Eigene Forschungen

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Mittwoch, 4. September 2013

NOBLE HOUSE


NOBLE HOUSE
USA 1988

Regie:
Gary Nelson

Darsteller:
Pierce Brosnan,
Deborah Raffin,
John-Rhys-Davies,
Burt Kwouk,
Nancy Kwan,
Damien Thomas,
Tia Carrere,
Denholm Elliott



Inhalt:

Hongkong, Ende der 1980er Jahre: Seit 150 Jahren ist der Handelskonzern Struans & Co., das Noble House, im Geschäft und hat sich in dieser Zeit zum größten und mächtigsten Vertreter unter den East Asia Trading Companies entwickelt. Drei Jahre zuvor hat Ian Struan Dunross (Pierce Brosnan) die Leitung des Konzerns übernommen. Er ist der Tai Pan, der oberste Führer unter den Bossen Hongkongs. Doch nun steht das Noble House vor dem Ruin. Aus den USA sind Linc Bartlett, (Ben Masters), Chef des Par-Con-Konzerns, und seine Geschäftspartnerin Casey Tcholok (Deborah Raffin) angereist, um Handelsbeziehungen nach Hongkong aufzubauen. Bartlett ist es dabei gleichgültig, mit wem er Verträge abschließt, solange dabei ein möglichst großer Gewinn für ihn herausspringt. So trifft er nicht nur mündliche Vereinbarungen mit Struans, sondern knüpft gleichzeitig auch Verbindungen zum schärfsten Konkurrenten des Noble House, dem Konzern des skrupellosen Quillan Gornt (John Rhys-Davies). Gornt verbindet eine Erbfeindschaft mit Struans, und sein einziges Ziel ist es, das Noble House zu vernichten und selbst Tai Pan zu werden. Um dies zu erreichen, startet er gemeinsam mit Bartlett einen Raid auf Struans. Durch großangelegte Leerverkäufe seiner Struans-Aktien treibt er den Börsenkurs des Noble House gnadenlos in den Keller. Als stecke Dunross nicht schon in genügend Schwierigkeiten, wird auch noch John Chen (Steven Vincent Leigh), Sohn des Kompradors des Noble House, entführt. Wie sich herausstellt, hat John in der Vergangenheit heimlich für Par-Con gearbeitet und dabei auch diverse Geschäftsgeheimnisse an Linc Bartlett weitergegeben. Des Weiteren hat John seinem Vater Philip (Burt Kwouk) auch noch die Hälfte einer alten chinesischen Münze gestohlen. Wer immer dem Tai Pan eine solche Halbmünze vorlegt, kann dafür einen wie auch immer gearteten Gefallen einfordern, den der Tai Pan ohne wenn und aber erfüllen muss. In den falschen Händen kann diese Münze das endgültige Aus des Noble House bedeuten...
  
Kritik:

Eines DER TV-Events des Jahres 1980 war die Miniserie SHOGUN mit Richard Chamberlain nach dem gleichnamigen Roman von James Clavell. Der aufwändig produzierte Sechsteiler um einen englischen Navigator, der im 17. Jahrhundert Schiffbruch im feudalen Japan erleidet und schließlich zum Samurai und Vertrauten des Shoguns aufsteigt, war ein echter Straßenfeger und sorgte für Rekord-Einschaltquoten und klingelnde Kassen.
Treibende Kraft hinter dem Projekt war der Produzent und Drehbuchautor Eric Bercovici. Als sich die De Laurentiis Entertainment Group des italienischen Filmmoguls Dino De Laurentiis 1988 anschickte, auch den 1981 erschienenen Clavell-Roman NOBLE HOUSE, eine Fortsetzung seines Bestsellers TAI PAN (1986 ebenfalls von De Laurentiis mit dem Australier Bryan Brown in der Titelrolle fürs Kino adaptiert), als TV-Miniserie für die NBC zu realisieren, machte man Nägel mit Köpfen und holte Bercovici ebenfalls wieder ins Boot.

