Eigene Forschungen

Montag, 18. Dezember 2023

SILENT NIGHT - STUMME RACHE


SILENT NIGHT
USA 2023

Regie:
John Woo

Darsteller:
Joel Kinnaman,
Kid Cudi,
Catalina Sandino Moreno,
Harold Torres,
Vinny O’Brien,
Yoko Hamamura,
Valeria Santaella,
Angeles Woo



„...“


Inhalt:

Brian Godlock [Joel Kinnaman] hat so ziemlich alles, was man zum Glücklichsein braucht: Frau, Kind und einen extrem hässlichen Weihnachtspulli. Doch ausgerechnet am Fest der Liebe wird diese Idylle zerstört: Als sich direkt vor seiner Haustür zwei Straßen-Gangs bekriegen, bekommt sein Sohn einen Querschläger ab und stirbt noch an Ort und Stelle. Rasend vor Zorn und Trauer jagt Brian den Gangstern in einer Spontanreaktion hinterher – und bekommt selbst eine Kugel ab. Er überlebt. Aber sein Sprachzentrum ist zerstört. Und sein Leben natürlich auch. Spätestens, als auch seine Frau ihn verlässt, reift in ihm ein neuer Daseinszweck: die Vernichtung der Straßen-Gangs. Und des Mörders seines Sohnes.

Kritik:

In der Film-Branche reicht es in seltenen Fällen bereits aus, ein außergewöhnliches Konzept vorlegen zu können, um Produktionsgelder bewilligt zu bekommen. Beispiele: Ein Jugenddrama in Echtzeit und einer einzigen Einstellung ohne Schnitt. Ein Ballerfilm komplett aus subjektiver Sicht. Ein Actionfilm, der ausschließlich in einem Hotelzimmer spielt. Bei SILENT NIGHT dürfte es ähnlich abgelaufen sein. Die Idee: Ein Rachefilm, der vollkommen auf Dialoge verzichtet und seine Geschichte ausschließlich anhand seiner Bilder erzählt. Damit die Sprachlosigkeit des Protagonisten auch plausibel erscheint, bekommt dieser bereits nach wenigen Minuten eine Kugel in den Kehlkopf geballert und wird vom Täter als vermeintlich verblichen zurückgelassen. Da SILENT NIGHT aber eben kein Kurzfilm ist, überlebt der bis dahin glückliche Familienvater die Prozedur und wird im Krankenhaus so weit es geht wieder zusammengeflickt. Das behelfsfreie Gehen funktioniert nach geraumer Zeit zwar wieder, der Kirchenchor wird in Zukunft allerdings auf ihn verzichten müssen.

Dass das alles tatsächlich auch ohne Worte verständlich ist, liegt daran, dass das Publikum mit Film-Sprache und Genre-Schablonen bereits hinreichend vertraut ist. Schließlich werden immer wieder dieselben Muster und Methoden verwendet, um Geschichten an Mann und Frau zu bringen. So häufig und so repetitiv, dass begleitende Verbalisierungen in der Tat oftmals sogar banal oder obsolet wirken. Um die Pointe vorwegzunehmen: Funktionieren tut es im Falle SILENT NIGHTs dennoch nicht - in erster Linie, weil man es nicht geschafft hat, das eigene Konzept konsequent durchzuziehen. Dass die Hauptfigur keinen Mucks von sich gibt, ist im Rahmen der Handlung hinreichend und nachvollziehbar erklärt. Aber dass auch der Rest der Welt überwiegend die Klappe hält und sich stattdessen meist nur blasierte Blicke zuwirft, wirkt völlig befremdlich. Entscheidend ist dabei das Wort „überwiegend“. Denn wäre wenigstens diese Idee eisern durchgezogen, könnte man das zumindest als eigenwilligen künstlerischen Kniff akzeptieren. Aber so ist es eben nicht: Hin und wieder fallen nämlich doch schon mal ein paar knappe Sätze – wenn auch mit einem Dämmungseffekt unterlegt, weswegen es nun so klingt, als befände sich der Sprechende irgendwo im Nebenraum. Das ergibt in seiner Gesamtheit dann tatsächlich gar keinen Sinn mehr, sodass man den Eindruck gewinnt, SILENT NIGHT habe sich hin und wieder vor seinem eigenen Dogma erschrocken. Dass Radiomeldungen, Polizeifunk und Trainingsvideos ebenfalls mit Sprache versehen sind, erscheint hingegen durchaus stimmig (höhö!).

So steht dann am Ende ausgerechnet das, was man sich so selbstsicher als Alleinstellungsmerkmal auf die Fahne geschrieben hat, SILENT NIGHT im Weg. Das ist vor allem deswegen fatal, weil man auf inhaltlicher Ebene kaum Punkte sammeln kann. Streng nach Schema F arbeitet das Drehbuch die einzelnen Stationen und Entwicklungsstufen ab, frei von Innovation und Idee. Rückblende um Rückblende muss der Zuschauer zu Beginn über sich ergehen lassen, obwohl er schon längst begriffen hat, dass Brian Godlock einst, als er noch mit seinem Sohn im Garten herumtoben durfte, nahezu kriminell glücklich war. Dass seine Frau ihn schließlich verlässt, ist zwar nicht sonderlich nett, aber als entscheidender Tropfen zu viel im Fass natürlich von Bedeutung: Kind weg, Kehlkopf weg, und dann kratzt auch noch die Angetraute die Kurve. Da muss man ja zum Killer werden! Dass Brian beschließt, die böse Brut direkt an Weihnachten, also ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes, zu den Ahnen zu schicken, ist natürlich auf emotionaler Ebene enorm effektiv, aber auch unsinnig: Was für ein dusseliger Plan ist es denn bitte, eine komplette Gang an nur einem einzigen Tag auszuschalten? Dann beginnt das übliche Prozedere, überwiegend bestehend aus Krafttraining, Schießübungen und Selbstverteidigungskursen (wobei das zumindest zum Teil verzichtbar erscheint, denn Action-Held-Qualitäten brachte der durchtrainierte Brian bereits vor seiner Schussverletzung mit, wenn er behände über Motorhauben hechtet).

