Regie:
Johnnie To Kei-Fung
Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Lee Yeuk-Tung/Carman Lee
Tuo Tsung-Hua,
Wong Cheuk-Ling/Ruby Wong,
Lee Chung-Wai,
Sin Kam-Ching,
Wong Wa-Wo/Jimmy Wong,
Chiu Yue-Ming
„Die Kugel drang durch die Stirn ein und ging durch zwei Nerven zwischen seinen Augen. Dann durchbohrte sie die Nasenhöhle, den Ober- und Unterkiefer inklusive der Zunge. Im Unterkiefer blieb sie dann stecken.“
(Na, toll … Und der Tag fing so gut an.)
Inhalt:
Inspektor Lau [Lau Ching-Wan] ist nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennen würde: Seinen Kollegen begegnet er mit unverhohlener Arroganz und auch seiner Frau Carman [Carman Lee] gegenüber zeigt er keinerlei Respekt. Alkohol, Affären und jähzornige Ausbrüche gehören für ihn zum Alltag. Aber dann schlägt das Schicksal plötzlich zurück: Die Verhaftung des Drogenhändlers Gwan [Tuo Tsung-Hua] endet für Lau mit einer Kugel im Kopf. Zwar überlebt er den Vorfall wie durch ein Wunder, doch sind die Folgen gravierend: Seine Sinne sind stark eingeschränkt; von eben auf jetzt ist er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. Carman, inzwischen schwanger von einem anderen Mann, beginnt, ihn zu pflegen. Zwischen Pflichtgefühl, Schuld und vielleicht nicht vollständig erloschener Zuneigung zeichnet sich zwischen beiden die Möglichkeit einer zweiten Chance ab. Aber dann gelingt Gwan die Flucht aus der Haft – getrieben vom Drang nach Vergeltung.
Kritik:
Von Logo und Fanfare der Shaw Brothers zu Beginn sollte man sich nicht aufs Glatteis führen lassen. Die wohl berühmteste Kung-Fu-Film-Fabrik der Welt übernahm bei LOVING YOU lediglich den Vertrieb und hatte mit der eigentlichen Produktion nichts am Hut. Viel aussagekräftiger ist da schon ein flüchtiger Blick auf die Stabangaben: CITY ON FIRE, wie das Werk in Deutschland extraknallig getauft wurde, ist eine frühe Arbeit Johnnie Tos, der im darauffolgenden Jahrzehnt mit Arbeiten wie FULLTIME KILLER (2001), EXILED (2006) oder VENGEANCE (2009) zu einem der einflussreichsten Regisseure Hongkongs aufsteigen und mehrere internationale Preise einheimsen sollte. Und siehe da: Sogar sein Lieblingsdarsteller Lau Ching-Wan [→ EXECUTIONERS (1993)] ist bereits mit an Bord und bekleidet auch sogleich die Hauptrolle. Handschriftlich geht es zwar schon stark in die Richtung, die das Team Jahre später populär machen sollte, ein paar Kinderkrankheiten lassen sich jedoch kaum leugnen. Denn die klobige Mischung aus Melodram und Polizei-Action steht sich allzu oft selbst im Weg.
Dabei fängt alles schon ziemlich stark an: Der Polizei-Einsatz zum Auftakt – eine desaströs misslingende Undercover- und Beschattungsaktion – ist rasant und aufregend in Szene gesetzt. Da wird über nicht sehr vertrauenerweckend aussehende Wellblechdächer gehechtet, an porösen Riesenrohren gebaumelt und an selbigen (nicht eben realistisch) von Haus zu Haus geschwungen, alles zwischen Unmengen umherflatternder Banknoten, die bei dem geplatzten Deal verlustig gegangen sind und die Szenerie nun in eine apokalyptische, westernartige Atmosphäre tauchen. Es ist das erste Aufeinandertreffen der Antipoden: Inspektor Lau, von Lau Ching-Wan gespielt, und Gwan, dem Drogendealer in der Gestalt Tuo Tsung-Huas [→ DIE MACHT DES SCHWERTES (1993)]. Zwar kann der Gangster an dieser Stelle noch entkommen, doch das gestörte Geschäft hat ihn empfindlich getroffen: Geld und Ware sind futsch. Im Folgenden wird dem Publikum klar, was für ein Kotzbrocken allerdings auch der Inspektor ist. „Warum behandeln Sie Ihre Kollegen wie Verbrecher?“, fragt ihn sein Vorgesetzter. Und tatsächlich haben viele Untergebene Angst vor Laus cholerischer Art. Auch privat ist er keinen Deut besser: Seiner Frau bringt er nicht einen Hauch Aufmerksamkeit entgegen, klärenden Gesprächen mit ihr geht er aus dem Weg. Stattdessen betrinkt er sich in der Bar und übernachtet danach im Wagen. Als es schließlich doch zur Aussprache kommt und sie ihm eröffnet, von einem anderen Mann schwanger zu sein, setzt es mitten im Restaurant vor versammelter Mannschaft eine schallende Ohrfeige.