Nachdem Clavell das Drehbuch für SHOGUN noch selbst verfasst hatte, beschränkte er sich dieses Mal auf die Position des ausführenden Produzenten, während Bercovici die Mammutaufgabe zufiel, den fast 1000 Seiten starken Roman in ein Skript umzuwandeln, welches den Stoff auf vier neunzigminütige Filme aufteilte. Bei SHOGUN waren es noch sechs Teile mit zusammen rund neun Stunden Nettolaufzeit (12 Stunden inklusive Werbeunterbrechungen) gewesen. Dort hatte man also runde drei Stunden mehr Zeit gehabt, um die epische Geschichte um Navigator Blackthorne und Fürst Toranaga in nahezu allen Einzelheiten nachzuerzählen. So wich die Filmversion von SHOGUN im Grunde lediglich durch einige geringfügige Kürzungen von der Buchvorlage ab. Für die sechs Stunden Nettolaufzeit (acht Stunden inklusive Werbeunterbrechungen), die nun für NOBLE HOUSE zur Verfügung standen, bedurfte es wesentlich weitreichenderer Kürzungen und auch einiger sonstiger Veränderungen, um die Ereignisse des Buches an die dramaturgischen Vorgaben einer TV-Miniserie anzupassen.
So verlegt der Film unter anderem die Handlung zunächst aus dem Jahr 1963 in die Gegenwart (und kurioserweise vom Monat August in den November). Dabei ist nicht ganz klar, ob der Film in seinem Entstehungsjahr 1988 angesiedelt ist oder aber geringfügig in der Zukunft. Es wird erwähnt, dass Dirk Struans, der Konzerngründer und erste Tai Pan, den von jedem seiner Nachfolger zu leistenden Schwur 1841 verfasst hat. Struans feiert im Film sein 150-jähriges Bestehen. Ob jedoch die Firmengründung und die Niederschrift des Schwurs durch Dirk Struans im selben Jahr stattgefunden haben oder der erste Tai Pan das Dokument erst später erstellt hat, als er Vorkehrungen für seine Nachfolge traf, bleibt offen. Leider habe ich bisher den Roman TAI PAN auch noch nicht gelesen und kann somit nicht sagen, wie es sich dort darstellt.
Die für den Film notwendigen Handlungskürzungen trafen vor allem jenen Erzählstrang des Romans, in dem es um einen in Hongkong stationierten Spionagering der Sowjets und Dunross' Verwicklung in eben diesen geht. Der Roman geht hier weit in die Tiefe. Dunross ist nach dem Tod eines ihm bekannten Mitarbeiters des britischen Geheimdienstes in den Besitz mehrerer Geheimberichte gelangt, auf die es sowohl der britische als auch der sowjetische Geheimdienst abgesehen haben. Teil der komplizierten Verwicklungen ist auch ein unter dem Decknamen "Arthur" operierender Verräter aus den eigenen Reihen, den es zu enttarnen gilt. Übriggeblieben ist von diesem rund ein Drittel des Buches beanspruchenden Subplot nur mehr der Teil, in dem Ian Dunross, als er die Bank of China um finanzielle Unterstützung gegen die feindliche Übernahme durch Gornt und Par-Con bittet, als Gegenleistung beim Governeur (John Houseman) die Freilassung des als chinesischem Spion enttarnten Polizisten Brian Kwok (Lim Kay Tong) erwirken soll.
Um den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden, wollte man natürlich auch nicht auf eine klassische Liebesgeschichte verzichten. Im Buch ist Ian Dunross glücklicher Ehemann und Vater, was ihn als Objekt der Begierde für andere Frauen außen vor lässt. Die Beziehung zwischen Linc Bartlett und Casey Tcholok hingegen ist ungemein komplizierter. Linc und Casey sind hier nicht nur Geschäftspartner, sondern auch ineinander verliebt. Sie haben jedoch eine Abmachung miteinander geschlossen, dass sie sieben Jahre warten wollen, bevor sie heiraten. So lange, wie es für Casey voraussichtlich dauert, sich ihr "Startgeld", den Grundstock für ein eigenes Vermögen und somit finanzielle Unabhängigkeit, zu erwerben. Die Abmachung schließt auch sexuelle Abstinenz mit ein. Die beiden beschränken ihre Beziehung also aus reinem Pragmatismus auf das Par-Con-Geschäft. Als Quillan Gornt seine ehemalige Geliebte, die schöne Eurasierin Orlanda Ramos (Julia Nickson), auf Bartlett ansetzt, um diesen zu verführen, sich Linc und Orlanda aber dann wirklich Hals über Kopf ineinander verlieben, ist es neben ihrem Misstrauen gegenüber Gornt nicht zuletzt Eifersucht, die Casey dazu bringt, hinter Lincs Rücken einen Deal mit Ian Dunross zu tätigen.
Um das ganze Geflecht zu entwirren und eben eine klassische Liebesgeschichte zu konstruieren, bedient sich Bercovici in seinem Drehbuch eines ebenso simplen wie effektiven Kniffs: Er macht aus Ian einen kinderlosen Witwer und beschränkt die Beziehung zwischen Linc und Casey tatsächlich auf die rein geschäftliche, höchstens freundschaftliche Ebene. Linc verlangt zunächst von Casey, sich nicht zu einer Affäre mit Ian oder sonst einem Mann in Hongkong hinreissen zu lassen, damit sie einen klaren Kopf für die geplante Übernahme des Noble House behält. Als sich Linc dann aber wie schon im Roman in Orlanda verliebt, ist es nicht mehr die Eifersucht, sondern lediglich der Verdacht, Linc werde von Orlanda benutzt, der sie die Initiative in Richtung Struans ergreifen lässt. Und dass Ian Dunross nun Witwer ist, öffnet natürlich Tür und Tor für eben jene Affäre, die Linc zunächst unterbinden wollte.
Des Weiteren erleichterte die Entscheidung, Dunross zum Witwer zu machen, den Film auch gleich um diverse Familienangelegenheiten (insbesondere eine frisch verliebte Tochter), um die sich Dunross im Roman kümmern muss.
Von den unzähligen Nebenfiguren wurden ebenfalls diverse Charaktere entweder gänzlich gestrichen, treten nur noch als "Gastauftritte" in Erscheinung (z. B. der Gouverneur) oder es wurden mehrere Figuren zu einer einzigen zusammengefasst. So hat man z. B. den Schriftsteller Marlowe (im Grunde ein Alter Ego von James Clavell), der im Buch als Lieferant von Hintergrundinformationen zu diversen anderen Figuren fungiert, mit dem Zeitungsverleger Christian Toxe (Leon Lissek) verschmolzen.
Abgesehen von eben diesen Änderungen hält sich der Film aber doch weitgehend an die Vorlage und schafft es zu jeder Zeit, den Kern und die Stimmung des Buchen punktgenau zu treffen. Bercovici ist es tatsächlich gelungen, aus dem verschachtelten Handlungsgeflecht der Vorlage eine stringente, auf das Wesentliche konzentrierte Geschichte zu extrahieren, die über alle vier Teile hinweg einen gelungenen Spannungsbogen entwickelt. Vor allem schafft es der Film, die notwendigen Teile der Hintergrundgeschichte über den ersten Tai Pan und die Entstehung und Geschichte des Noble House gut und verständlich in die Dialogszenen einfließen zu lassen. Diese Informationen sind nämlich selbst bei Lektüre des Buches eine sehr komplexe und zum Teil verwirrende Angelegenheit (zumindest dann, wenn man das Buch TAI PAN nicht kennt).
Die Geschichte des Buches basiert laut Internet Movie Data Base übrigens auf wahren Begebenheiten, die sich in den 1960er Jahren in einem Zeitraum von sieben Jahren (im Buch verdichtet auf sieben Tagen) um den 1832 gegründeten (und noch heute existenten) Handelskonzern Jardine Matheson zugetragen haben sollen.

Gedreht wurde NOBLE HOUSE weitgehend vor Ort in Hongkong. Nur einige Innenaufnahmen fanden in Studiosets in den USA statt. Die ausschweifende Nutzung der exotischen Szenerie Hongkong verleiht der Produktion nicht nur eine sehr authentische Atmosphäre, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Grandesse. Ebenso, wie schon SHOGUN acht Jahre zuvor durch die Dreharbeiten in Japan einen wahren Augenschmaus für das TV-Publikum darstellte, sieht auch NOBLE HOUSE zu jeder Minute sehr edel und hochwertig produziert aus, was dem Unterhaltungswert extrem zugute kommt.