In Sachen Stil und Atmosphäre gemahnt das nicht selten an den Übervater aller Selbstjustiz-Filme, nämlich DEATH WISH (1974), welcher den von Charles Bronson verkörperten Protagonisten auf seiner Reise vom Normalo zum Racheengel verfolgte. Auch hier wird die entwurzelte Hauptfigur während ihrer Streifzüge durch die Stadt immer mehr und mehr von der Lust gekitzelt, dem zahlreich vorhandenen Gesindel ein für alle Mal den Garaus zu machen. Die Zeit, die vergeht, bis der ehemalige Spießbürger dann tatsächlich seinen ersten Menschen über den Jordan schickt, ist dabei durchaus unterhaltsam und weitestgehend interessant aufbereitet (Wann er dabei zwischenzeitlich auch zum Fesselungskünstler geworden ist, der die Schurkenschaft schick verschnürt von der Zimmerdecke baumeln lassen kann, hätte man allerdings schon ganz gern mal gewusst). Anlog zur altbackenen Story fallen diesbezüglich allerdings auch einige Klischees ins Auge, teils so abgestanden, dass sie schon bedenklich an der Kante zur unfreiwilligen Karikatur kratzen. Das betrifft vor allem die ausschließlich aus Latinos bestehenden Straßenbanden, die ihre Freizeit scheinbar vorzugsweise damit verbringen, aus fahrenden Autos zu hängen, um dergestalt bleiverspitzend durch die Vororte zu rasen. Und wann immer sich die Mitglieder gegenseitig kontaktieren, ist der Angerufene gerade damit beschäftigt, irgendjemanden zu schlagen, zu foltern oder kaltzumachen. Wenn dann schließlich auf offener Straße ein Bandenkrieg ausbricht, weckt das sogar Assoziationen zum wirklich extrem stupiden DEATH WISH III (1985), der einst jedweden Realitätsbezug über Bord warf und die Pflaster Amerikas als permanente Schlachtfelder in Szene setzte.

Apropos „in Szene setzen“: Dass die Inszenierung SILENT NIGHTs von einem Altmeister des Actionfilms vorgenommen wurde, sieht man dem Ergebnis kaum an. John Woo, der sechs Jahre nach dem missglückten MANHUNT wieder Regie führte, verzichtete hier nämlich nahezu komplett auf all jene Mechanismen, für die er berühmt geworden war, mehr noch: Er verkehrte sie bisweilen sogar ins Gegenteil. Statt der tänzerischen Eleganz früherer Werke dominiert hier die ungeschlachte Rauferei, wenn man sich durch Küche, Keller und Garage kloppt und dafür so ziemlich alles zweckentfremdet, was einem spontan in die Finger fällt. Speziell das Finale macht allerdings durchaus was her und versöhnt sogar mit manchem Defizit: In nahezu surrealer Umgebung, der zu einer Art psychedelischer Diskothek umgebauten Behausung des Ober-Bösewichts, haut man sich da gegenseitig die Kugeln um die Ohren, was wirkt, als befände man sich gerade inmitten eines verschwitzten Fiebertraums. Fans von John Woo werden seinen ikonischen Inszenierungs-Stil vielleicht vermissen. Schlecht umgesetzt ist das alles dennoch nicht.

Überragend wäre SILENT NIGHT wohl in keinem Fall geworden. Selbst, wenn der Schweigsamkeits-Gimmick aufgegangen wäre, müsste man immer noch die sträflich ausgetrampelten Story-Pfade sowie die stupiden Stereotypen ins Feld führen. Mehr drin gewesen wäre allerdings dennoch, denn vieles wirkt schlichtweg nicht zu Ende gedacht. So lässt sich Brian Godlock z. B. seinen Wagen mit Panzerplatten spicken und unternimmt riskante Fahrmanöver auf der Übungsstrecke, ohne dass es später irgendeine zwingende Relevanz hätte. Dabei hätte man gerade hier die Klischees zur Tugend machen und den einsamen Rächer am Ende zu einer Art dunklen Superhelden der Marke THE PUNISHER umdeuten können, an welchen die Sache hin und wieder durchaus erinnert – wenn auch eben lediglich in der Light-Variante. So besitzt SILENT NIGHT am Ende kaum eigene Persönlichkeit, wirkt wie eine mundfaule Mischung aus Teil 1 und 3 von DEATH WISH, DEATH SENTENCE von 2007 (in dem ebenfalls ein Durchschnittstyp zum Vigilanten wird) und eben THE PUNISHER. Ein Totalausfall sieht freilich trotzdem anders aus. Generell funktioniert Weihnachts-Action ja immer ziemlich gut, da sich Blut und Schnee so schön vermischen können. Nicht jedes Mal muss es dabei ein Geniestreich wie STIRB LANGSAM oder THE LONG KISS GOODNIGHT sein. SILENT NIGHT fuhrwerkt nur in Zweiter Reihe. Aber das macht er eigentlich ganz anständig. Und der obligatorische Tauben-Gag (der irgendwann fester Bestandteil eines jeden Woo-Werkes wurde) ist dieses Mal ausnahmsweise sogar richtig lustig. Und nein: Der Gag ist nicht, dass die Taube dieses Mal eine Stumme ist. Herrje ...

