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Sonntag, 1. März 2026

CITY ON FIRE


WÚ WÈI SHÉN TÀN
Hongkong 1995

Regie:
Johnnie To Kei-Fung
 
Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Lee Yeuk-Tung/Carman Lee
Tuo Tsung-Hua,
Wong Cheuk-Ling/Ruby Wong,
Lee Chung-Wai,
Sin Kam-Ching,
Wong Wa-Wo/Jimmy Wong,
Chiu Yue-Ming



„Die Kugel drang durch die Stirn ein und ging durch zwei Nerven zwischen seinen Augen. Dann durchbohrte sie die Nasenhöhle, den Ober- und Unterkiefer inklusive der Zunge. Im Unterkiefer blieb sie dann stecken.“
(Na, toll … Und der Tag fing so gut an.)


Inhalt:

Inspektor Lau [Lau Ching-Wan] ist nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennen würde: Seinen Kollegen begegnet er mit unverhohlener Arroganz und auch seiner Frau Carman [Carman Lee] gegenüber zeigt er keinerlei Respekt. Alkohol, Affären und jähzornige Ausbrüche gehören für ihn zum Alltag. Aber dann schlägt das Schicksal plötzlich zurück: Die Verhaftung des Drogenhändlers Gwan [Tuo Tsung-Hua] endet für Lau mit einer Kugel im Kopf. Zwar überlebt er den Vorfall wie durch ein Wunder, doch sind die Folgen gravierend: Seine Sinne sind stark eingeschränkt; von eben auf jetzt ist er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. Carman, inzwischen schwanger von einem anderen Mann, beginnt, ihn zu pflegen. Zwischen Pflichtgefühl, Schuld und vielleicht nicht vollständig erloschener Zuneigung zeichnet sich zwischen beiden die Möglichkeit einer zweiten Chance ab. Aber dann gelingt Gwan die Flucht aus der Haft – getrieben vom Drang nach Vergeltung.

Kritik:

Von Logo und Fanfare der Shaw Brothers zu Beginn sollte man sich nicht aufs Glatteis führen lassen. Die wohl berühmteste Kung-Fu-Film-Fabrik der Welt übernahm bei LOVING YOU lediglich den Vertrieb und hatte mit der eigentlichen Produktion nichts am Hut. Viel aussagekräftiger ist da schon ein flüchtiger Blick auf die Stabangaben: CITY ON FIRE, wie das Werk in Deutschland extraknallig getauft wurde, ist eine frühe Arbeit Johnnie Tos, der im darauffolgenden Jahrzehnt mit Arbeiten wie FULLTIME KILLER (2001), EXILED (2006) oder VENGEANCE (2009) zu einem der einflussreichsten Regisseure Hongkongs aufsteigen und mehrere internationale Preise einheimsen sollte. Und siehe da: Sogar sein Lieblingsdarsteller Lau Ching-Wan [→ EXECUTIONERS (1993)] ist bereits mit an Bord und bekleidet auch sogleich die Hauptrolle. Handschriftlich geht es zwar schon stark in die Richtung, die das Team Jahre später populär machen sollte, ein paar Kinderkrankheiten lassen sich jedoch kaum leugnen. Denn die klobige Mischung aus Melodram und Polizei-Action steht sich allzu oft selbst im Weg.

Dabei fängt alles schon ziemlich stark an: Der Polizei-Einsatz zum Auftakt – eine desaströs misslingende Undercover- und Beschattungsaktion – ist rasant und aufregend in Szene gesetzt. Da wird über nicht sehr vertrauenerweckend aussehende Wellblechdächer gehechtet, an porösen Riesenrohren gebaumelt und an selbigen (nicht eben realistisch) von Haus zu Haus geschwungen, alles zwischen Unmengen umherflatternder Banknoten, die bei dem geplatzten Deal verlustig gegangen sind und die Szenerie nun in eine apokalyptische, westernartige Atmosphäre tauchen. Es ist das erste Aufeinandertreffen der Antipoden: Inspektor Lau, von Lau Ching-Wan gespielt, und Gwan, dem Drogendealer in der Gestalt Tuo Tsung-Huas [→ DIE MACHT DES SCHWERTES (1993)]. Zwar kann der Gangster an dieser Stelle noch entkommen, doch das gestörte Geschäft hat ihn empfindlich getroffen: Geld und Ware sind futsch. Im Folgenden wird dem Publikum klar, was für ein Kotzbrocken allerdings auch der Inspektor ist. „Warum behandeln Sie Ihre Kollegen wie Verbrecher?“, fragt ihn sein Vorgesetzter. Und tatsächlich haben viele Untergebene Angst vor Laus cholerischer Art. Auch privat ist er keinen Deut besser: Seiner Frau bringt er nicht einen Hauch Aufmerksamkeit entgegen, klärenden Gesprächen mit ihr geht er aus dem Weg. Stattdessen betrinkt er sich in der Bar und übernachtet danach im Wagen. Als es schließlich doch zur Aussprache kommt und sie ihm eröffnet, von einem anderen Mann schwanger zu sein, setzt es mitten im Restaurant vor versammelter Mannschaft eine schallende Ohrfeige.

Damit der Betrachter überhaupt das Bedürfnis verspürt, einem solchen Ekelpaket weiterhin die zuschauerliche Treue zu halten, muss sich also gravierend etwas ändern. Und das tut es auch, denn Laus Kontrahent Gwan bläst zum bleihaltigen Überraschungsangriff. Das erzwungene Duell endet in einer formvollendet widerlichen Szene: Der Inspektor bekommt eine Kugel in den Kopf – wobei es ihm trotz suppender Stirnwunde und aus der Nase heraustropfender Hirnflüssigkeit (Igitt!) irgendwie noch gelingt, seinen Kontrahenten per Handschelle festzusetzen und somit dessen Verhaftung herbeizuführen. Nun beginnt der melodramatische Teil: Als plötzlicher Pflegefall ist Lau auf eben jene Menschen angewiesen, für die er zuvor überwiegend Verachtung übrig hatte – allen voran seine Frau, die ihn wider ursprünglicher Pläne doch nicht verlässt, sondern im Gegenteil an seiner Seite weilt, um ihn ins geregelte Leben zurückzuholen. Die abermalige Annäherung des Ehepaares ist zwar sensibel erzählt, kann aber leider kaum mitreißen oder gar berühren. Das Schicksal des Inspektors lässt einen ziemlich kalt, fällt es doch schwer, in ihm mehr zu sehen als die Schweinebacke, als welche er eingeführt wurde – ein paar Alltagsbehinderungen reichen schlichtweg nicht aus, um sich jählings auf seine Seite zu schlagen. Da spielt es auch keine Rolle, dass Lau Ching-Wan darstellerisch tadellos abliefert. Exemplarisch genannt sei der Moment, in dem ihm – noch im Krankenhausbett liegend – schlagartig bewusst wird, dass er sowohl seinen Geschmacks- als auch seinen Geruchssinn verloren hat. Auch Carman Lee [→ MUTANT CITY (1992)] gibt sich diesbezüglich keine Blöße, doch ist ihre Rolle viel zu unnahbar angelegt, um echte Empathie zu wecken. Dass die neu aufkeimende Liebe teilweise von ebenso schmalzigem wie unpassendem Liedgut untermalt wird (unter anderem „To Love Somebody“ von den Bee Gees), macht es indes auch nicht unbedingt besser.

Pünktlich zum Schlussakt wandelt sich LOVING YOU dann wieder zum Action-Spektakel, wenn der rachsüchtige Gwan (ja, schon wieder der!) aus der Haft ausbricht, um endgültig mit Lau abzurechnen. Warum sich der milchgesichtige Dealer dermaßen auf den Polizisten eingeschossen hat, bleibt völlig unklar. Viel sinnvoller wäre es ja, nach erfolgreicher Flucht schleunigst Fersengeld zu geben und die halbseidenen Geschäfte künftig woanders abzuwickeln. Gwan jedoch bleibt vor Ort, besorgt sich ein paar Sprengsätze und verwickelt seinen Rivalen in ein feuriges Finale, das zwar anständig Laune macht, in seiner klischeegetränkten Realitätsferne aber im krassen Kontrast zum zuvor zelebrierten Authentizitätsanspruch steht. So ergibt sich am Ende kein stimmiges Ganzes, da beide Komponenten nicht wirklich miteinander harmonieren wollen: Entweder unterminiert die Action den Anspruch  oder umgekehrt. Auffällig sind in diesem Zusammenhang auch die Mechanismen des Marketings, das sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlägt: Je nach Anbieter und Breitengrad wurde das Januswerk entweder als zarte Romanze oder als harter Reißer verkauft. In Deutschland entschied man sich für Letzteres und verpasste der Nummer mit CITY ON FIRE gleich noch einen neuen martialischen Titel. Dieser findet nicht nur innerhalb der Handlung keine wirkliche Entsprechung, er evoziert auch Verwechslungen mit Ringo Lams 1987 veröffentlichten Polizeifilm, der international bereits unter eben diesem Namen bekannt war.

Trotz der Defizite in Sachen Duktus, Dramaturgie und Charakterzeichnung brachte LOVING YOU Johnnie To damals eine Nominierung als „Bester Regisseur“ bei den Hong Kong Film Awards ein. Das erscheint im Nachhinein etwas übertrieben – womöglich aber nur deshalb, weil mittlerweile bekannt ist, wie sehr er sich in den Folgejahren noch steigern sollte. Zugestanden sei zugleich, dass es abseits der angesprochenen Mankos nur wenig zu bekritteln gibt. Die Inszenierung fällt zwar noch in die Kategorie „jung und wild“, doch Tos später perfektioniertes Gespür für Rhythmus und präzise Bildkomposition ist bereits allgegenwärtig. Die Action, bestehend aus Verfolgungen, Schusswechseln und Explosionen, ist voller Tempo und Dynamik, aufgebrezelt durch geschickt platzierte Zeitlupenmomente. Bemerkenswert ist ferner die Kameraarbeit Cheng Siu-Keungs [→ RETURN TO A BETTER TOMORROW (1994)], der die Figuren häufig durch Gitter oder andere Begrenzungen ablichtet – ein Kunstgriff, der selbst unter freiem Himmel ein Gefühl von Enge und Eingepferchtheit erzeugt. Dazu passt auch die nahezu vollständige Abwesenheit fröhlicher oder optimistischer Menschen. Alle scheinen lediglich zu versuchen, in diesem gigantischen Käfig irgendwie über die Runden zu kommen, ohne dabei durchzudrehen. Das übertrieben kitschige Schlussbild, mit dem der Zuschauer final wieder in die Freiheit entlassen wird, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon ein wenig erzwungen.

