Eigene Forschungen

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Montag, 23. Dezember 2024

DIE SOLO-KAMPFMASCHINE


WHEELS OF FIRE
USA, Philippinen 1985

Regie:
Cirio H. Santiago

Darsteller:
Gary Watkins,
Laura Banks,
Lynda Wiesmeier,
Linda Grovenor,
Joe Anderson,
Joseph Zucchero,
Jack S. Daniels,
Steve Parvin



Inhalt:

Müsste Trace [Gary Watkins] jemals ein Formular ausfüllen, gäbe er als Beruf vermutlich „Harter Hund“ an. Aber in der postapokalyptischen Welt, in der er lebt, gibt es keine Formulare mehr, nur noch Steine, Staub und das Recht des Stärkeren. Als seine jüngere Schwester Arlie [Lynda Wiesmeier] ihm ihren neuen Lebensgefährten Bo [Steve Parvin] präsentiert, ahnt er sofort, dass der Typ keine gute Wahl ist. Tatsächlich verliert der Taugenichts wenig später bei einem Wettkampf seinen fahrbaren Untersatz – in diesem Universum vergleichbar mit dem Verlust von Haus und Hof. Es liegt an Trace, ihn aus der Sache wieder rauszuhauen (wortwörtlich) und ihm und Arlie die Flucht zu ermöglichen. Aber es dauert nicht lang, da geraten die Geretteten in die Fänge des Tyrannen Scourge [Joe Mari Avellana] und seiner Handlanger, wo sich Bo endgültig als feiger Kriecher entpuppt, der, um seine heile Haut zu retten, keine Skrupel hat, seine Geliebte dem Gegner zu überlassen. Abermals ist es also an Trace, der Fährte des Feindes zu folgen, um Arlie zu befreien. Dabei trifft er auf die Kopfgeldjägerin Stinger [Laura Banks], die ebenfalls hinter Scourge her ist.

Kritik:

Ab den 1980er Jahren drehte der philippinische Regisseur Cirio Hermoso Santiago bis in die frühen 1990er quasi am Fließband, um erst das Bahnhofskino, später auch die Videotheken mit leicht konsumierbarer Action-Ware zu beglücken. Nicht selten durfte dafür der Vietnam-Krieg als Spielwiese herhalten. Aber auch die Post-Apokalypse ließ sich mittels ein paar alter Steinbrüche und Kiesgruben immer ganz gut nachstellen. WHEELS OF FIRE gehört in letztere Kategorie - wobei man dieses Mal sogar so weit ging, sich jedwede Erklärung für den kargen Zustand der porträtierten Welt auszusparen. Warum liegt denn hier bitteschön alles in Trümmern? Nuklearexplosion? Naturkatastrophe? Michael-Wendler-Konzert? Man weiß es nicht! Nicht einmal die obligatorische Atompilzaufnahme zu Beginn wurde integriert. Somit könnte die Geschichte ebenso gut auf einem fremden Planeten spielen. Oder im Wilden Westen einer alternativen Zeitrechnung, in der die Hottehüs gegen schmauchende Benzin-Boliden ausgetauscht wurden. Eine gewisse Cowboy-Mentalität lässt sich jedenfalls nicht leugnen, wird hier doch hauptsächlich scharf geschossen und geschlagen – mal, um Recht zu brechen, mal, um es wiederherzustellen.

Vorbild der Veranstaltung war natürlich abermals der australische Meilenstein MAD MAX von 1979 mit Mel Gibson als frustriertem Motorrad-Cop auf ruppigem Rachefeldzug sowie dessen Fortsetzung, die nach dem endgültigen Zusammenbruch der Zivilisation spielt. Während die Blaupause allerdings nicht nur durch Kinetik und durchdachte Bildsprache besticht, sondern bei allem Spektakel auch eine sinnvoll arrangierte Dramaturgie besitzt, bemühten sich Santiago und Konsorten gar nicht erst und warfen irgendwie alles in den Topf, was gerade zur Verfügung stand. Eines kann man WHEELS OF FIRE somit ganz gewiss nicht vorwerfen: Ereignisarmut. Im Prinzip ist wirklich immer etwas los und trotz schmalem Budget bekommt der Action-Freund viel geboten: Kämpfe, Überfälle und Verfolgungen dominieren das Geschehen, tatkräftig unterstützt von Maschinengewehr, Handgranate und Flammenwerfer. Mitreißen kann das alles trotzdem nicht, weil es so spürbar leidenschaftslos kredenzt wurde und sich nicht zu einer schlüssigen Ereigniskette fügt.

Bereits der Beginn ist maximal banal: Der zentrale Konflikt besteht zunächst darin, dass der Held nicht mit dem neuen Lebensgefährten seiner Schwester einverstanden ist. Das ist Stoff für Seifenopern, nicht für archaische Sandepen, bei denen das Hauptanliegen aller Beteiligten stets die Sicherstellung des eigenen Überlebens sein sollte. Aber auch, nachdem das einleitende Problem abgehandelt ist, wird es nicht auffallend aufregender: Aufhänger für das ganze Rambazamba ist eine lausige Entführung – womit man sich in Sachen Dramatik auf dem Niveau einer x-beliebigen 1980er-Krimi-Serie befindet. Doch wenn ein Protagonist eine brauchbare Motivation zur Eskalation benötigt, ist die eigene Schwester in den Klauen eines skrupellosen Schurken natürlich immer gut. Joe Mari Avellana [→ TNT JACKSON] agiert als Antagonist Scourge zwar ganz passabel und ließ sich in Sachen Optik offenbar von den alten Samurai inspirieren. Viele Möglichkeiten zur Entfaltung bekam er allerdings nicht, zumal seine Ziele unerwähnt bleiben. Er ist einfach nur ein Bösewicht, der junge Frauen entführt und in Ketten legt, um sich an ihnen zu vergehen. Klar, das ist nicht nett. Aber für die Leinwand dann doch etwas lahm. Echte Kino-Schufte erledigen so etwas bereits vor dem zweiten Frühstück und fangen dann erst mit der eigentlichen Arbeit an.

Scourge gegenüber steht Trace, der Held der Story, gespielt von Gary Watkins [→ JOHNNY G.]. Dem steht zwar „Maskulinität“ auf der Stirn, aber leider eben nicht „Schauspieltalent“. Trotzdem kann Trace von Anfang an alles besser, trifft immer ins Schwarze und wird dadurch zu einer sehr langweiligen Figur. Wie sich Lynda Wiesmeier [→ WAS FÜR EIN GENIE] für ihre Rolle als Entführungsopfer qualifizierte, ist indes nicht schwer zu erraten. Darstellerische Kunstfertigkeit war es nicht. Dafür wird ihr das Privileg zuteil, gut zwei Drittel der Laufzeit oben ohne durch die Wüste wackeln zu dürfen. Bei der Hitze sicherlich sehr angenehm! Die zweite relevante Frauenfigur darf immerhin schon etwas resoluter auftreten: Laura Banks [→ STAR TREK II] gibt die taffe Kopfgeldjägerin, die sich mit Trace verbündet, da sie mit dem Oberunhold ebenfalls noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Dass sie dabei mit ihrem Pudel auf dem Kopf an TERMINATORs Heldin Sarah Connor erinnert, ist gewiss kein Zufall. Und dann ist da die junge Spike (Linda Grovenor [→ STIRB LACHEND]), die auch noch irgendwie mitmischt und nicht nur Gedanken lesen, sondern auch durch Berührung von Gegenständen erfühlen kann, wie es deren Besitzer geht. Das ist zwar toll, aber für die Handlung völlig irrelevant.

Profil besitzen diese mit heißer Drehbuchnadel gestrickten Pappkameraden alle nicht, weswegen einer uninteressanter wirkt als der andere. Dass am Skript dennoch ganze drei Personen herumgebastelt haben sollen, mag man da kaum glauben. „Zweckdienlich“ ist noch das positivste Wort, das einem dazu einfällt, hält es die einzelnen Wegstationen und Action-Szenen doch immerhin notdürftig zusammen. Interesse am Aufbau einer glaubwürdigen, geschweige denn interessanten Welt hatte man allerdings nicht. Das ist insofern bedauerlich, als dass gute Ansätze zumindest vorhanden sind. Über die hippieartige Kommune True Believers, die mitten in der Wüste eine Rakete baut, hätte man z. B. gern etwas mehr erfahren. Stattdessen ist sie einfach nur da, um den Helden als dekorative Zwischenstation zu dienen, bevor sie dann natürlich prompt überfallen wird. Oder über das Volk, das unter Tage haust und Menschen von der Oberfläche stibitzt, indem es sie einfach ins Erdreich zieht, und das von der deutschen Synchronisation doch allen Ernstes "Erdmännchen" genannt wird. Allerdings sind das keine katzenartigen Raubtierchen, sondern zombieartige Saufmumien mit ordentlich Sand in der Visage. Wie diese schwankenden Schreckgestalten es hingekommen haben, sich ein unterirdisches Höhlensystem inklusive diverser Hängebrücken zu erschaffen, das wäre auch ein Kapitel wert gewesen.

In produktionstechnischer Hinsicht braucht sich WHEELS OF FIRE dementsprechend ganz und gar nicht zu verkriechen, denn die Kulissen sind allesamt imposant und auch an vernünftiger Ausstattung mangelt es nicht. Das Team um Santiago hat mal wieder fröhlich den Fuhrpark geplündert und alle möglichen Karosserien organisiert, wobei auch vor Kanonengeschützen und Panzerfahrzeugen kein Halt gemacht wurde. Zudem gönnte man sich eine anständige Anzahl an Statisten, wodurch die Sache größer erscheint, als sie es eigentlich ist. Auf genreübliche Albernheiten hat man überwiegend verzichtet, obwohl das Flaggensymbol der Bösewichte schon ziemlich lustig ist: ein schlecht gelaunter Totenkopf mit Hörnern. Schön auch, dass zumindest einer aus der Schurkentruppe ständig mit nem Dreizack herumläuft. Wie praktisch so ein Ding wohl bei einer Schießerei sein mag? Und die behauptete Hochgeschwindigkeit bei den motorisierten Verfolgungsjagden wurde natürlich mal wieder durch Bildbeschleunigung realisiert, wozu Trace dann einfach so tut, als würde er nach hinten in den Sitz gepresst. Das sieht zwar nicht sonderlich überzeugend aus, aber immerhin musste er kein Erdbeben oder Ionensturm simulieren.

DIE SOLO-KAMPFMASCHINE, wie WHEELS OF FIRE in Deutschland extraknallig genannt wurde (allenfalls Die gnadenlose Solo-Kampfmaschine des grausamen Todes hätte noch prägnanter gewirkt), hat durchaus seine Qualitäten. Er ist gut gefilmt, bietet zum Teil tolle Locations und wartet beizeiten auch mit schönen Bildern (wie malerische Sonnenuntergänge) auf. Auch die Action ist reichlich und abwechslungsreich; Stunts und Explosionen geben sich ein wiederkehrendes Stelldichein. Die deutsche Sprachfassung entzückt dazu mit Beleidigungen wie: „Du Hängebauchschwein!“ Erstaunlich, dass er es trotzdem hinbekommt, bis zum Schluss völlig substanzlos zu bleiben. Die Figuren sind zu keiner Sekunde nahbar, es fehlt an Epik, Herz und Leidenschaft. Zurück bleibt Leere. Und während der Abspann läuft, hat man schon vergessen, worum es eigentlich ging. Wer unbedingt Endzeit von Santiago möchte, sollte sich daher eher an Traces Kollegen STRYKER wenden.

