Eigene Forschungen

Donnerstag, 14. Dezember 2023

NOTWEHR


ZHUI BU
China, Hongkong 2017

Regie:
John Woo

Darsteller:
Zhan Hanyu,
Masaharu Fukuyama,
Ha Ji-won,
Angeles Woo,
Jun Kunimura,
Nanami Sakuraba,
Stephy Qi Wei,
Ikeuchi Hiroyuki



Inhalt:

Du Qiu [Zhang Hanyu], Rechtsanwalt mit Erfolgshintergrund, beschließt, seine Arbeit für den japanischen Pharma-Konzern Tenjin an den Nagel zu hängen und zwecks neuen Jobs in die USA auszuwandern. Seine Pläne zerschlagen sich auf grauenhafte Art: Nach einer großen Firmenfeier, die seinen Abschied markieren sollte, erwacht er neben einer unbekannten Frau. Das Problem dabei: Sie ist tot. Ermordet. Alles deutet dabei so eindeutig auf ihn als Täter hin, dass er sich in einer Panik-Reaktion dem Polizei-Zugriff entzieht und in einer spektakulären Aktion die Kurve kratzt. Von nun an hat Qiu keine ruhige Minute mehr. Denn nicht nur der ehrgeizige Polizist Satoshi Yamura [Masaharu Fukuyama] heftet sich an seine Fersen. Auch die beiden Attentäterinnen Rain [Ha Ji-won] und Dawn [Angeles Woo] wollen ihm in unbekanntem Auftrage ans Leder.

Kritik:

Seinen Ruf als bester Action-Regisseur aller Zeiten wird Woo Yu-sen nicht mehr los. Das verdankt der als John Woo bekannt gewordene chinesisch-stämmige Filmschaffende vor allem drei Werken, die allesamt in Hongkong entstanden: Der Gangster-Ballade A BETTER TOMMOROW (1986), die noch relativ wenig Feuerzauber fabrizierte, dem Attentäter-Opus THE KILLER (1989), das eine bleihaltige Männerfreundschaft für die Ewigkeit erschuf, und schließlich dem Mani(schlacht)fest HARD-BOILED (1992), einem wahren Inferno aus Kugeln und Körpern, das lange Zeit als Maßstab für die Inszenierung virtuoser Action galt. Sein späteres Wirken in Hollywood wurde erst von der Kritik, dann auch vom Publikum eher verhalten aufgenommen, was schließlich in einigen Flops mündete, nicht immer nur finanzieller Natur. Mit dem (nun wieder in seiner Heimat gedrehten) Kriegs-Epos RED CLIFF (2008) konnte er zwar einen erneuten Erfolg verbuchen, aber historische Schlachten sind nun einmal nicht das, was man mit dem Namen des Regisseurs verbindet. Nachdem THE CROSSING (2014) weltweit fast einhellig ignoriert wurde, lag alle Aufmerksamkeit auf seinem Nachfolge-Projekt MANHUNT. Die abermalige Adaption eines bereits 1976 verfilmten Romans, so hofften viele, würde alte Woo-Tugenden wiederaufleben lassen.

NOTWEHR, wie das Werk in Deutschland getauft wurde, beginnt dann auch ungemein vielversprechend, wenn der Protagonist, Anwalt Du Qiu, ein altes japanisches Restaurant betritt und an der Theke zwanglos mit dessen Besitzerin ins Gespräch kommt. Alles an diesem Ort erinnere ihn an alte Filme, sinniert er. Die Dame, offenbar ebenfalls mit einer gewissen Leidenschaft für die Wunder der Leinwand unterwegs, beginnt daraufhin damit, Film-Zitate zum Besten zu geben, und man attestiert einander, wie viel besser das Kino früher doch war (was fraglos auch als sarkastischer Kommentar zum Schaffen Woos zu verstehen ist). Die traute, fast schon intime Zwietracht wird jäh gestört, als ein paar rüpelige Anzugträger das Etablissement betreten und anfangen, Stress zu machen. Qiu bietet der Frau seine Hilfe an, was von ihr freundlich, aber bestimmt abgelehnt wird. Als Qiu das Lokal kurz verlässt, schiebt sie die Tür hinter ihm zu, zückt zusammen mit ihrer Kollegin das Schießeisen und beginnt zu beschwingter Stimmungsmusik, die unfreundlichen Herren zurück zu den Ahnen zu schicken.

Dieser stimmungsvolle Auftakt macht auch deswegen Laune, weil er wohlige Assoziationen zu weiteren artverwandten Werken erwecken kann. Das Setting erinnert auf Anhieb an Johnny Tos fast vergessenen A HERO NEVER DIES (1998), der ebenfalls zu großen Teilen in rustikaler Schankraum-Umgebung spielt, die Ankunft der grobschlächtigen Gesellen gemahnt an die Kneipen-Szene aus Robert Rodriguez’ DESPERADO (1995), während das sympathische Zitier-Spiel die Filmverliebtheit eines Quentin Tarantino [→ KILL BILL] oder auch Wong Kar-Wai [→ THE GRANDMASTER] wiederspiegelt. Wenn zum Ende des Segments schließlich die Pistolen sprechen, um, wie von Woo einst selbst kultiviert, die Unholde in tänzerisch choreographierter Zeitlupe den Löffel reichen zu lassen, wirkt das fast nur noch wie eine notwendige Pflichtübung, um der Erwartungshaltung des Publikums Genüge zu tun.

