, auch wenn das Drehbuch unermüdlich darauf besteht. Allerdings gaben sich die Macher nicht einmal für fünf Pfennige die Mühe, eine überzeugende Illusion aufzubauen, was für ein maximales Desinteresse spricht, eine glaubhafte Welt zu servieren. Natürlich wäre es ein Leichtes, den Schwarzen Peter dafür dem Regisseur zuzuschieben, aber damit machte man es sich etwas zu einfach. Denn auch den Produzenten war offenbar nicht daran gelegen, ihrem Publikum etwas Brauchbares zu bieten. Hauptsache, auf der Leinwand bewegt sich was und der Name „Bryan Edgar Wallace“ (von dem stammt die Romanvorlage) steht als Lockmittel auf dem Plakat. Stand die "Wallace"-Marke gut zehn Jahre zuvor noch für eine gewisse (sogar stilbildende) Sorgfalt, kann davon hier nun wahrlich nicht mehr die Rede sein. Der schluderig zusammengeschusterte DER TODESRÄCHER VON SOHO ist für eine Massenbegeisterung völlig ungeeignet und nahezu ausschließlich für Fans der verschrobenen Eigenarten des Regisseurs von Interesse. Denn wie so oft bei Franco treffen visuelle Finesse und skurrile Einfälle auf einen (vermeintlichen) Dilettantismus, was einen durchaus faszinierenden Effekt erzielt. Wenn sich dazu noch Dialoge gesellen wie „Was wollen Sie?“ – „Ich möchte Sie heiraten!“ – „Ich hab heute meinen Quarktag und an meinem Quarktag heirate ich nie“, läuft ohnehin fast jede ernsthafte Kritik ins Leere.

Wer sich für die Lösung des Rätsels um die gepackten Koffer interessiert, der muss sich nach Auslaufen des Abspanns übrigens die letzten Minuten der älteren Verfilmung zu Gemüte führen. Die hat man hier nämlich schlichtweg vergessen. Dabei hätte man bei der Gelegenheit auch gleich mal klären können, warum überhaupt die ganze Zeit von Koffern die Rede ist, obwohl es doch offenkundig Reisetaschen sind.

Laufzeit: 81 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 8. September 2025

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER


DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER
BRD 1962

Regie:
Werner Klingler

Darsteller:
Joachim Hansen,
Senta Berger,
Hans Reiser,
Leonard Steckel,
Chris Howland,
Peter Carsten,
Helga Sommerfeld,
Stanislav Ledinek



Ruhig, Brauner? Von wegen! Nachdem die Rialto-Film-GmbH mit ihren auf Vorlagen des britischen Autors Edgar Wallace basierenden Grusel-Krimis ab 1959 unerwartete Erfolge einheimsen konnte, zögerte die Konkurrenz nicht lang. Auf der Suche nach weiterem gewinnträchtigem Material stieß Produzent Artur Brauner auf den Filius des prominenten Vielschreibers, der sich ebenfalls als Verfasser schauriger Verbrechensgeschichten verdingte und dessen Name praktischerweise nur eine Silbe länger war: Bryan Edgar Wallace. Brauner sicherte sich nicht nur die Verfilmungsrechte an dessen Storys, sondern auch die Erlaubnis, eigene Stoffe unter dem Wallace-Banner vertreiben zu dürfen. Schon das zeigt, dass Inhalte hier gar nicht so wichtig waren – entscheidend war die Marke. Und tatsächlich klebte der findige Geschäftsmann das Wallace-Etikett in den Folgejahren auch auf eingekaufte Produktionen, die mit dem angeblichen Verfasser nicht das Geringste zu tun hatten. DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER, das erste Werk dieser neuen Reihe aus dem Jahre 1962, trägt das Siegel jedoch noch zurecht, denn es handelt sich tatsächlich um die Adaption einer Geschichte des berühmten Sohnes, die dem Vorbild wenig überraschend inhaltlich wie stilistisch bestmöglich nacheifert.

Inhalt:

Scotland Yard ist in Aufruhr. Schon mehrere Geschäftsmänner wurden per Dolchwurf hingerichtet. Das Mysteriöse: Der Mörder nahm sich jedes Mal die Zeit, seinem Opfer zuvor noch den Koffer zu packen. Wer seine Siebensachen verschnürt vorfindet, muss mit seinem baldigen Ableben rechnen. Inspektor Finch [Joachim Hansen] und sein Vertrauter, der Kriminologe Curtis Humphrey [Hans Reiser], versuchen gemeinsam, das Rätsel zu lösen, tappen aber überwiegend im Dunkeln. Eine vage Spur führt schließlich zur Praxis des ominösen Dr. Bransby [Leonard Steckel], der sich zunächst verdächtig macht, die Bedenken aber auch schnell wieder zerstreuen kann. Dafür lernt Finch bei dem Besuch die attraktive Arzthelferin Susan Brown [Senta Berger] kennen, auf die er auch prompt ein Auge wirft. Die junge Frau stammt aus den Vereinigten Staaten und ist erst kürzlich nach London gereist, um ihren Bruder zu suchen, der vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist.

