Mittwoch, 30. Juni 2021

DÄMONEN AUS DEM ALL

[LA MORTE VIENE DAL PIANETA AYTIN][ITA][1967]

Regie: Antonio Margheriti
Darsteller: Giacomo Rossi Stuart, Goffredo Unger, Renato Baldini, Ombretta Colli, Enzo Fiermonte, Halina Zalewska, Nino Vingelli, Furio Meniconi, Franco Ressel, Wilbert Bradley, Renato Montalbano

Die Zukunft, kurz vor der Mittagspause: Eine Wetterstation im Himalaya wird von Unbekannten überfallen. Fast alle Angestellten werden dabei getötet, lediglich der leitende Lieutenant Harris [Renato Baldini] wird als vermisst gemeldet. Rod Jackson [Giacomo Rossi Stuart], Commander der erdnahen Raumstation Gamma 1, und sein Kollege Pulasky [Goffredo Unger] werden mit der Klärung des Falles und der Suche nach dem Verschollenen beauftragt. Eine Expedition durch eisige Berglandschaften führt zur Wahrheit, die mal wieder außerirdischen Ursprungs ist. Extraterrestrische Bedrohung? Heimspiel für Commander Jackson, der nun in Windeseile die Waffen putzt.

Gamma 1, die Vierte. Nach RAUMSCHIFF ALPHA, TÖDLICHE NEBEL und ORION 3000 bildet DÄMONEN AUS DEM ALL den Abschluss der am Stück gedrehten Science-Fiction-Saga um die wackeren Mannen und Damen der Raumstation Gamma 1. Zum Glück, möchte man beinahe hinzufügen, denn selbst Apologeten der gefährlich unterdurchschnittlichen Reihe müssen eingestehen, dass der Ofen beim finalen Ausflug in fremde Gefilde endgültig aus ist. Dabei waren sich augenscheinlich sogar die Macher bewusst, dass nach drei All-Abenteuern eine gewisse Luftveränderung dringend notwendig war. Während sich inhaltlich nichts geändert hat (die Welt wird mal wieder von externer Seite bedroht), ist der stilistische Bruch zu den Vorgängern schon augenfällig. Das letzte Kapitel spielt nämlich vorwiegend auf der Erde, die dieses Mal nicht mal für fünf Pfennige in irgendeiner Form futuristisch geschmückt wurde, sondern halt einfach nach Erde des Jahres 1966 aussieht. So verbringt Commander Jackson (der schon im Vorgänger dabei war und hier wie dort von Giacomo Rossi Stuart verkörpert wird) seinen Landgang in einem stinknormalen Café in Flussufer-Nähe, während im Hintergrund gewöhnliche Motorboote und PKW vorbeijuckeln. Versuchte man in den Vorgängern zumindest noch, den Anschein einer technologisch fortgeschrittenen Zukunft zu erwecken, legte man die (ohnehin erfolglosen Versuche) hier nun endgültig ad acta. Lange Zeit bleibt das auch so, denn von wenigen Intermezzi abgesehen kommt DÄMONEN AUS DEM ALL zunächst ohne Weltraum-Szenen aus. Stattdessen erzählt man die Geschichte einer Suche, die, wäre sie in Schwarzweiß abgelichtet, ebenso gut 10 Jahre früher hätte entstanden sein können.

Tatsächlich bedient die einleitende Himalaya-Expedition so ziemlich jede Klischee eines typischen Billig-Monsterfilms der 1950er-Jahre: Ein Wissenschaftler wird entführt und ohne jeden Anhaltspunkt werden ominöse Schneemenschen dafür verantwortlich gemacht (was am Ende natürlich auch noch stimmt). Es folgen ausschweifende Wanderungen durch Eis und Schnee, begleitet von Unglücksfällen, Streitereien und Sabotageakten, bevor man am Ziel tatsächlich auf die Übeltäter trifft, die zwar yeti-artige Außerirdische sein sollen, in Wahrheit aber bloß große bärtige Männer in breiten Mänteln sind. Der Anführer der bösen Brut geriert sich mit geheimer Kommandozentrale als vermeintlicher Superschurke im James Bond-Stil, der die Welt erst mittels selbst generierter Naturkatastrophen fluten will, um sie im Anschluss zu annektieren. Das ergibt erstaunlich wenig Sinn, aber vielleicht sind die Außerirdischen ja mit dem Kopf voran auf der Erde gelandet. Dazu passt, dass sie die Helden in eine unterirdische Höhle sperren, die doch tatsächlich einen eingebauten Lüftungsschacht besitzt, der sich im Sinne des Entkommens natürlich großartig zweckentfremden lässt (dass der entführte Lieutenant Harris bereits seit Tagen in eben jener Höhle hockt ohne dabei selbst auf die Idee zu kommen, den quasi auf dem Silbertablett präsentierten Fluchtweg zu nutzen, spricht nicht gerade für ihn). Die angeblich so hochentwickelten Invasoren verhalten sich nachfolgend wie tollpatschige Kleinkinder und lassen sich mittels ein paar lachhafter Taschenspielertricks problemlos übertölpeln.

Das letzte Drittel gehört dann der aus Teil 1 bis 3 bekannten Weltraum-Action, denn wie auf einmal aus heiterem Himmel gewusst wird, besitzen die Erdfeinde eine zweite Basis auf dem Jupiter, was der Film-Crew erneut Gelegenheit bietet, die altgedienten Studiokulissen zu entstauben und zwischen aufgehängten Planeten und wackeligen Miniaturen eine Art Abschlussschlacht zu modellieren. Und weil man nach fast vier Filmen am Stück endlich kurz vor Feierabend stand und man jetzt möglichst schnell fertig werden wollte, nutze man dafür kurzerhand auch Szenen, die bereits im Vorgänger Verwendung fanden. Das war nicht nur beim Drehen lediglich noch eine abschließende Pflichtübung, auch beim Zuschauen wünscht man sich, dass der in Sachen Ablauf absolut vorhersehbare und selbst im Rahmen der Reihe erbärmlich getrickste Showdown möglichst schnell abgefrühstückt ist. Am Ende regnet es plötzlich und alle lachen. Warum? Vermutlich, weil man das Mammutprojekt Gamma 1 nun endlich eintüten konnte. Vier Filme am Stück kreierte die Crew um Regisseur Antonio Margheriti [→ EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE] – ein Kraftakt, der auffallend zu Lasten der Qualität ging. DÄMONEN AUS DEM ALL ist der schwächste Beitrag dieser für alle Beteiligten nur wenig ruhmreichen Reihe. Dass man stilistisch ein paar neue Wege beschritt, ist noch das Positivste, was man über das Abschlusskapitel sagen könnte. Dass auch diese Wege bereits im Erscheinungsjahr komplett zertrampelt waren, ist dann wieder die andere Sache.

Immerhin wirkt Giacomo Rossi Stuart [→ DER MANN MIT DER KUGELPEITSCHE] in der Hauptrolle hier nicht halb so herrisch und machohaft wie noch im Vorläufer und könnte in einem besseren Szenario tatsächlich als Sympathiefigur fungieren. Die Chemie zwischen ihm und seinem Kompagnon Goffredo Unger [→ FÜNF BLUTIGE STRICKE] stimmt ebenfalls, so dass man den beiden wahrhaft ein besseres Skript und pfiffigeres Dialoggut gewünscht hätte. Ein wirkliches Kuriosum gibt es bei der weiblichen Besetzung zu vermelden: Die Rolle von Stationsmitglied Terry Sanchez, bei ORION 3000 noch von Ombretta Colli verkörpert, ging hier nun plötzlich an Halina Zalewska [→ DER TOD REITET MIT], die im Vorgänger eigentlich ihre Konkurrentin gespielt hatte. Ombretta Colli [→ DER KUCKUCK] ist allerdings trotzdem dabei – in der neuen Rolle der Lisa Nielson, die Commander Jackson schöne Augen machen darf und damit vergleichbar ist mit der ehemaligen Rolle Zalewkas. Eine noch bessere Demonstration, wie austauschbar in diesem Universum die Frauenfiguren sind, ist eigentlich kaum möglich. Besagte Lisa Nielson, derem entführten Gatten die ganze hier stattfindende Suchaktion überhaupt gilt, ist sich dann auch nicht zu schade, trotzdem beim Commander auf Tuchfühlung zu gehen. Auf eher peinlich berührende Weise erheiternd gesellt sich noch Wilbert Bradley [→ HÖLLENHUNDE DES SECRET SERVICE] zur Runde, der als äußerst stereotypisch gezeichneter Expeditions-Führer Sharu in einer Szene einen ekstatischen Zappeltanz zum Besten geben darf, der fatal an Drogenmissbrauch gemahnt und auf einem x-beliebigen Hippie-Festival deutlich besser aufgehoben wäre.

Das Einzige, was man an DÄMONEN AUS DEM ALL am Ende ohne jede Einschränkung als gelungen bezeichnen kann, ist die flotte (und überhaupt nicht im sonstigen Stil der Reihe arrangierte) Titelmelodie von Angelo Francesco Lavagnino [→ FAHRT ZUR HÖLLE, IHR HALUNKEN], die auf Anhieb gute Laune verbreitet. Bedauerlich, dass man das vom Rest der Fließband-Produktion selbst bei tiefergelegter Erwartungshaltung nur spärlich behaupten kann. Wer trotzdem von Weltall-Ausflügen und Alien-Invasionen noch nicht genug hatte, der konnte im Folgejahr ein Ticket für eine Reise auf die Raumstation Gamma 3 buchen. Unter japanischer Fuchtel entstand nämlich noch ein weiterer Ableger mit dem hochoriginellen deutschen Titel MONSTER AUS DEM ALL, der seinen italienischen Kollegen sogar deutlich überlegen ist.

Laufzeit: 90 Min. / FSK: ab 12 

Dienstag, 29. Juni 2021

ORION 3000 - RAUMFAHRT DES GRAUENS

[IL PIANETA ERRANTE][ITA][1966]

Regie: Antonio Margheriti
Darsteller: Giacomo Rossi Stuart, Peter Martell, John Bartha, Marco Bogliani, Ombretta Colli, Vera Dolen, Enzo Fiermonte, Goffredo Unger, Halina Zalewska

In der Zukunft herrscht mal wieder Panik: Die Erde wird in regelmäßigem Abstand von Naturkatastrophen durchgeschüttelt. Die Wissenschaft ist ratlos, aber Rod Jackson [Giacomo Rossi-Stuart], Commander der Raumstation Gamma 1, hat eine Theorie: Die Gefahr kommt aus dem All und besitzt die Form eines Meteoriten. Ein Flug in den Weltraum bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: Der Himmelkörper, der sich der Erde nähert, ist in Wahrheit ein lebender, alles vernichtender Organismus. Die Zeit zur Rettung drängt.

