Hongkong 1998
Regie:
Patrick Yau Tat-Chi
Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Simon Yam Tat-Wah,
Ruby Wong Cheuk-Ling,
Hui Siu-Hung,
Raymond Wong Ho-Yin,
Yoyo Mung Ka-Wai,
Bak Ka-Sin,
Lam Suet
„Ein paar Dinge kann man nicht erzwingen. Liebe gehört dazu.“
(Die Kriminalpolizei kennt sich in allen Bereichen aus.)
Inhalt:
Inmitten des Großstadtdschungels von Hongkong liegt das „O-Kommissariat“. Von hier aus bemüht sich das Einsatz- und Ermittlerteam um Ken [Simon Yam] und Sam [Lau Ching-Wan] nach Leibeskräften, dem Verbrechen im Distrikt Einhalt zu gebieten. Aktuell sorgt eine Serie von Überfällen für höchste Alarmbereitschaft: Einer hochprofessionell organisierten Bande gelingt es immer wieder, Geldtransporter zu knacken und sich mittels massiver Waffengewalt abzusetzen. Von deutlich weniger Glück und Geschick begleitet sind derweil drei Festlandchinesen, die kläglich daran scheitern, ein Juweliergeschäft auszurauben und ohne Beute die Beine in die Hand nehmen müssen. Bei ihrer Flucht vor der Polizei verkriechen sich die verhinderten Diebe ausgerechnet in dem Apartmenthaus, das der Profi-Gang als Geheimversteck dient. Es dauert nicht lang, da fliegen die ersten Kugeln.
Kritik:
Die Inhaltsangabe klingt zwar stringent, aber das täuscht: EXPECT THE UNEXPECTED macht seinem Titel durchaus Ehre und unterläuft gängige Erwartungshaltungen, sowohl in Sachen Form als auch Inhalt. Statt eines konsequent erzählten Cop-Thrillers servieren Regisseur Patrick Yau [→ THE ODD ONE DIES] und Produzent Johnnie To [→ DRUG WAR] ihrem Publikum lieber eine Reihe kleiner Ereignis-Häppchen, Momentaufnahmen aus dem Alltag der vielbeschäftigten Ordnungshüter, die mal mehr, mal weniger aufregend daherkommen. Zwar sind die einzelnen Episoden durchaus miteinander verwoben und gehen oft fließend ineinander über, an einem klassischen Spannungsbogen war man dennoch nicht interessiert – vielmehr an einem rastlosen Nebeneinander von Routine und Risiko, von Leerlauf und Zuspitzung, was tatsächlicher Ermittlungsarbeit, die sich ja ebenfalls nicht an Drehbuch und Dramaturgie hält, schon relativ nah kommen sollte. Als lose narrative Klammer fungiert dabei die Figur der Kellnerin Mandy, der sowohl die ersten als auch die letzten Bilder gehören. Noch während des Vorspanns putzt sie die Scheiben des Lokals, in dem sie arbeitet, was direkt auch den zentralen Schauplatz etabliert, spielt sich ein nicht unwesentlicher Teil der Handlung doch in eben jenen Straßenzügen ab, in denen sich das Restaurant befindet.
Als Mandy kurz darauf Zeugin des einleitenden Überfalls wird, kreuzen sich ihre Wege bald mit denen des Polizisten-Duos Ken und Sam. Als sie ein Auge auf Ken wirft, dieser davon aber gar nichts mitbekommt, versucht Sam – nicht nur Kollege, sondern auch bester Kumpel seit Kindheitstagen – die beiden zu verkuppeln, obwohl er selbst Gefühle für die Dame hegt. Gleichzeitig schlagen die Hormone auch im Rest des Kommissariats Kapriolen: Polizistin Macy schwärmt für ihren Vorgesetzten Ben, der zwar verheiratet ist, sich jedoch zusätzlich eine Geliebte hält. Und dann ist da noch der junge Frauenschwarm Jimmy, der ebenfalls mehrere Eisen gleichzeitig im Feuer hat. Als er mit einer Schusswunde im Krankenhaus liegt, stopft ihm eine seiner Verehrerinnen eine Weintraube nach der nächsten in den Mund, damit er aufhört, von anderen Frauen zu erzählen. Nun mag sich manch einer womöglich fragen, warum es hier zugeht wie auf dem Schulhof. Und dieser jemand hätte völlig recht damit. Ziel der zahlreichen Liebe- und Eifersüchteleien sollte es vermutlich sein, den Figuren Menschlichkeit zu verleihen. Doch genau hier scheitert das Skript kläglich: Wenn erwachsene Menschen sprechen und handeln wie die Akteure einer trivialen Teenager-Komödie, fällt es schwer, sie als plausible Charaktere ernstzunehmen. Und auch die ganzen nicht sonderlich geschickt gewählten Namen (Sam, Ken, Ben, Macy, Mandy, Jimmy usw.), tragen kaum zur Profilierung bei und vermengen das Essemble zu einem personellen Einheitsbrei.