Laufzeit: 105 Min. / Freigabe: ab 18 

Donnerstag, 14. Dezember 2023

NOTWEHR


ZHUI BU
China, Hongkong 2017

Regie:
John Woo

Darsteller:
Zhan Hanyu,
Masaharu Fukuyama,
Ha Ji-won,
Angeles Woo,
Jun Kunimura,
Nanami Sakuraba,
Stephy Qi Wei,
Ikeuchi Hiroyuki



Inhalt:

Du Qiu [Zhang Hanyu], Rechtsanwalt mit Erfolgshintergrund, beschließt, seine Arbeit für den japanischen Pharma-Konzern Tenjin an den Nagel zu hängen und zwecks neuen Jobs in die USA auszuwandern. Seine Pläne zerschlagen sich auf grauenhafte Art: Nach einer großen Firmenfeier, die seinen Abschied markieren sollte, erwacht er neben einer unbekannten Frau. Das Problem dabei: Sie ist tot. Ermordet. Alles deutet dabei so eindeutig auf ihn als Täter hin, dass er sich in einer Panik-Reaktion dem Polizei-Zugriff entzieht und in einer spektakulären Aktion die Kurve kratzt. Von nun an hat Qiu keine ruhige Minute mehr. Denn nicht nur der ehrgeizige Polizist Satoshi Yamura [Masaharu Fukuyama] heftet sich an seine Fersen. Auch die beiden Attentäterinnen Rain [Ha Ji-won] und Dawn [Angeles Woo] wollen ihm in unbekanntem Auftrage ans Leder.

Kritik:

Seinen Ruf als bester Action-Regisseur aller Zeiten wird Woo Yu-sen nicht mehr los. Das verdankt der als John Woo bekannt gewordene chinesisch-stämmige Filmschaffende vor allem drei Werken, die allesamt in Hongkong entstanden: Der Gangster-Ballade A BETTER TOMMOROW (1986), die noch relativ wenig Feuerzauber fabrizierte, dem Attentäter-Opus THE KILLER (1989), das eine bleihaltige Männerfreundschaft für die Ewigkeit erschuf, und schließlich dem Mani(schlacht)fest HARD-BOILED (1992), einem wahren Inferno aus Kugeln und Körpern, das lange Zeit als Maßstab für die Inszenierung virtuoser Action galt. Sein späteres Wirken in Hollywood wurde erst von der Kritik, dann auch vom Publikum eher verhalten aufgenommen, was schließlich in einigen Flops mündete, nicht immer nur finanzieller Natur. Mit dem (nun wieder in seiner Heimat gedrehten) Kriegs-Epos RED CLIFF (2008) konnte er zwar einen erneuten Erfolg verbuchen, aber historische Schlachten sind nun einmal nicht das, was man mit dem Namen des Regisseurs verbindet. Nachdem THE CROSSING (2014) weltweit fast einhellig ignoriert wurde, lag alle Aufmerksamkeit auf seinem Nachfolge-Projekt MANHUNT. Die abermalige Adaption eines bereits 1976 verfilmten Romans, so hofften viele, würde alte Woo-Tugenden wiederaufleben lassen.

NOTWEHR, wie das Werk in Deutschland getauft wurde, beginnt dann auch ungemein vielversprechend, wenn der Protagonist, Anwalt Du Qiu, ein altes japanisches Restaurant betritt und an der Theke zwanglos mit dessen Besitzerin ins Gespräch kommt. Alles an diesem Ort erinnere ihn an alte Filme, sinniert er. Die Dame, offenbar ebenfalls mit einer gewissen Leidenschaft für die Wunder der Leinwand unterwegs, beginnt daraufhin damit, Film-Zitate zum Besten zu geben, und man attestiert einander, wie viel besser das Kino früher doch war (was fraglos auch als sarkastischer Kommentar zum Schaffen Woos zu verstehen ist). Die traute, fast schon intime Zwietracht wird jäh gestört, als ein paar rüpelige Anzugträger das Etablissement betreten und anfangen, Stress zu machen. Qiu bietet der Frau seine Hilfe an, was von ihr freundlich, aber bestimmt abgelehnt wird. Als Qiu das Lokal kurz verlässt, schiebt sie die Tür hinter ihm zu, zückt zusammen mit ihrer Kollegin das Schießeisen und beginnt zu beschwingter Stimmungsmusik, die unfreundlichen Herren zurück zu den Ahnen zu schicken.

Dieser stimmungsvolle Auftakt macht auch deswegen Laune, weil er wohlige Assoziationen zu weiteren artverwandten Werken erwecken kann. Das Setting erinnert auf Anhieb an Johnny Tos fast vergessenen A HERO NEVER DIES (1998), der ebenfalls zu großen Teilen in rustikaler Schankraum-Umgebung spielt, die Ankunft der grobschlächtigen Gesellen gemahnt an die Kneipen-Szene aus Robert Rodriguez’ DESPERADO (1995), während das sympathische Zitier-Spiel die Filmverliebtheit eines Quentin Tarantino [→ KILL BILL] oder auch Wong Kar-Wai [→ THE GRANDMASTER] wiederspiegelt. Wenn zum Ende des Segments schließlich die Pistolen sprechen, um, wie von Woo einst selbst kultiviert, die Unholde in tänzerisch choreographierter Zeitlupe den Löffel reichen zu lassen, wirkt das fast nur noch wie eine notwendige Pflichtübung, um der Erwartungshaltung des Publikums Genüge zu tun.

Dass die gesamte Sequenz für den Rest der Handlung inhaltlich ohne Belang ist, spielt dabei keine Rolle. Immerhin wird Qiu hier als Hauptfigur etabliert und auch die beiden Killerinnen tauchen nicht zum letzten Male auf. Was dann folgt, unterscheidet sich jedoch auch stilistisch sehr stark, wenn man von der eher dörflichen Kuschel-Kulisse unversehens ins Milieu der Hochfinanz wechselt, in die Welt der schicken Klamotten und rauschenden Firmenfeiern, in welcher sich Qiu mühelos und selbstsicher bewegt. Erst, als er buchstäblich über Nacht zum Hauptverdächtigen eines Mordes wird, agiert er erstaunlich kopflos, entzieht sich seiner Verhaftung und liefert sich eine halsbrecherische Hetzjagd mit der Polizei. Das erscheint nicht unbedingt plausibel, da hier ja eben kein Otto Normalverbraucher des Verbrechens bezichtigt wird, sondern ein erfolgreicher, zudem als besonnen und nachdenklich eingeführter Anwalt, der seine Unschuld im weiteren Verlaufe gewiss höchstselbst unter Beweis hätte stellen können. Aber da der Plot ja irgendwie ins Rollen kommen muss, entscheidet sich Qiu für die deutlich spektakulärere Variante der Verfolgung, weswegen sein Kontrahent, der Polizist Satoshi Yamura, nun endlich auf die Bühne darf. Ähnlich, wie es bereits bei Qiu der Fall war, wird auch dieser mittels eines Szenarios vorgestellt, das völlig losgelöst vom Rest des Geschehens im luftleeren Raume schwebt, wenn sich der Gesetzeshüter als tollkühner Reporter ausgibt, um auf reichlich unkonventionelle Art eine Geiselnahme zu beenden (prägendes Element dabei: ein beherzter Tritt in des Gegenübers Kronjuwelen). Auf einer Mega-Baustelle kommt es im Anschluss zur Konfrontation mit dem flüchtigen Qiu, der dabei nicht unbedingt sympathisch rüberkommt, wenn er zum Zwecke des wiederholten Entkommens Satoshis Kollegin mit der Nagelpistole bedroht.

