China 2019
Regie:
Renny Harlin
Darsteller:
Nick Cheung,
Richie Ren,
Yang Zi,
Feng Jiayi,
Carlos Chan,
Ma Shuliang,
Ou-Yang Ching,
Roger Kwok
„Guten Tag, der Herr! Ihrem Körperumpfang nach lebten Sie nicht sonderlich gesund.“
[Gerichtsmediziner Nick Chan begrüßt seinen neuesten Kunden.]
Inhalt:
Seit dem Mord an seiner Frau hat sich Gerichtsmediziner Nick Chan [Nick Cheung] überwiegend aus der Gesellschaft zurückgezogen. Auch das Weihnachtsfest verbringt er anstatt zuhause lieber an seinem Arbeitsplatz: der Leichenhalle. Neben zahlreichen toten Körpern leisten ihm dort immerhin auch zwei lebendige Gesellschaft: die seiner jungen Assistentin Lynn [Yang Zi] sowie des schwergewichtigen Wachmanns „Onkel King“ [Ma Shuliang]. Wider Erwarten ist an diesem Fest der Liebe an Ruhe und Frieden jedoch nicht zu denken: Drei maskierte Missetäter verschaffen sich – unter dem Kommando des unberechenbaren „Santa“ [Richie Ren] – gewaltsam Zutritt zum Gebäude. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes: ein belastendes Projektil, das in einer kürzlich eingelieferten Frauenleiche steckt. Scheinbar bereitwillig beugt sich Chan dem Willen der Eindringlinge und händigt den gewünschten Gegenstand aus. Daraufhin ziehen die ungebetenen Gäste zwar von dannen, aber sie bekommen schnell spitz, dass sie geprellt wurden: Die Patronenhülse ist nicht die gesuchte. Wutschnaubend kehren die Gangster zurück – und für Chan und seine Kollegen beginnt eine Nacht des Terrors.
Kritik:
Für Fans des großskalierten Action-Spektakels war Renny Harlin in den 1990ern kurzzeitig die wohl sicherste Bank Hollywoods. So gelang dem finnischstämmigen Regisseur das Kunststück, gleich vier Knaller in Folge abzuliefern, die alle auf ihre Art großartig waren: STIRB LANGSAM II (1990), CLIFFHANGER (1993), DIE PIRATENBRAUT (1995) sowie TÖDLICHE WEIHNACHTEN (1996). Leider waren nicht alle davon auch finanziell erfolgreich – einer floppte sogar so brutal, dass er dem produzierenden Studio damit den Todesstoß versetzte. Dieser Umstand sowie sich verändernde Zeitumstände dürften die Hauptgründe dafür gewesen sein, dass Harlins Karriere danach so lang stagnierte, bis er im Business quasi keine Rolle mehr spielte. Jahre später tauchte er dann überraschend in China auf, wo er die Komödie SKIPTRACE inszenierte, die 2016 zu einem unerwarteten Kassenschlager wurde. Derart beflügelt, blieb Harlin direkt vor Ort, drehte zunächst das Fantasy-Epos LEGEND OF THE ANCIENT SWORD (2018) und schließlich den hier vorliegenden BODIES AT REST, der zwar 2019 ins Kino kam, sich aber – trotz Smartphone- und Hightech-Einsatz – anfühlt, als sei er circa 25 Jahre früher entstanden.
Tatsächlich lag das eigentlich für den US-Markt erdachte Skript eine ziemlich lange Zeit nutzlos in der Gegend herum, bevor sich doch noch jemand überwinden konnte, ihm Leinwandehren zuteilwerden zu lassen. Allerdings atmet das Ergebnis nur bedingt Kino-Atmosphäre. Viel eher gewinnt man den Eindruck, es mit einem jener zahlreichen STIRB LANGSAM-Epigonen zu tun zu haben, die in den 1990ern kostengünstig als leicht goutierbares Videothekenfutter abgedreht wurden. Heißt: In Sachen Schauwerte und Sensationen sind keine Wunder zu erwarten. Zwar versprüht das Gebotene in Zeiten, in denen speziell das chinesische Kino sich in Sachen Gigantomanie selbst zu überflügeln versuchte, schon wieder einen angenehm-altmodischen Charme, aber wer aufgrund von Thematik und Regisseursrenommee auf großkalibrigem Radau besteht, schaut ziemlich in die Röhre. Mehr noch: Über weite Strecken fällt es sogar schwer, das Kredenzte ins Action-Genre einzuordnen. Zwar gemahnen sowohl Geiselnahme-Thematik als auch Weihnachts-Setting an bekannte Vorbilder. Aber anstatt das dicke Spektakel loszulassen, gehorcht BODIES AT REST überwiegend den gemäßigten Mechanismen der Thriller-Kategorie Home Invasion – nur, dass das Home hier makabrerweise eine Leichenhalle ist.
