Eigene Forschungen

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Dienstag, 1. Juli 2025

THE PROSECUTOR


NG PAAN
China 2024

Regie:
Donnie Yen

Darsteller:
Donnie Yen,
Julian Cheung Chi-Lam,
Francis Ng Chun-Yu,
Michael Hui Koon-Man,
Michael Cheung Tin-Fu,
Kent Cheng Jak-Si,
Ray Lui Leung-Wai,
Mark Cheng Ho-Nam,
Lau Kong


Recht lange hat es gedauert, bis der Name „Donnie Yen“ auch in westlichen Gefilden ein Begriff war. In Asien schon seit den späten 1980ern ein Star, sei es durch seine Mitwirkung bei der im Polizei-Milieu angesiedelten IN THE LINE OF DUTY-Reihe, der TIGER CAGE-Trilogie oder historischen Kung-Fu-Epen wie IRON MONKEY, verpasste der pseudobiographische IP MAN (2008) dem Schauspieler und Kampfkünstler schließlich den nötigen Popularitätsschub, um auch im Rest der Welt als bekannt zu gelten. Immer mehr zum Aushängeschild der chinesischen Filmindustrie herangezüchtet, entstanden seitdem zahlreiche nur auf ihn zugeschnittene Werke, die seinen Status nachhaltig untermauern sollten. Dabei blieb man der Erfolgsformel in der Regel treu: Yen gab überwiegend den kampferprobten Großstadt-Polizisten oder den edlen Helden vor historischem Hintergrund. THE PROSECUTOR reiht sich da recht nahtlos ein, obwohl vom Grundprinzip her tatsächlich eher neues Terrain betreten wird. Vordergründig betrachtet hat man es nämlich mit einem waschechten Justiz-Thriller zu tun – ein Genre, in dem sich vornehmlich das amerikanische Kino sehr wohlfühlt, das vom asiatischen Markt aber überwiegend ignoriert wird. Das Drehbuch von Wong Chi-Mun [→ DIE SÖHNE DES GENERALS YANG] sorgt allerdings schon dafür, dass Fans nicht vor den Kopf gestoßen wird und es nicht allzu unyennig zugeht. Und so beginnt die Geschichte dann auch ziemlich vertraut: mit einem Yen in schicker Polizeiuniform.

Inhalt:

Fok Chi-Ho [Donnie Yen] ist Polizist mit Leib und Seele. Doch eines Tages kommt es zum Eklat: Beim Einsatz gegen ein Waffenkartell rettet er einer Kollegin das Leben und verletzt sich dabei schwer. Doch vor Gericht wird der versuchte Mörder freigesprochen. Enttäuscht vom System hängt er seinen Job an den Nagel – um selbst Staatsanwalt zu werden. Ein paar Jahre später beginnt er seinen neuen Dienst im Justizministerium unter der Ägide des erfahrenen Bao Ding [Kent Cheng]. Gleich sein erster Fall bringt Probleme: Der junge Ma Ka-Kit [Fung Ho Yeung] wird des Drogenhandels beschuldigt. Laut eigener Aussage hat er lediglich – gegen ein kleines Entgelt von Unbekannt – seine Adresse für die Annahme eines Pakets zur Verfügung gestellt, ohne zu wissen, was sich darin befand. Auf Anraten seiner Anwälte bekennt er sich schließlich trotzdem schuldig – bei Ersttätern sei ein mildes Urteil zu erwarten, so wird ihm gesagt. Wider Erwarten verurteilt ihn der Richter [Michael Hui] allerdings zu einer sehr hohen Haftstrafe. Fok vermutet ein abgekartetes Spiel und beginnt außerplanmäßig zu ermitteln. Er stößt auf ein weit verzweigtes kriminelles Netzwerk – und muss sich bald vor Auftragskillern hüten.

Kritik:

Die Eröffnungssequenz erfreut den Action-Freund zunächst auf vertraute Weise mit viel brachial inszeniertem Bleiaustausch, teils aus subjektiver Sicht, was Assoziationen zum klassischen „Ballerspiel“ hervorruft. Der Duktus ist dabei gewohnt übertrieben: Yen schaltet die gegnerische Partei fast im Alleingang aus – eine realitätsferne Befähigung zur Übermacht, die seinem Charakter auch in den folgenden zwei Stunden niemals abhanden kommt. Nicht genug der Heldentaten, rettet er im Anschluss an die Razzia obendrein einer Kollegin das noch so junge Leben, und zwar mittels eines Stunts, der jeden echten Menschen postwendend in die Urne befördert hätte. Als die anschließende Gerichtsverhandlung den Freispruch des Beinahetodverursachers zur Folge hat, sieht Fok sich gezwungen, den Polizeidienst zu quittieren, um stattdessen das Justizwesen mit ähnlich eherner Entschlossenheit zu bereichern. Das dafür nötige Studium verläuft offenbar ohne jede Müh, weswegen – zumindest laut Skript – sieben Jahre später ein neues Kapitel aufgeschlagen werden und Fok sich nun als Staatsanwalt verdingen kann.

Erwartungsgemäß legt er sich dabei aufgrund seiner Art, Gegebenheiten zu hinterfragen, schnell mit seinem Vorgesetzten an, der vom Genre-Veteranen Francis Ng [→ EXILED (2006)] verkörpert wird. Hier geraten Tempo und Spannung ein wenig ins Stocken, da der zugrunde liegende Fall nicht sonderlich aufregend ist: Ob der junge Ma Ka-Kit nun tatsächlich fälschlicherweise wegen Drogenhandels verurteilt wurde, obwohl es womöglich „nur“ Drogenbesitz war, oder ob er gar gänzlich unschuldig ist und hereingelegt wurde, führt beim Betrachter schnell zu gepflegtem Desinteresse. Allerdings nicht bei Fok, der gegen alle Widerstände versucht, den Fall neu aufrollen zu lassen. Als emotionaler Anker dient die Einbindung des Großvaters des Verurteilten, von Lau Kong [→ CITY ON FIRE (1987)] porträtiert als älterer Herr, der die Entlassung seines Enkels wohl nicht mehr miterleben würde, sollte ein Justizirrtum nicht rechtzeitig aufgeklärt werden. Laus Figur wird in erster Linie dazu genutzt, Donnie Yens Rolle als unerschütterlichen Gutmenschen zu präsentieren, der dem in ärmsten Verhältnissen lebenden Mann sogar heimlich Geldscheine zuschanzt. Richtig in Schwung kommt die Sache dann wieder, als Fok im Zuge eigenmächtiger Nachforschungen zur Zielscheibe diverser Anschläge wird, wobei das Drehbuch recht kopflos und dramaturgisch holprig ins Crime-Genre stolpert und das Geschehen aus den heiligen Hallen der Rechtsprechung zurück auf die Straße verlagert, in verrauchte Räuberhöhlen und zwielichtige Clubs, wo dreckige Gauner zwischen Koks, Nutten und Zigarettenqualm düstere Pläne schmieden.

Die Darstellung der Unterwelt gerät dabei arg klischeehaft und erinnert eher an Groschenromane oder altmodische Comic-Strips denn an Realitäten, inklusive heiser röchelnder Marlon-Brando-Kopie und aufgeregter Diskussion darüber, wer denn dem Gegenüber nun die Kugel in den Kopf jagen darf. Ins Reich der Fabel gehört fraglos auch die von der Leine gelassene Killermaschine (Yu Kang aus SPECIAL ID [2013]), die Donnie Yen das Leben schwermachen darf und selbst nach Stürzen von hohen Häuserdächern noch geistenskrank lachend und fit wie ein Turnschuh durch die Gegend springt. Das ist zwar schwer unterhaltsam und macht anständig Laune, beißt sich aber natürlich mit der seriösen Attitüde, die zuvor im Justizministerium oder Gerichtsaal hinaufbeschworen wurde. Angeblich sollte THE PROSECUTOR ursprünglich sogar ohne solche Kampfmomente auskommen und erst nachträglich wurde entschieden – die Fan-Gemeinde stets Blick –, derlei Yen-typische Handgemenge zu integrieren. Dafür darf man durchaus dankbar sein, denn die wuchtigen Kung-Fu-Kollisionen – Plausibilität hin oder her – verpassen der phasenweise etwas trägen Haupthandlung die nötige Portion Pfeffer.

Dabei bäckt die Inszenierung derselben wahrhaft keine kleinen Brötchen: Die Fights kommen nicht wie ein simples Duell Mann gegen Mann daher, sondern werden zu epischen Schlachten hochskaliert. In der imposantesten Aufnahme stellt sich Fok auf dem Dach eines Clubs einer Heerschar an Kontrahenten. Dabei wechselt die Kamera alsbald in die Vogelperspektive und bildet zusätzlich zum Kampfgetümmel die Skyline der gesamten Stadt ab, was dem Geschehen eine fast monumentale Bedeutung verleiht. Solcher Exzess, die Zelebrierung von körperlicher Konfrontation als überlebensgroßes, staatstragendes Jahrhundertereignis, erinnert stilistisch an die einflussreiche JOHN WICK-Reihe, in deren viertem Teil Donnie Yen ja ebenfalls zu Gast war. In Erinnerung bleibt außerdem Foks finale Verteidigungsmaßnahme gegen den nahezu unkaputtbaren Syndikatskiller in der U-Bahn – wobei diese sich eher für einen ICE zu halten scheint, immerhin rast sie in einem Affenzahn durch den Tunnelschacht und keine Haltestelle dieser Welt schickt sich an, die ausufernde Auseinandersetzung zu unterbrechen.