Laufzeit: 81 Min. / Freigabe: ungeprüft

Freitag, 24. Mai 2024

FURIOSA


FURIOSA
Australien 2024

Regie:
George Miller

Darsteller:
Anya Taylor-Joy,
Alyla Browne,
Chris Hemsworth,
Tom Burke,
Lachy Hulme,
Charlee Fraser,
Nathan Jones,
Angus Sampson



Am Anfang war MAD MAX. Es war 1979, als der damals noch unbekannte australische Regisseur George Miller mit dem damals noch unbekannten australischen Schauspieler Mel Gibson in der Hauptrolle unter diesem Titel die pessimistische Parabel einer untergehenden Zivilisation ins Kino brachte. Aufgrund des unerwarteten Erfolges wurde die Nummer in mehreren Fortsetzungen mit deutlich größerem Budget zur ausufernden Action-Installation umgedeutet. Die Figur der Furiosa trat dabei erstmals 2015 im Kapitel FURY ROAD auf und war bereits von Anfang an mehr als nur eine größere Nebenrolle, gönnte Miller, der sich stets auch für die Drehbücher verantwortlich zeichnete, der endzeitlichen Kriegerin doch ungewöhnlich viel Raum. Neun Jahre später durfte der Name FURIOSA schießlich ein ganzes Plakat schmücken und die kampferprobte Heldin ihren Lebens- und Leidensweg (im wahrsten Sinne) mutterseelenallein bestreiten. Ganz ohne Max, aber doch mit sehr viel Madness.

Dass diese dabei nicht mehr von Charlize Theron verkörpert wird, sondern von der deutlich jüngeren Anya Taylor-Joy, liegt vor allem darin begründet, dass hier die Vorgeschichte erzählt wird - der weite Weg zur Fury Road quasi. Genau genommen sind es deshalb sogar gleich zwei neue Schauspielerinnen in der Rolle, hat doch selbst die Vorgeschichte noch eine Vorgeschichte, in der sich die Protagonistin bereits als Dreikäsehoch als äußerst robust erweist, obgleich sie zum Auftakt direkt in die Hände brutaler Plünderer gerät.

Inhalt:

Der Lebensraum, in dem die noch kindliche Furiosa [Alyla Browne] aufwächst, ist so schön nicht mehr: Die Zivilisation ist im Eimer, die Welt fast nur noch Wüste, Ressourcen jeglicher Art sind teure, hart umkämpfte Handelsware. Doch Furiosa hat noch Glück im Unglück: Sie lebt in einer der wenigen verbliebenen Oasen, in einer Gemeinschaft friedlicher Menschen, die sich gegenseitig unterstützen. Doch eines Tages wird sie diesem Paradies brutal entrissen: Eine Bande von Plünderern entführt sie ins Ödland, um sie ihrem Anführer zu überreichen, dem skrupellosen Warlord Dementus [Chris Hemsworth]. Dieser tötet ihre Mutter, die erfolglos versucht hat, sie zu retten, und zieht sie als eine Art Ersatztochter auf. Nach einiger Zeit wechselt Furiosa jedoch den „Besitzer“: Um einen Handel zu besiegeln, wird sie an einen weiteren Machtmenschen verkauft: den maskierten, monsterartigen Immortan Joe [Lachy Hulme], der sie seinem Harem zuführen möchte. Furiosa kann durch eine List entkommen und übt sich fortan in der Kunst des Überlebens. Die Jahre vergehen und sie reift zur jungen Frau [nun: Anya Taylor-Joy]. Ihr Überlebenswille: Vergeltung für den Mord an ihrer Mutter.

Kritik:

An FURIOSA überrascht zunächst, dass die Geschichte kapitelweise erzählt und dabei jeder Teilabschnitt Quentin-Tarantino-artig per Einblendung benannt wird. Das ist schon ein kleiner Stilbruch, aber da bisher jeder Teil der Reihe in irgendeiner Form mit seinem Vorgänger brach, war das wohl das Zugeständnis an diese Tradition. Ansonsten behält man im Großen und Ganzen Stil und Optik des Vorgängers (beziehungsweise ja eigentlich ja Nachfolgers) bei, weswegen man sich auch sofort wieder in vertrauten Gefilden wähnt. Diese Welt ist definitiv die, die man aus FURY ROAD kennt, eine raue, ungastliche Wüstenlandschaft, bevölkert von motorisierten marodierenden Horden, in der das Recht des Stärkeren und Skrupelloseren gilt.

Mit der Realität hat das freilich kaum noch etwas am Hut und mit der Anfängen der Reihe ebenfalls nicht. Teil 1 der Saga, noch mit einer Handvoll Dollar gedreht, weist zwar auch schon ein paar comicartige Elemente auf, ist im Kern jedoch ein dreckiger Polizeifilm alter Schule, in dem Motorrad-Bulle Max Rockatansky zunächst zur Verzweiflung, dann zum Vergeltungsakt gegen die Mörder seines Sohnes getrieben wird. Erst die Fortsetzung siedelt die Handlung dann in der Post-Apokalypse an, in der sich schrille Figuren im Hochgeschwindigkeitsrausch gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Das zelebriert zwar bereits mit kindlicher Lust die Übertreibung, hat aber immerhin noch eine gewisse Bodenhaftung. FURIOSA jedoch scheint inzwischen auf einem anderen Planeten zu spielen, der der Erde höchstens noch im Ansatz ähnlich ist. Aufgrund des Ambientes drängt sich einem zeitweise gar ein Vergleich mit DUNE auf (bei dessen 2024er Kino-Interpretation Anya Taylor-Joy kurioserweise auch dabei war) und tatsächlich würde es gar nicht groß überraschen, schraubte sich hier plötzlich ebenfalls ein gigantischer Wurm aus dem Sand. 

Zu Beginn der Reise huldigt Miller allerdings einem ganz anderen, eigentlich mausetoten Genre, nämlich dem Barbarenfilm. Mehrere anfängliche Momente könnten direkt aus CONAN & Co. stammen, wenn die grausamen Horden des Tyrannen Dementus – teils sogar mit gehörten Helmen unterwegs – ihr blutiges Tagwerk verrichten, rauben, plündern, kreuzigen und morden. Nur eben mit Motorrädern. Bereits hier lernt man den Antagonisten mit Leidenschaft hassen. Chris Hemsworth [→ VACATIONspielt den menschenlebenverachtenden Anführer Dementus im formvollendeten Berserker-Modus und man wünscht sich, die Titelfigur würde ihm, obwohl noch im zarten Kindesalter, bereits an Ort und Stelle den Garaus machen. Dass er sich im gleichen Moment, in dem er ihr Mutter, Glück und sorglose Jugend raubt, auch noch als Gefühlsmenschen inszeniert, der um den Verlust seiner eigenen Tochter trauert, macht ihn nur noch verabscheuungswürdiger. Aber das war wohl notwendig, da das Skript zumindest eine halbwegs brauchbare Entschuldigung dafür benötigte, dass Furiosa tatsächlich am Leben gelassen wird und fortan eine nicht unbeträchtliche Zeit in der Obhut ihres Peinigers verbringt.

Hier schält sich langsam, aber sicher ein weiterer Unterschied zum Rest der Reihe heraus. Denn während sich die anderen Beiträge inhaltlich jeweils auf einen nur kurzen Zeitabschnitt konzentrieren, erstreckt sich FURIOSA über mehrere Jahre, beschreibt fast schon akribisch die langsame Frauwerdung der Protagonistin, die schließlich – so viel zur geliebten „Ersatztochter“ – von Dementus an einen Handelspartner verschachert wird, an den bereits aus FURY ROAD bekannten Immortan Joe, der sie zur Haremsdame umfunktionieren will. Furiosa denkt nicht mal daran, kann durch einen (bemerkenswert billigen) Trick entkommen, tarnt sich fortan per Kurzhaarfrisur als Junge und agiert so mehrere Jahre als „War Boy“ in der Armee Immortan Joes, was schon etwas weit hergeholt erscheint und leichte MULAN-Schwingungen mit sich bringt. Es ist faszinierend, wie beinahe unmerklich hier der Darstellerwechsel vonstatten geht, denn irgendwann dazwischen tauscht Furiosa ihren Körper und wird die verbleibende Spielzeit von Anya Taylor-Joy personifiziert. Beide Frauen bilden eine wunderbar konsistente Kombination und verströmen eine identische Präsenz, sodass der Übergang nahezu nahtlos und beinahe unbemerkt über die Bühne geht.

Furiosa geht ihren Weg weiter, wobei das anfangs prominent platzierte Rachemotiv dabei für geraume Weile ins Hintertreffen gerät. Lange Zeit (also innerhalb der Handlung: mehrere Jahre) geht es der Protagonistin lediglich darum, zu überleben, sich anzupassen, ihre Stärken zu entdecken und auszubauen, herauszufinden, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Das Element Action spielt dabei – obwohl niemals völlig abwesend – keine so große Rolle wie noch in FURY ROAD, wo gefühlt niemals jemand länger als 20 Sekunden mal irgendwo stehen blieb. FURIOSA hingegen setzt eher auf das große Abenteuer. Aber wenn was passiert, dann ist wahrlich was los! Anspieltipp dafür ist der Überfall auf das „War Rig“, einerseits ein gigantischer Tanklaster, andererseits aber auch eine fahrende waffenstarrende Festung - was einige trotzdem nicht von dem Versuch abhält, das Ding kapern zu wollen. Mit Autos, Motorrädern und Fluggeräten attackiert eine Bande Verrückter das gepanzerte Superfahrzeug und wer Glück hat, kommt einfach nur unter die tonnenschweren Räder. Und wer es für schlau hielt, vom Luftraum aus anzugreifen, wird kurzerhand per eingebautem Kranarm vom Himmel gepflückt. Die Kinetik, die dabei entfesselt wird, macht in ihrem perfekt inszenierten Irrwitz fast sprachlos und lässt einen minutenlang alles vergessen. Dabei – und das ist die große Kunst – bleibt alles stets übersichtlich und fokussiert. Miller, der dem Genre vor FURY ROAD lange Zeit abtrünnig war, weiß, wie man Action auf die Beine stellt, die diese Bezeichnung auch verdient.

