Eigene Forschungen

Posts mit dem Label Killerschätze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Killerschätze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 29. März 2026

THE KILLER


THE KILLER
USA 2024

Regie:
John Woo

Darsteller:
Nathalie Emmanuel,
Sam Worthington,
Omar Sy,
Diana Silvers,
Saïd Taghmaoui,
Hugo Diego Garcia,
Aurélia Agel,
Grégory Montel



Das Seltsamste an THE KILLER (2024) ist, dass er existiert.

Grund: THE KILLER (2024) ist die Neuverfilmung von THE KILLER (1989) – einem Meilenstein des Action- und Gangsterfilm-Genres, der als eines der Schlüsselwerke des Hongkong-Kinos gilt und oft als Musterbeispiel für eine meisterhafte Verschmelzung von Action und Drama herangezogen wird. John Woo inszenierte damals nach eigenem Drehbuch die Geschichte des Auftragsmörders Ah Jong (gespielt von Chow Yun-Fat), der bei einem seiner Jobs versehentlich einer unbeteiligten Frau das Augenlicht raubt und im Anschluss, von Schuldgefühlen geplagt, versucht, ihr die rettende Operation zu ermöglichen. Dieser Entschluss bringt nicht nur die Unterwelt gegen ihn auf, auch das Gesetz in Gestalt des Polizisten Li (Danny Lee) heftet sich an seine Fersen. Als beide Männer sich begegnen, erkennen sie im jeweils anderen eine verwandte Seele – und es erwächst eine ebenso absurde wie intensive Freundschaft, die über den Tod hinausgeht.

Der Clou von THE KILLER (1989) besteht darin, dass seine Geschichte über ihre bloße Erzählung hinausgeht. Denn nur vordergründig geht es um den berühmten „letzten Auftrag“ oder ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cop und Killer. Tatsächlich steht man der griechischen Tragödie näher als dem klassischen Action-Kino. Die beinahe ritterliche Bindung der Protagonisten zueinander, die am Ende stärker ist als Institutionen, Gesetze oder soziale Rollen, macht sie zu tragischen Helden in einer zerfallenden Welt, ihre Freundschaft steht sinnbildlich für die Hoffnung auf ein Überleben der Menschlichkeit. Die brachiale Action, die sich dabei gelegentlich Bahn bricht, dient in dem Zusammenhang weniger dem Spektakel als viel mehr als Katalysator für die innere Zerrissenheit der Charaktere. In der Rezeption wird Woos Werk entsprechend überwiegend als genretransformierender Markstein betrachtet und als Paradebeispiel dafür, wie Action, Drama und moralische Philosophie eine berauschende Symbiose eingehen können. Auch zahlreiche Filmemacher bekannten sich offen zum Fantum, bekannte Regisseure wie Quentin Tarantino oder Martin Scorsese ließen sich maßgeblich von Woos Stil inspirieren.

Warum also die Neuverfilmung eines Werks, das bereits an der Perfektion kratzt? Das von Kritik, Publikum und Kino-Kollegium gleichermaßen gefeiert wird und dem im Prinzip nichts mehr hinzuzufügen ist? Gute Frage! SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD würde ja schließlich auch niemand durch die Modernisierungsmaschine schicken und dafür Lob und Beifall erwarten. Nicht einmal eine veraltete Optik ließe sich begründend ins Feld führen, da die im Original zelebrierte End-Achziger-Ästhetik zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon längst wieder en vogue und bereits vielfachen Imitationsversuchen ausgesetzt war. Der Gedanke, die Geschichte THE KILLERs noch einmal zu erzählen, existiert allerdings schon fast so lang wie das Original selbst. Bereits Anfang der 1990er schrieben Walter Hill und David Giler ein entsprechendes Drehbuch, das irgendwann in der Entwicklungshölle verschmorte. Auch ein südkoreanischer Anlauf im neuen Jahrtausend verlief im Sande. Dass die neue Version schließlich doch noch das Licht der Filmwelt erblickte, hätte bis kurz vor ihrem tatsächlichen Erscheinen wohl kaum noch jemand vermutet, geschweige denn erhofft. Aber doch kam es in Kooperation mit dem Studio Universal und dem Streaming-Dienst Peacock schließlich zum großen Tag: THE KILLER (2024) war plötzlich Realität. John Woo persönlich schwang dafür erneut den Regiestock, während die Autoren Brian Helgeland, Josh Campbell und Matt Stuecken die einst vom Regisseur selbst zu Papier gebrachte Story nach Herzenslust verbiegen durften.

Inhalt:

„Verdienen sie diesen Tod?“, fragt die junge Frau im Saal einer mit Tauben angefüllten Kirche. „Sonst würde ich dich nicht fragen“, antwortet ihr Gegenüber. Und damit ist ein neuer Deal beschlossen.

Die Fragestellerin heißt Zee [Nathalie Emmanuel] und wird regelmäßig von Finn [Sam Worthington], dem Handlanger des Kartellbosses Gobert [Éric Cantona], angeheuert, um Widersacher aus dem Weg zu räumen. Ihr jüngster Job ist die Ausschaltung einer Marseiller Drogenbande. In einem Nachtclub erschleicht sich die Killerin zunächst das Vertrauen der Verbrecher, dann richtet sie ein Blutbad an. Unglücklicherweise verletzt sie dabei jedoch auch die zufällig anwesende Sängerin Jenn [Diana Silvers], und zwar so schwer, dass diese erblindet. Zee bringt es nicht übers Assassinen-Herz, ihr nach dem Augen- auch noch das Lebenslicht auszupusten und lässt die Dame laufen. Als Finn davon erfährt, besteht er allerdings darauf, dass die ungewollte Zeugin ebenfalls beseitigt wird. Die Killerin entdeckt daraufhin ihr Gewissen und beschließt, die Zielperson fortan zu beschützen. Nun beginnt eine wilde Jagd. Denn Zee muss die hilflose Frau nicht nur vor den Schergen des Syndikats in Sicherheit bringen, sondern sich gleichzeitig auch den gewitzten Inspektor Sey [Omar Sy] vom Hals halten, der ihr mittlerweile auf den Fersen ist.

Kritik:

Aus dem männlichen Killer wurde also ein weiblicher, aus Hongkong Frankreich und aus überlebensgroßen Fragen betreffend Schuld und Sühne ein belangloses Hetzen von A nach B – und generell quer durchs Alphabet, zwei Stunden wollen schließlich gefüllt sein.

THE KILLER (2024) unvoreingenommen zu betrachten, ist aufgrund angesprochener Umstände ein Ding der Unmöglichkeit. Man kommt schlicht nicht umhin, die modernisierte Variante mit dem Meilenstein von 1989 in Relation zu setzen – schon deshalb, weil die bekannte Handlung zwar tüchtig durchgeschüttelt wurde, aber nichtsdestotrotz noch eindeutig wiederzuerkennen ist. Dass das Neuarrangement dabei den Kürzeren ziehen würde, war freilich von Anfang an so sicher wie die Taube in der Kirche. Tatsächlich lässt THE KILLER (2024) so ziemlich alles vermissen, was die Vorlage einst so groß und großartig gemacht hat. Der offensichtlichste Faktor: die Hauptdarsteller. Chow Yun-Fat und Danny Lee umschwebte eine Aura, die ihren emotionalen Gleichklang regelrecht greifbar machte. Nathalie Emmanuel [→ GAME OF THRONES] und Omar Sy [→ JURASSIC WORLD] agieren beide solide – erstere überzeugt zudem innerhalb der Action-Szenen durch ihre Körperlichkeit. Aber Funken schlägt das nie. War die Essenz bei THE KILLER (1989) noch die Freundschaft beider Parteien, die alles überstrahlte, obwohl sie eigentlich gar nicht existieren dürfte, ist hier nichts dergleichen zu spüren – vermutlich, weil sie auch gar kein wirklicher Teil des Konzepts war. Und das ist womöglich sogar besser so. Durch die Geschlechtsänderung der Titelfigur wäre es ansonsten wohl auf eine jener oberflächlichen Romanzen hinausgelaufen, wie sie das Kino bereits dutzendfach ertragen musste. Zumindest dieses Klischee bleibt einem somit erspart. Wenn Cop und Killer hier am Ende kooperieren, ist weder Liebe im Spiel noch Seelenverwandtschaft, nicht einmal zwingend Sympathie. Sondern purer Pragmatismus.

Das gestaltet sich so leidenschaftslos, wie es sich liest, und steht symptomatisch für das große Ganze. Wo einst nicht nur Kugeln flogen, sondern auch große Emotionen, dominiert nun kalte Effizienz. Die versehentliche Blendung der Sängerin bei THE KILLER (1989) war vor allem deshalb so niederschmetternd, weil es die Unschuld in Person traf. Und das durchaus im Wortsinn: Sally Yeh fungierte weniger als reale Figur denn als Symbol für die Schuld, die der Killer auf sich geladen hatte. Bei THE KILLER (2024) hingegen ist gar nichts mehr symbolisch oder gar unschuldig konnotiert: Die Sängerin steckt ebenso tief in den Unterweltgeschäften wie alle anderen auch, wodurch im Prinzip alles gleichgehobelt wird. Ihre Erblindung wird dementsprechend auch mit einem sinngemäßen „Och jooo, wird schon wieder“ abgetan, mehr noch: Sie hätte sogar komplett gestrichen werden können, ohne dass dadurch etwas Essenzielles verloren gegangen wäre. Dass das nihilistische Ende des Originals hier einem versöhnlichen Ausklang weicht, passt in das Konzept und ist daher kaum überraschend.

