Eigene Forschungen

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Montag, 17. November 2025

P.O.W. - DIE VERGELTUNG


BEHIND ENEMY LINES
USA 1986

Regie:
Gideon Amir

Darsteller:
David Carradine,
Mako,
Charles Grant,
Steve James,
Phil Brock,
Daniel Demorest,
Tony Pierce,
Steve Freedman



„Ich kann mir nicht vorstellen, warum sie gerade ihn ausgesucht haben.“
„Erstens ist er der Beste. Und dann hat er ein Prinzip, mit dem er noch nie gebrochen hat.“
„Und welches ist das?“
„Jeder kommt wieder nach Hause.“

[Ein paar Filmminuten später sind dann übrigens alle Beteiligten mausetot. Aber gut … von lebend nach Hause war ja auch nie die Rede ...]


Inhalt:

1973: Das Ende des Vietnamkriegs steht kurz bevor; in wenigen Tagen sollen alle Truppen abgezogen werden. Das Problem: Nordvietnam leugnet die Existenz amerikanischer Kriegsgefangener. Sobald der Waffenstillstand in Kraft tritt, gelten alle bis dahin nicht zurückgekehrten Soldaten als verschollen. Die US-Regierung will das nicht hinnehmen und schickt den couragierten Colonel Cooper [David Carradine] in den Dschungel, um in einem aufmerksamkeitsstarken Husaranstück den geheimen Vietcong-Knast zu stürmen und die Vermissten zu befreien. Doch der Einsatz misslingt: Coopers Einheit wird vollständig ausgelöscht, er selbst gerät in die Gewalt des skrupellosen Aufsehers Vinh [Mako]. Dieser erhält den Befehl, den prominenten Gefangenen zu seiner Hinrichtung nach Hanoi zu bringen. Vinh willigt zum Schein ein, verfolgt jedoch eigene Pläne: Er beabsichtigt, sich heimlich in die USA abzusetzen – mitsamt aller Reichtümer, die er während des Krieges angehäuft hat. Es kommt zu einem ungewöhnlichen Deal: Cooper hilft Vinh bei der Flucht – unter der Bedingung, dass sämtliche Internierten mitkommen dürfen. Der Konvoi, der sich bald darauf in Bewegung setzt, dient daher nur scheinbar der Überführung des Colonels zur Schlachtbank. Tatsächlich soll es ein Trip in die Freiheit werden. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt …

Kritik:

Ja, die Mär von den geleugneten Kriegsgefangenen mal wieder! Tatsächlich hielten sich in den USA nach Ende des Vietnamkriegs hartnäckig Gerüchte, der Gegner halte noch etliche amerikanische Soldaten in geheimen Lagern fest. War ja auch deutlich einfacher als zu akzeptieren, dass diese sinnlose Stellvertreteraktion schlicht unfassbar viele Todesopfer gefordert hatte. Das nach zahlreichen Skandalen entfachte Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung trug ebenfalls nicht gerade dazu bei, die Vorstellung einer Vertuschung zu entkräften. Beweise wurden – oh Wunder! – jedoch nie erbracht. Dafür nährten unzählige reaktionäre Actionfilme fleißig die Verschwörungsfantasie und ließen bis an die Zähne bewaffnete Einzelkämpfer ins ehemalige Kriegsgebiet vordringen, um die verlorenen Jungs doch noch rauszuholen. P.O.W. - DIE VERGELTUNG reiht sich, trotz durchaus vorhandener Story-Variation, recht nahtlos in diese Reihe ein. P.O.V. steht dabei für Prisoner of War (also eben Kriegsgefangener) und Die Vergeltung steht für Die Vergeltung. Wobei der offizielle Originaltitel eigentlich BEHIND ENEMY LINES lautet, hin und wieder auch mal abgelöst von P.O.W. - THE ESCAPE. Aber ganz gleich, unter welchem Banner man sich das Werk letzten Endes zu Gemüte führt, klar ist: Hier muss mal wieder ein Heros her, um hinter feindlichen Linien vermeintlich gefallene Kameraden zurück in die Freiheit zu führen.

Verantwortlich dafür war einmal mehr das berühmt-berüchtigte Cannon-Studio, das mit seinen kostengünstig, aber effizient produzierten patriotischen Gassenhauern in den 1980er-Jahren einige Kassenerfolge einfahren konnte. Die Hauptrolle wäre daher eigentlich wie geschaffen gewesen für den Berufsbärtigen Chuck Norris, einer der großen Stars des Hauses, dem die Kompetenz zur gewaltsamen Kombattantenheimführung schon stets in den markanten Gesichtspullover gestrickt war. Aber vielleicht wollte man nach zwei MISSING IN ACTION-Missionen (die dritte stand bereits in den Startlöchern) auch mal ein anderes Frontschwein von der Leine lassen. So darf sich hier nun David Carradine seine Sporen verdienen, der immer noch vom Erfolg der TV-Serie KUNG FU zehrte und zudem wesentlich sympathischer rüberkommt als sein ehemaliger Leinwandpartner (Norris und Carradine trafen 1983 in MCQUADE – DER WOLF aufeinander). Die Siegestrophäe für das beste Mienenspiel bleibt zwar auch diesmal brav in der Schublade, aber als kerniger Colonel mit Hang zum Zweitkick ist Carradine durchaus zelluloidtauglich. Dass sein Charakter eine Reihe saudummer Entscheidungen trifft und dadurch – entgegen permanenter Dialogbehauptung – keinen allzu qualifizierten Eindruck hinterlässt, ist ja nicht seine Schuld, sondern die der Drehbuchschurken (Ob man’s nun glaubt oder nicht: Ganze fünf Schreiberlinge mussten ran, um dieses erzählerisch doch sehr spartanische Scharmützel zu Papier zu bringen).