Der Überfall verbindet Furiosa unvermittelterweise mit dem „War Rig“-Steuermann Praetorian Jack, der für sie zur quasi einzigen Vertrauensperson wird. Dass bei der Gelegenheit noch völlig fehl am Platze wirkendes Kurzzeit-Geschmuse ins Skript gemogelt wurde, liegt wohl daran, dass Furiosa ihr Finale nicht als Jungfrau bestreiten sollte, denn zwischen all dem Den-Haremshäschern-entkommen, Sich-als-Junge-verkleiden und Unter-einem-fahrenden-Truck-hängen war für das gute, alte Pimperino natürlich nie so wirklich Zeit. Obwohl reichlich spät eingeführt, wirkt Tom Burke [→ ONLY GOD FORGIVESin der Rolle auf Anhieb extrem cool und sympathisch. Zudem sieht er, vor allem hinter dem Steuer seines Trucks, Mel Gibson recht ähnlich, was natürlich wunderbar ins Universum passt. Ohnehin ist es abermals bemerkenswert, wie schillernd das auftretende Personal geriet, selbst wenn es nur Miniauftritte absolviert. Miller liefert die Freakshow frei Haus, oft auch missgestaltete, aber stets charakterstarke Figuren in extragaganten Kostümen, mit Namen, die offenbar bei einer feucht-fröhlichen Teehaus-Zeremonie entstanden: Organic Mechanic, Rictus Erectus, Scrotus, Octoboss - und nicht zuletzt der „Geschichtenerzähler“, ein greiser Mann im wallenden Gewand, der sich hin und wieder im Erklärbär-Modus zu Wort meldet und aussieht wie ein chrystal-meth-süchtiger Saruman mit Mikrofon.

Am Ende – das wird keinen überraschen – bekommt Furiosa ihre Rache. Dieser Abschnitt wird von manchem Kritiker als Schwäche empfunden, weil er sich Erwartungen widersetzt und darum als unspektakulär abgekanzelt wird. Tatsächlich besitzt aber gerade das nach all dem donnernden Getöse eine ungeheure Wucht. Miller hat verstanden, dass Action nur funktioniert, wenn man sie in Ruhe einbettet. So herrscht nach der brachialen „War Rig“-Sequenz für ein paar Sekunden eine Stille, die regelrecht in den Ohren dröhnt. Der Abspann wird später untermalt sein von entspannten Klängen, die so gar nicht nach Weltuntergang tönen. Und Furiosa kriegt ihre Vergeltung eben nicht zwischen kreischenden Motoren und schepperndem Blech, sondern in einem Moment gezügelten Stillstands. Und da schließt sich der Kreis. Denn das erinnert doch stark an Mel Gibsons finalen Akt aus dem 1979er MAD MAX, der eben auch nicht laut und schnell war, sondern bedacht und perfide. 

Mit FURIOSA hat George Miller seine eigene Welt abermals neu erfunden, ohne bereits Etabliertem den Stinkefinger zu zeigen. Der Einfallsreichtum ist überbordend (Dementus fährt z. B. einen Streitwagen, der anstelle von Pferden von drei Motorrädern gezogen wird), die wuchtigen Bilder sind präzise durchgeplant und der Soundtrack unterstützt das Geschehen angemessen brachial. Und Anya Taylor-Joy hat sich mitsamt stechendem Blick (ihre Augen werden szenenweise fast schon penetrant überbetont) einen Platz im Action-Olymp gesichert.

Falls noch Fragen offen sind: FURIOSA brennt alles nieder! Weil Miller nicht nur daran gelegen war, es krachen zu lassen. Sondern weil er auch etwas zu erzählen hatte. Jede Figur, jeder Satz, jedes Sandkorn ist mit Bedeutung aufgeladen.

Furios? Ja!

Laufzeit: 148 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 4. Oktober 2021

TODESSTRAHLEN AUS DEM WELTALL


SEKAI DAIKENSÔ
Japan 1961

Regie:
Shûe Matsubayashi

Darsteller:
Furankî Sakai,
Akira Takarada,
Yuriko Hoshi,
Nobuko Otowa,
Yumi Shirakawa,
Chieko Nakakita,
Shinpei Tsuchiya,
Eijirô Tôno



„Ich kann und ich will mich nicht damit abfinden. Sie haben kein Recht, uns zu töten.“


Zunächst mal: Der Titel TODESSTRAHLEN AUS DEM WELTALL ist wohl so ziemlich der dreisteste, den sich ein deutscher Verleih jemals für eine japanische Leinwand-Fabel aus den Fingern saugte, und rangiert damit sogar noch ein paar Oktaven über dem sonstigen Spitzenreiter UFOS ZERSTÖREN DIE ERDE (der eigentlich Ein Meteorit hätte beinahe die Erde zerstört hätte heißen müssen). Mit irgendwelchem Weltraum-Rummel oder außerirdischen Aktivitäten hat dieses düstere Endzeit-Drama nämlich nicht das Geringste am Hut (allein der Begriff 'Todesstrahlen' ist gar nicht mal so unpassend, wie es zunächst den Anschein hat). Der Original-Titel SEKAI DAIKENSÔ, übersetzt: Der große Weltkrieg, führt hingegen – wenig überraschend – auf die richtige Fährte.

Inhalt:

In der Zukunft des Jahres 1961 steht die Welt an der Schwelle zum atomaren Krieg. Die großen Nationen der Erde haben sich heillos zerstritten, die radikalen Medien heizen die Stimmung zusätzlich an, beständig kreisen Finger über dem Roten Knopf. In dieser hochgradig angespannten Situation beschließen die junge Nana Tawasako [Yuriko Hoshi] und der Seemann Paul Bendson [Akira Takarada], sich das Ja-Wort zu geben. Nachdem sie sich erfolgreich den Segen der Eltern geholt haben, beginnen sie, Zukunftspläne zu schmieden. Doch dann wird Paul zur See gerufen. Gibt es noch Hoffnung für das Paar?

Kritik:

Nicht nur der deutsche Titel ist eine Ohrfeige für SEKAI DAIKENSÔ, auch die Schnittfassung, in welcher die engagierte Weltuntergangs-Vision hiesige Lichtspielhäuser heimsuchte, darf gut und gern als Affront gewertet werden: Nach gerade mal läppischen 70 Minuten ist das Schicksal der Menschheit besiegelt. Ein Blick auf das Original verrät, dass sich die Apokalypse dort sage und schreibe 40 Minuten mehr Zeit lässt. Der zweifelhafte Dank für die teutonische Turbo-Abhandlung der Ereignisse geht in erster Linie an den damaligen amerikanischen Vertrieb, der die Produktion relativ respektlos auf eine deutlich übersichtlichere Länge Kürze zusammenstauchte und dabei nicht nur ganze Nebenhandlungen und Charaktere unter den Tisch fallen ließ, sondern auch die gesamte Erzählstruktur dahingehend veränderte, dass die Geschehnisse nun als retrospektives Gedankengebilde wiedergegeben werden. Und eben jene Fragment-Fassung wurde schließlich von der Filmallianz aufgekauft, um sie, zudem eben auch noch irreführend beworben, in den deutschen Kinos zu platzieren. Nach einer derart flegelhaften Fleischwolf-Prozedur sind die Qualitäten des Ursprungswerks natürlich nur noch zu erahnen. So müssen nun aus dem Off vorgetragene Erklärungen bei der Herstellung fehlender Zusammenhänge helfen, was streckenweise in einer enervierenden Dauerbeschallung mündet. Die Gründe für das große Säbelrasseln der Weltmächte bleiben dennoch bis zum Schluss ungreifbar. Tatsächlich nutzt das der Erzählung allerdings mehr als dass es ihr schadet, unterstreicht es doch Banalität und Sinnlosigkeit der gegenseitigen Drohgebärden. Das Volk versteht die Gründe ja auch nicht. Und genau darauf liegt der Fokus von SEKAI DAIKENSÔ (zumindest in dem Flickenteppich, der nach der amerikanischen Spezialbehandlung noch davon übrig ist).

Den Autoren Toshio Yasumi [→ DER LÖWE DES GELBEN MEERES] und Takeshi Kimura [→ DIE FLIEGENDEN MONSTER VON OSAKA] war weniger daran gelegen, die schicksalhaften Ereignisse aus militärischer Sicht wiederzugeben, als vielmehr, deren fatale Folgen für die Bevölkerung aufzuzeigen. Die hier skizzierte Familie Tawasako fungiert dann auch gar nicht so sehr als klassischer Protagonist, sondern steht vielmehr stellvertretend für den kleinen Bürger, der zum ohnmächtigen Leidtragenden gedanken- und verantwortungsloser Aggressionspolitik wird. Es ist verblüffend, wie hurtig man das traditionsbewusste Ehepaar trotz kaum noch vorhandener Spielzeit ins Herz schließt. Furankî Sakai [→ MOTHRA BEDROHT DIE WELT] und Nobuko Otowa [→ ONIBABA] agieren so bescheiden und unaufdringlich-liebenswert, dass man innerhalb kürzester Zeit meint, persönlich mit ihnen bekannt zu sein. Dabei werden sie sehr wertkonservativ gezeichnet, wenn der Liebhaber ihrer Tochter (gespielt von Toho-Veteran Akira Takarada [→ GODZILLA UND DIE URWELTRAUPEN]) sich erst noch die Genehmigung zur Heirat der jungen Frau abholen muss (wobei man natürlich nach wie vor nicht vergessen darf, dass man es mit einem japanischen Werk vom Anfang der 60er Jahre zu tun hat). Allein anhand dieser vier Figuren (Mutter, Vater, Tochter, Schwiegersohn in spe) gelingt es Regisseur Shûe Matsubayashi [→ SEE-INFERNO], die tragischen Konsequenzen verantwortungsloser Staatsführung greifbar zu machen und die Gefühls-Klaviatur von Sorge, Hoffnung und Verzweiflung effektiv zu bedienen.

Um SEKAI DAIKENSÔ vollends verstehen zu können, muss man sich bewusst machen, zu welchem Zeitpunkt er erstand. Der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion begann damals so langsam, aber sicher heiß zu werden, ein Atomschlag rückte durchaus in den Bereich des Möglichen. Japan, bereits gebeutelt vom nuklearen Holocaust, übernahm dabei überwiegend die Rolle des besorgten Beobachters, wäre im Falle des Falles aber ebenfalls und abermals leidtragend gewesen. Da nur ein Jahr nach Kinostart die Kuba-Krise die Welt tatsächlich an den Rand des Abgrunds führte, muss Matsubayashis warnendes Werk aufgrund seiner Anklage betreffend leichtfertigen Umgangs mit Arsenal und Technik direkt als prophetisch gelten. So wirkt SEKAI DAIKENSÔ trotz der stellenweise nicht zu leugnenden Naivität (gemeint sind primär die Sequenzen, die der doch arg vertrottelten Streitmacht gewidmet werden) gar nicht großartig albern, sondern in der Sache überaus glaubwürdig – wobei generell die Stimmungs-Diskrepanz zwischen den Militär- und den Familien-Szenen ins Auge fällt: Während erstere eher einfältig daherkommen (und zudem von allzu durchschaubarer Tricktechnik begleitet werden), wirken letztere durch und durch authentisch und realitätsnah. Es ist schön zu sehen, wie die beiden jungen Leute ihre Zukunft planen, es ist amüsant, wie tapsig Familienvater Tamura ihnen gegenüber um Autorität ringt, und es ist niederschmetternd mitzuerleben, wie Tamura am Ende seinen Glauben verliert, alles könne sich doch noch irgendwie zum Guten wenden.

