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Donnerstag, 2. Mai 2024

1911 - REVOLUTION


XIN HAI GE MING
China 2011

Regie:
Zhang Li

Darsteller:
Jackie Chan,
Winston Chao,
Li Bingbing,
Sun Chun,
Joan Chen,
Jiang Wu,
Jaycee Chan,
Hu Ge



Inhalt:

1911: Die Qing-Dynastie beherrscht China seit gut 250 Jahren. Das ist genug, finden ein paar Aufständische und gehen in den Widerstand. Nachdem Kaiserwitwe Cixi [Joan Chen] bereits mehrere Rebellionen erfolgreich niederschlagen konnte, scheint sich das Blatt nun zu wenden: Der Hof liegt finanziell wie moralisch am Boden und das Revolutionsbündnis um Huang Xin [Jackie Chan] und den Chirugen Sun Yat-sen [Winston Chao] erhält immer mehr Rückhalt aus der Bevölkerung. Als sich überraschenderweise auch die Armee Wuchangs auf ihre Seite schlägt, rückt der Traum vom Sturz der Monarchie plötzlich in greifbare Nähe.

Kritik:

Wer Nachholbedarf in Sachen Chinesische Geschichte verspürt, der sollte sich in der nächstgelegenen Stadtbibliothek um ein gutes Buch bemühen. Keinesfalls jedoch sollte er stattdessen zu 1911 greifen. In diesem aufwändig gestalteten Historienfilm mögen zwar die Eckdaten stimmen. Doch ist die Aufklärungsattitüde lediglich vorgeschoben. Recht schnell bewahrheitet sich nämlich, was im Vorfeld schon zu erahnen war: 1911 ist primär ein prominent besetztes Propagandastück, das ein (natürlich parteigestütztes) Hohelied auf die ach so herrliche Nation China anstimmt. „Prominent besetzt“ bezieht sich dabei freilich auf Jackie Chan, einer der wenigen wirklichen Weltstars, die China je hatte. Einst durch komödiantische Kung-Fu-Kapriolen berühmt geworden, fand er im Alter nicht mehr zu alter Stärke, was ja per se keine Schande ist. Dass er seinem guten Ruf nachhaltigen Schaden zufügte, indem er sich als regimetreuer Repräsentant zum Erfüllungsgehilfen eines menschenverachtenden Systems machte, wiegt hingegen schon deutlich schwerer. Da passt es natürlich, dass 1911 ihn als aufrechten Revolutionshelden porträtiert, der zwecks Installierung einer „richtigen“ Regierung ruhmreich gegen den korrupten Kaiserhof zu Felde zieht.

Eine Hauptrolle ist das, anders als vom Marketing postuliert, allerdings nicht. Chans Charakter Huang Xin (der übrigens – wie viele andere Figuren hier – tatsächlich existierte) hat insgesamt nur wenige Auftritte, was hauptsächlich der eigenwilligen Dramaturgie des Werkes geschuldet ist. 1911 handelt zwar von Geschichte, erzählt aber nicht wirklich eine. Statt Protagonisten agieren hier Stichwortgeber und anstatt eine Story zu erzählen, springt man im nüchternen Doku-Duktus von Dialog zu Dialog, Schauplatz zu Schauplatz und Ereignis zu Ereignis und verweilt dabei nur selten längere Zeit an einem Ort. Dem Beitrag eines Historien-Senders gleich hakt man so die einzelnen Stationen ab und ignoriert dabei bewusst das gängige Regelwerk kinokonformen Erzählens, was natürlich den Eindruck von Seriosität erwecken soll. Allerdings wird gerade dieses Anliegen durch teils wirklich plumpe Manipulationsversuche wieder untergraben. Denn der Feind des chinesischen Volkes, so die Quintessenz, ist der Ausländer. Frei ist das Land nur, wenn es autark ist vom Rest der Welt, der stets nur Unterjochung und Ausbeutung im Sinn hat. In einer besonders grotesken Episode besucht der von Winston Chao [→ THE TOUCH] enorm weltmännisch verkörperte Revolutionsführer Sun Yat-sen (gleichfalls eine historische Figur) eine Zusammenkunft fremder Nationen, deren Teilnehmer fett und vollgefressen am dekadent gedeckten Tisch hocken und bereits darüber beratschlagen, wie man China unter sich aufteilen werde. Sun veranschaulicht der versammelten Mannschaft dann die Situation seines Heimatlandes anhand eines Lammbratens, was tatsächlich noch alberner ist als es klingt.

Entsprechend wird man auch nicht müde, die Monarchie als inkompetent und verkrustet darzustellen, wenn der Hof, längst an der Schwelle zum Ruin und mit einer Kaiserin an der Spitze, die mehr als nur offensichtlich einen kleinen Piepmatz mit sich spazieren trägt, die Eisenbahn (eine der großen technischen Errungenschaften der Nation) an schmierige Langnasen zu verscherbeln gedenkt. Ehern und aufrichtig ist dann am Ende tatsächlich nur das geknechtete chinesische Volk, das sich nichts sehnlicher wünscht als die Ausrufung der ersten Republik, was als Universal-Lösung aller Sorgen und Nöte unwidersprochen bleibt. Dementsprechend wurden auch Ambivalenzen keinerlei Platz eingeräumt; die Revolutionäre stehen unmissverständlich auf der rechten Seite, argumentieren und handeln stets moralisch vollkommen korrekt (so sehr, dass man Flüchtigen auch schon mal in den Rücken schießen darf, der Zweck heiligt schließlich die Mittel). Und da hier natürlich auch wirklich niemand mal zwischenzeitlich mit sich selbst oder der Idee hadert, wirkt die Truppe entsprechend unnahbar und langweilig.

Dass in der Realität wenig überraschend nicht immer alle an einem Strang zogen und es zwischen Huang Xin und Sun Yat-sen, hier stets ein Herz und eine Seele, sogar zum Zerwürfnis kam, dafür war im Skript natürlich kein Platz mehr. Das hätte auch so gar nicht ins schöne Märchen der alle Widerstände überwindenden Einheit gepasst. Nun sind dramaturgische Anpassungen wie diese natürlich nicht das Problem von 1911 (zumal sich das Werk damit ja in guter Gesellschaft befindet). Das eigentlich Perfide an der ganzen Sache ist die Suggerierung, das Volk habe damals den hier propagierten Zustand von Glück, Freiheit und Demokratie tatsächlich erreicht, was wohl kaum in größerem Widerspruch zu den bei Produktionsbeginn vorherrschenden Verhältnissen stehen könnte (Gut, die Republik China ging in Taiwan auf, aber dessen Eigenständigkeit wurde man des Negierens nie müde). Der klebrige Pathos, der sich im Finale zu ungeahnten Höhen aufschwingt und sich verpflichtet fühlt, die Großartigkeit der Nation immer und immer wieder zu betonen, versetzt dem Ganzen schließlich den Todesstoß und lässt selbst den kompromissbereitesten Betrachter das Handtuch werfen.

1911 kann zwar Punkte sammeln durch seinen sichtbaren Aufwand in Sachen Ausstattung, versagt aber am Ende sowohl als Geschichtsstunde als auch als Unterhaltungs-Programm auf ganzer Linie. Dass so etwas auch anders geht, beweist z. B. BODYGUARDS AND ASSASSINS, der sich ebenfalls mit der Figur Sun Yat-sen befasst. Der verbreitet zwar teils ähnlich zweifelhafte Botschaften (wie die auch hier lancierte Idee, dass der Wert des Individuums weniger wiegt als das große Ziel des Kollektivs), ist dabei aber immerhin ein packendes Stück Kino. 1911 hingegen eiert orientierungslos herum und schafft es nie, auch nur einen seiner Charaktere nahbar werden zu lassen. Ohne Jackie Chan als Zugpferd – und das wussten die Macher natürlich – hätte der pappige Propagandaschinken wohl kaum eine Chance auf eine Veröffentlichung außerhalb Chinas gehabt. Dieser verspielt hier allerdings nicht nur endgültig seinen Sympathiebonus, sondern ist zudem als Kopfschüsse verteilender Revolutionsführer auch völlig fehlbesetzt (dass man ihm der alten Zeiten wegen auch eine kurze Alibi-Kampfszene ins Skript mogelte, kann daran nichts ändern). Dass 1911 sein Publikum schließlich mit einem wirklich grauenhaften Song wieder in die Freiheit entlässt, ist somit am Ende das einzige ehrliche Statement. Auf zur Stadtbibliothek!

