Eigene Forschungen

Sonntag, 29. März 2026

THE KILLER


THE KILLER
USA 2024

Regie:
John Woo

Darsteller:
Nathalie Emmanuel,
Sam Worthington,
Omar Sy,
Diana Silvers,
Saïd Taghmaoui,
Hugo Diego Garcia,
Aurélia Agel,
Grégory Montel



Das Seltsamste an THE KILLER (2024) ist, dass er existiert.

Grund: THE KILLER (2024) ist die Neuverfilmung von THE KILLER (1989) – einem Meilenstein des Action- und Gangsterfilm-Genres, der als eines der Schlüsselwerke des Hongkong-Kinos gilt und oft als Musterbeispiel für eine meisterhafte Verschmelzung von Action und Drama herangezogen wird. John Woo inszenierte damals nach eigenem Drehbuch die Geschichte des Auftragsmörders Ah Jong (gespielt von Chow Yun-Fat), der bei einem seiner Jobs versehentlich einer unbeteiligten Frau das Augenlicht raubt und im Anschluss, von Schuldgefühlen geplagt, versucht, ihr die rettende Operation zu ermöglichen. Dieser Entschluss bringt nicht nur die Unterwelt gegen ihn auf, auch das Gesetz in Gestalt des Polizisten Li (Danny Lee) heftet sich an seine Fersen. Als beide Männer sich begegnen, erkennen sie im jeweils anderen eine verwandte Seele – und es erwächst eine ebenso absurde wie intensive Freundschaft, die über den Tod hinausgeht.

Der Clou von THE KILLER (1989) besteht darin, dass seine Geschichte über ihre bloße Erzählung hinausgeht. Denn nur vordergründig geht es um den berühmten „letzten Auftrag“ oder ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cop und Killer. Tatsächlich steht man der griechischen Tragödie näher als dem klassischen Action-Kino. Die beinahe ritterliche Bindung der Protagonisten zueinander, die am Ende stärker ist als Institutionen, Gesetze oder soziale Rollen, macht sie zu tragischen Helden in einer zerfallenden Welt, ihre Freundschaft steht sinnbildlich für die Hoffnung auf ein Überleben der Menschlichkeit. Die brachiale Action, die sich dabei gelegentlich Bahn bricht, dient in dem Zusammenhang weniger dem Spektakel als viel mehr als Katalysator für die innere Zerrissenheit der Charaktere. In der Rezeption wird Woos Werk entsprechend überwiegend als genretransformierender Markstein betrachtet und als Paradebeispiel dafür, wie Action, Drama und moralische Philosophie eine berauschende Symbiose eingehen können. Auch zahlreiche Filmemacher bekannten sich offen zum Fantum, bekannte Regisseure wie Quentin Tarantino oder Martin Scorsese ließen sich maßgeblich von Woos Stil inspirieren.

Warum also die Neuverfilmung eines Werks, das bereits an der Perfektion kratzt? Das von Kritik, Publikum und Kino-Kollegium gleichermaßen gefeiert wird und dem im Prinzip nichts mehr hinzuzufügen ist? Gute Frage! SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD würde ja schließlich auch niemand durch die Modernisierungsmaschine schicken und dafür Lob und Beifall erwarten. Nicht einmal eine veraltete Optik ließe sich begründend ins Feld führen, da die im Original zelebrierte End-Achziger-Ästhetik zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon längst wieder en vogue und bereits vielfachen Imitationsversuchen ausgesetzt war. Der Gedanke, die Geschichte THE KILLERs noch einmal zu erzählen, existiert allerdings schon fast so lang wie das Original selbst. Bereits Anfang der 1990er schrieben Walter Hill und David Giler ein entsprechendes Drehbuch, das irgendwann in der Entwicklungshölle verschmorte. Auch ein südkoreanischer Anlauf im neuen Jahrtausend verlief im Sande. Dass die neue Version schließlich doch noch das Licht der Filmwelt erblickte, hätte bis kurz vor ihrem tatsächlichen Erscheinen wohl kaum noch jemand vermutet, geschweige denn erhofft. Aber doch kam es in Kooperation mit dem Studio Universal und dem Streaming-Dienst Peacock schließlich zum großen Tag: THE KILLER (2024) war plötzlich Realität. John Woo persönlich schwang dafür erneut den Regiestock, während die Autoren Brian Helgeland, Josh Campbell und Matt Stuecken die einst vom Regisseur selbst zu Papier gebrachte Story nach Herzenslust verbiegen durften.

Inhalt:

„Verdienen sie diesen Tod?“, fragt die junge Frau im Saal einer mit Tauben angefüllten Kirche. „Sonst würde ich dich nicht fragen“, antwortet ihr Gegenüber. Und damit ist ein neuer Deal beschlossen.

Die Fragestellerin heißt Zee [Nathalie Emmanuel] und wird regelmäßig von Finn [Sam Worthington], dem Handlanger des Kartellbosses Gobert [Éric Cantona], angeheuert, um Widersacher aus dem Weg zu räumen. Ihr jüngster Job ist die Ausschaltung einer Marseiller Drogenbande. In einem Nachtclub erschleicht sich die Killerin zunächst das Vertrauen der Verbrecher, dann richtet sie ein Blutbad an. Unglücklicherweise verletzt sie dabei jedoch auch die zufällig anwesende Sängerin Jenn [Diana Silvers], und zwar so schwer, dass diese erblindet. Zee bringt es nicht übers Assassinen-Herz, ihr nach dem Augen- auch noch das Lebenslicht auszupusten und lässt die Dame laufen. Als Finn davon erfährt, besteht er allerdings darauf, dass die ungewollte Zeugin ebenfalls beseitigt wird. Die Killerin entdeckt daraufhin ihr Gewissen und beschließt, die Zielperson fortan zu beschützen. Nun beginnt eine wilde Jagd. Denn Zee muss die hilflose Frau nicht nur vor den Schergen des Syndikats in Sicherheit bringen, sondern sich gleichzeitig auch den gewitzten Inspektor Sey [Omar Sy] vom Hals halten, der ihr mittlerweile auf den Fersen ist.

Kritik:

Aus dem männlichen Killer wurde also ein weiblicher, aus Hongkong Frankreich und aus überlebensgroßen Fragen betreffend Schuld und Sühne ein belangloses Hetzen von A nach B – und generell quer durchs Alphabet, zwei Stunden wollen schließlich gefüllt sein.