Bemerkenswert ist die Konsequenz, mit der SEKAI DAIKENSÔ sein Ding durchzieht. Die Botschaft soll ins Mark treffen, da reicht es nicht, nur halbe Sachen zu machen. So durfte Trickspezialist Eiji Tsuburaya [→ GODZILLA] zum Schluss einmal mehr aufzeigen, wie man aufwändig gestaltete Modellbausätze in glühende Aschelandschaften verwandelt. Das ist zwar abermals sehr schön anzuschauen, kann den Vorwurf der Trivialisierung aber nicht abstreifen. Die Effekte erinnern an seine bekannten Arbeiten für die Godzilla-Reihe und unterminieren in ihrer eindeutigen Artifizialität den selbstgestellten Anspruch auf ein ernstzunehmendes Mahnmal gegen Kriegstreiberei. Dass man sich angesichts des finalen durch Miniaturarchitektur fegenden Feuersturms in kindlicher Begeisterung in die Hände klatscht, dürfte kaum im Sinne des Erfinders gewesen sein. TODESSTRAHLEN AUS DEM WELTALL (Wer diesen Titel abgesegnet hat, dem gehört nachträglich noch eine Atomrakete in den Allerwertesten geschoben!) mag somit zwar in seiner eigentlichen Zielsetzung scheitern, trägt das Herz aber dennoch am rechten Fleck und staubt somit zumindest tüchtig Sympathiepunkte ab. Und dass das selbst noch für die ramponierte Torso-Variante gilt, ist dabei das größte Kompliment.

Laufzeit: ca. 70 Min. / Freigabe: ab 12

Donnerstag, 2. Januar 2020

STRYKER


STRYKER
Philippinen, USA 1983

Regie:
Cirio H. Santiago

Darsteller:
Steve Sandor,
Andrea Savio,
William Ostrander,
Julie Gray,
Monique St. Pierre,
Mike Lane,
Jon Harris,
Ken Metcalfe



„Der letzte Krieg brach aus Versehen aus. Wessen Schuld es war, weiß niemand. Und für die Überlebenden hatte diese Frage auch keinen Sinn mehr. Durch den atomaren Holocaust hatte die Menschheit sich selbst vernichtet. Die Städte waren ausradiert, das Ackerland verseucht, die Welt war eine Wüste. Unfruchtbares Ödland war alles, was geblieben war – ein verbrannter, aus dem natürlichen Gleichgewicht geratener Planet.“

Wenn etwas so anfängt, ist klar: Die Welt hatte mal wieder einen Knall. Einen ziemlich großen sogar, und übriggeblieben sind einmal mehr lediglich Steinbrüche, Sandbuggys und die Besucher des letzten Motörhead-Konzerts. Keine Frage: STRYKER ist ein lupenreines MAD MAX II-Plagiat, wie es sie nach dem Erfolg der australischen Endzeit-Oper wie Sand in der Wüste gab. Die Story könnte daher ebenso gut von jedem anderen dieser Epigonen stammen:

Inhalt:

Die Menschheit hat sich per Atomkrieg überwiegend selbst vernichtet. Unter den Überlebenden ist ein Kampf um die letzten Wasserreserven ausgebrochen. Der schurkische Kardis [Mike Lane] hat es mit brutaler Gewalt geschafft, sich einen Großteil des Flüssigguts zu sichern, was ihm einiges an Macht beschert. Doch es gibt eine geheime unterirdische Quelle, die von einem Stamm attraktiver Amazonen gehütet wird. Die junge Delha [Andrea Savio] ist dem Stamm abtrünnig geworden und wird prompt von Kardis Schergen überfallen, die ihr an Wasser und Wäsche wollen. Zum Glück stiefeln gleich zwei wackere Einzelkämpfer vorbei, um sie sachkundig rauszuhauen: Stryker [Steve Sandor] und Bandit [William Ostrander], die sich im Anschluss ohne viel Federlesens zum Duo firmieren. Es dauert noch ein paar Rettungsaktionen und Verfolgungsjagden, bis sich zwei Parteien, Amazonen-Kollektiv und Widerstandskämpfer (zu denen schließlich auch Stryker und Bandit gehören), zusammenraufen, um gegen den Tyrannen aufzubegehren.

Kritik:

Nichts Neues also in den Kiesgruben der Philippinen! Zugutehalten muss man STRYKER, dass er immerhin eine der ersten von zahlreichen Billig-Repliken des 1981er Action-Meilensteins war, die neben von den Philippinen vornehmlich aus Italien kamen und immer wieder neue und dabei eigentlich doch gleiche Einzelkämpfer in die Wüste schickten. Auch war es die erste von B-Film-Ikone Cirio H. Santiago, der es sich nicht nehmen ließ, in den Folgejahren noch 6 weitere Beiträge ähnlicher bis gleicher Couleur ins Kino respektive Videothekenregal zu bringen. Inhaltlich war man hier fast sträflich innovationslos und übernahm Thema und Inhalt nahezu 1:1, man tauschte lediglich das wertvolle Benzin des Originals gegen das gute, alte H2O aus. Letzten Endes spielt es jedoch gar keine Rolle, wegen welchen Rohstoffes sich die Parteien hier in den ungewaschenen Haaren liegen, es hätte genauso gut um Popcorn, Katzenstreu oder die Rabattmarkensammlung Erich Honeckers gehen können. Hauptsache, man jagt sich gegenseitig vorwiegend motorisiert hinterher und es fliegen ordentlich die Fetzen dabei. Derartiges darf man STRYKER dann auch bescheinigen, wobei das Action-Rad hier gewiss nicht neu erfunden wurde und manchmal etwas unrund läuft. Schießereien und Verfolgungsjagden hätten teilweise nämlich durchaus etwas dynamischer in Szene gesetzt werden dürfen. Bei ersterem macht die eine Seite in der Regel 'Peng!' und die andere fällt um, während man bei letzterem in Nahaufnahmen deutlich merkt, dass Jäger und Gejagte sich gerade garantiert nicht in voller Fahrt befinden, sondern auf oder in stehenden Vehikeln hocken, etwas Wind ins Gesicht gepustet bekommen und dabei lustig hin und her wackeln.

Wirklich saubere Stunt-Arbeit lieferte man hingegen bei der (obligatorischen) Kaperung eines Tanklastwagens ab, bei welcher sich Zweite-Geige-Held Bandit so beherzt wie behände um die Karosserie herumschwingt, den Fahrer fliegenden Fußes ins Traumland befördert und den imposanten Herrenbeschleuniger vorschriftsmäßig übernimmt. Indiana Jones lässt grüßen! Hätte die Figur noch so etwas Ähnliches wie Profil mit auf den Weg bekommen, hätte man bei dieser Sequenz vielleicht sogar etwas mitfiebern können, aber in dieser Hinsicht versagt das Drehbuch völlig – wobei der karge Minimalismus, mit dem die Charaktere hier mehr oder minder zum Leben erweckt werden, schon fast wieder zur Ehre gereicht. So verleiht Titelfigur Stryker dem Begriff Einsilbigkeit neue Dimensionen, und man sieht sich regelrecht überrascht, wenn er mal mehr als zwei Sätze am Stück aufsagt. Für seinen Kompagnon Bandit gilt das sogar noch mehr, und es ist wahrlich beeindruckend, auf welch asketische Art und Weise die Männer zu Beginn den Schulterschluss eingehen: Gerade erst kennengelernt, verlangt Bandit von Stryker einen Teil des gemeinsam erbeuteten Wassers. „Wenn's irgendwo Wasser gibt, kenne ich nur mich selbst“, sagt dieser, was 'Nein' bedeutet. Folgend starren sich die beiden lediglich in die Augen und diskutieren die Sache quasi per Blick aus. Schließlich ringt sich Stryker dann doch noch so eine Art Lächeln ab und wirft seinem Gegenüber dessen Anteil zu. Von nun an weicht keiner dem anderen mehr von der Seite, ohne dass es auch nur eines Wortes der Freundschaft benötigte. Eindeutig: Die zwei haben sich niemals gesucht und trotzdem gefunden.

Wahrhaft motiviert wirken die ganzen Gestalten hier natürlich trotzdem nicht. Sie sind streng nach Schema F zusammengebastelte Pappaufsteller, die nicht aus für das Publikum nachvollziehbaren Gründen handeln, sondern weil sie Figuren in einem Endzeitfilm sind, die einfach nur das tun, was das uninspirierte Skript ihnen vorschreibt. Selbst die einzige kleine Charaktertiefe, die man dem Titelhelden hier im Ansatz zugestanden hat, ist nicht mehr als ein notdürftig hinzugefügtes und nicht zu Ende erzähltes Element aus dem Basis-Bausatz für Standard-Storys. Denn natürlich ist der Bösewicht nicht einfach nur abgrundtief verworfen, nein, er hat auch Strykers Ehefrau auf dem Gewissen, wie in einer wurstigen Rückblende halbherzig an den Mann gebracht wird. Wieso, weshalb, warum, das wird dabei trotzdem nicht so richtig klar – und spielt im Grunde auch gar keine Rolle, da Stryker dem Fieswatz am Ende ohnehin das Licht ausgepustet hätte. Die Darsteller sehen dabei alle aus wie Imitatoren bekannterer Darsteller und wurden offenbar nicht nach Talent, sondern nach Aussehen besetzt. Rebellenführer? Wir brauchen einen alten Mann mit weißem Bart. Check! Schurke? Hackfresse mit Glatze und Verstopfungsblick, bitte! Check! Titelheld? Braucht Bart, Rest egal, bekommt eh Lederweste und Cowboyhut. Check!

Das alles hat natürlich den Vorteil, dass man sich aufgrund sattsam vertrauter Figuren- und Handlungs-Schablonen hier – Affinität immer vorausgesetzt! - doch sehr schnell wohl und heimisch fühlt. STRYKER bietet bis zum letzten Sandkorn einfach genau das, was man auch erwartet, und kann daher seine Versprechungen optimal einlösen. Und im Prinzip wird hier schon viel aufgefahren, was guter Unterhaltung zuträglich ist. So residiert der Antagonist in einer Festung, die zwar eher in einen Barbarenfilm gepasst hätte, aber einfach eine coole Location ist. Karge Wüstengegenden sind auch immer eine schöne Spielwiese und bieten viel Platz für PS-lastige Auseinandersetzungen und theatralisch gestorbene Tode. Dazu kommen ein fetter Fuhrpark aus Trucks, Trikes und Muscle-Cars, Panzerfahrzeuge mit schwerem Geschütz, kleinwüchsige Philippinos als mit nervigen Schnattergeräuschen unterlegtes Wüstenvolk (das fatal an die Jawas aus STAR WARS erinnert), und eine Horde attraktiver Amazonen mit Pfeil, Bogen und kriminell knappen Ledershorts (die hässlichen Frauen sind wohl alle im atomaren Feuer umgekommen). Das alles stürzt sich dann erwartungsgemäß ins große Finale; es hagelt Geschosse, Rauchbomben und überschwänglich zelebrierte Überschläge wie bei einer großen Zirkusnummer. Und wie an eine solche sollte man auch an STRYKER herangehen: Ticket lösen, Platz einnehmen und sich 80 Minuten lang anspruchslos berieseln lassen. Wer will, kann im Hintergrund noch ne Drehorgel laufen lassen. Wirkt gleich noch etwas authentischer.