Dass der Vorlage in dieser Besprechung mehr Platz eingeräumt werden musste als der Neuauflage, sagt eigentlich schon alles aus, was man darüber wissen müsste. Keinesfalls unterschlagen werden sollte jedoch, dass THE KILLER (2024) im ohnehin recht fragwürdigen Spätwerk des Regisseurs immerhin einen der vorderen Plätze einnimmt. Besser als die verquaste Historien-, Liebes-, Katastrophenfilm-Melange THE CROSSING (2014) ist er sowieso. Aber er schlägt auch den AUF DER FLUCHTigen Krawall-Krimi MANHUNT (2017), der unter seinen teils recht spinnerten Drehbucheinfällen leidet, sowie die rüde Rache-Mär SILENT NIGHT (2023), die zwar durchaus passabel geriet, aber sämtliche charakteristischen Mechanismen und Markenzeichen ihres Machers vermissen lässt. Zudem gelingt Woo die Kombination aus französischem Flair und der ihm eigenen Action-Ästhetik hier deutlich besser als bei seiner Hongkong-Komödie ONCE A THIEF (1991), die mit erheblichen Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat. Dass Woo bei der Neuverfilmung abermals die Inszenierung übernahm, lässt sich zwar – etwas Boshaftigkeit vorausgesetzt – als Verrat am eigenen Vermächtnis interpretieren, aber immerhin geriet das Ergebnis dadurch in Sachen Choreographie und Visualisierung angenehm kompetent. Wer das Original nicht kennt und dadurch die Gnade der Unvoreingenommenheit besitzt, dem dürfte THE KILLER (2024) daher wohl recht geschmeidig ins Gemüt gleiten. Es ist nur seltsam, dass er existiert.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 10. März 2019

ACCIDENT


YI NGOI
China 2009

Regie:
Soi Cheang

Darsteller:
Louis Koo,
Richie Ren,
Stanley Fung,
Michelle Ye Xuan,
Lam Suet,
Monica Mok,
Chan Mong-Wa,
Lai Cheung-Wing



„Lass es wie nen Unfall aussehen!“, ist ein Satz, den man ständig in Mafia- und anderen Gangsterfilmen zu hören bekommt und der aufgrund seiner häufigen Verwendung im Laufe der Zeit ironischen Charakter bekam. 2009 hat Hongkong-Regisseur Soi Cheang die Phrase gänzlich unironisch verfilmt.

Inhalt:

Ho Kwok Fai [Louis Koo] und sein Team sind Auftragsmörder. Allerdings legen sie sich nicht etwa mit Munition und Zielfernrohr auf die Lauer. Sie erschaffen Unglücksfälle. Ihre Opfer sterben beim Autounfall, im Scherbenregen oder per Stromschlag, und nichts und niemand deutet im Anschluss darauf hin, dass hier tatsächlich Menschenhand am Werke war. Sie sind absolute Profis, wissen aber auch, dass die kleinste Unachtsamkeit sie ans Messer liefern könnte. In letzter Zeit allerdings häufen sich merkwürdige Zwischenfälle: In Hos Wohnung wird eingebrochen. Ein ehemaliger Klient stürzt aus dem Fenster eines Hochhauses. Und Teammitglied 'Fatty' [Lam Suet] stirbt auf offener Straße, als er unter die Räder eines auf unerklärliche Weise außer Kontrolle geratenen Busses gerät. Da Ho weiß, dass sie nicht die einzigen in diesem Gewerbe sind, glaubt er weder an Un- noch an Zufälle und beginnt nachzuforschen. Verdächtig macht sich zunächst der undurchsichtige Versicherungsagent Fong Chau [Richie Ren]. Doch schon bald kann Ho auch seinem eigenen Team nicht mehr vertrauen.

Kritik:

ACCIDENT entstand unter der Schirmherrschaft des einflussreichen Produzenten Johnny To, der als Regisseur stilistisch herausragender Action-Opern wie FULLTIME KILLER, EXILED oder VENGEANCE berühmt wurde. Und das merkt man auch. Soi Cheang, der zuvor rabiate Gewaltstreifen wie DOG BITE DOG oder SHAMO auf den Weg brachte, legte den dreckigen Duktus hier komplett ab und orientierte sich stattdessen am präzisen Inszenierungsstil seines Produzenten. Das passt natürlich perfekt zur Story der ungewöhnlichen Killertruppe, die in analytischer Feinarbeit komplexe Kettenreaktionen konstruiert, um ihre Opfer ins Jenseits zu befördern. Bereits die fiebrige Eröffnung nimmt einen auf Anhieb gefangen: Auf den überfüllten Straßen Hongkongs herrscht Chaos. Auto steht an Auto, der liegengebliebene Wagen einer jungen Frau blockiert den Verkehr, alles hupt und schwitzt und schimpft. Ein Mann weicht genervt in eine Nebenstraße aus, ein Transparent löst sich von der Häuserfassade, fällt mit einem Ende auf die Windschutzscheibe. Der Fahrer steigt fluchend aus und zerrt an dem Ding – woraufhin sich ein an der Häuserwand gespanntes Drahtseil lockert und durch eine Fensterscheibe jagt. Es regnet Scherben – und der Asphalt färbt sich rot vor Blut.

Nur für den Zuschauer wird kurz darauf klar, dass nichts von diesen Ereignissen Zufall war – weder die Autopanne der jungen Frau, noch das Herunterfallen des Transparents und erst recht nicht das scheinbar so unglücklich platzierte Seil, das zum tödlichen Glasregen führte. Alles war Teil eines perfide geplanten und perfekt praktizierten Mordprozesses. Das vierköpfige Team um Stratege und Chefdenker Ho Kwok Fai wird eingeführt als eine Art Impossible Mission Force des Tötens, als intellektuelles Killer-Kollektiv, das seine Anschläge mit architektonischer Genauigkeit gestaltet und ausführt. Die kompliziert erdachten Ereignisfolgen, die schließlich zum Ableben der Zielperson führen, erinnern dabei in ihrer Machart an die fatalen Dominoeffekte der FINAL DESTINATION-Reihe, die freilich dem fantastischen Genre verschrieben ist und in welcher der Tod noch höchstpersönlich die Strippen zieht: Eine Bagatelle bedingt die nächste, mehrere kleinere Komplikationen verdichten sich, bis sich am Ende alles summiert und das Geschehen in einer blutigen Katastrophe mündet. ACCIDENT verschweigt nicht, wie viel Geduld es braucht, einen derartigen Plan in die Tat umzusetzen. Lange Zeit sieht man dem Team bei der Ideenfindung zu, bei der Abwägung der Möglichkeiten, der Suche nach Alternativen, der Schaffung idealer Voraussetzungen und nicht zuletzt bei mehreren vergeblichen Versuchen der Ausführung, da sich manch notwendige Bedingung zum reibungslosen Ablauf eben nicht so einfach durch Menschenhand herbeizaubern lässt. Das ist fesselnd und faszinierend umgesetzt und lädt ein zu philosophischen Gedankenspielen über Zufall, Schicksal und Fügung im Leben eines Menschen.

Der Wind dreht sich, als es im Laufe der Handlung zu Todesfällen kommt, die nicht von der Accident-Crew initiiert wurden. Stand bis dahin noch die Teamarbeit im Fokus, verlagert sich der Schwerpunkt nachfolgend auf den Kopf der Bande - auf Ho Kwok Fai, dargestellt von stets zuverlässigen Louis Koo [→ TRIANGLE]. Dieser glaubt nicht daran, dass das gewaltsame Ableben seines Freundes und Kollegen Fatty auf einem ordinären Unglück basiert. Für ihn ist klar, dass es noch mehr Menschen gibt, die des verborgenen Mordens mächtig sind, dass man sie mit ihren eigenen Waffen schlagen und Stück für Stück dezimieren will. Hier wechselt ACCIDENT sanft die Schiene und wird nach und nach zum düsteren Paranoia-Thriller, der auch das Publikum ins Gebet nimmt. Denn ebenso wie Ho fragt sich auch der Konsument nach einer Weile, ob er lediglich einem Phantom hinterherjagt oder am Ende doch Recht behält mit seinen Ahnungen und Befürchtungen. Kameramann Fung Yuen-Man [→ COLOUR OF THE TRUTH] unterstützt diesen Prozess bestmöglich und hat das Geschehen visuell jederzeit voll im Griff. Zu Beginn bestechen die Bilder durch konzentrierte Kompositionen und versinnbildlichen damit die Akribie, die für die Protagonisten ja notwendig ist, um ihre Tötungen in die Tat umsetzen zu können. Später, als Ho sich auf der Suche nach Antworten befindet und sein Geist mehr und mehr verwirrt wird, werden die Bilder unaufgeräumt und konfus – geradezu ikonisch erscheint in dem Zusammenhang die Aufnahme von Hos Wohnung, gespickt mit Hinweiszetteln und Notizen, die notdürftig mit Pfeilen und Linien verbunden wurden, um eine (womöglich gar nicht vorhandene) Ordnung ins Chaos zu bringen.

Auf diese Weise entfaltet ACCIDENT eine beachtliche Sogwirkung, welche bis zur niederschmetternden Schlussszene anhält und das Spannungsbarometer konsequent oben hält. Wer unbedingt Haare in der Suppe suchen möchte, der könnte zu Recht anmerken, dass das Gelingen der Mordanschläge entgegen inhaltlicher Behauptung immer noch von zu vielen Zufällen und Eventualitäten abhängig, sprich: schlichtweg unglaubwürdig ist. Und auch über die restlichen Teammitglieder hätte man gern ein wenig mehr erfahren als nur, dass sie halt eben auch mit dabei sind. Aber im Großen und Ganzen sind das Kleinigkeiten, die nicht weiter ins Gewicht fallen. Natürlich sollte man nicht den Fehler begehen, aufgrund des Sujets und vorherigen Œuvres von Regie und Produktion einen Action-Reißer zu erwarten (umso fataler, dass tatsächlich ein Plakatmotiv existiert, auf dem Nebendarsteller Richie Ren mit der Waffe herumfuchtelt). Hier wird mit Köpfchen gekämpft statt mit Kugeln, und wirklich herber Blutverlust ist ebenfalls nicht zu verzeichnen (auch wenn kleine fiese Schocks das ansonsten eher gemütliche Tempo immer mal wieder unterbrechen). Am Ende ist ACCIDENT eine äußerst geglückte Killer-Thriller-Variante mit cleverem Skript und vorzüglicher Umsetzung. Definitiv kein Unfall!