Für die Besetzung der trotz der Kürzungen immer noch sehr zahlreichen Charaktere konnten durchweg hochkarätige und namhafte Darsteller verpflichtet werden, wobei man auf einige Mimen zurückgriff, die auch schon SHOGUN mit ihrem Talent veredelt hatten.
Die Hauptrolle des Ian Dunross ging an den Iren Pierce Brosnan, der damals bereits durch seine Hauptrolle in der TV-Serie REMINGTON STEELE zu Weltruhm gelangt war und ab 1995 als insgesamt fünfter Darsteller in die Rolle des legendären britischen Geheimagenten James Bond schlüpfen sollte. Brosnan verkörpert Ian Dunross präzise wie ein Uhrwerk mit exakt der richtigen Mischung aus oberflächlicher Rücksichtslosigkeit, die er als Geschäftsmann an den Tag legen muss, unterschwellig brodelnder Sorge um die Zukunft des Struans-Konzerns, weltmännischer Gelassenheit, verführerischer Männlichkeit und spitzbübischem Charme.
Ihm zur Seite steht die Amerikanerin Deborah Raffin als Casey Tcholok. Neben zahlreichen TV-Rollen vor der Kamera war Raffin auch als Produzentin und Regisseurin tätig. Im Kino war sie unter anderem 1985 in DEATH WISH 3 an der Seite von Charles Bronson und 1991 in SCANNERS II zu sehen. Leider erlag sie am 21. November 2012 im Alter von gerade einmal 59 Jahren einer Leukämieerkrankung. Raffin kann in ihrer Rolle durch eine gesunde Balance aus Clevernis, Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit überzeugen und besitzt dank ihrer leicht kantigen Gesichtszüge auch rein äußerlich die notwendigen Attribute, um mehr als nur hübsches Love-Interest zu sein.
Für die Rolle des Linc Bartlett konnte Ben Masters gewonnen werden. Der charismatische Blondschopf erlangte später weitreichende Bekanntheit als Julian Crane in der langlebigen Seifenoper PASSIONS und gibt den amerikanischen Self-made-Man ebenso geradlinig erfolgsorientiert wie jovial angeberisch mit einer Spur trockenem Humor. Dunross und Bartlett sind im Buch wie im Film Kontrahenten auf Augenhöhe, und dieses Level hält auch Masters ohne Schwierigkeiten.
Als Quillan Gornt gibt es für Clavell-Fans ein Wiedersehen mit SHOGUN-Veteran John Rhys-Davies. War sein Vasco Rodrigues im SHOGUN noch ein zwar mit allen Wassern gewaschener, aber im Grunde herzensguter und vor allem loyaler Mann, so spielt der schwergewichtige Brite, der zuvor schon mit Indiana Jones die verschollene Bundeslade und mit Allan Quatermain den Schatz der Könige hatte suchen dürfen, bevor er sich Jahre später als resoluter Zwerg Gimli durch Mittelerde in Richtung Schicksalsberg aufmachte, seinen Quillan Gornt hier als Ekelpaket, dem man gleichzeitig die Pest an den Hals und eine Versöhnung mit Ian Dunross und Struans wünscht. John Rhys-Davies' Karriere ist so umfangreich wie qualitativ schwankend, aber selbst in den größten Mist bringt sein Gesicht immer noch zumindest einen Hauch Klasse. Der Mann hat sein Handwerk einfach drauf.
Ebenfalls bereits bei SHOGUN dabei waren der in Ägypten geborene Damien Thomas und der Australier Leon Lissek, die in NOBLE HOUSE erneut in kleinen aber feinen Gastrollen glänzen dürfen. Thomas hatte in SHOGUN die ambivalente Rolle des Jesuiten Father Alvito verkörpert und spielt hier Struans Geschäftspartner Lando Mata, während Lissek 1980 als Jesuitenpater Sebastio eine eher unsympatische Figur verkörperte und hier den Zeitunsverleger Christian Toxe gibt. Lissek und Brosnan waren übrigens beim NOBLE HOUSE-Dreh bereits alte Bekannte, denn Lissek hatte 1984 einen Gastauftritt in REMINGTON STEELE.
Erstmals, aber nicht letztmals vor der Kamera stand Brosnan mit der wunderschönen, in Singapur geborenen Julia Nickson. Nickson, deren bekannteste Rolle wohl immer noch die der Vietnamesin Co in RAMBO II sein dürfte, spielte in der 1989 entstandenen dreiteiligen TV-Miniserie AROUND THE WORLD IN 80 DAYS, einer ziemlich freien Adaption der Jules-Vernschen Vorlage mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle des Phileas Fogg, die Prinzessin Aouda. In NOBLE HOUSE spielt Nickson Linc Bartletts Geliebte Orlanda Ramos. Nicksons Darstellung wirkt zuweilen ein wenig hölzern, was aber durchaus zu Orlandas zerbrechlichem Charakter passt.
Auch der Rest der Besetzung, ob nun Burt Kwouk, den die Meisten sicherlich als Inspektor Clouseaus treuen Diener Cato aus den PINK PANTHER-Filmen mit Peter Sellers kennen, als Komprador Philip Chen, Gordon Jackson als pflichtbewusster Superintendant Armstrong, Lim Kay Tong als enttarnter Spion Brian Kwok oder die blutjunge Tia Carrere als schnippische Geliebte Venus Poon des von Khigh Dhiegh überzeugend hinterhältig verkörperten Piraten Four Finger Wu: Sie alle sind eine Bereicherung für den Cast und tragen als Ensemble einen Großteil zum Gelingen der Serie bei. Sie alle zu nennen oder gar zu besprechen, würde zu weit führen.
Lediglich ein einziger Wehrmutstropfen fällt bei der Besetzung auf: Obwohl Hongkong bekanntlich eine der emsigsten Filmindustrien dieses Planeten beherrbergt, taucht in der gesamten Serie kein einziger bekannter Hongkonger Schauspieler auf. Hatte man in SHOGUN die Rollen der Japaner noch durchgehend auch mit bekannten japanischen Darstellergrößen wie Mifune Toshiro besetzt, so sucht man hier bekannte Gesichter des chinesischen Films vergebens. Man "importierte" stattdessen sämtliche asiatischen Darsteller aus den USA. Dies mag aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass man sich im Gegensatz zu SHOGUN, wo die Japaner auch auschließlich japanisch sprachen und man sich des dramaturgischen Mittels der Übersetzung durch Dolmetscher bediente, bei NOBLE HOUSE dazu entschied, alle Figuren durchgehend Englisch sprechen zu lassen und die Sprachbariere gänzlich zu ignorieren.

Regisseur Gary Nelson war 1988 bereits ein alter Hase im Regiestuhl. Seit 1962 hat er hunderte von Serienepisoden und diverse Fernsehfilme inszeniert, unter anderem 1977 die von Kritik und Publikum hochgelobte Miniserie WASHINGTON: BEHIND CLOSED DOORS, einer fiktiven Aufarbeitung der Nixon-Ära. 1986 durfte er für Cannon Film dann den zweiten und letzten Teil der Quatermain-Reihe ALLAN QUATERMAIN AND THE LOST CITY OF GOLD verzapfen. Diese Trashgranate könnte man durchaus als Leiche im Keller bezeichnen, aber immerhin schenkte er damit der Filmgeschichte Henry Silva als durchgeknallten Hohepriester im Woodstock-Gedächtnis-Look. Auch eine Leistung. Bei NOBLE HOUSE liefert Nelson eine ordentliche Arbeit ab. Zwar fällt die Inszenierung zu keiner Zeit durch besondere Raffinesse, dafür aber durchgehend durch Sorgfalt auf. Nelsons Regie verliert sich nie in der pittoresken Stadtkulisse Hongkongs, sondern nutzt sie geschickt zur Etablierung der Schauplätze, an denen sich das Geschehen abspielt. Die Dialogszenen hat Nelson dabei immer gut im Griff, aber auch die wenigen Actionszenen (unter anderem ein Brand auf einem Restaurantschiff und ein zusammenstürzendes Hochhaus) sind packend in Szene gesetzt. Lediglich ab und zu wirkt das Geschehen, wohl auch bedingt durch die Beschränkungen des Mediums Fernsehen, ein klein wenig behäbig, aber das ist zu verschmerzen.