In solchen Momenten fühlt sich der Action-Aficionado angenehm zuhause, ist es doch gerade diese verspielte Beugung realer Gegebenheiten, die das Genre so aufregend macht. Dem Anspruch, gleichzeitig auch einen authentischen Einblick in Rechtsverhältnisse zu gewähren, wird man hingegen in keiner Weise gerecht. THE PROSECUTOR wurde nämlich tatsächlich von der Obersten Volksstaatsanwaltschaft gefördert und versteht sich damit als eine Art Prestigeprojekt. Dementsprechend wird zwischen den Zeilen gern auch mal ein Hohelied auf den Rechtsstaat sowie die Unabhängigkeit der chinesischen Justiz angestimmt. Das ist natürlich ein echter Lacher, zum einen, weil es schlicht nicht der tatsächlichen Situation vor Ort entspricht, zum anderen aber auch, weil THE PROSECUTOR dieser Behauptung sogar selbst widerspricht. Fok nutzt seine berufliche Vergangenheit nämlich, um weiterhin mit der Polizei zu kooperieren und ermuntert alle Anwesenden dazu, an einem Strang zu ziehen. Gewaltenteilung? Kann weg! Dazu kommt – und das ist der eigentliche Witz an der Sache –, dass im Grunde gar kein sonderlich gutes Licht auf den Justizapparat geworfen wird: überlastete Staatsdiener, die in der Abarbeitung ihrer Fälle kaum noch hinterherkommen und daher stets zur einfachsten Lösung greifen, arrogante Richter, die überteuerten Wein saufen und bereitwillig Unschuldige verknacken, sofern die Beweislage es hergibt, abgestumpfte Anwälte, die ihre Prozesse so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen … Da muss schon eine Lichtgestalt wie Donnie Yen anrücken, um das schlingernde Schiff wieder auf Kurs zu bringen und das Gleichgewicht wieder herzustellen. Yin und Yen, sozusagen.

Überraschend subversiv geriet zudem auch die Darstellung der krassen Arm-Reich-Schere, wenn die mitleiderregenden Lebensumstände bürgerlicher Figuren mit dem sündhaft teuren Chic weniger Priviligierter kontrastiert wird. Auch soziale Barrieren sowie die prekäre Wohnsituation in Hongkong werden immerhin am Rande thematisiert. In Anbetracht der staatlichen Kontrolle über unliebsame Inhalte ist es ein ziemlich unerwartetes Zugeständnis, dass das Bild vom Leben in der Metropole nicht unbedingt in den schillerndsten Farben gemalt wird. Ungeachtet dieser teils durchaus kritischen Untertöne bleibt THE PROSECUTOR am Ende natürlich jedoch vor allem eines: ein weiteres Vehikel, um Donnie Yens Ruf als Vorzeigeheld zu zementieren. Für weiteres Aufsehen sorgen Auftritte altbekannter Genre-Gesichter wie das von Michael Hui [→ ENTE GUT, ALLES GUT (1988)], der in den 1980ern in China als Komiker eine Größe war und hier nun als strenger Richter gezielt gegen den Strich besetzt wurde. Oder das von Kent Cheng in der Rolle des gewissenhaften Mentors, der hier einen erfreulich mobilen Eindruck macht, bedenkt man, dass er bei früheren Gastspielen wie im Jackie-Chan-Knaller CRIME STORY (1993) kaum in den Fahrstuhl passte. 

Das Urteil: Nach eingehender Beweisaufnahme und sorgfältiger Prüfung aller Augenzeugenberichte ist nach reiflicher Überlegung und gewissenhafter Abwägung zu konstatieren, dass THE PROSECUTOR deutlich mehr Stärken als Schwächen aufweist. Insbesondere die großartig in Szene gesetzten Action-Sequenzen unterstreichen die Wertigkeit des Werks und fließen maßgeblich in die Gesamtwertung ein. Die Anklage wegen Pathos und Propaganda wird mit dem Hinweis auf deren relative Unterrepräsentation als irrelevant verworfen – sie können dem Ergebnis keinen ernsthaften Schaden zufügen. Gleichwohl wird befunden, dass Protagonist Yen trotz fortgeschrittenen Alters von 60 Jahren immer noch eindrucksvoll sowohl Charisma als auch körperliche Agilität zur Schau trägt, was uneingeschränkte Hochachtung hervorruft. Somit ergeht ein rückhaltloses Empfehlungsschreiben für alle Fans der Durchsetzung martialischer Gerechtigkeit. Kein Grund zur Klage!

Laufzeit: 117 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 7. Oktober 2023

TÖDLICHE SPIELE


DEATH GAME
USA 1977

Regie:
Peter S. Traynor

Darsteller:
Sondra Locke,
Colleen Camp,
Seymour Cassel,
Beth Brickell,
Michael Kalmansohn,
Ruth Warshawsky
(Mehr sind es
tatsächlich nicht.)



Inhalt:

George Manning [Seymour Cassel], Geschäftsmann, glücklich verheiratet, bleibt an seinem 40. Geburtstag allein zu Haus, da seine Frau sich um einen familiären Notfall kümmern muss. Er erwartet ein ruhiges Wochenende. Abends zieht ein Gewitter auf, was ja an sich noch nichts Schlimmes ist. Urplötzlich stehen dann jedoch zwei junge, vom Regen durchnässte Frauen vor seiner Tür, die sich als Jackson [Sondra Locke] und Donna [Colleen Camp] vorstellen und erklären, dass sie eigentlich auf eine Party wollten, aber mit dem Auto liegengeblieben seien. George lädt sie zum Trocknen ins Haus ein und gestattet ihnen, einen Freund anzurufen, der sie abholt. Die drei unterhalten sich angenehm vor dem Kamin, der Abend wird immer länger und der Alkohol tut seine Wirkung. Schließlich kommt es zum Äußersten. Am folgenden Morgen kommt das böse Erwachen gleich in doppelter Hinsicht: Nicht nur, dass beide Frauen jegliche Anziehungskraft verloren haben und sich plötzlich benehmen wie die Schweine, es stellt sich zudem auch noch heraus, dass die Geschichte von der Party und dem angerufenen Freund eine Lüge war. Nun beginnt für den Ehebrecher das schlimmste Wochenende seines Lebens. Denn Jackson und Donna lassen ihren sadistischen Neigungen freien Lauf und haben offenbar nicht vor, das Haus jemals wieder zu verlassen.

Kritik:

Home Invasion nennt sich eine Unterkategorie des Terror-Kinos, die vor allem deswegen so effektiv ist, weil sie wie kaum eine andere mit menschlichen Urängsten spielt: Die Vorstellung, dass das Böse bis in die eigenen vier Wände vordringt, dass sich die eigene Sicherheit nicht nur als Illusion, sondern der vermeintliche Safe-Space im Gegenteil sogar als scheinbar unüberwindbare Falle entpuppt, rüttelt gewiss bei nicht gerade wenigen Bürgern anständig an den Nerven. Vor allem das kostengünstig produzierte Sensations-Kino machte sich diesem Umstand zunutze und ließ auf der Leinwand immer wieder gewaltbereite Mörder, Psychopathen und Sadisten für ihre perfide Spielchen in anderer Leute Eigenheime eindringen. Dass die Unholde dabei auffallend oft männlich und die Opfer weiblich waren, lässt sich natürlich leicht als garstiger Kommentar zum Kampf der Geschlechter umdeuten. Diese Prämisse drehte Regisseur Peter S. Traynor in seinem Zweite-bis-Dritte-Reihe-Reißer DEATH GAME einfach mal frech auf links, wenn stattdessen zwei weibliche, mit dem Wahnsinn Sympathisierende anfangen, einem mehr oder minder unbescholtenen männlichen Mitbürger das Leben zur Hölle zu machen – ein im Prinzip simpler Taschenspieler-Trick, im Ergebnis jedoch erstaunlich effektiv.

Dass sich das Publikum trotz des fraglos nicht tadellosen Verhaltens der männlichen Hauptfigur schnell auf Seite George Mannings schlägt, liegt vor allem daran, dass es dem Regisseur gelingt, dessen Situation vollkommen glaubhaft rüberzubringen: Die beiden jungen Frauen, die wie aus dem Nichts in Georges Leben hereinbrechen, erwecken zunächst den Beschützerinstinkt und bedienen im weiteren Verlaufe in ihrer scheinbaren naiven Arglosigkeit dann unterschwellige fleischliche Fantasien, ohne dabei in plumpe Porno-Provokationen zu verfallen. Tatsächlich besitzt das alkoholumnebelte Palaver vor dem Kamin eine kindlich-unschuldige Gemütlichkeit, sodass nachvollziehbar ist, wie eines schließlich ganz klassisch zum anderen führt. Kaum minder faszinierend, wie DEATH GAME es gelingt, die Stimmung am darauffolgenden Morgen ins komplette Gegenteil kippen zu lassen: Der erotische Reiz des Vorabends ist völlig verflogen, die Besucherinnen erscheinen nicht mehr die Bohne attraktiv, geschweige denn begehrenswert, sondern sogar regelrecht abstoßend – eine treffsichere Versinnbildlichung von Scham und schlechtem Gewissen. Die zuvor so verlockend erschienenen kindlich-naiven Verhaltensweisen werden für George nun nach und nach zum Alptraum, wenn die unfreiwilligen Gäste ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen, wobei auch das Mobiliar in Mitleidenschaft gezogen wird. Regelrecht greifbar scheint dabei die aufsteigende Panik des Ehebrechers, wenn ihm Stück für Stück gewahr wird, dass er die beiden Damen vermutlich nicht mehr loswird.

Das funktioniert auch wegen des guten Schauspiels der Protagonistinnen, denen es allein durch die Veränderung leichter Nuancen gelingt, ihre Erscheinung von attraktiv auf abstoßend und schließlich sogar bedrohlich zu ändern. Verkörpert werden die Hausbesetzerinnen von Sondra Locke (die wohl ewig nur darauf reduziert sein wird, mal mit Clint Eastwood verheiratet gewesen zu sein) [→ DIRTY HARRY KOMMT ZURÜCK] und Colleen Camp [→ BRUCE LEE – MEIN LETZTER KAMPF], die alterstechnisch interessanterweise fast ein Jahrzehnt auseinanderliegen, ohne dass man es wirklich merkt (Camp war beim Dreh 21 Jahre alt, Locke sogar schon 30). Geschickt schaukelt das Skript den Konflikt im weiteren Verlaufe immer weiter hoch, die offensichtliche Geisteskrankheit der Frauen tritt deutlicher zutage und spätestens, wenn ein zufällig vorbeikommender Lieferjunge unfreiwillige Bekanntschaft mit einem Aquarium machen muss (eine in ihrer nüchternen Kaltblütigkeit wirklich enorm schockierende Szene), ist klar, dass es für George nun gar nicht mehr um die Rettung von Ehe oder Ehre geht, sondern nur noch darum, mit heiler Haut davonzukommen.