Bühne frei für Runde drei! Nach RAUMSCHIFF ALPHA und TÖDLICHE NEBEL ist ORION 3000 – RAUMFAHRT DES GRAUENS bereits der dritte Beitrag zur von Regisseur Antonio Margheriti zum Leben erweckten Gamma 1-Tetralogie, der sich mit seinen Vorgängern allerdings in erster Linie nur noch die Schauplätze „Raumstation“ und „Weltall“ teilt. Die kostengünstigen Kulissen haben sich zwar ebenso wenig geändert wie die einfältigen Effekte, aber in Sachen Stab und Stimmung kommt es dafür zu auffälligen Abweichungen: So glänzt das bewährte Team um Commander Halstedt hier durch Abwesenheit und macht Platz für das Team um Commander Jackson, der in seinem autoritären Auftreten und seiner rumpeligen Art nur wenig Sympathiepunkte sammeln kann. Da fängt der Mann doch wie ein ungezogener Schuljunge aus völlig nichtigen Gründen eine zünftige Rauferei mit einem Kollegen an oder lässt ohne Not Dinge vom Stapel wie „Dubrowski, wir kennen uns jetzt fünf Jahre, du dumme Sau.“ Derlei Gebaren lässt nicht gerade auf Harmonie im All schließen und tatsächlich wird dieses Mal an allen Ecken und Enden rumgezickt. Denn trotz seines rüpelhaften Benehmens fliegen dem Commander die Frauenherzen zu. Seine neue Flamme behandelt er dabei an Deck wie Dreck, nur im stillen Kämmerlein lässt er sich mal zu einem etwas freundlicheren Tonfall herab. Und da ist da noch seine Ex, die ihn aus unerfindlichen Gründen zurückerobern möchte und sich dazu extra auf die Raumstation verlegen lässt, wo sie ihre Zeit nun hauptsächlich damit verbringt, ihrer Nebenbuhlerin blasierte Blicke und bissige Bemerkungen zuzuwerfen.

Witzigerweise lösen sich im weiteren Verlauf all diese angedeuteten Konflikte (teilweise sogar wortwörtlich) in Rauch auf und kommen so über ihre Ansätze niemals hinaus. Offenbar dienen sie damit in erster Linie dem Zweck, den wahrlich nicht sehr ergiebigen Inhalt auf ein Maximum zu strecken. Und tatsächlich erreicht ORION 3000 gerade mal mit Müh und Not die knappe 80-Minuten-Marke. Allerdings ist es auch ganz angenehm, dass man die Sache nicht unnötig komplizierter machte als sie eigentlich ist. Obwohl man locker 20 Minuten hätte entfernen können, ohne dass es in Sachen Verständnis zu Verlusten geführt hätte, weicht die verklausulierte Erzählweise der Vorgänger, die ihre ebenfalls sehr simplen Prämissen umständlich aufbretzelten, hier doch einem klar formulierten Ziel: die Vernichtung des herannahenden Meteoriten, der sich als weltenverschlingender Organismus entpuppt. Etwas bedauerlich, dass man gerade diesem Konzept keine weitere Erklärung gegönnt hat: Der Himmelskörper ist offensichtlich ein lebendes Wesen, das alles in sich aufsaugt, was in dessen Nähe kommt. Aber wie und warum, ob aus Gründen der Feindschaft oder des Überlebens, ob bewusst oder unbewusst, darüber wird nicht ein Gedanke verschwendet. Dennoch sind die finalen Szenen im Inneren des pulsierenden Gesteins das einzige wirkliche Glanzlicht der mauen Erzählung. Zwar werden die Effekte nicht undurchschaubarer, aber das mit zappelnden Tentakeln, dampfenden Kratern, blubbernden Lavabächen und wabernden Rauchschwaden angereicherte Innenleben der garstigen Kreatur erzeugt trotz simpler Umsetzung durch passende Ausstattung und Ausleuchtung eine gelungene Atmosphäre.

Während das Finale beweist, dass man mit ein bisschen Fantasie und Feingefühl trotz fehlender Finanzen funktionierende Szenarien entwerfen kann, sollte über den Rest der versuchten Illusionen erneut der Mantel des Schweigens gehüllt werden. Die deutlich sichtbaren Schnüre (eigentlich fast schon dicke Taue), an denen die vermeintlichen Astronauten wie die Sandsäcke hängen und hilflos mit den Armen rudern, die gespielten Zeitlupen (hat der Crew eigentlich wirklich niemand gesagt, dass man auch tatsächliche Zeitlupen erzeugen kann?) und die klobigen Modelle (vor allem die gefährlich wackelig herumeiernde „Raumstation“, bei deren Einblendung man jedes Mal erneut Angst bekommt, sie könne jeden Augenblick vom Faden fallen, ist immer wieder schön) kennt man bereits aus den Vorgängern. Dazu gesellt hier allerdings noch ein Effekt, der so sagenhaft mies und sehnervverwirrend umgesetzt wurde, dass die eigentliche Dramatik der Szene (der Tod eines der Charaktere, der einem bei vernünftiger Umsetzung sogar nahegegangen wäre) sich in beschämtes Staunen auflöst. Ohnehin macht sich der Mangel an Zeit und Budget quasi durchgehend bemerkbar: Angeblich radiert der unheilvolle Himmelkörper am laufenden Meter ganze Großstädte aus, zu sehen bekommt man nichts davon. Eine nur sekundenlange Szene mit brennenden Flugzeugmodellen und eilig hineingeschnittene Archivaufnahmen von tatsächlichen Naturkatastrophen müssen ausreichen, um den dräuenden Untergang glaubhaft zu machen. Die alles vernichtende Explosion einer Anti-Materie-Bombe wird durch den Knall eines Feuerwerkskörpers veranschaulicht, dann wird abgeblendet. Den Rest muss man sich halt denken. Diese offensichtlichen Sparmaßnahmen fallen überdeutlich ins Auge und verhindern eine wirkliche Anteilnahme an dem Geschehen.

Ganz im Gegensatz zu den Protagonisten, die angestrengt damit beschäftigt sind, stets sorgenvoll aus der Wäsche zu gucken und am Ende von Heldentum und -tod gar nicht genug bekommen können. Gespielt ist das alles durchaus anständig, was in Anbetracht der offensichtlichen Billig-Kulissen, durch die man sich hier bewegen musste, gar nicht so selbstverständlich ist. Giacomo Rossi Stuart [→ DIE FÜNF GEFÜRCHTETEN] verkörpert den herrischen Commander Jackson fernab der Stromlinienförmigkeit seines Vorgängers, was ihn immerhin zur interessanteren Figur macht. Deutlich mehr zur Sympathieperson jedoch taugt sein Mitstreiter Lt. Dubrowski (Pietro Martellanza [→ DAS AUGE DES BÖSEN]), der mit Jackson aus irgendwelchen Gründen im Dauer-Clinch liegt, sich mit ihm schlägt, mit ihm verträgt, und das damals übliche Männlichkeitsideal beizeiten auch mal beiseite legt und unumwunden Tränen der Trauer vergießt. Enzo Fiermonte [→ CARRERA – DAS GEHEIMNIS DER BLONDEN KATZE] wiederholt in bewährt aristokratischer Manier offenbar seine Rolle aus dem Erstling, obwohl er hier merkwürdigerweise einen neuen Namen trägt. Und die weibliche Belegschaft gerät leider mal wieder ein bisschen ins Hintertreffen und ist überwiegend dazu da, als Anhängsel zu dienen. Halina Zalewska [→ DER LEOPARD] agiert zwar durchaus selbstbewusst als vollwertiges Crew-Mitglied, hat aber dennoch nichts Besseres zu tun, als sich um die Treue ihres lieben Commanders zu sorgen. Und Ombretta Colli [→ DER KUCKUCK] hat als ihre Rivalin so wenig zu tun, dass man fast hofft, sie hätte den Autoren im Anschluss mal so richtig die Meinung gegeigt.

ORION 3000 (der Titel ist eine deutsche Erfindung, die nichts mit der Handlung zu tun hat) ist am Ende dann wirklich nur etwas für unverbesserliche Fans italienischer Niedrigpreis-Unterhaltung. Anders als so oft beflügelte das schmale Budget hier leider nicht die Fantasie der Macher, man merkt dem Werk Lieblosigkeit und Zeitdruck seiner Entstehung deutlich an (immerhin entstanden alle vier Gamma 1-Abenteuer in einem Abwasch). Die Raumfahrt des Grauens ist somit vielmehr eine Raumfahrt des Gähnens, eine leidenschaftslose Auftragsarbeit ohne Schmiss und Elan und innerhalb der eigentlich sehr feinen Filmographie Antonio Margheritis [→ DIE JÄGER DER GOLDENEN GÖTTIN] eher vergessenswert.

Laufzeit: 78 Min. / FSK: ab 12

Sonntag, 27. Juni 2021

TÖDLICHE NEBEL

[I DIAFANOIDI VENGONO DA MARTE][ITA][1966]

Regie: Antonio Margheriti
Darsteller: Tony Russel, Lisa Gastoni, Franco Nero, Carlo Giustini, Enzo Fiermonte, Linda Sini, Nando Angelini, John Bartha, Marco Bogliani, Calisto Calisti, Aldo Canti, Lynn Desmond

Zeit: Die Zukunft. Ort: Raumstation Gamma 1: Commander Halstead [Tony Russel] und seine Crew befinden sich in Feierlaune. Das neue Jahr steht vor der Tür. Da wird alle Förmlichkeit vergessen und das Tanzbein geschwungen, als ob es kein Morgen gäbe. Dummerweise stimmt das vielleicht sogar: Seltsame wolkenähnliche Gebilde tauchen plötzlich auf und lassen Menschen zur Salzsäule erstarren. Und der einst so loyale Captain Dubois [Michel Lemoine] steht plötzlich unter dem Einfluss einer fremden Macht und verkündet unheilvolle Botschaften: Die Menschheit wurde dazu auserkoren, körperlosen Invasoren als Wirt zu dienen, die baldige Gleichschaltung aller Lebewesen steht bereits kurz bevor. Halstead und sein Kompagnon, der wagemutige Lieutenant Jacowitz [Franco Nero], wollen das nicht hinnehmen und gehen in den unlegitimierten Widerstand. Die Spur führt zum Mars.

Nachdem RAUMSCHIFF ALPHA im Vorjahr unerwartet sogar in den Lichtspielhäusern landen durfte, obwohl der kostengünstig zusammengerührte Cocktail aus Kosmos-Krimi und Verrückter-Wissenschaftler-Schote eigentlich nur für die Mattscheibe konzipiert war, schickten sich anno 1966 TÖDLICHE NEBEL an, es dem gleichzutun. Auch der Fortsetzung wurden spontane Leinwand-Ehren zuteil, weswegen das Wiedersehen mit den aus dem Vorgänger bekannten Figuren im wohligen Dunkel des Kinosaals erfolgen konnte. Viel geändert hat sich dabei nicht. Kein Wunder, denn aus Gründen der Effizienz wurde Teil 2 gleich zusammen mit dem Erstling abgekurbelt, weswegen nicht nur die Darsteller die selben bleiben, sondern auch die biederen Bauten und Modelle, welche hier abermals die Weiten des Weltalls suggerieren sollen. Nach wie vor ohne großen Erfolg, denn die zahlreichen Raumstations- und -schiff-Miniaturen sind viel zu klobig und undetailliert gestaltet, um nicht sofort als ordinäres Spielzeug entlarvt zu werden. Und auch in Sachen Tricktechnik sind keine Veränderungen auszumachen: Jeder Effekt ist in seiner Machart auf Anhieb durchschaubar, und man gab sich auch keine Mühe, sein Publikum in irgendeiner Form zu verblüffen. Die Schnüre, an denen die Astronauten-Statisten hier arg ungelenk durchs angebliche All schaukeln, sind so dermaßen prominent ins Bild gerückt, die sollten einfach gesehen werden. Kurzum: Die Illusion, man befände sich in ferner Zukunft zwischen fremden Sternen, kann nicht eine Sekunde erweckt, geschweige denn aufrecht erhalten werden.