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 19. August 2015

HITMAN - AGENT 47


HITMAN – AGENT 47
USA 2014

Regie:
Aleksander Bach

Darsteller:
Rupert Friend,
Hannah Ware,
Zachary Quinto,
Ciarán Hinds,
Thomas Kretschmann,
Emilio Rivera,
Dan Bakkedahl,
Mona Pirzad



"640509-040147" [Strichcode von Agent 47]


Inhalt:

Die junge Katia van Dees [Hanna Ware] staunt nicht schlecht, als ihr plötzlich ein glatzköpfiger Mann [Rupert Friend] hinterhersteigt – allerdings kommt der nicht zum Kaffeetrinken vorbei, sondern offensichtlich eher, um sie mit ein paar Kugeln zu spicken. Mit Müh und Not kann sie dem Angreifer entkommen – nicht ohne Hilfe des aus dem Nichts auftauchenden John Smith [Zachary Quinto], der ihr erklärt, dass sie es mit einem gefährlichen Gegner zu tun hat: Der 'Hitman' ist ein im Genlabor gezüchtetes Killerwesen, ohne Emotion, ohne Gewissen, dafür aber mit übermenschlichen Fähigkeiten und unbändiger Tötungslust. Katias Vater [Ciarán Hinds] war in die Erschaffung einer ganzen Armee dieser Mordmaschinen verwickelt. Nun beginnt eine blei- und gewalthaltige Verfolgungsjagd, denn der Hitman hat eine Mission, von der noch niemand etwas ahnt.

Kritik:

'Reboot' ist des Produzenten Lieblingswort, wenn er der Meinung ist, einen potentiellen Kassenhit an der Angel zu haben, der seinen ersten Kinoeinsatz zwar bereits hinter sich hat, aus irgendeinem Grunde jedoch nicht in alter Form fortgesetzt werden kann – sei es aufgrund personeller Veränderungen, Knatsch hinter den Kulissen oder ganz einfach deswegen, weil sich die vermeintlich große Nummer am Ende dann doch als finanzieller Rohrkrepierer erwies. Das Vorgängerprojekt wird dann einfach ignoriert und das ganze Ding noch einmal komplett von vorn gestartet. Besonders Comic-Helden können ein Lied davon singen: Ob nun SUPERMAN, SPIDER-MAN oder BATMAN - kaum ein 'Man', dem nicht die Ehre eines Neubeginns zuteilwurde. Der HITMAN hingegen hat seine Wurzeln nicht in der Welt der Sprechblasen und Lautmalereien, sondern in der der Bits und Bytes und erblickte im Jahre 2000 als Titelfigur eines Computerspiels das Licht der Popkultur. Trotz (oder gerade auch wegen) der Vielzahl mahnender Kritikerstimmen, welche den hohen Gewaltpegel tadelten (und dabei überwiegend ignorierten, dass man auch ohne eine einzige Kugel abfeuern zu müssen ans Ziel gelangen konnte), wurde der im Labor gezüchtete Auftragskiller mit der markanten Glatze ein weltweiter Erfolg, der 2007 auch seinen Weg auf die Leinwand fand.

Dort allerdings konnte er keinen Treffer landen und erntete überwiegend Verrisse – besonders die gegenüber der Vorlage stark abgeänderte Vorgeschichte des Killers stieß vielen Fans sauer auf. Der HITMAN floppte und die geplante Fortsetzung war vom Tisch. Da man jedoch trotzdem nicht gewillt war, die Flinte einfach so ins Korn zu werfen, entschied man sich für einen kompletten Neuanfang und schickte die Tötungsmaschine acht Jahre später ein zweites Mal in den Kampf um die Publikumsgunst. Und tatsächlich durfte der Titelheld dieses Mal auch wirklich ein Produkt von Genmanipulation sein und dem Reagenzglas entspringen, wie einem das Intro in Hypergeschwindigkeit erklärt. Dass Nähe zur Vorlage jedoch nicht alles ist, worauf es ankommt, machen einem die folgenden 90 Minuten dann nur allzu schmerzhaft bewusst – AGENT 47 mag zwar originalgetreuer sein als der Vorgänger, besser ist er deswegen noch lange nicht. Und nicht nur, dass er im direkten Vergleich den Kürzeren zieht – das Reboot entpuppt sich auch generell als fast schon desaströses Debakel, das selbst geringsten Ansprüchen nicht gerecht werden kann, was angesichts des gewiss vorhandenen Engagements, dieses Mal wirklich einen Treffer abzuliefern, eigentlich kaum erklärbar ist.

Die nur rudimentär vorhandene Story ist dabei nicht einmal das Problem - inhaltlicher Minimalismus kann für anständige Action-Unterhaltung unter Umständen ein wahrer Segen sein. Dass man sich frei von dramaturgischem Zusammenhang salopp von Szene zu Szene hangelt, ist hingegen schon weitaus gravierender. Falls jemals so etwas Ähnliches wie ein die Ereignisse verbindender Spannungsbogen vorhanden war – spätestens der hektische, ohne Fingerspitzengefühl gesetzte Schnitt hat ihn ins Nirwana befördert. Dabei sind gute Ansätze durchaus vorhanden. So liegt der Fokus zu Beginn nicht auf dem Hitman, sondern stattdessen auf der Protagonistin Katia van Dees [Hannah Ware], die offenbar ein Geheimnis hütet und deshalb aus zunächst unerfindlichen Gründen vom Titelgeber gejagt wird. Unterstützung bei der Flucht gewährt ihr dabei der aus heiterem Himmel auftauchende John Smith [Zachary Quinto], der sich ihrer annimmt und sie um die Absichten des kahlköpfigen Killers aufklärt. So entwickelt sich zunächst eine zwar nicht unbedingt originelle, aber durchaus brauchbare TERMINATOR-Variante, die lange Zeit von der Frage lebt, wer Freund und wer Feind ist. Doch spätestens, nachdem die Fronten geklärt sind, geht es endgültig den Bach runter. AGENT 47 springt ziellos von einem Schauplatz zum nächsten, streut unüberlegte Action-Sequenzen dazwischen und erstickt damit jeden Anflug von Ambition und Atmosphäre bereits im Keim.

Die unmotivierten Schlag- und Schusswechsel, eigentlich das Herzstück eines derartigen Genre-Beitrags, mögen teilweise nett konzipiert sein, sind jedoch dermaßen unübersichtlich geraten, dass sie keine Freude mehr bereiten: Zwar verteilt der Hitman eifrig Blei in gegnerische Köpfe und Körper, doch die Kamera wirbelt dabei so unstet durch das Szenario, dass man, in Kombination mit dem nervösen Schnitt, davon höchstens noch etwas erahnen kann. Verzweifelt wünscht man da die Ruhe und Entspanntheit eines JOHN WICK herbei, dessen durchaus vergleichbares Tagwerk selbst im größten Trubel stets noch strukturiert und nachvollziehbar blieb. Besonders bedauerlich ist das in Momenten, in welchen es einem immerhin dämmert, wie viel Potential hier eigentlich verschleudert wurde: Wenn der Retorten-Killer gegen Ende seine Widersacher in einer viel zu kurzen Szene in klinisch reiner, strahlend weißer Umgebung mit Patronen spickt und die daraus resultierenden Blutfontänen bizarre Muster auf dem blitzeblank polierten Untergrund hinterlassen, dann ist das genau die Mischung aus roher Gewalt und künstlerischem Anspruch, die man sich gern dauerhaft erbeten hätte.

Die zur Unterstützung der Massaker herangezogenen Digital-Effekte sind derweil für eine Kino-Produktion des Jahres 2015 schon beinahe blamabel und wirken, als wären sie mindestens 20 Jahre früher entstanden - umso erstaunlicher, dass sich die renommierte Schmiede 'ILM' dafür verantwortlich zeichnete. Das Niveau der permanenten Pixelei ist dabei durchgehend dermaßen tief angesiedelt, dass man diesen Umstand schon fast wieder als gewolltes Stilmittel anerkennen könnte. Im Sinne des Erfinders dürfte das wohl allerdings eher nicht sein. Zu allem Überfluss scheinen auch die Darsteller noch reichlich hilflos in ihren Rollen, obwohl sie zumindest rein theoretisch nicht vollkommen verkehrt besetzt sind. Nach Timothy Olyphant entledigte sich hier Rupert Friend [→ DIE LETZTE LEGION] seiner Haarpracht, um mit finsterer Miene den emotionslosen Super-Killer zu geben. Er müht sich redlich, wirft sich alle naslang in lachhaft-coole Posen, doch so recht will man ihm den harten Kerl dann doch nicht abkaufen. Hannah Ware [→ OLDBOY] wirkt als Fräulein auf der Flucht fast schon amateurhaft und auch Zachary Quinto [→ STAR TREK] scheint irgendwie gar nicht so richtig zu wissen, was genau er eigentlich tun soll. Lediglich der alte Schauspiel-Hase Ciarán Hinds [→ ROAD TO PERDITION] strahlt bei seinem Kurzauftritt eine souveräne Würde aus, obwohl er insgesamt natürlich sträflich unterfordert ist.

Dass das produzierende Studio tatsächlich die Hoffnung hegte, mit einem derartigen Produkt eine neue Erfolgsreihe auf den Weg schicken zu können, nimmt Wunder – zumal man mit Aleksander Bach auch noch einen Debütanten auf dem Regiestuhl parkte, der mit einem Projekt dieser Größenordnung merklich überfordert war. AGENT 47 wirkt phasenweise reichlich unbeholfen und erweckt den Anschein, als hätte eine im Fahrwasser des Erstlings entstandene Videopremiere Jahre später auf Umwegen doch noch irgendwie den Weg ins Kino gefunden. Der 2007er HITMAN mag nicht unbedingt dem Original entsprechen, war jedoch lupenrein inszeniertes, konsequent und kompetent in Szene gesetztes Actionkino. Der Neustart hingegen ist eine zerfahrene Ruine ohne Stil, Stimmung und sichtbares Konzept. Dass die deutsche Filmförderung das Projekt auch noch finanzkräftig unterstützte (eben dieselbe Filmförderung, die niemals auf die Idee käme, einem rein deutschen Action-Projekt auch nur einen müden Heller zuzuschanzen), macht betroffen, sorgt aber immerhin für den attraktiven Schauplatz Berlin und ein paar Gastauftritte gern gesehener heimischer Schauspieler. Retten kann das freilich nichts. AGENT 47 ist und bleibt ein Rohrkrepierer allererster Kajüte. Eliminieren! Jetzt! 

