Eigene Forschungen

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Montag, 6. Januar 2025

AN SEINEN STIEFELN KLEBTE BLUT


NAVAJO JOE
Italien, Spanien 1966

Regie:
Sergio Corbucci

Darsteller:
Burt Reynolds,
Aldo Sanbrell,
Nicoletta Machiavelli,
Fernando Rey,
Tanya Lopert,
Franca Polesello,
Lucia Modugno,
Peter Cross



Inhalt:

USA, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die Tötung von Indianern ist mittlerweile verboten. Der skrupellose Duncan [Aldo Sambrell] und seine Banditenbande lassen sich davon allerdings nicht beeindrucken und machen weiterhin Jagd auf Ureinwohner-Skalps. Nachdem sie eine komplette Siedlung vernichtet haben, sinnt Joe [Burt Reynolds], einziger Überlebender des Massakers, auf Rache. Als Duncans Männer einen Zug mit Bargeld-Reserven überfallen, dezimiert Joe die Bande erheblich und bringt das Fahrzeug eigenhändig ans Ziel. Dort bietet er den verängstigen Dorfbewohnern an, Duncan und seine Männer unschädlich zu machen. Diese weigern sich zunächst, sehen jedoch bald ein, dass sie keine andere Wahl haben – denn die verbliebenen Banditen sind bereits auf dem Weg ins Dorf, um das Geld doch noch an sich zu bringen. Joe heftet sich den Sheriffstern an die Brust und verspricht den Anwesenden, sie zu beschützen. Nach seiner Ankunft stellt Duncan fest, dass Joe das Geld versteckt hat. Um den geheimen Ort herauszupressen, beginnt die Bande einen Terror gegen die Bürger, den Joe zunächst nicht verhindern kann – er unterliegt seinen Widersachern und wird gefoltert. Doch mithilfe zweier Huren kann er sich befreien und schlägt zurück.

Kritik:

Im selben Jahr, in dem Regisseur Sergio Corbucci mit dem wegweisenden, weil grandios dreckigen DJANGO das Bild des Wildwestfilms nachhaltig veränderte, inszenierte er noch ein weiteres von ähnlich nihilistischer Stimmung geprägtes Werk, das von den Kritikern häufiger mal vergessen wird: NAVAJO JOE! Gleichfalls als düstere Abkehr von den bis dahin gängigen, heroischen Pferdeopern konzipiert, bediente man sich auch hier später zum Standard gewordenen Genre-Zutaten: Wind pfeift durch karge Felslandschaften, Sand knirscht unter den Stiefeln und Pulverdampf schwängert die Luft – eine trostlose Welt, in der Sitte und Anstand sich größtenteils verabschiedet haben. Bereits der Auftakt stellt diesbezüglich die Weichen: In einer beschaulichen Indianersiedlung geht alles seinen gewohnten Gang. Die Sonne scheint, die Pferde trinken, die Menschen gehen ihren Alltagsgeschäften nach. So auch eine junge Indianerin, die am Fluss sitzt und Felle glättet. Da erscheint ein Reiter, ein weißer Mann mit Sombrero. Er steigt vom Pferd; die Frau lächelt ihn arglos an. Er erwidert die Geste, zieht seinen Colt und knallt sie kommentarlos über den Haufen. Während daraufhin eine Bande marodierender Männer das Dorf überfällt und ein Massaker anrichtet, zieht der Mann ein Messer und skalpiert sein soeben erlegtes Opfer.

Das ist zwar fraglos ziemlich plump und klischeehaft, aber eben auch enorm effektiv: Der harte Umschwung von idyllischer Eintracht zu barbarischer Brutalität schockiert und involviert zudem auf Anhieb das Publikum. Spätestens, wenn der gewissenlose Sombrero-Träger seiner Beute mit beinahe begeistertem Blick die Kopfhaut abtrennt und wie eine makabre Trophäe in die Höhe hält, während auf der Tonspur ein mehrstimmiger, verstörender Klagegesang anschwillt, der sich final zu einem mitreißenden, den Vorspann untermalenden Orchesterstück emporschwingt, dann ist der eigene Alltag völlig vergessen und man ist mit Haut und Haaren Teil dieser apokalyptischen Vision. Dabei ist NAVAJO JOE inhaltlich weder neu noch kreativ: Einmal mehr geht es um den Drang nach blutiger Vergeltung. Denn der einleitende Massenmord hinterlässt einen Überlebenden, Titelheld Joe, dem es nun gehörig nach Genugtuung dürstet. Doch anstatt einfach zur Tat zu schreiten und in Schurkenkreisen aufzuräumen, vereitelt er zunächst lediglich einen Raubzug der Bande und lässt sich dafür von den Bürgern eines kleinen Dorfes zum Sheriff ernennen. Somit darf er die Täter jetzt also sogar im Namen des Gesetzes zur Strecke bringen – denn die Ermordung von Indianern ist laut novelliertem amerikanischen Recht eine Straftat.