THE KILLER (2024) unvoreingenommen zu betrachten, ist aufgrund angesprochener Umstände ein Ding der Unmöglichkeit. Man kommt schlicht nicht umhin, die modernisierte Variante mit dem Meilenstein von 1989 in Relation zu setzen – schon deshalb, weil die bekannte Handlung zwar tüchtig durchgeschüttelt wurde, aber nichtsdestotrotz noch eindeutig wiederzuerkennen ist. Dass das Neuarrangement dabei den Kürzeren ziehen würde, war freilich von Anfang an so sicher wie die Taube in der Kirche. Tatsächlich lässt THE KILLER (2024) so ziemlich alles vermissen, was die Vorlage einst so groß und großartig gemacht hat. Der offensichtlichste Faktor: die Hauptdarsteller. Chow Yun-Fat und Danny Lee umschwebte eine Aura, die ihren emotionalen Gleichklang regelrecht greifbar machte. Nathalie Emmanuel [→ GAME OF THRONES] und Omar Sy [→ JURASSIC WORLD] agieren beide solide – erstere überzeugt zudem innerhalb der Action-Szenen durch ihre Körperlichkeit. Aber Funken schlägt das nie. War die Essenz bei THE KILLER (1989) noch die Freundschaft beider Parteien, die alles überstrahlte, obwohl sie eigentlich gar nicht existieren dürfte, ist hier nichts dergleichen zu spüren – vermutlich, weil sie auch gar kein wirklicher Teil des Konzepts war. Und das ist womöglich sogar besser so. Durch die Geschlechtsänderung der Titelfigur wäre es ansonsten wohl auf eine jener oberflächlichen Romanzen hinausgelaufen, wie sie das Kino bereits dutzendfach ertragen musste. Zumindest dieses Klischee bleibt einem somit erspart. Wenn Cop und Killer hier am Ende kooperieren, ist weder Liebe im Spiel noch Seelenverwandtschaft, nicht einmal zwingend Sympathie. Sondern purer Pragmatismus.

Das gestaltet sich so leidenschaftslos, wie es sich liest, und steht symptomatisch für das große Ganze. Wo einst nicht nur Kugeln flogen, sondern auch große Emotionen, dominiert nun kalte Effizienz. Die versehentliche Blendung der Sängerin bei THE KILLER (1989) war vor allem deshalb so niederschmetternd, weil es die Unschuld in Person traf. Und das durchaus im Wortsinn: Sally Yeh fungierte weniger als reale Figur denn als Symbol für die Schuld, die der Killer auf sich geladen hatte. Bei THE KILLER (2024) hingegen ist gar nichts mehr symbolisch oder gar unschuldig konnotiert: Die Sängerin steckt ebenso tief in den Unterweltgeschäften wie alle anderen auch, wodurch im Prinzip alles gleichgehobelt wird. Ihre Erblindung wird dementsprechend auch mit einem sinngemäßen „Och jooo, wird schon wieder“ abgetan, mehr noch: Sie hätte sogar komplett gestrichen werden können, ohne dass dadurch etwas Essenzielles verloren gegangen wäre. Dass das nihilistische Ende des Originals hier einem versöhnlichen Ausklang weicht, passt in das Konzept und ist daher kaum überraschend.

Dass der Vorlage in dieser Besprechung mehr Platz eingeräumt werden musste als der Neuauflage, sagt eigentlich schon alles aus, was man darüber wissen müsste. Keinesfalls unterschlagen werden sollte jedoch, dass THE KILLER (2024) im ohnehin recht fragwürdigen Spätwerk des Regisseurs immerhin einen der vorderen Plätze einnimmt. Besser als die verquaste Historien-, Liebes-, Katastrophenfilm-Melange THE CROSSING (2014) ist er sowieso. Aber er schlägt auch den AUF DER FLUCHTigen Krawall-Krimi MANHUNT (2017), der unter seinen teils recht spinnerten Drehbucheinfällen leidet, sowie die rüde Rache-Mär SILENT NIGHT (2023), die zwar durchaus passabel geriet, aber sämtliche charakteristischen Mechanismen und Markenzeichen ihres Machers vermissen lässt. Zudem gelingt Woo die Kombination aus französischem Flair und der ihm eigenen Action-Ästhetik hier deutlich besser als bei seiner Hongkong-Komödie ONCE A THIEF (1991), die mit erheblichen Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat. Dass Woo bei der Neuverfilmung abermals die Inszenierung übernahm, lässt sich zwar – etwas Boshaftigkeit vorausgesetzt – als Verrat am eigenen Vermächtnis interpretieren, aber immerhin geriet das Ergebnis dadurch in Sachen Choreographie und Visualisierung angenehm kompetent. Wer das Original nicht kennt und dadurch die Gnade der Unvoreingenommenheit besitzt, dem dürfte THE KILLER (2024) daher wohl recht geschmeidig ins Gemüt gleiten. Es ist nur seltsam, dass er existiert.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 22. März 2026

BODIES AT REST


沉默的證人
China 2019

Regie:
Renny Harlin

Darsteller:
Nick Cheung,
Richie Ren,
Yang Zi,
Feng Jiayi,
Carlos Chan,
Ma Shuliang,
Ou-Yang Ching,
Roger Kwok



„Guten Tag, der Herr! Ihrem Körperumpfang nach lebten Sie nicht sonderlich gesund.“
[Gerichtsmediziner Nick Chan begrüßt seinen neuesten Kunden.]


Inhalt:

Seit dem Mord an seiner Frau hat sich Gerichtsmediziner Nick Chan [Nick Cheung] überwiegend aus der Gesellschaft zurückgezogen. Auch das Weihnachtsfest verbringt er anstatt zuhause lieber an seinem Arbeitsplatz: der Leichenhalle. Neben zahlreichen toten Körpern leisten ihm dort immerhin auch zwei lebendige Gesellschaft: die seiner jungen Assistentin Lynn [Yang Zi] sowie des schwergewichtigen Wachmanns „Onkel King“ [Ma Shuliang]. Wider Erwarten ist an diesem Fest der Liebe an Ruhe und Frieden jedoch nicht zu denken: Drei maskierte Missetäter verschaffen sich – unter dem Kommando des unberechenbaren „Santa“ [Richie Ren] – gewaltsam Zutritt zum Gebäude. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes: ein belastendes Projektil, das in einer kürzlich eingelieferten Frauenleiche steckt. Scheinbar bereitwillig beugt sich Chan dem Willen der Eindringlinge und händigt den gewünschten Gegenstand aus. Daraufhin ziehen die ungebetenen Gäste zwar von dannen, aber sie bekommen schnell spitz, dass sie geprellt wurden: Die Patronenhülse ist nicht die gesuchte. Wutschnaubend kehren die Gangster zurück – und für Chan und seine Kollegen beginnt eine Nacht des Terrors.