Dass der Produktion nur ein schmales Budget zur Verfügung stand, gereichte ihr durchaus zum Vorteil. So spielt sich die Handlung fast ausschließlich im Hause George Mannings ab, was DEATH GAME zu einem intensiven Kammerspiel werden lässt. Und obwohl es (bis auf besagte Aquariums-Szene) gar keine körperlichen Gewaltakte zu sehen gibt, hat man nach gut 90 Minuten Spielzeit das Gefühl, soeben Zeuge einer brutalen Tour de Force gewesen zu sein. Wenn die Frauen unter irrem Gelächter hemmungslos Klaviertasten malträtieren, wild mit Schminke bemalt wie Schreckgespenster durch die Wohnung fegen und sich generell völlig irrational und unberechenbar verhalten, dann erscheint das wie ein surrealer Alptraum, aus dem es kein Entkommen gibt. Gipfel des Grauens ist dann eine „Gerichtsverhandlung“, in welcher George stellvertretend für die Geißel des Patriarchats zur Ader gelassen wird.

Ob die Aktionen tatsächlich eine Art Rache für erfolgten sexuellen Missbrauch sein sollen oder die geistige Unzurechnungsfähigkeit der Protagonistinnen gar Resultat von eben solchem sind, wie mehrmals angedeutet wird, darüber schweigt sich DEATH GAME final aus. Eine gute Entscheidung, denn das bis zuletzt völlig rätselhaft und erklärungslos bleibende Verhalten der Eindringlinge unterstreicht abermals den irrationalen Alptraum-Charakter der Ereignisse. Dazu passend auch das nur im ersten Moment zu diesen im Kontrast zu stehen scheinende Kinderlied „Good Old Dad“, das im Vorspann erklingt und hinter dessen harmloser Fröhlichkeit sich ebenfalls gruselige Abgründe erahnen lassen. Vermutlich sind eben diese bewusst offen gelassenen, oftmals auch fehlenden Zusammenhänge der Grund dafür, dass DEATH GAME seinerzeit in der Rezeption so stark polarisierend aufgenommen wurde. Von „Schund“ bis „feministisches Manifest“ war so ziemlich jede Einschätzung dabei. Die Wahrheit dürfte – ja, das ist eine Phrase! – irgendwo dazwischen liegen. Denn dass dem kostengünstig zum Leben erweckten Terrorfilmchen durchaus Ambitionen zu Grunde lagen, lässt sich kaum leugnen.

Speziell Sondra Locke berichtete später allerdings von chaotischen Dreharbeiten und tadelte die mangelhafte Leistung Peter S. Traynors in Sachen Schauspielführung. Diesem Urteil schloss sich George-Darsteller Seymour Cassel [→ COOGANS GROSSER BLUFF] liebend gern an, der Berichten zufolge mit dem Regisseur in einen lautstarken Disput geriet und mehrmals damit drohte, das Set zu verlassen. Zudem verweigerte er seine Mitwirkung an jeder Form von Nachdreh und -bearbeitung, sodass er sogar von einem anderen Schauspieler nachsynchronisiert werden musste. Dem Resultat merkt man das allerdings nicht an: DEATH GAME wirkt durchaus stimmig und entlässt sein staunendes Publikum schließlich mit einer Szene, die so unerwartet kommt, dass kaum eine Besprechung sie unerwähnt lässt. Und ja, das Ende ist überraschend. Allerdings auch nur, weil es im Grunde völlig bescheuert ist. Im Prinzip könnte man jeden Film auf diese Weise enden lassen, Geringschätzung des eigenen Publikums vorausgesetzt. Daher sollte man sich tatsächlich eher auf den Rest fokussieren. Auch dann hat man es freilich nicht mit einem vergessenen Meisterwerk zu tun. Aber dafür mit einem oftmals etwas verschrobenen, stets interessanten und – was das Wichtigste ist! – im Gedächtnis bleibenden Mini-Thriller, der das Glück hatte, unter widrigen Bedingungen entstanden zu sein, um so wundersam speziell zu werden, wie er jetzt ist.

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ungeprüft

Freitag, 15. September 2023

DAS HAUS DER VERFLUCHTEN


7, HYDEN PARK: LA CASA MALEDETTA
Italien 1985

Regie:
Alberto De Martino

Darsteller:
Christina Nagy,
David Warbeck,
Carroll Blumenberg,
Rossano Brazzi,
Andrea Bosic,
Loris Loddi,
Adriana Giuffrè,
Daniela De Carolis



Inhalt:

Die querschnittsgelähmte Joanna [Christina Nagy] ist trotz ihrer Behinderung eine lebenslustige Frau, die sich u. a. mit Fechten und Bogenschießen fit hält. Dabei lernt sie den charmanten Sportlehrer Graig [David Warbeck] kennen, der sie alsbald in den Hafen der Ehe zu bugsieren gedenkt. Es ist an Joannas Hausarzt Dr. Sernich [Rossano Brazzi], Graig über Joannas Vergangenheit aufzuklären: Im Alter von 11 Jahren stürzte sie eine öffentliche Treppe hinab, als sie vor einem Mann im Priestergewand floh, der sich an ihr vergehen wollte – ein Trauma, das ihre Psyche seitdem verdrängt hat. Aber nun scheint ihre Vergangenheit sie einzuholen: Immer wieder sieht Joanna einen mysteriösen Mann in dunkler Robe, der eine mit Blut besudelte Puppe bei sich trägt. Gleichzeitig beginnt eine grausige Mordserie, der immer mehr Freunde und Bekannte Joannas zum Opfer fallen. Joanna muss all ihre körperlichen und mentalen Kräfte aufbringen, um hinter das Geheimnis zu kommen.

Kritik:

Dass DAS HAUS DER VERFLUCHTEN in vielen Datenbanken unter der Rubrik „Horror“ gelistet ist, verdankt er wohl in erster Linie seiner unpassenden Benennung nebst akuter Abschreiberitis. Aber auch, wenn gefühlt jedes dritte Spuk-Spektakel ebenfalls einen derartigen Titel trägt, entpuppt sich 7, HYDEN PARK: LA CASA MALEDETTA (wie er im Original kaum weniger irreführend heißt) bereits nach wenigen Minuten als ein Giallo reinsten Wassers. Gut, so rein, wie es anfangs den Anschein hat, ist das Wasser im weiteren Verlaufe dann zwar gar nicht, übernatürliche Phänomene glänzen dennoch durchgehend durch Abwesenheit. Dafür startet Regisseur Alberto De Martino [→ IM DUTZEND ZUR HÖLLE] direkt mit der Bebilderung des für das Giallo-Genre unerlässlichen Kindheitstraumas, was auf Anhieb Punkte bringt, denn die Inszenierung ist unerwartet hochwertig. Verstörende Symbole, schräge Winkel und verschrobene Perspektiven erschaffen eine astreine Alptraum-Ästhetik und glaubwürdige Visualisierung der Zerrüttung einer Kinderseele. Und als wollte man alle Zutaten in möglichst kurzer Zeit abarbeiten, folgt im Anschluss an diese Sequenz auch direkt der erste Mord, stilecht begangen mit schwarzen Handschuhen und scharfem Rasiermesser.

An effektiven Auftakten mangelt es also beileibe nicht und des Publikums Neugierde, wie die einleitenden Ereignisse miteinander in Verbindung stehen, ist geweckt. Bis das geklärt wird, vergeht ein wenig Zeit, die allerdings gut genutzt wurde und zudem einige Stilwechsel mit sich bringt. So wandelt sich DAS HAUS DER VERFLUCHTEN zunächst zaghaft zum Psycho-Thriller, wenn Hauptfigur Joanna von ihrer verdrängten Vergangenheit eingeholt wird. Die Auftritte eines unheimlichen Priesters, der ein blutbeflecktes Plastik-Püppchen vor sich her trägt, welches noch dazu mit zarter Mädchenstimme ein gar grausliches Gesangsstück über aufgeschlitzte Bäuchlein zum Besten gibt, sorgen dabei in der Tat für ein paar schöne Schauer-Momente, obwohl einem eigentlich zu keiner Sekunde suggeriert wird, hier ginge tatsächlich ein Gespenst um. Dass stattdessen ein Komplott im Hintergrund läuft, davon künden nämlich die doch sehr weltlichen Tötungsdelikte, die sich im Umfeld der Protagonistin ereignen, und denen – Zufall? – stets Kirchendiener zum Opfer fallen. Die größte Überraschung ist dabei am Ende gar nicht die Antwort auf die Frage nach dem Täter, sondern der Umstand, dass dieser sich dem Publikum bereits nach gut einer halben Stunde Spielzeit selbst offenbart.

Mit dieser unerwarteten Früh-Demaskierung findet ein Perspektivwechsel statt, der DAS HAUS DER VERFLUCHTEN vom Mitrate-Krimi in etwas verwandelt, dessen Mittel Altmeister Alfred Hitchcock (von dessen Stil die Ereignisse auch deutlich inspiriert sind) einst als Suspense bezeichnet hat: Der Protagonist weiß nicht um die Gefahr, in welcher er schwebt, das Publikum allerdings schon. Durch diesen Wissensvorsprung entsteht der nötige Nervenkitzel, denn natürlich hofft man, dass die Hauptfigur das Unheil rechtzeitig bemerkt und mit heiler Haut davonkommt. Dennoch – so viel muss man einräumen – hängt die Spannung ab diesem Moment zunächst ein wenig durch, zumal sich die meisten Zusammenhänge auch als ernüchternd banal erweisen und der zu Beginn aufgebauten Erwartungshaltung kaum zur Genüge gereichen. Doch zum Glück gelingt es den Autoren (zu denen auch der Regisseur selbst gehört), die Ereignisse wieder ansprechend zu verdichten, wenn sich das Ganze nach und nach zu einem intensiven Kammerspiel entwickelt, bevor jede Subtilität über Bord fliegt und es nur noch ums blanke Überleben geht. Hier kommt dann auch endgültig das den Titel schmückende Haus ins Spiel, das von Alberto De Martino und seinem Kameramann Gianlorenzo Battaglia [→ BLADE IN THE DARK] als sinistrer Todeskäfig in Szene gesetzt wurde. Dass man dabei die Rollstuhl-Abhängigkeit der Protagonistin mehrmals zur Spannungsförderung einsetzt, führt zu einer weiteren prominenten Referenz, nämlich den Thriller-Klassiker WARTE, BIS ES DUNKEL IST aus dem Jahre 1968, in welchem das blinde Opfer seine Behinderung am Ende in seinen Vorteil ummünzt.