So wird aus der eigentlich obligatorischen Rachenummer ein originelles, ja, regelrecht rebellisches Stück Kino. Immerhin ist dies einer der ersten Western, in dem ein indigener Charakter die Hauptrolle verkörpert. War der „Indianer“ auf der Leinwand bis dahin meist als ruchloser Meuchler in Erscheinung getreten, der den armen weißen Mann drangsaliert, agiert er hier als moralische Instanz, während der gutbürgerliche Amerikaner als überwiegend rassistischer und geldgeiler Feigling porträtiert wird. Diesen Perspektivwechsel lotet das Skript geradezu genüsslich aus. Durchtränkt von bissigen Seitenhieben wird hier das pessimistische Bild eines Amerikas gezeichnet, in dem Dinge wie Fremdenhass, Vorurteile und gewissenloses Streben nach Reichtum eine Selbstverständlichkeit darstellen. Bösewicht Duncan und seine Bagage besitzen ohnehin kaum noch menschliche Züge, aber auch bei den vermeintlich so anständigen Dorfbewohnern trudelt der moralische Kompass gar mächtig. Als die Eisenbahn ankommt, mit Leichen gefüllt und von Blut getränkt, gilt ihre größte Sorge dem Panzerschrank inklusive der in ihm enthaltenden Barschaft. Erst, als sie diese an Ort und Stelle vorfinden, macht sich Erleichterung breit: „Es ist alles in Ordnung. Wir haben Glück gehabt!“ Von den Toten redet keiner.

Als Joe den Posten des Gesetzeshüters verlangt, fallen die Anwesenden wenig überraschend aus allen Wolken. „Völlig ausgeschlossen“, meint einer, „ein Indianer als Sheriff? Das amerikanische Gesetz muss von Amerikanern geschützt werden.“ Joe erklärt daraufhin: „Mein Vater wurde hier geboren. Der Vater meines Vaters ebenfalls, genauso der Vater vom Vater meines Vaters. Wo wurde dein Vater geboren?“ „In Schottland“, antwortet sein verdattertes Gegenüber. „Dann bist du kein Amerikaner“, entgegnet Joe und niemandem mehr fällt etwas Passendes ein. In emotional effektiver Manier verlangt Joe von den Dörflern schließlich für jeden Banditen, den er Strecke bringt, einen Dollar. Das ist eine wunderbar-perfide Umkehr früherer Verhältnisse: Ein Dollar, das war der Preis, den zuvor ein Indianer-Skalp einbrachte – der vermeintliche Wert eines indigenen Menschenlebens. Zwar mag die wütende Abrechnung mit der bigotten US-Politik, die Völkermord erst verurteilt, sobald sie keinen Nutzen mehr daraus zu ziehen vermag, teilweise etwas platt anmuten, doch verfehlt sie ihre Wirkung nicht. Ausgerechnet die Huren, die außerhalb der etablierten Gesellschaft stehen, sind dann auch diejenigen, die sich einen letzten Rest Anstand bewahrt haben.

Als Titelhelden sieht man Burt Reynolds in seiner ersten wirklichen Hauptrolle. Authentisch in Sachen Herkunft wirkt das zwar nicht gerade (womöglich auch deswegen, weil der Schauspieler vor allem aufgrund späterer Figuren bekannt ist, die wirklich rein gar nichts mit dieser hier zu tun haben), aber er verkörpert Joe mit einer sehr einnehmenden Lässigkeit und der nötigen ehrfurchtgebietenden Physis. Der Umstand, dass man Reynolds eigentlich mit ganz anderen Rollen assoziiert (nicht wenige davon aus dem Komödienbereich), passt im Nachhinein sogar zwar ungewollt, aber nichtsdestotrotz fabelhaft ins Konzept, geziemt sich das Gesamtwerk letztendlich doch ähnlich eigen wie dessen unkonventionelle Protagonistenbesetzung. Reynolds selbst allerdings fand keine guten Worte für sein Debüt, meinte sogar, es sei so miserabel, dass man es nur in Flugzeugen und Gefängnissen zeigen dürfe, weil man von dort nicht fliehen könne. Woher sein Unmut rührte, erschließt sich einem null, und niemals darf vergessen werden, dass dies derselbe Mann gesagt hat, der 1983 für DER RASENDE GOCKEL in ein Hühnerkostüm kroch und das für eine gute Idee hielt.