NOBLE HOUSE ist TV-Unterhaltung der klassischen Art, aus einer Zeit, in der die ganze Familie abends noch gemeinsam vor der Flimmerkiste hockte und gebannt dem großen Fernsehereignis entgegenfieberte. Drehbuchautor und Produzent Eric Bercovici und Regisseur Gary Nelson ist eine saubere und hochwertige Adaption des Romans von James Clavell gelungen, die Kenner wie Nichtkenner der Vorlage gleichermaßen zufriedenstellen dürfte. Hochkarätig besetzt, solide inszeniert und mit einer Priese Exotik durch den (damals für das westliche Publikum abseits der Eastern- und Actionsaficionados noch recht ungewohnten) Drehort Hongkong bekommt man sechs Stunden spannende, (melo-)dramatische und romantische Unterhaltung, die zwar stellenweise ein klein wenig behäbig wirkt, aber garantiert nie langweilt. Eine tolle Miniserie zum immer wieder Ansehen.

Nachdem NOBLE HOUSE lange Zeit nur als qualitativ recht minderwertige australische DVD zu haben war, gibt es seit einigen Jahren dank Lionsgate Entertainment sowohl in den USA als auch bei uns in Deutschland bildqualitativ sehr gute DVD-Ausgaben. Die deutsche DVD erschien bei Kinowelt/StudioCanal. Lionsgate hat hierfür das originale 35mm-Filmmaterial neu abtasten lassen. Hierbei entschied man sich allerdings statt für einen Transfer im Original-Bildformat von 1,33:1 dafür, eine anamorphe Widescreenfassung im Format 1,66:1 zu erstellen. Hierfür wurde das Vollbild-Format oben und unten leicht abgemattet, wodurch Bildinformationen verloren gehen. Außer im Vorspann, wo der obere Rand der Münzen, in denen die Köpfe der Hauptdarsteller zu sehen sind, abgeschnitten werden, fällt dies jedoch zu keiner Zeit negativ auf.

Präsentiert werden die vier Teile jeweils als Doppel-DVD mit zwei Teilen auf einer Scheibe. Die US-DVD bietet englischen Ton in DD-2.0-Mono sowie englische Untertitel und Closed Captions für Hörgeschädigte. Extras sind keine vorhanden. Zudem sind die Discs im Regionalcode 1 codiert. Verpackt ist das Ganze in einem Keep-Case mit O-Ring aus Pappe. Die deutsche Kinowelt-Scheibe bietet neben der deutschen Synchronspur ebenfalls den englischen Ton (beide ebenfalls in DD-2.0-Mono) sowie deutsche Untertitel. Als Extras sind lediglich eine Bildergalerie und Werbetrailer zu weiteren Kinowelt-Titeln enthalten. Wie bei Kinowelt üblich, wird ein Wendecover für FSK-Flatschen-Allergiker geboten.

Laufzeit: 355 Min. / Freigabe: ab 12

Dienstag, 30. Oktober 2012

TRUCKS - OUT OF CONTROL


TRUCKS
Kanada 1997

Regie:
Chris Thomson

Darsteller:
Timothy Busfield,
Brenda Bakke,
Aidan Devine,
Roman Podhora,
Jay Brazeau,
Brendan Fletcher,
Amy Stewart,
Victor Corwie



Inhalt:

In dem abgelegenen Kaff Luna liegt der Hund begraben. Hier möchte man nicht tot über dem Zaun hängen. Und doch stapeln sich schon bald die Leichen. Denn urplötzlich beginnen in Luna und Umgebung sämtliche Kraftfahrzeuge ein Eigenleben zu entwickeln und amok zu fahren. Ob die Ereignisse ggf. mit den gelegentlichen UFO-Sichtungen zusammenhängen, die es in der Gegend immer wieder gibt? Man weiß es nicht. Einigen Leuten, darunter der Tankwart Ray (Timothy Busfield), die Gästehaus-Betreiberin Hope (Brenda Bakke) und der Althippie und UFO-Gläubige Jack (Ray Brazeau), gelingt es, sich in einem Restaurant des Ortes zu verschanzen. Ungläubig beobachteten sie das Geschehen draußen vor der Tür, wo LKW mit leeren Fahrerhäusern patrouillieren. Als dann auch noch das Fernsehen berichtet, dass es ganz in der Nähe ein schweres Unglück mit einem Chemie-Transporter gegeben habe und Luna aufgrund der entstandenen Verseuchung von der Außenwelt abgeschnitten sei, sind die Überlebenden der Katastrophe auf sich allein gestellt. Und die Trucks drohen, die Menschen umzubringen, wenn diese ihnen nicht das geben, was sie verlangen: Benzin ...

Kritik:

1986 beschloss Stephen King: "Wenn du willst, das etwas richtig gemacht wird, dann musst du es selber machen." Also ließ sich der erfolgreiche Autor von Produzent Dino de Laurenttis einen Schnellkurs im Regieführen und ein Budget von zehn Millionen US-Dollar geben, arbeitete seine Kurzgeschichte TRUCKS aus der Sammlung NIGHT SHIFT in ein Drehbuch um und schuf  MAXIMUM OVERDRIVE. Der Film fiel bei Kritik und Publikum durch, wurde ein kommerzieller Flop und der King of Horror blieb zukünftig bei seinem Leisten.

Man mag von Kings bis heute einzigem Ausflug ins Regiefach halten, was man will. Fakt ist jedoch: So schlecht MAXIMUM OVERDRIVE objektiv auch sein mag (subjektiv ist er imo spaßiger Actiontrash, der bestens unterhält), dieses kanadische TV-Remake von 1997 ist nochmal um einige (so ca. 100) Klassen schlechter. Was hier an stumpfsinnigem Schwachsinn abgeht und dem Zuschauer allen Ernstes als "spannende" Unterhaltung verkauft wird, ist mit Worten eigentlich nicht mehr zu beschreiben. War es bei MAXIMUM OVERDRIVE schon eine reichlich blöde Idee, die Ursache für die sich verselbständigenden Maschinen einem Kometen in die Schuhe zu schieben, ergeht man sich hier in haarsträubenden Schwafeleien über Area 51 und Regierungsverschwörungen. Die absolute Krone setzt dem Ganzen aber der Subplot mit dem verunglückten Tanklaster auf, denn dieser ist dermaßen einfältig und inkonsequent aufgezogen, dass man sich wirklich fragt, warum man ihn überhaupt in den Film eingebaut hat. Ich zähl hier einfach mal einige Highlights auf:

  • Der verunglückte Truck ist ein Militärfahrzeug (zumindest trägt der Fahrer Tarnuniform), hat angeblich ultragefährliches Zeug geladen, fährt aber völlig ohne Begleiteskorte. Nicht mal einen Beifahrer gibt es.
  • Luna wird durch das Unglück angeblich von der Außenwelt abgeschnitten. Hat der Ort nicht mal eine Durchgangsstraße, oder was? Wie wäre es mal damit, in der vom Unfallort entgegengesetzten Richtung aus dem Kaff abzuhauen?
  • Im Fernsehen wird laufend darauf hingewiesen, wie hochgefährlich das aus dem Truck ausgetretene Zeug ist, und dass man besser im Haus bleiben soll. Scheint in Luna aber keine Sau zu interessieren. Nach kurzer Zeit laufen alle wieder draußen herum, als wäre nie irgendwas gewesen. Selbst die Post wird ganz regulär ausgetragen.
  • Wie gesagt: Die Chemikalie ist das absolut obergefährliche Horrorzeug, eine ganze Stadt ist von der Außenwelt abgeschnitten, eine ganze Region verseucht. Aber alles, was zur Beseitigung dieser Umweltkatastrophe anrückt, ist ein einziges (!!!) Fahrzeug mit zwei (!!!) Männern, von denen einer auch noch aussieht, als wäre er ein abgehalfterter Ex-Knacki auf dem Weg zum nächsten Bruch. Wie ein Experte zur Beseitigung hochgiftiger Chemikalien sieht der jedenfalls nicht aus.

