Dienstag, 27. August 2013

TEPEPA

[ITA/SPA][1969]

Regie: Giulio Petroni
Darsteller: Tomas Milian, John Steiner, Orson Welles, Luciano Casamonica, Ángel Ortiz, Annamaria Lanciaprima, José Torres, Paloma Cela, George Wang, Giancarlo Badessi, Francisco Sanz
 


„Liebst du Mexiko?“

Tepepa [Tomas Milian] ist zum Tode verurteilt. Der freiheitsliebende Mexikaner war einer der Anführer der Revolution, die vermeintlich gewonnen wurde. Doch nach scheinbar erfolgtem Sieg ist die Armee doch bald wieder an der Macht und der erzkonservative Obert Cascorro [Orson Welles] arbeitet daran, die prärevolutionären Verhältnisse wiederherzustellen. Mit der Hinrichtung Tepepas, eines der wichtigsten Männer des Widerstandes, soll ein Exempel statuiert werden. Francisco Madero, der ehemalige Revolutionsführer, hat sich mit dem Militär verbündet und das Todesurteil seines ehemaligen Gefolgsgenossen selbst unterschrieben. Tepepa blickt bereits in die Gewehrmündungen, da fährt ein Auto vorbei. Am Steuer sitzt Dr. Henry Price [John Steiner]. Er entführt Tepepa und rettet ihm das Leben. Doch Price ist nicht etwa ein Sympathisant, wie Tepepa zunächst glaubt: Er meint, in Tepepa den Vergewaltiger seiner Verlobten zu erkennen und will ihm persönlich das Licht auspusten. Mit Müh und Not kann Tepepa ihn davon überzeugen, dass er sich irrt. Es folgt eine schrittweise Annährung beiden Parteien und schließlich wird Price sein Verbündeter im erneuten Kampf gegen die Unterdrückung.

Bei der Masse genießt der Italo-Western - vorausgesetzt, es steht nicht zufällig der Name Sergio Leone darauf – die Reputation des billig produzierten, bleihaltigen Spektakels, das Leiche über Leiche stapelt. Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr, wurde die deutliche Mehrzahl dieses Subgenres doch tatsächlich mit eher beschränkten finanziellen Mitteln umgesetzt, während auf inhaltlicher Ebene das meist zu Grunde liegende Rachethema lediglich rudimentär variiert wurde. Dass es sich dennoch lohnt, den Blick zu schärfen, um in der Menge an Material das ein oder andere Glanzlicht zu entdecken (was natürlich nicht bedeuten soll, dass preiswerte Dutzendware zwangsläufig schlecht sein muss), beweist Regisseur Giulio Petroni mit seinem im Jahre 1969 entstandenen TEPEPA. Vor dem explosiven Hintergrund der mexikanischen Revolution entwirft Petroni eine penibel durchdachte politische Parabel, die ihr Hauptaugenmerk nicht auf Action und Sadismus legt, sondern auf eine differenzierte, mit bitterem Humor gespickte Auseinandersetzung mit den Themen Staat, Freiheit und Unterdrückung. Wer nun sperrige Intellektuellenkost erwartet, der sei mit dem Hinweis beruhigt, dass TEPEPA dennoch durchgehend packende Unterhaltung bietet und trotz Actionarmut bis zum überraschenden Ende zu fesseln vermag.

Dabei resultiert die vibrierende Spannung TEPEPAs weniger aus einer aufregenden Story, sondern vielmehr aus dem ambivalenten Verhältnis der Charaktere zueinander. Bereits die Ausgangssituation stellt diesbezüglich die Weichen: Der undurchsichtige Henry Price erscheint zunächst als Verbündeter der Titelfigur Tepepa, als er diesem das Leben rettet. Doch dann wird klar, dass er ihm lediglich geholfen hat, um ihn selbst umzubringen, da er ihn für einen Vergewaltiger hält. Erst, nachdem Tepepa ihn von seinem Irrtum überzeugen kann, wird er nach und nach tatsächlich zu dessen Verbündeten und schließt sich zunächst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher der Widerstandsbewegung an. Dieser bereits wunderbar doppelbödige Beginn ist Wegbereiter für die folgenden Ereignisse, die geprägt sind von einen Wechselbad aus gegenseitigem Argwohn und Vertrauen, Hass und Respekt, Verachtung und Bewunderung. Verschiedene Figuren verfolgen verschiedene Interessen, und ihr Aufeinandertreffen sorgt für eine gehörige Portion Zündstoff und ein beständiges unterschwellig-bedrohliches Brodeln. Bedeutend dabei ist, dass das Verhalten der einzelnen Charaktere, selbst das des so unsympathischen Polizeichefs Cascorro, jederzeit nachvollziehbar bleibt und Verständnis ernten kann. Auf das klassische Gut-Böse-Schema wurde hier nahezu vollkommen verzichtet.