Dieser Schauplatz, der überwiegend im Horror-Genre zum Einsatz kommt, um dort für schaurig-schönes Frösteln zu sorgen, ist die größte Trumpfkarte BODIES AT RESTs. Die kühle, morbide Atmosphäre passt hervorragend zu der ungastlichen Situation der Protagonisten, die groteskerweise zwischen Unmengen akkurat aufgebahrter Leichen um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Begründungen dafür werden allerdings arg forciert von einem Drehbuch, das seine Helden sich mehrfach unnötig in Gefahr begeben lässt. Als erster Stolperstein erweist sich diesbezüglich bereits die Ausgangssituation: Warum der bedrohte Gerichtsmediziner Nick Chan den Gangstern nicht einfach das gewünschte Utensil – die verräterische Patronenhülse – aushändigt, sondern stattdessen versucht, die gefährlichen Eindringlinge übers Ohr zu hauen, wird nie ganz klar. Er hätte jedenfalls keinerlei nennenswerte Nachteile dadurch – und dass die Verbrecher zunächst unerkannt abgezogen wären, hieße ja nicht, dass man ihrer später nicht doch noch irgendwie hätte habhaft werden können. Stattdessen erregt Chan grundlos den Zorn der Männer und setzt damit auch die Unversehrtheit der übrigen Anwesenden aufs Spiel. Wobei es auch seine Kollegin, die energische Lynn, in einem späteren Moment für eine gute Idee hält, einen der Geiselnehmer verbal zu provozieren und dadurch nicht nur sich selbst einem unnötigen Risiko auszusetzen. Dass ihrer Figur zudem ein Armee-Hintergrund angedichtet wird, wirkt zum einen wenig glaubwürdig und wird anderen auch kaum genutzt. Zwar ist es in diesem Genre grundlegend zu begrüßen, wenn sich eine Frauenfigur in Gegenwart akuter Gefahr nicht ein Häuflein Elend verwandelt, und tatsächlich weiß sich die resolute Assistentin auch anständig ihrer Haut zu erwehren. Irgendwelche militärischen Spezialmanöver, die diesen biographischen Hinweis gerechtfertigt hätten, bleiben jedoch bis zum Ende aus.
In der Hauptrolle ist mit Nick Cheung [→ ELECTION] ein bekanntes Gesicht des Hongkong-Kinos zu sehen. Seine Figur unterscheidet sich massiv von den ganzen Bruce Willis’ und Sylvester Stallones, die Renny Harlin zu seinen besten Zeiten gegen terroristisches Gesocks zu Felde ziehen ließ. Statt seine Aggressionen auszuleben, geht Chan – ganz seiner Rolle als Mediziner entsprechend – eher analytisch vor, meidet gewalttätige Auseinandersetzungen und versucht vielmehr, den Gegner durch List und Tücke in die Knie zu zwingen. Da es die Gangster aber eher wenig mit der Feingeistigkeit halten, kommt es in regelmäßigen Abständen dennoch zum schmerzhaften Schlagabtausch, bei dem stets auch einiges an Glas und Gerät zu Bruch geht. Dazu gesellen sich ein paar Schießereien, die allerdings recht unübersichtlich geraten sind – und das ausgerechnet in einer Produktion aus China, wo die Kultivierung gepflegter Kugel-Ballette eigentlich zur Königsdisziplin gehört. Tänzerische Eleganz war hier aber ohnehin kein Teil des Konzepts, körperliche Konfrontationen gehorchen den Regeln der ruppigen Rauferei. Die spektakulärste Action-Szene entpuppt sich zudem als „Was wäre, wenn ...“-Vision – ein aus dramaturgischer Sicht immer recht fragwürdiger Kniff, der auch hier für einen kurzen Frust-Moment sorgt.
Ansonsten geht es für die Protagonisten im Wesentlichen darum, immer neue Mittel und Wege zu finden, dem tödlichen Trio zu entkommen. Zusätzliche Spannungsmomente bestehen in der Regel daraus, dass diverse Besucher die Pathologie heimsuchen, ohne dabei zu ahnen, in welcher Gefahr sie eigentlich gerade schweben, da die Hauptfiguren gezwungen sind, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. So taucht einmal ein ebenso redseliger wie begriffsstutziger Transportfahrer auf, um eine Leiche abzuholen, oder zwei Polizisten schauen nach dem Rechten, nachdem sie ein Notrufsignal ereilt hat (irgendwie ja doch erstaunlich viel Betrieb, in dieser einsamen Leichenhalle am Weihnachtsabend). Das psychische Trauma der Hauptfigur – der gewaltsame Tod der Ehefrau – will indes so gar keine sinnvolle Funktion erfüllen und scheint nur dabei zu sein, da man offenbar der Meinung war, ein bisschen Seelenpein auf guter Seite gehöre irgendwie dazu. Zwar wird im feurigen Finale eine Verbindung zu diesem Fall forciert, aber auf eine so bemüht-konstruierte Art, dass es besser gewesen wäre, man hätte es bleiben lassen. Und auch, warum Nick Chan am Ende plötzlich sämtliche Hintergründe des Überfalls kennt und sie dem Oberschurken verbal aufs Butterbrot schmieren kann, erscheint nicht wirklich stimmig hergeleitet.
So läuft BODIES AT REST mit reichlich Sand im Getriebe – aber er läuft. Die Großmannssucht früherer Harlin-Projekte weicht hier einer vergleichsweise bescheidenen, bodenständigen Machart, die durchaus Sympathiepunkte sammeln kann. Richie Ren [→ ACCIDENT] agiert auf Gangsterseite zwar recht eindimensional und klischeehaft, als Gegengewicht zum mit Bedacht handelnden Nick Chan funktioniert das allerdings schon ziemlich gut. Der Soundtrack hätte gern ein bisschen weniger generisch klingend ausfallen dürfen und auch der Inszenierung fehlt generell das entscheidende Quäntchen mitreißender Energie, um wirkliche Begeisterung entfachen zu können. Wer sich einen schönen Abend mit scheppernder Tonspur und altmodisch-geerdeter Action machen möchte, liegt hier dennoch prinzipiell richtig. Nicht nur an Weihnachten.
Laufzeit: 94 Min. / Freigabe: ab 16