In LOVING YOU wird sich vermutlich niemand hoffnungslos verlieben – oder anders ausgedrückt: CITY ON FIRE wird wohl weder Städte noch Herzen in Brand setzen. Aber als apartes Anschauungsobjekt für die frühe Selbstfindungsphase eines großen Regisseurs kann man das raue, experimentell angehauchte Herz-Schmerz-Konglomerat schon mal goutieren, ohne dass einem gleich die Hirnflüssigkeit aus der Nase tropft (Igitt!).

Laufzeit: 80 Minuten / Freigabe: ab 16

Freitag, 13. Juni 2025

BROTHERS FROM THE WALLED CITY


SENG ZAAI CEOT LAI ZE
Hongkong 1982

Regie:
Lam Nai-Choi

Darsteller:
Chin Siu-Ho,
Phillip Ko Fei,
Johnny Wang Lung-Wei,
Liu Lai-Ling,
Wong Ching,
Kwan Hoi-San,
Pak Man-Biu,
So Hang-Suen



Shaw Brothers-Produktionen bringen die meisten wohl spontan mit aufwändigem Kung-Fu-Krawall in Verbindung, manch einer vielleicht auch noch mit Grusel-Gulasch oder Monster-Mumpitz. BROTHERS FROM THE WALLED CITY allerdings, obwohl vom Titel her eigentlich prädestiniert für eine weitere Heldenreise wackerer Kampfkunst-Recken, bespielt ein Genre, das in diesem Kontext wohl die wenigsten auf dem Zettel haben: das Großstadt-Drama. Gut, völlig neu ist die Thematik freilich nicht – immerhin begab man sich dafür ins Gangster-Milieu, in dem zuvor bereits viele Action-Auswüchse des Anbieters angesiedelt waren. Aber dieses von Regisseur Lam Nai-Choi auf den Weg gebrachte Werk verzichtet auf unrealistische körperbetonte Kinetik und setzt stattdessen auf eine stark dokumentarisch angehauchte, trockene Authentizität – nicht unähnlich der Idee des New Hollywoods, das mit seinen ambivalenten Enden, komplexen Charakteren und gesellschaftlichen Themen mit starren Konventionen brach. New Hongkong sozusagen.

Inhalt:

Xiao [Ha Wai-Hong] und Da [Lee Kim-Chung] wachsen unter prekären Bedingungen auf: In den Straßen der Walled City Kowloons verleben sie eine wilde Kindheit zwischen Chaos und Kriminalität. Ihre Welt gerät ins Wanken, als ihr Vater Chan [Kwan Hoi-San] von einem Drogensüchtigen eine Klinge in den Leib gestoßen bekommt und vor ihren Augen verstirbt. Als Heranwachsende kommen beide nicht mehr recht in die Spur. Trotz des Zuredens seines älteren Bruders, gerät vor allem Xiao [jetzt: Chin Siu-Ho] immer mehr außer Kontrolle, wagt gefährliche Mutproben und rebelliert gegen alle Regeln. Versehentlich legt er sich dabei auch mit dem Triadenmitglied Yi Ching [Wong Ching] an – ein Konflikt, der sich immer weiter zuspitzt. Als Xiaos Freundin Mei Ling [Liu Lai-Ling] schwanger wird, heizt ihr Vater, der jähzornige Officer Cheung [Johnny Wang Lung-Wei], die Situation noch weiter an. Verzweifelt versucht Da [jetzt: Phillip Ko Fei], die kommende Katastrophe abzuwenden.

Kritik:

Grob und ungeschliffen, fern der filigranen Kunstfertigkeit vieler anderer Shaw Brothers-Beiträge, gleicht BROTHERS FROM THE WALLED CITY einem düsteren Sozial-Krimi, der von entwurzelten Menschen erzählt, von ihrem Ringen darum, im Leben Fuß zu fassen, um am Ende doch nur Gefangene ihrer Welt zu bleiben, sei es durch äußere Umstände oder innere ZwängeXiao und Da, die beiden Brüder, die den Titel schmücken dürfen, fungieren als Symbolfiguren dieser Situation und werden daher vom Skript ausführlich beleuchtet. Der Prolog, in dem sie im Kindesalter ihren Vater verlieren, fällt dabei recht lang aus, bedenkt man, dass diese Ereignisse für den weiteren Verlauf eigentlich keine Rolle mehr spielen. Zugleich ist das auch der einzige Abschnitt, der tatsächlich in der Kowloon Walled City spielt, jenem von der Außenwelt abgeschotteten, von Gesetzlosigkeit beherrschten und dicht an dicht besiedelten Mikrokosmos, der noch bis in die 1990er-Jahre existierte. Eingemauert bleiben sie dennoch, die Titelhelden, auch im Erwachsenenalter, als ihnen – zumindest rein theoretisch – alle Türen offen stehen. Die These, dass Umfeld und Herkunft sowohl den Charakter prägen als auch den Lebensweg bestimmen, die Figuren also von Anfang an keine Chance haben, dem Strudel der Gewalt jemals zu entkommen, wird dabei zwar niemals explizit aufs Brot geschmiert, aber steht natürlich im Raum.

Vollends überzeugend wirkt diese Vermutung freilich nicht, gefällt sich der jüngere Bruder, Xiao, als Heranwachsender doch überwiegend als infantiler Lausbub, der seinen Mitmenschen launige, teils auch schmerzhafte Streiche spielt, ohne dass dafür ein Anlass erkennbar wäre. Da sich die Aktionen zwar nicht ganz, aber doch so ungefähr auf dem Niveau deutschen 1960er-Jahre-Pennälerklamauks befinden, konterkariert das doch einigermaßen die angestrebte Dramatik. Ausschlaggebend für die andauernde Abwärtsspirale ist dann, dass Xiao dabei versehentlich auch ein Triadenmitglied brüskiert, das diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen möchte. Kaum weniger unreif als sein Gegenüber, zettelt der Verunglimpfte daraufhin eine Retourkutsche an – der Beginn eines kleinkarierten Rache-Reigens, der sich so weit hochschaukelt, bis er alle Beteiligten in den Abgrund reißt. Das scheint ein wenig bemüht: Warum sollte sich ein aufstrebender Gangster von einem Dumme-Jungen-Streich derart aus der Fassung bringen lassen, dass bald sein gesamter Alltag davon dominiert wird? Sonst keine Sorgen? Am Ende steht die Erkenntnis, dass wohl gar nichts Schlimmes passiert wäre, hätten sich alle Anwesenden einfach mal ein bisschen zivilisierter benommen – was dem postulierten Ansatz des Umweltdeterminismus dezent widerspricht. Auch wirkt vieles konstruiert und zurechtgebogen, um das Drama überhaupt erst in Gang zu bringen und halten zu können. Dazu gehört auch der fast schon übertrieben gehässig gezeichnete Officer Cheung (Wang Lung-Wei aus DER SHAOLIN-GIGANT), dessen Missgunst und Niedertracht nicht so recht nachvollziehbar erscheinen – immerhin ist er Polizist.

Nichtsdestotrotz: Fesselnd ist sie allemal, diese Großstadt-Fabel, die unterhaltsam zwischen Anspruch und Ausschlachtung sozialer Probleme pendelt – nicht in dem Sinne, dass man sich die Fingernägel zerkaut, aber Langeweile geht eben auch anders. Wer auf Action hofft (was aufgrund des Produktionsstudios gar nicht mal so abwegig ist), schaut etwas in die Röhre: BROTHERS FROM THE WALLED CITY spielt nicht in einer dieser Welten, in der jeder Hilfsarbeiter Kung-Fu beherrscht, sondern hält stets Bodenhaftung mit der Realität. Körperliche Auseinandersetzungen sind meist ein wüstes, unelegantes Raufen und in der Regel auch schnell vorbei. Niemand entwickelt Superkräfte, mutiert zum Rambo oder avanciert zum treffsicheren Western-Helden. Betrachtet man das Personal, ist es sogar einigermaßen erstaunlich, wie seriös es hier zugeht. Zum einen steht immerhin Phillip Ko auf der Besetzungsliste, der sich später als Darsteller, Regisseur und Produzent unzähliger Schrottschinken wie ULTRACOP 2000 einen zweifelhaften Ruf erarbeitete. Zum anderen geht die Inszenierung auf das Konto Lam Nai-Chois, der danach nicht nur das schmadderige Fantasy-Horror-Abenteuer-Gebräu THE SEVENTH CURSE zusammenrührte, sondern auch eines der groteskesten Werke verantwortete, die je gedreht wurden: die absurd brutale Manga-Verfilmung STORY OF RICKY. Dort werden Rasierklingen gefuttert, um sie dem Gegner ins Gesicht zu spucken, Kontrahenten mit ihrem eigenen Darm erdrosselt und garstige Gefängnisdirektoren in einer gigantischen Fleischfräse zu Mettgut verarbeitet.

All das könnte kaum weiter entfernt sein von der spröden Authentizitätsattitüde, die hier an den Tag gelegt wird. Allerdings hat Lam die Sache doch ziemlich gut im Griff und auch Herr Ko verkörpert den „vernünftigeren“ der beiden Brüder mit nahbarer Unverfälschtheit. Eine gewisse Groschenroman-Mentalität lässt sich zwar nicht leugnen, aber im Kern bleibt BROTHERS FROM THE WALLED CITY ein wütendes, nihilistisches Moralstück, das angenehm nach Straße schmeckt.

