Eigene Forschungen

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Mittwoch, 16. Januar 2013

DIERK GEWESEN UND DIE GLORREICHEN SECHS


DIERK GEWESEN UND DIE GLORREICHEN SECHS
BRD 2012

Autor:
Christian Gailus

Verlag:
Heyne

ISBN:
978-3-45343664-0






Inhalt:

Leute! Wenn ihr meint, ihr wart schon überall, habt alles gesehen und nichts kann Euch mehr vom Hocker hauen – dann liegt das vielleicht daran, dass ihr immer zur falschen Zeit am falschen Ort seid! Und daran, dass ihr mich nicht kennt. Mein Name ist Gewesen, Dierk Gewesen. Ich bin Kommissar bei der Polizei Hamburg, Abteilung zur holistischen Durchleuchtung extrem seltsamer Delikte. Wir beschäftigen uns nicht mit Pillepalle wie Hehlerei, Raub und Mord. Wir kümmern uns um die echt kniffligen Sachen, zum Beispiel bei unserem neuesten Fall: Da versucht ein größenwahnsinniger Superverbrecher ein Loch durch die Erde zu buddeln! Mitten in Hamburg. Und warum? Weil er glaubt, dass die Erde in ihrem Inneren hohl ist und wir Menschen auf der Innenseite leben.

Eigentlich wollte Kommissar Dierk Gewesen nur eine Katastrophe verhindern. Doch als einer seiner Mitarbeiter zu früh auf den entscheidenden Knopf drückt und damit das Wurmloch, mittels dessen die Kollision eines außer Kontrolle geratenen Containerschiffs mit der Hamburger Hafencity abgewendet werden sollte, zu früh wieder kollabieren lässt, regnet es Schiffe und Container auf Hanseatic Trade Center, Elbphilharmonie und Hamburg Dungeon. Mission gelungen, Hafencity Schutt und Asche. Und dieser kleine Zwischenfall kostet Gewesen seine Dienstmarke. Der tougheste Cop der Hansestadt wird suspendiert. Damit ist er eigentlich auch den Fall um die „Glorreichen Sechs“ los. Sechs brillante Wissenschaftler, die in den letzten Monaten unter mysteriösen Umständen verschwunden sind. Zu ihnen gehört auch Professor Siebenstein, Chef von Gewesens Ex-Frau Rebecca. Gerne würde Gewesen die freie Zeit nutzen, um sich mal wieder in Ruhe ein paar Filme reinzuziehen, aber als Rebecca von dem Schwerverbrecher Kurt Kolbenfresser gekidnappt wird, nimmt der Bulle mit der .45er Magnum die Angelegenheit persönlich und gemeinsam mit seinem mental begabten Kollegen Nick Kolbenfressers Spur auf. Alles deutet darauf hin, dass Rebeccas Entführung irgendetwas mit dem Verschwinden der Glorreichen Sechs zu tun hat. Und deren Verschwinden wiederum scheint mit irgendeiner großen Sache zusammenzuhängen, die im Tor zur Welt am Kochen ist.

Gleichzeitig muss ein Team von ESA-Mitarbeitern in Wanne-Eickel hilflos zusehen, wie jemand die Kontrolle über den eigentlich von ihnen gesteuerten Ikarus-Satelliten an sich reißt und diesen über Hamburg in Stellung bringt. In den falschen Händen könnte der künstliche Himmelskörper zu einer existenzbedrohenden Waffe werden. Doch die Existenz der Millionenstadt ist bereits bedroht: Eine seltsame Substanz in der Alster lässt Flora und Fauna durchdrehen. Hamburg wird zur von wilden Tieren und Pflanzen beherrschten Geisterstadt, während Dierk Gewesen und Nick unter der Grindelallee eine furchtbare Entdeckung machen: Ein Superverbrecher hat dort ein riesiges, kilometertiefes Loch ausgehoben und plant den Durchbruch durch den Erdmantel. Den Ermittlern läuft die Zeit davon …

