Eigene Forschungen

Sonntag, 8. März 2026

LIFELINE - DIE TODESMUTIGEN


SAP MAN FO GAP
Hongkong 1998

Regie:
Johnnie To Kei-Fung

Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Alex Fong Chung-Sun,
Carman Lee Yeuk-Tung,
Damian Lau Chung-Yan,
Ruby Wong Cheuk-Ling,
Raymond Wong Ho-Yin,
Chan Man-Lei,
Yuen Bun



„Ich will Feuerwehrmann werden!“
(Grisu, der kleine Drache, unmittelbar nach der Erstsichtung von LIFELINE)


Inhalt:

Yau Sui [Lau Ching-Wan] ist Feuerwehrmann in Hongkong. Bei einem Einsatz wird sein Vorgesetzter Fung Ting Kwok [Yuen Bun] so schwer verletzt, dass er nicht mehr in den Beruf zurückkehren kann. Sein Nachfolger ist der autoritäre Leutnant Raymond Cheung [Alex Fong], der aufgrund seiner Strenge schnell mit Yau in Konflikt gerät. Abseits des Dienstes lernt Yau die Ärztin Annie Chan [Carman Lee] kennen, die regelmäßig Feuerwehrleute nach Einsätzen behandelt. Als sich Annie als psychisch labil erweist und Yau sie in einer Krisensituation vor dem Schlimmsten bewahrt, entwickelt sich zwischen beiden eine zarte Romanze. Das Schicksal aller Beteiligten entscheidet sich schließlich, als ein verrückter Brandstifter [Lam Suet] eine Chemiefabrik in Brand setzt, in der zu allem Überfluss auch noch illegal feuergefährliche Substanzen gelagert werden.

Kritik:

Bevor Regisseur Johnnie To zusammen mit seinem langjährigen Kreativpartner Wai Ka-Fai die unabhängige Produktionsfirma Milkyway Image (HK) Ltd. gründete, um unter diesem Banner vor allem von existenzialistischen Beziehungsgeflechten im Gangster- und Polizei-Milieu zu erzählen, verabschiedete er sich vom klassischen Studiosystem Hongkongs mit dem ebenso aufwändigen wie kruden LIFELINE, der in Deutschland noch um den durchaus passenden Zusatztitel DIE TODESMUTIGEN ergänzt wurde. Aufwändig deshalb, weil das Spektakel offensichtlich in einer Liga mit Hollywoods epischen Materialschlachten spielen sollte, wofür einiges an Inventar imposant durch den Kamin gejagt wurde. Aber eben auch krude, weil sich die Feuerwehr-Saga dramaturgisch mehr als holprig in zwei Hälften gliedert, die irgendwie so rein gar nichts miteinander zu tun haben wollen. Dabei ist die zweite Halbzeit deutlich besser gelungen – nicht nur wegen der Schauwerte, die einem in Erinnerung rufen, dass To sich seine Lorbeeren in erster Linie als Action-Regisseur verdiente. Sie wirkt auch deutlich stringenter als das, was ihr vorausging und kaum mehr war als eine fragmentarische Aneinandereihung einzelner Episoden über die Schicksale der Männer und Frauen der organisierten Brandbekämpfung.

Dabei ist das Ziel eigentlich klar: Die Truppe soll dem Publikum ans Herz wachsen, damit es im feurigen Finale, wenn alle ihr Leben riskieren müssen, anständig um sie zittern kann. Das Problem: Es funktioniert nicht. Viel zu klischeelastig sind die Figuren und die für sie kontruierten Situationen, und viel zu oberflächlich geriet die Abhandlung der persönlichen Krisen und Konflikte, als dass eine emotionale Involvierung gelingen könnte. Schon der Beginn ist arg seltsam, wenn nahezu die gesamte Belegschaft der Feuerwache mit einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wird, um sich dort den Magen auspumpen zu lassen – eine wahrlich merkwürdige Art, die Protagonisten einzuführen, zumal der Vorfall bereits wenige Minuten später völlig vergessen ist. Vermutlich dient dieser Auftakt lediglich der Etablierung der etwas verhuschten Ärztin Annie Chan, die nachfolgend ebenfalls zum relevanten Charakter wird, aber die hätte ja nun auch auf andere Weise vorgestellt werden können – zumal sie sich später bei jedem Einsatz der Feuerwehrleute ebenfalls an der Unglücksstelle befindet, fast so, als wäre in ganz Hongkong nur eine einzige Rettungsmedizinerin. Carman Lee [→ LOVING YOU] spielt die Rolle zwar charmant, allerdings ist ausgerechnet diese die unglaubwürdigste von allen: Die Frau Doktor, im Job durchaus resolut, verhält sich privat wie ein weinerliches Mädchen, weil ihr unsympathischer Lebensgefährte ihr nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt. Dass sie daraufhin sogar in selbstmörderischer Absicht zur Fassadenkletterin wird und sich vom männlichen Helden Yau Sui noch tränenerstickt Sympathiebekundungen einholen muss, erscheint gleichermaßen albern wie absurd.