Dass DAS HAUS DER VERFLUCHTEN erst Mitte der 1980er entstand, nimmt freilich Wunder, ist die Inszenierung doch auf fast schon trotzige Weise angenehm altbacken. Dabei hatte der Giallo, die in viel Kunstblut getränkte italienische Krimi-Spielart, seinen Zenit zu dieser Zeit nicht nur überschritten, sondern war eigentlich schon längst abgemeldet. Dennoch wirkt das Werk überwiegend, als sei es gut 10 Jahre früher entstanden. Davon, dass bereits ein neues Zeitalter angebrochen war, zeugen insgesamt nur wenige Dinge, wie beispielsweise die Musik, die hier doch arg synthetisch klingt. Und auch der Einfluss amerikanischer Slasher-Ware, die seit Beginn der 1980er mit HALLOWEEN & Co. die Kinosäle füllte, lässt sich kaum leugnen (wobei diese auch deutlich vom Giallo inspiriert war, womit sich der Kreis wieder schließt), spätestens dann nicht mehr, wenn am Ende plötzlich alle bis dahin Gemeuchelten aus jeder Ecke fallen und der Killer trotz brutalster Blessuren schlichtweg nicht kleinzukriegen ist. Ohnehin gestaltete De Martino manche Momente verblüffend heftig, wenn immer mal wieder zwar kurze, aber dafür umso eindringlichere Gewaltakte stattfinden. Und natürlich lassen sich auch die offiziellen Meuchelszenen nicht lumpen, wenn Skalpell und Schaufel sehr gekonnt zweckentfremdet werden.

Frei von Schwächen ist die Erzählung dabei freilich nicht. So wird man beispielsweise das Gefühl nicht los, die Enthüllung des Rasiermesser-Mörders geschehe vor allem deswegen so früh, weil sie ohnehin keine sonderlich große Überraschung gewesen wäre (für das deutsche Publikum übrigens schon gar nicht, ist dessen Synchronstimme doch derart markant, dass man sie bereits nach wenigen Sekunden korrekt zugeordnet hat). Ein zwischendrin stattfindender Ausflug nach New York ist inhaltlich zudem so unnötig, dass man den Eindruck gewinnt, hier wollte man nur noch schnell eine Drehgenehmigung ausnutzen. Irritierend geriet auch eine seltsam uninspiriert wirkende Traum-Sequenz Joannas, die einen durch ihren neuen Denkanstoß so sehr aus der Bahn wirft, dass sie dem weiteren Verlauf der Handlung sogar regelrecht Schaden zufügt, obwohl sie am Ende (ebenso unpassenderweise) wieder aufgegriffen wird. Dieser Einfall wirkt nicht nur auf erzählerischer Ebene unglücklich, sondern auch auf formaler, da die Inszenierung ohnehin bereits einen realitätsfernen (Alp-)Traumcharakter besitzt.

Dass die ganzen vorgetragenen Erklärungen bezüglich Verdrängung und Seelenpein küchenpsychologischer Kokolores vom Feinsten sind, versteht sich fast von selbst, gehört dieser Umstand doch fast so sehr zum Giallo-Genre wie Mord und Maskierung. Ohnehin wirkt die Konstruktion von Joannas Kindheitstrauma etwas weit hergeholt: Ein Triebtäter, welcher sich ausgerechnet in eine geistliche Tracht wirft, um Kinder anzulocken? Wäre für so etwas nicht jedes andere Kostüm besser geeignet gewesen? Eigentlich sollte es sich ja herumgesprochen haben, dass, sobald ein Pfaffe mit Püppchen naht, sämtliche Fluchtreflexe umgehend zu aktivieren sind. Auch dem bewährten erotischen Unterton wird Rechnung getragen, wenn ein paar harmlose gleichgeschlechtliche Anwandlungen zwischen Joanna und ihrer jungen Pflegerin geschehen. Eindeutige Schlüpfrigkeiten bleiben jedoch aus und hätten sich auch kaum mit der restlichen Tonalität vertragen.

Um sich bewusst zu machen, wie viel Klasse DAS HAUS DER VERFLUCHTEN trotz seiner fraglos vorhandenen Defizite besitzt, muss man ihn nur mit der Mehrheit der Italo-Krimi-Ware aus dem Jahrzehnt seiner Veröffentlichung vergleichen, wie mit dem blankpolierten, nichtssagenden NOTHING UNDERNEATH, der im tiefsten 1980er-Körperkult-Sumpf versinkt und ähnlich langweilig-oberflächlich daherkommt wie die ganzen Models, die dort uninteressanter Weise gemeuchelt werden. Im Gegensatz dazu erscheint Alberto De Martinos Werk regelrecht klassisch und besticht durch eine hochwertige Ausstattung (die mit Bildern und Büchern vollgestopften Räumlichkeiten sind ein echter Hingucker) und ein paar gelungene optische Spielereien (wie Spiegelungen in Sonnenbrillen oder zahlreiche experimentelle Perspektiven). Die Gründe für die Morde kann das Drehbuch zwar nicht so wirklich plausibel machen, aber Stimmung und Spannung passen durchaus. Wer für klassischen Giallo-Grusel und „Hitchcock mit Härte“ etwas übrig hat, der darf in diesem Haus also gern ein Zimmer buchen.

Laufzeit: 85 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 27. Dezember 2019

KIDNAPPING - EIN TAG DER GEWALT


OPERAZIONE KAPPA – SPARATE A VISTA
Italien 1977

Regie:
Luigi Petrini

Darsteller:
Mario Cutini,
Marco Marati,
Maria Pia Conte,
Patricia Pilchard,
Mario Bianchi,
Maria Francesca,
Linda Sini,
Edmondo Tieghi



Inhalt:

Paolo [Mario Cutini], junger Weiberheld und Taugenichts, ist verbittert: Erst gelang es ihm, sich auf eine dekadente Luxusparty zu schmuggeln und dort bei der Gastgebertochter auf Tuchfühlung zu gehen, da wird das Vergnügen von deren Mutter jäh unterbrochen und er selbst vor die Tür gesetzt. Zornig stromert er nun durch die nächtlichen Straßen und trifft dabei auf den etwa gleichaltrigen Giovanni [Marco Marati], der ebenfalls Frust schiebt: Auch bei ihm ging ein Schäferstündchen daneben, da ein bestimmter Teil seines Körpers im entscheidenden Augenblick seinen Dienst versagte. Angestachelt durch Drogen und Hassreden steigen sie in die Wohnung der jungen Anna [Selvaggia Di Vasco] ein, um sich das, was sie zuvor nicht bekommen haben, nun mit Gewalt zu holen. Als die spontan zwangsinvolvierte Nachbarin Isabella [Linda Sini] dabei ihr Leben lassen muss, flüchten die beiden panisch in die Nacht hinaus. Nachdem sie bald darauf erfahren, dass sie von der Polizei gesucht werden, reagieren sie kopflos: Sie überfallen ein Nobelrestaurant und nehmen die Gäste als Geiseln, um von der Polizei Geld und freies Geleit ins Ausland zu erpressen. Ein Plan, der gründlich in die Hose geht …

Kritik:

Luigi Petrini hat nicht viel gedreht. Gerade mal eine Handvoll Beiträge gehen auf das Konto des Regisseurs – im Italien der 70er, in dem die Filmschaffenden oft wie am Fließband produzierten, ist das quasi nichts. Hauptsächlich entstanden unter seiner Warte Komödien und Musikfilme, anspruchsloser Zeitvertreib, weitestgehend vergessen. Und dann produzierte er noch OPERAZIONE KAPPA – ein wahres Ungetüm von einem Film, das rein gar nichts mit leichter Unterhaltung zu tun hat und eher einem beherzten Schlag in die Magengegend gleicht. Petrini, der auch das Drehbuch verfasste, macht hier absolut keine Gefangenen und beschreibt nur wenige, aber entscheidende Stunden im Leben zweier junger Männer, die aufgrund des Frusts über ihr soziales Versagen und ihre Unangepasstheit explodieren und ihren Aggressionsstau, einer radikalen Therapie gleich, rücksichtslos an ihrer Umgebung auslassen. Rau und ungeschliffen geht es dabei zu, überwiegend im dokumentarischen Duktus gehalten, ohne eine (offensichtliche) cineastische Dramaturgie. KIDNAPPING – EIN TAG DER GEWALT nannte man das Ganze dann im Deutschen, was zumindest zum Teil in die Irre führt, da es hier nicht, wie der Haupttitel suggeriert, um eine Entführung geht, sondern um eine Geiselnahme. Der Untertitel hingegen passt perfekt, da sich die folgenschweren Ereignisse tatsächlich nur innerhalb eines Tages ereignen, was den authentischen Charakter des Gezeigten nochmals unterstreicht.

Böse Zungen könnten Petrini gewiss vorwerfen, das formal tatsächlich recht plumpe Werk diene lediglich dazu, die niederen Gelüste des Publikums zu befriedigen, das hauptsächlich mit Blut und nackter Haut in Sehberührung kommen möchte. Beiden Bedürfnissen wird dann auch entsprochen, garniert mit zum Teil bemerkenswert asozialen Aussprüchen, mit denen die Protagonisten ihre Schandtaten kommentieren. Dennoch wäre die Unterstellung, man habe hier lediglich schmieriges Entertainment für Sensationsdurstige im Sinn gehabt, zu kurz gedacht. Petrini zeichnete seine beiden Hauptfiguren nämlich dermaßen abstoßend, dass zu keinem Zeitpunkt jemals irgendeine Form der Identifikation oder Befriedigung möglich wäre. Fast könnten einem die Männer leid tun angesichts ihrer Unfähigkeit, die Konsequenzen ihrer Handlungen richtig einzuschätzen, der Zielgenauigkeit, mit der sie konsequent die falschen Entscheidungen treffen, und ihres Unvermögens, Empathie mit ihren Mitmenschen zu empfinden, wären sie nicht solch riesige Arschlöcher, denen man am liebsten höchstselbst das Fell mit dem Vorschlaghammer gerben möchte. Lobend erwähnt werden muss an dieser Stelle das sagenhaft gute Spiel der beiden Darsteller Mario Cutini und Marco Marati, die das Killerduo in einer Unverfälschtheit zum Leben erwecken, dass man phasenweise glatt vergisst, dass ja alles bloß inszeniert ist.