Kritik:

Für Fans des großskalierten Action-Spektakels war Renny Harlin in den 1990ern kurzzeitig die wohl sicherste Bank Hollywoods. So gelang dem finnischstämmigen Regisseur das Kunststück, gleich vier Knaller in Folge abzuliefern, die alle auf ihre Art großartig waren: STIRB LANGSAM II (1990), CLIFFHANGER (1993), DIE PIRATENBRAUT (1995) sowie TÖDLICHE WEIHNACHTEN (1996). Leider waren nicht alle davon auch finanziell erfolgreich – einer floppte sogar so brutal, dass er dem produzierenden Studio damit den Todesstoß versetzte. Dieser Umstand sowie sich verändernde Zeitumstände dürften die Hauptgründe dafür gewesen sein, dass Harlins Karriere danach so lang stagnierte, bis er im Business quasi keine Rolle mehr spielte. Jahre später tauchte er dann überraschend in China auf, wo er die Komödie SKIPTRACE inszenierte, die 2016 zu einem unerwarteten Kassenschlager wurde. Derart beflügelt, blieb Harlin direkt vor Ort, drehte zunächst das Fantasy-Epos LEGEND OF THE ANCIENT SWORD (2018) und schließlich den hier vorliegenden BODIES AT REST, der zwar 2019 ins Kino kam, sich aber – trotz Smartphone- und Hightech-Einsatz – anfühlt, als sei er circa 25 Jahre früher entstanden.

Tatsächlich lag das eigentlich für den US-Markt erdachte Skript eine ziemlich lange Zeit nutzlos in der Gegend herum, bevor sich doch noch jemand überwinden konnte, ihm Leinwandehren zuteilwerden zu lassen. Allerdings atmet das Ergebnis nur bedingt Kino-Atmosphäre. Viel eher gewinnt man den Eindruck, es mit einem jener zahlreichen STIRB LANGSAM-Epigonen zu tun zu haben, die in den 1990ern kostengünstig als leicht goutierbares Videothekenfutter abgedreht wurden. Heißt: In Sachen Schauwerte und Sensationen sind keine Wunder zu erwarten. Zwar versprüht das Gebotene in Zeiten, in denen speziell das chinesische Kino sich in Sachen Gigantomanie selbst zu überflügeln versuchte, schon wieder einen angenehm-altmodischen Charme, aber wer aufgrund von Thematik und Regisseursrenommee auf großkalibrigem Radau besteht, schaut ziemlich in die Röhre. Mehr noch: Über weite Strecken fällt es sogar schwer, das Kredenzte ins Action-Genre einzuordnen. Zwar gemahnen sowohl Geiselnahme-Thematik als auch Weihnachts-Setting an bekannte Vorbilder. Aber anstatt das dicke Spektakel loszulassen, gehorcht BODIES AT REST überwiegend den gemäßigten Mechanismen der Thriller-Kategorie Home Invasion – nur, dass das Home hier makabrerweise eine Leichenhalle ist.

Dieser Schauplatz, der überwiegend im Horror-Genre zum Einsatz kommt, um dort für schaurig-schönes Frösteln zu sorgen, ist die größte Trumpfkarte BODIES AT RESTs. Die kühle, morbide Atmosphäre passt hervorragend zu der ungastlichen Situation der Protagonisten, die groteskerweise zwischen Unmengen akkurat aufgebahrter Leichen um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Begründungen dafür werden allerdings arg forciert von einem Drehbuch, das seine Helden sich mehrfach unnötig in Gefahr begeben lässt. Als erster Stolperstein erweist sich diesbezüglich bereits die Ausgangssituation: Warum der bedrohte Gerichtsmediziner Nick Chan den Gangstern nicht einfach das gewünschte Utensil – die verräterische Patronenhülse – aushändigt, sondern stattdessen versucht, die gefährlichen Eindringlinge übers Ohr zu hauen, wird nie ganz klar. Er hätte jedenfalls keinerlei nennenswerte Nachteile dadurch – und dass die Verbrecher zunächst unerkannt abgezogen wären, hieße ja nicht, dass man ihrer später nicht doch noch irgendwie hätte habhaft werden können. Stattdessen erregt Chan grundlos den Zorn der Männer und setzt damit auch die Unversehrtheit der übrigen Anwesenden aufs Spiel. Wobei es auch seine Kollegin, die energische Lynn, in einem späteren Moment für eine gute Idee hält, einen der Geiselnehmer verbal zu provozieren und dadurch nicht nur sich selbst einem unnötigen Risiko auszusetzen. Dass ihrer Figur zudem ein Armee-Hintergrund angedichtet wird, wirkt zum einen wenig glaubwürdig und wird anderen auch kaum genutzt. Zwar ist es in diesem Genre grundlegend zu begrüßen, wenn sich eine Frauenfigur in Gegenwart akuter Gefahr nicht ein Häuflein Elend verwandelt, und tatsächlich weiß sich die resolute Assistentin auch anständig ihrer Haut zu erwehren. Irgendwelche militärischen Spezialmanöver, die diesen biographischen Hinweis gerechtfertigt hätten, bleiben jedoch bis zum Ende aus.

In der Hauptrolle ist mit Nick Cheung [→ ELECTION] ein bekanntes Gesicht des Hongkong-Kinos zu sehen. Seine Figur unterscheidet sich massiv von den ganzen Bruce Willis’ und Sylvester Stallones, die Renny Harlin zu seinen besten Zeiten gegen terroristisches Gesocks zu Felde ziehen ließ. Statt seine Aggressionen auszuleben, geht Chan – ganz seiner Rolle als Mediziner entsprechend – eher analytisch vor, meidet gewalttätige Auseinandersetzungen und versucht vielmehr, den Gegner durch List und Tücke in die Knie zu zwingen. Da es die Gangster aber eher wenig mit der Feingeistigkeit halten, kommt es in regelmäßigen Abständen dennoch zum schmerzhaften Schlagabtausch, bei dem stets auch einiges an Glas und Gerät zu Bruch geht. Dazu gesellen sich ein paar Schießereien, die allerdings recht unübersichtlich geraten sind – und das ausgerechnet in einer Produktion aus China, wo die Kultivierung gepflegter Kugel-Ballette eigentlich zur Königsdisziplin gehört. Tänzerische Eleganz war hier aber ohnehin kein Teil des Konzepts, körperliche Konfrontationen gehorchen den Regeln der ruppigen Rauferei. Die spektakulärste Action-Szene entpuppt sich zudem als „Was wäre, wenn ...“-Vision – ein aus dramaturgischer Sicht immer recht fragwürdiger Kniff, der auch hier für einen kurzen Frust-Moment sorgt.