Laufzeit: 88 Min. / Freigabe: in Deutschland nicht erschienen

Donnerstag, 14. Mai 2015

LOST RIVER


LOST RIVER
USA 2014

Regie:
Ryan Gosling

Darsteller:
Christina Hendricks,
Saoirse Ronan,
Eva Mendes,
Matt Smith,
Iain De Caestecker,
Ben Mendelsohn,
Barbara Steele,
Reda Kateb



Inhalt:

Billy [Christina Hendricks] lebt als alleinerziehende Mutter zweier Söhne in dem tristen Ort „Lost River“, dessen Häuser nach und nach abgerissen werden. Als auch ihr Heim dran glauben soll, weil sie die Kredite nicht mehr zahlen kann, macht ihr der neue Bankangestellte Dave [Ben Mendelsohn] ein zwielichtiges Angebot. Ihr Sohn Bones [Iain De Caestecker] sucht währenddessen in alten Häuserruinen nach Kupfer, um es gewinnbringend zu verkaufen – kein einfaches Unterfangen, denn der gewaltbereite Bully [Matt Smith], der sich als Herrscher der Stadt bezeichnet, lauert ihm ständig dabei auf. Freundschaft schließt Bones mit der jungen Nachbarin Rat [Saoirse Ronan], die vermutet, es läge ein Fluch auf der Stadt und ihm von einem traurigen Geheimnis berichtet …

Kritik:

Ein nicht unerheblicher Teil des Ruhmes Ryan Goslings geht auf den Regisseur Nicolas Winding Refn zurück, der ihn in seinen elegischen Leinwand-Reflexionen DRIVE und ONLY GOD FORGIVES als Hauptdarsteller einsetzte und es dabei bestens verstand, dessen stoisches Mienenspiel ins rechte Licht zu rücken. Dass sein Einfluss auf dessen Karriere allerdings noch darüber hinausging, beweist Goslings Regiedebüt, das deutlich von Refns suggestiver Bildsprache geprägt ist und sich in der Präsentation ähnlicher bis identischer Formeln bedient. In leicht mystisch aufgeladener Atmosphäre erzählt LOST RIVER die Geschichte der gleichnamigen fiktiven Stadt, die so heißt, seitdem ein Staudamm das Gebiet unter Wasser setzte und viele der sich darin befindlichen Ortschaften überflutet wurden. Von diesem Tage an, so die Überzeugung eines der Protagonisten, liegt ein Fluch auf der Gegend. Nicht nur die Häuser sind größtenteils Ruinen, auch ihre Bewohner sind nur noch leere Hüllen, die wie Gespenster durch das trostlose, fast postapokalyptisch anmutende Szenario taumeln und von besseren Zeiten träumen.

Die deprimierende Demonstration einer zerfallenden Gesellschaft kleidete Goslings Kameramann Benoît Debie [→ IRREVERSIBEL] konträr dazu in teils betörende Bilder, die stets das Schöne im Hässlichen suchen und auch finden. Seine inhaltliche Entsprechung findet dieses Konzept in dem Handlungsstrang um die obskure Gewaltshow, deren Teilnehmer Quasi-Hauptfigur Billy schließlich wird: Vor den lüsternen Augen reicher Leute lassen sich schöne Frauen auf der Bühne scheinbar blutigst abschlachten oder verstümmeln sich selbst, was mit tosendem Applaus quittiert wird. Wie das Publikum Gefallen an der Scheußlichkeit findet, so erliegt auch Gosling der Faszination des Morbiden und setzt auf eine ausdrucksstarke, oftmals die Grenze zum Surrealen ankratzende Illustration. Eine Straße, die direkt in einen See führt, auf dessen Grund sich einst eine blühende, mittlerweile in Vergessenheit geratene Stadt befindet, ist eine ebenso starke Metapher für Vergänglichkeit, wie eine alte Dame, die seit Jahren apathisch vor dem Fernseher sitzt und sich die Filme ansieht, in welchen sie als junge Frau an der Seite ihres Mannes spielte. Ein Haus, lichterloh in Flammen stehend, füllt als wiederkehrendes Leitmotiv im regelmäßigen Abstand die Leinwand und wird zum visuell wirkungsvollen Zeichen des Zerfalls.

Als Preis für die optische Opulenz geriet die Handlung dabei allerdings arg ins Hintertreffen. LOST RIVER liefert lediglich Fragmente und bietet Figuren, denen es trotz aller behaupteten Tiefe an Substanz fehlt und deren Aktionen nicht immer unbedingt schlüssig wirken. Auch die Zuspitzung der Ereignisse entlädt sich unerwartet unspektakulär und dürfte Anhänger althergebrachter Narration nur schwerlich begeistern. Im Vordergrund steht kein klassisches Erzählkonstrukt mit plausiblen Anschlüssen und tadellos funktionierendem Aktion-Reaktions-Prinzip; vielmehr geht es um Eindrücke, um Momentaufnahmen, die sich am Ende zu einem mitunter rätselhaften Gesamtbild verdichten, zu einer Art Fiebertraum zwischen Schlafen und Wachen, einem rauschartigem Trip in eine in gleißende Neonfarben gehüllte Welt der schleichenden Verwesung.

Ein gewisses Maß an Prätention bei der Umsetzung lässt sich dabei nicht grundsätzlich von der Hand weisen: LOST RIVER wirkt phasenweise wie eine Spielwiese zur hemmungslosen Anwendung verschiedenster Stilmittel und Techniken, bietet verwackelte Handkamera im Wechsel mit in sich zu ruhen scheinenden Endlos-Einstellungen, nervöse Jump-Cuts im Kontrast zu entschleunigten Plansequenzen, experimentelle Ausleuchtungen und eigenwillige Winkel. Manch einem mag das bisweilen ein wenig zu hochtrabend erscheinen, doch in Verbindung mit der subversiven Attitüde und der leicht rebellisch angehauchten Aufbruchsstimmung eines Erstlingswerks funktioniert das ganz prächtig. Für das breite Publikum ist das natürlich dennoch nichts und war auch nie dafür gedacht. Wer Vergleiche mit Refn sucht, sollte weniger auf den doch eher stromlinienförmigen DRIVE schielen (von dem sich Gosling eigentlich nur den aus seiner Zeit gefallen zu sein scheinenden Retro-Vorspann und den pumpenden Soundtrack abgeguckt hat), sondern viel mehr auf dessen wesentlich sperrigeren Werke wie VALHALLA RISING oder ONLY GOD FORGIVES.

Als weitere Inspirationen sind einerseits die grüblerischem Metaphoriken Terrence Malicks auszumachen, andererseits auch die bizarren Alptraumwelten eines David Lynch, der mit LOST HIGHWAY oder MULLHOLLAND DRIVE ähnlich skurrile Irrealitäten zwischen Schein und Sein entwarf, bei denen sich die Abgründe gleichermaßen hinter schöner Fassade verbargen. Bei den Kritikern fiel dieser naseweise Rundumschlag durch größere Vorbilder überwiegend durch – eher unverdient. Wenn man Gosling unbedingt etwas zum Vorwurf machen möchte, könnte man gewiss anführen, dass ein eigener Stil nicht wirklich erkennbar ist – stünde sein Name nicht im Vorspann, man hielte LOST RIVER für eine kleine Fingerübung seines Mentors. Für ein Debüt geriet das Ganze dennoch überaus beachtlich und bietet grundsätzlich, vor allem aber mit Saoirse Ronan [→ WER IST HANNA?] als geheimnisvoll-melancholischer Nachbarin und Ben Mendelsohn [→ THE PLACE BEYOND THE PINES] als herrlich durchgeknalltem Nachtclub-Besitzer, eine vorzüglich ausgewählte und großartig agierende Darstellerpalette.

Bisweilen vielleicht ein wenig zu verliebt in die eigene Extravaganz und auch nicht mit durchgängiger Hochspannung gesegnet, ist LOST RIVER dennoch ein intensives Leinwand-Erlebnis mit meditativer Sogwirkung und einer gesunden Portion absurden Humors, welche immer mal wieder die grassierende Schwermut durchbricht. Visuell fast ausnahmslos überwältigend und in bemerkenswerter Gewandtheit in Szene gesetzt, erzählt Ryan Gosling als Autor und Regisseur ein elegisches Märchen über eine Handvoll Menschen in einer dahinsiechenden Welt, die zwischen Agonie und Tristesse nach Erlösung suchen – eine eindringliche, knallbunte Reise in die Finsternis, die es verdient hat, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Laufzeit: 95 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 4. September 2013

NOBLE HOUSE


NOBLE HOUSE
USA 1988

Regie:
Gary Nelson

Darsteller:
Pierce Brosnan,
Deborah Raffin,
John-Rhys-Davies,
Burt Kwouk,
Nancy Kwan,
Damien Thomas,
Tia Carrere,
Denholm Elliott



Inhalt:

Hongkong, Ende der 1980er Jahre: Seit 150 Jahren ist der Handelskonzern Struans & Co., das Noble House, im Geschäft und hat sich in dieser Zeit zum größten und mächtigsten Vertreter unter den East Asia Trading Companies entwickelt. Drei Jahre zuvor hat Ian Struan Dunross (Pierce Brosnan) die Leitung des Konzerns übernommen. Er ist der Tai Pan, der oberste Führer unter den Bossen Hongkongs. Doch nun steht das Noble House vor dem Ruin. Aus den USA sind Linc Bartlett, (Ben Masters), Chef des Par-Con-Konzerns, und seine Geschäftspartnerin Casey Tcholok (Deborah Raffin) angereist, um Handelsbeziehungen nach Hongkong aufzubauen. Bartlett ist es dabei gleichgültig, mit wem er Verträge abschließt, solange dabei ein möglichst großer Gewinn für ihn herausspringt. So trifft er nicht nur mündliche Vereinbarungen mit Struans, sondern knüpft gleichzeitig auch Verbindungen zum schärfsten Konkurrenten des Noble House, dem Konzern des skrupellosen Quillan Gornt (John Rhys-Davies). Gornt verbindet eine Erbfeindschaft mit Struans, und sein einziges Ziel ist es, das Noble House zu vernichten und selbst Tai Pan zu werden. Um dies zu erreichen, startet er gemeinsam mit Bartlett einen Raid auf Struans. Durch großangelegte Leerverkäufe seiner Struans-Aktien treibt er den Börsenkurs des Noble House gnadenlos in den Keller. Als stecke Dunross nicht schon in genügend Schwierigkeiten, wird auch noch John Chen (Steven Vincent Leigh), Sohn des Kompradors des Noble House, entführt. Wie sich herausstellt, hat John in der Vergangenheit heimlich für Par-Con gearbeitet und dabei auch diverse Geschäftsgeheimnisse an Linc Bartlett weitergegeben. Des Weiteren hat John seinem Vater Philip (Burt Kwouk) auch noch die Hälfte einer alten chinesischen Münze gestohlen. Wer immer dem Tai Pan eine solche Halbmünze vorlegt, kann dafür einen wie auch immer gearteten Gefallen einfordern, den der Tai Pan ohne wenn und aber erfüllen muss. In den falschen Händen kann diese Münze das endgültige Aus des Noble House bedeuten...
  