Es ist ein schicksalhafter Moment, wenn Paolo erstmals auf Giovanni trifft, der im Park hockt und Trübsal bläst. Sein sexuelles Versagen nagt an ihm und die frauenverachtenden Aussagen seiner neuen Zufallsbekanntschaft helfen ihm dabei, seinen Kummer zu überwinden. Die enorme Schnelligkeit, in der die beiden Freundschaft schließen, macht klar, wie sehr sie sich gegenseitig brauchen und vermutlich immer gebraucht haben. Angestachelt durch gehässige Reden und Drogenkonsum (albernerweise wird einem hier Marihuana als Aggressionsmotor verkauft), beginnen sie eine fatale Tour de Force aus Erniedrigung, Vergewaltigung und Mord - eine Einbahnstraße, aus der sie sich anschließend in völliger Missabschätzung der Realität durch eine gewalttätige Geiselnahme in einem Nobelrestaurant wieder freipressen möchten. Das Skript wird dabei nicht müde, Erklärungen für das asoziale Verhalten der Männer zu liefern – stellenweise durchaus unterschwellig, zum Teil aber auch unnötig offensichtlich in Dialoge verpackt. So wird Paolo vom Neid auf die privilegierte Schicht angetrieben, sodass es natürlich kein Zufall ist, dass er am Ende ausgerechnet die Gäste eines arschteuren Speiselokals als Geisel nimmt. Giovanni hingegen stand zeit seines Lebens unter der Fuchtel seines gestrengen Vaters und sieht in seinem Kompagnon das, was er sich niemals traute zu sein: ein Rebell nämlich, der auf sämtliche Konventionen einen Haufen setzt und sich ohne jede Etikette einfach das nimmt, was er will.

Der zunächst zurückhaltend gezeichnete Giovanni schält sich im Laufe der Ereignisse als die interessantere Figur heraus. Auf den Geschmack gekommen, überflügelt er in Sachen Boshaftigkeit sogar noch seinen neuen Freund, der ihm sein Ausbrechen aus der Passivität überhaupt erst ermöglicht hatte. Nicht zur Sprache gebracht, aber dennoch offenkundig, ist dabei seine unterdrückte Homosexualität. Fast ein wenig zu plump in der Bebilderung hocken er und Paolo am Anfang im Park auf einer antiken Kanone, das Rohr wie zwei pubertäre Jungs zwischen die Beine gepresst. Etwas subtiler geht Petrini später mit der Thematik um. Giovannis Versagen bei Frauen (warum wohl?) mündet in der perfiden Erniedrigung des weiblichen Geschlechts, die stets auf körperliche und sexuelle Attribute abzielt. In einer Szene zwingt er einen Mann per Waffengewalt dazu, Sex mit einer Frau zu haben. Überraschung: Es funktioniert natürlich nicht. Giovanni macht sich über den Mann lustig – dabei war sein eigenes sexuelles Versagen überhaupt erst der Auslöser für den asozialen Amoklauf.

Etwas merkwürdig erscheint die Nebenhandlung um eine der (weiblichen) Geiseln, die ohne ersichtlichen Grund romantische Gefühle für einen ihrer Geiselnehmer entwickeln darf. Das geschieht ohne erkennbare Motivation und raubt KIDNAPPING daher Glaubwürdigkeit. Ebenfalls kurios und wie ein Überbleibsel einer eigentlich am Schneidetisch entfernten Episode wirkt der Erzählstrang um den in dem Fall ermittelnden Inspektor, der mit seiner jungen Geliebten nebenbei noch den gemeinsamen Beziehungsstatus klären muss. In solchen Momenten wirkt Petrinis Gassenhauer dann doch etwas unrund und auf simple Unterhaltungszwecke ausgerichtet. In der Summe aber hat man es hier mit einem intensiven, radikal vorpreschenden Quer- und Tiefschläger zu tun, der genug Ambivalenzen bietet, um nicht voreilig in die Schmuddelecke gestellt zu werden.

Laufzeit: 95 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 8. Dezember 2019

DIE FARBEN DER NACHT


TUTTI I COLORI DEL BUIO
Italien 1972

Regie:
Sergio Martino

Darsteller:
Edwige Fenech,
George Hilton,
Ivan Rassimov,
Maria Cumani Quasimodo,
Tom Felleghy,
Luciano Pigozzi,
George Rigaud,
Julián Ugarte



Inhalt:

Seit dem Tod ihres ungeborenen Kindes leidet die junge Jane [Edwige Fenech] unter erschreckend intensiven Alpträumen. Immer wieder auftretender Protagonist: ein unheimlicher Fremder mit stahlblauen Augen und gezückter Klinge, der ihr offenbar ans Leder will. Ihr Lebensgefährte Richard [George Hilton] empfiehlt zur Heilung dubiose Pillen, ihr Therapeut Dr. Burton [George Rigaud] rät zu Ruhe und Entspannung. Helfen tut das freilich alles nicht. Als ihr der mysteriöse Traummann plötzlich auch in der Realität auflauert, nimmt sie in ihrer Verzweiflung den leicht wunderlichen Ratschlag ihrer Nachbarin Mary [Marina Malfatti] an: Eine Schwarze Messe soll die gebeutelte Seele wieder in Balance bringen. Und tatsächlich: Nach einer bizarren Nacht inklusive Tierblut und Rudelgewudel blüht Janes Psyche deutlich auf. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer: Plötzlich kommt es in ihrer Umgebung zu gewaltsamen Todesfällen. Und ihr eigentlicher Alptraum beginnt …

Kritik:

1971 machte Regisseur Sergio Martino den zahlreichen Giallo-Fans gleich zwei sehr ansprechende Genre-Geschenke. Erst zauberte sein blutiger Bilderbogen DER KILLER VON WIEN allen Freunden elegant-effektiver Krimi-Unterhaltung ein Lächeln ins Gesicht, dann legte er nur wenige Monate später DER SCHWANZ DES SKORPIONS vor, der die Qualität des Vorgängers zwar nicht mehr erreichte, Martinos Ruf als zuverlässiger Lieferant solide gefertigter Spannungsszenarien aber nachhaltig zementierte. Im Jahr darauf präsentierte der fleißige Filmhandwerker schließlich den dritten Nägelkauer in Folge: DIE FARBEN DER NACHT erzählt die archetypische Thriller-Story einer schutzbedürftigen Maid in Not, für deren Umsetzung Martino und Team in visueller Hinsicht abermals aus den Vollen schöpften. Bereits unmittelbar nach dem (noch recht harmonieversprechenden) Vorspann verstört eine Abfolge wild verwinkelter Bilder den Betrachter, ein grelles Gewirr aus gammeliger Kauleiste, knallblauen Kontaktlinsen und rinnendem Kunstblut, das sich freilich ziemlich schnell als furchterregender Alptraum der Hauptprotagonistin entpuppt, der grazilen Jane Harrison, welcher das Publikum im weiteren Verlauf nicht mehr von der Seite weichen wird.

Beschweren werden sich darüber sicherlich nur Wenige, ging die Rolle der Heldin doch an Edwige Fenech, die auch schon beim KILLER VON WIEN dabei war und eine Zeitlang - nicht ganz zu Unrecht - als eine der attraktivsten Aktricen des italienischen Nischenkinos galt. Die damals 24-Jährige gefällt hier jedoch nicht nur auf optischer, sondern auch auf darstellerischer Ebene und überzeugt als labile junge Frau, die sich gelegentlich gefährlich nahe an der Schwelle zum Wahnsinn bewegt. Denn schon bald wird deutlich, dass Martino dieses Mal sein vertrautes Terrain verlässt. Anders als die beiden Vorgänger ist DIE FARBEN DER NACHT deutlich weniger an Massakrierung und Mörderjagd interessiert und rückt stattdessen Themen wie Seelenleid und Realitätsverlust in den Fokus. Die Idee, narrative Spielchen mit Schein und Sein zu treiben, war natürlich schon damals nicht neu, sorgt aber altbewährt für den nötigen Nervenkitzel: Ebenso wie (die stellenweise doch etwas arg hilflos wirkende) Jane Harrison fragt sich auch der Betrachter bald, ob die rätselhaften Ereignisse um sie herum Resultat höllischer Visionen oder weltlicher Verschwörung sind, und Jeder aus ihrem Bekanntenkreis steht im Laufe der Ereignisse mindestens ein Mal im Verdacht, irgendwie nicht ganz koscher zu sein.

Aus psychologischer Perspektive rumpelt es hier zugegebenermaßen an allen Ecken und Enden, und so manch ein in Seelenkunde Geschulter dürfte sich bereits auf dem Kenntnisstand der 1970er Jahre die Akademikerhaare gerauft haben. Trotz reizvoller Gedankenspiele und stilistischer Raffinesse ist das Geschehen nämlich höchst hanebüchen und die brisante Thematik allzu offensichtlich nur Mittel zum Zweck, das Publikum mit der nötigen Portion Schauder an sich zu binden. Allein schon die Aufhängeridee, dass die Protagonistin an einer Schwarzen Messe (samt Bettenschlacht und Blutgeschmiere) teilnimmt in der Hoffnung, das könne irgendwie hilfreich gegen Alpträume sein, ist so himmelschreiend vernunftswidrig, dass man kurzzeitig annimmt, das Ganze spiele womöglich auf einem anderen Planeten, auf dem menschenähnliche Wesen Entscheidungen treffen, die für den tatsächlichen Homo Sapiens keinen nachvollziehbaren Sinn ergeben (dafür würde auch sprechen, dass manche dieser Wesen ohne ersichtlichen Grund am helllichten Tag in halbtransparenten Kleidern herumlaufen). Dass bei solch einer Prämisse auch die Auflösung nicht gerade vor Plausibilität strotzt, versteht sich eigentlich von selbst. Wirklichen Schaden anrichten tut das allerdings nicht. Im italienischen Genre-Kino geht es generell nur selten um schnöde Rationalität. Es geht um Farben, Bilder und Stimmungen. Und genau in diesen Bereichen funktioniert DIE FARBEN DER NACHT prächtig.

Neben gelegentlicher inhaltlicher Absurdität teilt man sich mit dem klassischen Giallo (zumindest nach deutscher Lesart) in erster Linie die experimentelle Attitüde und die publikumswirksame Andeutung oder Zurschaustellung weiblicher Nacktheit. Andere charakteristische Ingredienzien wie schwarze Handschuhe, blanke Rasierklingen und subjektive Mördersicht sucht man vergebens, und auch der Gewaltpegel wurde deutlich heruntergefahren. Das Vernachlässigen der klassischen Krimi-Komponente, die Konzentrierung auf psychedelische Horror-Elemente und nicht zuletzt die eher schleichende Entwicklung der Ereignisse (auf die ersten Morde muss duldsam gewartet werden) mag manchem Puristen womöglich nur wenig gefallen. Wer aus seinem starren Rezensionskonzept ausbrechen kann, erlebt hier allerdings einen angenehmen Zeitvertreib mit gern gesehenen Gesichtern: George Hilton [→ DJANGO – MELODIE IN BLEI] verkörpert den zwielichtigen Lebensabschnittsgefährten der verhuschten Heldin, Ivan Rassimov [→ DJANGO – DEIN HENKER WARTET] lauert eben jener hinter jeder zweiten Ecke auf und setzt auch schon mal in der U-Bahn zum Sprung auf sie an, George Rigaud [→ TOP JOB] mimt den seltsamen Psychiater, der seine Zulassung offenbar in der Keksdose gefunden hat, und Julián Ugarte [→ IN MEINER WUT WIEG ICH VIER ZENTNER] gibt sich als satanischer Sektenguru die zweifelhafte Ehre. Und über allem schwebt die Präsenz von Edwige Fenech, die das Werk mit Schönheit und Schauspiel fast im Alleingang trägt (auch, wenn man sich ihren Charakter zumindest einen Hauch selbstbestimmter gewünscht hätte).