Ansonsten geht es für die Protagonisten im Wesentlichen darum, immer neue Mittel und Wege zu finden, dem tödlichen Trio zu entkommen. Zusätzliche Spannungsmomente bestehen in der Regel daraus, dass diverse Besucher die Pathologie heimsuchen, ohne dabei zu ahnen, in welcher Gefahr sie eigentlich gerade schweben, da die Hauptfiguren gezwungen sind, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. So taucht einmal ein ebenso redseliger wie begriffsstutziger Transportfahrer auf, um eine Leiche abzuholen, oder zwei Polizisten schauen nach dem Rechten, nachdem sie ein Notrufsignal ereilt hat (irgendwie ja doch erstaunlich viel Betrieb, in dieser einsamen Leichenhalle am Weihnachtsabend). Das psychische Trauma der Hauptfigur – der gewaltsame Tod der Ehefrau – will indes so gar keine sinnvolle Funktion erfüllen und scheint nur dabei zu sein, da man offenbar der Meinung war, ein bisschen Seelenpein auf guter Seite gehöre irgendwie dazu. Zwar wird im feurigen Finale eine Verbindung zu diesem Fall forciert, aber auf eine so bemüht-konstruierte Art, dass es besser gewesen wäre, man hätte es bleiben lassen. Und auch, warum Nick Chan am Ende plötzlich sämtliche Hintergründe des Überfalls kennt und sie dem Oberschurken verbal aufs Butterbrot schmieren kann, erscheint nicht wirklich stimmig hergeleitet.

So läuft BODIES AT REST mit reichlich Sand im Getriebe – aber er läuft. Die Großmannssucht früherer Harlin-Projekte weicht hier einer vergleichsweise bescheidenen, bodenständigen Machart, die durchaus Sympathiepunkte sammeln kann. Richie Ren [→ ACCIDENT] agiert auf Gangsterseite zwar recht eindimensional und klischeehaft, als Gegengewicht zum mit Bedacht handelnden Nick Chan funktioniert das allerdings schon ziemlich gut. Der Soundtrack hätte gern ein bisschen weniger generisch klingend ausfallen dürfen und auch der Inszenierung fehlt generell das entscheidende Quäntchen mitreißender Energie, um wirkliche Begeisterung entfachen zu können. Wer sich einen schönen Abend mit scheppernder Tonspur und altmodisch-geerdeter Action machen möchte, liegt hier dennoch prinzipiell richtig. Nicht nur an Weihnachten. 

Laufzeit: 94 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 15. März 2026

EXPECT THE UNEXPECTED


非常突然
Hongkong 1998

Regie:
Patrick Yau Tat-Chi

Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Simon Yam Tat-Wah,
Ruby Wong Cheuk-Ling,
Hui Siu-Hung,
Raymond Wong Ho-Yin,
Yoyo Mung Ka-Wai,
Bak Ka-Sin,
Lam Suet



 „Ein paar Dinge kann man nicht erzwingen. Liebe gehört dazu.“

(Die Kriminalpolizei kennt sich in allen Bereichen aus.)


Inhalt:

Inmitten des Großstadtdschungels von Hongkong liegt das „O-Kommissariat“. Von hier aus bemüht sich das Einsatz- und Ermittlerteam um Ken [Simon Yam] und Sam [Lau Ching-Wan] nach Leibeskräften, dem Verbrechen im Distrikt Einhalt zu gebieten. Aktuell sorgt eine Serie von Überfällen für höchste Alarmbereitschaft: Einer hochprofessionell organisierten Bande gelingt es immer wieder, Geldtransporter zu knacken und sich mittels massiver Waffengewalt abzusetzen. Von deutlich weniger Glück und Geschick begleitet sind derweil drei Festlandchinesen, die kläglich daran scheitern, ein Juweliergeschäft auszurauben und ohne Beute die Beine in die Hand nehmen müssen. Bei ihrer Flucht vor der Polizei verkriechen sich die verhinderten Diebe ausgerechnet in dem Apartmenthaus, das der Profi-Gang als Geheimversteck dient. Es dauert nicht lang, da fliegen die ersten Kugeln.

Kritik:

Die Inhaltsangabe klingt zwar stringent, aber das täuscht: EXPECT THE UNEXPECTED macht seinem Titel durchaus Ehre und unterläuft gängige Erwartungshaltungen, sowohl in Sachen Form als auch Inhalt. Statt eines konsequent erzählten Cop-Thrillers servieren Regisseur Patrick Yau [→ THE ODD ONE DIES] und Produzent Johnnie To [→ DRUG WAR] ihrem Publikum lieber eine Reihe kleiner Ereignis-Häppchen, Momentaufnahmen aus dem Alltag der vielbeschäftigten Ordnungshüter, die mal mehr, mal weniger aufregend daherkommen. Zwar sind die einzelnen Episoden durchaus miteinander verwoben und gehen oft fließend ineinander über, an einem klassischen Spannungsbogen war man dennoch nicht interessiert – vielmehr an einem rastlosen Nebeneinander von Routine und Risiko, von Leerlauf und Zuspitzung, was tatsächlicher Ermittlungsarbeit, die sich ja ebenfalls nicht an Drehbuch und Dramaturgie hält, schon relativ nah kommen sollte. Als lose narrative Klammer fungiert dabei die Figur der Kellnerin Mandy, der sowohl die ersten als auch die letzten Bilder gehören. Noch während des Vorspanns putzt sie die Scheiben des Lokals, in dem sie arbeitet, was direkt auch den zentralen Schauplatz etabliert, spielt sich ein nicht unwesentlicher Teil der Handlung doch in eben jenen Straßenzügen ab, in denen sich das Restaurant befindet.

Als Mandy kurz darauf Zeugin des einleitenden Überfalls wird, kreuzen sich ihre Wege bald mit denen des Polizisten-Duos Ken und Sam. Als sie ein Auge auf Ken wirft, dieser davon aber gar nichts mitbekommt, versucht Sam – nicht nur Kollege, sondern auch bester Kumpel seit Kindheitstagen – die beiden zu verkuppeln, obwohl er selbst Gefühle für die Dame hegt. Gleichzeitig schlagen die Hormone auch im Rest des Kommissariats Kapriolen: Polizistin Macy schwärmt für ihren Vorgesetzten Ben, der zwar verheiratet ist, sich jedoch zusätzlich eine Geliebte hält. Und dann ist da noch der junge Frauenschwarm Jimmy, der ebenfalls mehrere Eisen gleichzeitig im Feuer hat. Als er mit einer Schusswunde im Krankenhaus liegt, stopft ihm eine seiner Verehrerinnen eine Weintraube nach der nächsten in den Mund, damit er aufhört, von anderen Frauen zu erzählen. Nun mag sich manch einer womöglich fragen, warum es hier zugeht wie auf dem Schulhof. Und dieser jemand hätte völlig recht damit. Ziel der zahlreichen Liebe- und Eifersüchteleien sollte es vermutlich sein, den Figuren Menschlichkeit zu verleihen. Doch genau hier scheitert das Skript kläglich: Wenn erwachsene Menschen sprechen und handeln wie die Akteure einer trivialen Teenager-Komödie, fällt es schwer, sie als plausible Charaktere ernstzunehmen. Und auch die ganzen nicht sonderlich geschickt gewählten Namen (Sam, Ken, Ben, Macy, Mandy, Jimmy usw.), tragen kaum zur Profilierung bei und vermengen das Essemble zu einem personellen Einheitsbrei.