Zwischen beiden Parteien entwickelt sich nachfolgend das obligatorische Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Qiu regelmäßig entkommen kann, während Satoshi im Ausgleich dazu nicht locker lässt und ihn immer wieder aufspürt. Da der Polizist nach privaten Ermittlungen zu dem Schluss gelangt, dass der Mann, den er jagt, eigentlich unschuldig ist, erinnert das überdeutlich an den Nachstellungs-Klassiker AUF DER FLUCHT, bei dem das genauso war. Mit den früheren Werken John Woos hingegen, so schält sich bald heraus, hat das – bis auf ein paar dezente Referenzen – kaum noch was am Hut. Deren Genialität bestand nämlich eigentlich in der ungenierten Einbindung zügelloser Rittermythen-Romantik, welche den Gewaltausbrüchen nicht nur gleichberechtigt gegenüberstand, sondern sie sogar bedingte. Die Feuergefechte, die Massendestruktionen, das Bluten und das Sterben waren stets zwingende Quintessenz innerer Martyrien in einer fatalistischen Welt, in der das eine nicht ohne das andere existieren konnte. Hier hingegen passiert die Action einfach so, um ihrer selbst willen, ohne nachvollziehbare Notwendigkeit. Und auch das Motiv der ehernen Männerfreundschaft, notfalls über den Tod hinaus, ehemals ebenfalls essentielles Element in Woos Schaffen, spielt in MANHUNT keine Rolle. Denn wenn Jäger und Gejagter sich hier schließlich zusammenraufen, entsteht daraus kein Bund fürs Leben, sondern eine legere Zweckgemeinschaft, die im Zweifelsfalle nicht länger anhält als bis kurz vor Einsetzen des Abspanns. Eine empathische Einbindung des Publikums passiert dabei nicht eine Sekunde lang.

Das gilt auch in Bezug auf die zahlreichen weiteren Gefühlskomponenten, die hier so großzügig ins Spiel gebracht werden. So lernt Qiu eine Frau kennen, deren Verlobter sich das Leben nahm, nachdem er vor Gericht gegen Qiu unterlag. Doch auch Satoshi trägt innerlich Trauer, da seine Angetraute ebenfalls einen frühzeitigen Tod fand. Dessen junge Kollegin indes leidet darunter, von ihm nicht ausreichend ernstgenommen zu werden. Und dann sind da noch die beiden Auftragsmörderinnen aus der Anfangssequenz, die ebenfalls hin und wieder mal auftauchen, Anschläge verüben und dabei irgendwie Dämonen aus ihrer Vergangenheit mit sich herumtragen. Involvieren kann das alles nicht, da stets nur an der Oberfläche gekratzt wird und die Figuren nicht lebendig wirken. Bleibt dann am Ende also doch nur die Action. Und die kann sich überwiegend sehen lassen. Vor allem eine Mittelsequenz überzeugt auf ganzer Linie, wenn Qiu und Satoshi sich auf einem Farmgelände verschanzen und zwischen wiehernden Pferden ein waffenstarrendes Duell mit einer motorisierten Mörderbande austragen. Eine frühere Verfolgungsjagd per Jetski wirkt hingegen eher albern, während sich auf offener Straße überschlagende Autos durchaus Schauwerte bieten (natürlich mit der obligatorischen, realitätsinkompatiblen Explosion zum Ausklang). Dennoch – und das ist das Tragische – hat auch die Action schlichtweg nicht von Bumms von damals. Waren Woo-Werke diesbezüglich in den 1980er- und teils 1990er-Jahren noch pure Perfektion und Maß aller Dinge, ziehen Nachahmer wie JOHN WICK zwischenzeitlich locker an dem vorbei, was MANHUNT zu bieten hat.

Davon, dass man es hier eigentlich mit dem Großmeister zu tun hat, zeugen nur noch zarte Selbstzitate wie beidhändiges Ballern, plötzlich einfrierende Bilder oder fließende Szenen-Übergänge. Die Konstellation Flüchtiger+Polizist ist eine entzahnte Replik von THE KILLER, das Finale erinnert aufgrund des Klinik-Schauplatzes entfernt an das Krankenhaus-Massaker HARD-BOILEDs. Allerdings wirken diese Querverweise überwiegend wie Nadelstiche, rufen sie einem doch immer wieder ins Gedächtnis zurück, wie deutlich überlegen die Vorbilder sind. Stattdessen erinnert MANHUNT über weite Strecken eher an Woos US-Produktion PAYCHECK, die alles andere als ein Ruhmesblatt war. Und auch, was als humorvolle Hommage gedacht war, geht behende ins Beinkleid: Seit Woo die Schauplätze THE KILLERs mit Scharen an Tauben bevölkerte, gelten diese als sein unumstößliches Markenzeichen. Bei dem mit religiösen Metaphern aufgeladenen Spektakel ergab das in Hinblick auf den Bedeutungshintergrund des Tieres auch fraglos Sinn. Danach jedoch wurde das gurrende Federvieh zum gegenstandslosen Gimmick, was hier seinen augenrollenauslösenden Negativ-Höhepunkt findet.