Dazu trägt nicht nur die unterdurchschnittliche Effekt-Arbeit bei, sondern auch der Umstand, dass die Fantasie der Schöpfer abermals nicht ausreichte, sich eine plausible futuristische Vision zu erdenken. So befindet man sich erneut eindeutig in den allertiefsten 1960er-Jahren, was bereits bei der einleitenden Silvester-Feierlichkeit mehr als deutlich wird: Während im Vordergrund mit bierernster Miene Technik-Tinnef abgesondert wird, tobt im Hintergrund eine rauschende Champagner-Fete mit hippen Beats und flotten Girls, bei der alles wie verrückt zappelt, schwoft und sich beschwipst Schweinereien ins Ohr säuselt. Auch die lässigen Dialoge, welche zumindest die deutsche Synchronfassung vom Stapel lässt, können nur aus dieser Zeit stammen. „Saufen Sie nicht mehr als Sie vertragen können“, raten sich die Crew-Mitglieder da gegenseitig, oder bemerken folgerichtig: „Spaß muss sein, sonst geht keiner mit zur Beerdigung.“ Dieser unbekümmert zelebrierte Zeitgeist ist es dann auch, der TÖDLICHE NEBEL zu einem aparten Anschauungsobjekt werden lässt. Hier wird aus jeder Pore pure Nostalgie geschwitzt, der Rest ist redundant. Denn – wenig überraschend! - auch die Geschichte reißt niemanden vom Hocker.

War im Vorgänger noch die Gen-Technik und deren Missbrauch als Wurzel allen Übels ausgemacht, bediente man sich hier des klassischen Körperfresser-Motivs, das 1956 im wegweisenden Sci-Fi-Grusler DIE DÄMONISCHEN erstmals publikumswirksam die Leinwände der Welt heimsuchte. Die unheimliche Macht, die in Wolkenform vom Menschen Besitz ergreift, ist hier wie dort unschwer als kommunistische Ideologie zu deuten, will das fremde Wesen sich doch alles in Gleichheit Untertan machen. Auf die Frage, wo die verschwundenen Team-Mitglieder abgeblieben sind, antwortet der unerwünschte Eindringling: „Ihr werdet sie lebend wiedersehen. Als neue Menschen unserer Welt. Voller Hoffnung und Energie. Im Dienste der Allgemeinheit.“ Zwar war die Idee eines individuenverschlingenden Invasoren 1966 noch längst nicht so abgestanden wie einige Jahre später, aber wirklich zu nutzen wusste man sie hier nicht. Geriet der Beginn, als man noch herauszufinden versucht, was es mit den sonderbaren Ereignissen auf sich hat, noch angenehm atmosphärisch, ist, nachdem die Fronten geklärt sind, die Luft auch größtenteils schon wieder raus. Das liegt vor allem daran, dass der Gegner nicht nur körper-, sondern offenbar auch hirnlos ist, lässt er sich doch auf denkbar simple Weise austricksen und besiegen. Schuld daran ist natürlich das einfallslose Drehbuch, für das sich nun wahrlich niemand ein Bein ausgerissen hat. Mehr noch: Die erzählerischen Kniffe, wie die Helden jeder Gefahr entkommen, sind fast schon unverschämt dreist und setzen einfach voraus, dass das Publikum wirklich jede Kröte zu schlucken bereit ist. So überleben die Protagonisten nur, weil der Feind, obwohl gerade noch in bester Tötungslaune, sie einfach am Leben lässt und wie unartige Schulkinder wegschickt („Macht, dass ihr wegkommt! Ihr stört nur!“), und sie entkommen ihrer Gefängniszelle, weil der Fluchtweg praktischerweise schon mit eingebaut wurde und sich per Knopfdruck öffnen lässt (ein weiterer Knopfdruck serviert den vermeintlich Gefangenen übrigens gleich noch nen Satz Werkzeuge dazu).

In solchen Momenten gibt sich TÖDLICHE NEBEL der Lächerlichkeit preis und verärgert sogar ein wenig, da man offensichtlich annahm, der Konsument würde diese verfilmte Leistungsverweigerung anstandslos akzeptieren. Dem gegenüber stehen allerdings auch ein paar gelungene Momente, die zumindest kurzzeitig so etwas Ähnliches wie Spannung oder Dramatik aufkommen lassen. Dazu gehören vor allem die atmosphärischen und überraschend harten Szenen, in welchen die außerirdischen Eindringlinge ihre Opfer assimilieren und somit zu ihresgleichen machen: Die Menschen werden in eine untermarsliche, von unheimlichem Nebel erfüllte Höhle geschickt, aus der sie als seelenlose Gestalten wieder herauskommen. Wer sich weigert, wer seine Individualität nicht verlieren möchte, wird noch vor Ort gnadenlos zu Tode geröstet. Die Kaltblütig- und Hoffnungslosigkeit dieser Sequenz lässt erahnen, dass hier durchaus einiges an Potential vergeudet wurde. Denn überwiegend obsiegt hier doch das Defizit: Futuristische Fahrzeuge, die nicht mehr können als stinknormale PKW, Personen, die versuchen, Nebelwolken mit Flammenwerfern zu bekämpfen, Atomexplosionen, die nicht mehr sind als als ein ordinäres Silvester-Feuerwerk oder eine angeblich erstarrte Raumschiff-Crew, die verzweifelt versucht, stillzustehen ohne zu blinzeln, was aber leider nicht so ganz geklappt hat. Patzer wie diese sind garantiert bereits während des Drehs aufgefallen, aber man hat es – vornehmlich aus Zeit-und Kostengründen – einfach hingenommen, was TÖDLICHE NEBEL einfach sehr lieblos wirken lässt. Dazu hagelt es herrlichen verbalen Nonsens wie: „Registrierte Strahlungswerte: weit über maximal“ oder Begrifflichkeiten wie „Kosmo-Visions-Sendung“, „Synchrotron-Strahlungs-Anzeige“ oder „Super-Space-Geschwindigkeit“ (nur „wahnsinnige Geschwindigkeit“ wäre noch schneller), während es von der Tonspur in futuristischer Fröhlichkeit beständig piepst und pfeift und flötet.

Am Ende wirkt TÖDLICHE NEBEL wie eine etwas schluderig erdachte und inszenierte Doppelfolge der Kult-Serie RAUMSCHIFF ENTERPRISE, in der man sich ebenfalls regelmäßig fremder Eindringlinge erwehren musste und die zwischen Pappmaché-Planeten und Studio-Kulissen häufig philosophische Fragen oder moralische Dilemmata hinaufbeschwor. Margheriti und seine Crew verfehlten dieses Niveau letzten Endes aufgrund ihrer Schnellschuss-Mentalität und ihrem Desinteresse daran, mehr als zweckdienlichen Durchschnitt abzuliefern. Interessante Ansätze werden nicht zu Ende gedacht, Situationen werden unzureichend aufgelöst und die Effekte wirken nicht charmant, sondern schlichtweg unbeholfen. Aber bei Science-Fiction-Abenteuern, die mit weiblichem Eifersuchts-Gehabe beginnen und mit inniger Knutscherei enden, muss man generell skeptisch sein.

Laufzeit: 92 Min. / FSK: ab 16

Dienstag, 15. Juni 2021

RAUMSCHIFF ALPHA

[I CRIMINALI DELLA GALASSIA][ITA][1965] 

Regie: Antonio Margheriti 
Darsteller: Tony Russel, Lisa Gastoni, Massimo Serato, Carlo Giustini, Franco Nero, Enzo Fiermonte, Umberto Raho, Vittorio Bonos, Aldo Canti, Franco Doria, Margherita Horowitz, Carlo Kechler 

„Ich wäre entzückt, wenn Sie mir erlauben würden, Ihren Geist zu erforschen.“ 

[Professor Nurmi weiß, wie man flirtet.] 

Die Zukunft: Auf der erdnahen Raumstation Gamma 1 arbeiten Commander Mike Halstedt [Tony Russel] und Professor Nurmi [Massimo Serato] im Forschungsauftrag zusammen. Freunde sind sie nicht gerade. Während der Professor mit Begeisterung biochemische Experimente an menschlichen Organen durchführt, hält der Commander das Eingreifen in die Genetik für grundlegend falsch. Gleichzeitig verschwinden auf der Erde immer wieder Menschen auf mysteriöse Weise. Eine erste Spur ergibt sich, als ausgerechnet Mikes Schwester Vicky [Victoria Zinny] Zeugin einer weiteren versuchten Entführung wird und eine junge Frau und einen glatzköpfigen Hünen als Täter beschrieben kann. Dieser Hinweis führt zur streng geheimen Experimentierstation Alpha – und damit zu Professor Nurmi. 

Die Helden RAUMSCHIFF ALPHAs brauchen in der Tat ganz schön lang, um 1 und 1 zusammenzuzählen. Hätte man dem offen von Herrenrassen träumenden Professor Nurmi schon gleich bei seinem ersten Auftritt das Wort Schurke auf die Stirn gepinnt, es wäre kaum weniger subtil gewesen. So sind statt des Publikums lediglich die Protagonisten überrascht, als sie ca. zur Halbzeit der Chose erkennen, dass zwischen dem unerklärlichen Verschwinden mehrerer Menschen und den Faschismus-Fantasien des distinguierten Wissenschaftlers ein Zusammenhang besteht - zumal die Themen Größenwahnsinniger Gelehrter und Genetische Manipulation zum Produktionszeitraum schon längst nen Bart vom Kolosseum bis zur Milchstraße hatten. Das Bebildern neuer Ideen war jedoch augenscheinlich ohnehin nicht die treibende Kraft hinter dem ernüchternd leidenschaftslos kredenzten Kosmos-Krimi, der sichtbar simpel und ohne offenkundige Sorgfalt heruntergekurbelt wurde. Dass das keine bloße Behauptung ist, beweist der Affenzahn, in dem unter selber Regie noch drei Fortsetzungen hinterhergeschickt wurden, entstanden direkt am Stück innerhalb weniger Monate. Geldgeber des als italienische Produktion ausgewiesenen Werks war das amerikanische Fernsehen, das zu günstigen Konditionen möglichst viel Sendezeit mit Science-Fiction-Stoff füllen wollte. Putzigerweise befand man das Ergebnis als dermaßen gelungen, dass man es entgegen ursprünglicher Pläne sogar auf die Leinwand brachte. 