Der inhaltliche Hauptunterschied zum Gros der Kinokollegen besteht bei P.O.W. darin, dass die Handlung noch während des Krieges spielt. Die meisten Leinwandhelden durften erst nach Ende desselben ins Feindesland vorrücken, um Verschleppte zu befreien und dem ehemaligen Gegner nachträglich noch ein paar Nasenstüber mit auf den Weg zu geben. Hier jedoch findet die Aktion bereits während der letzten Schlachttage statt, was sich als recht reizvolle Variante entpuppt. Mehr denn je herrscht eine chaotische Weltuntergangsstimmung, in der endgültig auf jedwedes Regelwerk gepfiffen wird und jeder nur noch versucht, seine Schäfchen irgendwie ins Trockene zu bringen. Das gilt durchaus für beide Seiten, wird Colonel Cooper doch – entgegen vorheriger Pläne, die eine verdeckte Operation vorsahen – damit beauftragt, mit seiner Einheit ganz und gar unverdeckt und mit viel Krawall ein geheimes Dschungellager hochzunehmen und dabei zwecks intendierter Weltpresse-Aufmerksamkeit möglichst viel Rummel zu veranstalten. Das führt direkt zum Auftakt zu einem der größten Lacher überhaupt, wenn David Carradine und seine Mannen besagtes Camp stürmen und minutenlang wie die Wilden in der Gegend herumballern – bis ihnen auffällt, dass sie ganz allein auf weiter Flur sind und daher die ganze Zeit auch niemand zurückschießt. Diese Sequenz ist wirklich sagenhaft bescheuert und sagt am Ende mehr über das Genre aus, als ihr vermutlich lieb ist: Stumpfes Rotzen aus allen Rohren geht deutlich vor Sinn und Verstand.

Die Absenz jedweder Gegenwehr entpuppt sich als Hinterhalt, dem allen außer Carradines Cooper zum Opfer fallen. Es folgen ein paar der genreüblichen Fiesitäten, wenn der schurkische Kommandant Vinh die Bühne betritt, verkörpert vom japanischstämmigen Makoto Iwamatsu [→ DIE GROSSE KEILEREI], alias „Mako“, der in den USA zeitweise immer dann zum Einsatz kam, wenn ein asiatisches Gesicht gefragt war. Vinh fügt den überlebenden Colonel den übrigen Kriegsgefangenen hinzu und macht mittels mehrerer Exekutionen direkt deutlich, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen ist. Etwas origineller wird es, als beide Parteien ein durchaus glaubhaftes Zweckbündnis eingehen: Kommandant Vinh weiß, dass das nahende Ende des Krieges ihm nicht nur seine Macht, sondern auch sein illegal beiseitegeschafftes Gold kosten wird. Ein Leben in Amnestie im Land des Feindes erscheint ihm daher als gangbare Alternative. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht er jedoch die Unterstützung Coopers – welcher seine Mitwirkung wiederum an die Bedingung knüpft, dass die Gefangenen sicher nach Hause gelangen. Das markiert den Auftakt einer zumindest im Ansatz abenteuerlichen Reise durch ein zerrüttetes Land, die einiges an Sprengkraft und Nervenkitzel birgt, wenn der Lagerkommandant gezwungen ist, seine eigenen Leute zu täuschen – denn der Vietcong kennt bei Verrätern keine Gnade.

Eine wirkliche Annäherung der beiden Antipoden findet dennoch niemals statt. Dazu setzt P.O.W. dann doch wieder zu sehr auf die altbekannte Gut-Böse-Schablone, die allzu ambivalente Anwandlungen gar nicht erst zulässt. Auch wird diese „Zusammen in einem Boot“-Idee nicht konsequent genug durchgezogen und das Skript verzettelt sich bald wieder in Story-Stereotypen. Ein nettes narratives Nebengleis wird immerhin befahren mit der Episode um den befreiten Soldaten Sparks, verkörpert von Charles Grant [→ DELTA FORCE]. Dieser erliegt nämlich ebenfalls der Gier nach Gold und Glitzer und setzt sich, mit geklauter hochkarätiger Altersvorsorge im Gepäck, vom Rest der Truppe ab, um auf eigene Faust außer Landes zu fliehen. Doch sein Glück, so wird ihm bald bewusst, wird er dabei nicht finden. Gerade noch rechtzeitig entdeckt er sowohl sein Gewissen als auch sein patriotisches Herz und kehrt zurück, um seine Kameraden im Kampf gegen die Unterdrücker zu unterstützen. Damit macht er immerhin mehr Charakterentwicklung durch als Colonel Cooper, der von Anfang bis Ende ein besserwisserischer Betonklotz bleibt und – beseelt von einem wirklich sagenhaften Selbstvertrauen – dauerhaft den Dicken markiert, was durchaus ein wenig vermessen erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass bereits zu Beginn die gesamte ihm unterstellte Kompanie aufgrund seiner zweifelhaften Entscheidungen ins Gras beißen musste. Trotzdem bleibt er sich und seinen Manierismen in unerschütterlicher Manier treu. Ohne Hadern, Zaudern oder gar Gewissensbisse zieht er sein Ding durch, bis er im Finale ins Sternenbanner gehüllt böse Kommunisten über den Haufen ballern darf.