Als Antagonist agiert Aldo Sambrell [→ TÖTE, AMIGO] als wahrhaft hassenswerte Drecksau, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Bereits seine offensichtliche Verzückung beim Entfernen der Indianerkopfhaut in der Eingangssequenz macht klar, dass es ihm beim Skalpieren nur zweitrangig um die Belohnung geht: Duncan zieht Erfüllung aus dem Töten. Später ermordet er eigenhändig eine junge Mutter vor den Augen ihres Sohnes - vorgeblich, um eine Zeugin loszuwerden, in Wahrheit jedoch, so ist anzunehmen, aus purem Lustgewinn. „Meine Mutter war eine Indianerin, darum hasse ich die Indianer. Und ich hasse die Weißen, weil mein Vater einer war“, sagt er an einer Stelle, was impliziert, dass seine Mordlust aus reinem Selbsthass resultiert. Psychologisch erscheint das sehr simpel und es erklärt irgendwie auch nichts. So ist Duncans Figur wesentlich stereotypischer geraten, nicht zuletzt auch wegen des klischeehaften Spiels Sambrells. Dass seine deutsche Synchronstimme etwas unpassend ausgewählt wurde, dafür kann er ja nichts.

Apropos Deutsch: Aus irgendwelchen Gründen fürchteten sich die Verleiher der Bundesrepublik jahrelang vor dem Originaltitel. In den Kinos lief NAVAJO JOE zunächst als AN SEINEN STIEFELN KLEBTE BLUT, auf Videokassette nannte sich die Nummer dann plötzlich KOPFGELD: EIN DOLLAR. Beide Titel sind zwar passend, aber warum man sich bis zum digitalen Zeitalter um die originale Namensgebung herumdrückte, ist schon eine berechtigte Frage. Ganz gleich jedoch, unter welchem Banner man sie sich zu Gemüte führt: Corbuccis vor Wut schnaubende Rachemär ist ein schmutziges Glanzlicht, welches das Genre zwar nicht so beeinflusste wie DJANGO, sich aber keinesfalls hinter diesem zu verstecken braucht. Und der schmissige Titelsong von Ennio Morricone [→ TOP JOB] geht einmal mehr ins Ohr. Und bleibt auch dort.

Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 2. Februar 2020

MANNAJA - DAS BEIL DES TODES


MANNAJA
Italien 1977

Regie:
Sergio Martino

Darsteller:
Maurizio Merli,
John Steiner,
Philippe Leroy,
Sonja Jeannine,
Donald O'Brien,
Antonio Casale,
Enzo Fiermonte,
Rik Battaglia



„Sind Sie der Sheriff?“ - „Sind Sie der Präsident?"


Inhalt:

Irgendwann im Wilden Westen: Der knallharte Kopfgeldjäger Mannaja [Maurizio Merli], der meistens per Wurfbeil auf die Jagd geht, kommt in die ungastliche Stadt Suttonville. Er will Burt Craven [Donald O'Brien] abliefern, einen gejagten Schwerverbrecher, den er bereits um eine Hand erleichterte. Wider Erwarten gibt es hier aber weder einen Sheriff, noch irgendeinen anderen Ordnungshüter. Der Ort wird stattdessen vom skrupellosen Ed McGowan [Philippe Leroy] beherrscht, der sich mit dem Abbau von Silber eine goldene Nase verdient. Als Mannaja davon erfährt, lässt er seinen Gefangenen wieder frei. McGowan ist für ihn nämlich der viel größere Fisch: Der scheinheilige Unternehmer trägt die Schuld am Tode von Mannajas Familie. Kurz nach Ankunft gerät er auch schon mit McGowans Handlanger Valler [John Steiner] aneinander: Erst besiegt er ihn beim Kartenspiel, dann gewinnt er das Duell gegen dessen Männer. Diese Schmach kann der eitle Valler nicht auf sich sitzen lassen: Er lockt Mannaja in einen Hinterhalt, den dieser fast mit dem Leben bezahlt. Doch der halbtote Kopfgeldjäger wird von umherziehenden Schaustellern gerettet und gesundgepflegt. Währenddessen entdeckt McGowan, dass Valler die ganze Zeit gegen ihn gearbeitet hat. Als er zwecks Lösegelderpressung dessen Tochter Deborah [Sonja Jeannine] entführt, engagiert der verzweifelte Vater ausgerechnet Mannaja, um sein Kind zu retten. Mannaja nimmt den Auftrag an. Noch ahnt er nicht, dass mehr hinter der Sache steckt.