Wer trotz allem die Hoffnung in sich trug, das Finale könne das Ruder gewiss noch herumreißen, der wird böse abgestraft. Tatsächlich nämlich passiert genau das Gegenteil. Nicht nur, dass MANHUNT auf den letzten Metern einen halben Genre-Wechsel vollzieht, wird es dabei inhaltlich auch noch dermaßen absurd, dass es dem Gesamtbild nachhaltigen Schaden zufügt. So bleibt am Ende dann wirklich kaum noch etwas Positives zu sagen. Einzelne Momente sind durchaus sehenswert, aber stimmig zusammenfügen will sich das alles nicht. Vor allem der halbgar ins Skript gedoktorte Kriminalfall ist völlig uninteressant und letztendlich auch nicht das, was man in einem John-Woo-Film sehen möchte. Rätselraten und Mördersuche, so etwas können andere Anbieter besser. Und als gelte es, der Misere noch die Krone aufs Haupte zu setzen, ist auch die Akustik überwiegend grauenhaft. Aus unerfindlichen Gründen entschied man sich nämlich dafür, die asiatischen Darsteller zu großen Teilen Englisch sprechen zu lassen. Dabei hat man an einem guten Sprachtrainer offenbar ebenso gespart wie an einem guten Übersetzer. Infolgedessen radebrechen sich die Figuren nun in heiliger Angestrengtheit, die korrekten Töne zu treffen, emotionslos durch stocksteife Dialogzeilen, was die Darsteller schlechter wirken lässt, als sie es wohl eigentlich sind. Eine anständige Synchronfassung hätte hier wohl Abhilfe schaffen können. Das Problem: Es gibt keine (Gut, jedenfalls keine deutschsprachige. Zumindest die Franzosen haben sich eine gegönnt).

NOTWEHR mit Ladehemmung! Inhaltlich zerfahren und ohne rechtes Konzept von Station zu Station stolpernd, kann man zumindest konzedieren, dass man sich nicht der Verbreitung von Langeweile schuldig gemacht hat. Ereignislos ist das alles nämlich nicht, Leerlauf macht sich rar und auch die Optik ist insgesamt hochwertig. Dennoch ist das alles nur gekonnte Routine, keine gelebte Leidenschaft. Und wenn dann irgendwann der Abspann rollt, denkt man ernüchtert und sogar ein wenig wehmütig zurück an die verheißungsvolle Eingangssequenz. Und an die ersten Worte, die in MANHUNT gewechselt wurden: Früher, da waren die Filme einfach viel, viel besser.

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: ungeprüft

Freitag, 8. Dezember 2023

TRIPLE THREAT


TRIPLE THREAT
Thailand, China, USA 2019

Regie:
Jesse V. Johnson

Darsteller:
Tony Jaa,
Iko Uwais,
Tiger Chen,
Scott Adkins,
Michael Jai White,
Michael Bisping,
Celina Jade,
Michael Wong



„Wir rennen seitwärts und schießen dabei alles zu Klump.“
(Ganz wichtig bei sowas: Immer seitwärts rennen!)

Inhalt:

Irgendwo im Dschungel Indonesiens, in einem Erdloch gefangen, hockt Collins [Scott Adkins] – einer der gefährlichsten Terroristen der Welt. Als die Söldner Payu [Tony Jaa] und Long Fei [Tiger Chen] angeheuert werden, den Mann zu befreien, ahnen sie freilich noch nicht, mit wem sie es zu tun haben. Erst nach erfolgreicher Ausführung des Auftrages offenbart der frisch Befreite sein wahres grausames Gesicht. Payu und Fei beschließen, ihren Fehler wieder gutzumachen und den flüchtigen Collins zur Strecke zu bringen. Dabei werden sie allerdings selbst verfolgt: Der ehemalige Wachmann Jaka [Iko Uwais] verlor bei der Befreiungsaktion seine Frau und sieht in den beiden Männern die Schuldigen für dieses Unglück. Während er sich von Rache getrieben auf die Jagd begibt, planen Collins und seine Gefolgsleute einen Anschlag auf die reiche Erbin Tian Xiao [Celina Jade], die vorhat, ihr Vermögen der Verbrechensbekämpfung zur Verfügung zu stellen.

Kritik:

Fans und Sympathisanten des zünftigen Körperertüchtigungs-Kinos dürften mehrheitlich der spontanen Schnappatmung anheimgefallen sein, als die Besetzungsliste TRIPLE THREATs bekannt gegeben wurde. Das testosterongeschwängerte Personal-Paket, das findige Produzenten hier in Erwartung klingender Münze zusammenschnürten, schien den feuchten Träumen freidrehender Actionfilm-Nerds entsprungen zu sein, versammelten sich hier doch tatsächlich die zu dem Zeitpunkt wohl angesagtesten Heroen der Leinwand-Keile zum großen Karneval des Knochenverbiegens: Der Thailänder Tony Jaa, der 2003 mit dem staubtrockenen ONG-BAK einen Welterfolg landete, der Kritiker Vergleiche mit goldenen Bruce-Lee-Zeiten ziehen ließ. Der Indonesier Iko Uwais, dem 2011 mit THE RAID ein wegweisendes Action-Konglomerat gelang, dessen Kompromisslosigkeit neue Maßstäbe setzte. Der chinesische Kampfkünstler Tiger Chen, Schüler von Choreographie-Koryphäe Yuen Wo Ping, welcher der breiten Öffentlichkeit 2013 durch die Hauptrolle in Keanu Reeves’ Liebeserklärung MAN OF TAI CHI bekannt wurde. Der Brite Scott Adkins, der mit Werken wie NINJA (2009) die B-Action im 80er-Jahre-Stil wieder salonfähig machte. Der ehemalige US-Karate-Champion Michael Jai White, der sich durch seine Mitwirkung bei diversen Steven-Seagal- und Jean-Claude-Van-Damme-Vehikeln seine Lorbeeren verdiente und 2009 mit BLACK DYNAMITE einen herrlich selbstironischen Beitrag zum Blaxploitation-Genre erschuf. Die thailändische Faustverteilerin Jeeja Yanin, die 2008 durch den Leinwand-Wirbelwind CHOCOLATE internationale Aufmerksamkeit erregte. Und in einer kleineren Rolle gesellte sich auch noch Hongkong-Urgestein Michael Wong [→ FIRST OPTION (1996)] zu der illustren Truppe, der wohl immer mit dem Bild des harten, aber herzlichen Polizei-Ausbilders verbunden bleiben wird (obwohl er auch etliche andere Rollen verkörperte).