Auch begeht TEPEPA nicht etwa den Fehler, seine Titelfigur zum strahlenden, moralisch einwandfrei agierenden Helden zu stilisieren, wie man anfangs noch glauben könnte, sondern zeichnet ihn mit zunehmender Laufzeit als einen erschreckend naiven Charakter, dessen moralischer Kompass sehr ungenau justiert wurde. Zwar fehlt es ihm nicht an vordergründigem Selbstbewusstsein und Charisma (womit er nicht nur seine Leute zu blenden versteht), wohl aber am nötigen Intellekt, um sowohl Schwere als auch Folgen seiner Taten korrekt einschätzen zu können. Aus dem anfänglichen Idol wird so nach und nach ein eher bemitleidens-, zeitweise sogar verachtenswerter Tropf, für dessen simples Gemüt man schließlich nur noch Abscheu empfinden kann. Regisseur Giulio Petroni [→ PROVIDENZA] war es somit nicht etwa daran gelegen, lediglich ein simples Revolutionsspektakel darzubieten, welches die Bürgerrevolte einer kritiklosen Glorifizierung unterwirft. Das kluge Drehbuch aus der Feder Ivan Della Meas und Franco Solinas' interessiert sich vielmehr für das Wesen der Revolution, für ihre Macht der Verführung und Manipulation und für die Folgen, die falsch verstandener Freiheitsdrang mit sich bringen kann. Die Figuren sind Sinnbilder, ihr Handeln ist exemplarisch: Als Tepepa einen älteren Mann unter Anklage des Verrats hinrichtet, empfindet dessen Sohn nicht etwa Hass gegen den Mörder seines Vaters, was die natürliche und einzig logische Reaktion wäre, sondern akzeptiert die Tat stillschweigend als Notwendigkeit und unterstützt Tepepa nachfolgend sogar noch durch den Kauf von Feuerwaffen. Solche und ähnliche Momente sind in TEPEPA keine Seltenheit und veranschaulichen eindrucksvoll, wie sehr sich Verhalten und Einstellungen der Protagonisten bereits von der 'normalen' Welt entfernt haben.

Tomas Milian [→ VON ANGESICHT ZU ANGESICHT] in der Titelrolle zu besetzen war die wohl beste Entscheidung der Macher, und es ist kaum anzunehmen, dass TEPEPA mit einem anderen Hauptdarsteller ebenfalls so gut funktioniert hätte. Milian war damals bereits einer der beliebtesten Darsteller Italiens und hat mit seinem spitzbübischen Charme und seiner Ausstrahlung die Publikumsgunst auf Anhieb auf seiner Seite. Gleichzeitig ist der gebürtige Kubaner jedoch auch ein hervorragender Schauspieler, der seine Rollen, falls nötig, mit der nötigen Tiefe auszustatten versteht. Der Wandel Tepepas von der Sympathiefigur zum wenn auch nicht 'bösen', so doch zumindest zwielichtigen Charakter, geschieht somit ebenso unerwartet wie glaubwürdig. Ihm gegenüber steht ein fabelhaft besetzter Orson Welles [→ IM ZEICHEN DES BÖSEN], der als erzkonservativer Polizeichef Cascorro ebenfalls voll und ganz überzeugen kann. Mit scheinbar stoischer Gelassenheit versprüht er eine enorm autoritäre Aura, beunruhigend wie respekteinflößend zugleich. Und doch ist auch seine Figur nicht einfach nur der oberflächliche Schurke: In einer Szene erinnert er sich an den Kampf gegen die Aufständischen. Mit nachdenklicher Miene und fernem Blick berichtet er, wie Tepepa, der von Cascorros Befehl, ihn zu verschonen, nichts ahnte, ihm ohne jede Angst vor dem Tod entgegenrannte - eine großartig gespielte Momentaufnahme, die verdeutlicht, dass Cascorro, obwohl er Tepepas Feind ist, doch Bewunderung empfindet für diesen von seinen Idealen vollkommen überzeugten Mann. Denn ebenso wie Tepepa, sieht sich auch Cascorro als Patriot, dessen Ziel, die alten Verhältnisse wiederherzustellen, für ihn jedes Mittel legitimiert.


John Steiner [→ EIN TURBO RÄUMT DEN HIGHWAY AUF] macht seinem Namen alle Ehre und verkörpert seinen Dr. Henry Price mit tadellos versteinertem Gesichtsausdruck, was die Undurchsichtigkeit der Figur blendend unterstreicht. Nach seiner spektakulären Rettungsaktion zu Beginn, nimmt er lange Zeit eine eher passive Rolle ein, bevor er sich am Ende als eine der wichtigsten Figuren TEPEPAs herauskristallisiert. Den ständigen Zwiespalt zwischen persönlicher Überzeugung und zerreißenden Emotionen spielt Steiner sehr eindrucksvoll, seine tadellose Leistung ergänzt die Darbietungen seiner Schauspielkollegen nahezu perfekt.

Grundsätzlich charaktergetrieben, fährt TEPEPA im Finale zur explosiven Hochform auf und bietet eine äußerst versiert in Szene gesetzte Actionsequenz, in der es auch ordentlich knallen darf. Doch trotz gelegentlich durchaus vorhandenen Feuerzaubers bleibt das Werk in erster Linie eine scharfsinnige Abhandlung über politische Verhältnisse, Macht und Ohnmacht, Staat und Volk. Eingehüllt in das wiederholt wunderbare Klangkleid Ennio Morricones [→ TOP JOB], präsentiert Petroni seine Analyse jedoch nicht als schwerfällig verkopftes Intellektuellenstück, sondern als sympathisch unaufdringlichen Nebeneffekt großartigen Unterhaltungskinos. TEPEPA gelingt somit das Kunststück, sowohl die feingeistige, als auch die frugale Natur gleichermaßen zu beglücken. Das bestürzende Ende schließlich sitzt wie ein Keulenhieb und untermauert mit bleibendem Nachdruck nochmals die radikale Botschaft. Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. Und Freunde packender Italo-Western fressen TEPEPA.

Laufzeit: 136 Min. 

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