Des Weiteren wird uns hier doch tatsächlich ein Spielzeuglaster gezeigt, der einen Briefträger zu Mus fährt. Wieso ein batteriegetriebenes Spielzeug ausrastet, obwohl der Filmlogik folgend eigentlich nur Kraftfahrzeuge lebendig werden? Keine Ahnung. Und warum der Kerl das Spielzeug nicht einfach mit einem kräftigen Tritt in die Büsche befördert oder es einfach nimmt und aufs Dach stellt bleibt ebenfalls mysteriös. Überhaupt ist die Szene für den Rest des Films völlig überflüssig und wurde wohl nur gedreht, damit man wenigstens ein bisschen mit Ketchup rumsauen konnte und der Film wenigstens auf 90 Minuten kommt. Ebenso überflüssig und dämlich ist eine Sequenz, in der ein Elektriker einen Verteilerkasten an einem Strommast reparieren will. Leider hat es sein Kranwagen auf den guten Mann abgesehen, crasht die Arbeitsgondel in die Stromleitung und sorgt so dafür, dass Mr. Repairman ordentlich durchgeröstet wird. Meine Frage lautet hier nur: Stellt man nicht vorher den Strom ab, bevor man sich an einer Starkstromanlage zu schaffen macht? Also ich würde das tun.

Auch die beiden Honks, die zur Beseitigung des Chemieunfalls anrücken, sind schon kurz darauf Geschichte, denn kaum am Ziel angelangt, bläst ihr Lieferwagen selbständig einen der mitgebrachten Schutzanzüge mit Luft auf, lässt das Teil zu einer Axt greifen und die Insassen in Stücke hacken. Dass in dem Schutzanzug deutlich sichtbar ein Mensch steckt und das Ding eh weniger nach wirksamem ABC-Schutz als vielmehr nach dürftig in Anzugform zusammengetackerten Müllsäcken aussieht? Geschenkt.

Den Darstellern in diesem Machwerk war offensichtlich nichts peinlich. Die knallchargieren durch die Bank vor sich hin, als hielten sie die oberpeinlichen Dialoge, die sie einen auf den anderen aufsagen müssen, tatsächlich für plausiblen Gesprächsstoff. Hab ich schon das ständige Geschwafel über Area 51 erwähnt? Ach ja, hab ich. Aber doppelt genäht hält bekanntlich besser. Wobei wir hier eh nur die übliche Zehn-kleine-Negerlein-Kohorte an Klischeefiguren haben, wie sie dümmer und einfallsloser kaum sein könnte. Obertumbe, mit weit offener Schnauze Kaugummi kauende Truckertölpel inklusive. Einen davon spielt Aidan Devine, der 2009 auch noch in einer weiteren Stephen-King-Verfilmung zu sehen war: In DOLAN'S CADILLAC spielt Devine einen der Henchmen von Dolan-Darsteller Christian Slater.

Hauptdarsteller Timothy Busfield hat zwar ein ordentliches Repertoire an diversen Auftritten in TV-Serien und -Filmen vorzuweisen, hier schleppt er sich als Tankwart Ray aber erschreckend lustlos durchs Geschehen und wirkt selbst in Szenen, die eigentlich dramatisch sein sollten, blass wie ein Bettlaken. Seinen Filmsohn Logan spielt Brendan Fletcher. Der hatte seine wohl bedeutendste Rolle 2003 in FREDDY VS. JASON, ist mittlerweile allerdings neben Michael Paré, Will Sanderson und Nastassia Malthe fester Bestandteil der Stammbesetzung von Uwe Boll. Das sagt, denke ich, alles.

Brenda Bakke wurde 1993 durch ihr Mitwirken in HOT SHOTS! - PART DEUX einem breiteren Publikum bekannt. Und verschwand kurz darauf zurecht wieder in der Bedeutungslosigkeit. Weniger Ausdrucksfähigkeit hat man selten gesehen.

Ein weiterer Darsteller, der seiner Vita zwei Stephen-King-Filme gutschreiben darf, ist Jay Brazeau. Brazeau war 1990 nämlich der Taxifahrer, der sich am Ende von IT ratlos am Kopf kratzt, als Richard Thomas und Olivia Hussey mit dem Fahrrad abdampfen, statt sich wie geplant in sein Taxi zu setzten. Amy Stewart nervt von der ersten bis zur letzten Minute als dauernörgelnde Teenie-Tochter von Roman Podhora, der als Ex-Soldat mit stoischer Mine alle Spekulationen der übrigen Protagonisten hinsichtlich Area 51 dementieren darf.

Autor Brian Taggert sollte man sein Drehbuch rechts und links um die Ohren hauen. Jeder Sechsjährige hätte eine plausiblere Storyline zu Papier gebracht. Dabei hat der Mann eigentlich was drauf. OK, POLTERGEIST 3 ist nicht unbedingt der beste Teil der Reihe und OMEN IV - THE AWAKENING brauchte auch absolut niemand, aber das Rudger-Hauer-Vehikel WANTED - DEAD OR ALIVE ist durchaus unterhaltsames 80er-Actionkino. Ulkigerweise ist TRUCKS der letzte Film in Brian Taggerts Filmographie. Wer weiß, vielleicht hatte jemand ein Einsehen und hat ihn für diesen Müll aus der Screenwriters Guild ausgeschlossen. 

Die Regie von Chris Thomson wirkt, als habe der Mann während der gesamten Dreharbeiten unter Valium-Einfluss gestanden. Lahmarschiger Spannungsaufbau und saumiese Darstellerführung sind hier Standard. Amateurniveau.

Angeblich war TRUCKS tatsächlich als Pilotfilm zu einer Serie gedacht (darauf deutet auch das offene Ende hin), die dann aber (Gott sei Dank!!) nie gedreht wurde. TRUCKS ist einfach obergrottig. Seht euch lieber weiterhin MAXIMUM OVERDRIVE an und freut euch, dass der King of Horror persönlich euch solch ein Meisterwerk geschenkt hat. Denn im Vergleich zu TRUCKS ist MAXIMUM OVERDRIVE tatsächlich pures Gold.

