Eigene Forschungen

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Freitag, 5. Juli 2024

DAS BLUT DER ROTEN PYTHON


TIAN LONG BA BU
Hongkong 1977

Regie:
Pao Hsueh-Li

Darsteller:
Danny Lee,
Tanny Tien,
Lin Chen-Chi
Shih Chung-Tien,
Chiang Tao,
Keung Hon,
Wai Wang,
Norman Tsui



DAS BLUT DER ROTEN PYTHON spielt im (fantastischen) China des 11. Jahrhunderts und startet mit zartem Geschmuse zwischen Mann und Frau. Harmoniebedürftige sollten diesen Moment gleich doppelt genießen, denn bei allem, was danach kommt, haben Romantik und Zärtlichkeit Feierabend. Bereits wenige Minuten nach dieser trauten Eröffnung liegt jede Eintracht in Trümmern: Als die Dame ihrem Herzensherren eröffnet, sich in anderen Umständen zu befinden, druckst dieser doch arg herum und fragt, was denn ihr Ehemann dazu sagt. „Mein Mann ist seit drei Monaten mit den Fürsten in den Südprovinzen“, erklärt sie. Doch kaum ist der Satz verklungen, haut’s mit Schmackes die Tür aus den Angeln und der Gehörnte steht höchstpersönlich in der Kemenate. Südprovinzen Pustekuchen! Recht ungehalten ob des erfolgten Verrats zückt der ungebetene Gast sein Schwert, um seinen Nebenbuhler noch an Ort und Stelle zu perforieren. Dieser rettet sich durch einen beherzten Sprung durchs Fenster, woraufhin der Kampf im Garten ausgetragen wird. Und dann passiert natürlich genau das, was in solchen Momenten immer passiert: Der Angegriffene hält inne, konzentriert sich und schießt aus seinem Zeigefinger einen Laserstrahl hervor, der dem Kontrahenten behende die Kniescheiben zu Brei brutzelt.

Moment mal, was???

Ja, es passiert tatsächlich. Man kann DAS BLUT DER ROTEN PYTHON sicherlich viel vorwerfen. Vorhersehbarkeit gehört nicht dazu. „Kannst du dich nur durch Zauber wehren?“, fragt das am Boden liegende Opfer. „Das ist kein Zauber“, klärt ihn der gegnerische Gattinbestäuber arg besserwisserisch auf. „So kämpft der Clan der Tuan seit uralter Zeit, das solltest du wissen.“ Ach so … Wenn besagter Clan das schon immer so gemacht hat, dann sind Feuerstöße aus Fingerkuppen natürlich völlig normal und unzauberhaft. Auch dem Ehemann erscheint diese Argumentation offenbar etwas suspekt, versucht er doch, sich mit einem Satz über die Mauer in Sicherheit zu bringen. Aber sein Widersacher hat Blut geleckt und strahlt dem Flüchtigen auf bewährte Art und Weise kurzerhand beide Beine ab. Und als wäre das noch nicht genug der Aufregung, taucht plötzlich eine weitere Frau auf, die sich ohne jede falsche Scham als des Strahlemanns Verlobte vorstellt, der seine Geliebte daraufhin ganz zwanglos in die Wüste schickt, die den beiden infolgedessen ewige Rache schwört. Und es fing doch alles so kuschelig an …

Tatsächlich sind an dieser Stelle noch nichtmal die ersten fünf Minuten um. Was manch anderem Werk bereits vollends an Gagaismus gereicht hätte, genügt hier gerade einmal der Exposition. Freunde nonkonformistischen Kino-Vergnügens können allerdings ganz beruhigt sein, denn auch nach dem Vorspann wird es nicht auffallend konventioneller. So legt der Herr mit den weggeballerten Beinen sich später beispielsweise zwei mit Krähenfüßen versehene Metallstelzen zu, die er teleskopartig ein- und ausfahren kann. Einen echten Namen gönnte man dem armen Kerl übrigens nicht (was an Otto Waalkes’ beinlosen Hund erinnert, der ebenfalls keinen Namen hat, weil er ja sowieso nicht kommt, wenn man ihn ruft). Gelistet wird der später als Hauptschurke agierende Charakter in zweckdienlicher Weise lediglich als Gelb-Roben-Mann. Der Strahlenverschießer hingegen entpuppt sich als Kaiserbruder und Thron-Anwärter Tuan Zhengchun. Sein geschwängertes Betthupferl nennt sich Qin Hongmian, während seine Verlobte auf den Namen Shu Baifeng hört. Das einleitende Ereignis hat nicht nur Folgen im Sinne der Niederkunft, sondern wird noch zwei Jahrzehnte später die Schicksale vieler Menschen bestimmen:

Inhalt:

Quin Hongmion [Gam Lau], von Prinz Tuan Zhengchun [Si Wai] erst geschwängert, dann verstoßen, lebt nur noch für die Rache. Nachdem sie ihre Tochter zur Welt gebracht hat, bildet sie das Mädchen 20 Jahre lang zur Kämpferin aus. Mit Erfolg! Als junge Erwachsene ist Mu Wanqing [Tanny Tien] quasi unbesiegbar und verbreitet Angst und Schrecken, selbst bei gestandenen Kriegern. Nun soll sie losziehen, um Hongmions damalige Nebenbuhlerin Shu Baifeng [Hung Ling-Ling] einen Kopf kürzer zu machen.

Inzwischen hat auch Prinz Tuan einen Sohn im Mannesalter: Tuan Yu [Danny Lee]. Da dieser jedoch lieber in schöngeistigem Schriftgut schmökert statt maskulinen Kampf- und Gewaltexzessen zu frönen, gilt er als Taugenichts. Eines Tages geht Yu auf Wanderschaft und trifft auf die kesse Zhong Ling-erh [Lin Chen-Chi], die eine Handvoll magischer Schlangen im Schlepptau hat. Diese kennt die Lösung für sein Problem: Wenn Yu die sagenumwobene Rote Python findet und es schafft, ihr das Blut abzuzapfen, wird er auf mystische Weise unbesiegbar werden.

Währenddessen schmiedet auch Hongmions damaliger Ehemann, der Gelb-Roben-Mann [Shih Chung-Tien], Rachepläne, da er beim Kampf mit dem Prinzen einst beide Beine verlor. Zusammen mit seinem Vertrauten, dem monsterartigen Killer Yue Canglong [Chiang Tao], will er Yu als den Sprössling seines Erzfeindes entleiben (logisches Argument: „Er hat mir meine Beine geraubt, dafür werde ich ihm seinen Sohn nehmen.“). Als er erfährt, dass Yu und Wanqing sich zufällig über den Weg laufen, ohne zu wissen, Bruder und Schwester zu sein, reift in ihm ein teuflischer Plan.

Kritik:

Es ist nicht einfach, den Überblick zu behalten angesichts der Vielzahl an Personen, die hier aus unterschiedlichsten Motiven heraus versuchen, sich gegenseitig ans Messer zu liefern. Trotz einer nicht unbedingt ausufernden Länge von 75 Minuten ist DAS BLUT DER ROTEN PYTHON bis unters Dach voll mit Verschwörungen, Privatfehden und Selbstfindungsprozessen, so dass man durchaus merkt, dass hier ein 2000-seitiger Wälzer als Grundlage diente, nämlich Demi-Gods and Semi-Devils von Louis Cha aus dem Jahre 1963. Das Werk gilt als durchaus anspruchsvoll und komplex, wird in dieser filmischen Adaption (später folgten noch weitere) aber tüchtig durch den Kokolores-Fleischwolf gedreht und mit einer gehörigen Portion Irrsinn abgeschmeckt.

Der Gelb-Roben-Mann ist mit seinen ausfahrbaren Metallprothesen schon ein echter Knaller, aber sein Assistent, ein notgeiles Hummermonster mit Scherenhänden, Vampirzähnen und stählerner Stirn, ist auch nicht von schlechten Eltern. Mu Wanqing besitzt derweil als Waffe einen riesigen Hundeknochen, der Dolche verschießen kann. Diese sehen zwar beim Abfeuern aus wie der Anzeigepfeil von Microsoft, besitzen aber nen Bumms, dass selbst die Dicke Bertha neidisch wird. Ling-erh hingegen schleudert Schlangen zur Verteidigung, die in fliegender Eile in des Kontrahentens Körper kriechen, um unter dessen Haut offenbar rauschende Feten zu feiern. Und falls das nicht reicht, trägt sie in einer Schatulle noch eine glühende Kröte mit sich spazieren, die einen bereits bei bloßer Berührung zu den Ahnen schickt („Nur, wenn man ihr Geheimnis kennt, kann das Gift einem nicht schaden.“), allerdings Superkräfte verleiht, wenn man sie am Stück verschlingt. Sehr richtig: Anfassen ist tödlich, aber runterschlucken (was ja ohne Anfassen schon mal schwierig ist) macht munter, lässt einen in Windeseile Wände erklimmen, Felsbrocken zerschmettern und ohne jede Not Todesstrahlen aus allen möglichen Körperöffnungen verschießen.

Die Riesenschlange, die Yu erlegen muss und die der deutschen Fassung ihren Namen gibt, ist ein ebenso klobiges wie unbewegliches Gummigeschöpf, was den Wagemut des Protagonisten der Lächerlichkeit preisgibt. Darsteller Danny Lee [IN DEN KLAUEN DER CIAhat nämlich mehr Mühe damit, das Vieh irgendwie lebendig wirken zu lassen, als mit allem anderen. Der eigentliche Höhepunkt der Kategorie Kämpferischer Konflikt mit künstlicher Kreatur jedoch geschieht deutlich später, wenn man sich seiner Haut gegen einen Kung-Fu-Gorilla erwehren muss, der den Helden auszusaugen gedenkt, um dessen magische Kräfte zu absorbieren: Dass die zänkische Zottelzibbe nur ein Mensch im kümmerlichen Karnevals-Kostüm ist, nimmt kaum Wunder. Aber die vehemente Weigerung desselben, sich auch nur ein Mü anders zu bewegen als ein stinknormaler Homo Sapiens, ist schon beachtlich.