Laufzeit: 84 Min. / Freigabe: ab 18

Dienstag, 7. Juli 2015

TERMINATOR - GENISYS


TERMINATOR – GENISYS
USA 2015

Regie:
Alan Taylor

Darsteller:
Arnold Schwarzenegger,
Emilia Clarke,
Jai Courtney,
J.K. Simmons,
Jason Clarke,
Sandrine Holt,
Byung-hun Lee,
Courtney B. Vance



„Genisys ist Skynet.“


Inhalt:

2029: Die Maschinen haben die Herrschaft übernommen und die Menschheit versklavt. Die Rebellenarmee unter der Führung John Connors [Jason Clarke] wehrt sich dermaßen tapfer, dass die Gegner beschließen, einen Killerroboter, den 'Terminator', in das Jahr 1984 zu schicken, um Johns Mutter Sarah zu töten und somit dessen Existenz auszulöschen. Doch Connor schläft nicht und schickt einen seiner besten Männer hinterher: Kyle Reese [Jai Courtney] begibt sich ebenfalls auf Zeitreise und soll das Attentat verhindern. Doch als er in der Vergangenheit aufschlägt, staunt er nicht schlecht: Sarah Connor [Emilia Clarke] ist keine schutzbedürftige Mimose, sondern ein taffes Mädel, das bestens mit der Knarre umgehen kann. Das hat auch einen Grund: Ein zweiter Terminator [ebenfalls: Arnold Schwarzenegger], einer von der guten Art, ist schon vor vielen Jahren bei Sarah aufgetaucht, um sie über die düstere Zukunft der Menschheit und die Rolle, die sie darin spielt, aufzuklären. So befindet sich Kyle urplötzlich in einer alternativen Realität, in welcher nicht nur altbekannte, sondern auch neue Gegner auf ihn warten – und ein leicht zwielichtiges Betriebssystem namens Genisys, das die Menschheit quasi vollkommen miteinander vernetzt hat.

Kritik:

„Ich komme wieder!“ ist eines der bekanntesten Zitate der Filmgeschichte. Der österreichische Bodybuilder Arnold Schwarzenegger wurde als aus der Zukunft angereiste Killermaschine zu einer Kultfigur, deren 1984 von James Cameron inszeniertes Leinwand-Debüt zu einem Meilenstein und die sieben Jahre später unter selber Regie entstandene Fortsetzung zu einer weltweit gefeierten Schau wegweisender Spezial-Effekte. Seitdem stagnierte die Reihe: Die 2003 und 2009 realisierten Nachfolger konnten den Großteil des Publikums nicht überzeugen und auch die Fernseh-Variante SARAH CONNOR CHRONICLES verschwand schneller wieder von der Bildfläche, als es den Machern lieb war. Aber ein ehemals funktionierendes Konzept mit etabliertem Namen und weltweiter Fangemeinde einfach so aufzugeben, kam aus Produzentensicht selbstverständlich nicht in Frage. So durfte der Terminator sein zitiertes Versprechen sechs Jahre nach seinem letzten Auftritt ein weiteres Mal wahrmachen – zeitlich durchaus passend, da Arnold Schwarzenegger, unbestrittenes Zugpferd der Reihe und untrennbar mit deren Erfolg verknüpft, gerade aus seinem Ausflug in die Politik zurückkehrte und nach ein paar als großes Comeback geplanten Flops ebenfalls händeringend nach einem neuen Kassenschlager suchte.

Die Aufgabe an die Autoren war dann auch gewiss keine leichte: Die einst durchaus innovative Story vom zukünftigen Kampf Mensch gegen Maschine in Kombination mit hintergründiger Zeitreise-Thematik war mittlerweile dermaßen ausgelutscht, dass es für eine weitere Variation eigentlich kaum noch Spielraum gab. So versuchte man sich schließlich an einer recht mutigen Mischung aus 'Zurück zu den Wurzeln' und gleichzeitigem Umbruch, bezog sich dafür direkt auf das 84er-Original, um es im selben Augenblick in Stücke zu hacken und somit die Weichen für einen Neubeginn zu stellen. Stets in dem Wissen, dass der Zuschauer um die Ereignisse des ersten Teils Bescheid weiß, ergibt das ein durchaus reizvolles Spiel mit Erwartungshaltung und Genrekonventionen, wenn hier mehrere Szenen erst 1:1 nach-, dann auf den Kopf gestellt werden. Die Idee, eine alternative Zeitlinie zu entwerfen, inklusive veränderter Varianten bereits bekannter Figuren, ist zwar keine sonderlich originelle, letztendlich jedoch die einzig tatsächlich noch mögliche (zumal bereits das in sich geschlossene Original vor inhaltlichen Widersprüchen strotzte). Und wenn der eigentlich als Beschützer in die Vergangenheit geschickte Kyle Reese in Sarah Connor zunächst ein hilfloses Opfer erwartet (ebenso wie das Publikum, immerhin kennt es die Geschichte bereits aus Teil 1), dann allerdings auf eine gestählte Kampfamazone trifft, die zunächst einmal ihm die Haut rettet, dann scheucht einem das schon ein Schmunzeln auf die Lippen, ist es doch zugleich auch ein wunderbarer Rapport über das deutlich veränderte Frauenbild im Actionkino von den 80er Jahren bis ins neue Jahrtausend.

Völlig geistlos ist das Konzept also bei Weitem nicht. Ungelenk zwischen die Stühle setzte man sich damit trotzdem. Denn anders als beispielsweise die zeitnah entstandenen Wiedergeburten MAD MAX – FURY ROAD oder JURASSIC WORLD, denen es gelang, sowohl als verspätete Fortsetzung, als auch als Erstkontakt für jüngere Generationen zu funktionieren, ist TERMINATOR – GENISYS ein heilloses Durcheinander, das Neueinsteiger so sehr verwirrt wie es Fans der ersten Stunde verärgert, werden die Ursprünge der Saga doch überwiegend mit Füßen getreten. Dabei sind gute Ansätze genügend vorhanden und gerade zu Beginn auch viele Momente sehr gelungen. Die anfängliche Schlacht Fleisch gegen Stahl ist angenehm brachial, die Optik sehnervkitzelnd, der Sound betäubend schön. Die Überleitung zur etablierten TERMINATOR-Thematik, die Wiederholung und Wiedererkennung bekannter Bilder und Begebenheiten und die zunächst noch ansprechend erscheinende Modifikation vertrauter Elemente können durchaus gefallen. Doch dann verzettelten sich die Autoren dermaßen in ihrem wilden Wust aus Paralleluniversen, abweichenden Zeitrechnungen und multiplen Realitäten, dass man bald jeden Versuch, in ihm doch noch so etwas Ähnliches wie Nachvollziehbarkeit zu entdecken, erschöpft aufgibt.

Dabei hätte das Ganze mit einem etwas aufgeräumteren Skript und ein wenig mehr Feinjustierung durchaus funktioniert. Doch anstatt die vorhandenen Möglichkeiten philosophischer Gedankenspiele zu nutzen, hetzt man atemlos von Schauplatz zu Schauplatz und entfesselt dabei einen Sturm aus Action und Effekten, der zwar kompetent in Szene gesetzt wurde, jedoch sinnlos verpufft, da eine klare Linie schlichtweg nicht erkennbar ist. Die zwischenzeitlichen Ruhepausen gerieten hingegen entsetzlich verlabert und nerven mit halbgaren Erklärungsversuchen, die zwar Gewitztheit vorgaukeln, tatsächlich jedoch lachhaft banal bleiben. So ist man dann auch für jeden neuen Krawall-Moment dankbar, obwohl auch diese keine Ausgeburt an Einfallsreichtum darstellen und bis zum Finale kaum variiert wurden: Obwohl die Protagonisten bereits beim ersten Mal feststellen, dass stupides Dauerfeuer die aus Flüssigmetall bestehenden Roboter-Gegner nicht aufhalten kann, fällt ihnen trotzdem nichts Besseres ein, als auch bei jedem weiteren Angriff einfach nur stur draufzuhalten und die Munition aus allen verfügbaren Rohren zu rotzen.

Der Terminator selbst verkommt nach der eiskalten Mordmaschine des Jahres 1984 und dem kuscheligen Kinderfreund des Jahres 1991 hier nun endgültig zum schrulligen Onkel, zu einer Art Vater-Ersatz für Sarah Connor, die ihn liebevoll Pops nennt, und klopft dazu einen ganzen Strauss bemüht lustiger Sprüche, die nur durch die nach wie vor charmante Darbietung Arnold Schwarzeneggers nicht völlig der Peinlichkeit anheimfallen. Die ständige Beteuerung, dass er zwar alt sei, aber nicht nutzlos, wird in dem Zusammenhang reichlich überstrapaziert. Und dass der zur Sympathiefigur umprogrammierte Titelheld in einer Szene einen Tanklaster zur Explosion bringt, um seine Gegner aufzuhalten, ist innerhalb des Gesamtkonzepts schon ein ziemlicher Patzer. Der Härtegrad wurde insgesamt zwar deutlich heruntergefahren und die sichtbare Gewalt richtet sich fast ausschließlich nur noch gegen Maschinen, dennoch bietet auch GENISYS ein paar saftige Horrorszenarien und recht splatterige Augenblicke. Dass die Bedrohung für die Menschheit nun kein Produkt von Aufrüstung und Waffenfanatismus mehr ist, sondern stattdessen das von weltweiter Vernetzung, ist einer der besseren Einfälle und eine ebenso konsequente wie logische Weiterentwicklung des Ursprungsgedanken, welche die Paranoia-Ängste einer ganz neuen Generation aufgreift und sinnvoll ins TERMINATOR-Universum integriert.

Letztendlich jedoch vertut GENISYS seine Chance, der festgefahrenen Fabel neues Leben einzuhauchen. Imposanter Action, nettem Leitmotiv und einigen hübschen Referenzen stehen inhaltliches Chaos, hanebüchene Erklärungen und durchschnittliches Schauspiel gegenüber. Dass man sich trotzdem ziemlich selbstbewusst aus dem Fenster lehnt, macht die Sache nicht unbedingt besser. Er sei nun ein „Upgrade“ behauptet der mittlerweile extrem großväterlich wirkende Terminator am Ende. Das mag stimmen. Aber ein Upgrade ist nicht immer automatisch auch gelungen. GENISYS mag nicht alt sein. Aber nutzlos.