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 11. November 2023

SEVEN ASSASSINS - IRON CLOUD'S REVENGE


KWONG FAI SHUI YUE
China 2013

Regie:
Xiong Xin-Xin

Darsteller:
Eric Tsang,
Felix Wong,
Gigi Leung,
Ray Lui,
Ni Hongjie,
Michael Wong,
Xiong Xin-Xin,
Simon Yam



Nach Ende des Ersten Japanisch-Chinesischen Krieges (August 1894 bis April 1895) fürchteten sich die Dorfbewohner Nordchinas vor einem zu starken Einfluss ausländischer Interessen. Als mehrere Naturkatastrophen das Land zusätzlich beutelten, machten viele (natürlich wider jeder Logik) westliche Mächte für das Unglück verantwortlich. Infolgedessen begannen sogenannte „Boxer“ (sprich: Kampfkunstkundige) aufzubegehren, indem sie ausländisches Eigentum zerstörten und (leider) auch Menschen töteten. Sogar die Kaiserin begann schließlich, die Rebellion zu unterstützen, die später als „Boxer-Aufstand“ in die Geschichtsbücher eingetragen wurde. Nach ersten Teilerfolgen unterlagen die Aufständischen schließlich der ausländischen Allianz, was die ohnehin bereits angeschlagene Qing-Dynastie weiter schwächte. In der Aufarbeitung wurden die Boxer von Gelehrten zunächst eher negativ rezipiert, beklagt wurden vor allem Rückständigkeit, Naivität und Aberglaube. So waren z. B. viele Kämpfer davon überzeugt, chinesische Körper seien unempfindlich gegen ausländische Gewehrkugeln. Dummerweise konnten die meisten dann hinterher nicht mehr von ihrem Irrtum berichten. Im Laufe der Zeit jedoch wurden die Umstürzler vor allem in der künstlerischen Darstellung mehr und mehr glorifiziert und als erstes großes Bollwerk gegen den Imperialismus gefeiert.

In dieser turbulenten Zeit spielt auch SEVEN ASSASSINS, ein Hybrid aus Historienschinken und Comic-Strip mit einem beachtlichen Aufgebot an Altstars des Hongkong-Kinos.

Inhalt:

China zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Das einstmals stolze Kaiserreich ist zerrissen zwischen Tradition und Revolution; gewaltsame Unruhen beherrschen das Land. Einer der Rebellenführer ist Tie Yun [Felix Wong], der mit einer großen Menge Gold durch das Reich zieht, das der Rekrutierung neuer Streitkräfte dienen soll. Klar, dass das nicht gut geht: Kaiserliche Soldaten überfallen den Transport. Tie kann lediglich sein Leben retten und flüchtet in eine „Das goldene Tal“ genannte Kommune, die es bisher geschafft hat, friedlich und abseits aller Konflikte weiterleben zu können. In ihrem Anführer Boss Mao [Eric Tsang] findet Tie schnell einen neuen Freund und Seelenverwandten. Als die Armee das Dorf überfällt und einen Teil der Gemeinschaft kaltblütig massakriert, erwacht der Kampfgeist und die Überlebenden verbünden sich mit dem Revolutionär.

Kritik:

Das verspricht fraglos jede Menge Spannung, Action und Abenteuer. Doch SEVEN ASSASSINS kann die an das Sujet geknüpften Erwartungen am Ende kaum einlösen. Dabei sind die Voraussetzungen hervorragend: ein packender historischer Hintergrund, eine ansprechende Ausstattung, viele gern gesehene Gesichter und an den Hebeln Verantwortliche, die ihr Handwerk durchaus verstehen. Doch viel zu behäbig kommt die Erzählung daher, der es vor allem an der nötigen Dramatik fehlt. Die Fallhöhe der zahlreichen Figuren wird nie so recht deutlich, zumal sie einem bis zum Schluss überwiegend unnahbar bleiben und keine rechte Verbundenheit hervorrufen können. Sogar Eric Tsang [→ SHAOLIN BASKETBALL HERO], der eigentlich ein großartiger Schauspieler ist und hier als schwerpunktmäßiger Sympathieträger fungieren soll, kommt ungewohnt langweilig und leidenschaftslos daher – was vor allem deswegen überrascht, weil er zusätzlich als Produzent hinter dem Projekt stand. Mancherorts wird ihm sogar anteilig die Regie zugeschanzt, aber das scheint schlichtweg ein Fehler zu sein. Die Inszenierung übernahm der überwiegend als Darsteller, Kampfkünstler und Choreograph bekannte Xiong Xin-Xin [→ KILL FIGHTER], der hier ebenfalls als Dorfbewohner zu sehen ist und in einer pseudotiefsinnigen Dialog-Szene versuchen darf, seiner Rolle Profil zu verleihen.

Womöglich lag es an seiner Unerfahrenheit in Sachen ganzheitlicher Spielleitung, dass das Werk über weite Strecken so dröge geriet. Selbstverständlich reißt auch das Drehbuch keine Bäume aus und bietet inhaltlich kaum etwas Neues. Aber der Freiheitskampf einer friedlebenden Dorfgemeinschaft verspricht prinzipiell Aufregung, selbst, wenn die zu Grunde liegenden Mechanismen im Kino bereits mehrfach durchexerziert wurden. SEVEN ASSASSINS (ein Titel, der gewiss nicht zufällig Assoziationen zu DIE SIEBEN SAMURAI oder dessen Neuausrichtung DIE GLORREICHEN SIEBEN erweckt) wirkt allerdings gar nicht wie für die Leinwand konzipiert und erweckt vielmehr den Eindruck einer zwar engagierten, aber nichtsdestotrotz in Sachen Mitteln und Möglichkeiten zurückgeschraubten Fernseh-Produktion. Epische Breite will sich partout nicht einstellen und oftmals entsteht ein eher theaterhafter Eindruck - zumal es auch an variantenreichen Schauplätzen mangelt und wiederholt die altbekannte Dorfkulisse bemüht wird. Dafür sind die Action-Szenen prinzipiell gut gelungen, wobei vor allem das Finale tüchtig Versäumnisse nachholt. Zu dieser Epoche neuartige Waffen wie Pistolen oder Maschinengewehre sorgen für triftig Trommelfeuer, während das gute, alte Schießpulver für zusätzliche Lärmbelästigung inklusive Rauch und Feuer sorgen darf. Und natürlich fliegen neben Kugeln und Funken auch fleißig Faust und Fuß, um dem Gegner additional auf klassische Weise einzuheizen.