Laufzeit: 97 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 15. April 2015

THE GUNMAN


THE GUNMAN
GB, Frankreich, Spanien 2015

Regie:
Pierre Morel

Darsteller:
Sean Penn,
Jasmine Trinca,
Javier Bardem,
Ray Winstone,
Idris Elba,
Mark Rylance,
Melina Matthews,
Jasmine Trinca



Inhalt:

Kongo, 2006: Jim Terrier [Sean Penn] ist ehemaliger Soldat der Special Forces und soll als Mitglied des Sicherheitsdienst für Ordnung in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land sorgen. Tatsächlich jedoch ist er geheimes Mitglied einer Söldnergruppe. Als er den Auftrag erhält, einen korrupten Bergbauminister zu eliminieren, führt er den Auftrag aus, obwohl er weiß, dass er danach das Land verlassen und seine Geliebte Annie [Jasmine Trinca], die sich in dem von Unruhen und Gewalt gebeutelten Land als Ärztin verdient macht, ohne Erklärung zurücklassen muss. Acht Jahre später hat Terrier sein blutiges Geschäft niedergelegt und engagiert sich im Land mit humanitärer Hilfe. Doch eines Tages holt seine Vergangenheit ihn ein: Bewaffnete Männer verüben einen Anschlag auf ihn, dem er durch Glück und Können entrinnen kann. Er erfährt, dass zwei seiner damals ebenfalls am Anschlag beteiligten Kollegen bereits liquidiert wurden. Die Suche nach den Hintermännern führt ihn schließlich zu seinem alten Bekannten Felix [Javier Bardem] – der mittlerweile mit Annie verheiratet ist.

Kritik:

Regisseur Pierre Morel war unter anderem mit dafür verantwortlich, dass das Adrenalinkino im Jahre 2008 einen kleinen Schub erlebte, als er den bis dahin überwiegend als Charakterdarsteller in Erscheinung getretenen Liam Neeson zum Actionhelden umpolte und ihn in 96 HOURS leichenreich nach seiner entführten Tochter suchen ließ. Dank des kompromisslosen Tons, der geradlinigen Erzählweise und der ebenso unkonventionellen wie treffsicheren Besetzung in der Hauptrolle wurde der eigentlich recht unspektakuläre Reißer zu einem Überraschungserfolg und inspirierte eine ganze Horde Nachahmer, die nun ebenfalls zu den Waffen griffen, um unrechtes Betragen entsprechend zu vergelten. Nach dem verunglückten FROM PARIS WITH LOVE blieb Morel mit der Romanverfilmung THE GUNMAN dem Genre auch weiterhin treu und inszenierte erneut ein feuriges, mit Explosionen, Nahkämpfen und Schusswechseln gespicktes Killerspektakel, dem es zwar an der einstigen rebellischen Frische fehlt, Freunden markiger Krawallveranstaltungen jedoch trotzdem ordentlich Zucker vor die Füße wirft.

Offenbar daran gelegen, den Besetzungscoup 96 HOURS' zu wiederholen, holte man sich dafür ebenfalls einen nicht mehr ganz taufrischen, doch allgemein geachteten Edelmimen ins Boot: Sean Penn, immerhin sogar zweifacher Oscar-Preisträger, gibt hier mit merklich aufgepumpten Oberarmen die gefährliche Tötungsmaschine, und in der Tat hat man kaum Schwierigkeiten damit, ihm diese auch abzunehmen. Penns Mitarbeit beschränkte sich jedoch nicht allein auf das Absolvieren der Titelrolle, er übernahm zusätzlich auch Funktionen in den Bereichen Produktion und Drehbuch. Vermutlich letzterem Umstand ist es zu verdanken, dass THE GUNMAN für ein vorgebliches Actionvehikel ungewohnt gesellschaftskritisch geriet und zunächst wie ein Polit-Thriller beginnt, wenn er einen halbdokumentarischen Blick auf die zerfahrene Situation der vom Bürgerkrieg gebeutelten Republik Kongo wirft. Auch wenn nach geraumer Zeit die zu erwartenden bleihaltigen Meinungsverschiedenheiten der Protagonisten im Mittelpunkt stehen, so ganz fallengelassen werden die anklagenden Untertöne bis zum Schluss nicht wirklich.

Der weitere Verlauf erfindet das Rad dabei gewiss nicht neu. Das Geschehen läuft in altbekannten Bahnen und die pflichtbewusst ins Skript geschriebenen Wendungen geben sich nicht einmal großartig Mühe, einen wirklichen Überraschungseffekt zu erzielen: Wer hier am Ende der große Kontrahent sein wird, liegt ebenso auf der Hand, wie die Gewissheit, dass der einzige weibliche Teil der Belegschaft schließlich als zitternde Geisel herhalten muss. Doch trotz bewährter Story-Schablone gelingt dem GUNMAN durchgehend packende Unterhaltung ohne wirklichen Durchhänger, bei der selbst das eingesponnene, im Prinzip ebenfalls alles andere als originell erdachte Dreiecksdrama nicht aufgesetzt wirkt, sondern wie ein notwendiger Faktor, um emotionale Tiefe zu schaffen und den verzweifelten Gefechten der Hauptfigur einen glaubwürdigen Motor zu verleihen.

Die Kombination aus Anspruch und Action läuft zugegebenermaßen nicht immer ganz so rund, wie ihre Macher es wohl eigentlich im Sinn hatten; der humanitären Nachdenk-Botschaft stehen immer wieder doch reichlich trivialer Radau und eine eher banal konstruierte Ereigniskette gegenüber, bei der sich – fast schon genretypisch – vor allem gegen Ende Albernheiten und absurde Zufälle häufen. Zudem erweist sich der bei der Hauptfigur mal eiligst herbeidiagnostizierte Hirnschaden, der bei Stress zu Übelkeit, Ohnmacht, Gedächtnisverlust, wenn nicht sogar zum Tode führen kann, als reichlich billiger Drehbuchkniff, spielt diese Krankheit doch tatsächlich nur dann eine Rolle, wenn sie zufällig gerade ins dramaturgische Konzept passt, ist ansonsten jedoch überhaupt kein Thema.

Dass das Gesamtpaket dennoch passt, liegt in erster Linie an der straffen Inszenierung und der unkonventionellen Besetzung, die einmal mehr die halbe Miete ist: Sean Penns Rolle als Actionheld unterscheidet sich bereits im Ansatz grundlegend von seinen früheren Figuren und wirkt gerade deswegen erfrischend unverbraucht. Dabei geht sein Jim Terrier im Einsatz nicht gerade zimperlich zur Sache, und so mancher seiner Gewaltakte sorgt auch beim Betrachter für zusammengebissene Zähne und schmerzverzerrte Miene. Der reaktionäre Grundton allerdings, der 96 HOURS einst auszeichnete, fehlt hier quasi völlig. Der GUNMAN ist kein grimmiger Bestrafer, der schon von Haus aus niemanden mit heiler Haut davonkommen lässt, er ist ein verzweifelter Kämpfer, der eben tut, was er tun muss, wenn er dazu gezwungen wird, sein eigenes Leben oder das seiner Lieben zu retten. Jim Terriers Urteil würde nicht ‚Selbstjustiz‘ lauten, sondern ‚Notwehr‘.

Nicht nur die Hauptrolle wurde mit Bedacht gewählt, auch an anderer Stelle macht der GUNMAN diesbezüglich so einiges richtig: Javier Bardem, der zuvor bereits in James Bonds SKYFALL dem Genre einen Besuch abstattete, ist als Penns Rivale ebenfalls eine überaus gebührende Besetzung, für dessen Figur man im Wechsel Misstrauen und Mitleid empfindet. Die Italienerin Jasmine Trinca [→ DAS ZIMMER MEINES SOHNES] bekam eine zwar antreibende, doch auf darstellerischer Ebene eher undankbare Rolle zugedacht und zieht sich aufgrund ungünstiger Umstände eigentlich ständig nur aus und an, während Idris Elba [→ PACIFIC RIM] ebenfalls völlig unterfordert ist und erst kurz vor Schluss ins Spiel kommt, um noch schnell ein paar Weisheiten abzusondern. Ein wenig besser erwischte es da Ray Winstone [→ INDIANA JONES UND DAS KÖNIGREICH DES KRISTALLSCHÄDELS], dem sein Part als kauziger Kumpel Terriers auf den nicht unerheblichen Leib geschneidert wurde und der dabei mit seiner lakonischen Art einige Sympathiepunkte sammeln kann.

THE GUNMAN besitzt nicht mehr die anarchistische Aufbruchsstimmung eines 96 HOURS, wirkt insgesamt wesentlich glatter und durchfrisierter. Doch trotz ähnlicher Anlage und Thematik sind beide Werke bereits dermaßen unterschiedlich konzipiert, dass sich ein Vergleich ohnehin nur noch aufgrund des identischen Regisseurnamens aufdrängt. Morel und seinem Team gelang ein engagierter, konzentriert durchexerzierter Feuerzauber, der weder ausufernd originell daherkommt, noch dem Genre etwas vollkommen Neues hinzufügen kann, aber dennoch gut zwei Stunden kompetent dargebotene Zerstreuung bietet, die gleichzeitig noch genug Intellekt besitzt, um dem Zuschauer kein schlechtes Gewissen aufzuhalsen. Die Antwort auf die Frage allerdings, warum das Finale in einer Stierkampfarena stattfindet, obwohl der Abspann sehr richtig darauf hinweist, dass zum Drehzeitpunkt in Barcelona bereits gar keine Stierkämpfe mehr stattfanden, bleibt bis zum Schluss unbeantwortet. Vermutlich war die Metapher vom rituellen Kampf Mann gegen kraftstrotzende Übermacht dann doch zu gut, um sie nicht zu verwenden.