Auf handwerklicher Ebene lässt sich indes kaum ein Vorwurf formulieren; die Inszenierung hinterlässt gerade aufgrund ihrer Zurückhaltung einen bleibenden Eindruck. Die Bilder sind nüchtern gehalten, frei von visueller Überhitzung, und tränken die Straßen der Stadt in düsteren Dauerregen. Diese Qualitäten überraschen kaum: Entstanden während der ersten großen Kreativphase von Milkyway Image – jener Produktionsfirma, die Johnnie To und Wai Ka-Fai gegründet hatten, um sich frei von klassischen Strukturen und finanziellen Zwängen bewegen zu können – besticht auch EXPECT THE UNEXPECTED durch die für das Studio typische formale Strenge sowie dessen charakteristische Mischung aus Melancholie und distanziertem Humor. Action passiert eher selten und falls doch, dann fast ausschließlich in Form heftiger, eruptiver Feuergefechte. Weil dabei auf das im Hongkong-Kino so gern eingesetzte ästhetische Blendwerk verzichtet wird, wirken diese stets sehr nahbar und authentisch: Trifft eine Kugel einen Körper, so zuckt dabei unwillkürlich auch der Zuschauer zusammen. Heldentum existiert hier ebenso wenig wie Pathos oder Glorifizierung – Sterben ist schlichtweg nicht schön. Das ebenso konsequente wie nihilistische Finale bricht dann endgültig mit angelernten Erwartungsmustern und wird dem Titel abermals gerecht. Wenn Mandy am Ende erneut die Scheiben putzt, ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Die Besetzung besteht weitgehend aus dem üblichen Milkyway-Personal, das prinzipiell natürlich auch gern gesehen ist. Lau Ching-Wan [→ LIFELINE] übernimmt abermals eine der Hauptrollen und verkörpert Sam als dezent infantilen Polizisten, der seine Arbeit nicht immer so fürchterlich ernst nimmt. An seiner Seite agiert Simon Yam [→ TONGS – TERROR IN CHINATOWN] – der einzige Darsteller außerhalb des Stamm-Ensembles – als dessen Kollege Ken. Obwohl beide beste Freunde sind, ist Ken dabei – wie originell! – das charakterliche Gegenteil von Sam und somit eher seriös und gewissenhaft angelegt. Für eine großangelegte Ausformulierung von Interessenskonflikten wird diese Konstellation allerdings nicht genutzt – selbst das Buhlen um diesselbe Frau geht am Ende eher unverkrampft über die Bühne. Daneben hat Lam Suet [→ MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN] seinen obligatorischen, eher klein gehaltenen Auftritt und spielt als überforderter Kleinkrimineller eine für ihn typische Trottelrolle. Auf weiblicher Seite sieht man Ruby Wong [→ LOVING YOU], die als Polizistin Macy gegenüber ihrer männlichen Konkurrenz etwas arg verblasst. Allerdings nicht so sehr wie Yoyo Mung [→ A HERO NEVER DIES] als Mandy, die eigentlich gar keinen Charakter entwickeln darf und hauptsächlich involviert zu sein scheint, um Liebeswirrwarr auszulösen und die Erzählung mit ihrer Präsenz einzurahmen.

EXPECT THE UNEXPECTED jongliert am Ende nur scheinbar leichtfüßig mit Genres und Tonalitäten, findet jedoch weder erzählerisch noch gestalterisch zu einem stimmigen Ganzen. Die fehlende Fokussierung auf einen klaren Handlungskern schadet spürbar der Spannung und führt zu unnötigen Aufmerksamkeitsdefiziten. Und wenn die nüchterne Protokollierung brutaler Schusswechsel oder schockierender Momentaufnahmen aus dem Polizeialltag (inklusive des Auffindens eines toten Säuglings) im nächsten Augenblick mit sitcom-artiger, realitätsferner Eifersüchtelei kollidiert, funktioniert dieser kalkulierte Konventionsbruch nicht halb so gut, wie er gewiss gedacht war. Fans von Lau Ching-Wan und Simon Yam kommen fraglos dennoch auf ihre Kosten, und Interessenten der experimentellen Umbruchphase, die das intellektuell angehauchte Hongkong-Kino kurz vor der Jahrtausendwende durchlebte, sind hier wohl ebenfalls nicht völlig verkehrt. Wer ausschließlich die herausragendsten Arbeiten von Cast und Crew mitnehmen möchte, kann diesen Ausflug allerdings auslassen, ohne großartig Sanktionen erwarten zu müssen. Andererseits … Expect the Unexpected!

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: in Deutschland nicht erschienen

Sonntag, 8. März 2026

LIFELINE - DIE TODESMUTIGEN


SAP MAN FO GAP
Hongkong 1998

Regie:
Johnnie To Kei-Fung

Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Alex Fong Chung-Sun,
Carman Lee Yeuk-Tung,
Damian Lau Chung-Yan,
Ruby Wong Cheuk-Ling,
Raymond Wong Ho-Yin,
Chan Man-Lei,
Yuen Bun



„Ich will Feuerwehrmann werden!“
(Grisu, der kleine Drache, unmittelbar nach der Erstsichtung von LIFELINE)


Inhalt:

Yau Sui [Lau Ching-Wan] ist Feuerwehrmann in Hongkong. Bei einem Einsatz wird sein Vorgesetzter Fung Ting Kwok [Yuen Bun] so schwer verletzt, dass er nicht mehr in den Beruf zurückkehren kann. Sein Nachfolger ist der autoritäre Leutnant Raymond Cheung [Alex Fong], der aufgrund seiner Strenge schnell mit Yau in Konflikt gerät. Abseits des Dienstes lernt Yau die Ärztin Annie Chan [Carman Lee] kennen, die regelmäßig Feuerwehrleute nach Einsätzen behandelt. Als sich Annie als psychisch labil erweist und Yau sie in einer Krisensituation vor dem Schlimmsten bewahrt, entwickelt sich zwischen beiden eine zarte Romanze. Das Schicksal aller Beteiligten entscheidet sich schließlich, als ein verrückter Brandstifter [Lam Suet] eine Chemiefabrik in Brand setzt, in der zu allem Überfluss auch noch illegal feuergefährliche Substanzen gelagert werden.