Kritik:

Es waren vor allem Sergio Leones FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR [1964] und Sergio Corbuccis DJANGO [1966], die Mitte der 1960er Jahre die Weichen für eine fast völlig neue Spezies stellten: Der Italo-Western, der dreckige, kleine Bastard einer bis dahin eigentlich uramerikanischen Gattung, lockte das Publikum mit einem neuartigen Grad an Gewalt und Zynismus in die Kinosäle und ließ somit gewaltig die Kassen klingeln. 10 Jahre später waren nicht nur unzählige Statisten tot, auch das Genre lag im Sterben. Jeder Pistolero hatte sich inzwischen gerächt, jede Banditenbande war gegeneinander ausgespielt und Bud Spencer und Terence Hill hatten längst die Bühne betreten, um mit Keile und Klamauk festgefahrene Klischees zu entstauben. Bevor das letzte Pulver dann wirklich verschossen war, bäumten sich allerdings drei Werke noch mal richtig auf, um verbleibenden Fans späte Satisfaktion zu liefern: VERDAMMT ZU LEBEN, VERDAMMT ZU STERBEN [1975] von Lucio Fulci, KEOMA – DAS LIED DES TODES [1976] von Enzo G. Castellari sowie der vorliegende MANNAJA - DAS BEIL DES TODES, der gleich in mehrfacher Hinsicht überraschen konnte. Zum einen hätte wohl niemand damit gerechnet, dass Regisseur Sergio Martino [→ DIE FARBEN DER NACHT], der sich zu diesem Zeitpunkt ein festes Standbein im Bereich des Kriminal- und Copfilms erschaffen hatte, nach DER TOD SAGT AMEN [1970] noch einmal den Taktstock für eine raubeinige Bleioper schwingen würde. Und zum anderen kam er dafür auch noch mit einem Hauptdarsteller ums Eck, der zuvor gefühlt noch niemals etwas anderes gespielt hatte als den ruppigen Rache-Bullen im Killer-Modus: Schnauzbart-Vertreter Maurizio Merli [→ DIE GEWALT BIN ICH].

Verinnerlicht man sich allerdings, wie sehr der Western und der Polizeifilm thematisch miteinander verbandelt sind, ist die Besetzung nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Statt durch den Dschungel der Großstadt pflügt Merli hier nun eben durch die Botanik des Wilden Westens, um flüchtige Verbrecher hopszunehmen und sie, nicht zwangsläufig unversehrt, der sogenannten Rechtsprechung auszuliefern. Getreu gängiger Genre-Regeln geht er dabei – konform zu seinen bekannten Einsätzen mit Marke und Uniform – weder zöger- noch zimperlich zu Werke: Wer Widerstand oder Fluchtversuche wagt, muss mit ernst- und schmerzhaften Konsequenzen rechnen. Effektiv vermittelt wird das durch einen grandios inszenierten Auftakt, der eine zum Schneiden dichte Atmosphäre der Ungastlichkeit und Brutalität kreiert und ohne jede Mühe Assoziationen zum Horrorfilm zulässt: Dichter Nebel wabert durch die Wälder, ein Mann rennt in blanker Panik durch die Sümpfe, sein berittener Verfolger nähert sich unerbittlich in nervenzerrender Zeitlupe. Eine kurze Verschnaufpause wird dem Gejagten schließlich zum Verhängnis: Die Silhouette des unheimlichen Reiters erscheint im trüben Dunst, ein fliegendes Beil zerschneidet erst die Luft und dann dem in Angst erstarrten Opfer den rechten Arm, dem fortan die dazugehörige Hand fehlt.