Realistisch ist das freilich kein Stück. SEVEN ASSASSINS wirkt in solchen Momenten wie ein überzogener Action-Comic - wozu auch der Look der von Ni Hongjie [→ SILENT WITNESS] verkörperten Schurkin beiträgt, die als attraktive Assassine im Aussehen zwischen Django und Domina direkt einem Manga entlaufen scheint. Stilistisch beißt sich das schon arg mit dem Rest der Darbietung, der einen eher geerdeten und nüchternen Ansatz verfolgt. Dabei ist es gerade dieses kleine Quäntchen Verrücktheit, das man sich gern häufiger gewünscht hätte, etwas mehr Mut, auch mal über die Stränge zu schlagen und den Wutz von der Kette zu lassen. So bleibt dem Genre-Fan als Primärantrieb zum Fahrscheinkauf das illustre Star-Ensemble, gelang es den Produzenten doch, eine ansehnliche Runde altgedienter Recken zusammenzutrommeln. Während Felix Wong [→ VENGEANCE], der als Rebellenführer die eigentliche Hauptrolle bekleidet, eher zur unbekannteren Garde gehört, kann man in einer kleinen, aber feinen Nebenrolle als Gouverneur Ti Lung erspähen, einst mit Epen wie DIE BLUTSBRÜDER DES GELBEN DRACHEN (1973) einer der größten Action-Helden Asiens. Michael Wong, der dank kerniger Cop-Reißer wie FINAL OPTION (1993) wohl ewig mit der Figur des harten, doch herzlichen Ausbilders verbunden bleiben wird, sieht man hier ungewohnterweise als das Gespräch suchenden Geistlichen. Weitere Gastauftritte absolvieren unter anderem Waise Lee [→ BULLET IN THE HEAD], Dick Wei [→ EASTERN CONDORS] sowie der vor allem aus Polizei- und Gangsterfilmen bekannte Simon Yam [→ DRAGON KILLER].

Summa summarum bleibt SEVEN ASSASSINS hinter seinen Möglichkeiten zurück. Leider passt sich auch die deutsche Nachvertonung der allgemein vorherrschenden Trägheit an und bietet neben einer miesen Abmischung meist unterdurchschnittliche Sprecherleistungen, vor allem bei den kleineren Rollen (Talsohle bildet dabei der Sprecher Simon Yams, der so heiser klingt, dass man ihm direkt nen Kamillentee aufbrühen möchte). Dabei ist GLORY DAYS (wie er manchmal auch deutlich weniger martialisch, dafür romantisch verklärt genannt wird) auch kein Totalausfall, bietet gediegenen, solide dahinplätschernden Zeitvertreib, der seine Stärken gegen Ende richtig ausspielt und damit einigen zwischenzeitlichen Leerlauf wieder wettmachen kann. Wer nur die Höhepunkte historischer Action-Unterhaltung mitnehmen möchte, darf diesen Beitrag dennoch gern überspringen, ohne sich dafür ein schlechtes Gewissen aufbürden zu müssen.

Laufzeit: 99 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 23. Januar 2017

LAUF UM DEIN LEBEN


CORRI, UOMO, CORRI
Italien, Frankreich 1968

Regie:
Sergio Sollima

Darsteller:
Tomas Milian,
Donald O'Brien,
John Ireland,
Linda Veras,
Marco Guglielmi,
José Torres,
Luciano Rossi,
Nello Pazzafini



„Bring sie um! Mit Herz und Gefühl von mir aus. Aber möglichst viele!“


Inhalt:

Als der sympathische Tagedieb Cuchillo [Tomas Milian] nach einer nervenzehrenden Hatz durch die Sierra Nevada nach Hause zurückkehrt, hat er gleich schon wieder Pech und landet erneut schuldlos hinter Gittern. Dort trifft er den Revolutionsführer Ramirez [José Torres], der ihn bittet, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. 100 Dollar winken dafür als Belohnung. Das lässt sich Cuchillo natürlich nicht zweimal sagen, und tatsächlich gelingt den Beiden trickreich die Flucht. Im Lager der Revolutionäre allerdings wartet schon der Bandit Riza [Nello Pazzafini] auf die Männer. Er ist auf das Gold scharf, das Ramirez zur Finanzierung der Revolution gegen den Diktator Diaz an einem geheimen Ort bunkerte. Es kommt zu einem Gefecht, in dem Ramirez getötet wird. Vorher jedoch überreicht er Cuchillo noch einen Zeitungsartikel, der Hinweise auf das Versteck enthält, und bittet ihn, das Gold vor den anderen Parteien in Sicherheit zu bringen. Und schon befindet sich Cuchillo wieder auf der Flucht, denn neben dem Banditen Riza sind nun auch noch der geheimnisvolle Ex-Sheriff Cassidy [Donald O'Brien] sowie die beiden französischen Killer Savigny [Marco Guglielmi] und Jean-Paul [Luciano Rossi] hinter ihm her.

Kritik:

In der überaus erklecklichen Masse an Italo-Western, die ab Mitte der 60er Jahre die Lichtspielhäuser befiel, befand sich fraglos auch jede Menge Mist und Mittelmaß. Brachte das Genre hingegen Höhepunkte hervor, dann waren es nicht selten absolute Hochkaräter, die Kritiker und Konsumenten gleichermaßen in die Hände klatschen ließen. Zu den besagten Glanzlichtern zählen ohne jede Frage die Beiträge von Regisseur Sergio Sollima, der mit DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE [1966] und VON ANGESICHT ZU ANGESICHT [1967] zwei überragende Abenteuerepen schuf und dabei seiner Fabulierlust freien Lauf ließ. Bevor Sollima sich von den Revolverhelden abwandte, um stattdessen Killer und Piraten auf die Leinwand loszulassen, sollte der 1968 auf den Weg gebrachte LAUF UM DEIN LEBEN die Wildwest-Trilogie komplettieren. Zu diesem Zwecke griff er die Figur des Cuchillo wieder auf, der zwei Jahre zuvor von Lee van Cleef durch die Sierra Madre gehetzt wurde, und kreierte eine Handvoll neuer Herausforderungen für den herzlichen Halunken, der natürlich abermals in Gestalt seines Spezis Tomas Milian auftritt. Dieser mauschelt sich auch in der Fortsetzung des Kassenerfolgs in gewohnter Spitzbübigkeit durch das Geschehen und entkommt mal mit Glück, mal mit Verstand, überwiegend aber mit geschicktem Messerwurf jeder noch so lebensbedrohlichen Bredouille. Das macht zwar überwiegend Laune, die Klasse des grandiosen Vorgängers allerdings wird dabei dennoch nicht erreicht.

Die Gründe dafür sind gar nicht mal so einfach zu eruieren. Immerhin bietet Sollima auch hier wieder die volle Bandbreite an großen Panoramen, fetzigem Posaunenklang und revolutionärem Pulverdampf. Woran es hingegen mangelt, ist die erzählerische Dichte, welche die Vorgeschichte noch so ungemein packend werden ließ. LAUF UM DEIN LEBEN zerfällt dafür in mehrere Einzel-Episoden, die zwar stets durch die (fast schon obligatorische) Goldschatz-Hatz brauchbar zusammengekittet werden, auf Dauer aber ein wenig beliebig ums Eck kommen. Zudem fehlt es dieses Mal entschieden an einem kompetenten Kontrahenten. Milian spielt richtig gut, keine Frage, aber wirklich zur Geltung kommt sein Spiel eigentlich immer erst dann, wenn er es gegen einen würdigen Nebenbuhler einsetzen kann – eben einen wie den von Lee van Cleef verkörperten Kopfgeldjäger Jonathan Corbett, der ihn zwei Jahre zuvor noch durch die Berge scheuchen durfte. Hier heftete man Cuchillo zwar gleich einen ganzen Trupp an zwielichtigem Personal auf die Fersen, wirklich ernsthafte Konkurrenz ist für ihn allerdings nicht dabei. Nello Pazzifini [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU] als grobschlächtiger Bandit Riza erscheint als Klischee-Schurke von der Stange nicht wirklich gefährlich, und die beiden französischen Killer Jean-Paul [Luciano Rossi (→ DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE)] und Michel [Marco Guglielmi (→ DER TEPPICH DES GRAUENS)] treten viel zu selten in Erscheinung, als das sie als ernstzunehmende Gegner gelten dürften. Am ehesten anfreunden kann man sich daher noch mit dem geheimnisvollen Ex-Gesetzeshüter Cassidy [Donald O'Brien (→ KEOMA)], der Cuchillo immer wieder mal über den Weg läuft und ihm auch einige Male (nämlich immer genau dann, wenn dem Drehbuch absolut nichts Besseres mehr einfällt) den mexikanischen Hintern retten darf.