Kritik:

Es ist erahnbar: Natürlich hängen beide Fälle zusammen, wie hier ohnehin fast alles auf teils abenteuerliche Weise miteinander verknüpft ist. London ist groß, die USA sind es ebenfalls, aber am Ende ist trotzdem jeder irgendwie mit jedem verbandelt. Plausibel ist das nicht und inhaltlich kommt man laufend vom Hölzchen aufs Stöckchen. Zur Mörderhatz gesellt sich alsbald die Brudersuche und ähnlich hurtig befindet man sich unversehens in der halbseidenen Welt des Drogenhandels, alles dargeboten im Gewande des naiven Groschenromans und gespickt mit abstrusen Zufällen und haarsträubenden Ideen. Das erfindet das Wort „Aufregung“ gewiss nicht neu, ist aber schon mit sicherer Hand und Gespür für Atmosphäre umgesetzt. Speziell die Mordsequenzen sind stimmig arrangiert und bedienen sich mehrerer reißerischer Elemente, die erst später durch den italienischen Giallo kultiviert wurden, wie das schwarze Handkleid des Täters oder das effektive Aufblitzen der Klinge kurz vor der Tötung. Dass die panischen Opfer noch so sehr die Beine in die Hand nehmen können, vom Meuchler dennoch stets wider jede Logik eingeholt werden, nimmt sogar bereits den Slasher vorweg. Gegen Berufspsychopathen wie Michael Meyers oder Jason Vorhees hatten später ja nicht einmal professionelle Marathonläufer den Hauch einer Chance. Mit Maskierungen oder ähnlichen Gruselelementen hielt man sich hier ansonsten allerdings zurück, was fast ein wenig schade ist. Das hätte der allgemein eher dröge servierten Suppe zumindest noch etwas Salz hingefügt.

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER spielt zwar – mit Ausnahme weniger Minuten – in London, doch wie bei der Konkurrenz von Rialto wurden nur ein paar Stadtimpressionen tatsächlich in Großbritannien gedreht, der Rest wurde in Berlin in den Kasten gekurbelt. Die Übergänge funktionieren dabei erstaunlich gut, zumal man sich einige Mühe gab, die Illusion aufrechtzuerhalten. Wer ein paar der Orte kennt, dem zieht’s dennoch hin und wieder die Mundwinkel gen Himmel, wenn die Straßen Spandaus mit britischem Fuhrpark und Linksverkehr zweckentfremdet werden. Ein kurzer erzählerischer Abstecher in die USA, genauer gesagt in die dortige FBI-Zentrale, sollte vermutlich noch mehr Internationalität vortäuschen – nötig gewesen wäre er allerdings nicht. Die Informationen, die Hauptfigur Finch dort bekommt, hätte er ebenso gut per Telefon erfragen können. Gewiss, in der Realität wäre das nahezu unmöglich. Aber in der hier entworfenen Fantasiewelt sind Hindernisse wie Datenschutzbestimmungen und geheimdienstliche Regelwerke schlichtweg nicht existent. Da reicht ein kurzer kumpelhafter Bürobesuch unter Männern und schon wird das benötigte Material gönnerhaft aus dem Ärmel geschüttelt. Aus dramaturgischer Sicht äußerst schwach ist allerdings, dass Finch seine neu gewonnenen Erkenntnisse dann gar nicht nutzt. Und das auch nicht zum ersten Mal: Bereits zuvor erfuhr er aufgrund eines völlig bekloppten Zufalls, dass eine Person aus seinem Umfeld nicht so unschuldig ist, wie es scheint. Doch anstatt den Verdächtigen zur Rede zu stellen, Vorgesetzte einzuweihen oder zumindest weitere Untersuchungen einzuleiten, unternimmt er – nichts. Er lässt die Dinge einfach laufen, bis am Ende alle Fäden automatisch zusammenführen und die Sache sich von selbst auflöst.