Laufzeit: 122 Min. / Freigabe: ab 12

Dienstag, 2. Juni 2015

TOKYO TRIBE


TOKYO TRIBE
Japan 2014

Regie:
Shion Sono

Darsteller:
Ryôhei Suzuki,
Young Dais,
Shôta Sometani,
Shunsuke Daitô,
Denden,
Riki Takeuchi,
Shôko Nakagawa,
Yôsuke Kubozuka



„Tokyo Tribe. Never ever die.“


Inhalt:

Tokio, nahe Zukunft: Die Stadt wird von verschiedenen Clans beherrscht. Manche davon sind eher friedlicher Natur, andere hingegen gewalttätig und kriegerisch. Zu den schlimmsten der letzten Sorte zählen die brutalen 'Bukuro Wu-Ronz', deren dekadenter Boss Buppa [Riki Takeuchi] die einzelnen Stämme immer wieder gegeneinander aufhetzt, um sich seine Macht zu sichern. Eines Tages gerät dessen Schützling Mera [Ryohei Suzuki] in eine Auseinandersetzung mit Tera [Ryûta Satô], der bei allen Stämmen sehr beliebt ist, und tötet ihn versehentlich. Die Tat löst ein erdbebenartiges Echo aus: Die restlichen Gangs der Stadt vergessen ihre Streitigkeiten und rotten sich zusammen, um Bubbas Imperium zu vernichten. Dieser wiederum schickt die Waru, eine Armee von Freiwilligen, in den Kampf. Und mittendrin in dem Tumult befindet sich die junge Sunmi [Nana Seino], die gern ihre Unschuld verlieren würde, da ihr jungfräuliches Blut von einem Hohepriester zugunsten der Götter vergossen werden soll.

Kritik:

Der japanische Regisseur Shion Sono machte die breite Masse das erste Mal im Jahre 2001 auf sich aufmerksam, als er seinem SUICIDE CIRCLE eine der wohl schockierendsten Eröffnungsszenen überhaupt verpasste und so beim Publikum für einen nachhallenden Knalleffekt sorgten konnte. Dem hintergründigen Schulmädchen-Massaker folgten dann unter anderem der rauschartige Alptraum-Trip STRANGE CIRCUS [2005] und das ausladende, vierstündige Liebes-Epos LOVE EXPOSURE [2008], welche seinen Ruf als bizarren Ausnahme-Künstler erfolgreich zementierten. Mit dieser Reputation im Rücken inszenierte er 2014 schließlich TOKYO TRIBE, die Verfilmung einer besonders in ihrem Heimatland sehr beliebten Manga-Vorlage, und entfesselte dabei einen exorbitanten Bildersturm, der vor ausgeflippter Extravaganz und schriller Attitüde fast überkocht und einen zwei Stunden lang in eine wilde Welt des Wahnsinns entführt. Denn die feindlichen Stämme, die hier gegeneinander in den Krieg ziehen, führen ihren Konflikt in erster Linie nicht mit Waffen aus, sondern mit Worten. Sie rappen.

TOKYO TRIBE treibt die Idee eines parallelen Hip-Hop-Kosmos' dabei auf die Spitze: Fast der gesamte Text wurde ins Versmaß übertragen, die Darbietung desselben mit wummerndem Dauer-Bass unterlegt. Das Ergebnis präsentiert sich als apokalyptisch angehauchte Abart der WEST SIDE STORY, als gigantische Rap-Oper, bei der ständig alles in Bewegung und im Rhythmus ist und keine Kugel und kein Schwert jemals auf die Idee käme, außerhalb des Takts ins Ziel zu treffen. Und auch der Zuschauer ist bereits nach wenigen Minuten voll und ganz im Flow und wippt den Fuß zum Beat des Bandenkriegs. Bereits die Eröffnungsszene, eine ausschweifende Plansequenz durch das Ghetto Shibuyas (inklusive rappender Oma am Plattenteller), welche die ersten Clans und Charaktere vorstellt (ein Job, der später von einem Bandenchef per Messer auf nacktem Frauenleib fortgesetzt wird), saugt einen hinein in dieses fremde Universum aus Gesang und Gewalt, das nie zur Ruhe kommt und stets im Schwung bleibt. Und mittendrin zelebriert Sono ausgiebig die eigene Skurrilität und erschafft einen ins Rotlicht getauchten Orkan aus Kunst und Kampf.

Der Überschuss an Eindrücken und Ereignissen ist zu Beginn enorm, und es dauert ein wenig, bis man sich zurechtfindet und alles korrekt einordnen kann. Dann aber kann man sich kaum sattsehen und -hören an der Fülle verrückter Figuren und fideler Flausen: Menschen als Möbelstücke, Muskelmänner im Stringtanga, Jungfrauen auf der Suche nach Sex, um nicht den Göttern geopfert zu werden, und altehrwürdige Hohepriester mit langem Zauselbart, die sich per Videokonferenz zuschalten und lauthals „Muthafuckaz“ rufen. Dazu kommen riesige Ventilatoren mit rotierenden Rasierklingen und computeranimierte Panzer, die Tokios Straßen zu Klump ballern. Und über allem thront Riki Takeuchi als wie besessen grimassierender Kannibale, der sich einen ganzen Hühnerstall an Haremsdamen hält und sich wie ein kleines Kind darüber freut, wenn er mit der Gatling Gun ein infernales Gemetzel anrichten darf. Die Comic-Vorlage ist bei all dem unübersehbar und gilt zudem als ausreichende Legitimation für die eigene Exzentrik. Denn natürlich bestünde eigentlich gar kein Grund, für eine im Prinzip sehr simple Geschichte so ausufernd auf die Kacke zu hauen. Aber man sieht doch gern dabei zu, zumal hier Witz und Ironie aus jeder Pore tropfen. Alberne, in der Szene dennoch weitverbreitete Vorstellungen von maximal möglichem Männlichkeitsbeweis (auf die Länge kommt es an!) werden hier ebenso aufs Korn genommen, wie vorgebliche Kultur-Experten, die populäre Zitate für die Originale halten: Als eine der Protagonistinnen die Szenerie kurz verlässt, um danach im gelben Trainingsanzug wiederzukommen, meint ihr Gegner selbstsicher: „'Kill Bill', richtig?“ „Nein“, antwortet die Dame abschätzig, „ich bin Bruce.“

Aufgrund des Umstands, dass auf eine klare Identifikationsfigur verzichtet wurde, muss sich TOKYO TRIBE freilich den Vorwurf einer gewissen Spannungslosigkeit gefallen lassen. Es gibt quasi keinen herausstechenden Charakter, dem man seine Sympathien entgegenbringen könnte, keine Person, mit der man in irgendeiner Weise mitfiebern möchte. Auch die Frage, worin eigentlich der große entscheidende Unterschied zwischen den rivalisierenden Gangs besteht und warum die sich so inbrünstig bekriegen, muss unbeantwortet bleiben. Hier geht es nicht um Individualitäten, nicht um ein umfassendes Verständnis, hier geht es um die reine Attraktion. Die Darsteller dafür suchte sich Shion Sono unter anderem auch in der japanischen Rapper-Szene und über ein YouTube-Casting, was für ein authentisches „Straßen-Gefühl“ sorgt. Lediglich Riki Takeuchi war zu dem Zeitpunkt bereits ein etablierter Name, stand er doch beispielsweise auch auf der Besetzungsliste von BATTLE ROYALE 2 oder der DEAD OR ALIVE-Trilogie.

Shion Sonos von grellbunter Endzeitstimmung (die teilweise auch Assoziationen zu Klassikern wie DIE KLAPPERSCHLANGE oder fast mehr noch zu dessen Epigonen wie THE RIFFS zulässt) durchzogenes „Yakusical“ gebärdet sich wie eine pubertierende Mischung aus Baz Luhrmanns ROMEO UND JULIA, Anne Fletchers STEP UP und Takashi Miikes CROWS ZERO. Die dazu abgefeuerte Action ist zwar blutig, aufgrund der vorherrschenden Ausgeflipptheit aber nicht im Mindesten ernstzunehmen. Kung Fu, Schwertkampf und Schusswechsel ergänzen die auf den Straßen ausgetragenen Schlägereien per Faust und Fuß und machen TOKYO TRIBE zu einer wahrlich orgiastischen Unterhaltungs-Bombe, die auch für Leute zu empfehlen ist, die ansonsten nichts mit Hip Hop am Hood … ääh … Hut haben.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 15. Mai 2015

MAD MAX - FURY ROAD


MAD MAX - FURY ROAD
Australien 2015

Regie:
George Miller

Darsteller:
Tom Hardy,
Charlize Theron,
Nicholas Hoult,
Zoë Kravitz,
Rosie Huntington-Whiteley,
Riley Keough,
Nathan Jones,
Hugh Keays-Byrne



„Was für ein Tag! Was für ein schöner Tag!“


Inhalt:

Einst war Max Rockatansky [Tom Hardy] Polizist. Nach der Apokalypse jedoch ist er nur noch ein Mann, der tagtäglich ums Überleben kämpft. Die Zukunft wird bevölkert von marodierenden Horden, denen ein Menschenleben nichts mehr wert ist. Mit am schlimmsten treibt es die Brut um den sich als Gott feiernden Immortan Joe [Hugh Keays-Byrne], der es schließlich sogar gelingt, Max gefangen zu nehmen. Folgend soll er als lebender Blutspender sein Dasein fristen. Als er dabei sein muss, wie Joes Männer versuchen, eine Schar flüchtiger Sklavinnen wieder einzufangen, kann er inmitten einer gewaltigen Verfolgungsjagd entkommen. Nachdem er mit Müh und Not überlebt hat, tut er sich mit der einarmigen Kämpferin Furiosa [Charlize Theron] zusammen, die mit den anderen entkommenen Frauen auf der Suche nach dem 'grünen Ort' ist, einem sagenhaften Flecken, der blüht und gedeiht. Doch Joes Männer lassen nicht locker und setzen sich auf ihre Fersen.

Kritik:

Der Kult um die Figur des „Mad Max“ begann 1979, als der australische Regisseur George Miller einen bis dato völlig unbekannten Schauspieler namens Mel Gibson in enge Lederklamotten steckte und zum einsamen Motorrad-Rächer werden lies. Die Billigproduktion wurde ein überragender Erfolg, Mel Gibson ein Weltstar und die Idee des eiskalten Vigilanten in einer trostlosen, endzeitlichen Welt ein beliebtes Kopierobjekt. Assoziieren tut man den Charakter allerdings tatsächlich in erster Linie weniger mit dem Original, sondern viel eher mit dessen Fortsetzung, welche die Elemente des Vorgängers cartoonesk erhöhte. Die Idee, die Ereignisse dieses Mal nach Stattfinden einer atomaren Apokalypse anzusiedeln, bot die Möglichkeit zur hemmungslosen Übertreibung in Sachen Ausstattung und Extravaganz. Das deutlich erhöhte Budget verprasste man dabei für eine Vielzahl exzessiver Autojagden, die in ihrer Virtuosität neue Maßstäbe setzen konnten.

Nachdem mit der zweiten Fortsetzung, die zu sehr auf Familientauglichkeit schielte, niemand so recht glücklich wurde, dauerte es 30 Jahre, bis Miller auf den Regiestuhl zurückkehrte, um ein neues Kapitel der Saga aufzuschlagen. Da Mel Gibson für die Titelrolle mittlerweile deutlich zu rüstig war, übernahm an dessen Stelle Tom Hardy, der dieser Aufgabe definitiv gewachsen ist und die übergroßen Fußstapfen seines Vorgängers perfekt ausfüllt. FURY ROAD nennt sich die späte Wiederaufnahme, und der Titel erweist sich als überaus treffend gewählt: Der so oft strapazierte Vergleich mit einer wilden Achterbahnfahrt – hier passt er nicht nur, er scheint geradezu dafür gemacht worden zu sein. Der vierte MAD MAX ist eine wahre Orgie der Zerstörung, ein schwindelerregender Orkan entfesselter Gewalt und die maximal mögliche Potenzierung aller Erfolgsformeln der Vergangenheit, die hier auf ein neues atemberaubendes Level gepeitscht werden.