Effektiver kann man einen kompromisslosen Antihelden kaum einführen. Denn der Jäger hoch zu Ross war natürlich Titelfigur 'Mannaja', der kaltblütige Kopfgeldjäger, den eine geisterhafte Aura umwabert und der in der Regel lieber zum Beil als zur Bleipuste greift. Die Intensität dieser im wahrsten Sinne einschneidenden Eröffnung wird nachfolgend zwar nicht mehr erreicht, schaurig-schöne 90 Minuten erwarten einen dennoch. Zwar taten Sergio Martino und Co-Autor Sauro Scavolini [→ 10.000 BLUTIGE DOLLAR] im Grunde nichts anderes, als sattsam bekannte Versatzstücke neu aufzukochen und auskömmlich zusammenzufügen. Das geschah jedoch dermaßen selbstbewusst und technisch versiert, dass kaum Grund zur Klage besteht. Dennoch liegen die Stärken eindeutig nicht bei der Story, die arg episodenhaft und zerfasert daherkommt. Scheint Mannaja im einen Augenblick noch tiefsitzende Vergeltungsgelüste zu hegen (ohnehin fällt ihm reichlich spät ein, dass er sich ja noch für etwas rächen muss – man fragt sich, warum er die Sache nicht schon längst mal angepackt hat), arbeitet er im nächsten Moment ohne nennenswerte Motivation mit seinem vorgeblichen Erzfeind zusammen. Sein in dramaturgischer Hinsicht sehr früh erfolgender Beinahetod bleibt im Nachhinein nahezu folgenlos und ist bereits wenige Szenen später auch kein Thema mehr. Und auch der Plan des fiesen Vasallen Valler (der nach Einführung schnell die Rolle des eigentlichen Oberschurken einnimmt) erscheint vom Skript in Sachen Sinn und Schlüssigkeit ein wenig vernachlässigt: Warum entführt er ein Mädchen, um Lösegeld von seinem eigenen Boss zu erpressen, wenn er tagtäglich von dessen Reichtümern umgeben ist und er sich eigentlich nur zu bedienen bräuchte?

Derartige Fragen darf man sich ruhig stellen, wirklich zielführend wäre das allerdings nicht. MANNAJA bezieht seinen Reiz nämlich weniger aus seiner Geschichte, sondern in erster Linie aus den aus ihr konstruierten Situationen und Stimmungen. Der Nihilismus feiert neue Triumphe im kargen Städtchen Suttonville, das hier als Schauplatz dient und in dem die Arbeiter in den Silberminen vom tyrannischen Großgrundbesitzer Ed McGowan (Philippe Leroy [→ MILANO KALIBER 9]) gnadenlos geknechtet werden. Dieser allerdings sieht sich selbst als gottesfürchtigen Menschen und lässt die Damen einer Schaustellertruppe, die ihm zu lockere Lebensauffassungen mitbringen (man könnte auch sagen: die ein wenig Freude ins Leben bringen könnten), öffentlich auspeitschen. Hintergangen wird er von seinem eigenen Helfershelfer Theo Valler (John Steiner [→ FLUCH DES VERBORGENEN SCHATZES]), der ihm erst das abgebaute Silber raubt, dann dessen Tochter, und schließlich dessen Status als örtlicher Alleinherrscher. Ein Tyrann wird ersetzt durch den nächsten, der sich dann als noch schlimmer als sein Vorgänger erweist. Ausgerechnet Schwerverbrecher Burt Craven (Donald O'Brien [→ LAUF UM DEIN LEBEN]), dem Mannaja zu Beginn so schwungvoll das Greifwerkzeug entfernte, scheint im Laufe der Ereignisse den Kreislauf der Niedertracht durchbrechen und Werte wie Mitleid und Menschlichkeit in Erinnerung rufen zu wollen. Aber sicher sein darf man sich da auch nicht, denn Vertrauen endet meist tödlich.