Zudem geriet LAUF UM DEIN LEBEN insgesamt ein bisschen zu verspielt. Zwar besaß auch der Vorgänger eine nicht zu leugnende humorige Note, so leichtfüßig wie hier ging es nun allerdings auch wieder nicht zu. Wie sehr Scherz und Schrecken hier Hand in Hand gehen, verdeutlicht bereits eine Szene zu Beginn, als Cuchillo erst etwas Essbares aus einem Haus stibitzt, gemütlich kauend vor die Türe tritt, plötzlich bemerkt, dass er mitten in eine Exekution geplatzt ist und infolgedessen schleunigst die Beine in die Hand nimmt. Auch im weiteren Verlauf wird der amüsierte Grundton beibehalten. Nach Ankunft bei seiner Geliebten fängt sich Cuchillo erst einmal eine saftige Ohrfeige, bevor er verspricht, ihr ein schönes Begrüßungsgeschenk zu machen (das er allerdings erst noch stehlen muss). Und als der wegen seiner Erfolgsquote beim Messern von allen nur „Stechmücke“ genannte Tunichtgut seine Waffen ablegen soll, um gesiebte Luft atmen zu dürfen, gehen den Beamten angesichts der Fülle der zu Tage geförderten Klingen fast die Augen über. Selbst das Foltern verkommt hier zur launigen Schelmerei, wenn Cuchillo an einen Windmühlenflügel gefesselt ein paar unfreiwillige Runden drehen darf und immer, wenn er unten angekommen ist, gleich auch noch eine Schelle verpasst bekommt. Hin und wieder blitzen zwar mal leise Kapitalismuskritik oder sanfter Tadel an Staatswillkür und Machtmissbrauch auf (Geld und Gold verderben auch hier den Charakter, und die Beamten sind erneut inkompetent und korrupt), insgesamt jedoch beugen sich politische Stellungnahmen dieses Mal brav dem Spaß an der Freud.

Aber das ist ja auch gar nicht schlimm, denn Cuchillos zweite Hatz unterhält auch jenseits jeder Botschaft ganz und gar prächtig. Für zusätzliche Komik (und etwas sexy Salz in der Suppe) sorgen die beiden weiblichen Sidekicks, die zwar zugegebenermaßen ein wenig frauenfeindlich gezeichnet wurden, was aber bei der ganzen permanenten Augenzwinkerei nun nicht wirklich negativ ins Gewicht fällt. Als heißblütige Dolores sieht man Chelo Alonso [→ ZWEI GLORREICHE HALUNKEN], die Cuchillo um jeden Preis ehelichen möchte, ihm aber zwischen ihren Liebesschwüren eine Maulschelle nach der nächsten verabreicht und in bester Sadomaso-Manier erst dann wieder gefügig wird, wenn dieser gepflegt zurückscheuert. An ihrer Seite erlebt man Linda Veras [→ SABATA] als strenggläubige Heilsarmee-Angehörige Penny, die Cuchillo quasi vom Wegesrand weg als neuen Assistenten engagiert (den alten verscharrte sie bei ihrer ersten Begegnung gerade im Sand) und aufgrund ihrer übertriebenen Prüderie und Naivität einige Lacher einheimsen kann.

LAUF UM DEIN LEBEN endet nach einem wunderbaren Showdown mit reichlich Schuss- und Stichwaffengebrauch mit einem wohlvertrauten Bild: Cuchillo ist frei, aber wieder auf der Flucht. Offenbar hielt man sich die Option für ein weiteres Abenteuer offen. Dass es nie dazu kam, bietet durchaus Anlass zum Bedauern. Denn auch, wenn Cuchillos zweiter Auftritt hinter seinem Debüt zurückstecken muss und die Regie Sollimas hier deutlich weniger ambitioniert daherkommt, so bleibt die ganze Angelegenheit doch eine überaus gelungene Veranstaltung mit Pfiff, Schliff und gern gesehenen Genre-Gesichtern. Kein Grund zum Weglaufen!

Laufzeit: 115 Min. / Freigabe: ab 12

Samstag, 20. September 2014

TÖTE, AMIGO


¿QUIEN SABE?
Italien 1967

Regie:
Damiano Damiani

Darsteller:
Gian Maria Volonté,
Lou Castel,
Klaus Kinski,
Martine Beswick,
Andrea Checchi,
Spartaco Conversi,
Jaime Fernández,
Joaquín Parra



„Gefällt es dir in Mexiko?“ - „Überhaupt nicht.“


Inhalt:

Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Revolution ist in vollem Gange. Das Volk lehnt sich mit blutigen Mitteln gegen die Staatsmacht auf. Einer der gefürchtetsten Aufständischen ist El Chuncho [Gian Maria Volenté], der überall für seine Grausamkeit berüchtigt ist. Als er und seine Bande einen Waffentransport der mexikanischen Armee überfallen, erhält er unerwartet Hilfe von dem sich an Bord des Zuges befindlichen Amerikaner Ben Tate [Lou Castel]. Trotz seiner Jugend und seines feinen Outfits wird er in die Bande aufgenommen, nachdem er verspricht, die Aufständischen zu unterstützen, obwohl er von Anfang an deutlich macht, dass es ihm lediglich um das dabei zu erntende Geld geht. Die nun folgende Reise wird zu einer Probe für die Ideale aller Parteien.

Kritik:

Western sind nun nicht unbedingt das, was man von Damiano Damiani grundsätzlich erwarten würde. Der linksliberale Regisseur verdankt seinen Ruhm in erster Linie seinen anklagenden Politthrillern mit solch schlanken Titeln wie GESTÄNDNIS EINES POLIZEIKOMMISSARS VOR DEM STAATSANWALT DER REPUBLIK oder WARUM MUSSTE STAATSANWALT TRAINI STERBEN?, die meist die Verflechtung von Politik und Verbrechen zum Thema haben. Wer jedoch genauer hinsieht, merkt schnell, dass sich TÖTE, AMIGO doch gar nicht so sehr von seinen späteren Werken unterscheidet und seine kritische Botschaft lediglich durch seinen historischen Hintergrund ein wenig vernebelt. Denn obwohl der Regisseur bestritt, er habe mit seinem grimmigen Revolutionsepos die damalige US-Außenpolitik kritisieren wollen, sind die Parallelen zu zeitgenössischen Ereignissen eigentlich unübersehbar.

Damals befand sich der Vietnamkrieg in einer Hochphase. Unter dem Vorwand, lediglich den Einheimischen zu Hilfe kommen zu wollen, trug die amerikanische Regierung auf fremdem Gebiet einen auf eigenen Vorteil bedachten Stellvertreterkrieg aus. Genau zu dieser Zeit erschien TÖTE, AMIGO und erzählte die Geschichte eines arrogant gezeichneten Amerikaners, der die mexikanischen Aufständischen im Kampf gegen ihre eigenen Landsleute unterstützt, dabei jedoch stets den eigenen Nutzen vor Augen hat. Ganz gleich, ob man diesen Umstand nun als gesellschaftliches Statement begreifen möchte oder nicht, fest steht: Selbst, wenn man den politischen Aspekt völlig außer Acht lässt (was auch durchaus möglich ist), bietet die ambitionierte Schlachtplatte durchgehend packende Unterhaltung, die bis zum Schluss in Atem hält und trotz der stringenten Erzählweise nicht mit Überraschungen geizt.

