Mittwoch, 4. Februar 2015

JOHN WICK

[USA/KAN/CHI][2014]

Regie: David Leitch, Chad Stahelski
Darsteller: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe, Dean Winters, Adrianne Palicki, John Leguizamo, Ian McShane, Daniel Bernhardt, Bridget Moynahan


John Wick [Keanu Reeves] scheint ein eher durchschnittlicher Typ zu sein. An einer Tankstelle bewundert der Kleinkriminelle Iosef [Alfie Allen] dessen Auto und möchte es kaufen. John weigert sich. Das kann der arrogante Bandenchef nicht auf sich sitzen lassen: Zusammen mit seinen beiden Kumpanen bricht er des nachts in Johns Wohnung ein, schlägt ihn zusammen, klaut sein Auto – und tötet dessen Hund. Das war ein Fehler: Einst war Wick einer der besten Auftragskiller überhaupt. Nach seiner Hochzeit setzte er sich zur Ruhe. Der Hund war das einzige, was John Wick noch von seiner verstorbenen Frau geblieben war. Nun erwacht sein Tötungsinstinkt von Neuem. Sein Ziel: Rache an Iosef, dem Mörder seines Hundes. Doch Iosef ist der Sohn seines ehemaligen Auftraggebers Viggo [Michael Nyqvist], dem Anführer des russischen Syndikats. Dieser hetzt seine Männer auf John. Das Töten beginnt.

Die Leute fragen mich ständig, ob ich wieder zurück bin. Ich wusste nie, was ich darauf antworten sollte“, beschwert sich die Hauptfigur JOHN WICKs an einer Stelle und fügt schließlich, nur wenige Augenblicke vor seinem nächsten Massaker, hinzu: „Ja, ich glaube, ich bin es.“

In diesem Moment ist nicht ganz klar, wer hier eigentlich genau spricht: Ist es tatsächlich John Wick, der titelgebende Profikiller, der auf seinem ausufernden Rundum-Rachefeldzug alles wegrotzt, was nicht bei Drei auf dem Baum hockt? Oder ist es gar der einstige Superstar Keanu Reeves, der diesen verkörpert und der nach seinen Kassenschlagern SPEED und MATRIX jahrelang vom Erfolgsfenster verschwunden war? Dessen Asien-Ausflüge 47 RONIN und MAN OF TAI CHI zwar ungemein sympathisch waren, aber dennoch keinen müden Cent verdienten? Und der mit JOHN WICK zeigen wollte, dass er trotz 50 (quasi unsichtbaren) Jahren auf dem Buckel noch längst nicht zum alten Eisen gehörte?

So ganz genau lässt sich das gar nicht sagen, verschmelzen beide Figuren doch quasi zu einer Einheit: Reeves gibt den abgebrühten Superkiller dermaßen souverän, als hätte er nie zuvor etwas anderes gespielt. Nicht eine Sekunde zweifelt man daran, es hier tatsächlich mit einer eiskalten Mordmaschine zu tun zu haben, die, wurde sie erst einmal aktiviert, nichts und niemand mehr stoppen kann. Da stört es auch gar nicht allzu sehr, dass eigentlich nicht so wirklich ersichtlich ist, worin genau denn nun eigentlich seine großartige Überlegenheit besteht, die seine Kontrahenten so fürchterlich mit den Knien schlottern lässt: John Wick ballert auch nicht mehr oder gar koordinierter durch die Gegend als seine Heerscharen an Gegnern es tun. Er trifft nur einfach öfter und seine Feinde sind am Ende deutlich toter als er. Schon allein deswegen wirkt John Wick häufiger wie ein moderner Westernheld, dessen Kugeln schon allein aus Prinzip ihr anvisiertes Ziel genau zwischen die Augen treffen.

Die papierdünne Handlung vom ehemaligen Meistermeuchler gönnt sich einen zurückhaltenden Alibieinsteig, der diesen zunächst als trauernden Witwer, dann als unscheinbaren Durchschnittstypen mit geregelt-gelangweiltem Tagesablauf zeigt. Diese zwar nicht originelle, doch sorgfältig entwickelte Exposition endet mit der ebenso absehbaren wie von Actionfreunden fast schon sehnsüchtig erwarteten Ermordung seines Hundes – der letzten Hinterlassenschaft seiner verstorbenen Ehefrau, die für ihn einst Grund dafür war, das blutige Geschäft an den Nagel zu hängen. Aus Drehbuchsicht nur logisch, dass dieses Ereignis postwendend wieder den Tötungsschalter umlegt: John Wick hackt das Fundament seines Hauses in Stücke, befreit das dort schlummernde Waffenarsenal und beginnt einen präzise durchorganisierten Rachefeldzug. Kaum eine Minute vergeht, ohne dass Wick seine Gegner gleich im Dutzend zur Strecke bringt, ihnen die Knochen bricht oder den Schädel sprengt. Dabei wird dieser fast zur mystischen Figur stilisiert, zu einem Orkan der Rache, der mit brachialer Gewalt über seine ohnmächtigen Feinde kommt.