Kritik:

Wenn Douglas Adams Kriminalromane statt Science-Fiction geschrieben hätte, wäre wohl sowas Ähnliches wie DIERK GEWESEN UND DIE GLORREICHEN SECHS dabei herausgekommen. Christian Gailus' Roman ist eine Tour-de-Force des absurden Humors, vollgestopft mit bewusst bis zur Lächerlichkeit überzeichneten Figuren, einer hanebüchenen Geschichte und jeder Menge absurdem Blödsinn. Die Titelfigur vereint bewusst alle Klischees des Großstadtbullen in einer Figur. Dierk Gewesen besitzt die Toughness eines Dirty Harry, die Coolness eines Snake Plisken, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Selbstgefälligkeit und abgeschmeckt mit einer kleinen Prise Frank Drebbin. Gewesen macht nicht viele Wort, er macht einfach. Und schießt dabei auch schonmal mächtig übers Ziel hinaus. Sehr zum Leidwesen seiner Umgebung, der der Superbulle mit herablassender Geringschätzung begegnet. Diesen Haudrauf kann (fast) nichts aus der Ruhe bringen.

Zudem ist Gewesen der absolute Filmnerd. Dass er in einem Kino aufgewachsen ist, hat die Erziehung des unorthodoxen Ermittlers entscheidend geprägt; so entscheidend, dass er sogar selbst ein Buch geschrieben hat, in dem er werdenden Kriminalisten anhand von Handlungsmustern, Klischees und Stereotypen quer durch die Filmgeschichte das nötige Handwerkszeug für erfolgreiche Polizeiarbeit an die Hand gibt. In unregelmäßigen Abständen wirft Gailus immer wieder einmal Ausschnitte aus diesem Werk zwischen die Handlung. Und da er wie seine Hauptfigur offenbar ebenfalls ein großer Fan der bewegten Bilder ist, ist auch der gesamte Roman eine Fundgrube an Anspielungen kreuz und quer durch das Medium, bei denen jedem Cineasten das Wasser im Munde zusammenlaufen dürfte. Auch der Rest des Figuren-Ensembles ist eine Ansammlung amüsant-bekloppter Typen, die dem Leser fast ununterbrochen die Lachtränen in die Augen treiben.

Neben seiner Liebe zum Kino liest man aus Gailus Werk auch noch eine zweite Liebe heraus, nämlich an die Stadt Hamburg. Wer sich in der Hansestadt auch nur ein bisschen auskennt, wird sich sofort heimisch fühlen, wenn Gailus seine Helden kreuz und quer durch die Straßen der Elbmetropole jagt. Und das zum Teil in ausufernden Actionszenen, wie zum Beispiel einer Verfolgungsjagd quer durch die Hamburger Innenstadt zwischen einem Linienbus, einem Mini-Cooper und einem Düsenjet des Modells, mit dem schon Arnold Schwarzenegger in TRUE LIES den arabischen Terroristen das Fürchten lehrte. Dass dabei einiges zu Bruch geht, ist klar.

DIERK GEWESEN UND DIE GLORREICHEN SECHS ist ein zwerchfellerschütternder Nonsens-Roman, der süchtig macht. Wer nach der Lektüre des Buches übrigens noch nicht genug von den Abenteuern des Anarcho-Cops hat, findet auf www.dierkgewesen.de die 13-teilige Bonusgeschichte DIERK GEWESEN UND DER WERWOLF VON ST. PAULI, die man nach Eingabe eines im Buch abgedruckten Codes freischalten kann. Und im Sommer 2013 gibt’s dann einen weiteren Roman mit dem Titel DIERK GEWESEN UND DAS GEHEIMNIS VON GLAMOUR CITY. Also, ich freu’ mich schon drauf wie blöd.