Ein gewisser Unterhaltungswert lässt sich tatsächlich nicht leugnen, wobei das in erster Linie an den unfreiwilligen Begleiterscheinungen der Billigproduktion liegt. Die Durchschaubarkeit der zahlreichen Modell-Effekte gemahnt an Magie und Möglichkeit gut ausgestatteter Kinderzimmer, und immer wieder ertappt man sich beim Daumendrücken, dass die ganzen plumpen Plastik-Schiffe, -Stationen und -Satelliten nicht von der deutlich sichtbaren Schnur fallen, an der sie unsicher vor der Weltraum-Tapete hin und her wackeln. Bereits der Vorspann ist ein Quell der guten Laune: Ein paar Schauspieler hängen unkoordiniert im „All“, rudern hilflos mit den Armen und fragen sich vermutlich gerade, warum sie nichts Anständiges gelernt haben. Ein paar Takte später turnen sie dann durch eindeutig als solche auszumachende Studiobauten und versuchen verzweifelt Schwerelosigkeit zu simulieren, indem sie so tun, als würden sie sich in Zeitlupe bewegen. Sieht natürlich komplett bescheuert aus und man fragt sich, warum echte Zeitlupe an der Stelle keine Option gewesen ist. Dazu gesellt sich eine Ausstattung, die angestrengt futuristisch wirken will, was aber grandios scheitert, da die Vorstellungskraft der Szenenbildner schlichtweg nicht ausreichte. Stattdessen bekommt man Telefonhörer von Ausmaßen einer ganzen Telefonzelle serviert, Werbe-Bildschirme, auf denen eine überaus hässliche "Computer-Puppe" angepriesen wird (von deren Aussehen und Artikulation sogar Chucky, die Mörderpuppe Herzrasen bekommen würde) und "Laser-Kanonen", die stinknormale Plastik-Pistolen sind, aus deren Lauf Flammen hervorschießen. Woanders nennt man sowas Feuerzeug. Als weitere Attraktion fungiert das als "Allzweckauto" betitelte Gefährt, das einem als avantgardistisch verkauft wird, tatsächlich aber so aussieht wie das, was für gewöhnlich auf Rummelplätzen neben wippenden Pferdchen im Kreis fährt. Höhepunkt für Spielzeug-Fetischisten ist dann die Verfolgungsjagd, bei der zwei Bösewichte in eben jenem Vehikel fliehen, was schließlich in einem Auffahrunfall mit den Helden mündet. Wie diese Szene aussieht, weiß jeder, der in seiner Kindheit schon mal zwei Matchbox-Autos frontal aufeinanderprallen ließ. Und da man hier abermals auf relativ simpel zu bewerkstelligende Dinge wie Zeitlupen und adäquate Sounds verzichtete, muss man vermuten, dass den Machern die Offensichtlichkeit ihrer hochökonomischen Trickserei schlichtweg schnuppe war.

Im Vergleich zu den Beiträgen der Godzilla-Reihe, die aus dem Spiel mit Miniaturen, Kulissen und Kostümen eine ganz eigene, in sich stimmige Ästhetik entwickelte, sind die halbgaren Versuche RAUMSCHIFF ALPHAs etwas Ähnliches zu bewerkstelligen arg bemitleidenswert. Die Story ist eher naiver Natur und zudem auch ein ziemlicher Bauernfang. Anstatt das Science-Fiction-Sujet vollends auszukosten bekommt man nämlich eine reichlich banale Agentengeschichte vorgesetzt, die (natürlich aus Budgetgründen) überwiegend auf der Erde stattfindet und ebenso gut auch in der damaligen Gegenwart hätte stattfinden können. Die Infantilität bricht sich Bahn, wenn das Weltraum-Kommando der Vereinigten Demokratien (das sich als Konferenzraum gerade mal eine etwas bessere Besenkammer leisten kann) zusammenhockt, um über den permanenten Personenschwund zu beratschlagen. „Es gibt bestimmt eine Erklärung. Man muss sie nur finden“, schlussfolgert einer messerscharf, bevor die Versammlung mangels neuer Erkenntnisse erst einmal vertagt wird. Eigentlich sei das ja auch Sache der Polizei.

Auch ernstzunehmenden Diskussionen betreffend Ethik ging man, abgesehen von einem kurzen verbalen Disput zwischen Commander und Professor zu Beginn, aus dem Weg. „Es ist vielleicht altmodisch, aber ich möchte gern mit dem Körper leben, den die Natur mir gegeben hat“, erklärt Halstedt da gewissenhaft. „Ich bin ein Individuum und nicht eine Kollektion von Fleischbrocken.“ Vertieft wird das Thema dann aber nicht. Ist auch gar nicht nötig, denn die nachfolgenden Ereignisse folgen keiner irgendwie gearteten Logik. So bleibt einem nicht viel anderes übrig, als das abstruse Geschehen als kindlichen Comic-Strip zu begreifen, in denen stocksteife Barbie-Puppen verkleinerte Menschen darstellen sollen und die Entführungsschwadron aus einer Schar leckerer Ladys besteht, die als Handlanger einen tumben Mantelträger mit Glatze, Sonnenbrille und viel zu kleinem Hut mit sich führen, den man schon aus 30 Kilometern Entfernung als Halunken erkennt (als ihn in einer Szene ein Kind beim geplanten Übergriff beobachtet, erschrickt er, dreht sich weg, hält sich schnell das Cape vors Gesicht wie einst Bela Lugosis Double in PLAN 9 AUS DEM WELTRAUM und kratzt die Kurve – was für ein Held!).

Aufgrund solch angenehmer Verschrobenheiten unterhält RAUMSCHIFF ALPHA auf unintendierte Weise bis zum Schluss recht anständig. Der Amerikaner Tony Russel [→ HARD RIDER] macht sich als Held nicht schlecht, während Massimo Serato [→ SARTANA KOMMT] als klassischer Bond-Bösewicht agiert, der seinem Konterpart gen Ende erstmal ganz traditionell eine von reichlich abstrusen Erklärungen begleitete Führung durch seine Anlage spendiert. Für den weiblichen Anteil ist Lisa Gastoni [→ FEUERTANZ] an Bord, die zunächst als schlagkräftiger Selbstverteidigungsprofi eingeführt wird, bevor sie plötzlich Sachen sagt wie „Ich bin der Meinung, dass die volle Gleichberechtigung zum Weltraumschrott gehört“ und am Ende dann doch wieder nur die hilflose Geisel mimen darf. Und in einer Nebenrolle erkennt man noch Franco Nero, bei dessen von zarter Milchbubi-Blässe gezeichnetem Anblick man kaum glauben kann, dass er nur ein Jahr später als einer der härtesten Westernhelden aller Zeiten, Django nämlich, in die Filmgeschichtsbücher eingehen würde. Ergänzend bleibt noch zu sagen, dass der deutsche Titelvergeber wohl ein bisschen geträumt hat, schließlich ist Alpha kein Raumschiff, sondern eine Raumstation. Aber wer wird denn kleinlich sein? RAUMSCHIFF ALPHA bietet zwar kein Raumschiff Alpha, aber dafür wunderbare Momentaufnahmen wie die, in welcher die völlig überrumpelten Helden von ein paar kampflustigen Damen nach Strich und Faden vermöbelt werden, bevor mitten in der Zukunft rauschende Swingin'-60s-Partys gefeiert oder Theatervorführungen besucht werden, in denen Tänzer in albernen Vogelkostümen über die Bühne hopsen und lauter seltsame Dinge tun. Und als eben solche sollte man dieses Werk auch betrachten.

Regisseur Margheriti war laut eigener Aussage übrigens nicht sehr erfreut darüber, dass man die TV-Produktion wider vorheriger Planung ins Kino brachte. Er war der Meinung, auf der Leinwand würden die für die Mattscheibe konzipierten Effekte schrecklich aussehen. Da hat er sich natürlich geirrt. Die Effekte sehen auch im Fernsehen beschissen aus. Dass der Mann sein Metier eigentlich deutlich besser beherrschte, bewies er später mit grandiosen Krachern wie GEHEIMCODE WILDGÄNSE oder KOMMANDO LEOPARD. Aber bis dahin sollte noch ein bisschen Zeit vergehen. Ein Jahr später waberten unter seiner Fuchtel erstmal TÖDLICHE NEBEL durch die Lichtspielhäuser.

Laufzeit: 97 Min. / FSK: ab 12 

Donnerstag, 3. Juni 2021

OASE DER GEFANGENEN FRAUEN

[OASIS DE LAS CHICAS PERDIDAS][SPA/FRA][1981]

Regie: José Jara
Darsteller: Françoise Blanchard, Nadine Pascal, Shirley Knight, Antonio Mayans, Claude Boisson, Jean Roville

Wenn die Produktionsfirma Eurocine zuschlug, bekam man im schlechtesten Falle einen schlechten Film. Im besten Falle bekam man einen grottenschlechten Film, der so manche beabsichtigte Komödie auf die hinteren Plätze verwies. So wie OASE DER GEFANGENEN FRAUEN, in dem lausige Darsteller noch lausigere Dialoge absondern, um eine mit der Realität kaum zu vereinbarende Handlung zu erklären, in welcher hinten und vorne nichts zusammenpasst. Das hat auch seinen Grund: Das exploitative Entführungs-Epos ist ein gnadenlos billiges F(l)ickwerk, das in aller Eile aus anderen Schundfetzen zusammengeschustert wurde, um mit möglichst wenig Aufwand erneut Kasse zu machen. Das Ergebnis spottet jeder Beschreibung und dürfte im Lexikon unter Filmruine eingetragen sein. 

In einer Discothek werden Annie und Pascale von zwei Herren auf solch charmante Art angesprochen („Sie tanzen ungeheuer gut!“), dass es nicht lang dauert, bis sie sich in deren Wohnung befinden. Doch – Überraschung! - die Herrschaften führen nichts Gutes im Schilde: Durch ein dem Champagner hinzugefügtes Pülverchen werden die beiden Frauen gefügig gemacht und ordentlich durchgeorgelt. Doch damit ist das Unglück noch nicht vorbei: Nach besagter Aktion betritt der glatzköpfige Jules die Wohnung, besieht sich das Frischfleisch und bietet großzügige 20 000 Franc dafür. Zum ersten, zum Zweiten uuuuuund zum Dritten! Verkauft an den Herren mit der Fleischmütze! 

Ganz stilecht in zwei großen Körben verpackt, werden die beiden Hübschen nun auf ein geheimnisvolles Schiff verladen und erst auf hoher See wieder herausgelassen. Dort müssen sie feststellen, dass sie nicht die einzigen Gelackmeierten sind, sondern der ganze Frachtraum voll von Leidensgenossinnen ist. Nachdem ihnen Madame Olga, offenbar Chef der ganzen Veranstaltung, erklärt hat, dass die Reise nach Afrika geht, wo schon eine gut frequentierte Arbeit im geheimen Mega-Puff auf sie wartet, werden die Damen erstmal von der Crew durchgenudelt. Eine Einführungsveranstaltung quasi. (Für diesen Wortwitz müsste man sich eigentlich schämen. Aber dies ist der falsche Ort dafür.)