DIE FARBEN DER NACHT ist ein exzessiver Wirbelwind zwischen Wahn und Wirklichkeit, gespickt mit Giallo- und Horror-Motiven, ROSEMARY'S BABY bisweilen näher als DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE. Dem Schlussakt fehlt es dafür freilich an inhaltlicher Konsequenz, und so manches wirkt nicht zu Ende gedacht. Wer schon immer mal wissen wollte, wie es auf einer Schwarzen Messe eigentlich so zu geht, kommt um Sergio Martinos Farbenspiel allerdings nicht herum. Im Folgejahr ratterte unter seiner Regie dann DIE SÄGE DES TEUFELS. Aber das ist eine andere Geschichte.

Laufzeit: 95 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 10. März 2019

ACCIDENT


YI NGOI
China 2009

Regie:
Soi Cheang

Darsteller:
Louis Koo,
Richie Ren,
Stanley Fung,
Michelle Ye Xuan,
Lam Suet,
Monica Mok,
Chan Mong-Wa,
Lai Cheung-Wing



„Lass es wie nen Unfall aussehen!“, ist ein Satz, den man ständig in Mafia- und anderen Gangsterfilmen zu hören bekommt und der aufgrund seiner häufigen Verwendung im Laufe der Zeit ironischen Charakter bekam. 2009 hat Hongkong-Regisseur Soi Cheang die Phrase gänzlich unironisch verfilmt.

Inhalt:

Ho Kwok Fai [Louis Koo] und sein Team sind Auftragsmörder. Allerdings legen sie sich nicht etwa mit Munition und Zielfernrohr auf die Lauer. Sie erschaffen Unglücksfälle. Ihre Opfer sterben beim Autounfall, im Scherbenregen oder per Stromschlag, und nichts und niemand deutet im Anschluss darauf hin, dass hier tatsächlich Menschenhand am Werke war. Sie sind absolute Profis, wissen aber auch, dass die kleinste Unachtsamkeit sie ans Messer liefern könnte. In letzter Zeit allerdings häufen sich merkwürdige Zwischenfälle: In Hos Wohnung wird eingebrochen. Ein ehemaliger Klient stürzt aus dem Fenster eines Hochhauses. Und Teammitglied 'Fatty' [Lam Suet] stirbt auf offener Straße, als er unter die Räder eines auf unerklärliche Weise außer Kontrolle geratenen Busses gerät. Da Ho weiß, dass sie nicht die einzigen in diesem Gewerbe sind, glaubt er weder an Un- noch an Zufälle und beginnt nachzuforschen. Verdächtig macht sich zunächst der undurchsichtige Versicherungsagent Fong Chau [Richie Ren]. Doch schon bald kann Ho auch seinem eigenen Team nicht mehr vertrauen.

Kritik:

ACCIDENT entstand unter der Schirmherrschaft des einflussreichen Produzenten Johnny To, der als Regisseur stilistisch herausragender Action-Opern wie FULLTIME KILLER, EXILED oder VENGEANCE berühmt wurde. Und das merkt man auch. Soi Cheang, der zuvor rabiate Gewaltstreifen wie DOG BITE DOG oder SHAMO auf den Weg brachte, legte den dreckigen Duktus hier komplett ab und orientierte sich stattdessen am präzisen Inszenierungsstil seines Produzenten. Das passt natürlich perfekt zur Story der ungewöhnlichen Killertruppe, die in analytischer Feinarbeit komplexe Kettenreaktionen konstruiert, um ihre Opfer ins Jenseits zu befördern. Bereits die fiebrige Eröffnung nimmt einen auf Anhieb gefangen: Auf den überfüllten Straßen Hongkongs herrscht Chaos. Auto steht an Auto, der liegengebliebene Wagen einer jungen Frau blockiert den Verkehr, alles hupt und schwitzt und schimpft. Ein Mann weicht genervt in eine Nebenstraße aus, ein Transparent löst sich von der Häuserfassade, fällt mit einem Ende auf die Windschutzscheibe. Der Fahrer steigt fluchend aus und zerrt an dem Ding – woraufhin sich ein an der Häuserwand gespanntes Drahtseil lockert und durch eine Fensterscheibe jagt. Es regnet Scherben – und der Asphalt färbt sich rot vor Blut.

Nur für den Zuschauer wird kurz darauf klar, dass nichts von diesen Ereignissen Zufall war – weder die Autopanne der jungen Frau, noch das Herunterfallen des Transparents und erst recht nicht das scheinbar so unglücklich platzierte Seil, das zum tödlichen Glasregen führte. Alles war Teil eines perfide geplanten und perfekt praktizierten Mordprozesses. Das vierköpfige Team um Stratege und Chefdenker Ho Kwok Fai wird eingeführt als eine Art Impossible Mission Force des Tötens, als intellektuelles Killer-Kollektiv, das seine Anschläge mit architektonischer Genauigkeit gestaltet und ausführt. Die kompliziert erdachten Ereignisfolgen, die schließlich zum Ableben der Zielperson führen, erinnern dabei in ihrer Machart an die fatalen Dominoeffekte der FINAL DESTINATION-Reihe, die freilich dem fantastischen Genre verschrieben ist und in welcher der Tod noch höchstpersönlich die Strippen zieht: Eine Bagatelle bedingt die nächste, mehrere kleinere Komplikationen verdichten sich, bis sich am Ende alles summiert und das Geschehen in einer blutigen Katastrophe mündet. ACCIDENT verschweigt nicht, wie viel Geduld es braucht, einen derartigen Plan in die Tat umzusetzen. Lange Zeit sieht man dem Team bei der Ideenfindung zu, bei der Abwägung der Möglichkeiten, der Suche nach Alternativen, der Schaffung idealer Voraussetzungen und nicht zuletzt bei mehreren vergeblichen Versuchen der Ausführung, da sich manch notwendige Bedingung zum reibungslosen Ablauf eben nicht so einfach durch Menschenhand herbeizaubern lässt. Das ist fesselnd und faszinierend umgesetzt und lädt ein zu philosophischen Gedankenspielen über Zufall, Schicksal und Fügung im Leben eines Menschen.

Der Wind dreht sich, als es im Laufe der Handlung zu Todesfällen kommt, die nicht von der Accident-Crew initiiert wurden. Stand bis dahin noch die Teamarbeit im Fokus, verlagert sich der Schwerpunkt nachfolgend auf den Kopf der Bande - auf Ho Kwok Fai, dargestellt von stets zuverlässigen Louis Koo [→ TRIANGLE]. Dieser glaubt nicht daran, dass das gewaltsame Ableben seines Freundes und Kollegen Fatty auf einem ordinären Unglück basiert. Für ihn ist klar, dass es noch mehr Menschen gibt, die des verborgenen Mordens mächtig sind, dass man sie mit ihren eigenen Waffen schlagen und Stück für Stück dezimieren will. Hier wechselt ACCIDENT sanft die Schiene und wird nach und nach zum düsteren Paranoia-Thriller, der auch das Publikum ins Gebet nimmt. Denn ebenso wie Ho fragt sich auch der Konsument nach einer Weile, ob er lediglich einem Phantom hinterherjagt oder am Ende doch Recht behält mit seinen Ahnungen und Befürchtungen. Kameramann Fung Yuen-Man [→ COLOUR OF THE TRUTH] unterstützt diesen Prozess bestmöglich und hat das Geschehen visuell jederzeit voll im Griff. Zu Beginn bestechen die Bilder durch konzentrierte Kompositionen und versinnbildlichen damit die Akribie, die für die Protagonisten ja notwendig ist, um ihre Tötungen in die Tat umsetzen zu können. Später, als Ho sich auf der Suche nach Antworten befindet und sein Geist mehr und mehr verwirrt wird, werden die Bilder unaufgeräumt und konfus – geradezu ikonisch erscheint in dem Zusammenhang die Aufnahme von Hos Wohnung, gespickt mit Hinweiszetteln und Notizen, die notdürftig mit Pfeilen und Linien verbunden wurden, um eine (womöglich gar nicht vorhandene) Ordnung ins Chaos zu bringen.

Auf diese Weise entfaltet ACCIDENT eine beachtliche Sogwirkung, welche bis zur niederschmetternden Schlussszene anhält und das Spannungsbarometer konsequent oben hält. Wer unbedingt Haare in der Suppe suchen möchte, der könnte zu Recht anmerken, dass das Gelingen der Mordanschläge entgegen inhaltlicher Behauptung immer noch von zu vielen Zufällen und Eventualitäten abhängig, sprich: schlichtweg unglaubwürdig ist. Und auch über die restlichen Teammitglieder hätte man gern ein wenig mehr erfahren als nur, dass sie halt eben auch mit dabei sind. Aber im Großen und Ganzen sind das Kleinigkeiten, die nicht weiter ins Gewicht fallen. Natürlich sollte man nicht den Fehler begehen, aufgrund des Sujets und vorherigen Œuvres von Regie und Produktion einen Action-Reißer zu erwarten (umso fataler, dass tatsächlich ein Plakatmotiv existiert, auf dem Nebendarsteller Richie Ren mit der Waffe herumfuchtelt). Hier wird mit Köpfchen gekämpft statt mit Kugeln, und wirklich herber Blutverlust ist ebenfalls nicht zu verzeichnen (auch wenn kleine fiese Schocks das ansonsten eher gemütliche Tempo immer mal wieder unterbrechen). Am Ende ist ACCIDENT eine äußerst geglückte Killer-Thriller-Variante mit cleverem Skript und vorzüglicher Umsetzung. Definitiv kein Unfall!