Grund dafür ist in der Hauptsache die tadellos funktionierende Figurenkonstellation, die von grandios besetzten Darstellern getragen wird. Gian Maria Volonté, der bereits in Sergio Leones Meilensteinen FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR sowie FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR als Schurke fungieren durfte, glänzt als ungeschliffener Revoluzzer El Chuncho, der in erster Linie für seine Ideale kämpft. Dabei begeht das Drehbuch keineswegs den Fehler, ihn zum erhabenen Helden zu stilisieren. Ganz im Gegenteil wird er als ziemlich skrupelloser und nicht übermäßig intelligenter Geselle gezeichnet, dessen Kaltblütigkeit einen das ein oder andere Mal sprachlos zurücklässt: Ohne jedes emotionale Problem lässt er bereits restlos besiegte oder flüchtige Soldaten über die Klinge springen; ein Unterschied zu den Gewaltakten der Gegenseite ist kaum erkennbar. Es ist daher kein Zufall, dass TÖTE, AMIGO zunächst aus Sicht der überfallenen Soldaten beginnt: El Chuncho hat einen Offizier als lebendes Hindernis auf den Gleisen fixiert; jeder, der den Zug verlässt, um dem Mann zu Hilfe zu eilen, wird gnadenlos über den Haufen geschossen. Als Zuschauer erlebt man mit den zusammengepferchten, um ihr Leben zitternden Männern El Chunchos Grausamkeit quasi höchstpersönlich mit, noch bevor die Figur überhaupt ein einziges Mal auf der Bildfläche erschienen ist.

Noch während dieses bluttriefenden Beginns wird der zweite wichtige Charakter eingeführt: Der Amerikaner Bill Tate, der sich als Gefangener mit an Bord befindet und sich an der Tötung des Zugpersonals kurzerhand beteiligt, ist ein jungenhaftes Milchgesicht und sieht aus wie frisch aus dem Ei gepellt. In feinstem Zwirn unterwegs und sich gewählt artikulierend, könnte der Kontrast zum grobschlächtigen El Chuncho größer kaum sein. Aber dennoch (oder gerade deswegen?) imponiert der junge Mann dem Bandenchef so sehr, dass er ihn quasi vom Fleck weg in seine Truppe integriert. Von Anfang an werden dabei die gegensätzlichen Beweggründe beider Partien wortlastig in den Fokus gerückt: El Chuncho geht es um die Befreiung des Landes, Tate, folgend nur noch „El Niño“, das Kind, genannt, interessiert sich für die materiellen Werte, für das Geld, das es dabei zu verdienen gibt.

Dem schwedisch-italienischen Darsteller Lou Castel [→ MÖGEN SIE IN FRIEDEN RUHEN], der diese Rolle interpretiert, wird dabei oftmals ein zu distanziertes Spiel vorgeworfen, doch genau das passt zu dieser Figur wie die berühmte Faust aufs Auge: Tate umgibt eine geheimnisvolle, eine unnahbare Aura, die seine eigentlichen Intentionen stets mysteriös und ungreifbar erscheinen lassen. Weltlichen Genüssen scheint er nicht oder nur selten zu erliegen; während seine Kumpanen feiern, saufen und den Frauen hinterhersteigen, beobachtet er abschätzend und aus Entfernung das Treiben der Menschen, die ihn umgeben. Eine innere Ruhe scheint in ihm zu wohnen, ein Geheimnis ihn zu umgeben. Die Beziehung zwischen ihm und dem Banditen mündet in einer kaum konkret ausgesprochenen, doch unterschwelligen verqueren Freundschaft, die ihren Höhepunkt in dem Moment findet, in welchem El Chuncho einen seiner eigenen Männer über den Haufen schießt, um Tate zu beschützen.

Es ist dieses ungewöhnliche Verhältnis der beiden Protagonisten zueinander, dieses glaubwürdig beschriebene Aufeinanderprallen zweier von Grund auf verschiedener Charaktere, das TÖTE, AMIGO zu so viel explosiver Spannung verhilft und dafür sorgt, dass man interessiert am Ball bleibt, obwohl im Prinzip keine einzige positive Identifikationsfigur existiert: El Chuncho erscheint viel zu naiv und menschenverachtend, als dass man Sympathie für ihn empfinden könnte, während Tate bis zum Schluss viel zu arrogant und auf fast schon unmenschliche Weise emotionslos bleibt, um als Held zu taugen. Exemplarisch dafür ist der Moment, als El Chuncho den reichen Gutsbesitzer Don Filipo töten lassen will, um sich für die Ausbeutung der Arbeiter zu rächen. Seinem Gerechtigkeitsempfinden nach erscheint es dabei völlig legitim, außerdem auch dessen Frau vergewaltigen zu lassen. Nur Tate ist dagegen – nicht aber etwa aus moralischen Gründen. Eine Vergewaltigung ist für ihn schlicht und einfach Zeitverschwendung. Das Schicksal der Frau ist ihm dabei freilich vollkommen gleichgültig.

Es sind also ganz eindeutig keine klassischen Helden in den Hauptrollen, mit denen man sich gleichsetzen könnte. Und dennoch bleibt man bis zum Schluss an ihren Schicksalen interessiert, spürt man doch schon von Beginn an, dass diese kuriose Konstellation in einem gewaltigen Konflikt gipfeln wird. Der Rest der Belegschaft gerät dabei schon fast ein wenig ins Hintertreffen, auch wenn mit Klaus Kinski [→ JACK THE RIPPER] als mordender Priester schon ein sehr starkes Geschütz aufgefahren wird. Vollkommen in seinem Element schleudert er seine Sprengsätze „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, und sorgt für explosive Abgänge gleich im Dutzend-Pack. Die auf Jamaika zur Welt gekommene Martine Beswick, die in LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU und FEUERBALL bereits James Bond Gesellschaft leistete, sorgt als Adelita für die weibliche Note, sieht recht feurig aus, ist für die ansonsten recht männerdominierte Handlung nicht unwichtig und spielt auch überzeugend, klingt in der deutschen Fassung allerdings wie Karl-Heinz. Die übrigen Charaktere bleiben kaum im Gedächtnis, zu sehr konzentriert sich das Drehbuch auf die Hauptfiguren.

Die Stärke TÖTE, AMIGOs liegt darin, dass er kaum Stellung bezieht. Er zeigt Figuren, die unmoralisch, die verwerflich handeln, doch weder verurteilt er dafür die Protagonisten, noch die Situation, in der sie sich befinden. Nüchtern und authentisch wirkend verzichtet er auf Gut-Böse-Klischees, zeichnet ein ambivalentes Bild aller Parteien und beschreibt das blutige Chaos des Umbruchs mit all seinen Paradoxa. Während der deutsche Titel versucht, das Werk erneut in die Baller-Baller-Schiene des typischen Italo-Westerns zu rücken, lautet der Originaltitel (zugegeben: wenig verkaufsfördernd) „Wer weiß?“, was in der Schlussszene seine Entsprechung findet. Dieser Moment schließlich ist dann auch der letzte, bindende Faktor, der in seiner Konsequenz und Aussagekraft ¿QUIEN SABE? zu einem echten Höhepunkt werden lässt. Doch trotz dieser deutlichen Autorenfilmelemente darf jeder, der nun eine kopflastige Intellektuellenkiste erwartet, beruhigt sein: TÖTE, AMIGO ist trotz seines zu Grunde liegenden Anspruchs ein packendes, mit feuriger Action verziertes Stück Kino geworden, mit dem sich jeder anfreunden kann. Wer das weiß, hat Glück.

