USA 2024
Regie:
John Woo
Darsteller:
Nathalie Emmanuel,
Sam Worthington,
Omar Sy,
Diana Silvers,
Saïd Taghmaoui,
Hugo Diego Garcia,
Aurélia Agel,
Grégory Montel
Das Seltsamste an THE KILLER (2024) ist, dass er existiert.
Grund: THE KILLER (2024) ist die Neuverfilmung von THE KILLER (1989) – einem Meilenstein des Action- und Gangsterfilm-Genres, der als eines der Schlüsselwerke des Hongkong-Kinos gilt und oft als Musterbeispiel für eine meisterhafte Verschmelzung von Action und Drama herangezogen wird. John Woo inszenierte damals nach eigenem Drehbuch die Geschichte des Auftragsmörders Ah Jong (gespielt von Chow Yun-Fat), der bei einem seiner Jobs versehentlich einer unbeteiligten Frau das Augenlicht raubt und im Anschluss, von Schuldgefühlen geplagt, versucht, ihr die rettende Operation zu ermöglichen. Dieser Entschluss bringt nicht nur die Unterwelt gegen ihn auf, auch das Gesetz in Gestalt des Polizisten Li (Danny Lee) heftet sich an seine Fersen. Als beide Männer sich begegnen, erkennen sie im jeweils anderen eine verwandte Seele – und es erwächst eine ebenso absurde wie intensive Freundschaft, die über den Tod hinausgeht.
Der Clou von THE KILLER (1989) besteht darin, dass seine Geschichte über ihre bloße Erzählung hinausgeht. Denn nur vordergründig geht es um den berühmten „letzten Auftrag“ oder ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cop und Killer. Tatsächlich steht man der griechischen Tragödie näher als dem klassischen Action-Kino. Die beinahe ritterliche Bindung der Protagonisten zueinander, die am Ende stärker ist als Institutionen, Gesetze oder soziale Rollen, macht sie zu tragischen Helden in einer zerfallenden Welt, ihre Freundschaft steht sinnbildlich für die Hoffnung auf ein Überleben der Menschlichkeit. Die brachiale Action, die sich dabei gelegentlich Bahn bricht, dient in dem Zusammenhang weniger dem Spektakel als viel mehr als Katalysator für die innere Zerrissenheit der Charaktere. In der Rezeption wird Woos Werk entsprechend überwiegend als genretransformierender Markstein betrachtet und als Paradebeispiel dafür, wie Action, Drama und moralische Philosophie eine berauschende Symbiose eingehen können. Auch zahlreiche Filmemacher bekannten sich offen zum Fantum, bekannte Regisseure wie Quentin Tarantino oder Martin Scorsese ließen sich maßgeblich von Woos Stil inspirieren.
Warum also die Neuverfilmung eines Werks, das bereits an der Perfektion kratzt? Das von Kritik, Publikum und Kino-Kollegium gleichermaßen gefeiert wird und dem im Prinzip nichts mehr hinzuzufügen ist? Gute Frage! SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD würde ja schließlich auch niemand durch die Modernisierungsmaschine schicken und dafür Lob und Beifall erwarten. Nicht einmal eine veraltete Optik ließe sich begründend ins Feld führen, da die im Original zelebrierte End-Achziger-Ästhetik zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon längst wieder en vogue und bereits vielfachen Imitationsversuchen ausgesetzt war. Der Gedanke, die Geschichte THE KILLERs noch einmal zu erzählen, existiert allerdings schon fast so lang wie das Original selbst. Bereits Anfang der 1990er schrieben Walter Hill und David Giler ein entsprechendes Drehbuch, das irgendwann in der Entwicklungshölle verschmorte. Auch ein südkoreanischer Anlauf im neuen Jahrtausend verlief im Sande. Dass die neue Version schließlich doch noch das Licht der Filmwelt erblickte, hätte bis kurz vor ihrem tatsächlichen Erscheinen wohl kaum noch jemand vermutet, geschweige denn erhofft. Aber doch kam es in Kooperation mit dem Studio Universal und dem Streaming-Dienst Peacock schließlich zum großen Tag: THE KILLER (2024) war plötzlich Realität. John Woo persönlich schwang dafür erneut den Regiestock, während die Autoren Brian Helgeland, Josh Campbell und Matt Stuecken die einst vom Regisseur selbst zu Papier gebrachte Story nach Herzenslust verbiegen durften.
Inhalt:
„Verdienen sie diesen Tod?“, fragt die junge Frau im Saal einer mit Tauben angefüllten Kirche. „Sonst würde ich dich nicht fragen“, antwortet ihr Gegenüber. Und damit ist ein neuer Deal beschlossen.
Die Fragestellerin heißt Zee [Nathalie Emmanuel] und wird regelmäßig von Finn [Sam Worthington], dem Handlanger des Kartellbosses Gobert [Éric Cantona], angeheuert, um Widersacher aus dem Weg zu räumen. Ihr jüngster Job ist die Ausschaltung einer Marseiller Drogenbande. In einem Nachtclub erschleicht sich die Killerin zunächst das Vertrauen der Verbrecher, dann richtet sie ein Blutbad an. Unglücklicherweise verletzt sie dabei jedoch auch die zufällig anwesende Sängerin Jenn [Diana Silvers], und zwar so schwer, dass diese erblindet. Zee bringt es nicht übers Assassinen-Herz, ihr nach dem Augen- auch noch das Lebenslicht auszupusten und lässt die Dame laufen. Als Finn davon erfährt, besteht er allerdings darauf, dass die ungewollte Zeugin ebenfalls beseitigt wird. Die Killerin entdeckt daraufhin ihr Gewissen und beschließt, die Zielperson fortan zu beschützen. Nun beginnt eine wilde Jagd. Denn Zee muss die hilflose Frau nicht nur vor den Schergen des Syndikats in Sicherheit bringen, sondern sich gleichzeitig auch den gewitzten Inspektor Sey [Omar Sy] vom Hals halten, der ihr mittlerweile auf den Fersen ist.