Auf handwerklicher Ebene lässt sich indes kaum ein Vorwurf formulieren; die Inszenierung hinterlässt gerade aufgrund ihrer Zurückhaltung einen bleibenden Eindruck. Die Bilder sind nüchtern gehalten, frei von visueller Überhitzung, und tränken die Straßen der Stadt in düsteren Dauerregen. Diese Qualitäten überraschen kaum: Entstanden während der ersten großen Kreativphase von Milkyway Image – jener Produktionsfirma, die Johnnie To und Wai Ka-Fai gegründet hatten, um sich frei von klassischen Strukturen und finanziellen Zwängen bewegen zu können – besticht auch EXPECT THE UNEXPECTED durch die für das Studio typische formale Strenge sowie dessen charakteristische Mischung aus Melancholie und distanziertem Humor. Action passiert eher selten und falls doch, dann fast ausschließlich in Form heftiger, eruptiver Feuergefechte. Weil dabei auf das im Hongkong-Kino so gern eingesetzte ästhetische Blendwerk verzichtet wird, wirken diese stets sehr nahbar und authentisch: Trifft eine Kugel einen Körper, so zuckt dabei unwillkürlich auch der Zuschauer zusammen. Heldentum existiert hier ebenso wenig wie Pathos oder Glorifizierung – Sterben ist schlichtweg nicht schön. Das ebenso konsequente wie nihilistische Finale bricht dann endgültig mit angelernten Erwartungsmustern und wird dem Titel abermals gerecht. Wenn Mandy am Ende erneut die Scheiben putzt, ist nichts mehr so, wie es einmal war.
Die Besetzung besteht weitgehend aus dem üblichen Milkyway-Personal, das prinzipiell natürlich auch gern gesehen ist. Lau Ching-Wan [→ LIFELINE] übernimmt abermals eine der Hauptrollen und verkörpert Sam als dezent infantilen Polizisten, der seine Arbeit nicht immer so fürchterlich ernst nimmt. An seiner Seite agiert Simon Yam [→ TONGS – TERROR IN CHINATOWN] – der einzige Darsteller außerhalb des Stamm-Ensembles – als dessen Kollege Ken. Obwohl beide beste Freunde sind, ist Ken dabei – wie originell! – das charakterliche Gegenteil von Sam und somit eher seriös und gewissenhaft angelegt. Für eine großangelegte Ausformulierung von Interessenskonflikten wird diese Konstellation allerdings nicht genutzt – selbst das Buhlen um diesselbe Frau geht am Ende eher unverkrampft über die Bühne. Daneben hat Lam Suet [→ MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN] seinen obligatorischen, eher klein gehaltenen Auftritt und spielt als überforderter Kleinkrimineller eine für ihn typische Trottelrolle. Auf weiblicher Seite sieht man Ruby Wong [→ LOVING YOU], die als Polizistin Macy gegenüber ihrer männlichen Konkurrenz etwas arg verblasst. Allerdings nicht so sehr wie Yoyo Mung [→ A HERO NEVER DIES] als Mandy, die eigentlich gar keinen Charakter entwickeln darf und hauptsächlich involviert zu sein scheint, um Liebeswirrwarr auszulösen und die Erzählung mit ihrer Präsenz einzurahmen.
EXPECT THE UNEXPECTED jongliert am Ende nur scheinbar leichtfüßig mit Genres und Tonalitäten, findet jedoch weder erzählerisch noch gestalterisch zu einem stimmigen Ganzen. Die fehlende Fokussierung auf einen klaren Handlungskern schadet spürbar der Spannung und führt zu unnötigen Aufmerksamkeitsdefiziten. Und wenn die nüchterne Protokollierung brutaler Schusswechsel oder schockierender Momentaufnahmen aus dem Polizeialltag (inklusive des Auffindens eines toten Säuglings) im nächsten Augenblick mit sitcom-artiger, realitätsferner Eifersüchtelei kollidiert, funktioniert dieser kalkulierte Konventionsbruch nicht halb so gut, wie er gewiss gedacht war. Fans von Lau Ching-Wan und Simon Yam kommen fraglos dennoch auf ihre Kosten, und Interessenten der experimentellen Umbruchphase, die das intellektuell angehauchte Hongkong-Kino kurz vor der Jahrtausendwende durchlebte, sind hier wohl ebenfalls nicht völlig verkehrt. Wer ausschließlich die herausragendsten Arbeiten von Cast und Crew mitnehmen möchte, kann diesen Ausflug allerdings auslassen, ohne großartig Sanktionen erwarten zu müssen. Andererseits … Expect the Unexpected!
Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: in Deutschland nicht erschienen