Nein, P.O.W. ist gewiss nicht unumgänglich, bietet aber reichlich Rambazamba in schöner Kulisse, da die Philippinen mal wieder sehr überzeugend die Vegetation Vietnams doublen (wobei sich der Genre-Freund an diesen Look vermutlich schon so sehr gewöhnt hat, dass er ihm von Haus aus einfach „richtig“ vorkommt). Auch wirkt seine reaktionäre Botschaft insgesamt eher verschroben als verärgernd, wie zu Beispiel oft bei den Kollegen Norris & Co der Fall. An Klischees mangelt es freilich trotzdem nicht: Hahnenkämpfe, Hurenhäuser, Stromschnellen, Strohhütten, die explodieren, als bestünden sie aus Nitroglycerin … und natürlich die berühmte Dschungelfalle, jenes mit tödlichen Spitzen gespickte, urplötzlich aus dem Geäst schwingende Holzbrett, das garantiert immer irgendein Unglückseliger volle Kanne in die Goschen bekommt. Zu bedauern ist allerdings abermals die sträfliche Unterbeschäftigung des wie immer extrem coolen Steve James [→ DER EXTERMINATOR], der dem alles dominierenden Colonel Cooper zwar tatkräftig unter die Arme greifen darf, über den Status eines besseren Statisten aber dennoch nur geringfügig hinauskommt. Dabei hätte ihm die Hauptrolle vermutlich deutlich besser zu Gesicht gestanden.

Laufzeit: 89 Min. / Freigabe: ab 18

Samstag, 27. April 2024

AIR STRIKE


DA HONG ZHA
China 2018

Regie:
Xiao Feng

Darsteller:
Liu Ye,
Bruce Willis,
Song Seung-heon,
William Chan Wai-Ting,
Fan Wei,
Nicholas Tse,
Fan Bingbing,
Adrien Brody



Inhalt:

1937: Japan greift China an. Eine Flugzeug-Armada legt die Hauptstadt Nanjing in Schutt und Asche. Um weiteren Angriffen etwas entgegensetzen zu können, wird unter der Schirmherrschaft des amerikanischen Colonels Jack Johnson [Bruce Willis] eiligst eine Fliegerstaffel formiert. Dabei bereitet ihm vor allem der Heißsporn An Minxun [Song Seung-heon] Sorgen, da dieser persönliche Befindlichkeiten über den Dienst stellt. Gleichzeitig erhält der ehemalige Pilot Xue Gangtou [Liu Ye] den Auftrag, eine Dekodiermaschine per Lastwagen quer durch das Land nach Chongqing zu bringen. Auf seiner Reise begleiten ihn der junge Soldat Jim Xiang [Geng Le], der Wissenschaftler Zhao Chun [Wu Gang] sowie die Krankenschwester Dianna [Ma Su]. Der Trip wird zum Himmelfahrtskommando, denn die Japaner überwachen die Straßen aus der Luft und werfen Bomben auf alles, was sich bewegt.

Kritik:

Der meuchelwütige Japaner wird von der chinesischen Filmindustrie in zuverlässiger Regelmäßigkeit als altbewährtes Feindbild aus der Mottenkiste geholt. Einerseits ist das nicht vollends unverständlich, war die japanische Besatzung während des Zweiten Weltkrieges für Land und Leute fraglos eine schwere Bürde, gesäumt von Leid, Leichenbergen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Andererseits dürfte die Mehrzahl der Beiträge aufgrund ihrer plumpen Parteilichkeit und einseitigen Präsentation weniger Interesse an einer ernsthaften Vergangenheitsaufarbeitung haben als vielmehr daran, dem Publikum patriotische Gefühle zu entlocken. Das Schüren von Nationalstolz ist immerhin etwas, was die Landesführung sich in Großbuchstaben auf die Fahnen gestickt hat, da trommeln die Produktionsfirmen zwecks Renditensicherung auch gern mal mit. Der Originaltitel AIR STRIKEs schreit einem dann auch bereits bar jeder Subtitilität ins Gesicht, womit man es hier eigentlich zu tun hat: UNBREAKABLE SPIRIT! Nein, das ist nicht einfach nur ein simpler historischer Kriegsfilm. Das ist ein Hohelied auf den unbeugsamen Willen des chinesischen Volkes, ein Manifest des Mutes, der Standfestigkeit und prinzipiell der allgemeinen eigenen grandiosen Superkeit.

Gut, so war es zumindest geplant. Denn die verschwenderisch budgetierte Mammutproduktion, die eigentlich weltweit für Begeisterung und Beifallsbekundungen sorgen sollte, wurde zur genierlichen Lachnummer, an der kaum ein gutes Haar gelassen wurde. Wie konnte das passieren? An Ambitionen mangelte es jedenfalls nicht. Um UNBREAKABLE SPIRIT auch international interessant zu machen, sicherte man sich die Mitwirkung von Action-Ikone Bruce Willis [→ LAST BOY SCOUT]. Der hatte den Zenit seines Ruhmes zu dem Zeitpunkt zwar schon längst überschritten und spielte pro Jahr in gut einem Dutzend Billigheimern mit, aber sein Name auf der Besetzungsliste sorgte durchaus noch für Aufmerksamkeit. Als Sargnagel der Schöpfung erwies sich hingegen die Beteiligung einer ganz anderen Person: Fan Bing-Bing [→ BODYGUARDS AND ASSASSINS]. Im Westen nahezu unbekannt, war die Dame in China ein Star auf dem Gipfel seiner Popularität. Doch nach Drehschluss wurde enthüllt, dass Frau Fan mutmaßlich Steuern hinterzogen hatte, woraufhin die Regierung kurzerhand den heimischen Kino-Start untersagte. (Was das eine mit dem anderen zu tun hat... Weiß der Geier!) Daraufhin verschwand die Schauspielerin quasi spurlos von der Bildfläche und tauchte erst nach mehreren Monaten wieder auf. Angeblich soll sie in einem Urlaubsresort festgehalten worden sein, um den Behörden dabei zu „helfen“, den Steuer-Skandal „aufzuklären“. Zudem gab sie zu Prokoll, dass die Kommunistische Partei so richtig knorke sei. Schau an, schau an...