Das zeigt, wie wenig Wert darauf gelegt wurde, dem Publikum eine durchdachte Geschichte zu präsentieren. Stattdessen verließ man sich auf bewährte Versatzstücke und lieferte routinierten Dienst nach Vorschrift. Da die Umsetzung in kompetenten Händen lag, ist das Ergebnis zumindest auf formaler Ebene vorzeigbar. Besonders die teils wunderschönen Schwarz-Weiß-Kompositionen von Kameramann Richard Angst [→ DAS INDISCHE GRABMAL] stechen ins Auge. Aufgrund vertraglicher Verpflichtungen konnten die Produzenten allerdings nicht auf die versierten Schauspieler der Rialto-Reihe zurückgreifen – prominente Gesichter wie Joachim Fuchsberger, Karin Dor oder Eddie Arent sollten fest mit dem „Original-Wallace“ verbunden bleiben. Im Nachhinein ist das durchaus als Vorteil zu werten, da hier einmal ein paar andere Gestalten die Gelegenheit bekommen, durch Nacht und Nebel zu ziehen. Als ermittelnder Inspektor gibt sich Joachim Hansen [→ PERRY RHODAN – SOS AUS DEM WELTALL] die Ehre. Er spielt solide, doch fehlt es ihm ein wenig an weltmännischer Kaltschnäuzigkeit. In seinen unvorteilhaftesten Momenten wirkt er wie ein öliger Schlagersänger, der seine schmierigen Flossen nicht bei sich behalten kann. Ziel seiner oft aufdringlichen Annäherungsversuche ist die ahnungslos in den Fall verstrickte Arzthelferin Susan Brown, die von Senta Berger [→ SHERLOCK HOLMES UND DAS HALSBAND DES TODES] wacker verkörpert wird, obwohl sie ihrem offensichtlichen Vorbild Karin Dor nicht das Wasser reichen kann. Für die (zweifelhafte) Komik sorgt Chris Howland [→ SADISTEROTICA], der als „Geräuschjäger“ mit Tonbandgerät und Mikrofon durch die Szenerie schleicht – und dabei zufällig immer genau dort auftaucht, wo gerade etwas passiert. Im echten Leben wäre das hochverdächtig und würde mit Untersuchungshaft enden, hier soll es ein Witz sein. Was noch fehlt, ist eine echte Type vom Schlage eines Klaus Kinski. Zumindest im Ansatz übernimmt diese Funktion Zeev Berlinsky [→ DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE] als Kleinganove, der zu Beginn versucht, den von Hans Reiser [→ DER WÜRGER VON SCHLOSS BLACKMOOR] dargestellten Kriminologen Humphrey zu erpressen. Strotzend vor Selbstbewusstsein steht er in dessen Wohnung und konfrontiert ihn mit seinem Vorhaben. Doch als dieser den Spieß umdreht und ebenfalls mit brisantem Wissen über sein Gegenüber aufwarten kann, sieht der verhinderte Verbrecher seine Felle davonschwimmen und verlässt das Zimmer kleinlaut und Entschuldigungen murmelnd wieder auf dem Wege, auf dem er bereits gekommen war: durchs Fenster.

Zum Glück gibt es mehrerer solcher gelungenen Momente, die stets als gesundes Gegengewicht zu den weniger geglückten dienen können. Zu letzteren zählt neben den gewohnt ungelenk umgesetzten Keilereien auch die Szene, in der eine Frau sich in Todessehnsucht vom Dach stürzt, was aber keine Sau zu kümmern scheint, denn als sie am Fenster vorbei segelt, geht das Leben in der Bar ganz normal weiter als wäre nichts gewesen. Monty Python machte später aus der Nummer einen Sketch. Die Dialoge haben derweil oft durchaus Pfiff und die jazzige Musik von Gert Wilden [→ KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI] verleiht dem Geschehen anständigen Schwung. Ernüchternd ist nur, wie gleichgültig den Autoren ihre eigene Story war, deren Auflösung extra im Eilverfahren abgefrühstückt wird, damit man gar nicht erst die Zeit hat zu bemerken, dass hier kaum etwas Sinn ergibt. Ein Ereignis, das Verschwinden einer Reisetasche vom Tatort, um das zuvor ein Riesen-Brimborium gemacht wurde, wurde vom Skript dann sogar vollkommen vergessen und somit gar nicht mehr aufgeklärt. Und dann wäre da noch der große geheimnisumwitterte Aufhänger: die Koffer, die der Killer seinem Kanonenfutter noch bereitstellt, bevor er zur Tat schreitet. Am Ende ist es dann tatsächlich nicht mehr als eben das: ein Aufhänger, ein Köder fürs mysteriumaffine Publikum, der ziemlich hurtig keine Rolle mehr spielt und dessen (natürlich ebenfalls hanebüchene) Erklärung final in einem Nebensatz heruntergerattert wird. Ein bisschen mehr hätten Brauner & Co. ihrem Publikum beim Imitieren schon zutrauen dürfen.

Laufzeit: 81 Min. / Freigabe: ab 16