Dass die gesamte Sequenz für den Rest der Handlung inhaltlich ohne Belang ist, spielt dabei keine Rolle. Immerhin wird Qiu hier als Hauptfigur etabliert und auch die beiden Killerinnen tauchen nicht zum letzten Male auf. Was dann folgt, unterscheidet sich jedoch auch stilistisch sehr stark, wenn man von der eher dörflichen Kuschel-Kulisse unversehens ins Milieu der Hochfinanz wechselt, in die Welt der schicken Klamotten und rauschenden Firmenfeiern, in welcher sich Qiu mühelos und selbstsicher bewegt. Erst, als er buchstäblich über Nacht zum Hauptverdächtigen eines Mordes wird, agiert er erstaunlich kopflos, entzieht sich seiner Verhaftung und liefert sich eine halsbrecherische Hetzjagd mit der Polizei. Das erscheint nicht unbedingt plausibel, da hier ja eben kein Otto Normalverbraucher des Verbrechens bezichtigt wird, sondern ein erfolgreicher, zudem als besonnen und nachdenklich eingeführter Anwalt, der seine Unschuld im weiteren Verlaufe gewiss höchstselbst unter Beweis hätte stellen können. Aber da der Plot ja irgendwie ins Rollen kommen muss, entscheidet sich Qiu für die deutlich spektakulärere Variante der Verfolgung, weswegen sein Kontrahent, der Polizist Satoshi Yamura, nun endlich auf die Bühne darf. Ähnlich, wie es bereits bei Qiu der Fall war, wird auch dieser mittels eines Szenarios vorgestellt, das völlig losgelöst vom Rest des Geschehens im luftleeren Raume schwebt, wenn sich der Gesetzeshüter als tollkühner Reporter ausgibt, um auf reichlich unkonventionelle Art eine Geiselnahme zu beenden (prägendes Element dabei: ein beherzter Tritt in des Gegenübers Kronjuwelen). Auf einer Mega-Baustelle kommt es im Anschluss zur Konfrontation mit dem flüchtigen Qiu, der dabei nicht unbedingt sympathisch rüberkommt, wenn er zum Zwecke des wiederholten Entkommens Satoshis Kollegin mit der Nagelpistole bedroht.

Zwischen beiden Parteien entwickelt sich nachfolgend das obligatorische Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Qiu regelmäßig entkommen kann, während Satoshi im Ausgleich dazu nicht locker lässt und ihn immer wieder aufspürt. Da der Polizist nach privaten Ermittlungen zu dem Schluss gelangt, dass der Mann, den er jagt, eigentlich unschuldig ist, erinnert das überdeutlich an den Nachstellungs-Klassiker AUF DER FLUCHT, bei dem das genauso war. Mit den früheren Werken John Woos hingegen, so schält sich bald heraus, hat das – bis auf ein paar dezente Referenzen – kaum noch was am Hut. Deren Genialität bestand nämlich eigentlich in der ungenierten Einbindung zügelloser Rittermythen-Romantik, welche den Gewaltausbrüchen nicht nur gleichberechtigt gegenüberstand, sondern sie sogar bedingte. Die Feuergefechte, die Massendestruktionen, das Bluten und das Sterben waren stets zwingende Quintessenz innerer Martyrien in einer fatalistischen Welt, in der das eine nicht ohne das andere existieren konnte. Hier hingegen passiert die Action einfach so, um ihrer selbst willen, ohne nachvollziehbare Notwendigkeit. Und auch das Motiv der ehernen Männerfreundschaft, notfalls über den Tod hinaus, ehemals ebenfalls essentielles Element in Woos Schaffen, spielt in MANHUNT keine Rolle. Denn wenn Jäger und Gejagter sich hier schließlich zusammenraufen, entsteht daraus kein Bund fürs Leben, sondern eine legere Zweckgemeinschaft, die im Zweifelsfalle nicht länger anhält als bis kurz vor Einsetzen des Abspanns. Eine empathische Einbindung des Publikums passiert dabei nicht eine Sekunde lang.