Nachdem das einstige Prestige-Projekt in dessen Heimat im Prinzip wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wurde, ging das Werk in die USA, wo es im Schnitt ein wenig umstaltet (sprich: gestrafft) wurde, um als THE BOMBING vergeblich um die Gunst des Publikums zu buhlen, bevor diese Fassung, abermals unter neuem Titel, AIR STRIKE nämlich, dann auch über Deutschland herfallen durfte. Es ist vermutlich ein wenig ungerecht, das Produkt lediglich anhand dessen zu beurteilen, was schließlich beim Rezipienten ankam. Ursprünglich hatte das Ding nämlich wohl tatsächlich mal epochale Ausmaße; eine Lauflänge von mehreren Stunden wurde kolportiert. Am Ende blieben in der asiatischen Originalfassung immerhin noch 2 Stunden übrig, die nach der amerikanischen Sonderbehandlung dann allerdings nur noch relativ mickrige 97 Minuten betrugen. Das Resultat ist nicht viel mehr als eine Fragment-Show, in der mehrere halbherzig ausformulierte Handlungsstränge parallel laufen, die sich weder gegenseitig tangieren, noch einzeln mitreißen können und teilweise sogar sinnlos im Sande versickern. Dabei existieren zwar ein paar zentrale Charaktere, aber am laufenden Meter tauchen weitere vermeintlich wichtige Figuren auf, um sich nach einem stattlichen Stelldichein wieder in Luft aufzulösen und nie mehr gesehen zu werden. Ein wenig wirkt das wie der komprimierte Zusammenschnitt einer Fernseh-Serie, der angrund der originalen Materialfülle in Sachen Rhythmus und Dramaturgie auf keinen grünen Zweig kommt.

Doch den Schnittmeistern die alleinige Schuld an der Misere zuzuschatzen, wird der Sache nicht gerecht. Denn die einzelnen Episoden passen auch tonal nicht die Bohne zueinander und wirken, wie von verschiedenen Regisseuren mit verschiedenen Vorstellungen inszeniert. Am besten funktioniert dabei noch die Erzählung des gefahrvollen Quer-durchs-Land-Transports mit Liu Ye [→ POLICE STORY 2014] als ehemaligem, nun hinterm Lastwagensteuer sitzendem Piloten, die in ihrer schlichten, wenngleich effektiven Dramaturgie an pulpige Abenteuer-Romane und -Comics erinnert, abgeschmeckt mit ein bisschen klassischer Spionage-Soße. Die Geschichte um Bruce Willis und seine jungen Flugschüler huldigt indes bereits mehrfach erprobten TOP GUN-Tugenden inklusive deren peinlicher Pathos-Anwandlungen und ist formal und inhaltlich insgesamt am wenigsten ernstzunehmen. Wenn es schließlich zur Luftschlacht kommt und Willis wie ein fliegender John Wayne jauchzend und zigarreschmauchend am Steuer seiner Propellermaschine sitzt, wirkt das wie eine überspitzte Persiflage historischer Militär-Werbe-Propaganda. Eine weitere, in Sachen Sinn und Zweck maximal mysteriöse Storyline erörtert, wie ein Haufen kauziger alter Leute sich im Teehaus zum Mahjongg-Spiel trifft, sich zankt, sich verträgt und sich schlussendlich mit einer verirrten Bombe ein sagenhaft skurriles Slapstick-Duell liefert, das mit Charlie Chaplin für Arme wohl am besten beschrieben wäre.

Und als würde es nicht schon reichen, dass diese voneinander unabhängigen Ereignisse völlig unterschiedliche atmosphärische Sprachen sprechen, kommt es zusätzlich zwischendurch immer mal wieder zu Szenen grausiger Gewalttaten, die mit dem dann doch eher trivialen Rest abermals kaum in Einklang zu bringen sind. Wenn einem als Bunker dienendem Bergwerk per Bombenbeschuss die Luftzufuhr abgeschnitten wird, was im Inneren erst zu Panik, dann zum Massensterben führt, hat das mit der ansonsten vorherrschenden, an Groschenromane gemahnende Stimmung so rein gar nichts am Hut. So fügt sich hier schlichtweg nichts zusammen, wenn grausige Geschehnisse von Momenten munterer Possenreißerei abgelöst werden, während der artifizielle Look der Flug-Action an die Optik einschlägiger Computerspiele erinnert – oder an als Stilmittel bewusst erzeugte Künstlichkeit in comicartigen Extravaganzen wie SKY CAPTAIN AND THE WORLD OF TOMORROW. Das besitzt zwar schon eine gewisse schicke Ästhetik, ist aber nichts, was sich mit einer authentischen Abhandlung über die Schrecken des Krieges in Einklang bringen ließe.

Die bittere Pointe des Ganzen ist, dass Fan Bing-Bing, der Stein des Anstoßes, die Wurzel allen Übels, zumindest in dieser Version tatsächlich nur noch ein paar wenige Takte an Text hat und zwar von einer Kürze, dass man sie bei einem spontanen Anfall von Sekundenschlaf direkt verpasst. Sprich: Bei ernsthaftem Interesse hätte man besagtes Bing-Bing-Problem ganz einfach per Schere aus der Welt schaffen können, ist sie am Ende doch auch nur einer der vielen Stars, die hier hurtig durchs Bild huschen, ohne inhaltlich auf irgendetwas Einfluss zu haben, oder abseits einst überschwänglicher Vorankündigungen final gar nicht mehr auftauchen. Davon betroffen ist im Übrigen auch Rumer Willis [→ ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD], die Tochter vom Bruce, die flink ihr Näschen ins Szenario steckt und dann sang- und klanglos wieder abtaucht, wofür sie in der US-Version - obgleich kein großer Name - prominent im Vorspann platziert wurde, als hätte ihr Auftritt irgendeine Relevanz oder gar Werbequalität. Es ist symptomatisch für das Werk, in dem alles chaotisch ist, sich nichts im Gleichklang befindet. Das fängt schon bei den drei verschiedenen englischen Titeln an, die offenbar gleichberechtigt nebeneinander stehen, sodass man sich am Ende nicht einmal sicher sein kann, ob man es jetzt gerade mit einem UNBREAKABLE SPIRIT, einem THE BOMBING oder einem AIR STRIKE zu tun hatte.