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 9. Februar 2019

MASSAKER IN KLASSE 13


MASSACRE AT CENTRAL HIGH
USA 1976

Regie:
Rene Daalder

Darsteller:
Derrel Maury,
Andrew Stevens,
Ray Underwood,
Robert Carradine,
Kimberly Beck,
Steve Bond,
Rex Steven Sikes,
Lani O'Grady



Pass dich an, dann geht’s dir hier gut.“


Inhalt:

David [Derrel Maury] ist neu auf der Central High. Die Freude, seinen Jugendfreund Mark [Andrew Stevens] wiederzutreffen, ist allerdings schnell verflogen, gibt sich dieser doch seltsam reserviert. Aber auch viele weitere Mitschüler verhalten sich merkwürdig, wirken unsicher und verschüchtert. Bald wird David klar, was hier Sache ist: Die Central High wird kontrolliert von der Gang des herrschsüchtigen Bruce [Ray Underwood], die es bestens versteht, den Rest der Schülerschaft zu schikanieren. Mark, mittlerweile selbst Mitglied dieser Terrorbande, ist nun hin- und hergerissen zwischen Loyalität zur Gang und Verbundenheit mit seinem alten Freund. Er rät David, sich ruhig zu verhalten und die Machtverhältnisse nicht anzuzweifeln. Doch als dieser sich die Freiheit herausnimmt, eine Vergewaltigung zu verhindern, schlagen Bruce & Co. mit aller Härte zurück – David landet im Krankenhaus. Sein Bein ist zwar gebrochen, nicht jedoch sein Kampfgeist. Nach Entlassung wandelt sich das ehemalige Opfer zum humpelnden Rachegespenst. In Folge erschüttern mehrere bizarre Todesfälle die Central High – und die Gang um Bruce wird immer kleiner und kleiner …

Kritik:

Die Schulzeit wird auf der Leinwand meist arg verklärt dargestellt. Glaubt man dem Kino, so scheint die Schule in erster Linie ein heiterer Ort zu sein, mit lustigen Typen, attraktiven Frauen und jeder Menge Spaß und Party. In der Realität allgegenwärtige Themen wie Leistungsdruck, Gruppenzwang oder Mobbing hingegen werden in der Regel ausgeklammert. Das vom gebürtigen Holländer Rene Daalder geskriptete und inszenierte MASSAKER IN KLASSE 13 schickt sich an, zumindest ein paar dieser Defizite auszugleichen. Seinem martialischen Titel wird das Geschehen dennoch nicht gerecht, weswegen begeisterte Blutbauern ihre Hosen auch gleich wieder schließen dürfen. Auf knatternde Kettensägen, fliegende Körperteile und jedwedes Gesudel hofft man hier vergebens. Stattdessen wird man Zeuge eines mit sarkastischen Spitzen gewürzten Sozialdramas im Jugend-/Teenie-Milieu, das mit ein paar (zum Teil herrlich perfiden) Mordmomenten angereichert wurde. Die Methoden, die Protagonist David anwendet, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen, strapazieren zwar massiv die Glaubwürdigkeit, sind aber gleichzeitig so wunderbar verschlagen, dass man sich eines breiten Grinsens kaum erwehren kann. Der beherzte Sprung ins leere Schwimmbecken ist sogar ein waschechter Brüller und gereicht jedem Cartoon zur Ehre.

Trotz Blutarmut und Verzicht auf ausgespielte Spannungsszenarien nimmt MASSAKER IN KLASSE 13 dabei bereits einige Elemente des typischen Teenie-Slashers vorweg, eines Genres, das erst wenige Jahre später zu voller Blüte kommen und ganze Heerscharen mysteriöser Meuchler auf die arme amerikanische Jugend loslassen sollte. Doch obwohl es fraglos das Hauptanliegen gewesen dürfte, das Publikum mit ein paar reißerischen Effekten zu unterhalten, ist das Skript doch clever genug, einen weder weit hergeholten noch uninteressanten Blick auf gesellschaftliche Phänomene zu werfen. So entwickeln sich die Ereignisse nämlich doch ein wenig anders, als man es zunächst erwarten würde, sind doch die vermeintlichen Hauptantagonisten bereits nach relativ kurzer Dauer ausradiert. Bei der Mehrheit vergleichbarer Werke läutet das in der Regel den Abspann ein. Hier jedoch herrscht nun nicht etwa Friede, Freude, Eierkuchen. Die einstigen Mobbingopfer genießen ihre neu gewonnene Freiheit so sehr, dass sie arrogant werden und selbst damit beginnen, Schwächere in ihrer Umgebung zu drangsalieren. Es beginnt ein Kampf um die neue Vorherrschaft an der Schule. Eine neue Hackordnung entsteht, welche der alten in nichts nachsteht. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. David sieht sich gezwungen, seinen Tötungsmarathon fortzusetzen – eine Gewaltspirale also, die niemals enden kann.

Ebenso wie die Machtverhältnisse sich verschieben, ändern sich damit einhergehend auch die Sympathieträger. Hielt man anfangs noch eindeutig zu David, der den Laden als einsamer Racheengel mal so richtig durchputzte, schlägt man sich im weiteren Verlaufe plötzlich auf die Seite von dessen Kumpel Mark, der zu Beginn noch so verachtenswert mitläuferisch und feige blieb, während David sich langsam, aber stetig zum Psychopathen entwickelt, der als eine Art Mini-MacGyver mit Bombe im Gepäck und Trauma im Kopf zur größten Gefahr wird. Der einstige Held wandelt sich somit zum Bösewicht. Dieser kritische Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und Eigenarten ist der eigentliche Clou der Erzählung. Ebenso wie in der realen Welt gibt es auch hier keine eindeutig guten oder bösen Menschen; alles bedingt sich und steht in Wechselwirkung zueinander. Je nach Situation und Umstand können aus Opfern Täter werden, aus Helden Schurken oder aus Feiglingen Lebensretter. Gut und Böse sind also relativ. Böses gewaltsam ausmerzen zu wollen, wäre demnach sinnlos. Zum einen, weil man sich damit selbst auf die böse Seite begibt, zum anderen, weil bereits der nächste Schurke darauf wartet, den freien Platz einzunehmen.

Solch zart philosophische Sprengsel machen MASSAKER IN KLASSE 13 zwar interessanter als den Durchschnitt, aber freilich noch lang nicht zum gewieften Intellektuellenstück. Dafür ist die ganze Chose dann doch eine Spur zu plump und auf Radau gebürstet. Die formalen und inhaltlichen Schwächen des Werks sind zahlreich und kaum zu übersehen. Das beginnt damit, dass die Gang um Bruce tatsächlich ziemlich armselig ist und niemals so wirkt, als ginge von ihr eine ernsthafte Gefahr aus. Eigentlich ist es nicht mal eine richtige Gang, sondern lediglich ein aus vier, fünf Leuten bestehender Haufen reichlich ungezogener Rüpel, denen eine zünftige Schelle bereits den Kompass richten könnte. Immer wieder wird zudem erwähnt, dass Mark bei David aufgrund vergangener Ereignisse in der Schuld stünde, ohne dass jemals erklärt würde, worin diese denn nun eigentlich besteht. Auch die Inszenierung wirkt ein wenig eigentümlich-verschroben. Das beginnt bereits beim Vorspann, in dem Protagonist David Strand und Straße entlang joggt, musikalisch untermalt von einer Schnulze, die man eher in einem Liebesdrama vermuten würde, und mehrfach unterbrochen von kurzen Szenen, die erst im weiteren Verlaufe folgen werden (Explosionen, Schlägereien, Gefummel am Kamin). Das ist schon eine etwas seltsame Art und Weise der Eröffnung.

Die größte Merkwürdigkeit allerdings besteht darin, dass hier außer den (zumindest behauptet) jugendlichen Hauptfiguren niemand sonst zu existieren scheint. Bei einer Schule als Schauplatz sollte man ja meinen, dass ab und an mal ein Lehrkörper, Hausmeister oder sonst irgendein erwachsenes Personal auftaucht. Aber das ist nicht der Fall. Auf den Gängen tummeln sich ausschließlich Schüler, die zudem immer Pause zu haben scheinen – man sieht keine einzige Unterrichtsstunde (da es offensichtlich eben keine Lehrer gibt). In Klassenzimmer, Schwimmbad oder Sporthalle beschäftigen sich die Heranwachsenden stets allein und ohne Aufsicht. Nun mag man sich einreden, Daalder wolle sich eben voll und ganz auf Konflikte und Seelenleben seiner adoleszenten Hauptfiguren beschränken. Aber auch außerhalb des Schultrakts scheint die Welt wie leergefegt. Wenn sich die Jugendlichen im Park lümmeln, dann sind sie die einzigen Menschen dort. Elternteile existieren ebenso wenig wie die Polizei, die bei dieser extremen Anhäufung obskurer Todesfälle früher oder später zwangsläufig auf den Plan treten müsste. Das wirkt auf Dauer dermaßen absurd, dass es schon fast post-apokalyptisches Flair verbreitet: MASSAKER IN KLASSE 13 scheint in einer Welt zu spielen, in der alle Erwachsenen vom Erdball getilgt wurden. Wo bei MAD MAX & Co. nur die Rockerbanden das infernale Feuer überlebt haben, waren es hier eben die Pennäler.

Das ändert sich erst im Finale, das aber nicht weniger abstrus anmutet. Wie aus heiterem Himmel findet hier nämlich ein Schulball statt, der niemals zuvor angekündigt wurde, der aber dennoch plötzlich einfach da ist und von dem auch alle zu wissen scheinen. 'Student Alumni Prom' steht auf dem Plakat, tatsächlich aber erinnert die Veranstaltung an Tanztee im Altenheim. So erstaunt man ist, hier mit einem Male Figuren anzutreffen, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, desto erstaunter ist man, wenn einem klar wird, dass diese alle um die 80 sind. Ohnehin ist bis zum Schluss auch überhaupt nicht ersichtlich, wo man sich hier eigentlich die ganze Zeit befindet: Der Originaltitel behauptet eine Highschool, die deutsche Synchronisation spricht von einem College (was de facto nicht das Gleiche ist). Gebäudearchitektur (nebst angeschlossener Riesen-Bibliothek) und Alter der Protagonisten lassen hingegen eher auf eine Universität schließen (was einem College immerhin am ähnlichsten wäre). Der deutsche Titel sorgt für zusätzliche Verwirrung, denn eine Klasse 13 gibt es hier schlicht und ergreifend nicht (ebenso wenig wie eine Klasse 12 oder gar 14). Es ist Fakt: MASSAKER IN KLASSE 13 bleibt in vielerlei Hinsicht nebulös. Eindeutig allerdings ist, dass das Treiben trotzdem tüchtig Stimmung in die Bude bringt. Die Ereignisse sind durchgehend spannend, man erlaubt sich keine Hänger und David beim Rabauken-Pauken zuzusehen, ist eine kleine innere Freude. Das Klassenziel erreicht diese leicht obskur angehauchte Mixtur aus Früh-Slasher, Selbstjustiz-Posse und Jugend-Drama daher mit einer guten 3+. Setzen, weitermachen!