Das pessimistische Weltbild MANNAJAs wird unterstützt durch geschickte inszenatorische Raffinessen (wie eine Parallelmontage zwischen einer burlesken Tanzdarbietung und einem blutigen Massaker, bei der die im Kugelhagel sterbenden Personen ihr eigenes Todesballett aufs Parkett zu legen scheinen), fiese Foltermethoden (Mannaja wird bis zum Hals im Sand eingegraben und gezwungen, stundenlang in die gleißende Sonne zu starren) und Sequenzen wahrlich infernalischer Kaltblütigkeit (aufständische Arbeiter werden per MG-Beschuss gnadenlos niedergemäht). Dazu gesellen sich prominente Elemente wie Schlägereien im Schlamm, heulende Winde und kriechende Kälte. Nein, MANNAJA ist kein verspätetes Meisterwerk. Dazu bringt er zu wenig eigene Ideen und klare Linien mit. Aber er vereint nochmal all das, was Fans an einem Genre so liebten, bevor der Vorhang dann wirklich fiel. In hochwertiger Präsentation. Ziemlich geil, das Beil!

Laufzeit: 99 Min. / Freigabe: ab 18

Freitag, 29. März 2019

VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU


CARAMBOLA
Ialien 1973

Regie:
Ferdinando Baldi

Darsteller:
Paul L. Smith,
Antonio Cantafora,
Horst Frank,
Luciano Catenacci,
Franco Fantasia,
Guglielmo Spoletini,
Pino Ferrara,
Pedro Sanchez



Inhalt:

Der schlitzohrige Tausendsassa Toby [Antonio Cantafora] ist ehemaliges Armeemitglied, trotz seiner hohen Trefferquote jedoch schon längst ausgestiegen. Eines Tages meldet sich sein ehemaliger Vorgesetzter Captain Johnson [Luciano Catenacci] wieder bei ihm: Waffenschmuggler sind am Werk und machen Jagd auf einen modernen Superrevolver, der zufällig in Tobys Hände fällt. Toby bietet seine Hilfe an, hätte dabei allerdings gern seinen bärenstarken Kumpel Butch [Paul L. Smith] mit an Bord. Dieser jedoch stellt sich stur, ist er vom quirligen Toby doch schwer angenervt. Erst durch einen Trick kann man ihn zur Zusammenarbeit überreden. Nachdem das Duo aufgehört hat, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen, beginnt schließlich die Gaunerhatz. Gehauen wird dabei allerdings auch. Das bekommt vor allem der schurkische Clydeson [Horst Frank] zu spüren, Drahtzieher der illegalen Waffenverkäufe und außerdem Kidnapper des renommierten Waffenexperten Professor Langer [Franco Fantasia]. Es kommt zum großen Finale der fliegenden Fäuste.

Kritik:

Als sich 1970 DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS über die Leinwände der Welt prügelten, veränderte das ein ganzes Genre. Die unter der Regie Enzo Barbonis entstandene Western-Humoreske wurde ein überwältigender Kassenschlager und machte ihre beiden Hauptdarsteller Terence Hill und Bud Spencer zu gefeierten Stars. Natürlich rief das jede Menge Nachahmungstäter auf den Plan. In den Folgejahren konnte sich der Kinofreund somit kaum retten vor schlagkräftigen Duos, die sich ihren Weg durch den Westen bahnten und dabei nicht nur Sprüche klopften. Waren diese Imitationen auch eindeutig an das beliebte Erfolgsgespann angelehnt, so besaßen sie in der Regel trotz allem immer noch genügend Eigenständigkeit, um sich entsprechend abheben zu können. Armando Todaro [→ HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS] hingegen hatte da deutlich weniger Hemmungen als die Konkurrenz. In frommer Hoffnung auf den flinken Dollar kopierte der findige Produzent daher nicht nur das zugrunde liegende Konzept, sondern alles andere gleich noch mit. Mit Antonio Cantafora und Paul L. Smith castete man zwei Darsteller, die Terence Hill und Bud Spencer möglichst ähnlich sahen, brachte sie durch ein bisschen Maskerade zusätzlich in die gewollte Form und ließ sie Mimik und Gestik der Vorbilder genauestens einstudieren. Mit den so herangezüchteten Klonen in den Hauptrollen entstand dann schließlich der Wildwest-Klamauk CARAMBOLA, der formal und inhaltlich ebenfalls den Werken Barbonis nacheifert. Nach Fertigstellung wurden (angeblich als Hommage) die Namen der Originale größer auf dem Plakat platziert als die der Plagiate, in der Hoffnung, das Publikum würde den Schwindel entweder nicht bemerken oder ihn gleichgültig zur Kenntnis nehmen.