Kritik:

Bevor Regisseur Johnnie To zusammen mit seinem langjährigen Kreativpartner Wai Ka-Fai die unabhängige Produktionsfirma Milkyway Image (HK) Ltd. gründete, um unter diesem Banner vor allem von existenzialistischen Beziehungsgeflechten im Gangster- und Polizei-Milieu zu erzählen, verabschiedete er sich vom klassischen Studiosystem Hongkongs mit dem ebenso aufwändigen wie kruden LIFELINE, der in Deutschland noch um den durchaus passenden Zusatztitel DIE TODESMUTIGEN ergänzt wurde. Aufwändig deshalb, weil das Spektakel offensichtlich in einer Liga mit Hollywoods epischen Materialschlachten spielen sollte, wofür einiges an Inventar imposant durch den Kamin gejagt wurde. Aber eben auch krude, weil sich die Feuerwehr-Saga dramaturgisch mehr als holprig in zwei Hälften gliedert, die irgendwie so rein gar nichts miteinander zu tun haben wollen. Dabei ist die zweite Halbzeit deutlich besser gelungen – nicht nur wegen der Schauwerte, die einem in Erinnerung rufen, dass To sich seine Lorbeeren in erster Linie als Action-Regisseur verdiente. Sie wirkt auch deutlich stringenter als das, was ihr vorausging und kaum mehr war als eine fragmentarische Aneinandereihung einzelner Episoden über die Schicksale der Männer und Frauen der organisierten Brandbekämpfung.

Dabei ist das Ziel eigentlich klar: Die Truppe soll dem Publikum ans Herz wachsen, damit es im feurigen Finale, wenn alle ihr Leben riskieren müssen, anständig um sie zittern kann. Das Problem: Es funktioniert nicht. Viel zu klischeelastig sind die Figuren und die für sie kontruierten Situationen, und viel zu oberflächlich geriet die Abhandlung der persönlichen Krisen und Konflikte, als dass eine emotionale Involvierung gelingen könnte. Schon der Beginn ist arg seltsam, wenn nahezu die gesamte Belegschaft der Feuerwache mit einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wird, um sich dort den Magen auspumpen zu lassen – eine wahrlich merkwürdige Art, die Protagonisten einzuführen, zumal der Vorfall bereits wenige Minuten später völlig vergessen ist. Vermutlich dient dieser Auftakt lediglich der Etablierung der etwas verhuschten Ärztin Annie Chan, die nachfolgend ebenfalls zum relevanten Charakter wird, aber die hätte ja nun auch auf andere Weise vorgestellt werden können – zumal sie sich später bei jedem Einsatz der Feuerwehrleute ebenfalls an der Unglücksstelle befindet, fast so, als gäbe es in ganz Hongkong nur eine einzige Rettungsmedizinerin. Carman Lee [→ LOVING YOU] spielt die Rolle zwar charmant, allerdings ist ausgerechnet diese die unglaubwürdigste von allen: Die Frau Doktor, im Job durchaus resolut, verhält sich privat wie ein weinerliches Mädchen, weil ihr unsympathischer Lebensgefährte ihr nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt. Dass sie daraufhin sogar in selbstmörderischer Absicht zur Fassadenkletterin wird und sich vom männlichen Helden Yau Sui noch tränenerstickt Sympathiebekundungen einholen muss, erscheint gleichermaßen albern wie absurd.

Yau Sui wird von Lau Ching-Wan gespielt, der – ebenso wie Carman Lee – zum Stammpersonal Johnnie Tos gehörte. Er bewältigt die Rolle des gefälligen Einsatzleiters mühelos, zumal er schauspielerisch eigentlich viel mehr auf dem Kasten hat. Als er einen neuen Vorgesetzten bekommt, den grantigen Raymond Cheung (Alex Fong aus LETHAL PANTHER), bahnt sich prompt ein Konflikt an, denn der juvenile Yau, der Vorschriften eher als Vorschläge versteht, und der gestrenge Cheung könnten charakterlich kaum unterschiedlicher sein. Umso erstaunlicher ist es, dass auch hier nahezu sämtliche Gelegenheiten, aus diesem Gegensatz Spannung zu erzeugen, in den Wind geschlagen wurden. Der Interessenkonflikt steht zwar im Raum, wird jedoch nie konsequent ausgespielt und existiert letztlich fast nur auf dem Papier. Stattdessen verzettelt sich das Skript in weitere Nebenhandlungen. So trägt zum Beispiel auch Cheung sein Kreuz mit sich herum: Die Ex-Frau will ihm die gemeinsame Tochter aufs Auge drücken, da ihr neuer Auserwählter das Kind nicht leiden kann. Nicht nur Cheung reibt sich bei dieser Aussage Aug und Ohr. Aber stimmig zu Ende geführt wird auch dieser Strang nicht. Währenddessen hat der Neuling der Truppe, der naive Jüngling Raymond Wong (Wong Ho Yin aus ELECTION), Angst davor, im Ernstfall die berühmte Stange herunterzurutschen und fängt sich dafür einen Tadel ein. Aber: Kein Problem! Nach ein paar Trockenübungen klappt das nämlich bereits wie am Schnürchen, womit auch diese Sache abgefrühstückt wäre. Sein alter Herr verteilt derweil selbstgemachte Suppe auf der Wache, wird dafür allerdings ebenfalls gerügt und schließlich des Geländes verwiesen. Himmel, wie aufregend! Ach, und dann ist da noch die einzige Frau im Team: Lo Ka Wai, einnehmend verkörpert von Ruby Wong [→ EXPECT THE UNEXPECTED]. Diese möchte auf keinen Fall schwanger werden und liegt deswegen im Clinch mit ihrem Arschlochgatten, der sich vehement weigert, Gummis zu benutzen. Aber auch das interessiert den Betrachter eigentlich nicht die Bohne, sodass sich durchaus eine gewisse Dankbarkeit einstellt, wenn das Team zwischen all den Belanglosigkeiten wenigstens gelegendlich mal ausrücken darf, um Menschen vor dem Flammen-, Schlamm- oder Vergiftungstod zu bewahren.