Kritik:

Eines DER TV-Events des Jahres 1980 war die Miniserie SHOGUN mit Richard Chamberlain nach dem gleichnamigen Roman von James Clavell. Der aufwändig produzierte Sechsteiler um einen englischen Navigator, der im 17. Jahrhundert Schiffbruch im feudalen Japan erleidet und schließlich zum Samurai und Vertrauten des Shoguns aufsteigt, war ein echter Straßenfeger und sorgte für Rekord-Einschaltquoten und klingelnde Kassen.
Treibende Kraft hinter dem Projekt war der Produzent und Drehbuchautor Eric Bercovici. Als sich die De Laurentiis Entertainment Group des italienischen Filmmoguls Dino De Laurentiis 1988 anschickte, auch den 1981 erschienenen Clavell-Roman NOBLE HOUSE, eine Fortsetzung seines Bestsellers TAI PAN (1986 ebenfalls von De Laurentiis mit dem Australier Bryan Brown in der Titelrolle fürs Kino adaptiert), als TV-Miniserie für die NBC zu realisieren, machte man Nägel mit Köpfen und holte Bercovici ebenfalls wieder ins Boot.

Nachdem Clavell das Drehbuch für SHOGUN noch selbst verfasst hatte, beschränkte er sich dieses Mal auf die Position des ausführenden Produzenten, während Bercovici die Mammutaufgabe zufiel, den fast 1000 Seiten starken Roman in ein Skript umzuwandeln, welches den Stoff auf vier neunzigminütige Filme aufteilte. Bei SHOGUN waren es noch sechs Teile mit zusammen rund neun Stunden Nettolaufzeit (12 Stunden inklusive Werbeunterbrechungen) gewesen. Dort hatte man also runde drei Stunden mehr Zeit gehabt, um die epische Geschichte um Navigator Blackthorne und Fürst Toranaga in nahezu allen Einzelheiten nachzuerzählen. So wich die Filmversion von SHOGUN im Grunde lediglich durch einige geringfügige Kürzungen von der Buchvorlage ab. Für die sechs Stunden Nettolaufzeit (acht Stunden inklusive Werbeunterbrechungen), die nun für NOBLE HOUSE zur Verfügung standen, bedurfte es wesentlich weitreichenderer Kürzungen und auch einiger sonstiger Veränderungen, um die Ereignisse des Buches an die dramaturgischen Vorgaben einer TV-Miniserie anzupassen.
So verlegt der Film unter anderem die Handlung zunächst aus dem Jahr 1963 in die Gegenwart (und kurioserweise vom Monat August in den November). Dabei ist nicht ganz klar, ob der Film in seinem Entstehungsjahr 1988 angesiedelt ist oder aber geringfügig in der Zukunft. Es wird erwähnt, dass Dirk Struans, der Konzerngründer und erste Tai Pan, den von jedem seiner Nachfolger zu leistenden Schwur 1841 verfasst hat. Struans feiert im Film sein 150-jähriges Bestehen. Ob jedoch die Firmengründung und die Niederschrift des Schwurs durch Dirk Struans im selben Jahr stattgefunden haben oder der erste Tai Pan das Dokument erst später erstellt hat, als er Vorkehrungen für seine Nachfolge traf, bleibt offen. Leider habe ich bisher den Roman TAI PAN auch noch nicht gelesen und kann somit nicht sagen, wie es sich dort darstellt.
Die für den Film notwendigen Handlungskürzungen trafen vor allem jenen Erzählstrang des Romans, in dem es um einen in Hongkong stationierten Spionagering der Sowjets und Dunross' Verwicklung in eben diesen geht. Der Roman geht hier weit in die Tiefe. Dunross ist nach dem Tod eines ihm bekannten Mitarbeiters des britischen Geheimdienstes in den Besitz mehrerer Geheimberichte gelangt, auf die es sowohl der britische als auch der sowjetische Geheimdienst abgesehen haben. Teil der komplizierten Verwicklungen ist auch ein unter dem Decknamen "Arthur" operierender Verräter aus den eigenen Reihen, den es zu enttarnen gilt. Übriggeblieben ist von diesem rund ein Drittel des Buches beanspruchenden Subplot nur mehr der Teil, in dem Ian Dunross, als er die Bank of China um finanzielle Unterstützung gegen die feindliche Übernahme durch Gornt und Par-Con bittet, als Gegenleistung beim Governeur (John Houseman) die Freilassung des als chinesischem Spion enttarnten Polizisten Brian Kwok (Lim Kay Tong) erwirken soll.
Um den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden, wollte man natürlich auch nicht auf eine klassische Liebesgeschichte verzichten. Im Buch ist Ian Dunross glücklicher Ehemann und Vater, was ihn als Objekt der Begierde für andere Frauen außen vor lässt. Die Beziehung zwischen Linc Bartlett und Casey Tcholok hingegen ist ungemein komplizierter. Linc und Casey sind hier nicht nur Geschäftspartner, sondern auch ineinander verliebt. Sie haben jedoch eine Abmachung miteinander geschlossen, dass sie sieben Jahre warten wollen, bevor sie heiraten. So lange, wie es für Casey voraussichtlich dauert, sich ihr "Startgeld", den Grundstock für ein eigenes Vermögen und somit finanzielle Unabhängigkeit, zu erwerben. Die Abmachung schließt auch sexuelle Abstinenz mit ein. Die beiden beschränken ihre Beziehung also aus reinem Pragmatismus auf das Par-Con-Geschäft. Als Quillan Gornt seine ehemalige Geliebte, die schöne Eurasierin Orlanda Ramos (Julia Nickson), auf Bartlett ansetzt, um diesen zu verführen, sich Linc und Orlanda aber dann wirklich Hals über Kopf ineinander verlieben, ist es neben ihrem Misstrauen gegenüber Gornt nicht zuletzt Eifersucht, die Casey dazu bringt, hinter Lincs Rücken einen Deal mit Ian Dunross zu tätigen.
Um das ganze Geflecht zu entwirren und eben eine klassische Liebesgeschichte zu konstruieren, bedient sich Bercovici in seinem Drehbuch eines ebenso simplen wie effektiven Kniffs: Er macht aus Ian einen kinderlosen Witwer und beschränkt die Beziehung zwischen Linc und Casey tatsächlich auf die rein geschäftliche, höchstens freundschaftliche Ebene. Linc verlangt zunächst von Casey, sich nicht zu einer Affäre mit Ian oder sonst einem Mann in Hongkong hinreissen zu lassen, damit sie einen klaren Kopf für die geplante Übernahme des Noble House behält. Als sich Linc dann aber wie schon im Roman in Orlanda verliebt, ist es nicht mehr die Eifersucht, sondern lediglich der Verdacht, Linc werde von Orlanda benutzt, der sie die Initiative in Richtung Struans ergreifen lässt. Und dass Ian Dunross nun Witwer ist, öffnet natürlich Tür und Tor für eben jene Affäre, die Linc zunächst unterbinden wollte.
Des Weiteren erleichterte die Entscheidung, Dunross zum Witwer zu machen, den Film auch gleich um diverse Familienangelegenheiten (insbesondere eine frisch verliebte Tochter), um die sich Dunross im Roman kümmern muss.
Von den unzähligen Nebenfiguren wurden ebenfalls diverse Charaktere entweder gänzlich gestrichen, treten nur noch als "Gastauftritte" in Erscheinung (z. B. der Gouverneur) oder es wurden mehrere Figuren zu einer einzigen zusammengefasst. So hat man z. B. den Schriftsteller Marlowe (im Grunde ein Alter Ego von James Clavell), der im Buch als Lieferant von Hintergrundinformationen zu diversen anderen Figuren fungiert, mit dem Zeitungsverleger Christian Toxe (Leon Lissek) verschmolzen.
Abgesehen von eben diesen Änderungen hält sich der Film aber doch weitgehend an die Vorlage und schafft es zu jeder Zeit, den Kern und die Stimmung des Buchen punktgenau zu treffen. Bercovici ist es tatsächlich gelungen, aus dem verschachtelten Handlungsgeflecht der Vorlage eine stringente, auf das Wesentliche konzentrierte Geschichte zu extrahieren, die über alle vier Teile hinweg einen gelungenen Spannungsbogen entwickelt. Vor allem schafft es der Film, die notwendigen Teile der Hintergrundgeschichte über den ersten Tai Pan und die Entstehung und Geschichte des Noble House gut und verständlich in die Dialogszenen einfließen zu lassen. Diese Informationen sind nämlich selbst bei Lektüre des Buches eine sehr komplexe und zum Teil verwirrende Angelegenheit (zumindest dann, wenn man das Buch TAI PAN nicht kennt).
Die Geschichte des Buches basiert laut Internet Movie Data Base übrigens auf wahren Begebenheiten, die sich in den 1960er Jahren in einem Zeitraum von sieben Jahren (im Buch verdichtet auf sieben Tagen) um den 1832 gegründeten (und noch heute existenten) Handelskonzern Jardine Matheson zugetragen haben sollen.