Laufzeit: 115 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 12. April 2015

SHOOTOUT - KEINE GNADE


BULLET TO THE HEAD
USA 2012

Regie:
Walter Hill

Darsteller:
Sylvester Stallone,
Sung Kang,
Jason Momoa,
Christian Slater,
Sarah Shahi,
Adewale Akinnuoye-Agbaje,
Jon Seda,
Holt McCallany



Inhalt:

Jimmy Bobo [Sylvester Stallone] und sein Partner Louis Blanchard [Jon Seda] sind Auftragskiller. Als sie den Auftrag erhalten, einen korrupten Polizisten kaltzumachen, wird der Job zwar mit gewohnter Präzision erledigt, doch als sie ihren Lohn in Empfang nehmen möchten, taucht ein weiterer Killer auf. Louis überlebt die Attacke nicht; Jimmy hegt Rachegelüste. Dabei trifft er auf den jungen Polizisten Taylor Kwon [Sung Kang], der den Tod seines Kollegen gesühnt haben möchte. Der Killer und der Cop raufen sich zusammen und suchen leichenreich nach dem Auftraggeber. Diesen finden sie bald in Gestalt des reichen Unternehmers Morel [Adewale Akinnuoye-Agbaje], der ein ganzes Wohnviertel dem Erdboden gleich machen möchte, um auf dem Gelände Supermärkte und Eigentumswohnungen zu errichten. 

Kritik:

Walter Hill, das ist ein Name, der in den 80er (und mit Einschränkungen auch noch in den 90er) Jahren für staubtrockenes, geerdetes Action-Entertainment stand, bei dem in der Regel erst geschossen und dann gefragt wurde. Das nannte sich dann NUR 48 STUNDEN, AUSGELÖSCHT oder LAST MAN STANDING und bestach durch dünne Storys, deftige Einzeiler und beträchtlichen Blutzoll. Im folgenden Jahrtausend wurde es dann sehr ruhig um den einstigen Erfolgsregisseur, bis er 2012 quasi wie aus dem Nichts wieder auf der Matte stand, um mit seinem Spätwerk BULLET TO THE HEAD so zu tun, als wäre die Zeit in all den Jahren einfach stehengeblieben. 'Zurück zu den Wurzeln' lautete das Motto, weg vom pixelgestützten Digital-Tumult, hin zum handfesten Haudrauf-Spektakel. Dass dabei ausgerechnet Sylvester Stallone die Hauptrolle bekleidet, ist natürlich kein Zufall: Der Action-Altstar propagandierte nach langer cineastischer Durststrecke die Rückkehr zu alten Tugenden, kehrte als ROCKY BALBOA und JOHN RAMBO in seine Paraderollen zurück und trommelte die EXPENDABLES zusammen, um mal mehr, mal weniger gelungene Reminiszenzen an vergangene Zeiten abzufeuern.

Das Aufbäumen gegen Verschleiß und Veränderung erreicht mit BULLET TO THE HEAD (der fürs deutsche Publikum unnötigerweise in SHOOTOUT umgetauft wurde) einen fast schon an Verzweiflung grenzenden Höhepunkt, merkt man doch deutlich, wie verkrampft man hier bemüht war, die 'Old School'-Fahne hochzuhalten. Das mag zwar ein gut gemeinter Fan-Service für Alteingesessene und Traditionalisten sein, geht über einen großen Zeitraum jedoch zulasten von Eigenständigkeit und Innovation. Bereits die mehr als simpel erdachte Alibihandlung wurde von quasi jeglicher Ablenkung befreit. Was andernorts gewiss auch positiv bewertet werden darf, wird hier zum großen Defizit, hatte Autor Alessandra Camon der grassierenden Inhaltsarmut doch kaum etwas entgegenzusetzen. Die Ereignisse entwickeln sich fast sträflich absehbar und auf sattsam ausgetretenen Pfaden. Dass man für eine derartige Reißbrett-Story, die jeder Praktikant in der Mittagspause zu Papier bringen könnte, sogar eine Comic-Vorlage bemühen musste, ist durchaus einen Lacher wert.

So hatte man dann auch auffallend Mühe, das Geschehen auf eine zumindest leidlich akzeptable Lauflänge zu zerren. Immer wieder kutschieren Stallone und sein Partner deshalb durch die Gegend und überbrücken die Zeit zwischen den einzelnen Stationen durch gezwungen humorvolle Streitgespräche, bevor Kwon sein Smartphone (eines der wenigen Zugeständnisse an die Neuzeit) zückt, um im Nullkommanichts alle benötigten Informationen über den nächsten Bösewicht abzurufen. Der folgende Besuch bei selbigem endet dann in der Regel mit einem zünftigen Schlagabtausch, der dann immerhin überzeugend und mit angenehm-altmodischer Grobheit in Szene gesetzt wurde. Diese Ruppigkeit ist es dann auch, die BULLET TO THE HEAD bei aller Belanglosigkeit zu seinem Unterhaltungswert verhilft: Es wird geschossen, gestochen, gestorben – und der erste Warnschuss geht meistens direkt in den Kopf. Die Choreografie ist anständig, der Ton kompromisslos und die Aktionen angenehm bodenständig und frei von neuzeitlicher Übertreibung.

In solchen Momenten wird einem bewusst, wie viel Potenzial hier eigentlich verschenkt wurde. Gewiss hätte es kaum zur großen Genre-Revolution gereicht, doch mit etwas mehr Feinjustierung wäre eine saubere Action-Hommage dabei herausgekommen. Doch wurden so ziemlich sämtliche Möglichkeiten zur Erschaffung interessanter Figuren vertan, und das, obwohl Ideen zumindest im Ansatz vorhanden waren (so bringt Stallones Jimmy stets seinen eigenen Schnaps mit in die Bar, weil seine Lieblingsmarke kein Schwein kennt). Auch die 'Buddy'-Komponente, also das Konzept, zwei grundverschiedene Charaktere aufeinanderprallen zu lassen, zwischen denen aller Differenzen zum Trotze am Ende eine respektierende Freundschaft erwächst, die der Regisseur in früheren Arbeiten wie NUR 48 STUNDEN oder RED HEAT mit solch selbstverständlicher Leichtigkeit beherrschte, wurde kaum genutzt, obwohl mit Sung Kang (der zudem die Brücke zum jüngeren FAST & FURIOUS-Publikum schlägt) ein durchaus geeigneter Kandidat vorhanden war.

Auch an anderer Stelle blitzen hin und wieder interessante Aspekte auf, die der ganzen Sache zusätzliches Pfeffer hätten verleihen können, würden sie nicht sang- und klanglos wieder fallengelassen werden. So bewegt sich das Geschehen einen Moment lang kurz in Richtung des klassischen Cop-Thrillers, schneidet kurz das Thema der Korruption im Polizeiapparat an, widmet sich dann aber, als hätte man Angst davor, den straffen Faden zu verlieren, doch wieder dem erzählerischen Alltag. Und dieser besteht nun mal aus einem Sylvester Stallone, der nach altbekannter Manier aus der Wäsche guckt, als könnte er seit geraumer Zeit nicht mehr anständig aufs Klo gehen, und einem ganzen Sack voller Gegner, die so klischeehaft gezeichnet sind, dass sie zu keinem Zeitpunkt als ernsthafte Bedrohung durchgehen. Überraschend uninspiriert geriet dabei vor allem die Rolle des eigentlich gern gesehenen Christian Slater, der als windiger Winkeladvokat eine sehr lustlose Darstellung hinlegt. Nun war Slater zu dem Zeitpunkt schon längst nicht mehr der Star, der einst in Krachern wie BROKEN ARROW vor jugendlicher Energie sprühte (sondern stattdessen Dauergast in minderwertigen Videopremieren), dennoch (oder gerade deswegen) wäre selbst bei einer solch eindimensionalen Figur ein wenig mehr Engagement wünschenswert gewesen.


Jason Momoa, der durch den TV-Hit GAME OF THRONES als grobschlächtiger Haudrauf mit furchteinflößender Physis bekannt wurde, gibt – aufgrund einer albern erdachten Wendung, die praktischerweise einen Großteil der Kontrahenten Stallones ausschaltet – schließlich Jimmys Endgegner Keegan – ein primitiver Schläger mit deutlich mehr Muskel- als Hirnmasse, der den Kampf anstatt mit Feuerwaffen lieber mit mittelalterlichen Streitäxten ausfechten möchte. Und Adewale Akinnuoye-Agbaje [→ KILLER ELITE] als skrupelloser Unternehmer Morel wirkt in seiner Motivation nicht nur recht ziellos, sondern scheint auch keine Ahnung davon zu haben, dass man den Inhalt eines USB-Sticks mit Leichtigkeit kopieren könnte – womöglich ebenfalls eine Anspielung auf die technikunerfahrenen 80er Jahre, vermutlich jedoch nur ein weiterer Fauxpas eines Drehbuchs, das sich um Dinge wie Schlüssigkeit nur wenig scherte, solang ein Sylvester Stallone nur genügend Leute zum Plattmachen findet.

Actionfans alter Schule können sich BULLET TO THE HEAD trotz aller Defizite durchaus mal gefallen lassen: In schwülem Ambiente, von staubigem Stoner Rock begleitet, erzählt Walter Hill ein der Zeit entrücktes Mordspektakel, das auch den Trend bescheuerter Stallone-Rollennamen (auf so etwas wie 'Jimmy Bobo' muss man erstmal kommen) nahtlos fortsetzt. Im Vergleich mit dem zeitnah gestarteten, wesentlich versierterem THE LAST STAND, welcher mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle ebenfalls dem klassischen Actionkino Tribut zollt, muss Stallones Auftritt jedoch zurückstecken und wirkt durch sein fast schon trotziges Schwelgen in vergangenen Tagen wie eine ewig-gestrige Kopie einstiger Erfolge, die keinen wirklich überzeugenden Grund liefert, nicht lieber zu einem der Originale zu greifen.