Fast scheint es, als habe man es George Miller als Kind verboten, mit seinen Matchbox-Autos zu spielen, was er nun auf irrsinnige Art und Weise zu kompensieren versucht. FURY ROAD ist das, wovon kleine Jungs träumen, wenn sie übermütig über den Abenteuer-Spielplatz toben, und was große Jungs begeistert, wenn sie es nun mit eigenen Augen und Ohren erleben dürfen – ein brachiales Leinwand-Geschoss, das von der ersten Sekunde an abgeht wie ein Zäpfchen, ein kolossales, laut krachendes Fest für alle Sinne. Von der Banalität vergleichbarer Blockbuster-Ware setzte man sich dabei durch eine Vielzahl kreativer Ideen ab und bevölkerte das Szenario mit einem Sammelsurium verrückter Gestalten und Situationen. In einer an den schrägen Humor Terry Gilliams erinnernden Szene sieht man, wie die übergroßen Brüste übergroßer Frauen an Melkmaschinen angeschlossen sind, um die darbenden Bösewichter mit wertvoller Muttermilch zu versorgen. Und der brutale Feldzug der bösen Horde wird noch bei wildester Fahrt begleitet von einem an den Kühler des Trucks geketteten Instrumentalisten, der das blutrünstige Geschehen mittels feuerspeiender E-Gitarre musikalisch begleitet.

Bereits der Auftakt, eine in den schieren Wahnwitz übersteigerte Karikatur des berühmten Wagenrennens aus BEN HUR, presst einen in seiner atemberaubenden Wucht in den Sessel und stellt doch nur die Weichen für ein zweistündiges, überlebensgroßes Stunt-Inferno, bei dem fast ausnahmslos alles in Bewegung ist - freilich ohne, dass die Übersichtlichkeit des Ganzen darunter zu leiden hätte. Und zwischen all diesen verschwenderischen Geschwindigkeitszelebrationen kommt es dann völlig überraschend immer wieder zu malerischen Momenten von fast zärtlicher Poesie. Wenn die Protagonisten unter stahlblauem Himmel doch mal zur wohlverdienten Ruhe kommen, erinnert das in seiner Gestaltung an ausladende Landschaftsgemälde, an deren Schönheit man sich nicht sattsehen möchte. Mit dem einstigen Beginn der Reihe hat das natürlich nur noch wenig zu tun. MAD MAX war einst billig, dreckig und ungeschliffen. Dreckig ist es zwar immer noch, doch scheint der Dreck nun poliert. Die damalige Grobschlächtigkeit weicht kunstvoll konstruierten Kompositionen, die nichts mehr dem Zufall überlassen.

Die Einflüsse sind dabei überaus vielfältig. So erinnern die Nahaufnahmen der von Staub und Wüste ausgemergelten Gesichter an die legendären Italo-Western Sergio Leones, die bisweilen monumentale Cinematographie bedient sich der Ästhetik epochaler Bibelverfilmungen und den sinnevernebelnden Rausch des großen Abenteuers lieh man sich von stilbildenden Klassikern vom Schlage eines INDIANA JONES. Die genüssliche Zurschaustellung von Degeneration und Verstümmelung gestattet selbst Assoziationen zu rüdem Wüsten-Splatter der Marke THE HILLS HAVE EYES, die Freude an Masken und Ketten hingegen gehorcht dem Ausdruck einschlägiger Fetisch-Pornographie. Doch hat eine simple Aufzählung von Inspirationen kaum einen Sinn, denn FURY ROAD kreiert aus all dem etwas ganz Eigenes - nichts Neues eigentlich, aber etwas Verlorengeglaubtes: Ein spektakuläres Action-Vehikel, das sein Publikum ernstnimmt und sich nicht dafür schämt, in völliger Selbstverständlichkeit Blut und Gewalt mit künstlerischem Anspruch zu verbinden.

Dass man das Ganze stark religiös auflud und sich, sowohl auf inhaltlicher Ebene, wie auch auf gestalterischer, oftmals biblischer Motive bediente, mag dabei nicht sonderlich originell sein, geriet jedoch überaus passend. Letztendlich geht es allen Protagonisten um Erlösung: Die Mädchenbande um Furiosa ist auf der Suche nach dem 'grünen Ort', einer Art 'Gelobtem Land' (das als solches natürlich nicht existiert), der zunächst bösartige, später konvertierende Scherge Nux indes sucht nach Walhalla, einer vom Oberschurken Joe versprochenen, besseren Welt, für die sich der Märtyrertod lohne - "Ich lebe, ich sterbe, ich lebe wieder!", lautet ein repetitiver Satz von ihm. Letztendlich ist FURY ROAD selbst eine Wiedergeburt, nicht nur einer längst eingemottet geglaubten Kino-Saga, sondern auch die des niveauvollen Unterhaltungsfilms mit Herz und Seele. Und obwohl einen hier selbstverständlich keine charakterlichen Tiefen erwarten, ist es erstaunlich, wie sehr einem die Figuren bereits nach kurzer Zeit ans Herz wachsen. Das liegt nicht nur, aber durchaus auch an der klugen und makellosen Besetzung.

Tom Hardy [→ STAR TREK - NEMESIS], der als Max kaum ein Wort sagt (wenn er überhaupt spricht, dann meistens nur für den Zuschauer aus dem Off), ist der perfekte Mel-Gibson-Nachfolger und schafft es tatsächlich, dass man das Original nicht eine Sekunde lang vermisst. Der Übergang von einem Darsteller zum nächsten funktioniert hier völlig reibungslos und es dauert keine Minute, bis man Hardy als Max vollkommen akzeptiert hat. Als Antagonisten sieht man Hugh Keays-Byrne – mehr oder weniger zumindest, denn als eine Art Wüsten-Darth-Vader versteckt er sein Gesicht hinter einer skurrilen Ganzkopf-Maske und hätte somit strenggenommen auch von jedem anderem gespielt werden können. Dennoch ist seine Besetzung ein nettes Schmankerl für Fans, gab Keays-Byrne doch bereits den bösartigen Toecutter im originalen MAD MAX. Als erstaunlich vielschichtig erweist sich die Rolle von Nux, in dem man zunächst nur einen weiteren Handlanger des Bösewichts vermutet, der aber im Laufe der Zeit überraschend viel Profil entwickeln kann und von Nicholas Hould [KAMPF DER TITANEN] sehr einnehmend verkörpert wird.

Als zweiter wirklich großer Besetzungs-Coup erweist sich allerdings Charlize Theron [→ PROMETHEUS] als knallharte Kampf-Amazone mit TERMINATOR-artiger Arm-Prothese, die in ihrer Rolle als Furiosa gleichermaßen taff und verletzlich rüberkommt und zeitweise sogar komplett das Ruder übernimmt und Tom Hardy zum Beobachter degradiert. Überhaupt sind die emanzipatorischen Untertöne hier kaum zu überhören: Als Max das erste Mal auf die flüchtigen Mädchen trifft, einst allesamt Sex-Sklavinnen des schurkischen Immortan Joe, inszeniert Miller die Szene wie einen pubertären Männertraum, präsentiert sie als leichtbekleidete Nymphen, die sich gegenseitig mit dem Gartenschlauch abspritzen, und bildet damit einen krassen Kontrast zu der bis dahin erlebten Welt des Schreckens. Doch die Damen erweisen sich nicht etwa als hilflose Opfer, sondern als handelnde Persönlichkeiten, die alles dafür tun würden, ihr Leben in Freiheit zu behalten. Nicht mehr Benzin oder Wasser sind hier die höchsten aller Güter, es sind die Frauen, deren Milch ungeheuer wertvoll ist und deren Fähigkeit, Kinder zu gebären, die eigene Zukunft sichert.

Fast muss man froh sein, dass es mit der dritten Fortsetzung so lang gedauert hat. FURY ROAD profitiert enorm von den Möglichkeiten der weiterentwickelten Technik, perfektioniert die alten Zutaten und besinnt sich dennoch auf alte Werte. Schepperndes Blech, kreischende Motoren und Verdis Requiem, Dies irae sind der Soundtrack zu einem opernhaften, hyperkinetischen Meisterstück, dessen überwältigende inszenatorische Brillanz und finales Pathos selbst den härtesten Männern Tränen in die Augen treiben sollten. FURY ROAD ist nicht einfach nur eine Fortsetzung. FURY ROAD ist ein filigranes Kunstwerk und ein gottverdammter Meilenstein in der Geschichte des Actionfilms. Was für ein schöner Tag!

Laufzeit: 121 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 9. Mai 2014

THE RIFFS 3 - DIE RATTEN VON MANHATTAN


RATS – NOTTE DI TERRORE
Italien, Frankreich 1984

Regie:
Bruno Mattei,
Claudio Fragasso

Darsteller:
Ottaviano Dell'Acqua,
Geretta Geretta,
Massimo Vanni,
Richard Cross,
Ann-Gisel Glass,
Jean-Christophe Brétigniere,
Fausto Lombardi



„Im Jahre 2015 hat die Starrsinnigkeit des Menschen endlich triumphiert. Hunderte von Atombomben haben alle fünf Kontinente verwüstet. Aus Angst vor Tod und Zerstörung haben die wenigen Überlebenden der Katastrophe Zuflucht im Untergrund gesucht. Nun beginnt die Ära der zweiten menschlichen Rasse, bekannt als „Zeit nach der Bombe“. Ein Jahrhundert später beschließen ein paar Männer, unzufrieden mit dem System, das die neue Menschheit ihnen auferlegte, zu revoltieren und wie ihre Vorfahren wieder an der Erdoberfläche zu leben. So entsteht eine weitere Rasse, die der „Neuen Primitiven“. Lange Zeit haben beide Gemeinschaften keinen Kontakt miteinander. Die Menschen, die noch immer unter der Erde leben, sind hochnäsig, verachten die „Primitiven“ und betrachten sie als Wilde. Diese Geschichte beginnt auf der Erdoberfläche im Jahre 225 nach der Bombe.“

Holla! Ganz schön episch, was einem die vorgeschaltete (und reichlich unsauber durchs Bild gezogene) Texttafel da so alles verkündet. Die beschriebenen Ereignisse hätten ganz gewiss das Zeug zu einem richtig guten (oder zumindest nicht vollkommen schlechten) Endzeitabenteuer gehabt. Schade nur, dass die mit solch blumigen Worten ersponnene Vorgeschichte so rein gar nichts mit der danach folgenden Handlung zu tun hat. Diese entwickelt sich nämlich auffallend unepisch in deutlich beengtem Raum und besticht dabei weder durch erzählerische Dichte, noch durch ausschweifende Fabulierlust:

Inhalt:

King [Richard Raymond] ist Anführer einer kleinen Racker- und Rockerbande, die zu den letzten Überlebenden des Atomkriegs gehören. Ziellos durchstreifen sie das Land auf der Suche nach Zivilisation. In einem alten Saloon finden sie schließlich Nahrung für mehrere Wochen. Im Keller entdeckt die Bande nicht nur ein geheimnisvolles Labor, sondern auch ein Gewächshaus mit künstlich gezüchteten Pflanzen und einer Destellieranlage mit klarem Wasser. Anhand von Tonbandaufzeichnungen wird klar, dass Wissenschaftler hier bis zum Schluss versucht haben, der Menschheit das Überleben zu sichern. Zunächst ist die Freude groß, doch schon bald häufen sich Merkwürdigkeiten: Die Kaschemme ist bevölkert von aggressiven Ratten und überall liegen grauenvoll verunstaltete Leichen herum. Schon bald kommt es auch in den Reihen von Kings Bande zu ersten Todesfällen. Was zuerst nur ein Verdacht ist, wird bald Gewissheit: Die Ratten sind nicht mehr so harmlos wie noch vor Beginn des Krieges. Und für sie sind die Menschen die Störenfriede. Ein gnadenloser Kampf beginnt.