Schon bald ist das Ziel nahe. Zwar befindet man sich eigentlich noch auf höchster See, beim Blick durchs Fernglas jedoch scheint das Festland gerade mal drei Meter entfernt zu sein (wahrscheinlich extrem guter Zoom). Kaum an Land, werden die Mädels in Jeeps verladen, und los geht die wilde Fahrt (dabei wird es nur allzu offensichtlich, dass der Drehort nicht Afrika, sondern der nächstbeste Safaripark gewesen ist). Als unterwegs eine Pinkelpause eingelegt wird, schafft es eine der Entführten eine junge Frau, die zufällig in der Gegend rumsteht, um Hilfe zu bitten. Leider bleibt dieses nicht unbemerkt, was zur Folge hat, dass auch besagtes Mädel nach kurzer Verfolgung einkassiert wird. Dumm gelaufen (im wahrsten Sinne des Wortes)!

Die Fahrt geht weiter. Eine der Entführten schaut dabei aus dem Fenster und staunt: „Was für seltsame Tiere!“ Die "seltsamen Tiere" sind übrigens Giraffen und Nashörner, die man aus Archivmaterial hineingeschnitten hat. Sehr seltsam...

Das Ziel wird erreicht (das angebliche Bordell entpuppt sich als ziemlich kleine Baracke, bei der man sich fragen muss, ob da überhaupt alle rein passen), die Schlafplätze werden verteilt und eine der Damen erstmal zünftig ausgepeitscht, da sie unerlaubt eingeschlafen ist. Nun beginnt das Nuttenleben, doch Annie gefällt sich in der Rolle nicht so recht. Eines Tages gelingt ihr die Flucht. Als sie armeflatternd und brüstezitternd (die Möpse sind ihr aus dramaturgischen Gründen natürlich prompt aus der Bluse gehüpft) durch den Wald hechtet, begegnet sie schließlich einem Ansässigen, der gerade auf einer Palme hockt (das ist in Afrika ja Standard). „Helfen Sie mir, ich werde in diesem Sex-Camp gefangen gehalten!“ ruft sie ihm zu. Obwohl "dieses Sex-Camp" ja eigentlich geheim sein soll, weiß der Angesprochene sofort, worum es sich handelt - ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Da der Mann zufälligerweise der Freund der unterwegs einkassierten Frau ist, will er umgehend helfen und kommt auf die geniale Idee, Interpol einzuschalten. Warum ihm die Idee erst jetzt kommt, obwohl er ja von "diesem Sex-Camp" weiß, wäre eine gute Frage. Leider stellt sie niemand. Bevor es zu irgendeiner weiteren Unternehmung kommt, werden die beiden von John und Bernadette (den Leitern des Camps) überrascht und ein entsetzlich lahmer wilder Kampf entbrennt. Für Annie ist der Traum von Freiheit ausgeträumt, der Palmen-August jedoch entkommt.

Lagebesprechung der Mädels: Während eine der Entführten das alles gar nicht so schlecht findet (daraufhin die andere: "Du bist ja auch eine Nymphomanin.“), sind sich die anderen schnell einig, dass eine Flucht vonnöten ist. Die Idee, einen Kunden dazu zu überreden, die Polizei zu verständigen, wird als geeignet angesehen, allerdings später nie wieder aufgegriffen. Stattdessen erzählt man sich erstmal gegenseitig, wie man überhaupt in diese prekäre Situation geraten ist (natürlich in Form von Rückblenden - 90 Minuten Laufzeit müssen ja schließlich gefüllt werden und Archivmaterial ist auch noch übrig).

Die Erste erzählt, wie sie im Club mit einer Freundin eine lesbische Tanznummer abgezogen hat und erklärt dazu: „Die Typen waren so geil, die wären am liebsten auf die Bühne gerannt und hätten uns vergewaltigt.“ Klingt ja nach nem richtig gelungenen Abend! Einer dieser Jungs ist dummerweise der dem Zuschauer bereits bekannte Jules, der ihr im Anschluss an die Nummer anbietet, in einem "ganz hervorragenden Club in Südafrika" tanzen zu können. Nadine lehnt ab – ganz schlechte Idee. An einen Stuhl gefesselt zwingt man sie durch Würgen und Fummeln, den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Ja, sogar Verträge haben die bei diesem illegalen Puff. Sehr vorbildlich!

Es folgt die Geschichte Sophies, welche auf Urlaub in Paris war und bei einer Kostümparade zugesehen hat („Ich glaube, es ging um den Sturm auf die Bastille – so genau weiß ich das aber nicht.“). Dort macht sie die Bekanntschaft eines netten Herren, der ihr eine Zigarette anbietet. Dummerweise ist diese nicht ganz koscher, so dass ihre Erinnerung erst auf dem Schiff wieder einsetzt. Das wäre doch ein brauchbarer neuer Warnhinweis für Zigarettenschachteln: Rauchen kann zu lang anhaltender Versklavung und Zwangsprostitution führen.

Zum Abschluss beginnt eine gewisse Chantal zu erzählen: Sie war in Spanien als Tramperin unterwegs und wurde von Amando aufgelesen. Dieser betreibt eine Damenboutique und unterbreitet ihr gleich das Angebot, ein paar Stücke anzuprobieren, welches sie natürlich begeistert annimmt. Während sie sich vor Ort in die schönsten Fummel schmeißt, schickt Amando seine Mitarbeiterin nach Hause. „Ist es mal wieder soweit?“ fragt diese und es schwant einem Böses. Als Chantal wieder hervorkommt, sieht sie Amando mit nacktem Oberkörper, der sich mit der Peitsche selbst auf den Rücken klatscht. Chantal ist freilich erstaunt, aber als er sie bittet, ihn auszupeitschen, tut sie es dennoch. In der nächsten Szene bedankt er sich artig und wünscht ihr noch viel Glück. Mit den Worten „Du bist zwar pervers, aber trotzdem lieb“, verabschiedet sie sich.

Wer jetzt naiverweise geglaubt hat, diese Episode hätte irgendetwas mit ihrer Entführung zu tun gehabt, der hat sich getäuscht. Die Erklärung, wie sie in ihre missliche Lage kam, bleibt Chantal schuldig. Die Erklärung, warum sie stattdessen diese völlig unwichtige Geschichte erzählt hat, ebenfalls. Dafür erzählt sie noch, dass sie danach eine Ansichtskarte für ihre Mutter gekauft habe. Besagtes Elternteil bekommt man anschließend dann auch zu Gesicht. Mama Chantal sitzt mit einer Freundin beim Kaffee und erklärt dieser, seit Ankunft der Karte nichts mehr von ihrer Tochter gehört zu haben und sich allmählich Sorgen zu machen. Ihr Gegenüber hat immerhin noch eine Karte Chantals aus Marokko erhalten, was Mutti veranlasst, diese der Polizei zu übergeben. Diese verspricht auf Anhieb ihre Unterstützung und fordert Agent Mike an, um den Fall zu übernehmen.

Auftritt Agent Mike! Dieser betritt ein Hotel, in welchem sich Madame Olga aufhält. Woher er das weiß und woher er weiß, dass Madame Olga mit dem Fall zu tun hat, ist völlig irrelevant. Durch einen cleveren Agententrick (Lauschen an der Tür) erfährt er von einer neuen Ladung Frauen, welche am folgenden Tag nach Afrika verschifft werden soll (da scheint ja ein ziemlich starker Verschleiß zu herrschen). Mit einem Kollegen gelingt es Mike, an Bord des Schiffes zu gehen. Leider rennt sein Begleiter dabei blindlinks gegen eine Glocke. Zwei Besatzungsmitglieder kommen angewetzt, entdecken aber niemanden – was ein wenig seltsam ist, denn Mike und Kollege hocken gut sichtbar hinter einem gut zehn Zentimeter hohen Kasten und wären von jedem Kleinkind entdeckt worden. Mike und Kollege greifen sich nun den erstbesten Matrosen, klopfen ihn windelweich und zwingen ihn, den Standort des Bordells zu verraten. Daraufhin beschließt Kommissar Arturo (eine weitere quasi aus dem Nichts eingeführte Person) mit seinen Männern, dem Etablissement einen Besuch abzustatten. Gesagt, getan! Zwar versuchen John und Bernadette die Polizisten davon zu überzeugen, hier ginge alles mit rechten Dingen zu, doch als ihnen die Sache zu heiß wird, versuchen sie zu fliehen. Es kommt zum großen Showdown.

Was auf dem Papier sogar noch relativ zusammenhängend klingt, ist in der Ausführung ein kaum nachvollziehbarer Wust aus etlichen angefangenen, nie zu Ende geführten Handlungssträngen, plötzlich auf- und noch plötzlicher wieder abtauchenden Figuren und absurden Situationen. Freilich waren bereits die verwendeten Vorlagen keine Film des Jahres-Anwärter. Die Versuche jedoch, die eigentlich nicht zueinander gehörenden Story-Fragmente mithilfe nachgedrehter Szenen doch noch zu einer halbwegs funktionierenden Einheit zusammenzufügen, sind von atemberaubender Hilflosigkeit und und lassen den Spaß-Pegel fast schon bedenklich nach oben schnellen. Verwurstet wurde vor allem Material aus dem europäischen James Bond-Klon AGENTE SIGMA 3 (dessen Wiedererkennungswert in Deutschland praktischerweise gering ist, da er hier nicht veröffentlicht wurde) und dem einige Jahre zuvor entstandenen Schmuddel-Streifen DAS SCHIFF DER GEFANGENEN FRAUEN, welcher bereits auf ähnlich abenteuerliche Weise produziert wurde. Im Endeffekt beherbergt OASE nun also sowohl Material aus den 60er-, als auch aus den 70er- und 80er-Jahren - und da jedes der verwendeten Werke nur allzu deutlich ein Kind seiner Zeit war, ändert sich in hübscher Regelmäßigkeit nicht nur die Bildqualität, sondern auch das Aussehen von Frisuren, Moden und Hintergründen. Am auffälligsten ist das, als von hier auf jetzt zu Agent Sigma 3 (hier: Agent Mike) geschaltet wird und man das Gefühl hat, gerade eine Zeitreise unternommen zu haben - denn Sigma 3 ist eindeutig ein Produkt der tiefsten 1960er mit allem, was dazugehört. Und dieses katastrophal unausgewogene Potpourri der Peinlichkeit streckte man im Anschluss noch mit kurzen Sequenzen aus weiteren Filmen (vorzugsweise Erotikgedöns, allerdings augenscheinlich auch noch mindestens ein weiterer Agentenstreifen) sowie jeder Menge Archivmaterial (wie die beiden Faxen machenden Affen, die ständig ohne erkennbaren Grund zwischengeschnitten werden).