Als der Film 1998 hierzulande auf Video erschien, war er nur geschnitten zu haben. Der Vertrieb Highlight Video und dessen Sublabel New Vision betrieben damals nämlich konsequent die Firmenpolitik, dass absolut nichts mit einer höheren Freigabe als FSK-16 auf den Markt gebracht wurde. Und um das zu gewährleisten, wurde immer gleich mit der Heckenschere gekürzt. Vor allem die drei Füllszenen mit dem Postboten, dem Elektriker und dem axtschwingenden Schutzanzug fielen der Zensur zum Opfer. Auf DVD kam TRUCKS dann aber später auch ungekürzt von Screen Power mit einer FSK-18 heraus. Die Scheibe enthielt jedoch weder den englischen Originalton noch irgendwelche nennenswerten Extras. Dies änderte sich mit der Neuauflage des Films 2010 von HDMV. Bildqualitativ sieht die HDMV-Scheibe zwar ganz gut aus. Aber die Frage, welcher Oberhonk mal wieder die Idee hatte, einen ursprünglich in 4:3 (immerhin eine TV-Produktion der späten 90er) gedrehten Film auf 16:9 abzumatten, hätte ich dann doch ganz gerne mal beantwortet. Man merkt dem Bild die Beschneidung nämlich mehr als einmal deutlich an. Tonspurentechnisch sind die lahme deutsche Synchro in DD 2.0 und 5.1 (blecherner, unnötiger Upmix) sowie eine englische Sprachspur in DD 2.0 vorhanden. Sogar für deutsche Untertitel hat's gereicht. Im Bonusmaterial gibt's den deutschen und englischen Trailer zum Hauptfilm sowie die gut 40-minütige, recht interessante Doku STEPHEN KING: FEAR, FAME AND FORTUNE, einem Beitrag aus der BIOGRAPHY-Serie des amerikanischen Arts and Entertainment Network (Engl. mit dt. Untertiteln). Ein Wendecover, um den FSK-Flatschen verschwinden zu lassen, ist vorhanden. Die Innenseite zeigt ein alternatives, gezeichnetes Covermotiv.

Laufzeit: 95 Min. / Freigabe: ab 18

Freitag, 3. August 2012

PETER DER GROSSE


PETER THE GREAT
USA 1986

Regie:
Marvin J . Chomsky,
Lawrence Schiller

Darsteller:
Maximilian Schell,
Jan Niklas,
Vanessa Redgrave,
Omar Sharif,
Helmut Griem,
Günther Maria Halmer,
Hanna Schygulla



Nach jeder Menge Trash in den letzten Wochen steht heute mal etwas anspruchsvollere Filmkost auf dem Programm: die vierteilige US-Miniserie PETER THE GREAT von 1986. Also wundert euch nicht, dass die Inhaltsangabe dieses Mal weit länger ausfällt, als gewohnt. Denn der TV-Film nutzt seine sechs Stunden Nettolaufzeit für ein dichtes Geflecht aus Intrigen, Schicksalsschlägen, Romanzen und Schlachten:

Inhalt:

Russland am Ende des 17. Jahrhunderts. Das Land ist weitgehend isoliert. Es regieren eine kleine Aristokratie und die orthodoxe Kirche. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Nach dem Tod des Zaren Fjodor III. entbrennt zwischen dessen Stiefmutter Natalja (Lilli Palmer) und Fjodors Schwester Sophia (Vanessa Redgrave) ein gnadenloser Machtkampf. Während Natalja gerne ihren zehnjährigen Sohn Peter (Graham McGrath) auf dem Thron sehen würde, will Sophia unbedingt ihrem fünfzehnjährigen Bruder Ivan (Nikolay Lazarev) zum Zarentitel verhelfen. Doch während Natalja bei der Förderung des aufgeweckten Peter an das Wohl ihres Landes denkt, hat Sophia nur eigene Interessen im Kopf, denn Ivan ist ein infantiler Schwächling, der sich leicht manipulieren lässt. Der Konflikt kulminiert im ersten Strelitzenaufstand. Im Glauben, Natalja wolle Ivan ermorden lassen, stürmen die Palastgarden den Kreml. Im Zuge der Kampfhandlungen werden vor Peters Augen mehrere Verwandte seiner Mutter ermordet, ein Ereignis, das seinen weiteren Lebensweg entscheidend prägen soll. Als die Strelitzen in den Palast eindringen und Natalja und Peter ermorden wollen, rettet der Tagedieb und Bauernsohn Alexander Menschikow (Herbert Griem) ihnen durch Zufall das Leben. Der Aufstand kann zwar geschlichtet werden, um das Volk jedoch auf Dauer zu beruhigen, einigt man sich auf einen Kompromiss: Sowohl Peter als auch sein Halbbruder Ivan werden zum Zaren gekrönt und sollen das Land künftig in einer Doppelspitze regieren. Da beide jedoch minderjährig sind, wird Sophia zur Regentin ernannt. Alexander Menschikow wird in der Folge Peters bester Freund und engster Vertrauter. Einige Jahre später versucht Sophia, Peter (jetzt Jan Niklas) durch ein Komplott zu vernichten. Die Verschwörung kann jedoch vereitelt werden. Sophia wird entmachtet und in ein Nonnenkloster verbannt. Peters konservative Mutter hält auch nach der Einsetzung Sophias zur Regentin weiterhin an ihren Machtansprüchen fest, so dass Peter sich bei der Ausübung des Zarenamtes weiterhin ihren Wünschen beugen muss. Natalja will einen Erben und arrangiert daher seine Heirat mit der drei Jahre älteren Jewdokija. Jewdokija gebiert Peter auch den gewünschten Sohn, Alexej, doch ihr Verhältnis zu Peter ist mehr und mehr zerrüttet. Peter versucht, Alexej mit strenger Härte auf seine Zukunft als Thronfolger vorzubereiten. Der zarte Junge (Tolly Thwaites) ist den Ansprüchen seines Vaters jedoch nicht gewachsen. Als der kränkliche Ivan unerwartet stirbt, hält Peter die alleinige Macht in Händen. Doch der ambitionierte Monarch macht sich zunehmend Feinde. Nachdem er in einer Ausländersiedlung die Freundschaft des schottischen Offiziers Patrick Gordon (Jeremy Kemp) gewonnen hat, ist er begeistert von der Fortschrittlichkeit der westlichen Zivilisation. Von nun an hat er große Pläne: Er will sein Land aus der Isolation zu befreien und Handelsbeziehungen nach Westeuropa aufzubauen. Aber Russland verfügt weder über Häfen, noch über eine Handelsflotte - von einer Seestreitmacht, die notwendig wäre, um die Handelsrouten zu sichern, ganz zu schweigen. Peters Bestrebungen stoßen nicht nur bei den benachbarten Ländern Polen und Schweden, die bisher die Ostsee unter sich aufgeteilt haben, auf Misstrauen, sondern auch im eigenen Land. Peter orientiert sich in Kleidung und Auftreten an den westlichen Gebräuchen, führt umfassende Reformen durch. An der Ostsee soll ein großer Hafen, samt einer Stadt entstehen: St. Petersburg. Um seine Pläne zu finanzieren, lässt er die Kirche besteuern, und um Eisen für den Bau von Kanonen zu gewinnen, sogar die Glocken der Kirchtürme einschmelzen. Ihm wird vom streng gläubigen Volk, angestachelt von den Kirchenoberen, die um Macht und Einfluss bangen, nachgesagt, vom Teufel besessen zu sein. Auch dass er seine Ehefrau Jewdokija verlässt und statt dessen eine zweite Ehe mit der aus bäuerlichen Verhältnissen stammenden Martha Skawronskaja (Hanna Schygulla) eingeht, verschlechtert seinen Ruf. Als er ankündigt, eine Rundreise durch Europa unternehmen zu wollen, warnt man ihn vor einem Aufstand des Volkes. Noch nie hat ein Zar das Land verlassen. Es wäre, als würde er sein Volk im Stich lassen. Einem erneuten Aufstand der Strelitzen setzt er ein erbarmungsloses Ende, lässt ihre Anführer öffentlich hinrichten und verbannt die übrigen in weit abgelegene Gebiete. Der ständige Kampf mit seinen Widersachern macht Peter (jetzt Maximilian Schell) hart und verbittert. Unerbittlich bekämpft er jene, die ihm im Wege stehen. Selbst vor dem eigenen Sohn Alexej (jetzt Boris Plotnikov), der, von seiner Mutter aufgehetzt, ebenfalls zum Verräter an seinem Vater wird, macht er nicht Halt ...