Laufzeit: 91 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 4. Februar 2015

JOHN WICK


JOHN WICK
USA, Kanada, China 2014

Regie:
David Leitch,
Chad Stahelski

Darsteller:
Keanu Reeves,
Michael Nyqvist,
Alfie Allen,
Willem Dafoe,
John Leguizamo,
Ian McShane,
Bridget Moynahan



Inhalt:

John Wick [Keanu Reeves] scheint ein eher durchschnittlicher Typ zu sein. An einer Tankstelle bewundert der Kleinkriminelle Iosef [Alfie Allen] dessen Auto und möchte es kaufen. John weigert sich. Das kann der arrogante Bandenchef nicht auf sich sitzen lassen: Zusammen mit seinen beiden Kumpanen bricht er des Nachts in Johns Wohnung ein, schlägt ihn zusammen, klaut sein Auto – und tötet dessen Hund. Das war ein Fehler: Einst war Wick einer der besten Auftragskiller überhaupt. Nach seiner Hochzeit setzte er sich zur Ruhe. Der Hund war das einzige, was John Wick noch von seiner verstorbenen Frau geblieben war. Nun erwacht sein Tötungsinstinkt von Neuem. Sein Ziel: Rache an Iosef, dem Mörder seines Hundes. Doch Iosef ist der Sohn seines ehemaligen Auftraggebers Viggo [Michael Nyqvist], dem Anführer des russischen Syndikats. Dieser hetzt seine Männer auf John. Das Töten beginnt.

Kritik:

Die Leute fragen mich ständig, ob ich wieder zurück bin. Ich wusste nie, was ich darauf antworten sollte“, beschwert sich die Hauptfigur JOHN WICKs an einer Stelle und fügt schließlich, nur wenige Augenblicke vor seinem nächsten Massaker, hinzu: „Ja, ich glaube, ich bin es.“

In diesem Moment ist nicht ganz klar, wer hier eigentlich genau spricht: Ist es tatsächlich John Wick, der titelgebende Profikiller, der auf seinem ausufernden Rundum-Rachefeldzug alles wegrotzt, was nicht bei Drei auf dem Baum hockt? Oder ist es gar der einstige Superstar Keanu Reeves, der diesen verkörpert und der nach seinen Kassenschlagern SPEED und MATRIX jahrelang vom Erfolgsfenster verschwunden war? Dessen Asien-Ausflüge 47 RONIN und MAN OF TAI CHI zwar ungemein sympathisch waren, aber dennoch keinen müden Cent verdienten? Und der mit JOHN WICK zeigen wollte, dass er trotz 50 (quasi unsichtbaren) Jahren auf dem Buckel noch längst nicht zum alten Eisen gehörte?

So ganz genau lässt sich das gar nicht sagen, verschmelzen beide Figuren doch quasi zu einer Einheit: Reeves gibt den abgebrühten Superkiller dermaßen souverän, als hätte er nie zuvor etwas anderes gespielt. Nicht eine Sekunde zweifelt man daran, es hier tatsächlich mit einer eiskalten Mordmaschine zu tun zu haben, die, wurde sie erst einmal aktiviert, nichts und niemand mehr stoppen kann. Da stört es auch gar nicht allzu sehr, dass eigentlich nicht so wirklich ersichtlich ist, worin genau denn nun eigentlich seine großartige Überlegenheit besteht, die seine Kontrahenten so fürchterlich mit den Knien schlottern lässt: John Wick ballert auch nicht mehr oder gar koordinierter durch die Gegend als seine Heerscharen an Gegnern es tun. Er trifft nur einfach öfter und seine Feinde sind am Ende deutlich toter als er. Schon allein deswegen wirkt John Wick häufiger wie ein moderner Westernheld, dessen Kugeln schon allein aus Prinzip ihr anvisiertes Ziel genau zwischen die Augen treffen.

Die papierdünne Handlung vom ehemaligen Meistermeuchler gönnt sich einen zurückhaltenden Alibieinsteig, der diesen zunächst als trauernden Witwer, dann als unscheinbaren Durchschnittstypen mit geregelt-gelangweiltem Tagesablauf zeigt. Diese zwar nicht originelle, doch sorgfältig entwickelte Exposition endet mit der ebenso absehbaren wie von Actionfreunden fast schon sehnsüchtig erwarteten Ermordung seines Hundes – der letzten Hinterlassenschaft seiner verstorbenen Ehefrau, die für ihn einst Grund dafür war, das blutige Geschäft an den Nagel zu hängen. Aus Drehbuchsicht nur logisch, dass dieses Ereignis postwendend wieder den Tötungsschalter umlegt: John Wick hackt das Fundament seines Hauses in Stücke, befreit das dort schlummernde Waffenarsenal und beginnt einen präzise durchorganisierten Rachefeldzug. Kaum eine Minute vergeht, ohne dass Wick seine Gegner gleich im Dutzend zur Strecke bringt, ihnen die Knochen bricht oder den Schädel sprengt. Dabei wird dieser fast zur mystischen Figur stilisiert, zu einem Orkan der Rache, der mit brachialer Gewalt über seine ohnmächtigen Feinde kommt.

Die daraus resultierenden Dauermassaker sind quasi die Definition von Rasanz und Stringenz: John Wick springt, schlägt, sticht und schießt in einem Affenzahn und in konzentrierter Choreographie, sämtliches Mobiliar geht zu Bruch, wahre Leichenberge türmen sich auf. Jede Sympathie ruht dabei von Anfang an nur auf ihm, seine Gegner werden wenig ambivalent als reichlich klischeebehaftete Russenmafia-Bagage skizziert, deren zahlreiches Ableben nun nicht wirklich Mitgefühl verursacht. Mit etwas bösem Willen könnte man JOHN WICK das durchaus zum Vorwurf machen: Die Formelhaftigkeit, mit der Figuren und Handlung zum Leben erweckt wurden, ist von fast schon kapitulierender Banalität, alles gehorcht in minutiöser Vorhersehbarkeit bewährten Schablonen, die Zutaten scheinen bereits mehrere Jahrhunderte alt. Doch als Unterbau und Rechtfertigung für das graziös inszenierte Dauerfeuer erfüllt das Konzept voll und ganz seinen Zweck.

Hin und wieder wird das grundsätzlich düster gezeichnete Geschehen von leichten Anflügen schrägen Humors unterwandert, in den JOHN WICK zwar bisweilen ein wenig zu sehr selbst verliebt zu sein scheint, welcher jedoch dezent im Hintergrund bleibt: So steigt die Titelfigur in einem Luxushotel ab, das allein der Residenz von Profikillern dient. Hier gilt unbedingtes Tötungsverbot, Behandlung von Schussverletzungen gibt’s inklusive, bezahlt wird mit exklusiv zu diesem Zwecke gefertigten Goldmünzen. Und an anderer Stelle klingelt ein Polizist an Wicks Haustür, da sich die Nachbarn über Ruhestörung beklagt haben, bemerkt aufgrund der in der Wohnung liegenden zerschossenen Leiber, dass Wick in seinen Job als Killer zurückgekehrt ist, und verschwindet wieder, nicht ohne noch einen freundlichen Gruß zu hinterlassen. In solchen Momenten präsentiert JOHN WICK eine Art Paralleluniversum, das zwar absurd anmutet, jedoch gleichzeitig auch an der Realität angelehnt ist: Die Killer leben nach ihren eigenen Regeln, nach fremden Kodizes, in einer unnahbaren, fernen Welt, die sie in natürlicher Selbstverständlichkeit bewohnen, völlig losgelöst und somit unantastbar von Recht und Gesetz.

Die Besetzung ist frei von Tadel: Keanu Reeves, mit Ausnahme anfänglicher Gefühlswallungen stets über den Dingen zu schweben scheinend, definiert die Darstellung des Auftragskillers zwar nicht neu wie Chow Yun-Fat [→ THE KILLER] oder Charles Bronson [→ KALTER HAUCH], legt aber in lässigster Selbstverständlichkeit eine so überzeugende Leistung hin, dass seine bisherigen Rollen lediglich wie Übungen für JOHN WICK wirken. Alfie Allen als missratener Mafiasohn wiederholt seine Unsympathenrolle aus dem Fernsehhit GAME OF THRONES, Michael Nyqvist [→ VERBLENDUNG] gibt dazu souverän den Verbrecherkönig, der im Angesicht Wicks stets versucht, Fassung zu bewahren, insgeheim aber weiß, dass er gegen dessen Übermacht keine Chance hat. Willem Dafoe [→ WILD AT HEART] spielt als John Wicks zwielichtiger Kollege zwar etwas sehr auf Autopilot, stiftet aufgrund seiner Undurchsichtigkeit jedoch ein wenig zusätzliche Verwirrung. Dass man für Wicks verblichene Gattin mit Bridget Moynahan [→ DER ANSCHLAG] ein gar nicht so unbekanntes Hollywood-Gesicht engagierte, nimmt hingegen etwas Wunder, spielt diese doch so gut wie gar keine Rolle und hätte auch von Hella von Sinnen verkörpert werden können, ohne dass dieses großartig aufgefallen wäre.

Bisweilen mutet JOHN WICK ein wenig wie die Verfilmung eines brutalen PC-Ballerspiels an, was von den Machern dadurch karikiert wird, dass sich eine von Wicks Zielpersonen in ihrem Versteck mit einem eben solchen die Zeit vertreibt (dass aus den Austrittswunden von Wicks Opfern deutlich als solches zu erkennendes Pixelblut spritzt, ist hingegen vermutlich ein eher unfreiwilliges Zitat). Die Narration verdient keine Originalitätspunkte, die Entwicklung ist vorhersehbar bis zur letzten Patrone und bemüht gegen Ende gar eine Vielzahl retardierender Momente, die im Prinzip gar nicht Not getan hätten: Ein gut 15 Minuten früher einsetzender Abspann hätte JOHN WICK gewiss nicht geschadet. Auch eine wirkliche Klimax ist nicht zu erkennen, die Schusswechsel und Zweikämpfe bleiben stets gleich, ohne dass das Finale noch einmal großartig einen draufsetzen könnte. Doch die Kritikpunkte verschwinden mehrheitlich im Kugelhagel. Am Ende bleibt ein straffes, konsequent durchgeführtes Actionbrett, das keine Gefangenen macht und vor allem eines beweist: Keanu Reeves ist zurück.