Eine ganze Wagenladung an Kompetenz und Können also, welche die Erwartungshaltung in nahezu schwindelerregende Höhen schraubte. Um das Fazit vorwegzunehmen: Fans cineastischer Kinetik kommen voll auf ihre Kosten. TRIPLE THREAT tritt tüchtig aufs Gaspedal und liefert kernigen Krawall in hoher Konzentration. Vom Action-Olymp ist man dennoch meilenweit entfernt – so sehr, dass jede der aufgeführten Darsteller-Referenzen tatsächlich ungleich sehenswerter ist. Denn die pickepacke vollgepackte Stabliste ist zugleich auch das Problem: Jedem der Stars gelingt es locker, ein Werk allein zu tragen. Ihre größten Erfolge bestachen durch zweckdienlich erdachte Konfliktsituationen, die so passgenau auf den jeweiligen Akteur zugeschnitten waren, dass dieser genügend Gelegenheit dazu bekam, seine Qualifikation zur Schau zu stellen. Hier, so hat man den Eindruck, stehen sich alle irgendwie gegenseitig im Weg. Was freilich geblieben ist, ist ein alibiartiges Story-Gerüst, das teils abenteuerliche Kapriolen schlagen muss, um die zahlreichen Publikumslieblinge halbwegs anständig unter einen Hut zu bringen. Dabei ist es nur allzu offensichtlich, dass zuallererst die Action-Szenen standen und man den Rest mehr oder minder improvisiert drumherum erfinden musste. Nun erwartet hier gewiss niemand im Vorfeld eine ausgefeilte Abhandlung, aber ein bisschen mehr Feinschliff, um die ganzen losen Enden und übriggebliebenen Fragezeichen zumindest etwas zu entkräften, wäre nun wahrlich kein Hexenwerk gewesen.

Generell ging man mit Erklärungen sehr ökonomisch um: Collins ist einfach „einer der gefährlichsten Terroristen“. Sich tatsächlich etwas auszudenken, was genau der Mann denn ausgefressen haben könnte, hat die Autoren offenbar überfordert. Dessen Zielperson Tian Xiao ist einfach nur eine „Millionenerbin“, die irgendwie irgendetwas gegen das Böse unternehmen will. Was genau, weiß man nicht. Es muss aber schon was wirklich Gravierendes sein, wenn die Unterwelt so in Aufruhr gerät, dass sie einen der „gefährlichsten Terroristen“ befreit, um die Dame auszuschalten (so ein gewöhnlicher Feld-, Wald- und Wiesen-Attentäter wäre der Aufgabe natürlich nicht gewachsen gewesen). So bekommt hier jede Figur einfach ein notdürftig erdachtes Attribut auf die Stirn gepinnt, welches als Charakterisierung einfach reichen muss. Auch der Rest bleibt eher schwammiger Natur – was vor allem für das Motiv der im Hintergrund die Fäden ziehenden Auftraggeberin gilt, die sich manchmal geheimnisumwabert per Telefon bei den Terroristen meldet, um neueste Instruktionen zu erteilen. Antwortmöglichkeiten darauf, wer sie ist und was sie antreibt, sparte das Skript vollkommen aus. Wobei das im Ansatz immerhin tatsächlich effektiv ist, hat es doch was von einem weiblichen Dr. Mabuse, eine unheilvolle, über allem schwebende Macht aus dem Dunkel.

Die Söldner Payu (Tony Jaa) und Long (Tiger Chen) machen zudem auch nicht den hellsten Eindruck, wenn sie zum Auftakt Scharen an Gegnern niederstrecken und im Nachhinein dann plötzlich ein schlechtes Gewissen bekommen, da sie der irrigen Meinung waren, bei dem Metzelauftrag handele es sich eigentlich um eine ‚humanitäre Mission‘. So ein Missverständnis aber auch … (Vermutlich war in der Heilsarmee kein Platz mehr frei, sodass die beiden Menschenfreunde auf Söldner umschulen mussten.) Doch zum Glück macht auch die Terror-Truppe um Scott Adkins nicht den Eindruck, einen Kompetenzwettbewerb in Sachen Geistesleistung gewinnen zu können: Nachdem ihr die Zielperson vor einem Fernsehstudio trotz ausgiebiger (und reichlich unkoordinierter) Bleiverspritzung durch die Lappen ging (indem sie einfach davonlief), beschließt die Mörderbande völlig plan- und kopflos, die gleiche Kamikaze-Nummer direkt noch einmal bei der örtlichen Polizei-Station abzuziehen. Getreu dem Motto: Ich bin Terrorist, ich bin böse, ich muss den ganzen Tag irgendwas umnieten. 18 Uhr ist Feierabend! Warum dieser grobschlächtige Haufen (der auch im weiteren Verlauf nichts so richtig gebacken bekommt) so gefürchtet sein soll, fragt man sich dann schon. Immerhin sorgt die Aktion für reichlich Schauwert, erinnert die bleihaltige Aufmischung des Reviers doch an eine beträchtlich aufgemotzte Variante der brachialen Zerlegung eines ebensolchen im Meilenstein TERMINATOR.