Diese Einsätze sind durchaus packend inszeniert, aber stets auch schnell wieder vorbei. Das ändert sich erst, als ein Brandstifter (bei seinem kurzen Auftritt herrlich durchgeknallt: To-Nebendarsteller-Ikone Lam Suet [→ FATAL MOVE]) eine Chemiefabrik in Flammen aufgehen lässt. Da der zuständige Betriebsleiter zunächst zu vertuschen versucht, dass in dem Gebäude illegale feuergefährliche Substanzen gelagert sind, wird der Einsatz zur Bewährungsprobe, als das Team im Flammenmeer eingeschlossen wird und der Sauerstoff zur Neige geht. Das bringt dann endlich – im wahrsten Sinne – Stimmung in die Stube, denn Feuer, Rauch und Explosionen sind hier tatsächlich noch echt und wurden nicht von Kollege Computer konstruiert. Der unterhaltsame Budenzauber kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass LIFELINE als Ganzes gehörig Sand im Getriebe hat. Das liegt vor allem daran, dass nahezu alle Episoden der ersten Hälfte ohne Relevanz für die zweite sind. Das Ergebnis ist eine weitestgehend unfunktionale Mixtur aus seichter Seifenoper und kernigem Katastrophenfilm, die für Johnnie-To-Verhältnisse zudem erstaunlich substanzlos des Wegs kommt. Er wollte einen realistischen Film über echte Helden machen, erklärte der renommierte Regisseur einst öffentlich. Dieses Anliegen wird jedoch mehrfach konterkariert, sei es durch die zweifelhafte Darstellung der Feuerwache, die in ihrer militärisch anmutenden Organisation eher an eine Kaserne erinnert, oder durch das völlig unwahrscheinliche Ende, das Figuren ohne jede Not wahre Infernos überleben lässt, obwohl von ihnen eigentlich nur noch ein Häuflein Asche übrig sein müsse. Auch formale Fehler fallen auf, wenn während diverser Rettungaktionen unpassenderweise epische Musik erklingt, wo eigentlich dramatische angebracht wäre.

LIFELINE ist ein gewiss gut gemeintes Leinwand-Loblied auf den Wagemut der Löschbrigaden, doch trotz vereinzelter Qualitäten will der Funke nicht so recht überspringen. Der unangefochtene Platzhirsch des insgesamt arg unterrepräsentierten Brandbekämpfungs-Genres bleibt somit fraglos BACKDRAFT (USA, 1991), in zweiter Reihe macht zudem FIRESTORM (USA, 1998) eine ziemlich gute Figur. Aus dem asiatischen Raum sind außerdem noch LIBERA ME (Südkorea, 2000) und AS THE LIGHT GOES OUT (China, 2014) einen Blick wert. Feuer frei!

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 1. März 2026

CITY ON FIRE


WÚ WÈI SHÉN TÀN
Hongkong 1995

Regie:
Johnnie To Kei-Fung
 
Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Lee Yeuk-Tung/Carman Lee
Tuo Tsung-Hua,
Wong Cheuk-Ling/Ruby Wong,
Lee Chung-Wai,
Sin Kam-Ching,
Wong Wa-Wo/Jimmy Wong,
Chiu Yue-Ming



„Die Kugel drang durch die Stirn ein und ging durch zwei Nerven zwischen seinen Augen. Dann durchbohrte sie die Nasenhöhle, den Ober- und Unterkiefer inklusive der Zunge. Im Unterkiefer blieb sie dann stecken.“
(Na, toll … Und der Tag fing so gut an.)


Inhalt:

Inspektor Lau [Lau Ching-Wan] ist nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennen würde: Seinen Kollegen begegnet er mit unverhohlener Arroganz und auch seiner Frau Carman [Carman Lee] gegenüber zeigt er keinerlei Respekt. Alkohol, Affären und jähzornige Ausbrüche gehören für ihn zum Alltag. Aber dann schlägt das Schicksal plötzlich zurück: Die Verhaftung des Drogenhändlers Gwan [Tuo Tsung-Hua] endet für Lau mit einer Kugel im Kopf. Zwar überlebt er den Vorfall wie durch ein Wunder, doch sind die Folgen gravierend: Seine Sinne sind stark eingeschränkt; von eben auf jetzt ist er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. Carman, inzwischen schwanger von einem anderen Mann, beginnt, ihn zu pflegen. Zwischen Pflichtgefühl, Schuld und vielleicht nicht vollständig erloschener Zuneigung zeichnet sich zwischen beiden die Möglichkeit einer zweiten Chance ab. Aber dann gelingt Gwan die Flucht aus der Haft – getrieben vom Drang nach Vergeltung.

Kritik:

Von Logo und Fanfare der Shaw Brothers zu Beginn sollte man sich nicht aufs Glatteis führen lassen. Die wohl berühmteste Kung-Fu-Film-Fabrik der Welt übernahm bei LOVING YOU lediglich den Vertrieb und hatte mit der eigentlichen Produktion nichts am Hut. Viel aussagekräftiger ist da schon ein flüchtiger Blick auf die Stabangaben: CITY ON FIRE, wie das Werk in Deutschland extraknallig getauft wurde, ist eine frühe Arbeit Johnnie Tos, der im darauffolgenden Jahrzehnt mit Arbeiten wie FULLTIME KILLER (2001), EXILED (2006) oder VENGEANCE (2009) zu einem der einflussreichsten Regisseure Hongkongs aufsteigen und mehrere internationale Preise einheimsen sollte. Und siehe da: Sogar sein Lieblingsdarsteller Lau Ching-Wan [→ EXECUTIONERS (1993)] ist bereits mit an Bord und bekleidet auch sogleich die Hauptrolle. Handschriftlich geht es zwar schon stark in die Richtung, die das Team Jahre später populär machen sollte, ein paar Kinderkrankheiten lassen sich jedoch kaum leugnen. Denn die klobige Mischung aus Melodram und Polizei-Action steht sich allzu oft selbst im Weg.

Dabei fängt alles schon ziemlich stark an: Der Polizei-Einsatz zum Auftakt – eine desaströs misslingende Undercover- und Beschattungsaktion – ist rasant und aufregend in Szene gesetzt. Da wird über nicht sehr vertrauenerweckend aussehende Wellblechdächer gehechtet, an porösen Riesenrohren gebaumelt und an selbigen (nicht eben realistisch) von Haus zu Haus geschwungen, alles zwischen Unmengen umherflatternder Banknoten, die bei dem geplatzten Deal verlustig gegangen sind und die Szenerie nun in eine apokalyptische, westernartige Atmosphäre tauchen. Es ist das erste Aufeinandertreffen der Antipoden: Inspektor Lau, von Lau Ching-Wan gespielt, und Gwan, dem Drogendealer in der Gestalt Tuo Tsung-Huas [→ DIE MACHT DES SCHWERTES (1993)]. Zwar kann der Gangster an dieser Stelle noch entkommen, doch das gestörte Geschäft hat ihn empfindlich getroffen: Geld und Ware sind futsch. Im Folgenden wird dem Publikum klar, was für ein Kotzbrocken allerdings auch der Inspektor ist. „Warum behandeln Sie Ihre Kollegen wie Verbrecher?“, fragt ihn sein Vorgesetzter. Und tatsächlich haben viele Untergebene Angst vor Laus cholerischer Art. Auch privat ist er keinen Deut besser: Seiner Frau bringt er nicht einen Hauch Aufmerksamkeit entgegen, klärenden Gesprächen mit ihr geht er aus dem Weg. Stattdessen betrinkt er sich in der Bar und übernachtet danach im Wagen. Als es schließlich doch zur Aussprache kommt und sie ihm eröffnet, von einem anderen Mann schwanger zu sein, setzt es mitten im Restaurant vor versammelter Mannschaft eine schallende Ohrfeige.