Laufzeit: 101 Min. / Freigabe: ab 16

Dienstag, 24. Juli 2012

HÖLLENHUNDE BELLEN ZUM GEBET


CON LA RABBIA AGLI OCCHI
Italien 1976

Regie:
Antonio Margheriti

Darsteller:
Yul Brynner,
Barbara Bouchet,
Martin Balsam,
Massimo Ranieri,
Giancarlo Sbragia,
Salvatore Borghese,
Giacomo Furia,
Loris Bazzocchi



Inhalt:

Peter Marciani [Yul Brynner] ist Profikiller, wenn auch bereits im Ruhestand. Als er eines Tages jedoch Besuch vom Syndikat bekommt, ist es erstmal Essig mit dem ruhigen Lebensabend: Der Mafia-Scherge steckt ihm im Vertrauen zu, wer für den Tod seines Bruders verantwortlich ist und beauftragt den alternden Auftragsmörder mit der Liquidierung des Schuldigen. Peter reist zwar umgehend nach Neapel, doch die Jahre haben Spuren hinterlassen: Langsam, aber sicher verliert er sein Augenlicht. Durch Zufall macht er jedoch die Bekanntschaft des draufgängerischen Heißsporns Angelo [Massimo Ranieri], der sich seinen Lebensunterhalt dadurch verdient, dass er im Auftrag der Wettmafia mit dem Luftgewehr auf Rennpferde schießt, um somit den Ausgang des Rennes zu beeinflussen. Peter ist Angelos großes Vorbild, möchte er doch genauso berühmt werden in der Szene wie er. Nach anfänglicher Skepsis nimmt Peter ihn unter seine Fittiche und beschließt, ihn zu seinem Nachfolger auszubilden. Doch ein verbissener Kommissar [Martin Balsam] ist den beiden Männern bereits auf ihren blutigen Fersen. 

Kritik:

Antonio Margheriti ist Freunden des italienischen Genrekinos gewiss nicht unbekannt und wird wohl in erster Linie mit den Kriegs- und Söldnerfilmen assoziiert, die der produktive Regisseur ab Beginn der 80er Jahre bevorzugt im philippinischen Dschungel drehte – kostengünstige, aber effektive Abenteuerspektakel wie IM WENDEKREIS DES SÖLDNERS oder GEHEIMCODE: WILDGÄNSE. Tatsächlich aber gab es kaum ein erfolgversprechendes Metier, das Margheriti ausgelassen hat, sei es nun Science-Fiction [→ RAUMSCHIFF ALPHA], Western [→ SATAN DER RACHE] oder Giallo [→ 7 TOTE IN DEN AUGEN DER KATZE]. Im Jahre 1976, also gut fünf Jahre, bevor er anfing, massenweise Miniaturmodelle in die Luft zu sprengen und sich damit bei den Actionfans einen Namen zu machen, inszenierte er mit HÖLLENHUNDE BELLEN ZUM GEBET einen astreinen Beitrag zur Gattung des Killer-Thrillers, in dem eine erfreulich geradlinige Erzählweise auf die bewährte italienische Ruppigkeit trifft.

Die Hauptrolle übernahm der damals bereits über 60 Lenze zählende Hollywood-Haudegen Yul Brynner, der auch zuvor schon mit dem Italo-Kino liebäugelte, als er den Titelpart in dem sarkastischen Western ADIOS, SABATA übernahm. Die Besetzung erweist sich hier als waschechter Glücksgriff, und das nicht nur, weil sein bekannter Name auch für eine anständige Portion internationale Aufmerksamkeit sorgte: Brynners markant-kantiges Antlitz, das kalte Gnadenlosigkeit wie menschliche Wärme gleichermaßen auszustrahlen vermag, ist für die Rolle des alternden stoischen Auftragsmörders geradezu wie geschaffen und man wagt es von Anfang an nicht eine Sekunde, daran zu zweifeln, es bei Peter Marciani mit einem gefährlichen Killer zu tun zu haben. Bereits sein erster Auftritt ist grandios: Lässig hockt er dort am East River, die Angelrute in der Hand, und blickt seinen just hinzugekommenen Auftraggeber kaum von der Seite an. „Ohne mich“, antwortet er ohne Umschweife, als ihm ein neuer Job in Aussicht gestellt wird. Doch als ihm sein Kollege offenbart, dass das neue Ziel der Mörder seines Bruders ist, verfinstert sich seine Miene und er zögert er nicht eine weitere Sekunde: „Adresse? Name?“

Diesem wahrhaft knochentrockenen Auftakt folgt eine konzentriert erzählte Mafia-Story über Ehre, Treue und Verrat, die zwar alle erdenklichen inhaltlichen und personellen Stereotypen bedient, ihr Publikum jedoch aufgrund ihrer fesselnden Narration bis zum melancholisch angehauchten Finale halten kann. Actionmäßig wird dabei eher auf Sparflamme gekocht. Zwar kommt es hin und wieder mal zu Schlagabtauschen oder Verfolgungsjagden und auch ein paar Kugeln treffen durchaus ihr Ziel, im Mittelpunkt jedoch stehen stets die handelnden Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Das gilt besonders, nachdem Marciani auf seinen Schützling Angelo trifft, der von Massimo Ranieri [→ MORDANKLAGE GEGEN EINEN STUDENTEN] mit glaubwürdigem jugendlichem Übermut zum Leben erweckt wird. Der junge Heißsporn möchte zwar ausgebildet werden in der Kunst des Tötens, schlägt aber zu oft über die Stränge und muss sich den Respekt des alten Mannes jedoch erst noch verdienen.

Von der Thematik her erinnert in ihren Grundzügen natürlich stark an den vier Jahre zuvor entstandenen amerikanischen Reißer KALTER HAUCH, in welchem Charles Bronson in einer sehr ähnlich angelegten Rolle einen in die Jahre gekommenen Killer verkörperte, der ebenfalls einen jugendlichen Nachfolger unter seine Fittiche nimmt und ihm das Morden beibringt. Angesichts der Tatsache, dass die italienischen Filmschaffenden wahre Meister darin waren, ausländische Erfolgsrezepte zu adaptieren und neu aufzukochen, sind diese Parallelen gewiss auch kein Zufall. Doch HÖLLENHUNDE BELLEN ZUM GEBET ist weit davon entfernt, bloß eine simple Kopie zu sein und entwickelt sich letztendlich in eine ganz andere Richtung. Während sich Bronsons Schüler schnell als Sadist entpuppt, der sich schließlich gegen seinen Meister stellt, bleibt Brynners Zögling trotz seiner amoralischen Absichten bis zum Schluss eine Sympathiefigur, die ihrem großen Vorbild im weiteren Verlaufe immer ähnlicher wird.

Auch wurde der rauen Mörderhatz ein weiterer interessanter Aspekt hinzugefügt: So verliert der Auftragsmörder in regelmäßigen Abständen sein Augenlicht und droht zu erblinden. Doch scheinen diese Symptome eher psychologisch bedingt zu sein. „Mehr als jedes andere Organ des menschlichen Körpers kann der Sehnerv von schrecklichen Erlebnissen der Vergangenheit beeinflusst werden“, erklärt ihm sein Arzt, während man in einer Rückblende Zeuge der Ermordung von Marcianis Bruder wird. Das klingt in medizinischer Hinsicht zwar nicht unbedingt plausibel, besitzt dafür jedoch einen hohen symbolischen Wert: Das traumatische Ereignis, dem Tod des Bruders beiwohnen zu müssen, lastet dermaßen auf der Psyche des Killers, dass er seine Arbeit, die er eigentlich in eiskalter Perfektion beherrscht, nicht mehr korrekt ausführen kann. Ein gelungener dramaturgischer Kniff, der zu einigen zusätzlichen Spannungsmomenten führt.

Als ermittelnder Kommissar (der bis zum Schluss namenlos bleibt) agiert neben Yul Brynner mit Martin Balsam ein weiterer US-Import, der einerseits in Meisterwerken wie PSYCHO oder EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE mit von der Partie war, sich es jedoch ebenfalls nicht nehmen ließ, sein Gesicht in regelmäßigen Abständen dem Italo-Kino zur Verfügung zu stellen und dabei zur Not auch fröhlichen Unfug wie ZWIEBEL-JACK RÄUMT AUF in seine Vita aufnahm. Auch Balsam überzeugt voll und ganz als bärbeißiger Gesetzesdiener; sein Gespräch mit Yul Brynner, in dem beide Parteien sich belauern und gegenseitig die Bälle zuspielen, geriet zu einem der darstellerischen Höhepunkte. Für die weibliche Note im Geschehen sorgt die in Deutschland geborene Barbara Bouchet [→ DER CLAN DER KILLER], die erst einen Striptease hinlegen darf, bevor sie, wenn auch vom Drehbuch etwas unzureichend motiviert begründet, dem Profikiller schöne Augen machen darf. Obwohl ihre Figur kaum mehr ist, als ein fast schon verärgernd simpel entworfenes Frauenklischee, beeindruckt auch sie durch Schönheit und Schauspiel gleichermaßen.

Auch an anderen Stellen tummeln sich Gesichter, die bei Fans des europäischen Kinos immer wieder gern gesehen werden, sei es Luigi Bonos [→ DJANGO – SCHIESS MIR DAS LIED VOM STERBEN] oder Charakterfresse Salvatore Borghese [→ DREI SPAGHETTI IN SHANGHAI] in einer für ihn typischen Paraderolle als Mafia-Killer Vincent. Dazu gesellen sich ein überaus sauber ins Ohr gehender Soundtrack von Guido und Mauritio de Angelis (die Stammkomponisten für die Bud-Spencer- und Terence-Hill-Streifen) und eine ausgezeichnete Kameraführung von Sergio D'Offizi [→ DAS GOLD VON SAM COOPER], die das Werk vortrefflich abrundet. Auch, wenn der hier skizzierte Blick auf die Mafia und ihre Mitglieder in manchen Momenten einen etwas arg naiven Eindruck macht, bietet DEATH RAGE (so der Titel der alternativen US-Schnittfassung) durch und durch vorzügliche Unterhaltung mit einer geschickt dosierten Mischung aus Ruhe und Randale.