Laufzeit: 84 Min. / Freigabe: ab 18

Freitag, 4. September 2015

THE VISIT


THE VISIT
USA 2015

Regie:
M. Night Shyamalan

Darsteller:
Olivia DeJonge,
Ed Oxenbould,
Peter McRobbie,
Deanna Dunagan,
Kathryn Hahn,
Benjamin Kanes,
Erica Lynne Marszalek,
Jon Douglas Rainey



Der Besuch bei Oma und Opa kann für Kinder der Horror sein. Vom staubtrockenen Kuchengebäck bis zum obligatorischen „Du bist aber groß geworden!“-Wangenkniff sind der Schreckensskala nach oben hin kaum Grenzen gesetzt. Wie schlimm es aber tatsächlich werden kann, zeigt THE VISIT, ein kleiner, überaus gemeiner Schocker, in dem zwei jugendliche Geschwister erstmalig auf ihre Großeltern treffen und nach mehreren besorgniserregenden Begebenheiten schließlich anfangen müssen, um ihr Leben zu bangen.

Inhalt:

Die 15-jährige Becca [Olivia DeJonge] und ihr kleiner Bruder Tyler [Ed Oxenbould] fahren mit dem Zug aufs Land zur abgelegenen Farm ihrer Großeltern, um dort eine Woche Urlaub zu machen. Da ihre Mutter sich einst mit den etwas eigenbrötlerischen Sonderlingen zerstritt, begegnen sich die Generationen nun zum ersten Mal. Die beiden Alten entpuppen sich als ein zwar etwas tüdeliges, aber doch sehr freundliches Ehepaar. Lediglich die strengen Hausregeln überraschen die Kinder: Nach 21:30 Uhr darf das Zimmer nicht mehr verlassen werden. Als die Geschwister des Nachts unheimliche Geräusche vernehmen, werden sie jedoch neugierig und schleichen durchs Haus. Dabei werden sie Zeuge, wie ihre Oma sich sehr merkwürdig verhält. Es bleibt nicht bei dem einen Zwischenfall. Auch mit ihrem Opa scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Nach und nach dämmert es den beiden Besuchern, dass sie schutzlos in der Falle sitzen.

Kritik:

THE VISIT ist vor allem eines: Die Rückkehr des Regisseurs M. Night Shyamalan, der 1999 mit THE SIXTH SENSE nicht nur einen Kassenfüller, sondern auch einen Meilenstein des Grusel-Thrillers schuf, dessen überraschende finale Wende die Mehrzahl der zuschauerlichen Kinnladen nach unten klappen ließ. In den Folgejahren blieb er – trotz zunehmend nachlassendem Erfolg – Stil und Genre treu, bevor er sich mit DIE LEGENDE VON AANG und AFTER EARTH dem Fantasy- und Science-Fiction-Bereich zuwandte. Speziell letzterer war nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein künstlerisches Debakel, das durchaus die Macht gehabt hätte, den guten Ruf des einst gefeierten Wunderkindes endgültig zu ruinieren. Doch Shyamalan tat das einzig Richtige: Fern großer Studiogelder und zweifelhafter Einflüsse schrieb, produzierte und inszenierte er im Anschluss einen kleinen, unabhängigen Nervenkitzler mit deutlicher persönlicher Note und vollkommenem Verzicht auf Sensationen und Dicktuerei. Keine Stars, keine Effekte, kein Trachten nach Revolution – THE VISIT glänzt mit sympathischem Understatement und liefert eine unaufdringliche, klug durchdachte und gewitzt erzählte Schauergeschichte, deren unprätentiöses Gebaren sie gerade eben zu richtig großem Kino werden lässt.

Einer der Gründe, warum THE VISIT so fabelhaft funktioniert, ist der, dass Shyamalan das Publikum die Ereignisse aus arglosen Kinderaugen betrachten lässt – nämlich aus denen der 15-jährigen Becca und ihres jüngeren Bruders Tyler, die beschlossen haben, den Besuch bei ihren Großeltern auf Video zu bannen. Dadurch, dass THE VISIT allein aus ihren Aufzeichnungen besteht, identifiziert man sich mit den beiden quasi von Anfang an – was auch nicht schwerfällt, wurden sie doch dermaßen liebenswert gezeichnet, dass man sie auf Anhieb ins Herz schließt. Der Ankunft bei ihren Verwandten, die zwar ihrem Alter entsprechend manchmal etwas sonderbar, aber nichtsdestoweniger großmütig erscheinen, und den ersten, noch fröhlichen Stunden, folgen bald erst nur ein paar, dann immer mehr seltsame Verhaltensweisen der beiden Senioren, die zunächst zwar alle noch irgendwie erklärbar sind, in der Summe jedoch ein ungutes Gefühl hinterlassen. Es ist diese geschickt eingesetzte Salamitaktik, die so grandios an der Spannungsschraube dreht: Die Merkwürdigkeiten mehren sich Stück für Stück, die Vorkommnisse werden immer rätselhafter, die Situation wirkt immer bedrohlicher. Und doch wird so manch unfassbar scheinende Begebenheit im nächsten Augenblick auf schlüssige und ziemlich banale Weise aufgelöst. Ebenso, wie die beiden jungen Hauptfiguren, beginnt auch der Zuschauer, sich zu fragen, ob hier tatsächlich etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, oder ob man überreagiert und es letztendlich doch einen plausiblen Grund für all das gibt.

Diese Ungewissheit um die tatsächlichen Hintergründe, das häppchenweise Servieren von Erkenntnissen und das stetige Vor-die-Füße-Werfen von neuen Mysterien und unheimlichen Zwischenfällen erzeugen eine sagenhaft dichte Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann. Umso erstaunlicher ist es, dass THE VISIT gleichzeitig auch auf einer ganz anderen Ebene punkten kann: Mal abgesehen davon, dass die gesamte Story ohnehin bereits von rabenschwarzem Humor durchzogen ist, bietet das Schauerstück aller Gänsehaut zum Trotze dermaßen viel Typen- und Situationskomik, dass es am Ende mit mehr Lachern ins Ziel kommt, als so manche Komödie. Das liegt in erster Linie an den beiden Jugendlichen, die fantastisch miteinander harmonieren, sich auf reizende Art und Weise gegenseitig aufziehen und die schrägen Begebenheiten zum Teil wunderbar sarkastisch in den Sucher kommentieren. Und wenn der 13-jährige Tyler zwischendurch mal beschließt, dass es angebracht wäre, in die Kamera zu rappen, dann wirkt das nicht etwa peinlich oder unpassend, sondern verleiht dem Ganzen eine Extra-Portion Charme und Herzlichkeit. Es ist verblüffend, wie unkompliziert und selbstverständlich es hier gelingt, waschechte Horror-Elemente mit warmherzigen bis brüllend komischen Humor-Einlagen zu kombinieren, ohne, dass sich etwas davon in irgendeiner Weise im Wege stehen würde.

Trotz des Found-Footage-Konzepts, also der seit BLAIR WITCH PROJECT beliebten Idee, angeblich „gefundene“ Videoaufzeichnungen statt einer als solchen erkennbaren Inszenierung zu präsentieren, wirkt THE VISIT sehr filmisch – was daran liegt, dass Shyamalan auch auf der Metaebene mit dem Thema spielt: Protagonistin Becca strebt eine Karriere als Regisseurin an und versucht daher, die Dokumentation ihres Besuches möglichst professionell zu arrangieren – ein großartiger Einfall, um die Vorteile des Found Footage-Genres nutzen zu können (wie Nähe und Authentizität), ohne dabei auf Mehrwerte wie Bildgestaltung oder Kamerafahrten verzichten zu müssen. Und auch sonst werden die gebotenen Möglichkeiten bestmöglich ausgeschöpft. So bittet Becca im Laufe der Geschehnisse jeden der Beteiligten einmal für ein kurzes Interview vor die Kamera: ihre Mutter, ihren Bruder, ihre Oma und ihren Opa. Was relativ banal klingt, erweist sich als Geniestreich: In ihren Statements lassen sich die Personen in die Seelen blicken – und plötzlich fühlt man sich ihnen näher oder entfernter als jemals zuvor. Und als Becca schließlich selbst vor die Linse tritt, um sich den Fragen ihres Bruders zu stellen, wird das zu einem unerwartet bewegenden, fast magischen Moment, in dem man für kurze Zeit alles andere vollkommen vergisst.

Erneut erweist sich hier die Kleinheit THE VISITs als seine größte Stärke: Die nahezu unbekannten, aber hinreißend authentisch agierenden Darsteller (das Lob gilt besonders der jüngeren Generation) geben einem das Gefühl, gerade echten Persönlichkeiten beizuwohnen. Mit einem Bruce Willis, einem Mel Gibson, einem Mark Wahlberg wäre das schlichtweg nicht möglich gewesen. Statt großer Namen bietet THE VISIT bereits in den ersten fünf Minuten mehr Spannung, Witz und Raffinesse als manch hochbudgetierter Blockbuster. Eines der zumindest in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Markenzeichen Shyamalans, die überraschende Wendung am Schluss, gibt es freilich auch hier wieder. Sie ist nicht sensationell. Sie ist nicht noch niemals dagewesen. Sie wird die Welt nicht mehr in kollektives Erstaunen versetzen. Aber sie funktioniert. Und sie ist überaus effektiv. Nach AFTER EARTH ist THE VISIT wieder ein gehöriger Schritt zurück. Nach vorn. Zu den Wurzeln. Ein intelligentes Märchen mit Herz, Seele und Autorenkino-Flair. Sicherlich nicht der beste THE SIXTH SENSE-Nachfolger Shyamalans. Für seine Karriere aber gewiss mit Abstand der wichtigste. Ein kleines, feines Meisterstück, dessen Besuch sich mehr als lohnt.

Laufzeit: 94 Min. / Freigabe: ab 12