Gedreht wurde NOBLE HOUSE weitgehend vor Ort in Hongkong. Nur einige Innenaufnahmen fanden in Studiosets in den USA statt. Die ausschweifende Nutzung der exotischen Szenerie Hongkong verleiht der Produktion nicht nur eine sehr authentische Atmosphäre, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Grandesse. Ebenso, wie schon SHOGUN acht Jahre zuvor durch die Dreharbeiten in Japan einen wahren Augenschmaus für das TV-Publikum darstellte, sieht auch NOBLE HOUSE zu jeder Minute sehr edel und hochwertig produziert aus, was dem Unterhaltungswert extrem zugute kommt.

Für die Besetzung der trotz der Kürzungen immer noch sehr zahlreichen Charaktere konnten durchweg hochkarätige und namhafte Darsteller verpflichtet werden, wobei man auf einige Mimen zurückgriff, die auch schon SHOGUN mit ihrem Talent veredelt hatten.
Die Hauptrolle des Ian Dunross ging an den Iren Pierce Brosnan, der damals bereits durch seine Hauptrolle in der TV-Serie REMINGTON STEELE zu Weltruhm gelangt war und ab 1995 als insgesamt fünfter Darsteller in die Rolle des legendären britischen Geheimagenten James Bond schlüpfen sollte. Brosnan verkörpert Ian Dunross präzise wie ein Uhrwerk mit exakt der richtigen Mischung aus oberflächlicher Rücksichtslosigkeit, die er als Geschäftsmann an den Tag legen muss, unterschwellig brodelnder Sorge um die Zukunft des Struans-Konzerns, weltmännischer Gelassenheit, verführerischer Männlichkeit und spitzbübischem Charme.
Ihm zur Seite steht die Amerikanerin Deborah Raffin als Casey Tcholok. Neben zahlreichen TV-Rollen vor der Kamera war Raffin auch als Produzentin und Regisseurin tätig. Im Kino war sie unter anderem 1985 in DEATH WISH 3 an der Seite von Charles Bronson und 1991 in SCANNERS II zu sehen. Leider erlag sie am 21. November 2012 im Alter von gerade einmal 59 Jahren einer Leukämieerkrankung. Raffin kann in ihrer Rolle durch eine gesunde Balance aus Clevernis, Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit überzeugen und besitzt dank ihrer leicht kantigen Gesichtszüge auch rein äußerlich die notwendigen Attribute, um mehr als nur hübsches Love-Interest zu sein.
Für die Rolle des Linc Bartlett konnte Ben Masters gewonnen werden. Der charismatische Blondschopf erlangte später weitreichende Bekanntheit als Julian Crane in der langlebigen Seifenoper PASSIONS und gibt den amerikanischen Self-made-Man ebenso geradlinig erfolgsorientiert wie jovial angeberisch mit einer Spur trockenem Humor. Dunross und Bartlett sind im Buch wie im Film Kontrahenten auf Augenhöhe, und dieses Level hält auch Masters ohne Schwierigkeiten.
Als Quillan Gornt gibt es für Clavell-Fans ein Wiedersehen mit SHOGUN-Veteran John Rhys-Davies. War sein Vasco Rodrigues im SHOGUN noch ein zwar mit allen Wassern gewaschener, aber im Grunde herzensguter und vor allem loyaler Mann, so spielt der schwergewichtige Brite, der zuvor schon mit Indiana Jones die verschollene Bundeslade und mit Allan Quatermain den Schatz der Könige hatte suchen dürfen, bevor er sich Jahre später als resoluter Zwerg Gimli durch Mittelerde in Richtung Schicksalsberg aufmachte, seinen Quillan Gornt hier als Ekelpaket, dem man gleichzeitig die Pest an den Hals und eine Versöhnung mit Ian Dunross und Struans wünscht. John Rhys-Davies' Karriere ist so umfangreich wie qualitativ schwankend, aber selbst in den größten Mist bringt sein Gesicht immer noch zumindest einen Hauch Klasse. Der Mann hat sein Handwerk einfach drauf.
Ebenfalls bereits bei SHOGUN dabei waren der in Ägypten geborene Damien Thomas und der Australier Leon Lissek, die in NOBLE HOUSE erneut in kleinen aber feinen Gastrollen glänzen dürfen. Thomas hatte in SHOGUN die ambivalente Rolle des Jesuiten Father Alvito verkörpert und spielt hier Struans Geschäftspartner Lando Mata, während Lissek 1980 als Jesuitenpater Sebastio eine eher unsympatische Figur verkörperte und hier den Zeitunsverleger Christian Toxe gibt. Lissek und Brosnan waren übrigens beim NOBLE HOUSE-Dreh bereits alte Bekannte, denn Lissek hatte 1984 einen Gastauftritt in REMINGTON STEELE.
Erstmals, aber nicht letztmals vor der Kamera stand Brosnan mit der wunderschönen, in Singapur geborenen Julia Nickson. Nickson, deren bekannteste Rolle wohl immer noch die der Vietnamesin Co in RAMBO II sein dürfte, spielte in der 1989 entstandenen dreiteiligen TV-Miniserie AROUND THE WORLD IN 80 DAYS, einer ziemlich freien Adaption der Jules-Vernschen Vorlage mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle des Phileas Fogg, die Prinzessin Aouda. In NOBLE HOUSE spielt Nickson Linc Bartletts Geliebte Orlanda Ramos. Nicksons Darstellung wirkt zuweilen ein wenig hölzern, was aber durchaus zu Orlandas zerbrechlichem Charakter passt.
Auch der Rest der Besetzung, ob nun Burt Kwouk, den die Meisten sicherlich als Inspektor Clouseaus treuen Diener Cato aus den PINK PANTHER-Filmen mit Peter Sellers kennen, als Komprador Philip Chen, Gordon Jackson als pflichtbewusster Superintendant Armstrong, Lim Kay Tong als enttarnter Spion Brian Kwok oder die blutjunge Tia Carrere als schnippische Geliebte Venus Poon des von Khigh Dhiegh überzeugend hinterhältig verkörperten Piraten Four Finger Wu: Sie alle sind eine Bereicherung für den Cast und tragen als Ensemble einen Großteil zum Gelingen der Serie bei. Sie alle zu nennen oder gar zu besprechen, würde zu weit führen.
Lediglich ein einziger Wehrmutstropfen fällt bei der Besetzung auf: Obwohl Hongkong bekanntlich eine der emsigsten Filmindustrien dieses Planeten beherrbergt, taucht in der gesamten Serie kein einziger bekannter Hongkonger Schauspieler auf. Hatte man in SHOGUN die Rollen der Japaner noch durchgehend auch mit bekannten japanischen Darstellergrößen wie Mifune Toshiro besetzt, so sucht man hier bekannte Gesichter des chinesischen Films vergebens. Man "importierte" stattdessen sämtliche asiatischen Darsteller aus den USA. Dies mag aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass man sich im Gegensatz zu SHOGUN, wo die Japaner auch auschließlich japanisch sprachen und man sich des dramaturgischen Mittels der Übersetzung durch Dolmetscher bediente, bei NOBLE HOUSE dazu entschied, alle Figuren durchgehend Englisch sprechen zu lassen und die Sprachbariere gänzlich zu ignorieren.

Regisseur Gary Nelson war 1988 bereits ein alter Hase im Regiestuhl. Seit 1962 hat er hunderte von Serienepisoden und diverse Fernsehfilme inszeniert, unter anderem 1977 die von Kritik und Publikum hochgelobte Miniserie WASHINGTON: BEHIND CLOSED DOORS, einer fiktiven Aufarbeitung der Nixon-Ära. 1986 durfte er für Cannon Film dann den zweiten und letzten Teil der Quatermain-Reihe ALLAN QUATERMAIN AND THE LOST CITY OF GOLD verzapfen. Diese Trashgranate könnte man durchaus als Leiche im Keller bezeichnen, aber immerhin schenkte er damit der Filmgeschichte Henry Silva als durchgeknallten Hohepriester im Woodstock-Gedächtnis-Look. Auch eine Leistung. Bei NOBLE HOUSE liefert Nelson eine ordentliche Arbeit ab. Zwar fällt die Inszenierung zu keiner Zeit durch besondere Raffinesse, dafür aber durchgehend durch Sorgfalt auf. Nelsons Regie verliert sich nie in der pittoresken Stadtkulisse Hongkongs, sondern nutzt sie geschickt zur Etablierung der Schauplätze, an denen sich das Geschehen abspielt. Die Dialogszenen hat Nelson dabei immer gut im Griff, aber auch die wenigen Actionszenen (unter anderem ein Brand auf einem Restaurantschiff und ein zusammenstürzendes Hochhaus) sind packend in Szene gesetzt. Lediglich ab und zu wirkt das Geschehen, wohl auch bedingt durch die Beschränkungen des Mediums Fernsehen, ein klein wenig behäbig, aber das ist zu verschmerzen.

NOBLE HOUSE ist TV-Unterhaltung der klassischen Art, aus einer Zeit, in der die ganze Familie abends noch gemeinsam vor der Flimmerkiste hockte und gebannt dem großen Fernsehereignis entgegenfieberte. Drehbuchautor und Produzent Eric Bercovici und Regisseur Gary Nelson ist eine saubere und hochwertige Adaption des Romans von James Clavell gelungen, die Kenner wie Nichtkenner der Vorlage gleichermaßen zufriedenstellen dürfte. Hochkarätig besetzt, solide inszeniert und mit einer Priese Exotik durch den (damals für das westliche Publikum abseits der Eastern- und Actionsaficionados noch recht ungewohnten) Drehort Hongkong bekommt man sechs Stunden spannende, (melo-)dramatische und romantische Unterhaltung, die zwar stellenweise ein klein wenig behäbig wirkt, aber garantiert nie langweilt. Eine tolle Miniserie zum immer wieder Ansehen.