Freilich war es nie die Intention der Schöpfer, hier irgendeine Form von Wirklichkeit abzubilden. So kommt DAS BLUT DER ROTEN PYTHON oftmals wie ein etwas aufwändiger gestaltetes Bühnenstück des Wegs, dessen Kulissen und Kostüme deutlich als solche auszumachen sind. Anschauungsobjekte dafür wären die „Unterwelt“, in welcher der Antagonist aus unerfindlichen Gründen haust und die eindeutig in Theaterdekoration arrangiert wurde, oder die regelrecht provierend unecht aussehenden Reißzähne seines Schergen, die man mit Leichtigkeit glaubwürdiger hinbekommen hätte, hätte man es denn tatsächlich gewollt. Und dennoch wirkt das alles in letzter Konsequenz gar nicht billig, sondern als plausibler Bestandteil eines durchaus aufwändigen Gesamtkonzepts. Klingt wie ein Widerspruch? Dann passt es gleich doppelt gut zum Werk! Denn zwischen all dem aberwitzigen Tempo und blühenden Blödsinn bleiben tatsächlich auch noch ein paar Minuten Zeit für innere Einkehr, welche die im Prinzip tragische Tragweite der Ereignisse fühlbar machen: Wenn Prinz Zhengchun, ursprünglich schurkisch veranlagt, nach 20 Jahren erstmals seine Tochter trifft und er in einem stillen gemeinsamen Moment begreift, was für weitreichende Folgen seine bisherigen Fehltritte und Charakterlosigkeiten hatten, dann bedarf es keiner großen Worte für die Erkenntnis, dass sich hier ein Mensch gewandelt hat.

So ist DAS BLUT DER ROTEN PYTHON, zwischen Gummigetier, Zeichentrickblitzen und knallbunten Rauchbomben, eigentlich ein großes generationenübergreifendes Drama mit allem, was dazugehört: verbotene Liebschaften, uneheliche Kinder, unwissentliche Geschwisterliebe, ausufernde Familienfehden, Racheschwüre über den Tod hinaus. Ohne Scheu vor Jux und Dollerei, in wildwüchsiger Farbenpracht (sogar Leichen zerfließen hier ohne jeden Grund zu kunterbuntem Eiskrembrei) und mit einer ungemein liebenswerten Hauptfigur gesegnet (Danny Lee spielt den pazifistischen Helden wider Willen überaus sympathisch), wurde hier eine Unterhaltungsgranate geschaffen, welcher der Wahnwitz aus allen verfügbaren Poren tropft. Hier steht man gerne Schlange!

Laufzeit: 76 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 20. April 2024

CITY UNDER SIEGE


CHUN SING GAI BEI
Hongkong 2010

Regie:
Benny Chan

Darsteller:
Aaron Kwok,
Shu Qi,
Collin Chou,
Wu Jing,
Zhang Jingchu,
Yuen Wah,
Ben Wong,
Tie Nan



Inhalt:

Sunny Li [Aaron Kwok] ist Zirkusakrobat. Nicht gerade ein Traumjob, zumal er auch nur die zweite Geige spielt und vom Rest der Truppe überwiegend Verachtung und Spott kassiert. Sein Leben wird allerdings spektakulär auf den Kopf gestellt, als er eines Tages seine Kollegen dabei überrascht, wie sie in einer Höhle einen Schatz aus Zeiten des Zweiten Weltkrieges bergen. Wider Erwarten befindet sich in dem gefundenen Behältnis aber kein Gold oder Ähnliches, sondern ein geheimnisvolles Gas, von welchem Sunny eine volle Ladung abbekommt. Seitdem ist nichts mehr, wie es war, denn Sunny entdeckt an sich neue metaphysische Fähigkeiten. Doch auch seine Kompagnons verändern sich, wenn auch auf andere Art und Weise: Ihre Körper mutieren, sie entwickeln übermenschliche Kräfte und eine enorme Aggressionswut. Schon bald werden sie für ihre Mitmenschen zur kolossalen Bedrohung. Um die Welt zu retten, muss Sunny nun beweisen, was wirklich in ihm steckt.

Kritik:

Die finanziellen Höhenflüge von Hollywoods Heldenkollektiven konnte auch Hongkongs Filmindustrie irgendwann nicht mehr ignorieren. Um auf den gewinnträchtigen Zug aufzuspringen, engagierte man darum schließlich Regisseur Benny Chan, der seine Erfahrungen mit actionaffinen Stoffen hatte und mit lärmenden Spektakeln wie NEW POLICE STORY (2004) oder INVISIBLE TARGET (2007) auch internationale Aufmerksamkeit erregen konnte. Das Vertrauen in seine Expertise war dabei so groß, dass man ihm mit den Funktionen Produzent, Co-Autor und Co-Editor auch gleich noch weitere Zügel in die Hand gab. Die X-MEN waren es, die offensichtlich Pate standen für die abstruse Erzählung mutierter Schausteller, die eine großangelegte Schlacht um das Schicksal der Menschheit schlagen. Dabei bewies man keinerlei Scheu, die Pulp-Parameter bis aufs Maximum auszupegeln, scheint die Herleitung der Prämisse (ein Zirkus-Clown muss die Welt vor den Eroberungs- und Zerstörungsplänen seiner größenwahnsinnigen Kollegen retten) einem naiven Comic-Strip der 1950er Jahre entsprungen: Ein biochemisches Experiment verbrecherischer Japaner während des Zweiten Weltkrieges ist verantwortlich für die Misere, hegten die skrupellosen Nazi-Kollaborateure doch den Plan, mittels Eingriff in die menschliche Genetik unbezwingbare Super-Soldaten zu kreieren. In Folge des eigens dafür zusammengerührten Gas-Gemisches entstanden grauenerregende, kaum zu zügelnde Monster-Mensch-Hybriden, die gewiss Land und Leute ausradiert hätten, wäre nicht just in diesem Augenblick ein Bombenhagel niedergegangen, welcher die Kreaturen samt der unheilvollen Substanz direkt am Ort des Geschehens, einer unterirdischen Höhle nämlich, verschüttet hätte.

Dass eben jenes alptraumhafte Wundermittel im Hongkong der Gegenwart durch die Neugierde und Unachtsamkeit einer Zirkus-Truppe wieder freigesetzt wird, wollte allein das schwach erdachte Drehbuch, denn eine nachvollziehbare Motivation haben die unfreiwilligen Unheilstifter überhaupt nicht. Aber da die Handlung ja irgendwie in Gang kommen muss, kriechen nun ein paar erwachsene Männer und Frauen, die garantiert Besseres zu tun hätten, wie abenteuerlustige Kleinkinder durch Erdreich und Gestein, um einen vermeintlichen Kriegsschatz zu finden. Warum die unfreiwillige Chemie-Keule den Großteil der Gruppe zu Schurken werden lässt, den Haupt-Protagonisten aber nicht, wird auch nicht recht erklärt, aber das könnte man sich gedanklich immerhin noch selbst hinbiegen, indem man annimmt, dass die Droge einfach den eigentlichen inneren Charakter entfesselt und potenziert. Warum sich der Held aber vor der finalen Entfaltung seiner Superkräfte kurzzeitig zum fetten Schwamm umformt, hinterlässt dann wieder reichlich Fragezeichen.

Besagter Held wird von Aaron Kwok [→ MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN] verkörpert, der keine Hemmungen hat, sich dafür auch mal anständig zum Affen zu machen. Zu Beginn noch der Clownerie verschrieben (was natürlich auch der Rolle geschuldet ist), entwickelt er sich im Laufe der Ereignisse mehr und mehr zum integren Weltenretter - wobei es aufgrund der anfänglichen Kaspereien durchaus schwerfällt, ihn später als große Nummer ernstzunehmen. Als Chef-Kontrahent schält sich alsbald sein früherer Mobber Zhang Dachu heraus, gespielt von Collin Shou [→ SPECIAL ID], der in seinem klobigen Ganzkörperkostüm beim Drehen gewiss keine einfache Zeit hatte. Dazu gesellt sich Shu Qi [→ EXTREME CRISIS], die als Nachrichtensprecherin den Helden unter ihre Fittiche nimmt – nicht ganz uneigennützig, versucht sie doch mit dessen medialer Ausschlachtung, ihre stagnierende Karriere wieder in Schwung zu bringen. Und zu guter Letzt agieren noch Zhang Jungchu [→ BEAST STALKER] und Wu Jing [→ WOLF WARRIOR] als von der Polizei eingesetzte Mutantenjäger, die dem Helden erst argwöhnisch gegenüberstehen, sich schließlich aber mit ihm verbünden und anständig mitprügeln.

Denn natürlich läuft alles auf eine deftige, mit viel Drahtseilgezurre und Computereffekten unterfütterte Zerstörungsorgie hinaus, bei der meterweit durch die Luft geflogen und allerhand Mobiliar zerstört wird. Diese Augenblicke gehören dann auch zum Besten, was CITY UNDER SIEGE zu bieten hat, denn hier war Benny Chan ganz in seinem explosiven Element. Stagnieren tut die Sache indes immer dann, wenn man mehr sein wollte als simpler Krawall und emotionale Zwischentöne anklingen ließ. So liegen die beiden miteinander verbandelten Polizei-Protagonisten im Clinch betreffend der geplanten gemeinsamen Zukunft, der Bösewicht hegt urplötzlich Gefühle für die Fernsehfrau, welche sich wiederum aus völlig unerfindlichen Gründen in den Helden verguckt, der seinerseits - wie eingeschobene Erinnerungsbruchstücke verdeutlichen – an einer komplizierten Beziehung zu seinem Vater zu knabbern hat. All das funktioniert nicht die Bohne, da man es nicht mit echten Charakteren zu tun hat, sondern mit Abziehbildern, und führt zu zahlreichen Momenten der Lähmung und Lächerlichkeit. Seinen Höhepunkt findet das im Finale, als Shu Qis Figur zwischen Destruktion und Feuerfunken dem Schurken klarzumachen versucht, was das Wesen wahrer Liebe ist.