Kritik:

Man muss nicht erst auf den Originaltitel schielen, um zu bemerken, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Wer hier auf eine weitere Fortsetzung von Enzo G. Castellaris apokalyptischem Gang-Reißer THE RIFFS hofft, dürfte spätestens nach 20 Minuten reichlich ernüchtert aus der Wäsche blicken. Der deutsche Verleih war vom finanziellen Erfolg des kernigen Action-Zweiteilers offenbar so angetan, dass er sich händeringend einen dritten Teil herbeiwünschte, der allerdings niemals gedreht wurde. Dafür jedoch war Billigfilmer Bruno Mattei nett genug, seinen im Folgejahr entstandenen Endzeit-Grusler RATS mit ein paar motorradfahrenden Knallchargen zu eröffnen. Das reichte für die hiesigen Verleiher bereits vollkommen aus: Schnell die publikumswirksamen Zauberwörtchen THE RIFFS in den Titel gemeißelt, das Plakat dem bekannten Design der Vorbilder angepasst und die wenigen Actionszenen des Geschehens in den Mittelpunkt der Werbung gerückt. Den Rest besorgte dann halt die Synchronisation, welche die Figuren hin und wieder mal behaupten lassen darf, dass die 'Riffs' früher mal New York beherrschten und niemals aufgeben werden. Und schon hatte man es mehr oder minder erfolgreich geschafft, die Abenteuer der kassenträchtigen Rockerbande zur Trilogie auszuweiten.

Funktionieren tut das freilich nur bedingt bis gar nicht, zumal THE RIFFS III auch eine völlig andere Kategorie bedient: Waren die Ereignisse von Trash und seinen Kumpanen in DIE GEWALT SIND WIR und FLUCHT AUS DER BRONX noch eindeutig dem Actionkino zuzuordnen, ist DIE RATTEN VON MANHATTAN trotz staubiger Endzeitkulisse ein lupenreiner Beitrag zur Gattung des Tierhorrorfilms. Dank der deutschen Distributionsmaßnahmen schrammt Matteis kosteneffizient gestalteter Schundfetzer nun natürlich an jeder Erwartungshaltung komplett vorbei, was einen unter Umständen übersehen lassen könnte, dass dem häufig belächelten Ramsch-Regisseur hier ein insgesamt doch recht passables Produkt geglückt ist – selbstverständlich lediglich im eng abgesteckten Rahmen der gegebenen Voraussetzungen und des beackerten Genres, welches ja in der Regel nicht gerade durch überragende Qualitätsarbeiten besticht. Denn natürlich ist auch RATS ein reichlich mülliger Horrorverschnitt, befüllt mit dem üblichen Kontingent an Abstrusität, Nonsens und bescheidener Effektkunst.

Doch trotz aller fraglos vorhandenen Defizite schafft es THE RIFFS III dennoch, eine gelungene, weil angenehm irreale Atmosphäre aufzubauen und einen damit einen Großteil der Handlung bei Laune zu halten. Der Schauplatz des alten Saloons ist gut gewählt (was aber eher Zufall sein dürfte, vermutlich war es einfach billiger in einem Saloon zu drehen als irgendwo anders) und das unterirdische Labor mit angegliedertem Gewächshaus nebst merkwürdiger Bewässerungsanlage besitzt in seiner unbeholfenen Mischung aus behauptetem Zukunftslook und tatsächlichem Retro-Chic seinen ganz eigenen eigentümlichen Charme. Auch ist die Idee, die Motive des Tierhorror- mit denen des Endzeitfilms zu kreuzen, so dumm gar nicht mal, bietet sie doch ausreichend Möglichkeit zur unterschwelligen Gesellschaftskritik: Die Rasse des Menschen löscht sich durch ihre ständigen Grabenkämpfe quasi im Alleingang aus, während die vermeintlich primitiven Lebewesen es nicht nur schaffen, das durch menschliche Dummheit entfachte Inferno zu überleben, sondern im Anschluss auch über die verbleibenden Exemplare zu triumphieren.

So macht sich dann selbst die durch Rattenattacken bereits deutlich dezimierte Gruppe lieber gegenseitig das Leben schwer und fechtet Kompetenzstreitigkeiten aus, anstatt sich zusammenzuraufen und der Gefahren gemeinsam Herr zu werden. „Wir sind menschliche Wesen mit menschlicher Intelligenz und keine Ratten!“, versucht Anführer King seine Mannen dann auch verzweifelt zu überzeugen, als man mal wieder dabei ist, sich gegenseitig an die Gurgel zu springen – doch die mahnenden Worte können die Wogen nur vorübergehend glätten und verlieren schon bald wieder ihre Wirkung. Natürlich sollte man sich davor hüten, in einen Billigheimer wie diesen allzu viel Subtext hineinzuinterpretieren, doch die Intention des Ganzen ist tatsächlich so unübersehbar wie lobenswert. Dass die Ausführung dennoch nur halbherzig gelang, ist vor allem der eher schluderigen Regie geschuldet, der es nicht gelingt, die interessanten Ansätze zu einem überzeugenden Ganzen zu verdichten.

Vermutlich war der hauptsächlich als Kopist von Hollywood-Ware bekannte Bruno Mattei viel zu sehr damit beschäftigt, die Angriffe der Ratten angsteinflößend wirken zu lassen – was gehörig in die Beinkleider ging. Das Hauptproblem RATS' ist es dann auch, dass die Nager zu keinem Zeitpunkt auch nur im Ansatz wie eine ernstzunehmende Gefahr wirken, sitzen sie doch die meiste Zeit vollkommen unbeteiligt in der Gegend herum, schnüffeln ihre Umgebung oder ihren Nachbarn ab und wundern sich über all die Leute um sie herum, die aus vollem Halse Zeter und Mordio schreien. Dass die eigentliche Bedrohung eher als niedlich empfunden wird (zumal zumindest ein Teil der Ratten auch noch aus angemalten Meerschweinchen besteht!), ist natürlich so ziemlich das schlimmste, was einem Tierterrorfilm passieren kann. Um der eher Gemütlichkeit ausstrahlenden Horde doch noch zu einem aggressiven Eindruck zu verhelfen, wurden die possierlichen Tierchen kurzerhand eimerweise über die dazu wie am Spieß brüllenden Protagonisten geschüttet oder wie wild vom Rand ins Bild geworfen – mit eher zweifelhaftem Erfolg. Zudem ist auch nicht zu übersehen, dass nur eine sehr eingeschränkte Anzahl an Ratten zur Verfügung stand, so dass immer wieder die selben Tiere vor die Kamera gescheucht werden mussten. Wenn einer der Darsteller dann panisch schreiend behauptet, „Millionen von Ratten“ würden sich nähern, müssen hier schon ein paar Gummiattrappen herhalten, die auf einem Teppich über den Boden gezogen werden.

Warum man sich immer wieder in dem rattenverseuchten Gebäude verschanzt, anstatt anständig Fersengeld zu geben, wird in dem Zusammenhang natürlich auch nicht wirklich plausibel erklärt. Zwar wird erwähnt, dass die Tiere die Motorräder unbrauchbar gemacht haben, aber gegen eine gute alte Flucht zu Fuß wäre im Prinzip nichts einzuwenden gewesen. Auch war man sich offensichtlich nicht so recht im Klaren darüber, wie genau die Ratten ihre Gegner jetzt eigentlich ins Gras beißen lassen. So verwandelt man sich nach erfolgtem Biss in der Regel in eine mit knallroter Farbe und diversen Wundmalen verzierte Schaufensterpuppe, manchmal jedoch liegt man auch mit Fieber im Bett, und während die einen auf Anhieb sterben, wandeln die anderen noch stundenlang schwankenderweise durch die Gänge, bevor sie sich dann irgendwann einfach aufblähen und zerplatzen. Und wer es sich besonders simpel machen möchte, kommt einfach rattenbehangen und „Tötet mich!“-röchelnd in den Saal gewankt und lässt sich kurzerhand von des Kumpanen Flammenwerfer bearbeiten, bevor er reichlich ungelenk und eher vorsichtig taumelnd (schließlich soll der Aluminiumanzug nicht versehentlich auch noch andere Dinge in Brand setzen) wieder hinausstolpert. Ob das nun wirklich der geilere Tod ist, sei mal dahingestellt.

Das klingt nun alles recht martialisch, doch selbst ausgewiesene Schwachmägen können DIE RATTEN VON MANHATTAN ohne größere Schwierigkeiten goutieren, werden die insgesamt auch eher selten auftretenden Brutalo- und Ekelszenen aufgrund ihrer bescheidenen Technik doch niemandem den Schlaf rauben. Die Darsteller der ganzen Chose gehören zwar fraglos nicht zur Oberliga, spielen jedoch ganz anständig, wobei die guten Sprecher der deutschen Fassung hier noch einige Kastanien aus dem Feuer holen können. Fast durch die Bank unerträglich geriet allerdings das weibliche Personal, das zuverlässig bei jedem Leichen- oder Ratten-Anblick in eine hemmungslose Kreisch-Arie verfällt (was zu dem Bild der angeblich so harten Rockerbraut irgendwie gar nicht passen will). Wahnsinnig kreativ gerieten auch die Namen der Figuren wie King (im Original fast noch schlimmer: Kurt – manchmal mit Helm, immer ohne Gurt), Chocolate (natürlich für eine dunkelhäutige Amazone), Video oder Lucifer.

Wer nicht mit falschen Erwartungen an die Sache herangeht und keine Straßenschlachten im heruntergekommenen New York erwartet, kann hier bei heruntergeschraubten Ansprüchen zumindest leidlich unterhaltsame, mattei-typisch von billigen Orgelklängen begleitete und mit Spruchgut wie „Computern und Leichen sollte man möglichst aus dem Weg gehen!“ garnierte 90 Minuten erleben, bevor einen die doch sehr gelungene und reichlich garstige Schlusspointe wieder aus dem Geschehen entlässt. Dass man sich bei der Produktion allerdings der Tierquälerei schuldig machte und mindestens ein Tier (vermutlich aber deutlich mehr) den grausamen Flammentod sterben ließ, lässt einen fast wünschen, die süßen Nager hätten dem primitiven Produktionsteam tatsächlich mal ein wenig das Fürchten gelehrt.

Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ungeprüft