Der hiesige Verleih schloss sich dieser gezielten Verwirrungstaktik dann auch liebend gern an, und so erlebte die Replik im Februar 1975 ihre Deutschland-Premiere als VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU. Dieser Titel suggeriert natürlich eine Fortsetzung zum kurz zuvor gestarteten VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA, der seinerseits die Fortsetzung zu DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS war. Ungeachtet jeder filmischen Qualität ist es schon bemerkenswert, wie man es geschafft hat, ein nahezu perfektes Ebenbild zu erschaffen. Smith und Cantafora sehen ihren Vorlagen in manchen Momenten so verblüffend ähnlich, dass man tatsächlich beinahe vergisst, es nicht mit Bud Spencer und Terence Hill zu tun zu haben. Das liegt freilich nicht nur an der optischen Ähnlichkeit. Vor allem Paul Smith gelingt es vorzüglich, die vertrauten Mechanismen Bud Spencers bestmöglich nachzuahmen (dass man ihm im Deutschen noch dieselbe Synchronstimme verpasst hat, macht die Illusion fast vollkommen). Antonio Cantafora (der später in dem Heuler SUPERSONIC MAN einen weiteren Helden nachäffen durfte) hat hingegen deutlich mehr Mühe, wirkt häufig unbeholfen oder sogar verunsichert (was auch verständlich ist, wenn man als Schauspieler dazu gezwungen wird, ein anderer Schauspieler zu sein). Die Dramaturgie des Plots folgt ebenfalls vertrauten Mustern: Ein ungleiches Paar, das sich vordergründig nicht ausstehen kann und ständig versucht, sich gegenseitig auszustechen, wird aufgrund widriger Umstände zur Zusammenarbeit gezwungen, vergrault sich auf halber Strecke gegenseitig, um sich am Ende dann doch wieder zusammenzuraufen und mit dem Rest der Welt abzurechnen.

Das große Manko des Ganzen liegt auf der Hand: VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU besitzt nicht einen Hauch Souveränität und ist der beste Beweis dafür, dass der Erfolg der Spencer-/Hill-Filme nicht allein darauf beruhte, dass ein schlaksiges Blauauge und ein bärtiger Dickwanst zotenreißend durch die Gegend ziehen und Leute vermöbeln. Denn obwohl auch die Kopie inhaltlich all das bietet, was das Original groß und beliebt gemacht hat, bleibt sie ein müdes Plagiat, dem die perfekt harmonierende Interaktion und darstellerischen Fähigkeiten seiner Hauptdarsteller ebenso abgeht, wie die gekonnte und gut getimte Inszenierung Barbonis. Die (natürlich ebenfalls zahlreich vorhandenen) Prügeleien entsprechen in ihrer Choreographie zwar gleichermaßen dem Vorbild (inklusive der berühmten Bud-Spencer-Kopfnuss), erfolgen aber stets völlig uninspiriert und lediglich als Mittel zum Zweck. Der Höhepunkt der Dreistigkeit steht dann auch exemplarisch dafür, warum der Abklatsch nicht funktioniert: In einer Szene stellt Antonia Cantafora Terence Hills Dauer-Backpfeife aus VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA quasi 1 : 1 nach. Völlig aus dem Handlungskontext gerissen, dient sie hier überhaupt keinem Zweck und existiert nur, da man der Ansicht war, sie gehöre halt einfach hinein. Dieser eine Moment veranschaulicht das ganze Dilemma: Man reproduzierte zwar handwerklich versiert, aber ohne jedwede Kohärenz und Relevanz und führt das Ganze somit letzten Endes in die Sinnlosigkeit.