Abseits seiner Action ist CITY UNDER SIEGE somit eine reichlich misslungene Veranstaltung, da sie ihre Defizite im Bereich der Narration nicht aufwiegen kann. Dazu kommt, dass die eingesetzten Monstermasken und -kostüme für das Produktionsjahr recht altbacken daherkommen und sich mit dem deutlich moderneren Pixel-Popanz visuell nicht vertragen. Collin Shous schwerfällig anmutendes Eidechsen-Outfit (oder was immer das für ein Vieh sein soll) scheint wie direkt aus dem Fundus des 90er-Jahre-TURTLES-Artefakts gezogen. Vor allem aber wirkt das Werk seltsam unsympathisch, da allzu offensichtlich ist, dass man im Sinne der Finanzmaximierung lediglich ein paar in Übersee funktionierende Formeln kopieren wollte. Statt Eigenständigkeit regiert simples Nachgeäffe; eine Verknüpfung der Vorbilder mit eigenen Tugenden bleibt ebenfalls aus (Grimassenschneiden zählt nicht). Benny Chans nachfolgende Arbeit SHAOLIN (2011) begab sich dann glücklicherweise wieder auf vertrautes Terrain.

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 5. April 2024

GODZILLA X KONG - THE NEW EMPIRE


GODZILLA X KONG - THE NEW EMPIRE
USA 2024

Regie:
Adam Wingard

Darsteller:
Rebecca Hall,
Brian Tyree Henry,
Kaylee Hottle,
Alex Ferns,
Rachel House,
Ron Smyck,
Chantelle Jamieson,
Greg Hatton



Eigentlich begann alles recht seriös: Mit GODZILLA kam anno 2014 die amerikanische Neuauflage einer japanischen Leinwand-Legende in die Lichtspielhäuser und war erfolgreich genug, um das sogenannte Monsterverse zu begründen, ein Universum, das verschiedene Riesenmonster, teils bereits erdacht und renommiert, teils völlig neu erfunden, unter einer Kino-Kuppel vereinte. Zehn Jahre, vier Filme und eine Fernsehserie später ist es mit der einstigen Ernsthaftigkeit Essig: GODZILLA X KONG ist inhaltlich dermaßen drüber (beziehungsweise eigentlich ja drunter), dass ein dickes Fell allein schon nicht mehr ausreicht: Da muss schon ein ganzer Riesenaffenpelz her, um die amtliche Unfug-Überdosis angemessen abperlen lassen zu können. Interessanterweise jedoch steht die Kokolores-Offensive der Kaijū-Saga ganz gut zu Gesicht - sofern man gewillt ist, sich auf das buchstäblich tiefergelegte Story-Niveau einzulassen:

Inhalt:

Menschen und „Titanen“ leben mittlerweile in einer gebrechlichen Co-Existenz zusammen – über- und unterirdisch. Eines Tages taucht „Godzilla“ überraschend in Frankreich auf und säuft ein Atomkraftwerk leer. Die von Nuklearenergie lebende Bestie scheint Kräfte für einen großen Kampf zu sammeln. Gleichzeitig laufen bei Monarch, der Institution zur weltweiten Überwachung von Monsteraktivitäten, die Drähte heiß: Ein Signal dringt aus dem Inneren der Erde – offenbar ein Hilferuf. Der Techniker Mikael [Alex Ferns] sowie ein paar teils bereits aus dem Vorgänger bekannte Figuren, die Wissenschaftlerin Ilene Andrews [Rebecca Hall], ihre Adoptivtochter Jia [Kaylee Hottle], der Tierarzt Trapper [Dan Stevens] sowie der Verschwörungsideologe Hayes [Brian Tyree Henry], begeben sich mittels eines speziellen Fluggerätes unter die Erdoberfläche. Dort vegetiert auch der gigantische gorillaartige „Kong“, der ziemlich zeitgleich eine überraschende Entdeckung macht: In einem verborgenen Winkel der Hohlerde lebt eine Spezies aggressiver Affen. Und sie scheint nichts Gutes im Schilde zu führen.

Kritik:

GODZILLA X KONG verlagert die Ereignisse dieses Mal überwiegend in besagte „Hohlerde“, jene bereits innerhalb der Reihe etablierte Jules-Verne-artige Welt unter der Welt, was prinzipiell sinnvoll ist: Hier konnten die Autoren nach Belieben über die Stränge schlagen, ohne ihren Irrsinn großartig erklären zu müssen. Und tatsächlich erinnert das nicht selten an den naiven Kintopp früherer Tage, als man sich mit Schmu wie DER SECHSTE KONTINENT (1976) noch traute, dem Publikum eine Ungeheuerlichkeit nach der nächsten aufzutischen. So lauern auch hier hinter jedem Stein und Strauch neue Monstrositäten, was oftmals selbst diejenigen überrascht, die in dieser Umgebung leben: Flugechsen, Seeschlangen, fleischfressende Bäume, vergessene Völker, aggressive Affenstämme, alles gibt sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Das ist teilweise schon recht unterhaltsam, wirkt aber niemals wirklich echt. Während das Team um James Cameron z. B. für AVATAR eine Welt erschuf, bei der alles penibel durchdacht erscheint (so wie – wenn man im Sujet bleiben möchte – Peter Jackson & Co. das auch bei KING KONG [2005] taten), warf man bei GODZILLA X KONG einfach alles, was einem irgendwie gerade brauchbar vorkam, in den großen Titanen-Topf und rührte anschließend ein paar Panoramen dazu, die zwar imposant anzusehen sind, aber ebenfalls kein stimmiges Ganzes ergeben wollen, weswegen die Hohlerde an so ziemlich jeder Ecke ein wenig anders aussieht.

Trotz gleichberechtigter Names-Nennung im Titel liegt der Fokus der Erzählung dabei dem Schauplatz entsprechend auf dem Riesenaffen Kong, der vielleicht auch deshalb menschlicher agieren darf als jemals zuvor. Wenn er sich eine Wasserfall-Dusche gönnt oder nach anstrengendem Zweikampf eine Mahlzeit einverleibt, hat er kaum noch etwas Animalisches an sich und wirkt fast wie ein gewöhnlicher Straßen-Typ mit Bauarbeiter-Charme. Es liegt an einem selbst, ob man sich davon irritieren lassen möchte oder nicht. Dass Kong es im weiteren Verlaufe mit einem Stamm kriegerischer Affen zu tun bekommt, erinnert gewiss nicht zufällig an die erfolgreiche PLANET DER AFFEN-Reihe der Konkurrenz. Auf jeden Fall nutzte man das Thema, um ein paar horrorartige Momente unterzubringen, könnte sich der Anführer der blutdürstigen Horde, der Scar-King, ohne Mühe auch als Antagonist für HELLRAISER bewerben.

Mit Godzilla hingegen wussten die Macher dieses Mal nicht allzu viel anzufangen. Dessen Auftritte wirken recht ziellos - was auch damit zusammenhängt, dass man sich offenbar immer noch nicht entschieden hat, auf welcher Seite der nukleare Gigant denn nun eigentlich stehen soll: Einerseits hilft er zwar nach wie vor den Menschen, indem er andere Ungeheuer bekämpft, andererseits haut er auch gewissenlos befahrene Autobahnbrücken entzwei, was garantiert mehreren Unglücklichen gehörig den Tag versaut. Dass man im einen Moment nochmals betont, es mit einem Schutzpatron zu tun zu haben, während man ihm im anderen dann aber doch eine Fliegerstaffel auf den Hals hetzt, hilft ebenfalls nicht dabei, Widersprüche aufzulösen. Und dann darf sich Godzilla auch wieder einen kleinen Kampf mit Kong liefern, was auch nicht so richtig schlüssig ist, da beide eigentlich auf gleicher Seite stehen. Hier sparte man offenbar absichtlich mit hauseigener Logik, um dem Fan das bieten zu können, was er (vermeintlich) am meisten begehrt.

Und natürlich sind Freunde sich kloppender Kolosse hier prinzipiell schon an der richtigen Adresse. Zur Auswahl stehen unter anderem noch ein neu erschaffenes Monster, das ein wenig wirkt, wie die etwas zurückgebliebene Schwester von Gamera, der Riesenschildkröte, und ein altbekanntes aus dem klassischen Godzilla-Universum, das zwar toll designt und animiert ist, hier aber wirklich rein gar nichts zu tun hat und nur dabei ist, damit es eben dabei ist. Im Finale gingen den Machern dann ganz schön die Gäule durch, wenn Godzilla und Kong aus dem Boden brechen und losstolpern wie zwei Superhelden, die den letzten Bus in Richtung Erdrettung noch erreichen müssen. Dass ausgerechnet der bewegungstechnisch eher als behäbig bekannte Godzilla nun plötzlich sprinten kann, als habe er eine Atomrakete im Allerwertesten, stiftet dabei fast noch mehr Verwirrung, als das allzu menschliche Gebaren Kongs. Spielt allerdings ohnehin bald keine Rolle mehr, denn wenn schließlich auch noch die Schwerkraft aufgehoben wird (ja, das geht!) und sich die Riesen folglich einander im Schwebezustand verwemsen, ist eh egal, wer wann wie schnell laufen kann.

Bei aller grundsätzlichen Verbundenheit zur infantilen Übertreibung muss man konzedieren, dass der schrille Showdown der Sache insgesamt eher schadet als nützt. Ein bisschen mehr Bodenständigkeit (gern auch im buchstäblichen Sinne) wäre dem Gesamteindruck gewiss zuträglich gewesen. Es ist nicht unironisch, dass ausgerechnet der Westen, der sich für die Naivitäten des asiatischen Monsterkinos jahrzehntelang überwiegend im Spott erging, nun den diesbezüglich mit Abstand albernsten Aufwurf produzierte, während die Tōhō-Studios nur vier Monate zuvor mit GODZILLA – MINUS ONE einen neuen japanischen Beitrag vorlegten, der mit seiner Rückbesinnung auf die düsteren Wurzeln des destruktiven Wesens selbst seriöse Kritiker zu Kreuze kriechen ließ. Der Kontrast zum vorliegenden Spektakel könnte somit größer kaum sein – wobei es mit seinem Hang zum hemmungslosen Nonsens nicht grundlegend unsympathisch geriet. Man kann ihm gewiss viel vorwerfen, Langeweile gehört nicht dazu. GODZILLA X KONG (Was wohl das „x“ im Titel bedeuten soll? Dass man die Logik zu Grabe getragen hat?) ist daher mit tiefergelegtem Anspruch durchaus einen Blick wert. Aber den Affenpelz nicht vergessen! Denn das hier ist so blöd, das brüllt schon!