Dass hier statt Faust und Fuß in erster Linie Kugeln fliegen, mag eingefleischte Fans der Darsteller freilich enttäuschen. In der Tat besitzt TRIPLE THREAT insgesamt mehr Ähnlichkeit mit dem früheren philippinischen Söldner-Kino als mit den zeitnah entstandenen Martial-Arts-Epen, aus denen die Stars ja eigentlich hervorgingen. Ein paar Schlagabtausche gibt es dennoch zu bewundern. So passiert das erste Zusammentreffen (wobei „Zusammentreffen“ hier wörtlich gemeint ist) von Tiger Chen und Iko Uwais bei einem (offenbar illegalen) Untergrund-Kampf-Szenario, das doch stark an das 1988er Kultstück BLOODSPORT (oder fast noch mehr an dessen zahlreiche asiatische Nachahmer) erinnert. Und wem die Ereignisse bis dahin trotzdem noch zu bleihaltig waren, der wird mit einer finalen Zusammenschlag-Zusammenkunft entschädigt, deren Schauplatz, ein alter verfallener Palast, Assoziationen zum Shaw Brothers-Klassiker DIE TODESPAGODE DES GELBEN TIGERS (1969) zulässt. Das macht auch optisch schwer was her und dient somit auch als kleine Wiedergutmachung für den bis dahin doch arg kargen Look, der TRIPLE THREAT überwiegend anlastet: So scheint sich im Mittelteil phasenweise alles nur in einer schäbigen Straße abzuspielen.

Wer es schafft, die verklausulierte Erzählweise zu schlucken (das Skript zögert manche Dinge unnötig hinaus und kann sich lange Zeit nicht entscheiden, auf welcher Seite manche Figuren eigentlich stehen sollen), keine Scheu hat vor armseligem Dialoggut („Wer sind die?“ - „Eine Verbrecherbande. Richtig üble Kerle.“) und zudem ein Faible mitbringt für defizitäre 80er-Jahre-Billig-Action, an die sich TRIPLE THREAT nicht selten anschmiegt, geht somit am Ende doch recht glücklich nach Hause. Leid tun kann einem allerdings Celina Jade [→ THE MAN WITH THE IRON FISTS], die einfach nur das hilflose Opfer mimen darf und deren permanentes Panik-Gekreische nur unwesentlich unter dem von Fay Wray in KING KONG liegt.

Laufzeit: 96 Min. / Freigabe: ab 18

Samstag, 2. Dezember 2023

GODZILLA - MINUS ONE


GOJIRA -1.0
Japan 2023

Regie:
Takashi Yamazaki

Darsteller:
Ryūnosuke Kamiki,
Minami Hamabe,
Yuki Yamada,
Munetaka Aoki,
Hidetaka Yoshioka,
Sakura Ando,
Kuranosuke Sasaki,
Noriko Oishi



„Ich bin jemand, der schon längst tot sein sollte.“
(Shikishima hat heute mal wieder gute Laune.)


Inhalt:

Japan, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs: Die Insel Odo dient als Anflugstelle für Flugzeuge mit Motorschaden. Pilot Kôichi Shikishima [Ryūnosuke Kamiki], des Einsatzes müde, täuscht einen solchen vor, um sich auf dem Eiland in Sicherheit zu bringen. Doch die Ruhe ist nur von kurzer Dauer, denn etwas Unfassbares geschieht: Ein gigantisches Ungetüm, von den Einheimischen ‚Godzilla‘ genannt, erscheint auf der Bildfläche und beginnt einen radikalen Vernichtungsfeldzug. Shikishima ist einer der wenigen Überlebenden. 2 Jahre später: Im immer noch völlig zerstörten Tokio hat der nach wie vor traumatisierte Shikishima sich eine neue Existenz aufgebaut. Er lebt mit Frau und Kind zusammen und hat eine gut bezahlte Arbeit als Minenentschärfer zur See. Doch am Bikini-Atoll braut sich neues Unheil zusammen: Atombombentests treffen den dort ruhenden ‚Godzilla‘, der daraufhin zu einem noch grauenhafteren Wesen mutiert. Als ein paar Schlachtschiffe zerstört werden, ist Shikishima sofort klar, wer bzw. was dafür verantwortlich ist. Und es steuert aufs Festland zu.

Kritik:

Godzilla, das dinosaurierartige radioaktiv verstrahlte Fabelwesen, wurde vom Feuilleton lange Zeit lediglich belächelt. Teils nicht ganz zu Unrecht: Spätestens ab den 1970er Jahren verlor die japanische Kino-Reihe jeden Anspruch und gefiel nur noch als kunterbunte Jahrmarktsattraktion (was durchaus auch seinen Reiz hatte). Längst totgeglaubt, gelang dem Kult-Koloss im neuen Jahrtausend eine kaum mehr für möglich gehaltene Renaissance: Mit etlichen Jahren Verspätung eroberte er doch noch Hollywood [GODZILLA (2014)], welches ihn folgend sowohl in Film- als auch Serienform in ausufernde Schlachten schickte. Aber auch in seinem Ursprungsland durfte das Kaijū (wie Riesen-Monster dort genannt werden) erneut zum Leben erwachen, erst als SHIN GODZILLA (2016), welcher der Saga komplett neues Leben einhauchte, dann erstmals gezeichnet in gleich zwei Anime-Varianten. Fast schon zur Tradition verkommen, wurde GODZILLA – MINUS ONE, der vorliegende Kino-Nachfolger SHIN GODZILLAs, abermals als Komplettmodifikation gestaltet, welche die vorherigen Fortsetzungen und Ableger ignoriert und alles wieder auf Anfang setzt.