Eine gewisse Schadenfreude darüber, dass die als Referenz geplante Patriotismus-Parade so pompös baden ging und von der Kritik ungewohnt einhellig in der Luft (höhö!) zerrissen wurde, lässt sich freilich nicht leugnen. Derartig nationalistisch geprägte Propagandaschleudern haben ja prinzipiell immer etwas grundlegend Unsympathisches und zu viel Pathos kann schnell lachhaft wirken. Wer aber nun meinte, der Misserfolg leite diesbezüglich den Anfang vom Ende ein, war entschieden auf dem Holzweg. Denn mit 800 [2020], SACRIFICE [2020] sowie BATTLE OF LAKE CHANGJIN [2021] standen schon die nächsten Schlacht-Epen Spalier, um alte Feindbilder neu zu erwecken und die Überlegenheit des eigenen Volkes zu demonstrieren. Und diese Male klingelte auch die Kasse. AIR STRIKE bleibt somit nicht mehr als eine kuriose Fußnote, die ohne die Mitwirkung von Bruce Willis schon längst vergessen wäre.

Laufzeit: 97 Min. / FSK: ab 16

Samstag, 25. November 2023

DIE SÖHNE DES GENERALS YANG


ZUNG LIT JOENG GAA ZOENG
Hongkong 2013

Regie:
Ronny Yu

Darsteller:
Adam Cheng,
Xu Fan,
Ekin Cheng,
Raymond Lam,
Wu Chun,
Jerry Li Chen,
Vic Chou,
Yu Bo



Inhalt:

China im Jahre 986: Die Khitan, angeführt von Ye Luyuan [Shao Bing], fallen in das Song-Reich ein. General Yang Ye [Adam Cheng] wird samt seiner Armee zur Verteidigung einberufen. Problem: Er muss unter der Ägide seines persönlichen Rivalen General Pan Renmei [Leung Kar-yan] agieren. Auf dem Schlachtfeld lässt dieser ihn auch prompt ins Messer laufen und liefert ihm den Feind aus. Aber Yang hat sieben Söhne, Yanping [Ekin Cheng], Yanding [Yu Bo], Yan'an [Vic Chou], Yanhui [Li Chen], Yande [Raymond Lam], Yanzhao [Wu Chun] und Yansi [Fu Xinbo], die es sich zur Aufgabe machen, ihren Vater wieder aus der Gefangenschaft zu befreien. Der Weg hinter die feindlichen Linien wird zur verlustreichen Zerreißprobe.

Kritik:

Dass der deutsche Titel ZUNG LIT JOENG GAA ZOENGs an die von Kung-Fu-Klassiker wie DIE 13 SÖHNE DES GELBEN DRACHEN (1970) erinnert, kommt nicht von ungefähr: DIE SÖHNE DES GENERALS YANG wirkt wie eine um ein paar Jahrzehnte verspätete Shaw Brothers-Produktion und spielt ebenso wie die legendären Historien-Epen des einst wegweisenden Studios auf der klassischen Klaviatur aus Ehre, Treue und Pflichtbewusstsein. Dabei basiert die Geschichte auf einer im Ursprungsland hinlänglich bekannten Sage, die der Yang-Familie nämlich, die dort in regelmäßigen Abständen immer mal wieder zum Gegenstand kultureller Erzeugnisse wird. Der dortigen Bekanntheit ist es vermutlich auch geschuldet, dass das Autoren-Trio allzu weitschweifige Expositionen aussparte und das Publikum mehr oder minder unvermittelt ins Geschehen wirft. Bereits der Auftakt hat’s in sich: Verbalisierung von Familienfehden, eine verbotene Liebelei, rachsuchtintendierter Schlagabtausch mit Todesfolge, intrigantes Herumgezicke, Invasion feindlicher Mächte … Und dann sind gerade mal die ersten 5 Minuten um. Da kommt man sich dann schon ein wenig überrumpelt vor, wenn nachfolgend im Eiltempo Verteidigungspläne geschmiedet und Allianzen geschlossen werden, da die Relationen noch längst nicht klar sind.

Als weitere Parallele zu älterer Shaw Brothers-Tradition erweist sich dabei die noch zusätzlich verwirrende Personalfülle, denn sieben Söhne inklusive Rest der Familie, deren Rivalen, Sympathisanten und Liebschaften müssen ja irgendwie untergebracht werden. Die obligatorischen kurzen Einblendungen zur Etablierung von Namen und gegebenenfalls Rang helfen da wenig. Und dass die Söhne zudem Nummern tragen und sich meist auch nur entsprechend anreden, trägt auch nicht gerade zur Identifikationserleichterung bei. So etwas funktioniert ausschließlich bei DIE DREI ??? („Ausgezeichnet, Zweiter!“ - „Danke, Erster!“). Diese Mankos schwinden freilich im Laufe der Zeit. So erweist sich die Story im Nachhinein als doch eher simpel und der Einstieg als unnötig überladen und verklausuliert; viele einleitende Konstituierungen wie Liebesnöte, Machtpoker und Rachemotivationen werden hinfällig. Und auch die Söhne gewinnen nach und nach an Profil, spätestens, wenn sich ein jeder als Unikum in einer bestimmten Sache erweist, sei es Schwertführung, Geschick mit Pfeil und Bogen oder gar Heilkunde.