Nachdem NOBLE HOUSE lange Zeit nur als qualitativ recht minderwertige australische DVD zu haben war, gibt es seit einigen Jahren dank Lionsgate Entertainment sowohl in den USA als auch bei uns in Deutschland bildqualitativ sehr gute DVD-Ausgaben. Die deutsche DVD erschien bei Kinowelt/StudioCanal. Lionsgate hat hierfür das originale 35mm-Filmmaterial neu abtasten lassen. Hierbei entschied man sich allerdings statt für einen Transfer im Original-Bildformat von 1,33:1 dafür, eine anamorphe Widescreenfassung im Format 1,66:1 zu erstellen. Hierfür wurde das Vollbild-Format oben und unten leicht abgemattet, wodurch Bildinformationen verloren gehen. Außer im Vorspann, wo der obere Rand der Münzen, in denen die Köpfe der Hauptdarsteller zu sehen sind, abgeschnitten werden, fällt dies jedoch zu keiner Zeit negativ auf.

Präsentiert werden die vier Teile jeweils als Doppel-DVD mit zwei Teilen auf einer Scheibe. Die US-DVD bietet englischen Ton in DD-2.0-Mono sowie englische Untertitel und Closed Captions für Hörgeschädigte. Extras sind keine vorhanden. Zudem sind die Discs im Regionalcode 1 codiert. Verpackt ist das Ganze in einem Keep-Case mit O-Ring aus Pappe. Die deutsche Kinowelt-Scheibe bietet neben der deutschen Synchronspur ebenfalls den englischen Ton (beide ebenfalls in DD-2.0-Mono) sowie deutsche Untertitel. Als Extras sind lediglich eine Bildergalerie und Werbetrailer zu weiteren Kinowelt-Titeln enthalten. Wie bei Kinowelt üblich, wird ein Wendecover für FSK-Flatschen-Allergiker geboten.

Laufzeit: 355 Min. / Freigabe: ab 12

Freitag, 3. August 2012

PETER DER GROSSE


PETER THE GREAT
USA 1986

Regie:
Marvin J . Chomsky,
Lawrence Schiller

Darsteller:
Maximilian Schell,
Jan Niklas,
Vanessa Redgrave,
Omar Sharif,
Helmut Griem,
Günther Maria Halmer,
Hanna Schygulla



Nach jeder Menge Trash in den letzten Wochen steht heute mal etwas anspruchsvollere Filmkost auf dem Programm: die vierteilige US-Miniserie PETER THE GREAT von 1986. Also wundert euch nicht, dass die Inhaltsangabe dieses Mal weit länger ausfällt, als gewohnt. Denn der TV-Film nutzt seine sechs Stunden Nettolaufzeit für ein dichtes Geflecht aus Intrigen, Schicksalsschlägen, Romanzen und Schlachten:

Inhalt:

Russland am Ende des 17. Jahrhunderts. Das Land ist weitgehend isoliert. Es regieren eine kleine Aristokratie und die orthodoxe Kirche. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Nach dem Tod des Zaren Fjodor III. entbrennt zwischen dessen Stiefmutter Natalja (Lilli Palmer) und Fjodors Schwester Sophia (Vanessa Redgrave) ein gnadenloser Machtkampf. Während Natalja gerne ihren zehnjährigen Sohn Peter (Graham McGrath) auf dem Thron sehen würde, will Sophia unbedingt ihrem fünfzehnjährigen Bruder Ivan (Nikolay Lazarev) zum Zarentitel verhelfen. Doch während Natalja bei der Förderung des aufgeweckten Peter an das Wohl ihres Landes denkt, hat Sophia nur eigene Interessen im Kopf, denn Ivan ist ein infantiler Schwächling, der sich leicht manipulieren lässt. Der Konflikt kulminiert im ersten Strelitzenaufstand. Im Glauben, Natalja wolle Ivan ermorden lassen, stürmen die Palastgarden den Kreml. Im Zuge der Kampfhandlungen werden vor Peters Augen mehrere Verwandte seiner Mutter ermordet, ein Ereignis, das seinen weiteren Lebensweg entscheidend prägen soll. Als die Strelitzen in den Palast eindringen und Natalja und Peter ermorden wollen, rettet der Tagedieb und Bauernsohn Alexander Menschikow (Herbert Griem) ihnen durch Zufall das Leben. Der Aufstand kann zwar geschlichtet werden, um das Volk jedoch auf Dauer zu beruhigen, einigt man sich auf einen Kompromiss: Sowohl Peter als auch sein Halbbruder Ivan werden zum Zaren gekrönt und sollen das Land künftig in einer Doppelspitze regieren. Da beide jedoch minderjährig sind, wird Sophia zur Regentin ernannt. Alexander Menschikow wird in der Folge Peters bester Freund und engster Vertrauter. Einige Jahre später versucht Sophia, Peter (jetzt Jan Niklas) durch ein Komplott zu vernichten. Die Verschwörung kann jedoch vereitelt werden. Sophia wird entmachtet und in ein Nonnenkloster verbannt. Peters konservative Mutter hält auch nach der Einsetzung Sophias zur Regentin weiterhin an ihren Machtansprüchen fest, so dass Peter sich bei der Ausübung des Zarenamtes weiterhin ihren Wünschen beugen muss. Natalja will einen Erben und arrangiert daher seine Heirat mit der drei Jahre älteren Jewdokija. Jewdokija gebiert Peter auch den gewünschten Sohn, Alexej, doch ihr Verhältnis zu Peter ist mehr und mehr zerrüttet. Peter versucht, Alexej mit strenger Härte auf seine Zukunft als Thronfolger vorzubereiten. Der zarte Junge (Tolly Thwaites) ist den Ansprüchen seines Vaters jedoch nicht gewachsen. Als der kränkliche Ivan unerwartet stirbt, hält Peter die alleinige Macht in Händen. Doch der ambitionierte Monarch macht sich zunehmend Feinde. Nachdem er in einer Ausländersiedlung die Freundschaft des schottischen Offiziers Patrick Gordon (Jeremy Kemp) gewonnen hat, ist er begeistert von der Fortschrittlichkeit der westlichen Zivilisation. Von nun an hat er große Pläne: Er will sein Land aus der Isolation zu befreien und Handelsbeziehungen nach Westeuropa aufzubauen. Aber Russland verfügt weder über Häfen, noch über eine Handelsflotte - von einer Seestreitmacht, die notwendig wäre, um die Handelsrouten zu sichern, ganz zu schweigen. Peters Bestrebungen stoßen nicht nur bei den benachbarten Ländern Polen und Schweden, die bisher die Ostsee unter sich aufgeteilt haben, auf Misstrauen, sondern auch im eigenen Land. Peter orientiert sich in Kleidung und Auftreten an den westlichen Gebräuchen, führt umfassende Reformen durch. An der Ostsee soll ein großer Hafen, samt einer Stadt entstehen: St. Petersburg. Um seine Pläne zu finanzieren, lässt er die Kirche besteuern, und um Eisen für den Bau von Kanonen zu gewinnen, sogar die Glocken der Kirchtürme einschmelzen. Ihm wird vom streng gläubigen Volk, angestachelt von den Kirchenoberen, die um Macht und Einfluss bangen, nachgesagt, vom Teufel besessen zu sein. Auch dass er seine Ehefrau Jewdokija verlässt und statt dessen eine zweite Ehe mit der aus bäuerlichen Verhältnissen stammenden Martha Skawronskaja (Hanna Schygulla) eingeht, verschlechtert seinen Ruf. Als er ankündigt, eine Rundreise durch Europa unternehmen zu wollen, warnt man ihn vor einem Aufstand des Volkes. Noch nie hat ein Zar das Land verlassen. Es wäre, als würde er sein Volk im Stich lassen. Einem erneuten Aufstand der Strelitzen setzt er ein erbarmungsloses Ende, lässt ihre Anführer öffentlich hinrichten und verbannt die übrigen in weit abgelegene Gebiete. Der ständige Kampf mit seinen Widersachern macht Peter (jetzt Maximilian Schell) hart und verbittert. Unerbittlich bekämpft er jene, die ihm im Wege stehen. Selbst vor dem eigenen Sohn Alexej (jetzt Boris Plotnikov), der, von seiner Mutter aufgehetzt, ebenfalls zum Verräter an seinem Vater wird, macht er nicht Halt ...

Kritik:

Ein Budget von 27 Millionen US-Dollar (manche Quellen sprechen auch von 30 Millionen), ein internationaler Cast bekannter Schauspieler, 7500 Statisten (darunter ganze Infanterie- und Kavallerieregimenter der russischen Armee) und fast ein komplettes Jahr dauernde Dreharbeiten in Österreich und der ehemaligen Sowjetunion - mit diesem für eine TV-Produktion immensen Aufwand schuf der US-Fernsehsender NBC die Verfilmung des aufregenden Lebens des russischen Zaren und Großfürsten Peter I., besser bekannt als Peter der Große (geboren 1672, gestorben 1725), der das Riesenreich von 1682 bis 1721 regierte. Insbesondere die Tatsache, dass das Projekt als erste amerikanische Großproduktion in der Sowjetunion realisiert wurde, wo man von 1984 bis 1985 filmte, machte PETER THE GREAT zu einem TV-Event. Glasnost und Perestroika machten es möglich. Betrachtet man den Inhalt des Films und das damals in der Sowjetunion herrschende politische Klima, so tun sich zwischen der im Film behandelten historischen Figur Pjotr Alexejewitsch Romanow (so Peters bürgerlicher Name) und dem sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow einige Parallelen auf: Beide waren sie politische Reformer, die die Notwendigkeit einer grundlegenden Öffnung und Reformierung ihres Landes erkannten. Und beide sahen sich rückwärtsgerichteten Kräften gegenüber, die diese Bemühungen wo sie nur konnten torpedierten und die alten Zustände wiederhergestellt sehen wollten. PETER THE GREAT hält sich weitgehend an die historischen Fakten. Das Drehbuch von Edward Anhalt basiert auf der 1981 veröffentlichten Biografie von Robert K. Massie, der für das Werk den Pulitzer-Preis erhielt.