Kritik:

Ein Budget von 27 Millionen US-Dollar (manche Quellen sprechen auch von 30 Millionen), ein internationaler Cast bekannter Schauspieler, 7500 Statisten (darunter ganze Infanterie- und Kavallerieregimenter der russischen Armee) und fast ein komplettes Jahr dauernde Dreharbeiten in Österreich und der ehemaligen Sowjetunion - mit diesem für eine TV-Produktion immensen Aufwand schuf der US-Fernsehsender NBC die Verfilmung des aufregenden Lebens des russischen Zaren und Großfürsten Peter I., besser bekannt als Peter der Große (geboren 1672, gestorben 1725), der das Riesenreich von 1682 bis 1721 regierte. Insbesondere die Tatsache, dass das Projekt als erste amerikanische Großproduktion in der Sowjetunion realisiert wurde, wo man von 1984 bis 1985 filmte, machte PETER THE GREAT zu einem TV-Event. Glasnost und Perestroika machten es möglich. Betrachtet man den Inhalt des Films und das damals in der Sowjetunion herrschende politische Klima, so tun sich zwischen der im Film behandelten historischen Figur Pjotr Alexejewitsch Romanow (so Peters bürgerlicher Name) und dem sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow einige Parallelen auf: Beide waren sie politische Reformer, die die Notwendigkeit einer grundlegenden Öffnung und Reformierung ihres Landes erkannten. Und beide sahen sich rückwärtsgerichteten Kräften gegenüber, die diese Bemühungen wo sie nur konnten torpedierten und die alten Zustände wiederhergestellt sehen wollten. PETER THE GREAT hält sich weitgehend an die historischen Fakten. Das Drehbuch von Edward Anhalt basiert auf der 1981 veröffentlichten Biografie von Robert K. Massie, der für das Werk den Pulitzer-Preis erhielt.

An der Besetzung gibt es absolut nichts zu kritisieren. Der Film ist durchweg prominent und kompetent besetzt. Besonders heraus sticht der Deutsche Jan Niklas als junger Zar Peter, der den Monarchen sowohl als energiegeladenen Lebemann als auch als gewieften, kompromisslosen Strategen spielt. Leider war dem Mimen anschließend keine größere Karriere vergönnt. Er spielte danach weitgehend unauffällige Rollen in diversen deutschen TV-Filmen und Serien. 

Maximilian Schell wiederum ist die perfekte Besetzung für den gealterten Peter. Er spielt die Figur mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, aber auch mit der nötigen Kaltblütigkeit. Am Ende ist man als Zuschauer schon hin- und hergerissen, ob man diesen Mann, der allein seiner Prinzipien wegen sogar seinen Sohn zu Tode foltern lässt, noch als Sympathieträger anerkennen kann. Doch da es Schell eindrucksvoll gelingt, die gebrochenen Facetten des Charakters zu vermitteln, der unter Entscheidungen leidet, die er überzeugt ist, treffen zu müssen, schafft er es spielend, die Stimmung nie vollends gegen seine Figur umkippen zu lassen.

Ausgerechnet wegen Maximilian Schell wäre die Produktion allerdings beinahe zum Stillstand gekommen. Der Schauspieler erkrankte während der Dreharbeiten und musste nach seiner Genesung umgehend abreisen, um einem Engagement an der Berliner Oper nachzukommen. So stand das Team plötzlich ohne Hauptdarsteller da. Als Notlösung wurde der unbekannte Schauspieler Denis DeMarne als Schell-Double engagiert. Mittels Make-Up und geschickt gesetzter Kamera sowie einer nachträglichen Synchronisation seiner Dialoge durch Maximilian Schell wurde dies dann so gut es eben ging kaschiert. Wenn man es weiß und genauer hinschaut, kann man aber doch die ein oder andere Szene entdecken, in der man sich zurecht fragt, ob man da wirklich gerade Maximilian Schell vor sich hat.

Vanessa Redgrave geht mit ihrer strengen Kühle gänzlich in der Rolle der intriganten Sophia auf. Wenn Blicke töten könnten, wäre innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten die halbe Besetzung dahin. Die übrigen Darsteller liefern allesamt ebenfalls gute bis sehr gute Leistungen ab, je nachdem, wieviel Raum ihnen die Geschichte für ihre Figuren lässt. Hier kommt einzig Omar Sharif meiner Meinung nach etwas zu kurz. Sein Prinz Feodor Romodanowski ist, obwohl er in allen vier Teilen der Serie auftaucht, nicht besonders tief in das dramatische Geschehen eingebunden, sondern fungiert meist als besorgt dreinblickender Stichwortgeber.

Die umfangreiche Zahl der in der Geschichte auftauchenden Figuren bot auch Gelegenheit für eine Vielzahl an prominenten Gastauftritten. So sind hier z. B. Laurence Olivier als König Wilhelm III. von Oranien-Nassau, Trevor Howard als Sir Isaac Newton, Ursula Andress, Mel Ferrer als König Friedrich I. von Preußen und Elke Sommer als dessen Frau Charlotte zu nennen. Neben amerikanischen, britischen und sowjetischen Darstellern ist insbesondere der deutsche Cast sehr umfangreich und umfasst neben den bisher schon genannten Namen u. a. Günther Maria Halmer, TRAUMSCHIFF-Kapitän Heinz Weiss, den als Vinzenz Bieler aus der langlebigen TV-Serie FORSTHAUS FALKENAU bekannte Walter Buschhoff und Christoph Eichhorn.

Marvin J. Chomsky inszenierte PETER THE GREAT souverän als komplexes Historiendrama mit allem, was dazu gehört. Chomsky war ein alter Hase im TV-Geschäft und konnte einen seiner größten Erfolge 1978 mit dem Vierteiler HOLOCAUST verbuchen. Inwieweit der als Co-Regisseur genannte Lawrence Schiller an den Dreharbeiten beteiligt war, lässt sich nicht genug sagen. Glaubt man einem Artikel der Los Angeles Times von 16. Januar 1986, kurz vor der Erstausstrahlung des Films, so wurde Schiller, der die Miniserie anfänglich auch mit entwickelt und produziert sowie die Verhandlungen für die Drehgenehmigung in der Sowjetunion ausgehandelt hatte, kurz vor dem Umzug des Teams von Österreich nach Russland von NBC gefeuert, weil man befürchtete, er würde das Budget überziehen. Schiller behauptete, die betreffende Budgetkalkulation beruhe auf einem Rechenfehler und verklagte NBC auf zehn Millionen US-Dollar Schadenersatz. Ob er den Prozess gewonnen hat oder man sich außergerichtlich einigte, ist mir leider nicht bekannt.