Es ist schon bemerkenswert, wie wenig Achtung man hier der Intelligenz des Publikums entgegenbrachte, denn selbst der unaufmerksamste Betrachter kommt nicht umhin zu bemerken, dass manche Darsteller hin und wieder von einem Moment auf den anderen in völlig anderen Klamotten stecken – wenn nicht sogar gleich die komplette Visage ausgetauscht wurde. Vor allem Agent Mike ist dabei quasi Der Mann mit den vielen Gesichtern, hat er derer doch mindestens drei. Und wenn er im Büro seines Chefs Bericht erstattet (was in Ermangelung geeigneten Vorlagenmaterials auf nachgedrehter Basis passieren musste), sieht man ihn (bzw. die Person, die vorgibt, er zu sein) wahlweise entweder von hinten oder sogar gar nicht – notfalls brüllt er seine Erkenntnisse halt aus dem Nebenzimmer herüber. Und wenn Bernadette im Finale mit einem Maschinengewehr auf einen Helikopter ballert, welcher eindeutig aus einem anderen Film stammt, ist ebenfalls Frohsinn vorprogrammiert.

Für zusätzliche Erbauung sorgt dann noch die deutsche Synchronisation, ist das gesprochene Wort doch oftmals kaum mit dem Gezeigten zu vereinbaren. Da behauptet Sophie, sich einen 'Studentenumzug' angesehen zu haben, während im Bild die übelste Mörderparade seit dem letzten St. Patrick's Day aufs Parkett geschmettert wird. Und ein anderes Mädchen spricht von einem 'Mann mit Halbglatze', welcher in Wahrheit weniger Haare auf dem Haupte trägt als Homer Simpson. Aber auch sonst sorgen die Dialoge für ordentlich Salz in der Suppe. Da stellt eine auf dem Boden liegende, splitternackte Blondine ihren schon arg notgeil dreinschauenden Peiniger schon mal die wahrhaft kluge Frage: „Sie wollen mich doch wohl nicht vergewaltigen, oder?“ Von dem Spruchgut, welches während der Vergewaltigung fällt, ganz zu schweigen.

Überhaupt: Vergewaltigungen! Diese passieren hier tatsächlich am laufenden Meter – anfangs gar so zahlreich, dass man sich fragt, ob OASE DER GEFANGENEN FRAUEN überhaupt noch mal aus irgendetwas anderem bestehen wird. Natürlich ist der frauenverachtende Tenor in seiner Aussage ebenso wenig ernstzunehmen wie das Werk an sich, aber über ein Verbrechen wie Vergewaltigung laut lachen zu müssen (wie es hier definitiv der Fall ist), wirft einen in ein wahres Wechselbad aus Spaß und Scham. Doch ist das Gezeigte dermaßen absurd erdacht, bescheuert gespielt und dämlich vertont, dass es schier unmöglich ist, dabei nicht in hemmungslose Heiterkeit auszubrechen. Dass sich die auf solch schäbige Art und Weise Gebeutelten mit ihrem Schicksal sogar recht hurtig anzufreunden scheinen, unterstreicht dann nochmals den unbedarft-sexistischen Grundton. Jedenfalls scheint es den meisten bald gar nichts mehr auszumachen, die Kundschaft zu bedienen, und als die Mädels schließlich allein auf ihrem Zimmer sind, wird erstmal eine zünftige Kissenschlacht veranstaltet. Man hat ja schließlich nichts Besseres zu tun.

Kurzum: Ein Besuch in der OASE DER GEFANGENEN FRAUEN ist ein Heidenspaß, ein politisch vollkommen unkorrekter, mopsfideler Muntermacher für alle Freunde gepflegter Misogynie. Vergewaltigung war noch nie so lustig.

Laufzeit: 79 Min. / FSK: ab 18

Dienstag, 29. Dezember 2020

CURSE OF EVIL

[CHE JAU][HK][1982] 

Regie: Kuei Chih-Hung 
Darsteller: Tai Liang-Chun, Ai Fei, Lily Li Li-Li, Lau Ar-Lai, Yu Tsui-Ling, Eric Chan Ga-Kei, Jason Pai Piao, Wang Lai, Wang Ching-Ho, Leung Tin, Angelina Lo Yuen-Yen, Chin Tsi-Ang 

Wenn die grandios schrammelige Shaw Brothers-Fanfare ertönt, dann weiß der Kino-Freund in der Regel, was ihn erwartet: irgendwas mit Schwertern, Fäusten und/oder Gelben Tigern (wahlweise auch Drachen oder Panthern, je nachdem, welches Tier dem deutschen Titelschmied gerade so in den Sinn kam). Die teils sehr aufwändigen Kung-Fu-Epen waren das Aushängeschild des Studios und gewannen eine weltweite Fan-Gemeinde. Oft und gern wird dabei vergessen oder übersehen, dass das Studio auch andere Genre-Gelüste bediente. So standen auf dem Shaw-Spielplan auch solche Dinge wie Romantik [→ EINE LIEBE IN HONGKONG], Science-Fiction [→ INVASION AUS DEM INNEREN DER ERDE], Riesenmonster-Rambazamba [→ DER KOLOSS VON KONGA] – und nicht selten auch okkultistisch angehauchter Horror-Schlonz mit viel Gewürm und Gedärm. In letztere Kategory fällt auch CURSE OF EVIL. Die unfassbare Unterhaltungsbombe ist für sensible Seelen zwar nur bedingt geeignet, bietet allen anderen aber ein prächtiges Potpourri aus Schandtaten, Schleim und Schreckgestalten. 

Die wohlhabende chinesische Großfamilie Shi ist verflucht. Vor über 30 Jahren ermordeten ruchlose Banditen 13 ihrer Mitglieder, deren Leichen danach im Brunnen entsorgt wurden. Seitdem kommt es bei Hinterbliebenen und Nachkommen in regelmäßigem Zyklus immer wieder zu mysteriösen Todesfällen. Als nach einigen Jahren Ruhe die jüngste Shi-Tochter im Garten der Villa ein scheußliches Untier in Gestalt eines blutigen Frosches entdeckt, deutet die weise Großmutter dies als Vorbote neuen Unheils. Und sie behält Recht: In den folgenden Tagen verschwinden immer mehr Angehörige und Bedienstete, während wiederholt ein widerliches Wurm-Wesen gesichtet wird, das durch Gänge und Gemächer des Hauses kriecht.

CURSE OF EVIL beginnt zwar wie klassischer Geisterhaus-Grusel, wenn der Vorspann Bilder einer alten Standuhr präsentiert (die aus irgendeinem Grund in wabernde Rauchschwaden gehüllt wurde), macht jedoch relativ schnell klar, dass ihm an einer subtilen Abarbeitung der Ereignisse kaum gelegen ist. Ein Erzähler erläutert in aller Eile die schicksalhafte Vorgeschichte, dann wird man auch schon Zeuge des ersten gewaltsamen Ablebens – nur echt mit wildem Gezappel und ordentlich Schaum vor der Schnute. Kein ineffektiver Auftakt, aber noch harmlos im Vergleich zu den teils recht derben Momenten, die einen im weiteren Verlauf erwarten. Da werden wehrlose Menschen von fiesen kleinen Frosch-Monstern bei lebendigem Leibe verknuspert oder – als Gipfel der Geschmacklosigkeit – hilflose junge Frauen von einem gelatinösen Super-Wurm erst vergewaltigt, dann zerbissen. Das alles ist zwar billig, aber effektiv getrickst, mit viel ekligen Gummi-Masken und -Kostümen und reichlich buntem Glibber. Und obwohl Freunde und Sympathisanten grobschlächtiger Schauwerte hier also definitiv auf ihre Kosten kommen, verkommt CURSE OF EVIL dabei erfreulicherweise nicht zur bloßen Nummernrevue der Scheußlichkeiten, sondern erzählt nebenbei auch tatsächlich noch eine durchaus brauchbare Geschichte.

Diese erinnert in Sachen Stil und Thematik überraschenderweise weniger an traditionelle Horror-Kost als viel mehr an altmodische Erbschaftsstreit-Kriminologie der Marke Edgar Wallace & Co. Das liegt zum einen am Schauplatz, der dekadenten Villa der Familie Shi, in der es von Gängen, Ecken und Verstecken nur so wimmelt, was sie zur formidablen Spielwiese für Intrigen aller Arten macht. Und zum anderen am illustren Personal, das hier aufgefahren wird und zum Teil so zwielichtig agiert, dass es das Publikums-Interesse zur Not auch im Alleingang, ganz ohne Monstren und Mutationen, hochhalten könnte. Beispiele wären der mehr als nur notgeile Vetter, der sich in der Kunst der Hypnose geübt hat und damit nun nichts Besseres anzufangen weiß, als die weibliche Belegschaft des Hauses zum Beischlaf zu nötigen, das blutjunge Flittchen, das es auf den neuen Hauslehrer abgesehen hat, der undurchsichtige Butler, der bei seiner Herrin ständig um Geld bettelt... Und über allem thront die patriarchalische Großmutter, auf deren Vermögen gleich mehrere Parteien scharf sind und die deswegen schon bald Opfer perfider Mordanschläge wird. Jede Menge Konfliktpotential also, das anständig genutzt wurde. Und immer, wenn die Handlung droht, auf der Stelle zu treten, kommen wieder ein paar blutige Frösche ins Bild, um für den nötigen Biss zu sorgen.

Natürlich bleibt CURSE OF EVIL in erster Linie ein effektheischender Reißer, der an die Schaulust des Publikums appelliert. Dass er dabei aber eine so auffallend überdurchschnittliche Figur abgibt, verdankt er dem geschickten Jonglieren mit Elementen anderer artverwandter Gattungen. Neben dem offensichtlich im Vordergrund stehenden Hardcore-Horror thematisiert das Skript auch den kulturell verfestigten chinesischen Geister-Glauben (sogar auf nicht unprovokante Weise), verwebt ihn mit eher europäisch geprägten Märchen-Motiven (am soundsovielten Geburtstag eines jungen Mädchens wird etwas Schreckliches passieren), um nach Ausflügen über besagte Krimi-Kategorie in einem Finale zu münden, das in puncto Ästhetik und Absurdität Assoziationen zum italienischen Giallo-Genre zulässt. Im Zelluloid-Sumpf Bewanderten drängen sich beizeiten noch weitere Querverbindungen auf; so erinnert die unschöne Vergewaltigung durch den Riesen-Wurm an den im Vorjahr entstandenen Sci-Fi-Horror PLANET DES SCHRECKENS und gemahnt gleichzeitig auch an diverse anrüchige Anime-Auswüchse (Doppeldeutigkeit unintendiert!). 

Obwohl mit Obszönitäten nicht unbedingt haushaltend, kommt CURSE OF EVIL insgesamt doch erstaunlich unbekümmert daher - was verblüffend ist, denn unterm Strich handelt es sich ja schon um eine hochdramatische Geschichte voller Mord, Missgunst und Misanthropie. Dass einem alles irgendwie nur halb so wild vorkommt und der Spaß-Faktor stets die Oberhand behält, liegt daran, dass die Story ungeachtet erzählerischer Kompetenzen doch ausgemacht krude bleibt und überwiegend an eine Karikatur einschlägiger Schundliteratur erinnert. Die hier kredenzten Schauergestalten sehen im gleichen Maße scheußlich wie zum Schießen aus – wenn der fürchterliche Blutige Frosch erstmals ebenso träge wie dickwampig im Bild hockt, wirkt er wie eine verkaterte Zweitbesetzung der Muppet Show, die gerade dabei ist, ihren Rausch loszuwerden. Und dann gibt es da noch die englischen Untertitel, die mangels verfügbarer Synchronfassungen als Verständnis-Werkzeug dienen müssen und sich durchgängig über das Werk lustig zu machen scheinen. Es fällt schwer, die Situation ernstzunehmen, wenn ein Protagonist vor den Überresten eines frisch zerfetzten, von Kopf bis Fuß mit schleimigem Glibber besudelten Körpers steht und lapidar anmerkt, die junge Dame sei soeben „tragisch dahingeschieden“


(Es ist übrigens nicht das einzige Mal, dass angesichts einer Leiche dieser Ausdruck fällt.)