Laufzeit: 115 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 1. April 2024

CREATION OF THE GODS - KINGDOM OF STORMS


FENG SHEN DI BU - ZHAO GE FENG YUN
China 2023

Regie:
Wuershan

Darsteller:
Yu Shi,
Kris Phillips,
Huang Bo,
Chen Muchi,
Li Xuejian,
Narana Erdyneeva,
Yang Le,
Xia Yu



Inhalt:

China, Shang-Dynastie, zur Zeit der Zauberer und Dämonen: Der König entsendet Yin Shou [Kris Phillips], um ein Heer Aufständischer niederzuschlagen. Siegreich kehrt Shou zurück. Aber die anschließenden Feierlichkeiten werden zum Desaster: In einem unerklärlichen Fall geistiger Umnachtung tötet Kronprinz Qi [Gao Shuguang] seinen eigenen Vater, woraufhin das Land aus heiterem Himmel ohne König dasteht. Im Rahmen des Thronfolge-Gesetzes wird daraufhin Yin Shou zum Herrscher ernannt. Doch dessen Sohn Jiao [Chen Muchi] entdeckt Schreckliches: Die sirenenhafte Su Daji [Narana Erdyneeva], eine Art „Mitbringsel“ aus Feindeshand und nun Gespielin seines Vaters, ist von einem Fuchsdämon besessen und scheint des Königs Verstand sukzessive zu vergiften. Der Versuch Jiaos, auf die Gefahr aufmerksam zu machen, wird als Verrat interpretiert, woraufhin er alsbald die Flucht antreten muss.

Währenddessen beschließen die Unsterblichen von Kunlun, den Menschen die magische „Schriftrolle der Investitur“ anzuvertrauen, welche die Macht besitzt, die weltliche Ordnung wiederherzustellen. Der kauzige Jiang Ziya [Huang Bo] opfert 40 Jahre seiner Unsterblichkeit, um das Artefakt Yin Shou zu überreichen. Doch als er dessen wahren Charakter erkennt, flieht er mitsamt der Schriftrolle wieder aus dem Palast. Nun hat Ziya nicht nur die Häscher des Königs an den Fersen, sondern auch den bösartigen Alchemisten Shen Gongbao [Xia Yu], der ebenfalls auf das Utensil aufmerksam wurde und nun alles daransetzt, dieses mächtige Werkzeug an sich zu reißen.

Kritik:

Eine Inhaltsangabe zu KINGDOM OF STORMS muss, möchte man nicht den Rahmen sprengen, unvollständig bleiben. Denn was hier an Gestalten und Geschichten aufgefahren wird, ist regelrecht maßlos und geht in Richtung der staffelreichen TV-Saga GAME OF THRONES. Allerdings war INVESTITURE OF THE GODS, die Buch-Vorlage der überbordenden Leinwand-Phantasmagorie, deutlich früher da: Bereits im 16. Jahrhundert erdachte Schriftsteller Xu Zhonglin diese alternative Historie Chinas, eine von Fantasy und Folklore geprägte Version der politischen Ereignisse nach dem Aufstieg des letzten Königs der Shang-Dynastie, eine Welt, in der Menschen, Götter und Dämonen aufeinandertreffen in einem großen Ränkespiel um Macht, Intrige und Verrat. Um das Werk angemessen adaptieren zu können, hielt man sich gar nicht erst mit halben Sachen auf: Umgerechnet 400 Millionen US-Dollar nahm man (zumindest offiziellen Angaben nach) in die Hand, um selbstbewusst und siegessicher gleich drei überlange Großereignisse am Stück zu produzieren und unter dem Haupttitel CREATION OF THE GODS zu firmieren. Rund 15.000 Vorsprechen hielt man angeblich ab, um die Besetzung zusammenzustellen, woraufhin sich die Sieger erst einmal sechs Monate in ein Trainingslager begeben durften, um eine Ausbildung in Sachen Schauspiel, Kämpfen, Reiten und Schießen zu erhalten, damit Körper und Muskeln im Anschluss denen damaliger Krieger entsprachen. Ganz schön viel Aufwand, um eine Epoche zu rekonstruieren, die es in dieser Form ja niemals gab!

Ob diese Maßnahmen übertrieben waren oder nicht, ist gewiss diskussionswürdig, geschadet haben sie dem Werk jedenfalls nicht: Dem Team um Regisseur Wuershan [→ MOJIN] gelang es, eine Welt zu entwerfen, die sich, trotz durchschnittlicher digitaler Effekte, auf Anhieb echt und glaubwürdig anfühlt, obwohl hier wirklich am laufenden Meter lauter fürs Publikum wundersame Dinge passieren. Die bedingungslose Akzeptanz der Anwesenheit von Magie und Übernatürlichem muss freilich Prämisse sein, um kein Stirnrunzel-Trauma zu erleiden. Bereits zu Beginn, der noch am ehesten einem klassischen historischen Schlachtengemälde gleicht, kündigt sich schon der erste Hokuspokus an. Allerdings ist man an dieser Stelle noch viel zu beschäftigt damit, sich zurechtzufinden, wird man doch unversehens hineingeworfen ins gewalttätige Gewühl und eh man überhaupt begriffen hat, wer gegen wen und warum, haben auch schon mehrere Leute dekorativ ins Gras gebissen. Die Vielzahl an Figuren, die einem auch im weiteren Verlaufe um die Ohren fliegt, mag vielleicht zunächst abschrecken, irritiert aber nur kurzzeitig. Denn obwohl KINGDOM OF STORMS jede Menge an Personal auffährt, das einem stets per viel zu kurzer Texteinblendung vorgestellt wird, gelang es der vierköpfigen Autorenschaft, die Ereignisse schlussendlich doch in erstaunlich übersichtlichen Bahnen ablaufen zu lassen. Und das will schon was heißen bei dem amtlichen Aufgebot an Akteuren, die alle ihren eigenen Hintergrund und seelischen Zwiespalt mitbringen. Gut eine Stunde dauert es, bis allein die Exposition geschafft und die konstitutive Konfliktsituation installiert ist. Aber auch dann bleiben ja noch 90 Minuten, die bestmöglich genutzt werden.

Inhaltlich ist das kaum neu (wie denn auch, bei einer Vorlage, die aus der Zeit der Ming-Dynastie stammt?) und auch nur leidlich originell, aber doch erstaunlich frisch und schwungvoll erzählt. Die Figuren gehorchen zwar gängigen Rollen-Klischees, aber man interessiert sich für sie und ihre Schicksale, da die moralischen Dilemmata, denen sie ausgesetzt werden, ebenso nachvollziehbar wie fortwährend aktuell sind - wobei eine kleine, aber durchaus bedeutsame Fußnote nicht unter den Tisch fallen sollte: Während in China produzierte Kampfgelage in ihrer Botschaft oft einer menschenverachtenden Ideologie folgen, die den Wert des Individuums geringer schätzt als das Erreichen eines (vorgeblich) hehren Ziels, dreht KINGDOM OF STORMS diese Perspektive nämlich auf links und plädiert für die Würde des Einzelnen unter dem Joch misanthropischer Regeln und Regentschaft. So erkennt z. B. der „Teilzeit-Unsterbliche“ Jiang Ziya die Verworfenheit des Königs, als dieser ohne zu zögern einen Bediensteten opfert, um seine Interessen durchzusetzen. Ohnehin sterben hier ganze Wagenladungen unschuldiger Menschen teils aus reiner Willkür und verbohrter Weltanschauung, was der bonbonbunten Optik eine nihilistische Note hinzufügt.

Trotz diverser dramatischer und düsterer Elemente ist der Auftakt zur CREATION OF THE GODS-Reihe jedoch in erster Linie ein spaßiges Spektakel, das durchaus humorvoll ist, ohne dabei der Albernheit anheimzufallen. Das liegt auch an besagtem Jiang Ziya, einem von Huang Bo herrlich kauzig verkörperten „Gott-Opi“, der stets zwei „Arbeitskollegen“ im Gefolge hat, darunter auch ein temperamentvoller Halbwüchsiger, der bei Bedarf zwecks raketenartiger Fortbewegung Feuerringe unter den Füßen aktivieren kann und lange rote Bänder als Lasso einsetzt. Da das Trio nicht auf Anhieb als „allmächtig“ erkannt werden will, fragt der Junge in jeder brenzligen Situation immer erst artig, ob er jetzt seine Kräfte einsetzen darf, was an den Comic-Helden Obelix erinnert, der auch immer erst brav um Erlaubnis bittet, seinen Gegner aus den Schuhen hauen zu dürfen.

Dass CREATION OF THE GODS so oft mit DER HERR DER RINGE in Verbindung gebracht wird, hat nicht nur den Grund, dass manche Kritiker offensichtlich den Zwang haben, ständig Vergleiche ziehen zu müssen, sondern liegt auch daran, dass die Macher das in diesem Falle gewissermaßen selbst forcieren: So gab Wuershan zu Protokoll, die legendären Verfilmungen Peter Jacksons haben ihn ermutigt, selbst ein Projekt dieser Größenordnung anzugehen. Zudem engagierte man Barrie M. Osbourne, den Produzenten der bahnbrechenden Trilogie, als Berater. Aufs Glatteis führen lassen sollte man sich dadurch allerdings nicht; beide Werke sind inhaltlich wie stilistisch sehr verschieden. Eine viel naheliegendere Assoziation wäre die mit diversen Klassikern der Shaw Brothers, an deren Optik sich die Macher unter anderem in Sachen Kostüm und Kulisse offenbar orientiert haben. Fantasy-Freunde kommen bei dieser Eröffnungsveranstaltung dennoch voll und ganz auf ihre Kosten und bekommen aus wilde Mixtur aus Machtgerangel, Magiegewusel und Monsterquatsch, bei der die Zeit trotz Überlänge wie im Flug vergeht. Beziehungsweise im Sturm.