Das Auffinden des Familienoberhauptes passiert dann auch verblüffend hurtig, die eigentlichen Konflikte beginnen erst im Anschluss. Denn der Feind will die frisch Wiedervereinten auf keinen Fall ziehen lassen und startet ein potenziell tödliches Intermezzo aus Angriff und Heimtücke, was bisweilen an ein Belagerungsszenario der Marke RIO BRAVO oder ASSAULT erinnert. Jede Menge Gelegenheit also, die Klingen zu kreuzen und Sehnen zu spannen, was dann auch ausgiebig zelebriert wird. Da weicht die Komplexität des Beginns dann endgültig dem archaischen, aufs Notwendigste reduzierten Urkampf, der mehr und mehr zur privaten Vendetta wird. Dass die Brüder es tatsächlich schaffen, sich allein gegen eine ganze Armee zu behaupten, gehört natürlich ins Reich der Fabeln, kann hier aber spielend als Teil der Fiktion akzeptiert werden. Als zusätzliches Spannungselement fungiert die Vergiftung des zu rettenden Vaters, der zudem anfängt, mittels Fieberträumen in Bibelfilmoptik sein Leben zu hinterfragen. Hier ist also Not am Mann und Eile geboten, bevor die Zielperson doch noch das Zeitliche segnet und die ganze Aktion final vergebens war.

Über allem schwebt dabei stets das Konzept von „Ehre“ und „Familie“, was für beide Seiten gilt. Denn auch der Kontrahent scheint irgendwann gar nicht mehr die Annektierung eines Landes im Sinn zu haben, sondern sich auf einer persönlichen Vergeltungsmission zu befinden, macht er doch den Yang-Clan für den Verlust seiner eigenen Sippschaft verantwortlich. Das scheint etwas weit hergeholt und dezent übertrieben, sorgt aber natürlich für das nötige Konfliktpotential. Shao Bing [→ THE LOST BLADESMAN] agiert als Schurke dabei leicht am Rande der Lachhaftigkeit, wie ein Schulhof-Rambo, der einen auf dicke Hose macht und in seinem Auftreten für die behauptete Zeitepoche ein wenig zu modern rüberkommt. Fast noch mehr gilt das für sein Heer, das aus einer Schar von Paradiesvögeln und Türstehern mit modischen Uppercut-Frisuren besteht. Wenn sich dann noch ein tuntiger Beobachter in kaiserlichem Auftrage zur Truppe gesellt, ergibt das in der Summe doch einen ziemlich schrillen Haufen, der nicht unbedingt zu 100 Prozent ernstzunehmen ist.

Die zum Teil ausufernden Schlachtszenen bieten nur wenig, was man nicht bereits an anderer Stelle in ähnlicher Form gesehen hätte. Der obligatorische Pfeilteppich fehlt dabei ebenso wenig wie die altbekannte Feuerwalze. Trotzdem geriet das Getümmel durchaus imposant, wenn es auch allzu offensichtlich per Computertechnik aufgebrezelt wurde. Als optischer Maßstab scheint dabei Zack Znyders Comic-Verfilmung 300 (2006) gegolten zu haben, manche Momente scheinen doch arg inspiriert. Das ist zwar kompetent gemacht, lässt jedoch eine gewisse Eigenständigkeit vermissen. Höhepunkt ist darum die Sequenz, die nicht wie ein Abziehbild bekannter Vorbilder wirkt, nämlich ein gegen Ende stattfindendes Pfeil-und-Bogen-Duell in einem sonnenstrahlgetränkten Kornfeld. Wenn die Geschosse gefährlich durch die Reihen zischen und auf ihrem Weg zum Ziel auch ein paar Ähren in Stücke sprengen, dann ist das ebenso imposant wie spannungsfördernd.

Dass DIE SÖHNE DES GENERALS YANG trotz fehlender Innovationen so angenehm rund läuft, liegt in erster Linie daran, dass an den Hebeln echte Profis saßen, deren Arbeit man nur als routiniert bezeichnen kann. Regisseur Ronny Yu [→ FEARLESS] ist ein alter Hase auf dem Gebiet großbudgetierter Unterhaltungsware und die Choreographien stammen vom renommierten Tung Wei [→ BODYGUARDS AND ASSASSINS]. Mit knapp 100 Minuten Spielzeit ist die Erzählung auch angenehm kompakt verpackt. Man denke zum Vergleich nur an John Woos überbordendes Schlachtgemälde RED CLIFF (2008), das es in seiner Gesamtheit auf satte 280 Minuten bringt und sich somit nicht mal eben schnell weggucken lässt. Auf der Besetzungsliste sticht vor allem Ekin Cheng [→ RETURN TO A BETTER TOMORROW] als ältester Bruder hervor, aufgrund seiner Mitwirkung in zahlreichen Fantasy-Streifen und Action-Krimis wohl das im Westen bekannteste Gesicht. Zum Schluss sei noch der eindrückliche Soundtrack Kenji Kawais [→ BATTLE OF KINGDOMS] positiv hervorgehoben, der die brachialen Bilder passend untermalt und dabei so steil geht, dass man sich am liebsten gleich selbst mit aufs Ross schwingen möchte.