Laufzeit: 113 Min. / Freigabe: ab 18

Dienstag, 27. August 2013

TEPEPA


TEPEPA
Italien, Spanien 1969

Regie:
Giulio Petroni

Darsteller:
Tomas Milian,
John Steiner,
Orson Welles,
Luciano Casamonica,
Ángel Ortiz,
Annamaria Lanciaprima,
José Torres,
George Wang



„Liebst du Mexiko?“


Inhalt:

Tepepa [Tomas Milian] ist zum Tode verurteilt. Der freiheitsliebende Mexikaner war einer der Anführer der Revolution, die vermeintlich gewonnen wurde. Doch nach scheinbar erfolgtem Sieg ist die Armee doch bald wieder an der Macht und der erzkonservative Obert Cascorro [Orson Welles] arbeitet daran, die prärevolutionären Verhältnisse wiederherzustellen. Mit der Hinrichtung Tepepas, eines der wichtigsten Männer des Widerstandes, soll ein Exempel statuiert werden. Francisco Madero, der ehemalige Revolutionsführer, hat sich mit dem Militär verbündet und das Todesurteil seines ehemaligen Gefolgsgenossen selbst unterschrieben. Tepepa blickt bereits in die Gewehrmündungen, da fährt ein Auto vorbei. Am Steuer sitzt Dr. Henry Price [John Steiner]. Er entführt Tepepa und rettet ihm das Leben. Doch Price ist nicht etwa ein Sympathisant, wie Tepepa zunächst glaubt: Er meint, in Tepepa den Vergewaltiger seiner Verlobten zu erkennen und will ihm persönlich das Licht auspusten. Mit Müh und Not kann Tepepa ihn davon überzeugen, dass er sich irrt. Es folgt eine schrittweise Annährung beiden Parteien und schließlich wird Price sein Verbündeter im erneuten Kampf gegen die Unterdrückung.

Kritik:

Bei der Masse genießt der Italo-Western – vorausgesetzt, es steht nicht zufällig der Name Sergio Leone darauf – die Reputation des billig produzierten, bleihaltigen Spektakels, das Leiche über Leiche stapelt. Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr, wurde die deutliche Mehrzahl dieses Subgenres doch tatsächlich mit eher beschränkten finanziellen Mitteln umgesetzt, während auf inhaltlicher Ebene das meist zu Grunde liegende Rachethema lediglich rudimentär variiert wurde. Dass es sich dennoch lohnt, den Blick zu schärfen, um in der Menge an Material das ein oder andere Glanzlicht zu entdecken (was natürlich nicht bedeuten soll, dass preiswerte Dutzendware zwangsläufig schlecht sein muss), beweist Regisseur Giulio Petroni mit seinem im Jahre 1969 entstandenen TEPEPA. Vor dem explosiven Hintergrund der mexikanischen Revolution entwirft Petroni eine penibel durchdachte politische Parabel, die ihr Hauptaugenmerk nicht auf Action und Sadismus legt, sondern auf eine differenzierte, mit bitterem Humor gespickte Auseinandersetzung mit den Themen Staat, Freiheit und Unterdrückung. Wer nun sperrige Intellektuellenkost erwartet, der sei mit dem Hinweis beruhigt, dass TEPEPA dennoch durchgehend packende Unterhaltung bietet und trotz Actionarmut bis zum überraschenden Ende zu fesseln vermag.

Dabei resultiert die vibrierende Spannung TEPEPAs weniger aus einer aufregenden Story, sondern vielmehr aus dem ambivalenten Verhältnis der Charaktere zueinander. Bereits die Ausgangssituation stellt diesbezüglich die Weichen: Der undurchsichtige Henry Price erscheint zunächst als Verbündeter der Titelfigur Tepepa, als er diesem das Leben rettet. Doch dann wird klar, dass er ihm lediglich geholfen hat, um ihn selbst umzubringen, da er ihn für einen Vergewaltiger hält. Erst, nachdem Tepepa ihn von seinem Irrtum überzeugen kann, wird er nach und nach tatsächlich zu dessen Verbündeten und schließt sich zunächst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher der Widerstandsbewegung an. Dieser bereits wunderbar doppelbödige Beginn ist Wegbereiter für die folgenden Ereignisse, die geprägt sind von einem Wechselbad aus gegenseitigem Argwohn und Vertrauen, Hass und Respekt, Verachtung und Bewunderung. Verschiedene Figuren verfolgen verschiedene Interessen, und ihr Aufeinandertreffen sorgt für eine gehörige Portion Zündstoff und ein beständiges unterschwellig-bedrohliches Brodeln. Bedeutend dabei ist, dass das Verhalten der einzelnen Charaktere, selbst das des so unsympathischen Polizeichefs Cascorro, jederzeit nachvollziehbar bleibt und Verständnis ernten kann. Auf das klassische Gut-Böse-Schema wurde hier nahezu vollkommen verzichtet.

Auch begeht TEPEPA nicht etwa den Fehler, seine Titelfigur zum strahlenden, moralisch einwandfrei agierenden Helden zu stilisieren, wie man anfangs noch glauben könnte, sondern zeichnet ihn mit zunehmender Laufzeit als einen erschreckend naiven Charakter, dessen moralischer Kompass sehr ungenau justiert wurde. Zwar fehlt es ihm nicht an vordergründigem Selbstbewusstsein und Charisma (womit er nicht nur seine Leute zu blenden versteht), wohl aber am nötigen Intellekt, um sowohl Schwere als auch Folgen seiner Taten korrekt einschätzen zu können. Aus dem anfänglichen Idol wird so nach und nach ein eher bemitleidens-, zeitweise sogar verachtenswerter Tropf, für dessen simples Gemüt man schließlich nur noch Abscheu empfinden kann. Regisseur Giulio Petroni [→ PROVIDENZA] war es somit nicht etwa daran gelegen, lediglich ein simples Revolutionsspektakel darzubieten, welches die Bürgerrevolte einer kritiklosen Glorifizierung unterwirft. Das kluge Drehbuch aus der Feder Ivan Della Meas und Franco Solinas' interessiert sich vielmehr für das Wesen der Revolution, für ihre Macht der Verführung und Manipulation und für die Folgen, die falsch verstandener Freiheitsdrang mit sich bringen kann. Die Figuren sind Sinnbilder, ihr Handeln ist exemplarisch: Als Tepepa einen älteren Mann unter Anklage des Verrats hinrichtet, empfindet dessen Sohn nicht etwa Hass gegen den Mörder seines Vaters, was die natürliche und einzig logische Reaktion wäre, sondern akzeptiert die Tat stillschweigend als Notwendigkeit und unterstützt Tepepa nachfolgend sogar noch durch den Kauf von Feuerwaffen. Solche und ähnliche Momente sind in TEPEPA keine Seltenheit und veranschaulichen eindrucksvoll, wie sehr sich Verhalten und Einstellungen der Protagonisten bereits von der ‚normalen‘ Welt entfernt haben.