Laufzeit: 148 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 28. Oktober 2023

DAS MEDAILLON


THE MEDALLION
USA, Hongkong 2003

Regie:
Gordon Chan

Darsteller:
Jackie Chan,
Lee Evans,
Claire Forlani,
Christy Chung,
Julian Sands,
John Rhys-Davies,
Anthony Wong,
Scott Adkins


Inhalt:

Der „Verbrecher“ (mehr erfährt man über ihn tatsächlich nicht) Snakehead [Julian Sands] jagt einem uralten Geheimnis hinterher, einem magischen Medaillon, das übermenschliche Macht verleiht. Der Hüter dieses Artefakts ist ein kleiner Junge, der „Auserwählte“ [Alex Bao], welchen er kurzerhand entführen lässt. Allerdings klebt ihm Interpol samt Hong Kong Police am Hacken. Zwar kann deren Mitarbeiter Eddie Yang [Jackie Chan] das Kind befreien, doch bezahlt der Inspektor diese Rettungsaktion mit seinem Leben. Sein Glück, dass die Legenden wahr sind: Das Medaillon besitzt tatsächlich Zauberkräfte und holt ihn aus dem Totenreich zurück. Folglich unsterblich geworden versucht er nun, gemeinsam mit seinen Kollegen Watson [Lee Evans] und Nicole [Claire Forlani] Snakehead ein weiteres Mal aufzuhalten.

Kritik:

Mit der Hollywood-Karriere des chinesischen Super-Stars Jackie Chan hat es nicht geklappt. Zwar konnte die RUSH HOUR-Trilogie eine beträchtliche Anzahl an Leuten in Richtung Lichtspielhaus mobilisieren, doch präsentierte man Asiens Ikone hier in erster Linie als Anhängsel des amerikanischen Komikers Chris Tucker. Ohne ein derartiges Zugpferd blieb das Publikumsinteresse überwiegend aus. Nachdem TUXEDO 2002 zum Debakel wurde, sollte DAS MEDAILLON es wieder richten. Doch die halbgare Fantasy-Komödie erwies sich als weiterer Sargnagel und holte nur einen Bruchteil ihrer Entstehungskosten wieder rein. Selbst die Produzenten schienen nicht so wirklich überzeugt zu sein von ihrem Erzeugnis, wurde es doch nach Fertigstellung stark gekürzt und durch nachträglich erstellte Szenen und Synchronisationen inhaltlich überarbeitet. Ob diese Maßnahmen Auswirkungen auf das Einspielergebnis hatten, darüber kann nur spekuliert werden. Fest steht nur, dass nach dieser Spezialbehandlung kaum noch etwas einen nachvollziehbaren Sinn ergibt, fielen doch fast alle Erklärungen betreffend der Zusammenhänge der Schere zum Opfer.

Woher kommt das titelgebende Medaillon? Warum hat es Zauberkräfte? Warum besteht es aus zwei Teilen? Warum ist man unsterblich, nachdem es einen ins Leben zurückgeholt hat? Warum wird es von einem Kind gehütet? Warum befindet sich dieses Kind urplötzlich in der Obhut der weiblichen Hauptrolle? Warum funktioniert das Medaillon jedes Mal ein bisschen anders? Warum dauert es manchmal sehr lang, bis eine Person aus dem Jenseits zurückkehrt und manchmal nur wenige Sekunden? Warum steckt der Wiedergänger mal in voller Montur und mal nur im Adams-Kostüm? Fragen über Fragen! Nun ist es für ein gelungenes Unterhaltungsprogramm freilich nicht zwingend notwendig, dass jede Kleinigkeit akribisch erläutert wird. DAS MEDAILLON allerdings tut die ganze Zeit so, als wisse sein Publikum über die Begebenheiten längst Bescheid und verweigert sich vehement jeder zusätzlichen Erklärung, was auf Dauer ziemlich frustriert.

In beträchtlichem Maße betrifft das auch die Motivation des Schurken. Klar, er jagt das Medaillon, aber was er sich davon erhofft, wie er davon erfahren hat und nicht zuletzt, warum er als gestandener Gangster einfach so an übersinnlichen Hokuspokus glaubt (und zwar so felsenfest, dass er dafür alles riskiert und mehrere Menschen über die Klinge springen lässt), bleibt nebulös. Dass er zudem noch Boss einer ganzen Unterwelt-Organisation zu sein scheint, macht die Sache auch nicht verständlicher. Denn natürlich werden auch seine ganzen Helferleins nicht weiter vorgestellt und mischen halt ganz selbstverständlich mit. Die ursprüngliche Fassung, noch unter dem Titel HIGHBINDERS geplant, sollte dem Vernehmen nach fast 110 Minuten dauern und Bösewicht Snakehead als Kopf eines Menschenschmuggler-Rings porträtieren. Das Medaillon selbst spielte in dieser Version eine deutlich geringere Rolle und besaß die Macht, unbesiegbare Kreaturen, die Highbinders, zu erschaffen, von denen sich Snakehead eine Armee heranzüchten wollte. Zugegeben: Viel Sinn ergibt auch das nicht. Aber es geht zumindest mal über ein paar vage Andeutungen hinaus.

Was man dem MEDAILLON indes nicht vorwerfen kann, ist ein Mangel an Tempo. Das Entfernen jedweder Erklärungsmomente und Nebenhandlungsstränge hat zur Folge, dass hier wirklich ständig was los ist. Jackie Chan agiert dabei brauchbar agil und liefert bereits bei der einleitenden Verfolgungsjagd im (damals angesagten) Parcours-Stil ein paar anständig choreographierte Kampfeinlagen. Natürlich reicht das nicht mehr an frühere Glanzzeiten heran und es wurde deutlich häufiger getrickst, um ihn beweglicher erscheinen zu lassen als es tatsächlich noch der Fall war, aber das Alter fordert halt seinen Tribut. Die Idee der magisch herbeigeführten „Unsterblichkeit“ des Stars rührt natürlich auch in erster Linie daher, eine inhaltliche Entschuldigung dafür zu haben, den Kung-Fu-Athleten im späteren Verlauf sichtbar per Effekt unterstützen zu dürfen. Denn zur Halbzeit der Handlung wird die Hauptfigur ganz offiziell zum Superhelden, zum wiedererweckten Unsterblichen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Inhaltlich wird daraus freilich fast gar nichts gemacht, haben diese neu erworbenen Kräfte doch kaum Einfluss auf das kommende Geschehen oder des Protagonistens Kondition. Der von Chan verkörperte Eddie Yang flog schließlich schon vor seiner Verwandlung als energiegeladener Lebend-Flummi durch die Landschaft, was die Unterschiede beider Stadien marginal erscheinen lässt.

Das Hauptproblem DAS MEDAILLONs ist jedoch weder diese undurchdachte Dramaturgie noch dessen elliptische Erzählweise. Es ist der verzweifelte Versuch, unbedingt lustig zu sein. Am deutlichsten schiefgegangen ist das bei der Verpflichtung des britischen Komikers Lee Evans [→ DAS FÜNFTE ELEMENT], der als Interpol-Agent fehlbesetzter kaum sein könnte. Evans agiert als hemmungslos alberner Hampelmann und treibt dem peinlich berührten Betrachter mit seinen ausufernden Kaspereien samt Massen an Grimassen regelrecht die Schamröte ins Gesicht. Dass seine Figur vom Skript auch noch ausnehmend inkompetent gezeichnet wurde, lässt ihn schnell zum Nerv-Faktor Nummer 1 mutieren. In der Realität dürfte solch eine Oberpfeife bei Interpol nicht einmal den Papierkorb leeren. Aber natürlich ist es unfair, den Schwarzen Peter dafür Evans in die Schuhe zu schieben. Es ist fraglos die Schuld der Autoren und deren zweifelhaftes Verständnis davon, was einen gelungenen Witz ausmacht. In einer Situation wird Evans Charakter aufgrund verbaler Zweideutigkeiten für homosexuell gehalten. Woraufhin er immer wieder beteuert, es nicht zu sein. Dabei lachen dann alle. Das ist der ganze Gag. Mehr kommt da nicht.

Kurz vorm Finale werden die Helden übrigens auch noch versehentlich angepinkelt – was dann endgültig zur Frage führt, ob die Drehbuchschreiber (tatsächlich brauchte man für diese lahme Kiste insgesamt 5 Leute) ihre Pubertät bereits hinter sich gelassen hatten. Zusammengehalten werden diese Segmente aus akzeptabler Action und fragwürdigem Humor durch reichlich hilflose Versuche, Dramaturgie und Charaktertiefe zu erzeugen. Anfangs wird ohne nachvollziehbare Grundlage ein halbgarer Konflikt zwischen Yang (Chan) und Watson (Evans) konstruiert, der allerdings zügig wieder zu den Akten wandert. Yang wurde dazu eine komplizierte Liebelei mit seiner Kollegin Nicole (gespielt von Claire Forlani [→ THE ROCK]) in die Erzählung gezaubert, die jeder Chemie, Plausibilität und Passion abtrünnig ist. Dazu gibt es eine merkwürdige Gemeinschafts-Koch- und Verköstigungs-Szene im Hause Watson, bei der sinnlos zu Andy Summers y Los Musicos’ „Twist and Shout“ herumgetanzt wird. Dass Watsons Gattin (dargestellt von Christy Chung [→ GEN-Y COPS]) ihre Fassade als biedere Hausfrau zu einem späteren Zeitpunkt ablegt, um sich als schlagkräftige Kampf-Amazone zu entpuppen, ist zwar maximal vorhersehbar, geschieht, als es dann tatsächlich geschieht, jedoch auch bar jeder Erklärung.

Irgendwann befindet man sich dann aus heiterem Himmel in irgendeiner Höhle, um pflichtschuldig den Showdown einzuläuten. Warum das Finale ausgerechnet hier stattfinden muss und wieso plötzlich alle davon wissen und aufwändig mit schwerem Gerät anreisen, das weiß lediglich der Geier. Ist eben einfach so! Dummerweise geht dem MEDAILLON ausgerechnet in diesem letzten Akt vollends die Puste aus. Das (natürlich stattfindende) Ableben des Oberschurken geriet derart antiklimaktisch, das grenzt schon an Leistungsverweigerung. Davor kommt es zwar immer mal wieder zu kleineren Kämpfereien (unter anderem auch mit dem späteren Action-Star Scott Adkins [→ WOLF WARRIOR]), aber die sind nur kurz und reißen niemanden vom Hocker. Und wenn kurz darauf der Abspann rollt und das Meiste auch schon wieder vergessen ist, wundert man sich, dass man damals offenbar tatsächlich der Meinung war, mit dieser belanglosen Luftnummer Jackie Chans Karriere befeuern zu können. Immerhin ist das Ding flott erzählt und Fans des Hongkong-Kinos schätzen den Auftritt Anthony Wongs [→ BLACK MASK] oder entdecken sogar Nicholas Tse [→ SHAOLIN] und Edison Chen [→ THE SNIPER], die mal flink durchs Bild huschen. Und wer schon immer der Meinung war, dass Kuss-Szenen exakt das sind, was Jackie Chan-Filmen bis dahin stets gefehlt hatte, der ist hier ebenfalls an der richtigen Adresse.