Das gilt auch in Bezug auf die zahlreichen weiteren Gefühlskomponenten, die hier so großzügig ins Spiel gebracht werden. So lernt Qiu eine Frau kennen, deren Verlobter sich das Leben nahm, nachdem er vor Gericht gegen Qiu unterlag. Doch auch Satoshi trägt innerlich Trauer, da seine Angetraute ebenfalls einen frühzeitigen Tod fand. Dessen junge Kollegin indes leidet darunter, von ihm nicht ausreichend ernstgenommen zu werden. Und dann sind da noch die beiden Auftragsmörderinnen aus der Anfangssequenz, die ebenfalls hin und wieder mal auftauchen, Anschläge verüben und dabei irgendwie Dämonen aus ihrer Vergangenheit mit sich herumtragen. Involvieren kann das alles nicht, da stets nur an der Oberfläche gekratzt wird und die Figuren nicht lebendig wirken. Bleibt dann am Ende also doch nur die Action. Und die kann sich überwiegend sehen lassen. Vor allem eine Mittelsequenz überzeugt auf ganzer Linie, wenn Qiu und Satoshi sich auf einem Farmgelände verschanzen und zwischen wiehernden Pferden ein waffenstarrendes Duell mit einer motorisierten Mörderbande austragen. Eine frühere Verfolgungsjagd per Jetski wirkt hingegen eher albern, während sich auf offener Straße überschlagende Autos durchaus Schauwerte bieten (natürlich mit der obligatorischen, realitätsinkompatiblen Explosion zum Ausklang). Dennoch – und das ist das Tragische – hat auch die Action schlichtweg nicht von Bumms von damals. Waren Woo-Werke diesbezüglich in den 1980er- und teils 1990er-Jahren noch pure Perfektion und Maß aller Dinge, ziehen Nachahmer wie JOHN WICK zwischenzeitlich locker an dem vorbei, was MANHUNT zu bieten hat.

Davon, dass man es hier eigentlich mit dem Großmeister zu tun hat, zeugen nur noch zarte Selbstzitate wie beidhändiges Ballern, plötzlich einfrierende Bilder oder fließende Szenen-Übergänge. Die Konstellation Flüchtiger+Polizist ist eine entzahnte Replik von THE KILLER, das Finale erinnert aufgrund des Klinik-Schauplatzes entfernt an das Krankenhaus-Massaker HARD-BOILEDs. Allerdings wirken diese Querverweise überwiegend wie Nadelstiche, rufen sie einem doch immer wieder ins Gedächtnis zurück, wie deutlich überlegen die Vorbilder sind. Stattdessen erinnert MANHUNT über weite Strecken eher an Woos US-Produktion PAYCHECK, die alles andere als ein Ruhmesblatt war. Und auch, was als humorvolle Hommage gedacht war, geht behende ins Beinkleid: Seit Woo die Schauplätze THE KILLERs mit Scharen an Tauben bevölkerte, gelten diese als sein unumstößliches Markenzeichen. Bei dem mit religiösen Metaphern aufgeladenen Spektakel ergab das in Hinblick auf den Bedeutungshintergrund des Tieres auch fraglos Sinn. Danach jedoch wurde das gurrende Federvieh zum gegenstandslosen Gimmick, was hier seinen augenrollenauslösenden Negativ-Höhepunkt findet.

Wer trotz allem die Hoffnung in sich trug, das Finale könne das Ruder gewiss noch herumreißen, der wird böse abgestraft. Tatsächlich nämlich passiert genau das Gegenteil. Nicht nur, dass MANHUNT auf den letzten Metern einen halben Genre-Wechsel vollzieht, wird es dabei inhaltlich auch noch dermaßen absurd, dass es dem Gesamtbild nachhaltigen Schaden zufügt. So bleibt am Ende dann wirklich kaum noch etwas Positives zu sagen. Einzelne Momente sind durchaus sehenswert, aber stimmig zusammenfügen will sich das alles nicht. Vor allem der halbgar ins Skript gedoktorte Kriminalfall ist völlig uninteressant und letztendlich auch nicht das, was man in einem John-Woo-Film sehen möchte. Rätselraten und Mördersuche, so etwas können andere Anbieter besser. Und als gelte es, der Misere noch die Krone aufs Haupte zu setzen, ist auch die Akustik überwiegend grauenhaft. Aus unerfindlichen Gründen entschied man sich nämlich dafür, die asiatischen Darsteller zu großen Teilen Englisch sprechen zu lassen. Dabei hat man an einem guten Sprachtrainer offenbar ebenso gespart wie an einem guten Übersetzer. Infolgedessen radebrechen sich die Figuren nun in heiliger Angestrengtheit, die korrekten Töne zu treffen, emotionslos durch stocksteife Dialogzeilen, was die Darsteller schlechter wirken lässt, als sie es wohl eigentlich sind. Eine anständige Synchronfassung hätte hier wohl Abhilfe schaffen können. Das Problem: Es gibt keine (Gut, jedenfalls keine deutschsprachige. Zumindest die Franzosen haben sich eine gegönnt).

NOTWEHR mit Ladehemmung! Inhaltlich zerfahren und ohne rechtes Konzept von Station zu Station stolpernd, kann man zumindest konzedieren, dass man sich nicht der Verbreitung von Langeweile schuldig gemacht hat. Ereignislos ist das alles nämlich nicht, Leerlauf macht sich rar und auch die Optik ist insgesamt hochwertig. Dennoch ist das alles nur gekonnte Routine, keine gelebte Leidenschaft. Und wenn dann irgendwann der Abspann rollt, denkt man ernüchtert und sogar ein wenig wehmütig zurück an die verheißungsvolle Eingangssequenz. Und an die ersten Worte, die in MANHUNT gewechselt wurden: Früher, da waren die Filme einfach viel, viel besser.

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: ungeprüft

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