Tomas Milian [→ VON ANGESICHT ZU ANGESICHT] in der Titelrolle zu besetzen war die wohl beste Entscheidung der Macher, und es ist kaum anzunehmen, dass TEPEPA mit einem anderen Hauptdarsteller ebenfalls so gut funktioniert hätte. Milian war damals bereits einer der beliebtesten Darsteller Italiens und hat mit seinem spitzbübischen Charme und seiner Ausstrahlung die Publikumsgunst auf Anhieb auf seiner Seite. Gleichzeitig ist der gebürtige Kubaner jedoch auch ein hervorragender Schauspieler, der seine Rollen, falls nötig, mit der nötigen Tiefe auszustatten versteht. Der Wandel Tepepas von der Sympathiefigur zum wenn auch nicht ‚bösen‘ so doch zumindest zwielichtigen Charakter, geschieht somit ebenso unerwartet wie glaubwürdig. Ihm gegenüber steht ein fabelhaft besetzter Orson Welles [→ IM ZEICHEN DES BÖSEN], der als erzkonservativer Polizeichef Cascorro ebenfalls voll und ganz überzeugen kann. Mit scheinbar stoischer Gelassenheit versprüht er eine enorm autoritäre Aura, beunruhigend wie respekteinflößend zugleich. Und doch ist auch seine Figur nicht einfach nur der oberflächliche Schurke: In einer Szene erinnert er sich an den Kampf gegen die Aufständischen. Mit nachdenklicher Miene und fernem Blick berichtet er, wie Tepepa, der von Cascorros Befehl, ihn zu verschonen, nichts ahnte, ihm ohne jede Angst vor dem Tod entgegenrannte – eine großartig gespielte Momentaufnahme, die verdeutlicht, dass Cascorro, obwohl er Tepepas Feind ist, doch Bewunderung empfindet für diesen von seinen Idealen vollkommen überzeugten Mann. Denn ebenso wie Tepepa, sieht sich auch Cascorro als Patriot, dessen Ziel, die alten Verhältnisse wiederherzustellen, für ihn jedes Mittel legitimiert. John Steiner [→ EIN TURBO RÄUMT DEN HIGHWAY AUF] macht seinem Namen derweil alle Ehre und verkörpert seinen Dr. Henry Price mit tadellos versteinertem Gesichtsausdruck, was die Undurchsichtigkeit der Figur blendend unterstreicht. Nach seiner spektakulären Rettungsaktion zu Beginn, nimmt er lange Zeit eine eher passive Rolle ein, bevor er sich am Ende als eine der wichtigsten Figuren TEPEPAs herauskristallisiert. Den ständigen Zwiespalt zwischen persönlicher Überzeugung und zerreißenden Emotionen spielt Steiner sehr eindrucksvoll, seine tadellose Leistung ergänzt die Darbietungen seiner Schauspielkollegen nahezu perfekt.

Grundsätzlich charaktergetrieben, fährt TEPEPA im Finale zur explosiven Hochform auf und bietet eine äußerst versiert in Szene gesetzte Actionsequenz, in der es auch ordentlich knallen darf. Doch trotz gelegentlich durchaus vorhandenen Feuerzaubers bleibt das Werk in erster Linie eine scharfsinnige Abhandlung über politische Verhältnisse, Macht und Ohnmacht, Staat und Volk. Eingehüllt in das wiederholt wunderbare Klangkleid Ennio Morricones [→ TOP JOB], präsentiert Petroni seine Analyse jedoch nicht als schwerfällig verkopftes Intellektuellenstück, sondern als sympathisch unaufdringlichen Nebeneffekt großartigen Unterhaltungskinos. TEPEPA gelingt somit das Kunststück, sowohl die feingeistige als auch die frugale Natur gleichermaßen zu beglücken. Das bestürzende Ende schließlich sitzt wie ein Keulenhieb und untermauert mit bleibendem Nachdruck nochmals die radikale Botschaft. Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. Und Freunde packender Italo-Western fressen TEPEPA.

Laufzeit: 136 Min. / Freigabe: ab 16

Dienstag, 20. August 2013

BODYGUARDS AND ASSASSINS


SHI YUE WEI CHENG
China 2009

Regie:
Teddy Chan

Darsteller:
Donnie Yen,
Leon Lai,
Tony Leung Ka-Fai,
Nicholas Tse,
Eric Tsang,
Simon Yam,
Fan Bingbing,
Jacky Cheung



Inhalt:

„Demokratie ist die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk.“

So zitiert Professor Yang Quyun [Jacky Cheung], Gegner der Qing-Dynastie und Anführer der Revive China Society, die berühmten Worte Abraham Lincolns. „Werden wir dieses Ideal auch in China verwirklichen?“, fragt eine Zuhörerin. „Ich bin mir ganz sicher: Dieser Tag wird kommen“, antwortet Yang. Dann spaltet ihm eine Kugel den Schädel.

Im Jahre 1905 steht das Kaiserreich China kurz vor dem Zusammenbruch. Die Intellektuellen wenden sich westlichen Ideen zu und kokettieren mit einem demokratischen Staat. Dr. Sun Yat-Sen [Zhang Han-Yu] ist einer der bedeutendsten Anführer der Widerstandsbewegung gegen die unterjochende Qing-Dynastie. Als er ankündigt, aus dem Exil zurück ins Land zu reisen, befiehlt Kaiserin Cixi [Lau Kwong-Ning] seinen Tod. Der Attentäter Yan Xiao-Guo [Hu Jun] soll das Urteil vollstrecken. Der Revolutionär Prof. Chen Xiaobai [Tony Leung] will Sun Yat-Sen zusammen mit General Fang Tian [Simon Yam] beschützen. Doch ihre Einheit wird verraten und vernichtend geschlagen. Polizeichef Shi [Eric Tsang] beugt sich dem britischen Druck und hält sich heraus. Doch Prof. Chen denkt nicht ans Aufgeben und formiert innerhalb von fünf Tagen eine neue Widerstandsgruppe. Der Geschäftsmann Li Yue-Tang [Wang Xue-Qi], welcher bisher lediglich als Geldgeber fungierte, kristallisiert sich dabei bald als wichtigste Persönlichkeit heraus. Dazu stoßen alsbald einfache Bürger wie der gutmütige Riese Wang Fuming [Mengke Bateer], der Rickschafahrer Deng Si-di [Nicholas Tse], der Bettler Liu Yubai [Leon Lai], General Fangs Tochter Hong [Chris Lee], der spielsüchtige Polizist Shen Chong-Yang [Donnie Yen] sowie Yue-Tangs Sohn Chung-Quang [Wang Bo-Chieh].

Kritik:

Mit Beginn des neuen Jahrtausends entdeckte das chinesische Kino langsam, aber sicher seine Vorliebe für die Historie und produzierte in Folge immer häufiger aufwändige Schlachtpanoramen und Biographien bedeutender Persönlichkeiten aus Chinas Vergangenheit, häufig und gern vor dem Hintergrund einschneidender politischer Umwälzungen. Der Hauptgrund dafür war jedoch weniger der Drang, das Publikum mit kostspieligem Geschichtsunterricht zu verwöhnen, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich historische Stoffe hervorragend dazu eignen, beim Konsumenten unterschwellig patriotische Gefühle zu erwecken – ein Umstand, den die Propagandaabteilung des Landes natürlich sehr begrüßte. Der Hinweis, dass die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse zu diesem Zwecke stark romantisiert und simplifiziert wurden, sollte dabei in seiner Selbstverständlichkeit kaum mehr als eine Fußnote wert sein.

Ganz und gar regierungskonform geriet somit auch BODYGUARDS AND ASSASSINS, ein von Regisseur Teddy Chan [→ PURPLE STORM] mit viel Eifer in Szene gesetztes Martial-Arts-Epos, angesiedelt vor der brodelnden Kulisse der letzten Tage der Qing-Dynastie. Um die reale Figur des Revolutionsführers Dr. Sun Yat-Sen ersponnen die Drehbuchautoren Junli Guo, Tin Nam Chun und Joyce Chan die fiktive Geschichte einer Gruppe von Widerstandskämpfern, welche sich gegen die Terrorherrschaft der Kaiserin auflehnt und mit allen Mitteln versucht, das Attentat am zukünftigen ersten Präsidenten der Republik China zu verhindern. Wer nun allerdings ein Dauerfeuer an Handkantenschlägen und Knochenbrechereien erwartet, dürfte recht bald ernüchtert aus der Wäsche blicken. Das mehr als zweistündige Werk nimmt sich nämlich jede Menge Zeit, um zunächst seine Protagonisten vorzustellen – und das sind nicht gerade wenige. So werden einem innerhalb der ersten Stunde gut und gern 20 Personenbeschreibungen vor den arglosen Latz geknallt. Trotz dieser enormen Figurenfülle gelingt es BODYGUARDS AND ASSASSINS jedoch, durch die geschickte Verknüpfung der einzelnen Schicksale und die eher simple, wenn auch effektive Charakterzeichnung, jede einzelne Person dermaßen prägnant zu schildern, dass eine Identifikation nahezu reibungslos funktioniert.