„Die Geschichte der Familie Yang lebt als Legende weiter bis zum heutigen Tag“, heißt es am Ende (in der deutschen Fassung eingesprochen vom großartigen Frank Schaff). „Sie steht für Werte wie Geradlinigkeit, Achtung, Güte und Rechtschaffenheit.“ Nachhaltig in Erinnerung bleiben wird diese Adaption der Sage dennoch nicht. Aber als kleines Epos für den Hunger zwischendurch taugt sie allemal.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 18. September 2013

WAR OF THE ARROWS


CHOIJONGBYEONGGI – HWAL
KOR 2011

Regie:
Kim Han-Min

Darsteller:
Park Hae-Il,
Ryoo Seung-Yong,
Kim Moo-Yeol,
Moon Chae-Won,
Lee Han-Wi,
Kim Goo-Taek,
Park Ki-Woong,
Lee Kyeong-Yeong




„Mein Bogen hat nicht die Aufgabe, zu töten.“


Inhalt:

Korea, 1623: König Injo hat durch einen Staatsstreich die Macht im Lande an sich gerissen. Der begabte Bogenschütze Choi Pyeong-Ryung kritisiert öffentlich den neuen Regenten und gilt seitdem als Landesverräter. Rücksichtslos wird der einst treue Staatsdiener von den Schergen des Königs gehetzt. Während sein jugendlicher Sohn Nam-Yi und dessen jüngere Schwester Ja-In entkommen können, wird Pyeong-Ryung vor ihren Augen getötet. Die beiden Überlebenden flüchten zu einem Freund ihres Vaters, der sich ihrer annimmt. 13 Jahre später: Ausgerechnet am Tag von Ja-Ins Hochzeit wird das Land von den Mandschuren überfallen. Die Eindringlinge verwüsten das friedliche Dorf und nehmen die Überlebenden, darunter auch Ja-In, als Geiseln. Lediglich Nam-Yi, mittlerweile wie einst sein Vater ein Meister im Bogenschießen, haben die Invasoren übersehen. Während für die Gefangenen ein verlustreicher Gewaltmarsch in Richtung der Mandschurei beginnt, erinnert sich Nam-Yi an die letzten Worte seines Vaters, er solle seine Schwester vor allen Gefahren beschützen. Ausgestattet mit Pfeil und Bogen folgt er den Entführern und beginnt einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen eine übermächtige Armee.

Kritik:

Mit Beginn des neuen Jahrtausends erlebte der asiatische Historienfilm einen gewaltigen Aufschwung und brachte die Leinwände in regelmäßigen Abständen durch epochales Kampfgetümmel zum Erzittern. Als eine der Initialzündungen darf dabei der südkoreanische Kassenschlager MUSA gelten, dem im Jahre 2001 auch international einige Aufmerksamkeit zuteilwurde. Was folgte, war eine Welle ähnlich gearteter Kriegsepen, die mit aufwändiger Ausstattung und großzügigem Statistenaufgebot um die Gunst des Publikums buhlten. Vor allem China mauserte sich dabei zum ernsthaften Konkurrenten und ließ seine Nationalhelden eine kolossale Schlacht nach der nächsten schlagen. Die Kämpfer Koreas gerieten dabei fast in wenig ins Hintertreppchen, bis mit WAR OF THE ARROWS, 10 Jahre nach MUSA, abermals ein Überraschungserfolg beträchtliche Menschenmassen in die Lichtspielhäuser ziehen konnte.

Dabei verzichtet Kim Han-Mins pralles Actionabenteuer trotz des geschichtlichen Hintergrundes der Zweiten Mandschuren-Invasion sogar überwiegend auf die mittlerweile zum Standard gewordenen Genre-Zutaten und bietet stattdessen eine sehr geerdete Variante kriegerischer Auseinandersetzungen, die sich nicht auf tosende Massenschlachten und dröhnenden Gefechtslärm konzentriert, sondern die Schicksale einer überschaubaren Anzahl von Einzelpersonen in den Mittelpunkt rückt. Anstatt dass hier zwecks gegenseitiger Massakrierung gewaltige Heere von Statisten aufeinander zustürmen, entwickelt sich aus der feindlichen Belagerung schon bald die private Fehde zweier Männer, die sich in einer emotionalen Mischung aus Rachegelüst und Selbstbehauptungsdrang eine erbarmungslose Hetzjagd liefern, bei welcher mal die eine, mal die andere Partei die Oberhand gewinnt.

Diese Entwicklung vom Allgemeinen ins Spezielle ist es dann auch, woraus WAR OF THE ARROWS seinen hauptsächlichen Reiz bezieht: Nach eher gemächlichem Beginn inklusive obligatorischer Charaktervorstellung, kommt es mit der Invasion der Mandschuren und der Entführung einiger wichtiger Hauptfiguren zu einem ersten dramatischen Höhepunkt. Es folgen diverse Sadismen der Entführer gegenüber ihren Gefangenen, denen mehrere Menschen zum Opfer fallen. Als die selbstbewusste Ja-In von einem der Anführer zum Objekt der Begierde auserkoren wird, wird sie überraschenderweise nicht etwa zum hilflosen Opfer, sondern verdient sich aufgrund ihrer starken Persönlichkeit schnell den Respekt ihres Peinigers, welcher sie daher zunächst verschont, um ihre Willensstärke auszutesten. Obwohl es bis zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise wenig Action zu bewundern gab, sorgen spannungsgeladene Interaktionen wie diese bereits für genügend Nervenkitzel, um auch ungeduldige Erlebnisjünger in Schach zu halten.

Nachdem Hauptcharakter Nam-Yi in einer halsbrecherischen Kamikaze-Aktion das Lager gestürmt und quasi im Alleingang ein verlustreiches Befreiungsinferno vom Zaun gebrochen hat, scheint die Action hingegen gar nicht mehr pausieren zu wollen und wird ständiger Begleiter einer martialischen Verfolgungsjagd, die in ihren besten Momenten Assoziationen zu Mel Gibsons beinharter Menschenhatz APOCALYPTO zulässt. Da sich sowohl die Reihen der Verfolger als auch die der Verfolgten immer weiter lichten, die Fronten sich dadurch immer weiter verhärten, wird die Sache schließlich nach und nach zu einer persönlichen Angelegenheit, die höchstens einen Überlebenden hervorbringen kann. Und je länger die Jagd dauert, je verbitterter beide Parteien gegeneinander kämpfen, desto mehr verdichtet sich die Spannung, bis sie sich schließlich in einem fiebrigen Finale entladen darf.