Laufzeit: 85 Min. / Freigabe: ab 12

Sonntag, 6. Dezember 2020

UX-BLUTHUND - TAUCHFAHRT DES SCHRECKENS


KAITEI DAISENSO
Japan, USA 1966

Regie:
Hajime Sato

Darsteller:
Sonny Chiba,
Peggy Neal,
Franz Gruber,
Eric Nielsen,
Andrew Hughes,
Mike Danning,
John Kleine,
Eric Neilson



"Ich kann beweisen, was ich gesehen hab."
"Wie beweisen?"
"Mit einer Aufnahme, die ich gemacht habe."
"Und wo ist die Aufnahme?"
"Noch in der Kamera."
"Und wo ist die Kamera?"
"Die hab ich leider verloren."

[So sieht gute Beweisführung aus!]


Inhalt:

Als das US-Militär der Welt ihren neuesten Wundertorpedo präsentieren will, kommt es zu einem erschreckenden Zwischenfall: Nachdem die Superwaffe plangemäß ein Schiffswrack gesprengt hat, ist auf den Monitoren für Sekundenbruchteile ein menschenähnliches Lebewesen zu erkennen. Der leitende Commander Brown [Franz Gruber] wirkt beschwichtigend auf die Menge ein, aber der japanische Reporter Ken Abe [Sonny Chiba] und die amerikanische Fotografin Jenny [Peggy Neal] lassen nicht locker. Jenny beschließt, zu der besagten Stelle hinabzutauchen, um nach Spuren zu suchen. Vor Ort von einem sonderbaren Fischwesen überrascht, lässt sie vor Schreck die Kamera fallen. Da damit nun auch die Beweise futsch sind, wird ihr nach ihrer Rückkehr keinen Glauben geschenkt. Gemeinsam mit Ken beschließt sie daher, die Kamera zu bergen. Dabei werden die beiden Schnüffler jedoch von den sonderbaren Wesen gefangen genommen und in eine geheime Unterwasserstation verschleppt. Dort müssen sie erkennen, dass der Horror von Menschenhand gemacht ist: Der wahnsinnige Dr. Rufus Moore [Eric Nielsen] träumt von einem Weltreich mit ihm als Herrscher und seinen Schöpfungen als Handlanger. Jenny und Ken sollen ihn entweder dabei unterstützen oder selbst als Wasser-Cyborgs enden. 

Kritik:

Stimmungsvoll beginnt er, dieser weitere Beitrag zur japanischen Science-Fiction-Welle, die in den 50er Jahren ihren Anfang nahm und in den 60er Jahren quasi auf ihrem Höhepunkt war. Zwar fragt man sich schon, was an einem Torpedo, der ein ruhendes Schiffswrack treffen kann, so besonders sein soll, dass man dafür extra die Weltpresse zusammentrommeln muss, aber der unheimliche Auftakt samt Sichtung eines geheimnisvollen Unterwasser-Wesens teasert gut an. Auch der weitere Verlauf hält das Interesse hoch, denn die beiden Protagonisten, der Reporter Ken Abe und die Fotografin Jenny, wirken einnehmend und ihre Ermittlungen machen Laune. Der gewonnene Kredit wird freilich größtenteils verspielt, wenn die Fischwesen erstmals leinwandfüllend präsentiert werden, denn diese wirken in ihren auffallend simpel gestalteten Kostümen eher traurig als gruselig. Zwar sind es, wie sich später herausstellt, tatsächlich tragische Figuren, im Sinne des Erfinders dürfte das dennoch nicht gewesen sein. Hier hätte man sich gern etwas mehr Mühe geben dürfen. Ohnehin läuft ab einem gewissen Zeitpunkt alles nur noch äußerst zweckdienlich ab. Die zu Beginn nicht ungeschickt aufgebaute Erwartungshaltung verpufft und es wird klar, dass man es lediglich mit profaner Dutzendware zu tun hat, die sogar für ihr Entstehungsjahr arg altbacken daherkommt. 

Die einzige Notwendigkeit, ein weiteres mit schon damals sattsam bekannten Bausteinen gezimmertes Jules Verne für Arme-Elaborat vom Stapel zu lassen, lag dann auch wohl darin, dass so etwas trotz permanenter Neuaufkochung der immergleichen Zutaten nach wie vor gut lief. So liefert Regisseur Hajime Sato [→ GOKÉ – VAMPIR AUS DEM WELTALL] hier lediglich Dienst nach Vorschrift. Wobei seine grundsätzlich saubere Inszenierung ebenso wenig das eigentliche Problem darstellt wie die miesen Masken oder die hinlänglich vertrauten Versatzstücke aus dem handelsüblichen Fantasy-Fundus. Hauptverantwortlich dafür, dass neben den Protagonisten auch überwiegend die Spannung baden geht, ist tatsächlich das dröge Drehbuch Masami Fukushimas [→ KING KONG GEGEN GODZILLA], dem schlichtweg nicht mehr einfiel, als sämtliche Sackgassen und Konflikte per finalem Dauerbeschuss aufzulösen. Die beiden anfangs noch so emsigen und selbstbewussten Hauptfiguren bleiben dabei fast ausschließlich passiv, tragen nichts Wesentliches mehr zum Fortlauf der Ereignisse bei und überleben das ganze Szenario ohnehin nur durch pures Glück. Und dass sich die Schöpfung am Ende gegen ihren Schöpfer wenden wird, war auch so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Insgesamt ein bisschen wenig, um zu begeistern also. Die Zeit vertreibt das etwas ungelenke Unterwasser-Märchen dennoch ganz passabel, wenn man Zugang hat zum naiven Kino der 60er Jahre, als das Publikum noch gewillt war, im Sinne des Eskapismus' offensichtliche Schwächen in Sachen Tricks, Kostüm und Handlung auszublenden beziehungsweise zu akzeptieren. Dabei war UX-BLUTHUND in ersten Planungsstadien gar nicht für die Leinwand vorgesehen, sondern sollte die Welt als dreiteilige Fernseh-Produktion heimsuchen, wofür erheblich amerikanische Gelder flossen. Der westliche Einfluss ist anhand der Besetzung noch deutlich zu erkennen, eine TV-Variante wurde am Ende dennoch nicht daraus. Die Hauptrollen wurden gerecht aufgeteilt, gingen zu 50 % an die USA und zu 50 % an Japan. Die Amerikaner schickten die damals erst 19-jährige Peggy Neal ins Rennen, die eine gute Figur macht, bevor sie am Ende das Schicksal so vieler Frauenrollen der Monsterfilm-Geschichte teilt und nur noch hemmungslos herumkreischen darf. Neal blieb dem Kreaturen-Kino treu und agierte später noch in dem unglaublichen Huhn-Horror GUILA - FRANKENSTEINS TEUFELSEI. Und für Japan steht kein anderer als Sonny Chiba [→ PANIK IM TOKIO-EXPRESS] auf der Matte, der später als erbarmungsloser Knochenbrecher zum Star aufstieg. Hätte er sein Talent bereits früher eingesetzt, wäre UX-BLUTHUND gewiss um einiges unterhaltsamer geworden. Wer wollte nicht schon immer mal erleben, wie Sonny Chiba feindliche Fischfontanellen verbiegt? 

Den Vogel schießt fraglos Eric Nielsen [→ DIE GRÖSSTE SCHAU DER WELT] als satanischer Gegenspieler ab, der wie ein verhinderter James Bond-Bösewicht aus der Mottenkiste daherkommt und so sinister ist, dass er nicht mal unter Wasser seine Sonnenbrille abnimmt. Wie genau sein brillanter Plan eigentlich aussieht, könnte er auf Nachfrage (die hier niemals kommt) wohl selbst nicht so richtig beantworten. Irgendwas mit Weltherrschaft, was natürlich nur durch operativ erzeugte Fisch-Mensch-Hybriden möglich ist. Was klingt, wie ein typischer Alptraum Howard Phillips Lovecrafts, ist hier nicht viel mehr als eine Terrine lauwarmer Fischsuppe. Warum der böse Onkel Doktor seine Wesen dann noch ständig an die Oberfläche schickt, um neue Wissenschaftler zu entführen, obwohl er diese gar nicht bräuchte und dadurch die Gefahr einer Entdeckung (so Fischmenschen an Land müssten ja schon mal dem einen oder anderen ins Auge fallen) exponentiell steigt, gehört ebenfalls zu den wenig bis gar nicht durchdachten, dabei doch so offensichtlich unsinnigen Spinnereien des Skripts. Auf der Habenseite verbuchen kann man noch die Mitwirkung Franz Grubers [→ GAMERA GEGEN JIGGAR], der trotz seines deutschen Namens Amerikaner ist und seinen Commander Brown zwar militärisch streng, dabei aber grundsätzlich sehr sympathisch rüberbringt (behilflich ist ihm dabei in der deutschen Fassung die Stimme Klaus Kindlers, den man für gewöhnlich aus dem Munde Clint Eastwoods kennt). 

Seinen deutschen Titel erhielt das infantile Tiefsee-Theater von dem in der Eingangsszene getesteten Torpedo, der (zumindest im Deutschen) UX-Bluthund heißt, danach aber keine Rolle mehr spielt und auch nie wieder erwähnt wird. Hier bemühte man sich allzu offensichtlich, eine klingende Verwandtschaft zum Konkurrenzprodukt U 2000 – TAUCHFAHRT DES GRAUENS herzustellen, ein ungleich aufwändiger gestaltetes Unterwasser-Abenteuer von 1963, das ebenfalls fleißig bei Jules Verne & Co. räuberte, dabei aber wesentlich versierter ins Ziel kam. Im Gedächtnis bleiben hier im Wesentlichen noch zwei Momente: Der vom Drehbuch zwecks Zeitschindung forcierte Streit zweier U-Boot-Befehlshaber, welcher Torpedo denn nun abzufeuern sei (offensichtlich sind manche Torpedos tödlicher als andere) und die Lösung für das Problem, wenn man selbst von Torpedos beschossen wird: einfach ausweichen.