Damit der Betrachter überhaupt das Bedürfnis verspürt, einem solchen Ekelpaket weiterhin die zuschauerliche Treue zu halten, muss sich also gravierend etwas ändern. Und das tut es auch, denn Laus Kontrahent Gwan bläst zum bleihaltigen Überraschungsangriff. Das erzwungene Duell endet in einer formvollendet widerlichen Szene: Der Inspektor bekommt eine Kugel in den Kopf – wobei es ihm trotz suppender Stirnwunde und aus der Nase heraustropfender Hirnflüssigkeit (Igitt!) irgendwie noch gelingt, seinen Kontrahenten per Handschelle festzusetzen und somit dessen Verhaftung herbeizuführen. Nun beginnt der melodramatische Teil: Als plötzlicher Pflegefall ist Lau auf eben jene Menschen angewiesen, für die er zuvor überwiegend Verachtung übrig hatte – allen voran seine Frau, die ihn wider ursprünglicher Pläne doch nicht verlässt, sondern im Gegenteil an seiner Seite weilt, um ihn ins geregelte Leben zurückzuholen. Die abermalige Annäherung des Ehepaares ist zwar sensibel erzählt, kann aber leider kaum mitreißen oder gar berühren. Das Schicksal des Inspektors lässt einen ziemlich kalt, fällt es doch schwer, in ihm mehr zu sehen als die Schweinebacke, als welche er eingeführt wurde – ein paar Alltagsbehinderungen reichen schlichtweg nicht aus, um sich jählings auf seine Seite zu schlagen. Da spielt es auch keine Rolle, dass Lau Ching-Wan darstellerisch tadellos abliefert. Exemplarisch genannt sei der Moment, in dem ihm – noch im Krankenhausbett liegend – schlagartig bewusst wird, dass er sowohl seinen Geschmacks- als auch seinen Geruchssinn verloren hat. Auch Carman Lee [→ MUTANT CITY (1992)] gibt sich diesbezüglich keine Blöße, doch ist ihre Rolle viel zu unnahbar angelegt, um echte Empathie zu wecken. Dass die neu aufkeimende Liebe teilweise von ebenso schmalzigem wie unpassendem Liedgut untermalt wird (unter anderem „To Love Somebody“ von den Bee Gees), macht es indes auch nicht unbedingt besser.
Pünktlich zum Schlussakt wandelt sich LOVING YOU dann wieder zum Action-Spektakel, wenn der rachsüchtige Gwan (ja, schon wieder der!) aus der Haft ausbricht, um endgültig mit Lau abzurechnen. Warum sich der milchgesichtige Dealer dermaßen auf den Polizisten eingeschossen hat, bleibt völlig unklar. Viel sinnvoller wäre es ja, nach erfolgreicher Flucht schleunigst Fersengeld zu geben und die halbseidenen Geschäfte künftig woanders abzuwickeln. Gwan jedoch bleibt vor Ort, besorgt sich ein paar Sprengsätze und verwickelt seinen Rivalen in ein feuriges Finale, das zwar anständig Laune macht, in seiner klischeegetränkten Realitätsferne aber im krassen Kontrast zum zuvor zelebrierten Authentizitätsanspruch steht. So ergibt sich am Ende kein stimmiges Ganzes, da beide Komponenten nicht wirklich miteinander harmonieren wollen: Entweder unterminiert die Action den Anspruch – oder umgekehrt. Auffällig sind in diesem Zusammenhang auch die Mechanismen des Marketings, das sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlägt: Je nach Anbieter und Breitengrad wurde das Januswerk entweder als zarte Romanze oder als harter Reißer verkauft. In Deutschland entschied man sich für Letzteres und verpasste der Nummer mit CITY ON FIRE gleich noch einen neuen martialischen Titel. Dieser findet nicht nur innerhalb der Handlung keine wirkliche Entsprechung, er evoziert auch Verwechslungen mit Ringo Lams 1987 veröffentlichten Polizeifilm, der international bereits unter eben diesem Namen bekannt war.
Trotz der Defizite in Sachen Duktus, Dramaturgie und Charakterzeichnung brachte LOVING YOU Johnnie To damals eine Nominierung als „Bester Regisseur“ bei den Hong Kong Film Awards ein. Das erscheint im Nachhinein etwas übertrieben – womöglich aber nur deshalb, weil mittlerweile bekannt ist, wie sehr er sich in den Folgejahren noch steigern sollte. Zugestanden sei zugleich, dass es abseits der angesprochenen Mankos nur wenig zu bekritteln gibt. Die Inszenierung fällt zwar noch in die Kategorie „jung und wild“, doch Tos später perfektioniertes Gespür für Rhythmus und präzise Bildkomposition ist bereits allgegenwärtig. Die Action, bestehend aus Verfolgungen, Schusswechseln und Explosionen, ist voller Tempo und Dynamik, aufgebrezelt durch geschickt platzierte Zeitlupenmomente. Bemerkenswert ist ferner die Kameraarbeit Cheng Siu-Keungs [→ RETURN TO A BETTER TOMORROW (1994)], der die Figuren häufig durch Gitter oder andere Begrenzungen ablichtet – ein Kunstgriff, der selbst unter freiem Himmel ein Gefühl von Enge und Eingepferchtheit erzeugt. Dazu passt auch die nahezu vollständige Abwesenheit fröhlicher oder optimistischer Menschen. Alle scheinen lediglich zu versuchen, in diesem gigantischen Käfig irgendwie über die Runden zu kommen, ohne dabei durchzudrehen. Das übertrieben kitschige Schlussbild, mit dem der Zuschauer final wieder in die Freiheit entlassen wird, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon ein wenig erzwungen.
In LOVING YOU wird sich vermutlich niemand hoffnungslos verlieben – oder anders ausgedrückt: CITY ON FIRE wird wohl weder Städte noch Herzen in Brand setzen. Aber als apartes Anschauungsobjekt für die frühe Selbstfindungsphase eines großen Regisseurs kann man das raue, experimentell angehauchte Herz-Schmerz-Konglomerat schon mal goutieren, ohne dass einem gleich die Hirnflüssigkeit aus der Nase tropft (Igitt!).
Laufzeit: 80 Minuten / Freigabe: ab 16







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