Dass die Figuren dabei allesamt Stereotypen sind, ist freilich kaum von der Hand zu weisen. Ob es nun der Bettler ist, welcher durch den Selbstmord seiner Geliebten in den Opiumrausch getrieben wurde, der spielsüchtige Polizist oder die rachsüchtige Tochter des ermordeten Generals – die Motive und Hintergründe der Handelnden sind denkbar simpel gestrickt und alles andere als innovativ. Zur Wahrung der Übersicht allerdings ist dieser Umstand doch sehr nützlich und die emotionale Bindung des Zuschauers an die Protagonisten wird auf diese Weise ebenfalls denkbar erleichtert. Das Erwecken von Emotionen ist dann auch eines der Hauptanliegen BODYGUARDS AND ASSASSINS', weswegen es die Protagonisten in manch tränentreibende Situation verstrickt. So erfährt der von Donnie Yen verkörperte Shen Chong-Yang, dass die Tochter seiner ehemaligen Frau in Wahrheit sein eigenes Kind und nicht das ihres neuen Geliebten ist. „Wie konnte ich ihr erklären, was für ein Mensch ihr leiblicher Vater ist?“, wird er in Anspielung auf seine Spielsucht gefragt. Es folgt ein hochergreifender Moment, in welchem Shen seiner Tochter des erste Mal in die Augen blickt. Auch der grandiosen Schauspielleistung Donnie Yens ist es zu verdanken, dass diese Szene selbst dem Abgefeimtesten ans Herz geht.

Ohnehin sind die darstellerischen Darbietungen BODYGUARDS AND ASSASSINS' durch die Bank exzellent. Neben dem erwähnten Donnie Yen, dessen Karriere nach jahrelangem Gedümpel in Billigproduktionen schließlich eine wahre Blütezeit erlebte, überzeugt vor allem Wang Xue-Qi in der Rolle des reichen Geschäftsmanns Li Yu-Tang, welcher mit der Revolution zunächst wenig zu tun haben will und seinen Beitrag in Geldleistungen erschöpft sieht, um dann, nach turbulenten Ereignissen sein Verlagshaus betreffend, zu einer der wichtigsten Führungspersonen des Widerstandes aufzusteigen. Der eher unbekannte Mime spielt seinen Wandel dabei ebenso glaubhaft wie eindrucksvoll. Doch auch der Rest der Besetzung, bestehend aus dem Genre-Freund durchaus wohlbekannten Namen wie Eric Tsang, Leon Lai, Nicolas Tse oder Tony Leung, bekommt eine Chance, und nahezu jeder Darsteller erhält eine große Szene, in welcher er sich beweisen darf.

Auf gegnerischer Seite sieht man Hu Jun als kaiserlichen Attentäter Yan Xiaoguo, der zwar eine Armee befehligt, letztendlich jedoch quasi im Alleingang gegen den Widerstand zu Felde zieht. Das ist natürlich hochgeradig hanebüchen und letztendlich auch eher sinnbildlich zu verstehen: Yan Xiaoguo steht symbolisch für das 'böse China', für die verkrustete Kaisermentalität, die sich gegen jede Art von Fortschritt eisern zur Wehr setzt. Als typische Schurkenrolle angelegt, erfüllt Hu Juns Figur auch so ziemlich jedes zu erwartende Klischee, freilich nicht ohne ebenfalls einen großen Moment für sich zu verbuchen: So entführt er seinen ehemaligen Lehrer Chen Xiaobai [Tony Leung] und sperrt ihn ins Verlies, da auch dieser mit der Revolution sympathisiert. Doch hat Xiaoguo noch immer Respekt vor dem Mann, der ihn einst unterrichtete („Wer einmal mein Lehrer war, ist ein Leben lang mein Mentor.“). Darauf folgt ein großartiger verbaler Schlagabtausch zwischen beiden Parteien, von Unverständnis der gegenteiligen Meinung ebenso geprägt wie von verbleibender gegenseitiger Achtung.

Mit packenden Szenen wie dieser bietet BODYGUARDS AND ASSASSINS trotz der anfänglichen Action-Armut bereits mitreißende Unterhaltung. Die finale Stunde schließlich gehört dann fast ausschließlich dem Kampf und entschädigt auch den vergrätztesten Nörgler für die bis dahin vorherrschende Dialoglast. Meisterlich gelingt es Teddy Chan, eine zum Schneiden dichte Atmosphäre zu kreieren, als die zu beschützende Zielperson Sun Yat-Sen in einer Sänfte durch das belebte Hongkong getragen wird und das geschäftige Treiben in den Straßen plötzlich zur unheilvollen Kulisse mutiert, zu einem bedrohlichen Konglomerat aus fiebrigem Ambiente, unterschwelliger Gefahr und bösen Vorahnungen (so werden die zum Tragen schwerer Lasten benötigten Packhaken effektiv ins Bild gerückt), bei welchem der Duft des Massakers bereits in der Luft zu liegen scheint. Auf diese Weise bis zum Höhepunkt gepeitscht, entlädt sich die angestaute Spannung schließlich in einem gewaltigen Gemetzel, welches, wie vom Hongkong-Kino kaum anders gewohnt, abermals ein Musterbeispiel an Choreographie und Schlagkraft darstellt und in seiner Konsequenz kaum Wünsche offenlässt.

Dabei zelebriert BODYGUARDS AND ASSASSINS freilich ausgiebig Märtyrertum, Heldenmut und Opferbereitschaft und geriet damit in seiner Botschaft nicht unbedingt leicht verdaulich: Das zu erreichende Ziel steht über dem Wohl des Einzelnen und dessen Tod ist eine zwar tragische, doch im Zweifel notwendige Unabänderlichkeit. Die Opfer werden geehrt (hier sogar jeweils in einer Extraeinstellung mit Einblendung von Name, Geburts- und Todesdatum) und ihr Sterben, so die Behauptung, war nicht sinnlos. Derlei Propaganda könnte man BODYGUARDS AND ASSASSINS gewiss leicht zum Vorwurf machen, zumal die angestrebte Botschaft angesichts der tatsächlichen chinesischen Verhältnisse geradezu lachhaft wirkt: Das ständige Gerede von Freiheit und Demokratie, die behauptete Volksherrschaft, angebliche Weltoffenheit und USA-Sympathie, das alles steht im völligen Widerspruch zur wirklichen Situation des Landes, in welcher ein totalitäres System über die Belange seiner Bürger bestimmt und jeden Anflug von Freiheitsgeist bereits im Keim zu ersticken versucht.

Doch schiebt man den politischen Hintergrund beiseite, erlebt man ein mitreißendes, packendes Stück Kino, großartig ausgestattet und voll von symbolträchtigen Allegorien. Dabei ist es vor allem die Zeit, die als gegnerische Kraft immer wieder ins Bild gerückt wird. Ständig blicken die Protagonisten auf ihre Uhr und das Schlagen des Pendels erscheint manchmal als das lauteste Geräusch auf der Welt. BODYGUARDS AND ASSASSINS ist verdammt starker Stoff, der das Hongkong des beginnenden 20. Jahrhunderts mit beachtlichem Aufwand an Kostüm und Kulisse wieder zum Leben erweckt und inhaltlich bisweilen an den japanischen Klassiker DIE SIEBEN SAMURAI (und damit auch an dessen amerikanische Neuauflage DIE GLORREICHEN SIEBEN) erinnert, ein historisch inakkurates, doch mit einem Übermaß an Spannung, Stimmung und Atmosphäre aufgeheiztes Mammutwerk, großartig besetzt, stark gespielt und meisterhaft inszeniert. Von Leibwächtern und Attentätern empfohlen!

Laufzeit: 133 Min. / Freigabe: ab 16