An anderer Stelle fragt der Butler eine Angestellte ganz besorgt: 

„Qiao, ist dir klar, dass du brennst?“ 


(Unmittelbar danach wird es der Dame übrigens schlagartig bewusst. Gut, dass er gefragt hat:)


Und kurz vor Schluss kommt man noch mal in den Genuss einer ganz besonderen Konversation: 

Großvater: 
„Ich bin dein Großvater.“ 

Enkeltochter: 
„Du bist mein Großvater?“ 

Großvater: 
„Ja, ich bin dein Großvater. Meine Enkeltochter.“ 

Enkeltochter: 
„Bist du wirklich mein Großvater?“ 

Großvater: 
„Gutes Kind, ich bin dein Großvater.“ 

Enkeltochter: 
„Großvater!“ 

Großvater: 
„Gutes Kind.“ 

Enkeltochter: 
„Großvater.“










(An dieser Stelle musste das Gespräch mangels Filmmaterials leider abgebrochen werden. Aber schön, dass das mal besprochen wurde.) 

Auch dank solch schrulliger Eigenheiten ist CURSE OF EVIL ein ziemliches Brett geworden. Ein paar formale Fehlerchen fallen zwar auf, aber nicht weiter ins Gewicht (ein, zwei Male verwirren einen kurz unnötige Achsensprünge). Sonderbar bleibt retrospektiv der zweimalige Kurz-Auftritt eines ohnehin reichlich unmotiviert hinzugezogenen Inspektors, der ein paar Fragen zum Fahrstuhl stellt, der geheimnisvollerweise ohne erkennbaren Grund mal rauf, mal runter fährt, und dann auf Nimmerwiedersehen aus der Handlung verschwindet (also, der Inspektor – nicht der Fahrstuhl. Obwohl... Der eigentlich auch.) Es scheint, als hätte man die (sowieso sehr unpassend wirkende) Inspektor-Episode noch nachträglich entfernt und dabei einfach ein paar Szenen übersehen. Die im Hitchcock-Stil präsentierte Auflösung der Geschichte bietet zwar ein paar überraschende Erkenntnisse, ist aber in Teilen so dermaßen haarsträubend, dass man kurz meint, sich verhört (bzw. verlesen) zu haben (was einem nicht zuletzt nochmals den Giallo als Inspirationsquelle ins Gedächtnis ruft, bei dem es nicht selten ähnlich abstruse Aha-Erlebnisse hagelt). Fazit: CURSE OF EVIL ist ein wunderbar schräges Stück Sensationskino-Kunst. Und wer das nicht glaubt, den frisst der Frosch.

Laufzeit: 80 Min. / FSK: ungeprüft

Samstag, 26. Dezember 2020

TERROR FORCE COMMANDO

[THREE MEN ON FIRE][ITA][1986] 

Regie: Richard Harrison 
Darsteller: Richard Harrison, Alphonse Beni, Romano Kristoff, Ninette Assor, Lorenzo Piani, Maurizio Murano, Gordon Mitchell, Paolo Ricci, Paolo Pizzichemi, Don Hobson, Enzo D'Ausilio 

Kamerun: Am helllichten Tag wird ein Mann überfallen und mitsamt seiner Familie getötet. Ziel der Angreifer: ein Koffer mit sensiblem Inhalt. Der in dem Fall ermittelnde Kommissar Baiko [Alphonse Beni] ist sich schnell sicher: Die Mörder planen mit Hilfe der geraubten Informationen ein Attentat auf den Papst. Baikos Besuch in Rom bleibt jedoch ergebnislos, seine Sorgen werden nicht ernstgenommen. Dafür begegnet er dort dem amerikanischen Agenten Mathews [Richard Harrison], der sich ebenfalls auf der Fährte der Terroristen befindet. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wagen beide Herren den Schulterschluss und machen sich gemeinsam auf die Jagd. Doch auch ihre Gegner bleiben nicht untätig. 

Richard Harrison ist schon ein ziemliches Unikat. Der amerikanische Schauspieler begann seine Kino-Karriere im kleineren Rahmen in Italien mit auf ihn zugeschnittenen Hauptrollen in Western, Krimis und Kriegsfilmen. Da war noch alles in Ordnung. Als er in den 80ern allerdings nach Hongkong ging und sich dort mit Regisseur Godfrey Ho zusammentat, wurde er damit urplötzlich zur Schundfilm-Ikone. In lächerliche Ninja-Kostüme gehüllt hampelte Harrison durch mehrere grandios gurkige Billigheimer, die sich aufgrund ihrer bemerkenswert miesen Machart eine abfallaffine Fan-Gemeinde erwirtschaften konnten. Da Ho den (im doppelten Wortsinne) abgedrehten Mummenschanz immer und immer wieder neu zusammenschnitt, umsynchronisieren lies und auf teils abenteuerliche Weise mit älterer Action-Ausschussware kombinierte, war Harrison noch jahrelang ungewollter Dauergast in den Schrottregalen der Videotheken der Welt. Vermutlich getreu dem Motto Ist der Ruf erst ruiniert... beschloss der nimmermüde Ninja-Verwemser eines Tages, die Puppen zur Abwechslung einmal unter eigener Regie tanzen zu lassen. (Wobei man dazu sagen muss, dass Harrison bereits Anfang der 70er die Inszenierung einer Cowboy-Komödie übernahm, aber das war nach über einem Jahrzehnt und seinem zwischenzeitlichen Aufstieg zum Ninja-Clown kaum noch erwähnenswert.) Viel zu verlieren gab es ja nicht mehr, und ob da jetzt ein Heuler mehr oder weniger in der Vita steht, war zu diesem Zeitpunkt bereits unerheblich. (Zur Einordnung: Folgende Filme mit Harrisons Namen im Vorspann wurden allein 1986, dem Erscheinungsjahr von TERROR FORCE COMMANDO, veröffentlicht: GOLDEN NINJA WARRIOR, NINJA OPERATION VI, DIAMOND NINJA FORCE, NINJA SHOWDOWN, NINJA DRAGON, NINJA THE PROTECTOR und NINJA SQUAD. So viel dazu!) 

Damit man ihm dieses Mal auch zu 100 Prozent die Schuld an dem Resultat geben konnte, besorgte Harrison auch gleich noch das Drehbuch - gut, zumindest zur Hälfte (was ihn nur noch zu circa 83,33... Prozent schuldig macht). Die Autorenschaft teilte er sich mit seinem Kompagnon Romano Kristoff, einem Schauspieler-Kollegen, der bis dato ebenfalls noch nie durch seine Shakespeare-Interpretationen auffiel. Gemeinsam brachten sie einen gänzlich ninja-freien, sich fadenscheinig politisch gebenden Action-Reißer zu Papier und erschufen Figuren, für die die Behauptung, sie seien nach Schema F entworfen, direkt noch schmeichelhaft wäre. In den Raum geworfene Attribute wie „CIA-Agent (gut)“ oder „Terrorist (böse)“ müssen hier einfach reichen. In Nachhinein ist das vermutlich auch besser so, denn der kurz vor Schluss noch unternommene Versuch, dem Oberschurken so etwas Ähnliches wie Profil mit auf den Weg zu geben, geht mit Pauken und Trompeten in die Beinkleider. Der bis dahin emotionslos agierende Zero (ja, der Bösewicht heißt hier in einem Anflug von Selbstironie tatsächlich Null) mutiert nämlich urplötzlich zum Jammerlappen und gesteht in einer krachledernen Knallchargen-Performance, warum er konsequenterweise zum kaltblütigen Killer werden musste: Seine Mutter hatte ihn verlassen, als er noch ein Kind war („Warum tat sie das? Warum tat sie mir das an?" Schreiend: "Es gibt so viel Böses auf der Welt!!!!!!!!!!“). Nach nem besseren Argument, den Papst umbringen zu wollen, müsste man wahrhaft lange suchen. Ja, in dieser Szene empfindet man tatsächlich Mitleid. Kristoffs Versuche, seiner Figur Vielschichtigkeit zu verleihen, sind nämlich vom Dialog wie Schauspiel her herzzerreißend hilflos. 

Denn weil gutes Personal teuer ist, übernahmen Harrison und Kristoff die Rollen von Pro- und Antagonist natürlich gleich selbst. Während Kristoff in seiner Rolle heillos überfordert ist, macht Harrison sein fehlendes Talent durch sein durchaus vorhandenes Charisma wett und inszeniert sich als mundfauler Möchtegern-Humphrey-Bogart mit Hut, Mantel und Popelbremse. Die deutsche Fassung tut ihm dabei zusätzlich noch den Gefallen wie Clint Eastwood zu klingen. Die meisten Lorbeeren erntet allerdings der kamerunische Schauspieler und Regisseur Alphonse Beni, der hier als Harrisons Partner fungiert und in seinem lässigen Habitus eindeutig die beste und auch sympathischste Figur abgibt. Dass die Synchronisation ihm noch ein paar launige Scherze auf die Lippen mogelte ("Hey, ich bin kitzelig", meint er, als Unholde ihm mit der Kettensäge auf die Pelle rücken), ist nur legitim. Beni und Harrison standen im Folgejahr dann nochmals gemeinsam vor der Kamera – für DER SCHWARZE TIGER unter der Regie von – tadaaa! - Godfrey Ho. Die weiblichen Darsteller indes sind kaum der Rede wert. Sie sind zwar da, haben aber weder was Besonderes zu sagen, noch bekommen sie Gelegenheit, sich in irgendeiner Form zu profilieren (Hinweis: Hupen auspacken gilt hier nicht als Profilierung!). 