Umfang: 316 S.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

DIE GO-GO-GIRLS DER APOKALYPSE


GO GO GIRLS OF THE APOCALYPSE
USA 2009

Autor:
Victor Gischler

Übersetzer:
Andreas Brandhorst

Verlag:
Piper

ISBN:
978-3-492-29194-1




Inhalt:

Mortimer Tate überlebt das Ende der Welt in einer Höhle in den Bergen von Tennessee. Neun Jahre später macht er sich auf den Weg zurück in die Zivilisation – doch alles kommt anders als erwartet: Aus Versehen erschießt er die ersten Menschen, denen er begegnet. Und das Einzige, was in dieser Welt noch funktioniert, ist „Joey Armageddon's Sassy A-Go-Go“-Strip-Club. Hier ist das Bier noch kalt, und die Tänzerinnen sind heiß. Zusammen mit der hinreißenden Sheila, Buffalo Bill und dem Bergsteiger Ted macht sich Mortimer auf nach Atlanta, um seine Ex-Frau zu finden. Und ganz nebenbei über das Schicksal der Menschheit zu entscheiden …

Kritik:

So, werte Leser, jetzt ist es so weit. Wie angekündigt bekommt ihr nun hier unsere erste Buchbesprechung vor die Glotzbuchten. Und wie versprochen legen wir mit einem postapokalyptischen Schmankerl los.

Das Backcover von DIE GO-GO-GIRLS DER APOKALYPSE verspricht einen „ungewöhnliche[n] Endzeitroman mit Witz, bizarrem Einfallsreichtum und jeder Menge Action“ und damit eigentlich genau das, was man bekommt. Etwas irreführend sind eigentlich nur der Titel und das Cover, denn die Go-Go-Girls kommen im Roman zwar vor, spielen aber nur eine kleinere Nebenrolle.

Hauptprotagonist ist Mortimer Tate, der nach neun Jahren als Einsiedler versucht, seinen Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Doch Mortimer muss schnell feststellen, dass inzwischen Gewalt und Wahnsinn die Welt regieren. Nur Joey Armageddon's Sassy A-Go-Go Clubs, eine Mischung aus Strip-Club, Hotel, Warenhaus und Bank, bieten noch kleine Horte der Zivilisation, in denen, wer das entsprechende Kleingeld hat, sich von den Strapazen der Außenwelt erholen und für kurze Zeit wieder Mensch sein kann. Da Mortimer über all die Jahre kistenweise Johnnie-Walker-Whiskey in seiner Höhle gehortet hat, die er nun als Tauschmittel anbieten kann, steigt er auch direkt zum Platinmitglied auf und wird hofiert wie ein König. Hier könnte man bleiben und die Apokalypse Apokalypse sein lassen.

Aber Mortimer muss weiter. Was ihn vorwärts treibt, ist die Suche nach seiner Ex-Frau Anne. Die hat Mortimer nämlich, kurz bevor die Welt durch diverse Kriege und andere Katastrophen endgültig zum Teufel ging, einfach sitzen lassen, weil er damals ohnehin mit ihr im Scheidungsklinsch lag. Jetzt will er wissen, ob sie noch lebt, und wenn ja, ob es ihr gut geht. Schnell erfährt er, dass Anne als Go-Go-Tänzerin in einem von Joey Armageddons Clubs angeheuert hat. Die Spur führt ihn und seine Begleiter, den gutmütigen Revolverhelden Buffalo Bill, der sich als Rächer der Unterdrückten verdingt und der Mortimer das Leben rettet, und die junge Sheila, die Mortimer und Bill aus den Klauen eines perversen Vergewaltigers befreien, nach Cleveland, ins Herz von Joey Armageddons stetig wachsendem Imperium. Ihr Weg ist gesäumt von zahlreichen Gefahren. So geraten sie unter anderem in eine wilde Schießerei mit den sogenannten Rotstreifen, einer Gruppe von Banditen, die im Auftrag des „Roten Zaren“ ihr eigenes martialisches Gesetz durchzusetzen versuchen, werden von Kannibalen verschleppt und schließlich landet Mortimer in einer ehemaligen Nervenklinik, in der ein männerhassender Transsexueller ein scharfes Regiment führt. Schließlich in Cleveland angekommen, muss Mortimer feststellen, dass Anne nicht mehr dort ist. Stattdessen hat Joey Armageddon persönlich einen Auftrag für ihn: Er soll nach Atlanta in die Zentrale des Roten Zaren vordringen und diesem den Garaus machen. Zuerst lehnt Mortimer rigoros ab, aber Joey Armageddon hat überzeugende Argumente: Anne ist von den Männern des Roten Zaren nach Atlanta verschleppt worden …