Dank der aufwendigen Promotion (über eine Million Dollar des Budgets sollen angeblich für Pressearbeit und Werbung ausgegeben worden sein) konnten die für die Erstausstrahlung am 2. Februar 1986 vorgesehenen Werbeblöcke erfolgreich an den Mann gebracht werden, und bereits vor dem Premierenabend hatte PETER THE GREAT dem Sender NBC seine reinen Kosten schon wieder eingebracht. Da der Februar jedoch traditionell ein Monat ist, in dem in den USA viele Miniserien und andere TV-Events laufen, sah sich der Film großer Konkurrenz ausgesetzt. An den ersten drei Ausstrahlungsabenden lief PETER THE GREAT parallel zu der von CBS ausgestrahlten 15-Millionen-Dollar-Produktion SINS mit Joan Collins, wobei SINS auch noch den Vorteil hatte, dass die Ausstrahlung eine Stunde früher begann als die Lebensgeschichte des russischen Zaren. am Ende machte SINS knapp das Rennen. Insgesamt 72 Millionen Zuschauer sahen die dreiteilige Joan-Collins-Schmonzette, während das vierteilige Historiendrama 75 Millionen Zuschauer für sich verbuchen konnte. Im Schnitt schalteten also 24 Millionen Zuschauer pro Folge SINS ein, während nur 18,75 Millionen Zuschauer jede Folge von PETER THE GREAT sehen wollten.

Bei den Golden Globes erntete PETER THE GREAT 1987 immerhin drei Nominierungen für die beste TV-Miniserie, Lilli Palmer als beste weibliche Nebendarstellerin in einem TV-Film und Jan Niklas als besten Hauptdarsteller in eine TV-Film. Zu den Gewinnern gehörte der Film bei den Emmys 1986. Hier räumte er bei sieben Nominierungen die Preise für die beste Miniserie, die Kostüme von Ela Maklakowa und Sibylle Ulsamer sowie die Musik von Laurence Rosenthal ab. Weitere Nominierungen gab es für das Produktionsdesign von Aleksandr Popow und John Blezard,die Kameraarbeit von Vittorio Storaro, den Tonschnitt sowie Vanessa Redgrave als bester Nebendarstellerin. Die Writers Guild of America verlieh Edward Anhalt 1987 den WGA Award für das beste adaptierte Drehbuch.

Fazit: Ich kann PETER THE GREAT nur uneingeschränkt empfehlen. Trotz der langen Laufzeit wird der Film zu keiner Minute langweilig. Dank der faktentreuen Umsetzung ist das Werk auch eine lehrreiche Lektion in russischer Geschichte. Wenn dem Film eines fehlt, so ist es ein wenig die epische Breite und Bildgewaltigkeit einer Kinoproduktion. Die Schauplätze und Sets wirken doch immer ein wenig zu klein und nicht prunkvoll genug, um wirklich zu überzeugen. Ab und zu hat man hier mit Matte Paintings nachgeholfen, aber auch das kaschiert diese Unzulänglichkeiten nicht gänzlich. Auch in den Massenszenen hat man trotz der weiter oben erwähnten bis zu 7500 Statisten immer irgendwie das Gefühl, dass hier doch etwas kleinere Brötchen gebacken wurden. Für eine TV-Produktion ist das aber trotzdem beachtlich. Vor allem die Entscheidung, tatsächlich vor Ort in Russland zu drehen, schafft einiges an Authentizität.

In Deutschland wurde die Serie erstmals in der Adventszeit 1986 in der ARD gezeigt. Mit Veröffentlichungen abseits der TV-Ausstrahlungen sieht es dagegen dünn aus. Abgesehen von einer VHS-Veröffentlichung in den USA auf drei Kassetten war der Film lange Zeit nicht käuflich zu erwerben. Bis sich 2011 das tschechische Label Levné Knihy der Miniserie annahm. Auf zwei separat erhältlichen DVDs ist der Vierteiler dort unter dem Titel PETR VELIKÝ erschienen. Die Bildqualität ist nicht überwältigend, aber ansehbar. Sie dürfte dem entsprechen, was 1986 weltweit über die Mattscheiben geflimmert ist. Dass es sich beim Ausgangsmaterial um ein (englischsprachiges) TV-Master handelt, ist auch daran erkennbar, dass ab und zu kleinere Bildstörungen in Form von Videospratzern auftreten, wie dies bei altem Videomaterial der Fall ist. Als Tonspur gibt es lediglich englischen Ton mit optional zuschaltbaren tschechischen Untertiteln. Extras sind keine vorhanden. Etwas doof ist, dass man die zwei Teile auf einer DVD jeweils nur einzeln anwählen kann anstatt beide ohne Unterbrechung hintereinander weg anzuschauen. Auch dass der Layerwechsel der ersten DVD mitten im Abspann des ersten Teils platziert wurde, wodurch dort kurz Bild und Ton einfrieren, wirkt störend. Aber ansonsten ist die Veröffentlichung durchaus gelungen und immerhin bisher die einzige legale DVD-Veröffentlichung überhaupt. Und bevor mich jetzt diverse Leute mit Fragen löchern, wo man die DVDs denn in Tschechien günstig ordern kann: Ich bin den Weg des geringsten Widerstandes gegangen und hab die Dinger im Doppelpack für unverschämte 20 Pfund (plus Porto) im Marketplace von Amazon.co.uk geordert. Wenn man sie direkt in Tschechien ordert, kosten die beiden Scheiben zusammen kaum 10 €. Leider ist allerdings erstens mein Tschechisch ziemlich lausig (um nicht zu sagen: nicht vorhanden) und zweitens war, egal bei welchem Shop ich geschaut habe, die DVD mit Teil 1 und 2 immer vergriffen.

Nachtrag: Mittlerweile ist vom Label Fernsehjuwelen auch eine deutsche DVD erschienen. Diese nutzt ein deutschsprachiges Sendemaster als Vorlage, enthält jedoch ein Making-Of sowie eine Reihe von Trailern sowie Deleted-Scenes als Bonus. In Bezug auf die Deleted-Scenes ist mir jedoch nicht bekannt, ob es sich dabei um "echte" entfallene Szenen, d. h. solche Szenen handelt, die auch in der US-Fassung fehlen, oder aber um Szenen, die lediglich für die deutsche TV-Ausstrahlung gekürzt wurden (ähnlich wie es z. B. bei der ersten deutschen DVD der TV-Miniserie JESUS OF NAZARETH von VCL der Fall war). 

Laufzeit: 371 Min. / Freigabe: ab 12