Die daraus resultierenden Dauermassaker sind quasi die Definition von Rasanz und Stringenz: John Wick springt, schlägt, sticht und schießt in einem Affenzahn und in konzentrierter Choreographie, sämtliches Mobiliar geht zu Bruch, wahre Leichenberge türmen sich auf. Jede Sympathie ruht dabei von Anfang an nur auf ihm, seine Gegner werden wenig ambivalent als reichlich klischeebehaftete Russenmafia-Bagage skizziert, deren zahlreiches Ableben nun nicht wirklich Mitgefühl verursacht. Mit etwas bösem Willen könnte man JOHN WICK das durchaus zum Vorwurf machen: Die Formelhaftigkeit, mit der Figuren und Handlung zum Leben erweckt wurden, ist von fast schon kapitulierender Banalität, alles gehorcht in minutiöser Verhersehbarkeit bewährten Schablonen, die Zutaten scheinen bereits mehrere Jahrhunderte alt. Doch als Unterbau und Rechtfertigung für das graziös inszenierte Dauerfeuer erfüllt das Konzept voll und ganz seinen Zweck.

Hin und wieder wird das grundsätzlich düster gezeichnete Geschehen von leichten Anflügen schrägen Humors unterwandert, in den JOHN WICK zwar bisweilen ein wenig zu sehr selbst verliebt zu sein scheint, welcher jedoch dezent im Hintergrund bleibt: So steigt die Titelfigur in einem Luxushotel ab, das allein der Residenz von Profikillern dient. Hier gilt unbedingtes Tötungsverbot, Behandlung von Schussverletzungen gibt’s inklusive, bezahlt wird mit exklusiv zu diesem Zwecke gefertigten Goldmünzen. Und an anderer Stelle klingelt ein Polizist an Wicks Haustür, da sich die Nachbarn über Ruhestörung beklagt haben, bemerkt aufgrund der in der Wohnung liegenden zerschossenen Leiber, dass Wick in seinen Job als Killer zurückgekehrt ist, und verschwindet wieder, nicht ohne noch einen freundlichen Gruß zu hinterlassen. In solchen Momenten präsentiert JOHN WICK eine Art Paralleluniversum, das zwar absurd anmutet, jedoch gleichzeitig auch an der Realität angelehnt ist: Die Killer leben nach ihren eigenen Regeln, nach fremden Kodizes, in einer unnahbaren, fernen Welt, die sie in natürlicher Selbstverständlichkeit bewohnen, völlig losgelöst und somit unantastbar von Recht und Gesetz.

Die Besetzung ist frei von Tadel: Keanu Reeves, mit Ausnahme anfänglicher Gefühlswallungen stets über den Dingen zu schweben scheinend, definiert die Darstellung des Auftragskillers zwar nicht neu wie Chow Yun-Fat [→ THE KILLER] oder Charles Bronson [→ KALTER HAUCH], legt aber in lässigster Selbstverständlichkeit eine so überzeugende Leistung hin, dass seine bisherigen Rollen lediglich wie Übungen für JOHN WICK wirken. Alfie Allen als missratener Mafiasohn wiederholt seine Unsympathrolle aus dem Fernsehhit GAME OF THRONES, Michael Nyqvist [→ VERBLENDUNG] gibt dazu souverän den Verbrecherkönig, der im Angesicht Wicks stets versucht, Fassung zu bewahren, insgeheim aber weiß, dass er gegen dessen Übermacht keine Chance hat. Willem Dafoe [→ WILD AT HEART] spielt als John Wicks zwielichtiger Kollege zwar etwas sehr auf Autopilot, stiftet aufgrund seiner Undurchsichtigkeit jedoch ein wenig zusätzliche Verwirrung. Dass man für Wicks verblichene Gattin mit Bridget Moynahan [→ DER ANSCHLAG] ein gar nicht so unbekanntes Hollywood-Gesicht engagierte, nimmt hingegen etwas Wunder, spielt diese doch so gut wie gar keine Rolle und hätte auch von Hella von Sinnen verkörpert werden können, ohne dass dieses großartig aufgefallen wäre.

Bisweilen mutet JOHN WICK ein wenig wie die Verfilmung eines brutalen PC-Ballerspiels an, was von den Machern dadurch karikiert wird, dass sich eine von Wicks Zielpersonen in ihrem Versteck mit einem eben solchen die Zeit vertreibt (dass aus den Austrittswunden von Wicks Opfern deutlich als solches zu erkennendes Pixelblut spritzt, ist hingegen vermutlich ein eher unfreiwilliges Zitat). Die Narration verdient keine Originalitätspunkte, die Entwicklung ist vorhersehbar bis zur letzten Patrone und bemüht gegen Ende gar eine Vielzahl retardierender Momente, die im Prinzip gar nicht Not getan hätten: Ein gut 15 Minuten früher einsetzender Abspann hätte JOHN WICK gewiss nicht geschadet. Auch eine wirkliche Klimax ist nicht zu erkennen, die Schusswechsel und Zweikämpfe bleiben stets gleich, ohne dass das Finale noch einmal großartig einen draufsetzen könnte. Doch die Kritikpunkte verschwinden mehrheitlich im Kugelhagel. Am Ende bleibt ein straffes, konsequent durchgeführtes Actionbrett, das keine Gefangenen macht und vor allem eines beweist: Keanu Reeves ist zurück.

Laufzeit: 101 Min.

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