Victor Gischlers Roman liest sich fast wie ein Literatur gewordener Exploitationfilm mit allem, was dazu gehört. Dementsprechend gestaltet sich auch Gischlers Schreibstil. Die Sprache ist dreckig wie die Szenerien und unflätig wie die Charaktere. Es gibt jede Menge Anspielungen auf die Popkultur, und Action und Sleaze sind wirklich reichlich vorhanden. Hier werden kaum Gefangene gemacht. Hier wird erschossen, aufgeschlitzt, Gliedmaßen abgetrennt, gefoltert und verbrannt, dass es eine wahre Freude ist. Der Showdown hält dann sogar Anleihen an MAD MAX 2 bereit, als Joey Armageddons Leute mit spritsparenden Mini-Coopern gegen die gepanzerten Ami-Schlitten des Roten Zaren in die Schlacht ziehen.

Durchzogen ist das Ganze von einem mal absurden, mal makabren Humor, der aber nie zu aufdringlich wird, sondern sich meist hintergründiger Witze und Doppeldeutigkeiten bedient. Was dem Buch ein wenig fehlt, ist Stringenz. Ähnlich, aber nicht ganz so explizit wie Dmitri Glukhowskys METRO 2033 zerfällt auch DIE GO-GO-GIRLS DER APOKALYPSE stellenweise in einzelne Episoden, wobei die meisten davon durch den Running Gag verbunden sind, dass Mortimer Tate andauernd von hinten einen Schlag über die Rübe bekommt oder mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt wird, wodurch ihm für einige Zeit das Bewusstsein schwindet und er sich postwendend in der nächsten, ausweglos erscheinenden Situation wiederfindetZudem verläuft Mortimers Entwicklung vom Eremiten zum Actionhelden ein wenig zu schnell, um wirklich glaubwürdig zu sein. Aber um Glaubwürdigkeit oder gar den Anspruch, eine tiefgründige Gesellschaftskritik abzuliefern geht es Victor Gischler ohnehin nicht. Vielmehr merkt man dem Buch deutlich an, dass der Autor einfach nur eine kurzweilige Actiongeschichte vor postapokalyptischer Kulisse schreiben wollte. Wer in der Geschichte eine tiefere Moral sucht, ist hier definitiv beim falschen Buch gelandet. Trotzdem verkommt der Roman aber nicht zum reinen Guilty Pleasure, denn in den wenigen ruhigen Momenten seiner Odyssee lässt Gischler Mortimer Tate immer wieder für kurze Zeit über dessen neue Umwelt und den Sinn seiner Suche nach Anne reflektieren und verleiht der Figur dadurch die nötige Tiefe, damit sie als Identifikationsfigur für den Leser nachvollziehbar bleibt.

Für alle Liebhaber anspruchsloser Actionware mit hohem Blutzoll ist DIE GO-GO-GIRLS DER APOKALYPSE ein echter Page-Turner. Atmosphärisch stimmig, flott geschrieben, actionreich und prall gefüllt mit schrägen Ideen, was aus der Menschheit werden könnte, wenn die Regeln der modernen Zivilisation plötzlich nicht mehr gelten. 
Darauf einen Jack Daniels (denn wenigstens der wird nach dem großen Knall immer noch hergestellt) und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Umfang: 390 S.