So nah an die Wurzeln wagte man sich zuvor allerdings niemals zurück. Denn eigentlich, und das geriet im Laufe der Jahre fast ein wenig in Vergessenheit, ist das feuerspeiende Ungetüm kein Gute-Laune-Lieferant, sondern eine gespenstige Schreckgestalt, die Tod und Leid über Land und Leute bringt. Sein Stelldichein im Jahre 1954 war nicht nur aufgrund der schwarzweißen Bilder ein enorm düsteres Weltuntergangs-Szenario: Regisseur Ishirō Honda schuf mit GODZILLA eine eindrückliche Allegorie über das Grauen des Atomkrieges, dessen Auswirkungen dem Land der aufgehenden Sonne im Produktionsjahr noch in den Knochen steckte. GODZILLA – MINUS ONE dreht die Zeit zurück und verortet die Ereignisse erneut in den Nachkriegsjahren, wodurch man es im Grunde mit der ersten wirklichen Neuverfilmung des originalen Meilensteins zu tun hat. Und ja, Godzilla ist tatsächlich wieder die brachiale Urgewalt, die er einst war, eine Geißel der Menschheit auf gnadenlosem Vernichtungsfeldzug. Das erklärt dann auch den Titel: Japan liegt nach den verheerenden Bomben-Angriffen überwiegend im Trümmern; für die Nation bricht das neue Jahr 0 an. Das Auftauchen Godzillas macht dann alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft zunichte; die neue Zeitrechnung beträgt somit nun nicht einmal mehr Null, sondern Minus Eins.

Stilistisch unterscheiden sich die 1954er- und die 2023er-Version dennoch recht stark. So steht das Monster hier nicht mehr für die Gefahren der Atomkraft, sondern für das Trauma des Krieges, welches der Nation noch Jahre später bis in die Heimat folgt und keine Ruhe geben wird, bevor es nicht vollständig vernichtet ist. Sinnbild dafür ist der von Ryūnosuke Kamiki [→ KRIEG DER DÄMONEN] gespielte Pilot Kôichi Shikishima, der zudem die Bürde vermeintlicher Feigheit mich sich herumträgt: Während des Krieges drückte er sich vor dem Kampfeinsatz und beim ersten Auftauchen Godzillas ist er mental zu schwach, um die Waffe abzufeuern (Dass diese dem Untier wahrscheinlich gar nichts hätte anhaben können und seine Kameraden somit ohnehin gestorben wären, spielt dabei keine Rolle, da Schuldgefühle nicht zwangsläufig rational sind). Wenn er sich, um Godzilla zu besiegen, schließlich einem Freiwilligen-Battalion anschließt, das überwiegend als ehemaligen Armee-Angehörigen besteht, ist die Botschaft eindeutig: Die Fehler der Vergangenheit müssen getilgt, Schuld und Schock der Nation ausgemerzt werden. Dabei umschifft MINUS ONE immer wieder ein Thema, das dennoch einem godzillagroßen Elefanten gleich im Raum steht. Denn dass das Land geschunden am Boden lag, hatte schließlich einen Grund: die Kollaboration Japans mit den Verbrechern des Nationalsozialismus. Von deren menschenfeindlicher Ideologie ist hier selbstverständlich nichts zu spüren: Das Militär besteht ausschließlich aus grundanständigen Leuten, Rädchen im Getriebe, die halt lediglich das taten, was irgendwie getan werden musste. So hat es einen durchaus bitteren Beigeschmack, wenn immer wieder betont wird, wie sehr die Regierung ihre Männer doch im Stich gelassen habe. Auch zur Bekämpfung Godzillas (= des Kriegstraumas) trägt sie nichts bei, weswegen die ehemaligen Soldaten die Sache höchstselbst in die Hand nehmen müssen.

Mit der bleiernen Schwere, die über dem Geschehen liegt, mögen sich die (vergleichsweise seltenen) Auftritte des Stars der Show indes nicht so recht vertragen: Godzillas Vernichtungsfeldzüge sind nämlich durchaus dem sensationsheischenden Krawall-Kino verpflichtet und machen – salopp gesagt – richtig Laune. Wenn sein Feueratem ganze Straßenzüge ausradiert und ikonische Szenen aus dem originalen Klassiker kopiert werden, während dazu Akira Ifukubes bewährte musikalische Klänge ertönen, dann macht das Fan-Herz wahre Freudensprünge. Aber MINUS ONE ist eben kein Spaß-Spektakel, sondern ein durchaus düsteres Drama über gepeinigte Seelen auf der Suche nach Sinn und Absolution. Das hat schon etwas Ironisches: Nachdem die japanischen Godzilla-Filme aufgrund der Durchschaubarkeit ihrer Effekte und oft naiven Handlung lange Zeit als rückständig und albern gegolten hatten, brachten Beiträge wie SHIN GODZILLA oder eben MINUS ONE eine ungeahnte Ernsthaftigkeit in die Marke, während ausgerechnet die parallel dazu laufende, vom japanischen Output unabhängige amerikanische Reihe nun plötzlich für die Infantilität zuständig war, wenn Godzilla sich dort z. B. wieder mit seinem alten Konkurrenten King Kong kloppen durfte.

So ganz kann MINUS ONE den Widerspruch zwischen bedrückender Stimmung und begeisternder Zerstörungsorgie bis zum Ende nicht auflösen, wenn man gegen den monströsen Staatsfeind auf hoher See final zu Felde zieht. Das hält dann zwar im Ablauf keine Überraschungen bereit, arbeitet den notwendigen Action-Anteil aber pflichtschuldigst ab. Der Oxygen-Zerstörer, die Wunderwaffe aus dem Original, die in den Folgejahren immer mal wieder innerhalb der Reihe thematisiert wurde, bleibt dabei dieses Mal in der Mottenkiste – obwohl sie fraglos ein wenig sinnvoller gewesen wäre als der doch recht hanebüchene Plan, den man sich hier zurechtlegt. Dass es kurz vor Abspann dann noch zu einem kurzen Moment kommt, der in seiner absurden Kitschigkeit wirkt, als habe Steven Spielberg hier ein paar Sekunden lang die Feder geführt, hätte nicht sein müssen, richtet aber auch keinen großen Schaden an. MINUS ONE ist zwar kein Meilenstein geworden, aber eine (erneute) Frischzellenkur, welche die Unsterblichkeit seiner Titelfigur abermals zementiert. Auf ihn mit Gebrüll!

Laufzeit: 125 Min. / Freigabe: ab 12