Laufzeit: 84 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 22. Juni 2015

DAS GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN


EL TESORO DE LAS CUATRO CORONAS
Spanien, USA 1982

Regie:
Ferdinando Baldi

Darsteller:
Tony Anthony,
Lewis Gordon,
Jerry Lazarus,
Kate Levan,
Ana Obregón,
Gene Quintano,
Francisco Rabal,
Emiliano Redondo



„Das faszinierende, einzigartige Abenteuer in Wonder-Vision 3D“

So verkündete einst das Plakat, und das lässt natürlich aufhorchen. Dieses berühmte 'Wonder-Vision 3D' ist ja bekanntlich eine echte Hausnummer. Doch als DAS GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN beginnt, wähnt man sich zunächst im falschen Film. Erwartete man eigentlich die Sparflammen-Variante von INDIANA JONES, sieht stattdessen plötzlich alles aus wie STAR WARS, als sich noch vor dem eigentlichen Vorspann eine etwas unsauber hochgezogene Rollschrift durchs Bild quält. Was sie in ihrem rührend holprigen Englisch verkündet, macht jedoch einiges an Hoffnung: 

„Es gibt Dinge im Universum, die der Mensch niemals verstehen wird, Mächte, die er niemals beherrschen wird, und Kräfte, die er niemals kontrollieren wird. Die vier Kronen gehören dazu. Nun hat die Suche begonnen. Ein Glücksritter wagt den ersten Schritt. Er sucht den Schlüssel, der die Macht der vier Kronen befreien und eine Welt entfesseln wird, in der Gut und Böse aufeinandertreffen.“

Hört, hört! Wirklichen Sinn ergibt das zwar nicht, aber neugierig macht es trotzdem. Besagter Glücksritter tritt dann auch umgehend in Erscheinung: J. T. Stryker - ein Abenteurer, wie er im Drehbuche steht. Noch während der Vorspann läuft, dringt er in eine alte Festung ein, turnt durch unterirdische Höhlen, wird von flatternden Pappmasché-Sauriern attackiert, erwehrt sich allerhand anderen exotischen Getiers (wie z. B. Geier, Schlangen oder sogar Hunde!), weicht Giftpfeilen und Feuerbällen aus und findet am Ende schließlich ein waschechtes Skelett aus dem Biologieraum um die Ecke nebst irgendeinem wertvollen Klimmbimm. Zu guter Letzt erwachen plötzlich die ganzen alten Rüstungen um ihn herum zum Leben und final explodiert dann alles. Ein ganz normaler Tag im Leben eines Schatzjägers also. Doch kaum wieder zurück, beginnt erst das eigentliche Abenteuer:

Inhalt:

Tausendsassa J. T. Stryker [Tony Anthony] bekommt von seinem Freund, Professor Montgomery [Francisco Villena], einen neuen Auftrag: Er soll die magischen vier Kronjuwelen finden, die der größenwahnsinnige Sektenführer Jonas [Emiliano Redondo] an sich gerissen hat. Ihrem Besitzer verleihen die Steine magische Kräfte, mit deren Hilfe man die ganze Welt ins Unheil stürzen könnte. Stryker weigert sich zunächst, aber gute Argumente verfehlen ihre Wirkung nie. Da solch eine Reise allein aber natürlich nur wenig Spaß macht, beschließt der alternde Abenteurer, seine damaligen Gefährten wieder zu reaktivieren: den mittlerweile als Clown arbeitenden Sokrates [Francisco Rabal] und den zwischenzeitlich dem Alkohol verfallenen Rick [Jerry Lazarus]. Ihnen schließt sich spontan noch die Trapezkünstlerin Liz [Ana Obregon] an. Gemeinsam dringen sie in das geheimnisvolle Gemäuer ein, in dem sich Jonas mit seinen Jüngern verschanzt hat, um dort den ganzen Tag lang merkwürdige Rituale abzuhalten. Doch den Schatz an sich zu bringen, erweist sich schließlich als schwieriger als erwartet.

Kritik:

Nichts Neues also an der Abenteuer-Front und schon gar nichts Originelles, aber dennoch eine vernünftige Basis, um darauf ein brauchbares INDIANA JONES-Imitat zusammenzuzimmern. Doch der bunte Budenzauber erweist sich als ziemlicher Blender, der den anfänglichen Versprechungen im weiteren Verlauf nicht gerecht werden kann. Nach der im Verhältnis viel zu langen Exposition, in welcher das Team zusammengetrommelt wird, geht es quasi auf direktem Wege in die feindliche Festung (in die man ohne jede Schwierigkeit einfach hineinspaziert), um den Schatz (von dem auch niemals so richtig klar wird, worin denn nun eigentlich dessen magischen Kräfte bestehen) an sich zu bringen. Ab hier entpuppt sich DAS GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN statt als Abenteuerfilm viel mehr als klassisches 'Caper-Movie', als Einbruchsfilm in RIFIFI-Manier - nur, dass das zu enternde Juweliergeschäft hier gegen eine mittelalterliche Burg eintauscht wurde. Auch so etwas kann natürlich sehr spannend sein, doch wird daraus ebenfalls herzlich wenig gemacht: ein bisschen Gehangel hier, ein bisschen Geschaukel dort, dazu ein bisschen Geschwitze und Gestöhne, aber stets ohne das nötige Gespür dafür, damit auch Nervenkitzel zu erzeugen.

Das liegt natürlich auch daran, dass einen das Schicksal der Protagonisten ohnehin kaum tangiert und es einem somit schlichtweg egal ist, ob hier einer den Löffel reichen muss oder nicht. Eine ausführliche Psycho-Studie erwartet natürlich niemand, aber ein wenig mehr als simple Zweckmäßigkeit hätte man den auftretenden Parteien schon zugestehen können. So erfährt man von einem der Teilnehmer, Rick, eigentlich nur, dass er Alkoholiker ist, womit die Charakterzeichnung dann auch schon beendet wäre. Wie, warum und weshalb spielt keine Rolle. Das einzige Individuum, das zumindest im Ansatz interessant geriet, ist die tragische Figur des alternden Schaustellers Sokrates, für welchen es so oder so das letzte große Abenteuer wird, da er nicht mehr lange Zeit zu leben hat. So kommt es, dass ausgerechnet ein Moment, der ohne jeden Trickeffekt oder Actioneinschub daherkommt, zum Höhepunkt des Ganzen wird: Der melancholische Abschied des traurigen Clowns von seinem Kollegen wirkt unerwartet ergreifend und lässt erahnen, wie viel Potential hier im Grunde eigentlich verschwendet wurde.

Tatsächlich ging es den Produzenten ja aber auch gar nicht darum, wirklich packenden Stoff abzuliefern. DAS GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN ist allzu offensichtlich nur entstanden, um noch ein wenig vom damals bereits zum zweiten Male grassierenden 3D-Boom zu profitieren. Das hatte für das selbe Team im Vorjahr mit ALLES FLIEGT DIR UM DIE OHREN bereits gut funktioniert und sollte sich nun, in Kombination mit der gezielten Anspitzung abenteuerlustiger INDIANA JONES-Fans, ein zweites Mal rentieren. So kommt es dann auch, dass alle zwei Minuten irgendjemand irgendetwas angestrengt in Richtung Kamera hält, was in seiner Penetranz auf Dauer ziemlich an den Nerven sägt. Dabei ist die Grundidee im Prinzip tatsächlich gut dazu geeignet, möglichst viele 3D-Effekte unterzubringen: Pfeile, die in Richtung des Betrachters schießen, Schlangen, die sich zischend und züngelnd auf das Publikum zubewegen, und an Seilen hängende Protagonisten, die dem Zuschauer entgegenbaumeln. Und weil das noch nicht reichte, brachte man zusätzlich noch eine Artistentruppe in der Handlung unter, die minutenlang tollkühne Kunststückchen am Trapez vorführen darf. Doch ist es hier eindeutig ein wenig zu viel des Guten: Viele der Szenen wirken lachhaft bemüht, werden endlos ausgewalzt und bleiben teilweise (wie ein mittiges magisches Rambazamba inklusive in Zeitlupe fliegender Schlüssel und zuckender Blitze) auch ohne jede Erklärung.

Der Amerikaner Tony Anthony, dessen Gesicht zuvor durch eine Handvoll Italo-Western bekannt wurde, war in die Produktion von DAS GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN maßgeblich involviert, so dass es gewiss kein Zufall ist, dass seine Figur immer wieder prätentiös in den Mittelpunkt gerückt wird. Als schweigsamer Revolverheld machte Anthony allerdings eine wesentlich bessere Figur als als abgehalfterter Aushilfs-'Indiana Jones'. Als lässiger Abenteurer fehlt es ihm an Attraktivität und Glaubwürdigkeit, und seine ständigen Versuche, cool aus der Wäsche zu gucken, sind nicht mal halb so effektiv wie noch in seinen Paraderollen als BLINDMAN oder WESTERN JACK. Immerhin wird sein schwaches Schauspiel in der deutschen Fassung ein wenig durch die souveräne Synchronisation von Michael „Chevy Chase“ Brennicke kaschiert. Die restlichen Darsteller agieren solide, Francisco Rabal [→ DER LANGE TAG DER RACHE] als todkranker Sokrates sticht positiv heraus, Emiliano Redondo [→  PHANTASTISCHE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE] amüsiert als Bösewicht mit dämlichen Dialogen aus dem Sektenführer-Handbuch.

Für den Soundtrack indes konnte man sich ein echtes Schwergewicht angeln: Ennio Morricone, Komponist solch legendärer Melodien wie die von ZWEI GLORREICHE HALUNKEN oder SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, leistete hier seinen Beitrag, schien dieses Mal allerdings ebenso uninspiriert zu Werke gegangen zu sein wie der Rest der Crew: Das Ergebnis zählt zu seinen schwächsten Arbeiten während dieser Phase und lässt die für ihn typische Charakteristik völlig vermissen. Auch die Regie führte Vielfilmer Ferdinando Baldi ohne auffallende Leidenschaft, was zu seinem Ruf als wenig visionärem Routinier passt. Baldi war eher der solide Handwerker, dessen Arbeiten stets von der Qualität des Skriptes abhängig waren. Als solcher inszenierte er alles, was irgendwie Erfolg versprach, seien es Western [→ DJANGO – DER RÄCHER], Komödien [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU], Gialli [→ NEUN GÄSTE FÜR DEN TOD] oder Schmuddelkrimis [→ HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS], stets mit gütemäßig schwankendem Ergebnis. Produziert wurde die Sause übrigens von der Firma Cannon, die in den 80ern Recken wie Michael Dudikoff, Chuck Norris und Charles Bronson in den Kampf um die Publikumsgunst schickte und damit eine ganze Wagenladung an Billig-Action fabrizierte, die nicht nur höchst erfolgreich war, sondern im Nachhinein auch den begehrten Kult-Stempel aufgedrückt bekam.