Yau Sui wird von Lau Ching-Wan gespielt, der – ebenso wie Carman Lee – zum Stammpersonal Johnnie Tos gehörte. Er bewältigt die Rolle des gefälligen Einsatzleiters mühelos, zumal er schauspielerisch eigentlich viel mehr auf dem Kasten hat. Als er einen neuen Vorgesetzten bekommt, den grantigen Raymond Cheung (Alex Fong aus LETHAL PANTHER), bahnt sich prompt ein Konflikt an, denn der juvenile Yau, der Vorschriften eher als Vorschläge versteht, und der gestrenge Cheung könnten charakterlich kaum unterschiedlicher sein. Umso erstaunlicher ist es, dass auch hier nahezu sämtliche Gelegenheiten, aus diesem Gegensatz Spannung zu erzeugen, in den Wind geschlagen wurden. Der Interessenkonflikt steht zwar im Raum, wird jedoch nie konsequent ausgespielt und existiert letztlich fast nur auf dem Papier. Stattdessen verzettelt sich das Skript in weitere Nebenhandlungen. So trägt zum Beispiel auch Cheung sein Kreuz mit sich herum: Die Ex-Frau will ihm die gemeinsame Tochter aufs Auge drücken, da ihr neuer Auserwählter das Kind nicht leiden kann. Nicht nur Cheung reibt sich bei dieser Aussage Aug und Ohr. Aber stimmig zu Ende geführt wird auch dieser Strang nicht. Währenddessen hat der Neuling der Truppe, der naive Jüngling Raymond Wong (Wong Ho Yin aus ELECTION), Angst davor, im Ernstfall die berühmte Stange herunterzurutschen und fängt sich dafür einen Tadel ein. Aber: Kein Problem! Nach ein paar Trockenübungen klappt das nämlich bereits wie am Schnürchen, womit auch diese Sache abgefrühstückt wäre. Sein alter Herr verteilt derweil selbstgemachte Suppe auf der Wache, wird dafür allerdings ebenfalls gerügt und schließlich des Geländes verwiesen. Himmel, wie aufregend! Ach, und dann ist da noch die einzige Frau im Team: Lo Ka Wai, einnehmend verkörpert von Ruby Wong [→ EXPECT THE UNEXPECTED]. Diese möchte auf keinen Fall schwanger werden und liegt deswegen im Clinch mit ihrem Arschlochgatten, der sich vehement weigert, Gummis zu benutzen. Aber auch das interessiert den Betrachter eigentlich nicht die Bohne, sodass sich durchaus eine gewisse Dankbarkeit einstellt, wenn das Team zwischen all den Belanglosigkeiten wenigstens gelegendlich mal ausrücken darf, um Menschen vor dem Flammen-, Schlamm- oder Vergiftungstod zu bewahren.

Diese Einsätze sind durchaus packend inszeniert, aber stets auch schnell wieder vorbei. Das ändert sich erst, als ein Brandstifter (bei seinem kurzen Auftritt herrlich durchgeknallt: To-Nebendarsteller-Ikone Lam Suet [→ FATAL MOVE]) eine Chemiefabrik in Flammen aufgehen lässt. Da der zuständige Betriebsleiter zunächst zu vertuschen versucht, dass in dem Gebäude illegale feuergefährliche Substanzen gelagert sind, wird der Einsatz zur Bewährungsprobe, als das Team im Flammenmeer eingeschlossen wird und der Sauerstoff zur Neige geht. Das bringt dann endlich – im wahrsten Sinne – Stimmung in die Stube, denn Feuer, Rauch und Explosionen sind hier tatsächlich noch echt und wurden nicht von Kollege Computer konstruiert. Der unterhaltsame Budenzauber kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass LIFELINE als Ganzes gehörig Sand im Getriebe hat. Das liegt vor allem daran, dass nahezu alle Episoden der ersten Hälfte ohne Relevanz für die zweite sind. Das Ergebnis ist eine weitestgehend unfunktionale Mixtur aus seichter Seifenoper und kernigem Katastrophenfilm, die für Johnnie-To-Verhältnisse zudem erstaunlich substanzlos des Wegs kommt. Er wollte einen realistischen Film über echte Helden machen, erklärte der renommierte Regisseur einst öffentlich. Dieses Anliegen wird jedoch mehrfach konterkariert, sei es durch die zweifelhafte Darstellung der Feuerwache, die in ihrer militärisch anmutenden Organisation eher an eine Kaserne erinnert, oder durch das völlig unwahrscheinliche Ende, das Figuren ohne jede Not wahre Infernos überleben lässt, obwohl von ihnen eigentlich nur noch ein Häuflein Asche übrig sein müsse. Auch formale Fehler fallen auf, wenn während diverser Rettungaktionen unpassenderweise epische Musik erklingt, wo eigentlich dramatische angebracht wäre.

LIFELINE ist ein gewiss gut gemeintes Leinwand-Loblied auf den Wagemut der Löschbrigaden, doch trotz vereinzelter Qualitäten will der Funke nicht so recht überspringen. Der unangefochtene Platzhirsch des insgesamt arg unterrepräsentierten Brandbekämpfungs-Genres bleibt somit fraglos BACKDRAFT (USA, 1991), in zweiter Reihe macht zudem FIRESTORM (USA, 1998) eine ziemlich gute Figur. Aus dem asiatischen Raum sind außerdem noch LIBERA ME (Südkorea, 2000) und AS THE LIGHT GOES OUT (China, 2014) einen Blick wert. Feuer frei!

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: ab 16

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