An der Besetzung gibt es absolut nichts zu kritisieren. Der Film ist durchweg prominent und kompetent besetzt. Besonders heraus sticht der Deutsche Jan Niklas als junger Zar Peter, der den Monarchen sowohl als energiegeladenen Lebemann als auch als gewieften, kompromisslosen Strategen spielt. Leider war dem Mimen anschließend keine größere Karriere vergönnt. Er spielte danach weitgehend unauffällige Rollen in diversen deutschen TV-Filmen und Serien. 

Maximilian Schell wiederum ist die perfekte Besetzung für den gealterten Peter. Er spielt die Figur mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, aber auch mit der nötigen Kaltblütigkeit. Am Ende ist man als Zuschauer schon hin- und hergerissen, ob man diesen Mann, der allein seiner Prinzipien wegen sogar seinen Sohn zu Tode foltern lässt, noch als Sympathieträger anerkennen kann. Doch da es Schell eindrucksvoll gelingt, die gebrochenen Facetten des Charakters zu vermitteln, der unter Entscheidungen leidet, die er überzeugt ist, treffen zu müssen, schafft er es spielend, die Stimmung nie vollends gegen seine Figur umkippen zu lassen.

Ausgerechnet wegen Maximilian Schell wäre die Produktion allerdings beinahe zum Stillstand gekommen. Der Schauspieler erkrankte während der Dreharbeiten und musste nach seiner Genesung umgehend abreisen, um einem Engagement an der Berliner Oper nachzukommen. So stand das Team plötzlich ohne Hauptdarsteller da. Als Notlösung wurde der unbekannte Schauspieler Denis DeMarne als Schell-Double engagiert. Mittels Make-Up und geschickt gesetzter Kamera sowie einer nachträglichen Synchronisation seiner Dialoge durch Maximilian Schell wurde dies dann so gut es eben ging kaschiert. Wenn man es weiß und genauer hinschaut, kann man aber doch die ein oder andere Szene entdecken, in der man sich zurecht fragt, ob man da wirklich gerade Maximilian Schell vor sich hat.

Vanessa Redgrave geht mit ihrer strengen Kühle gänzlich in der Rolle der intriganten Sophia auf. Wenn Blicke töten könnten, wäre innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten die halbe Besetzung dahin. Die übrigen Darsteller liefern allesamt ebenfalls gute bis sehr gute Leistungen ab, je nachdem, wieviel Raum ihnen die Geschichte für ihre Figuren lässt. Hier kommt einzig Omar Sharif meiner Meinung nach etwas zu kurz. Sein Prinz Feodor Romodanowski ist, obwohl er in allen vier Teilen der Serie auftaucht, nicht besonders tief in das dramatische Geschehen eingebunden, sondern fungiert meist als besorgt dreinblickender Stichwortgeber.

Die umfangreiche Zahl der in der Geschichte auftauchenden Figuren bot auch Gelegenheit für eine Vielzahl an prominenten Gastauftritten. So sind hier z. B. Laurence Olivier als König Wilhelm III. von Oranien-Nassau, Trevor Howard als Sir Isaac Newton, Ursula Andress, Mel Ferrer als König Friedrich I. von Preußen und Elke Sommer als dessen Frau Charlotte zu nennen. Neben amerikanischen, britischen und sowjetischen Darstellern ist insbesondere der deutsche Cast sehr umfangreich und umfasst neben den bisher schon genannten Namen u. a. Günther Maria Halmer, TRAUMSCHIFF-Kapitän Heinz Weiss, den als Vinzenz Bieler aus der langlebigen TV-Serie FORSTHAUS FALKENAU bekannte Walter Buschhoff und Christoph Eichhorn.

Marvin J. Chomsky inszenierte PETER THE GREAT souverän als komplexes Historiendrama mit allem, was dazu gehört. Chomsky war ein alter Hase im TV-Geschäft und konnte einen seiner größten Erfolge 1978 mit dem Vierteiler HOLOCAUST verbuchen. Inwieweit der als Co-Regisseur genannte Lawrence Schiller an den Dreharbeiten beteiligt war, lässt sich nicht genug sagen. Glaubt man einem Artikel der Los Angeles Times von 16. Januar 1986, kurz vor der Erstausstrahlung des Films, so wurde Schiller, der die Miniserie anfänglich auch mit entwickelt und produziert sowie die Verhandlungen für die Drehgenehmigung in der Sowjetunion ausgehandelt hatte, kurz vor dem Umzug des Teams von Österreich nach Russland von NBC gefeuert, weil man befürchtete, er würde das Budget überziehen. Schiller behauptete, die betreffende Budgetkalkulation beruhe auf einem Rechenfehler und verklagte NBC auf zehn Millionen US-Dollar Schadenersatz. Ob er den Prozess gewonnen hat oder man sich außergerichtlich einigte, ist mir leider nicht bekannt.

Dank der aufwendigen Promotion (über eine Million Dollar des Budgets sollen angeblich für Pressearbeit und Werbung ausgegeben worden sein) konnten die für die Erstausstrahlung am 2. Februar 1986 vorgesehenen Werbeblöcke erfolgreich an den Mann gebracht werden, und bereits vor dem Premierenabend hatte PETER THE GREAT dem Sender NBC seine reinen Kosten schon wieder eingebracht. Da der Februar jedoch traditionell ein Monat ist, in dem in den USA viele Miniserien und andere TV-Events laufen, sah sich der Film großer Konkurrenz ausgesetzt. An den ersten drei Ausstrahlungsabenden lief PETER THE GREAT parallel zu der von CBS ausgestrahlten 15-Millionen-Dollar-Produktion SINS mit Joan Collins, wobei SINS auch noch den Vorteil hatte, dass die Ausstrahlung eine Stunde früher begann als die Lebensgeschichte des russischen Zaren. am Ende machte SINS knapp das Rennen. Insgesamt 72 Millionen Zuschauer sahen die dreiteilige Joan-Collins-Schmonzette, während das vierteilige Historiendrama 75 Millionen Zuschauer für sich verbuchen konnte. Im Schnitt schalteten also 24 Millionen Zuschauer pro Folge SINS ein, während nur 18,75 Millionen Zuschauer jede Folge von PETER THE GREAT sehen wollten.

Bei den Golden Globes erntete PETER THE GREAT 1987 immerhin drei Nominierungen für die beste TV-Miniserie, Lilli Palmer als beste weibliche Nebendarstellerin in einem TV-Film und Jan Niklas als besten Hauptdarsteller in eine TV-Film. Zu den Gewinnern gehörte der Film bei den Emmys 1986. Hier räumte er bei sieben Nominierungen die Preise für die beste Miniserie, die Kostüme von Ela Maklakowa und Sibylle Ulsamer sowie die Musik von Laurence Rosenthal ab. Weitere Nominierungen gab es für das Produktionsdesign von Aleksandr Popow und John Blezard,die Kameraarbeit von Vittorio Storaro, den Tonschnitt sowie Vanessa Redgrave als bester Nebendarstellerin. Die Writers Guild of America verlieh Edward Anhalt 1987 den WGA Award für das beste adaptierte Drehbuch.

Fazit: Ich kann PETER THE GREAT nur uneingeschränkt empfehlen. Trotz der langen Laufzeit wird der Film zu keiner Minute langweilig. Dank der faktentreuen Umsetzung ist das Werk auch eine lehrreiche Lektion in russischer Geschichte. Wenn dem Film eines fehlt, so ist es ein wenig die epische Breite und Bildgewaltigkeit einer Kinoproduktion. Die Schauplätze und Sets wirken doch immer ein wenig zu klein und nicht prunkvoll genug, um wirklich zu überzeugen. Ab und zu hat man hier mit Matte Paintings nachgeholfen, aber auch das kaschiert diese Unzulänglichkeiten nicht gänzlich. Auch in den Massenszenen hat man trotz der weiter oben erwähnten bis zu 7500 Statisten immer irgendwie das Gefühl, dass hier doch etwas kleinere Brötchen gebacken wurden. Für eine TV-Produktion ist das aber trotzdem beachtlich. Vor allem die Entscheidung, tatsächlich vor Ort in Russland zu drehen, schafft einiges an Authentizität.

In Deutschland wurde die Serie erstmals in der Adventszeit 1986 in der ARD gezeigt. Mit Veröffentlichungen abseits der TV-Ausstrahlungen sieht es dagegen dünn aus. Abgesehen von einer VHS-Veröffentlichung in den USA auf drei Kassetten war der Film lange Zeit nicht käuflich zu erwerben. Bis sich 2011 das tschechische Label Levné Knihy der Miniserie annahm. Auf zwei separat erhältlichen DVDs ist der Vierteiler dort unter dem Titel PETR VELIKÝ erschienen. Die Bildqualität ist nicht überwältigend, aber ansehbar. Sie dürfte dem entsprechen, was 1986 weltweit über die Mattscheiben geflimmert ist. Dass es sich beim Ausgangsmaterial um ein (englischsprachiges) TV-Master handelt, ist auch daran erkennbar, dass ab und zu kleinere Bildstörungen in Form von Videospratzern auftreten, wie dies bei altem Videomaterial der Fall ist. Als Tonspur gibt es lediglich englischen Ton mit optional zuschaltbaren tschechischen Untertiteln. Extras sind keine vorhanden. Etwas doof ist, dass man die zwei Teile auf einer DVD jeweils nur einzeln anwählen kann anstatt beide ohne Unterbrechung hintereinander weg anzuschauen. Auch dass der Layerwechsel der ersten DVD mitten im Abspann des ersten Teils platziert wurde, wodurch dort kurz Bild und Ton einfrieren, wirkt störend. Aber ansonsten ist die Veröffentlichung durchaus gelungen und immerhin bisher die einzige legale DVD-Veröffentlichung überhaupt. Und bevor mich jetzt diverse Leute mit Fragen löchern, wo man die DVDs denn in Tschechien günstig ordern kann: Ich bin den Weg des geringsten Widerstandes gegangen und hab die Dinger im Doppelpack für unverschämte 20 Pfund (plus Porto) im Marketplace von Amazon.co.uk geordert. Wenn man sie direkt in Tschechien ordert, kosten die beiden Scheiben zusammen kaum 10 €. Leider ist allerdings erstens mein Tschechisch ziemlich lausig (um nicht zu sagen: nicht vorhanden) und zweitens war, egal bei welchem Shop ich geschaut habe, die DVD mit Teil 1 und 2 immer vergriffen.