Kritik:
Aus dem männlichen Killer wurde also ein weiblicher, aus Hongkong Marseille und aus überlebensgroßen Fragen betreffend Schuld und Sühne ein belangloses Hetzen von A nach B – und generell quer durchs Alphabet, zwei Stunden wollen schließlich gefüllt sein.
THE KILLER (2024) unvoreingenommen zu betrachten, ist aufgrund angesprochener Umstände ein Ding der Unmöglichkeit. Man kommt schlicht nicht umhin, die modernisierte Variante mit dem Meilenstein von 1989 in Relation zu setzen – schon deshalb, weil die bekannte Handlung zwar tüchtig durchgeschüttelt wurde, aber nichtsdestotrotz noch eindeutig wiederzuerkennen ist. Dass das Neuarrangement dabei den Kürzeren ziehen würde, war freilich von Anfang an so sicher wie die Taube in der Kirche. Tatsächlich lässt THE KILLER (2024) so ziemlich alles vermissen, was die Vorlage einst so groß und großartig gemacht hat. Der offensichtlichste Faktor: die Hauptdarsteller. Chow Yun-Fat und Danny Lee umschwebte eine Aura, die ihren emotionalen Gleichklang regelrecht greifbar machte. Nathalie Emmanuel [→ GAME OF THRONES] und Omar Sy [→ JURASSIC WORLD] agieren beide solide – erstere überzeugt zudem innerhalb der Action-Szenen durch ihre Körperlichkeit. Aber Funken schlägt das nie. War die Essenz bei THE KILLER (1989) noch die Freundschaft beider Parteien, die alles überstrahlte, obwohl sie eigentlich gar nicht existieren dürfte, ist hier nichts dergleichen zu spüren – vermutlich, weil sie auch gar kein wirklicher Teil des Konzepts war. Und das ist womöglich sogar besser so. Durch die Geschlechtsänderung der Titelfigur wäre es ansonsten wohl auf eine jener oberflächlichen Romanzen hinausgelaufen, wie sie das Kino bereits dutzendfach ertragen musste. Zumindest dieses Klischee bleibt einem somit erspart. Wenn Cop und Killer hier am Ende kooperieren, ist weder Liebe im Spiel noch Seelenverwandtschaft, nicht einmal zwingend Sympathie. Sondern purer Pragmatismus.
Das gestaltet sich so leidenschaftslos, wie es sich liest, und steht symptomatisch für das große Ganze. Wo einst nicht nur Kugeln flogen, sondern auch große Emotionen, herrscht hier kalte Effizienz. Die versehentliche Blendung der Sängerin bei THE KILLER (1989) war vor allem deshalb so niederschmetternd, weil sie die Unschuld in Person war. Und das durchaus im Wortsinn: Sally Yeh erfüllte weniger die Funktion einer realen Figur. Vielmehr war sie ein Symbol für die Schuld, die der Killer auf sich geladen hatte und deren verzweifeltes Bemühen, sie zu sühnen, am Ende seinen eigenen Untergang heraufbeschwor. Bei THE KILLER (2024) hingegen ist gar nichts mehr symbolisch oder gar unschuldig konnotiert: Die Sängerin steckt ebenso tief in den Unterweltgeschäften wie alle anderen auch, wodurch im Prinzip alles gleichgehobelt wird. Ihre Erblindung wird dementsprechend auch mit einem sinngemäßen „Och jooo, wird schon wieder“ abgetan, mehr noch: Sie hätte sogar komplett gestrichen werden können, ohne dass dadurch etwas Essenzielles verlorenen gegangen wäre. Dass das nihilistische Ende des Originals hier einem versöhnlichen Ausklang weicht, passt in das Konzept und ist daher kaum überraschend.
Dass der Vorlage in dieser Besprechung mehr Platz eingeräumt werden musste als der Neuauflage, sagt eigentlich schon alles aus, was man darüber wissen müsste. Keinesfalls unterschlagen werden sollte jedoch, dass THE KILLER (2024) im ohnehin recht fragwürdigen Spätwerk des Regisseurs immerhin einen der vorderen Plätze einnimmt. Besser als die verquaste Historien-, Liebes-, Katastrophenfilm-Melange THE CROSSING (2014) ist er sowieso. Aber er schlägt auch den AUF DER FLUCHTigen Krawall-Krimi MANHUNT (2017), der unter seinen teils recht spinnerten Drehbucheinfällen leidet, sowie die rüde Rache-Mär SILENT NIGHT (2023), die zwar durchaus passabel geriet, aber sämtliche charakteristischen Mechanismen und Markenzeichen ihres Machers vermissen lässt. Zudem gelingt Woo die Kombination aus französischem Flair und der ihm eigenen Action-Ästhetik hier deutlich besser als bei seiner Hongkong-Komödie ONCE A THIEF (1991), die mit erheblichen Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat. Dass Woo bei der Neuverfilmung abermals die Inszenierung übernahm, lässt sich zwar – etwas Boshaftigkeit vorausgesetzt – als Verrat am eigenen Vermächtnis interpretieren, aber immerhin geriet das Ergebnis dadurch in Sachen Choreographie und Visualisierung angenehm kompetent. Wer das Original nicht kennt und dadurch die Gnade der Unvoreingenommenheit besitzt, dem dürfte THE KILLER (2024) daher wohl recht geschmeidig ins Gemüt gleiten. Es ist nur seltsam, dass er existiert.
Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16