So bietet WAR OF THE ARROWS, nach einigem erklärenden Vorgeplänkel und psychologischen Machtspielchen, schließlich geradezu mustergültig stringentes Abenteuerkino, das seine Suspense-Schraube mit fortschreitender Laufzeit immer weiter anzuziehen vermag. Die zuvor thematisierte Gemütslage der Hauptfigur, die nicht nur an dem Verlust ihres Vaters leidet, sondern auch mit Identitätsproblemen aufgrund dessen Brandmarkung als Verräter zu kämpfen hat, spielt dabei im Übrigen plötzlich gar keine Rolle mehr, so dass der Versuch, dem Charakter Tiefe zu verleihen, zwar gut gemeint war, letztendlich jedoch zwischen Bogenkampf und Fersengeld sinnlos verpufft.

Ungewöhnlich für einen historischen Kriegsfilm diesen Kalibers geriet die durchaus differenzierte Darstellung des Feindbildes. Selbstverständlich erscheinen die Mandschuren eindeutig als Aggressoren und fallen durch diverse Grausamkeiten auf, doch verzichtete man dennoch darauf, sie bis zur Unmenschlichkeit zu dämonisieren. So sind sich Jäger und Gejagte in manchen Momenten sogar verblüffend ähnlich: Als einer der feindlichen Soldaten verzweifelt nach seinem schwer verwundeten und sich hilflos auf dem Waldboden windenden Bruder schreit und schließlich seine Deckung aufgibt, um ihn in Sicherheit zu bringen, erinnert das frappierend an eine ähnliche, frühere Szene, in welcher ein koreanischer Gefangener sein Leben riskiert, um seine Tochter retten zu können.

Während Ausstattung und Kostüme ebenfalls einen positiven Eindruck hinterlassen und weitestgehend authentisch wirken, steht WAR OF THE ARROWS mit der Glaubwürdigkeit des eigentlichen Geschehens arg auf Kriegsfuß: Brav den Regeln des typischen Eventkinos gehorchend, geschieht die Rettung des Helden immer wieder in allerletzter Sekunde durch äußeren Einfluss, bloßen Zufall oder glückliche Fügung – ein nicht gerade hochoriginelles Konzept, das man dann auch relativ schnell durchschaut hat. Die enorme Rasanz der Vorkommnisse, die kaum Zeit zum Luftholen lässt, macht dieses Manko jedoch ohne besondere Mühen wieder wett. Allein diesem Aspekt schien Regisseur Kim Han-Min allerdings nicht so recht zu trauen, weswegen er sich dazu entschied, sein Werk mit ein paar inszenatorischen Mätzchen aufzupeppen: Eine zappelige Kamera soll Authentizität vortäuschen, ein hektischer Schnitt für Tempo sorgen, und extreme Naheinstellungen in den Action-Szenen sollen die Einbindung des Publikums gewährleisten. Da die Ereignisse jedoch bereits von Haus aus sehr aufrüttelnd gerieten, wirken diese Sperenzchen nicht nur unnötig, sondern führen im schlimmsten Falle sogar zur Orientierungslosigkeit. Bereits die Eröffnungssequenz, der Kampf Choi Pyeong-Ryungs mit der Garde des Königs, die Flucht seiner beiden Kinder und der Angriff einer wilden Hundemeute, geriet auf diese Weise zur restlosen Reizüberflutung und übertreibt es maßlos mit Bewegung und Betriebsamkeit. Ein wenig mehr Ruhe bei der Inszenierung und etwas mehr Vertrauen auf die Handlung als solche wäre wünschenswert gewesen.

Dazu gesellen sich leichte Drehbuchschwächen. So wird z. B. niemals wirklich erklärt, woher Nam-Yi seine phänomenalen Schießkünste eigentlich hat. In gewisser Weise erinnert er so an einen klassischen Western-Helden, dessen Kugeln quasi von selbst zielgenau ins Schwarze treffen. Auch, dass es einer Handvoll Leuten immer wieder gelingt, eine ganze Armee zu besiegen, kratzt gehörig an der Plausibilität. Aber das muss natürlich grundsätzlich nichts Schlechtes sein. Tatsächlich geriet WAR OF THE ARROWS auf diese Weise zu einem durchaus reizvollen Hybriden aus um Authentizität bemühter historischer Darstellung und simplifiziertem Actionspektakel. Zwar ist Nam-Yi kein cooler, sprücheklopfender Superheld, sondern trotz überragender Trefferquote und Nehmerqualität ein verletzlicher und verzweifelter Mann, doch wenn er fast im Alleingang gegen einen zahlenmäßig weit überlegenen Gegner zu Felde zieht und, lediglich mit Pfeil und Bogen bewaffnet, aus der Deckung des Waldes heraus nach und nach seine Feinde dezimiert, sind Assoziationen zu einer frühgeschichtlichen RAMBO-Variante so abwegig gar nicht mal.

Mag WAR OF THE ARROWS auch inhaltliche wie gestalterische Defizite haben, ist der Erfolg seinen Machern durchaus zu gönnen: Ohne nennenswerte Umwege erlebt man hier einen, trotz zweistündiger Laufzeit aufs Nötigste reduzierten Überlebenskampf vor ansprechendem historischen Hintergrund, der es glänzend versteht, seine zunächst ausladende Präsentation zu einem fast schon intimen Rachefeldzug zu verdichten, bei dem neben jeder Menge Soldaten auch die Langeweile auf der Strecke bleibt. Interessenten sollten hier weder Pfeil noch Bogen drum machen.


Laufzeit: 118 Min. / Freigabe: ab 16