Für Yul Brynner wurde es die letzte Rolle überhaupt – 1985 starb er an einer heimtückischen Krankheit. HÖLLENHUNDE BELLEN ZUM GEBET ist ein Abgang, für den man sich wahrlich nicht zu schämen braucht, ein würdevolles Alterswerk aus der zweiten Reihe – ruppig, spröde und von angenehm zynischem Einschlag. Gut gebellt, Brynner!

Laufzeit: 98 Min. / Freigabe: ab 18

Samstag, 14. Juli 2012

KALTER HAUCH


THE MECHANIC
USA 1972

Regie:
Michael Winner

Darsteller:
Charles Bronson,
Jan-Michael Vincent,
Keenan Wynn,
Jill Ireland,
Linda Ridgeway,
Frank DeKova,
James Davidson,
Lindsay Crosby



„Mord ist bloß Töten ohne Lizenz.“


Inhalt:

Arthur Bishop ist Mechaniker. Doch repariert er keine Autos – er beendet Menschenleben. Auf Bestellung. Ohne Spuren zu hinterlassen. Nach erfolgtem Mordauftrag an dem reichen Gangster Harry McKenna [Keenan Wynn], lernt er dessen Sohn kennen: Steve [Jan-Michael Vincent], ein eitler, doch intelligenter junger Mann mit leicht sadistischer Ader, der seinen Vater gehasst hat, erkennt sofort, dass Bishop dessen Mörder ist. Doch anstatt ihn zu verpfeifen, möchte er ins Mordgeschäft einsteigen. Tatsächlich nimmt Bishop den noch recht ungestümen Hallodri unter seine Fittiche. Ihr erster gemeinsamer Auftrag jedoch wird durch Steves Impulsivität beinahe vermasselt. Die Organisation, für die Bishop arbeitet, kann derartige Fehlschläge nicht hinnehmen. Den kommenden Auftrag soll Bishop daher nicht überleben. Und die Organisation hat sich für dessen Ableben einen ganz besonderen Vollstrecker ausgesucht …

Kritik:

Der Anfang ist Schweigen. Fast zehn Minuten dauert die nahezu lautlose Eröffnungssequenz, in welcher Charles Bronson als Arthur Bishop seinen Mordanschlag plant, vorbereitet und ausführt – fachmännisch und mit eiskalter Präzision. Freunde rasanter Schnitte und dauerwackelnder Kamera werden sich daher bis zur folgenden Explosion schon längst abgewendet haben.

Dass die Kraft in der Ruhe liegt, ist nicht nur eine Binsenweisheit, sondern auch die Grundprämisse des sparsam angelegten Thrillers KALTER HAUCH. Höchst konzentriert verkörpert Charles Bronson darin seine Rolle des wie ein Uhrwerk funktionierenden Mietmörders Arthur Bishop, der bei entsprechendem Auftrag selbst alte Freunde ohne mit der Wimper zu zucken über die Klinge springen lässt. Eine Aura des Geheimnisvollen umgibt den eiskalten Mann, der zwar im Luxus lebt, ein Herz für Kunst hat und in seiner Freizeit klassischer Musik lauscht, doch ein Leben in absoluter Einsamkeit führt. Das Morden hat ihn stumpf gemacht, ein Menschenleben bedeutet ihm nichts mehr. Doch tötet er nicht aus Hass oder Frustration, sondern weil er in seinem Beruf ganz einfach ein Profi ist – ein perfekt ausgebildeter Mechaniker.

Die Rolle des unnahbaren Auftragskillers ist Bronson geradezu auf den patriarchalischen Leib geschneidert. Zu keinem Zeitpunkt zweifelt man auch nur im Entferntesten daran: Gäbe es einen Arthur Bishop tatsächlich, er sähe aus wie Charles Bronson, er handelte wie Charles Bronson, er wäre Charles Bronson. Noch bevor er in späteren Jahren sein Image als harter Bursche bis ins Absurde überstrapazierte und zum rüpeligen Rentner-Rambo mutierte, veredelte der als Charles Dennis Buchinsky geborene Mime mit seiner stoischen Aura so manche Kinoperle. Nach seinem legendären Auftritt in SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, einem der größten Klassiker der Filmgeschichte, gab sich Bronson eher bescheiden und hielt seine kantigen Gesichtszüge in den folgenden Jahren in deutlich kleiner produzierte Werke. Nachdem er bereits 1970 für BRUTALE STADT sehr überzeugend in die Rolle eines bedrängten Auftragskillers geschlüpft war, kehrte er mit KALTER HAUCH in dieses Metier zurück. Die meiste Zeit erlebt man seinen Arthur Bishop zunächst schweigend, minimalistisches Mienenspiel ersetzt das gesprochene Wort.

Das ändert sich auf gewisse Weise erst, als Steve McKenna in dessen Leben tritt. Das Interesse des jungen Mannes an seiner Arbeit und seinem Lebensstil, führt, verbunden mit der unfreiwilligen Konfrontation mit seinem eigenen Alter, schließlich dazu, dass er nach einigem Zögern einwilligt, ihn zu seinem Partner auszubilden. Die Beziehung zwischen diesen beiden grundsätzlich doch sehr verschiedenen Männern, die zugleich angezogen als auch abgestoßen voneinander sind, bildet die Basis, aus der KALTER HAUCH seine Spannung schöpft. Dabei erweist sich Steve, welcher den Tod seines Vaters erst einmal bei einer zünftigen Party begießt, nach und nach als überdurchschnittlich grausamer Mistkerl: Als seine unglückliche Freundin ihn und Arthur in ihre Wohnung einlädt, schneidet sie sich vor ihren Augen die Pulsadern auf. Doch Steve unternimmt nicht etwa verzweifelte Rettungsversuche, worauf sie eigentlich spekulierte, sondern macht es sich stattdessen in einem Sessel bequem, um ihr bei einem Gläschen Wein beim Ausbluten zuzusehen. Auch bei Arthur zuckt kein Muskel. Doch wo für ihn ein Menschenleben mittlerweile schlichtweg keinen besonderen Wert mehr hat, genießt es Steve geradezu, einem anderem Menschen beim Sterben beizuwohnen.

Jan-Michael Vincent [ VIGILANTE FORCE] verkörpert McKenna als arroganten Schnösel mit ausnehmend hässlicher Haarpracht und Attitüde. Gegen die übermächtige Präsenz Bronsons konnte er als Darsteller im Grunde nur verlieren – und so kam es dann auch. Aufgrund des Umstandes, dass Steve niemals so wirkt, als könnte er einem alten Hasen wie Arthur Bishop tatsächlich auch nur im Ansatz das Wasser reichen, verschießt KALTER HAUCH eine beträchtliche Menge an Pulver. Das überaus interessante Thema einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft wirkt somit über weite Strecken geradezu ernüchternd verschenkt – allerdings veränderte John Woo das Kino diesbezüglich mit A BETTER TOMORROW auch erst 14 Jahre später.

Nichtsdestotrotz wartet KALTER HAUCH mit einigen Momenten auf, deren Intensität eine unerwartete Tiefe erreichen: So kehrt Arthur nach erfolgreich verrichtetem Auftrag zurück zu seiner vermeintlichen Freundin (damals Bronsons Ehefrau: Jill Ireland [ DER MANN OHNE GNADE]), welche ihn sehr vermisst zu haben scheint und ihm einen glühenden Liebesbrief vorliest. Nach vollzogenem Liebesakt bedankt sich der Killer artig für Idee und Engagement und zahlt die Dame aus. Die Einsamkeit eines Mannes wurde selten eindringlicher in Szene gesetzt. Actionszenen sind eher rar gesät und wirken, sofern sie tatsächlich mal stattfinden, fast schon ein wenig fehl am Platze in dem ansonsten so bedächtigen Szenario, zumal sie der eigentlichen Prämisse, der unauffälligen Arbeit im Verborgenen, auch massiv widersprechen. Und dennoch liefern sich die Profis nach einem verpatzten Auftrag eine hochgradig ungeheime Motorradjagd mit explosivem Ausgang. Das bietet zwar schickes Augenfutter, muss sich den Vorwurf des Selbstzwecks jedoch gefallen lassen. 

Dass der kühl kalkulierte Killerthriller trotz etwas Sand im Getriebe trotzdem äußerst geschmeidig ins Ziel kommt, liegt vor allem an der gekonnten Regie Michael Winners, der mit Charles Bronson insgesamt satte sechs Male kollaborierte. Zwar schaffte es Winner nie, mit den ganz großen Regisseuren Hollywoods in einem Atemzug genannt zu werden, erarbeitete sich jedoch völlig zurecht den Ruf eines überaus versierten Handwerkers, dessen Werke sich durch ihre angenehm-unaufgeregte Inszenierung nicht selten als kleine Geheimtipps entpuppten. Der in Sachen kühler Atmosphäre durchaus mit KALTER HAUCH zu vergleichende SCORPIO (dort mit Alain Delon in der Rolle als Profikiller) geht ebenso auf sein Konto, wie Charles Bronsons größter eigener Kassenerfolg, die sorgfältig durchdachte Selbstjustizmär EIN MANN SIEHT ROT, welche seinen Hauptdarsteller quasi für immer auf die Rolle des einsamen Rächers festnageln sollte.

KALTER HAUCH endet schließlich, nach einer mit rasanten Spannungsmomenten angereicherten Extraportion Lug und Trug, im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Knalleffekt. Obwohl einige seiner Möglichkeiten leichtfertig verspielend, ist das elegische Mörder-Drama dank seines Minimalismus', seiner Ruhe und Geradlinigkeit, zudem veredelt durch das großartig-abgeklärte Spiel seines Hauptdarstellers, doch eine äußerst wohlgeratene Angelegenheit. Töten muss man dafür nicht. Aber einen Blick ist das allemal wert.

Laufzeit: 96 Min. / Freigabe: ab 16