Um das Fazit vorweg zu nehmen: TERROR FORCE COMMANDO mag engagiert sein, ist aber alles andere als gelungen. Die Story wurde mit Müh und Not zurechtgezimmert und ist teils hemmungslos naiv. Wenn Agenten hier recherchieren, heißt das, dass sie sich auf eine Parkbank setzen und so lange Zeitung lesen, bis sie einen passenden Artikel finden. Ob James Bond davon weiß? An die Frage, warum ein kamerun'scher Kommissar und ein amerikanischer Agent Befugnisse in Rom besitzen und dort tun und lassen können, was sie wollen (inklusive Rumballern und Leute frikassieren), verschwendete das Skript ebenfalls nicht einen müden Gedanken. Dazu fehlte es an allen Ecken und Enden auffallend am nötigen Budget. Da findet eine Audienz beim Papst schon mal in einer besseren Rumpelkammer statt. Passend dazu wurde auch bei der Deutsch-Vertonung tüchtig der Sparstift geschwungen: In den Nebenrollen ist eigentlich jede Stimme mindestens zwei Mal zu hören, oft auch unmittelbar hintereinander. Besonders übel hat es dabei die Frauen erwischt – die nämlich klingen nämlich tatsächlich alle exakt gleich und verkommen dadurch zum akustischen Einheitsbrei (Sprecherin Eva Kinsky hingegen dürfte sich gefreut haben). Die (wenigen) Action-Szenen sind ohne jedes Gespür für Gestaltung, Timing und Dynamik aneinandermontiert und machen eigentlich nur durch ihre Ruppigkeit von sich reden. Hier werden nämlich fleißig und ohne viel Federlesens ausgiebig Kopfschüsse verteilt, was mittels reichlich fliegender Hirnmasse auch ganz anständig getrickst wurde. Die Kaltblütigkeit, mit der Menschen hier über den Jordan geschickt werden, verleiht THREE MEN ON FIRE (Originaltitel) dann tatsächlich eine angenehm-rüde Attitüde, die man allerdings ganz gern in einem besseren Beitrag gesehen hätte. 

Nimmt man die Ninja-Flickwerke aus der Ho-Schmiede zum Maßstab, so schlägt sich Harrisons eigene Arbeit zumindest recht wacker. Die Handlung ist zwar ebenfalls unsinnig, aber immerhin passen die Szenen zueinander und Ereignisse bauen aufeinander auf (ja, man freut sich beizeiten schon über die kleinen Dinge). Gut geht trotzdem anders. TERROR FORCE COMMANDO wirkt gänzlich uninspiriert und ohne erkennbare Leidenschaft umgesetzt. Gedreht wurde in Rom und Kamerun, was ja eigentlich schöne Kulissen sind. Doch das Ganze kommt so trist und muffig daher, das hätte man auch in Omas Unterbuchse filmen können. So bleibt am Ende ein ramschiger Reißer, der zwar einerseits schlecht ist, andererseits aber auch nicht schlecht genug, um wieder gut zu sein. Dann doch lieber Ninjas.

Laufzeit: 84 Min. / FSK: ab 18

Samstag, 12. Dezember 2020

THE EAGLE SHOOTING HEROES

[SAU DIU YING HUNG CHUEN JI DUNG SHING SAI JAU][HK][1993]

Regie: Jeffrey Lau
Darsteller: Leslie Cheung, Tony Leung Ka-Fai, Tony Leung Chiu-Wai, Jacky Cheung, Brigitte Lin, Joey Wong, Maggie Cheung, Carina Lau, Veronica Yip, Kenny Bee, Sze-Ma Wah-Lung

Achtung! Erbarmungsloser Hongkong-Humor im Anflug! Um die kommenden 100 Minuten gefahrlos überstehen zu können, müssen folgende Punkte unbedingt beachtet werden:

- Hirn auf die Bewusstseinsstufe eines Zehnjährigen
  zurückstufen!
- Alberne Grimassen lustig finden!
- Ständiges Kichern lustig finden!
- Menschen in Monsterkostümen lustig finden!

Zusammengefasst: Alles lustig finden, was eigentlich Panne ist, dann fährt man ziemlich gut!

Ou Yang Feng [Tony Leung Chiu-Wai], ein naher Verwandter des persischen Königs, hat eine Affäre mit seiner Cousine, der Königin [Veronica Yip Yuk-Hing]. Beide hegen den Plan, den Thron an sich zu reißen. Doch dazu benötigen sie das königliche Siegel, das sich im Besitz der Prinzessin [Brigitte Lin] befindet. Bei dem Versuch, ihr dieses zu entreißen, müssen sie sich jedoch ihren mystischen Kung-Fu-Künsten geschlagen geben. Arg verunsichert begibt sich die Prinzessin zu ihrem Meister, um Hilfe zu erbeten. Dieser berichtet ihr vom Buch Yin, einer mächtigen Kung-Fu-Lehre, welches in der Höhle der weißen Gebeine versteckt sein soll. Diese allerdings wird von drei schrecklichen Monstern bewacht. Gemeinsam mit dem Kung-Fu-Schüler Huang Yaoshi [Leslie Cheung] macht sie sich auf den Weg, um das Buch zu besorgen, wird dabei jedoch von der eifersüchtigen Suqiu [Joey Wong] verfolgt, die Huang für sich beansprucht. Unterwegs begegnen sie noch weiteren seltsamen Figuren: Dem lebensmüden Hung Chi [Jackie Cheung], dem es nie gelingt, sich umbringen zu lassen, Chou Po-Tung [Carina Lau], der den Tod seines Meisters Wang Chonyang [Kenny Bee] rächen will, für den er zarte Gefühle hegte, und dem jungen Tuan Wang-Yeh [Tony Leung Ka-Fai], der auf der Suche nach seiner prophezeiten großen Liebe ist, die ihn unsterblich machen soll. Am Ende verbinden sich all ihre Schicksale in einem großem Showdown...

Kaum zu glauben, aber dieses ebenso sinnentleerte wie unsagbar alberne Klamauk-Spektakel basiert tatsächlich auf derselben Vorlage wie Wong Kar-Wais höchst seriöser Klassiker ASHES OF TIME, nämlich Jin Yongs in Asien sehr bekannte Wuxia-Roman LEGEND OF THE CONDOR HEROES, der die östliche Pop-Kultur wesentlich mitprägte. Dabei hätte es das eine Werk ohne das andere vermutlich nie gegeben: Um die Produktionskosten für ASHES OF TIME zu sichern, so heißt es, habe Wong diese finanziell sehr effizient gestaltete Produktion in Auftrag gegeben, um möglichst schnell neue Einnahmen für sein eigentliches Baby zu generieren. In ihrer zügellosen Infantilität könnte der Gegensatz zu Wongs weltweit geachtetem Schwertkämpfer-Drama größer kaum sein, aber genau deshalb empfiehlt sich die kindische Quatschplatte als willkommene Nivellierung, die man sich idealerweise sogar im Rahmen einer Doppel-Vorstellung mit ASHES OF TIME zu Gemüte führt. Der Witz ist nämlich gleich noch mal so groß, wenn einem gewahr wird, dass sich hier wie dort auch noch dieselben Gesichter vor der Kamera tummeln, zum Teil in denselben Rollen. So macht sich eine bemerkenswerte Anzahl Hongkong-Kino-Stars hier mit inbrünstiger Leidenschaft zum Affen – was man ruhig auch ein wenig wörtlich nehmen darf: So treffen hier Leslie Cheung [→ A BETTER TOMORROW] und Brigitte Lin [→ DAS UNBESIEGBARE SCHWERT] in der Höhle der weißen Gebeine nicht nur auf ein Affen-, sondern auch auf ein Vogel- und ein Echsenmonster - zum Leben erweckt von drei Statisten in lustigen Karnevalskostümen. Zwar haben die Monster prinzipiell Angst vor Menschen, doch als die beiden Eindringlinge im Begriff sind, die antiken Steinbottiche mitzunehmen, deren Inschriften uralte Kampf-Techniken lehren, gehen sie vor Empörung doch zum Angriff über: "Hey, die klauen unsere Klos."

Auch ansonsten ist der Humor alles andere als subtil: Da gleitet Tony Leung Chiu-Wai [→ THE GRANDMASTER] mit fliegenden Zauberstiefeln elegant durch die Lüfte, bis er bemerkt, dass einer der Treter Feuer gefangen hat. Nach spontaner Entledigung desselben, landet die brennende Wunderschlappe natürlich direkt auf der Rübe des unten große Reden schwingenden Kenny Bee [→ SHANGHAI POLICE], während Leung im Hintergrund eine krachende, von einem gewaltigen Feuerball begleitete Bruchlandung aufs Parkett legt. Dass Kenny Bee zudem die Figur des daoistischen Gelehrten Wang Chonyang darstellt, welcher tatsächlich existierte und in der Romanvorlage zu THE EAGLE SHOOTING HEROES (und damit auch ASHES OF TIME) eine wichtige Rolle spielt, ist einer der vielen humoristischen Seitenhiebe, die sich hauptsächlich dem chinesischen Publikum erschließen. Das westliche Gemüt hingegen ergötzt sich – wenn überhaupt – eher an den gnadenlos überdrehten Slapstick-Nummern im Cartoon-Stil, wie die grandiose Sequenz, in welcher Tony Leung Chiu-Wai geschlagene 10 Minuten lang versucht, Jacky Cheung [→ BODYGUARDS AND ASSASSINS] das Lebenslicht auszupusten, dabei jedoch jede einzelne seiner Attacken (per Messer, Gift oder Killerbiene) selbst abbekommt.

Die Handlung ist sehr episodenhaft ausgelegt. So laufen gut fünf verschiedene Erzählstränge nebenher, um dann im Finale schließlich aufeinanderzutreffen, was nicht nur aufgrund des leicht dadaistischen Inhalts zeitweise zu Orientierungslosigkeit führt. Hin und wieder gibt es auch ein paar fürs Hongkong-Kino typische Kampfeinlagen zu bestaunen, welche sogar von Sammo Hung [→ EASTERN CONDORS] choreographiert wurden. Davon merkt man allerdings nicht allzuviel: Nicht nur, dass die Kamera doch sehr unruhig wirkt, die Kämpfe laufen zudem auch noch im Zeitraffer ab. Dafür gibt es zwar eigentlich gar keinen wirklichen Grund, aber genau deswegen passt es hervorragend ins sinnentleerte Gesamtbild.

Man benötigt freilich ein bisschen Vorlauf, um sich in dieser schrill-bunten Parallelwelt heimisch zu fühlen, doch auf Dauer wirkt der fröhliche Unfug doch reichlich ansteckend. Es wird gekämpft, geblödelt und getanzt, es gibt fliegende Köpfe, Zeitumkehrungs-Kung-Fu und Musical-Einlagen. Irgendwann schaltet der Verstand von ganz allein auf Durchzug, und der anarchistische Mix aus blühendem Unsinn und blödem Dialoggut entwickelt seinen ganz eigenen Reiz. Das Tempo ist enorm, die Action reichlich, das Schauspiel aller Beteiligten herrlich übertrieben (Tony Leung Chiu-Wai als ständig dümmlich kichernder Bösewicht mit schmuddeligem Schnurrbart ist eine Klasse für sich). Da man die ganzen großen, zum Teil preisgekrönten Darsteller des Hongkong-Kinos der 1980er ansonsten nur selten bis gar nicht im Gaga-Modus erleben konnte, muss THE EAGLE SHOOTING HEROES direkt als wichtiges Werk gelten. Und wer unbedingt eine Entschuldigung dafür braucht, sich seine kostbare Zeit mit tiefergelegter Unterhaltung zu vertreiben, kann unter der grellen Radau-Fassade durchaus ein burleskes Spiel über geschlechtliche und identitäre Irrungen und Wirrungen erkennen, einer Peking Oper nicht unähnlich, zumal die Trennung und eindeutige Zuordnung der Geschlechter hier vollends aufgehoben zu sein scheint.

In Deutschland ist der Film nie erschienen. Aus Gründen.

Laufzeit: 113 Min. / FSK: ungeprüft