Nachtrag: Mittlerweile ist vom Label Fernsehjuwelen auch eine deutsche DVD erschienen. Diese nutzt ein deutschsprachiges Sendemaster als Vorlage, enthält jedoch ein Making-Of sowie eine Reihe von Trailern sowie Deleted-Scenes als Bonus. In Bezug auf die Deleted-Scenes ist mir jedoch nicht bekannt, ob es sich dabei um "echte" entfallene Szenen, d. h. solche Szenen handelt, die auch in der US-Fassung fehlen, oder aber um Szenen, die lediglich für die deutsche TV-Ausstrahlung gekürzt wurden (ähnlich wie es z. B. bei der ersten deutschen DVD der TV-Miniserie JESUS OF NAZARETH von VCL der Fall war). 

Laufzeit: 371 Min. / Freigabe: ab 12

Samstag, 28. Juli 2012

DIE NONNE VON MONZA


LA MONACA DI MONZA
Italien 1969

Regie:
Eriprando Visconti

Darsteller:
Anne Haywood,
Antonio Sabato,
Hardy Krüger,
Margarita Lozano,
Giulio Donnini,
Giovanna Galletti,
Renzo Giovampietro,
Luigi Pistilli



„Aus dem Geheimarchiv des Vatikans, jetzt endlich freigegeben!“
(Warum sollten Kinoplakate lügen?) 


Inhalt:

Äbtissin Virginia de Leyva [Anne Heywood] lässt sich von Pater Paolo Arrigone [Hardy Krüger] erfolgreich bequatschen, dem Lebemann und flüchtigen Mörder Giampaolo Osio [Antonio Sabato] im Kloster Unterschlupf zu gewähren. Dieses hätte sie mal besser gelassen, denn Giampaolo entpuppt sich als dauergeiler Lüstling, der von nun an Tag und Nacht versucht ist, unschuldige Novizinnen zu verführen. Als Virginia ihn deswegen zu verweisen gedenkt, beschwört sie damit eine Katastrophe herauf: Giampolo lauert ihr auf und vergewaltigt die Nonne. Diese ist daraufhin zutiefst verunsichert, empfand sie das Geschehene im Nachhinein doch als gar nicht mal so unprickelnd. Obwohl sie weiß, dass sie sich damit gegen alles stellt, woran sie jemals geglaubt hat, verliebt sie sich in Giampaolo und bringt schließlich sogar ein Kind von ihm zur Welt. Ein Umstand, den die Inquisition nicht gern sieht …

Kritik:

Nunsploitation nennt sich ein Sub-Genre des spekulativen Schmuddelkinos, welches in den 60ern zunächst nur zaghaft ihre Knospen sprießen ließ, um in den folgenden Jahren dann immer wildere und buntere Blüten zu treiben. Eine fehlgeleitete Ordensschwester nach der nächsten durfte über die Leinwand toben, um dem historisch interessierten Publikum die allerneuesten schockierenden Enthüllungen über fürchterliche Freveleien hinter sündigen Klostermauern zu präsentieren. Enthüllt wurde dabei in der Tat nicht unbedingt selten, erwarteten den Betrachter doch überwiegend nicht mehr und nicht weniger als die nacktesten Tatsachen. Vor allem Italien erwies sich dabei in den 70ern als filmische Hochburg: Zum einen verlor der Vatikan zu jener Zeit erheblich an Einfluss, zum anderen hatte man im Stiefelland seit jeher recht wenig Hemmungen, moralisch nicht ganz einwandfreie Ware auf die Leinwand zu hieven. DIE NONNE VON MONZA ist ein noch früher Vertreter dieser Gattung und bedient sich der historisch verbürgten Geschichte Virginia de Levyas, der gefallenen Nonne, die eines Tages das Zölibat Zölibat sein ließ, um sich mit einem Mann zusammenzutun und mit eben jenem schließlich sogar noch Kinder in die Welt zu setzen. Die Kirche, damals diesbezüglich wenig erfreut, ließ daher bald eine Mauer um ihre einstige Dienerin bauen – nicht nur eine des Schweigens.

Geeigneter Stoff also für ein zünftiges cineastisches Schmierenstück. Vor falschen Erwartungen sollte man sich allerdings dennoch hüten. Im Gegensatz zu vielen späteren Beiträgen der Gattung, die deutlich sensationslüsterner zur Sache gingen, hält sich Eriprando Viscontis [→ LA ORCA] Vorreiter nämlich noch recht diskret zurück. Zwar wird auch hier unterschwellig an die niederen Instinkte des Zuschauers appelliert, so richtig getraut, die wilde Drecksau von der Leine zu lassen, hat man sich trotzdem nicht. Stattdessen hüllte man sich in den seriösen Mantel eines vor historischer Kulisse stattfindenden Liebesdramas und heuchelt dabei ein bisschen so etwas wie Bedeutsamkeit. Das Ergebnis ist eine etwas befremdliche Mischung aus Anspruch und Schlüpfrigkeit – recht kurzweilig zwar, doch arg unausgegoren. Das darstellerische Niveau ist dabei überraschend hoch – in Anbetracht der überwiegend sehr banalen Dialoge keine Selbstverständlichkeit. Besonders Anne Heywood [→ EIN MANN GEHT AUFS GANZE] weiß zu gefallen und spielt die schwierige Rolle der leidgeprüften Klosterfrau sehr anständig. Während Hardy Krüger [→ DIE WILDGÄNSE KOMMEN] als undurchsichtiger Priester ebenfalls überzeugen kann, wirkt Antonio Sabatos [→ THE RIFFS II] ständig lüsterner Verführer mit Hang zu Eitelkeit und Gewaltausbrüchen allerdings fast schon lächerlich überzogen.

Als größtes Manko erweist sich allerdings das unausgegorene, vom Regisseur mitverfasste Drehbuch, das seine Charaktere oftmals höchst unnachvollziehbar und widersprüchlich handeln lässt. Selbst, wenn man die abstruse Ausgangssituation, dass eine vergewaltigte Nonne sich in ihren Peiniger verliebt, akzeptieren möchte, geizen die darauf folgenden Ereignisse auch nicht unbedingt mit Merkwürdigkeiten: So verliebt sich offenbar auch der Vergewaltiger in sein Opfer, was ihn jedoch nicht davon abhält, auch weiterhin hinter jedem Rock herzusein, der ihm über den Weg läuft. Dass er schließlich, um den Spaniern zu entkommen, bei seiner Geliebten im Kloster untertaucht (das übrigens direkt neben seinem Haus liegt und daher nicht nur aufgrund der Tatsache, dass von seiner Liaison ohnehin bereits jeder weiß, kein gutes Versteck ist), sich dort zudem äußerst auffällig benimmt und nach Lust und Laune fröhlich ein- und ausspaziert (freilich ohne, dass die Nonnen seinen Aufenthalt dabei bemerken), ist nicht einfach nur unglaubwürdig, sondern schlichtweg hanebüchen (mal ganz abgesehen davon, dass seine Geliebte aufgrund ihres Verhaltens ohnehin schon längst aus dem Orden geflogen wäre, immerhin zieht sie sogar ihr Kind hinter den Klostermauern groß). Da DIE NONNE VON MONZA für sich in Anspruch nimmt, eine wahre Geschichte zu erzählen, fallen derartige Fehlpässe gleich noch mal um so stärker ins Gewicht.

So befindet sich die Handlung trotz aller Anstrengungen, den Eindruck von Authentizität zu erwecken, letzten Endes lediglich auf simplem Groschenroman-Niveau. Unglücklicherweise weiß man der vorherrschenden Trivialität kaum etwas entgegenzusetzen. Auch nicht in Sachen Schaulust, denn Visconti & Co. kurven mit auffallend angezogener Handbremse durch die Klostermauern. Zwar kommt es im Laufe der Handlung auch zu Folterungen, doch diese werden kurz, knapp und kaum selbstzweckhaft abgehandelt und machen den verwöhnten Exploitation-Jünger daher garantiert nicht glücklich. Am grausamsten geriet daher tatsächlich die anfängliche Vergewaltigung. Zwar sieht man auch hier keine Details, doch dafür geriet Anne Heywoods Schauspiel in der Szene sehr intensiv. Auf Nacktheit – egal in welchem Zusammenhang – hofft man hier dennoch ebenfalls vergebens: Die Kutte bleibt an!

DIE NONNE VON MONZA macht es daher am Ende keiner Partei so wirklich recht: Für sabbernde Gore-Bauern gerieten die Ereignisse deutlich zu harmlos, während ein anspruchsvolleres Publikum sich vor allem über die gebotene Oberflächlichkeit echauffieren dürfte. Neben den gelungenen darstellerischen Darbietungen kann ansonsten eigentlich nur noch die überwiegend gekonnt eingefangene Mittelalter-Atmosphäre überzeugen. So bleibt dieser frühe Ausflug in die grausame Welt gepeinigter Pinguine final ein fein ausgestattetes und (besonders in der Hauptrolle) ansprechend gespieltes Liebesdrama, das sich – gehüllt in die ebenso effektvolle wie unaufdringlich-schöne Musik Ennio Morricones [→ AN SEINEN STIEFELN KLEBTE BLUT] – nicht so recht traut, zu seinen spekulativen Tendenzen zu stehen.

Laufzeit: 105 Min. / Freigabe: ab 18