Das wird dem GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN nun freilich niemals passieren. Freunde kostengünstiger Blockbuster-Epigonen dürfen dennoch mal einen zaghaften Blick riskieren, denn die zweite Anthony-Baldi-Kollaboration bietet launiges Jahrmarkt-Flair mit leichtem Horroreinschlag, drolligen Geisterbahn-Effekten und einer arg wunderlichen Geräuschkulisse, bei der es im Hintergrund meist seltsam pfeift und schnarrt und bimmelt. Garniert wird der holprige Hokuspokus dann von einem (natürlich) von JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES abgekupferten Finale mit reichlich Blitz und Bumm und dummer Maske, dafür ohne Sinn und ohne Verstand. Wer keine Furcht verspürt vor den Niederungen preiswert produzierter Schleuderware, der rücke sich die 3D-Brille zurecht und löse sich einen Fahrschein am Einlass. Wer hingegen nur die wirklich gute Abenteuer-Unterhaltung aus dem Hause Cannon sucht, der sollte sich lieber an QUATERMAIN halten.

Laufzeit: 95 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 12. Dezember 2014

DER HOBBIT - DIE SCHLACHT DER FÜNF HEERE


THE HOBBIT – THE BATTLE OF THE FIVE ARMIES
USA, Neuseeland 2014

Regie:
Peter Jackson

Darsteller:
Martin Freeman,
Richard Armitage,
Orlando Bloom,
Lee Pace,
Benedict Cumberbatch,
Luke Evans,
Evangeline Lilly,
Aidan Turner



Inhalt:

Der Hobbit Bilbo Beutlin [Martin Freeman] hat gemeinsam mit Thorin Eichenschild [Richard Armitage] und seiner Schar von Zwergen den Einsamen Berg erreicht und den sagenumwobenen Goldschatz seines Volkes zurückerobern können. Doch erzürnten sie dabei den gefährlichen Drachen Smaug [Benedict Cumberbatch], welcher nun in Richtung Seestadt fliegt, um sich an den Menschen zu rächen und alles in Schutt und Asche zu legen. Unter der Führung des tapferen Fährmanns Bard [Luke Evans] flieht das Volk der Menschen in die Berge. Währenddessen formiert sich eine Elbenarmee, um von Thorin einen Teil des Schatzes zu forden. Obwohl dieser einst sein Ehrenwort gab, verfällt er dem Goldfieber und wird seinem Versprechen untreu. Stattdessen sucht Thorin wie besessen den legendären Arkenstein, einen der wertvollsten Juwelen überhaupt. Der Stein jedoch befindet sich im Besitz Bilbos. Während sich die Elben zum Krieg rüsten, versucht Bilbo mithilfe eines geschickten Handels das große Blutvergießen zu verhindern.

Kritik: 

Nachdem für den Hobbit Bilbo Beutlin EINE UNERWARTETE REISE begonnen hatte, die ihn unter anderem auch durch SMAUGS EINÖDE führte, findet er sich schließlich in der SCHLACHT DER FÜNF HEERE wieder, die das finale Kapitel der HOBBIT-Trilogie einläutet und die in den Vorgängern so lustvoll ausfabulierte Geschichte in überlangem brachialem Kampfgedonner kulminieren lässt. Das führt zu jeder Menge Krach und strotzt nur so vor aberwitzigen Momenten, führt einem im selben Augenblick jedoch auch noch mal deutlich vor Augen, wie sehr man aus einer Buchmücke einen Kinoelefanten gemacht hat. Die größtmögliche Auswalzung einer in der literarischen Vorlage doch sehr überschaubaren Geschichte auf drei überlange, durch ihren verschachtelten Aufbau, theatralischen Dialog und Hang zur großen Geste stets Tiefsinnigkeit behauptende Leinwand-Epen zollt nun ihren Tribut, läuft letztendlich doch alles auf eine höchst banale Schlusspointe hinaus: Alles haut sich auf die Goschn, bis keiner mehr steht.

Um dieses möglichst ausladend zelebrieren zu können, wird zunächst der in Teil 2 in konzentrierter Akribie aufgestaute Konflikt mit dem Drachen Smaug [Benedict Cumberbatch] auf fast schon grotesk anmutende Weise in einer simplen Fußnote abgehandelt und klärt sich dermaßen hurtig, dass er bereits bei Titeleinblendung kein Thema mehr ist. Bedenkt man, wie sehr dieser Charakter und die angeblich von ihm ausgehende Gefahr den Vorgänger dominierten, ist dieser Umstand doch zumindest irritierend. Der Rest der Spielzeit beschreibt die unaufhaltsame Zuspitzung einer kriegerischen Kollision, die schließlich in dem titelgebenden Großereignis mündet. Dieses ist dann auch erwartungsgemäß von ausufernder Gigantomanie und fackelt ein aberwitziges Feuerwerk absurder Situationen ab, oft gefährlich nah an der Grenze zur Selbstpersiflage, manchmal auch deutlich darüber hinaus – eine pompöse, kaum enden wollende Pixel-Parade mit Cartoon-Charakter und ohne Scheu vor Übertreibung und Exzess.

Dass ein solches Massenspektakel seinen kolossalen, sich über zwei ausladende (wenn auch großartig inszenierte) Kinoabenteuer erstreckenden Vorbau eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte, darf kaum bezweifelt werden. Umso ernüchternder ist es da, dass einem nach zwei Vorläufern auch die in die Schlacht verwickelten Charaktere größtenteils noch immer gleichgültig sind. Wer den Löffel reicht oder mit heiler Haut davonkommt, interessiert kaum; die Protagonisten bleiben belanglose Schießbudenfiguren. Lediglich Zwergenkönig Thorin Eichenschild erhält so etwas Ähnliches wie Profil, droht er doch angesichts angehäufter Reichtümer auf die böse Seite gezogen zu werden. Aber auch dieser Konflikt löst sich alsbald ebenso schnell wieder in Rauch auf, wie er gekommen ist, ohne, dass es großartig Konsequenzen hätte. Ähnlich verhält es sich mit dem im Vorgänger begonnenen, ohnehin reichlich unmotivierten Liebesgeplänkel zwischen der Elbin Tauriel [Evangeline Lilly] und dem Zwerg Kili [Aidan Turner], dessen Auflösung sich schließlich als ärgerliche Banalität am Rande der Lächerlichkeit entpuppt.

Bilbo Beutlin, immerhin Namensgeber der Trilogie, verkommt indes dermaßen zur Randfigur, dass man schon beinahe überrascht ist, wenn er sich mal wieder ins Bild schiebt. Martin Freeman, obwohl quasi perfekt besetzt, bekommt somit auch abermals kaum Gelegenheit, sein Potential voll auszuspielen, bleibt stattdessen eine zwar ulkige, doch auffallend unterentwickelte Nebenrolle, von der man am Ende schlichtweg gern mehr gesehen hätte. Der Epilog, in dem er schließlich in sein Heimatdorf zurückkehrt, wirkt nach der vorhergehenden stundenlangen Schlachtplatte daher auch merkwürdig fehl am Platze und mag sich nicht so recht ins Gesamtbild einfügen. Die Auftritte der übrigen bekannten Charaktere, allen voran Saruman [Christopher Lee], Elrond [Hugo Weaving] und Galadriel [Cate Blanchett], erwecken derweil den Eindruck einer reinen Pflichtabhandlung, inhaltlich nicht unbedingt zwingend notwendig, oftmals lediglich vorhanden, um Querverbindungen zum aufgebauten Universum herzustellen oder simplen Fan-Service zu betreiben.

Hat man jedoch erst einmal akzeptiert, dass man es hier nicht mit einem zweiten DER HERR DER RINGE zu tun hat, bereitet der Abschluss der HOBBIT-Trilogie allen Defiziten zum Trotze doch ausnehmend viel Vergnügen. Da sich offenbar wohl auch die Macher im Klaren darüber waren, hier kein keinen neuen Meilenstein in die Filmgeschichte zementieren zu können, würzten sie ihren finalen Schlag mit einer gehörigen Portion Selbstironie, die das brachiale Geschehen ausreichend auflockert und über weite Strecken angenehm bei Laune hält. Den Rest besorgen die zweifellos überragenden Schauwerte, welche allein schon die bombastgeschwängerte Abschlussepisode zur sehnervkitzelnden Feierlichkeit werden lassen. Dramaturgisch insgesamt sicherlich schon allein aufgrund der Inkompatibilität innerhalb des Gesamtkonzepts gescheitert, erzählerisch gleichzeitig vor jeder Raffinesse kapitulierend, reiht DIE SCHLACHT DER FÜNF HEERE stattdessen in tricktechnischer Vollendung Attraktion an Attraktion, um sein Publikum als Wiedergutmachung für mangelnde Substanz zumindest mit eminentem Pomp erschlagen zu können, und ist dabei auf fast schon unverschämte Art und Weise enorm unterhaltsam.

Ein deutlich erhöhter Trash-Gehalt und endgültig eingezogene Trivialität lassen sich kaum leugnen; in visueller und tricktechnischer Hinsicht ist das abschließende HOBBIT-Abenteuer jedoch nach wie vor überragend und spielt außerhalb jeder Konkurrenz. Die ausschweifenden Prachtpanoramen erfreuen das Auge, das tollkühne Kampfgetümmel sättigt die Sensationslust, und der bildgewordene Wahnwitz macht mächtig Laune. Ob man ein 300-Seiten-Buch auf insgesamt ungefähr 500 Filmminuten hätte ausdehnen müssen? Gewiss nicht. Aber großartig geschadet hat es eigentlich auch nicht.

Laufzeit: 144 Min. / Freigabe: ab 12