Damit der Betrachter überhaupt das Bedürfnis verspürt, einem solchen Ekelpaket weiterhin die zuschauerliche Treue zu halten, muss sich also gravierend etwas ändern. Und das tut es auch, denn Laus Kontrahent Gwan bläst zum bleihaltigen Überraschungsangriff. Das erzwungene Duell endet in einer formvollendet widerlichen Szene: Der Inspektor bekommt eine Kugel in den Kopf – wobei es ihm trotz suppender Stirnwunde und aus der Nase heraustropfender Hirnflüssigkeit (Igitt!) irgendwie noch gelingt, seinen Kontrahenten per Handschelle festzusetzen und somit dessen Verhaftung herbeizuführen. Nun beginnt der melodramatische Teil: Als plötzlicher Pflegefall ist Lau auf eben jene Menschen angewiesen, für die er zuvor überwiegend Verachtung übrig hatte – allen voran seine Frau, die ihn wider ursprünglicher Pläne doch nicht verlässt, sondern im Gegenteil an seiner Seite weilt, um ihn ins geregelte Leben zurückzuholen. Die abermalige Annäherung des Ehepaares ist zwar sensibel erzählt, kann aber leider kaum mitreißen oder gar berühren. Das Schicksal des Inspektors lässt einen ziemlich kalt, fällt es doch schwer, in ihm mehr zu sehen als die Schweinebacke, als welche er eingeführt wurde – ein paar Alltagsbehinderungen reichen schlichtweg nicht aus, um sich jählings auf seine Seite zu schlagen. Da spielt es auch keine Rolle, dass Lau Ching-Wan darstellerisch tadellos abliefert. Exemplarisch genannt sei der Moment, in dem ihm – noch im Krankenhausbett liegend – schlagartig bewusst wird, dass er sowohl seinen Geschmacks- als auch seinen Geruchssinn verloren hat. Auch Carman Lee [→ MUTANT CITY (1992)] gibt sich diesbezüglich keine Blöße, doch ist ihre Rolle viel zu unnahbar angelegt, um echte Empathie zu wecken. Dass die neu aufkeimende Liebe teilweise von ebenso schmalzigem wie unpassendem Liedgut untermalt wird (unter anderem „To Love Somebody“ von den Bee Gees), macht es indes auch nicht unbedingt besser.

Pünktlich zum Schlussakt wandelt sich LOVING YOU dann wieder zum Action-Spektakel, wenn der rachsüchtige Gwan (ja, schon wieder der!) aus der Haft ausbricht, um endgültig mit Lau abzurechnen. Warum sich der milchgesichtige Dealer dermaßen auf den Polizisten eingeschossen hat, bleibt völlig unklar. Viel sinnvoller wäre es ja, nach erfolgreicher Flucht schleunigst Fersengeld zu geben und die halbseidenen Geschäfte künftig woanders abzuwickeln. Gwan jedoch bleibt vor Ort, besorgt sich ein paar Sprengsätze und verwickelt seinen Rivalen in ein feuriges Finale, das zwar anständig Laune macht, in seiner klischeegetränkten Realitätsferne aber im krassen Kontrast zum zuvor zelebrierten Authentizitätsanspruch steht. So ergibt sich am Ende kein stimmiges Ganzes, da beide Komponenten nicht wirklich miteinander harmonieren wollen: Entweder unterminiert die Action den Anspruch  oder umgekehrt. Auffällig sind in diesem Zusammenhang auch die Mechanismen des Marketings, das sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlägt: Je nach Anbieter und Breitengrad wurde das Januswerk entweder als zarte Romanze oder als harter Reißer verkauft. In Deutschland entschied man sich für Letzteres und verpasste der Nummer mit CITY ON FIRE gleich noch einen neuen martialischen Titel. Dieser findet nicht nur innerhalb der Handlung keine wirkliche Entsprechung, er evoziert auch Verwechslungen mit Ringo Lams 1987 veröffentlichten Polizeifilm, der international bereits unter eben diesem Namen bekannt war.

Trotz der Defizite in Sachen Duktus, Dramaturgie und Charakterzeichnung brachte LOVING YOU Johnnie To damals eine Nominierung als „Bester Regisseur“ bei den Hong Kong Film Awards ein. Das erscheint im Nachhinein etwas übertrieben – womöglich aber nur deshalb, weil mittlerweile bekannt ist, wie sehr er sich in den Folgejahren noch steigern sollte. Zugestanden sei zugleich, dass es abseits der angesprochenen Mankos nur wenig zu bekritteln gibt. Die Inszenierung fällt zwar noch in die Kategorie „jung und wild“, doch Tos später perfektioniertes Gespür für Rhythmus und präzise Bildkomposition ist bereits allgegenwärtig. Die Action, bestehend aus Verfolgungen, Schusswechseln und Explosionen, ist voller Tempo und Dynamik, aufgebrezelt durch geschickt platzierte Zeitlupenmomente. Bemerkenswert ist ferner die Kameraarbeit Cheng Siu-Keungs [→ RETURN TO A BETTER TOMORROW (1994)], der die Figuren häufig durch Gitter oder andere Begrenzungen ablichtet – ein Kunstgriff, der selbst unter freiem Himmel ein Gefühl von Enge und Eingepferchtheit erzeugt. Dazu passt auch die nahezu vollständige Abwesenheit fröhlicher oder optimistischer Menschen. Alle scheinen lediglich zu versuchen, in diesem gigantischen Käfig irgendwie über die Runden zu kommen, ohne dabei durchzudrehen. Das übertrieben kitschige Schlussbild, mit dem der Zuschauer final wieder in die Freiheit entlassen wird, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon ein wenig erzwungen.

In LOVING YOU wird sich vermutlich niemand hoffnungslos verlieben – oder anders ausgedrückt: CITY ON FIRE wird wohl weder Städte noch Herzen in Brand setzen. Aber als apartes Anschauungsobjekt für die frühe Selbstfindungsphase eines großen Regisseurs kann man das raue, experimentell angehauchte Herz-Schmerz-Konglomerat schon mal goutieren, ohne dass einem gleich die Hirnflüssigkeit aus der Nase tropft (Igitt!).

Laufzeit: 80 Minuten / Freigabe: ab 16