Leider ist auch die deutsche Synchronfassung längst nicht so spritzig geraten wie beim populären Prototypen. Das ist bedauerlich, immerhin kam es schon mehrmals vor, dass eine bierselige Teutonen-Vertonung eher belanglosen Italo-Klamauk tüchtig aufpeppen konnte. Gute Laune besorgt immerhin der flotte (natürlich im Stil von Oliver Onions komponierte) Titelsong, der sich wie ein Leitmotiv durch das Geschehen zieht. Um die Regie kümmerte sich Routinier Fernando Baldi, der bereits den unsäglichen BLAUE BOHNEN FÜR EIN HALLELUJA verbrochen hatte, auf dessen Konto allerdings auch sehenswerte Genre-Beiträge wie DJANGO UND DIE BANDE DER GEHENKTEN gehen (beide ironischerweise mit dem echten Terence Hill). Obwohl das Publikum damals (angeblich) lauthals protestierte, war die Masche wohl recht erfolgreich: Ein Jahr später kam mit VIER FÄUSTE UND EIN HEISSER OFEN eine direkte Fortsetzung, zudem wurden noch drei weitere unabhängige Klopper-Komödien mit dem Doppelgänger-Duo fabriziert. Lässt man die fehlende Eigenständigkeit außer Acht, so bietet VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU auch zumindest sauber gefertigten Zeitvertreib für anspruchslose Gemüter. Wer sich an Spencer und Hill sattgesehen hat, kann es daher ruhig mal mit Smith und Cantafora probieren.



Und? Wer ist hier zu sehen?


Laufzeit: 100 Min. / Freigabe: ab 12

Mittwoch, 27. März 2019

DER SCHRECKEN VON KUNG FU


LO STRANIERO DI SILENZIO
Italien, USA 1968

Regie:
Luigi Vanzi

Darsteller:
Tony Anthony,
Lloyd Battista,
Kin Omae,
Rita Maura,
Kanji Ohara,
Raf Baldassarre,
Yoshio Nukano,
William Conroy



Inhalt:

Der Cowboy, der sich nur der ‚Fremde‘ nennt [Tony Anthony], findet einen sterbenden Japaner, welcher ihm eine Schriftrolle in die Hand drückt und 20000 Dollar Belohnung verspricht, falls er diese zu ihrem Besitzer nach Osaka zurückbringt. Leicht verdientes Geld, glaubt der Fremde, und macht sich auf den Weg ins ferne Japan. Kaum angekommen, gerät er mitten in eine brutale Familienfehde: Zwei Brüder bekriegen sich bis aufs Blut – und Grund für den Zoff ist ausgerechnet die Schriftrolle, die sich im Besitz des Fremden befindet. Dieser gerät dann auch prompt zwischen die Fronten, kassiert erstmal ordentlich Prügel und wird auch noch nach erfolgter Übergabe mit Falschgeld abgespeist. Das findet dieser reichlich ungut, weswegen er beginnt, die feindlichen Brüder gegeneinander auszuspielen.

Kritik:

Deutschlands Filmtitel waren beizeiten schon mal recht abenteuerlich. Relativ weit oben auf der Liste der absurdesten Auswüchse befindet sich mit Sicherheit auch DER SCHRECKEN VON KUNG FU, ein syntaktisch unsauberes und inhaltlich unsinniges Wortkonstrukt, das wohl primär dem Ziel diente, ein paar Bruce-Lee-Jünger hinters Licht und ins Lichtspielhaus zu führen. Diese dürften dann eher ernüchtert gewesen sein, wird einem doch während der gut 90 Minuten Laufzeit nicht eine einzige Kung-Fu-Pose geboten - was in Anbetracht der Tatsache, dass die Handlung in Japan spielt, auch kaum verwunderlich ist, da Samurai-Krieger in der Regel ja eher selten mittels Kung Fu zu kämpfen pflegten. Im Deutschen kaum noch erkennbar, ist DER FREMDE UND DER SAMURAI (so der viel treffendere Alternativtitel) in Wahrheit ein waschechter Italo-Western und dritter und damit abschließender Teil einer Trilogie um einen ebenso namenlosen wie wortkargen Revolverhelden, der sich bereits in den Vorgängern EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN sowie WESTERN JACK (beide von 1967) auf der Suche nach Glück, Geld und Gold befand und hier abermals vom US-amerikanischen Schauspieler Tony Anthony (eigentlich Roger Anthony Petitto) verkörpert wird. In Teil 1 lediglich Hauptdarsteller, war Anthony für diesen Abschluss der Reihe mittlerweile zum Co-Produzenten aufgestiegen und konnte somit auch einiges an eigenem Einfluss geltend machen. Den Regiestuhl drückte abermals Wenigfilmer Luigi Vanzi [→ 1931 - ES GESCHAH IN AMERIKA], der auch schon die beiden Vorgänger auf den Weg brachte und gewohnt versiert zu Werke ging.

Die Idee, dieses Mal das japanische Osaka als Schauplatz zu nutzen, ist vor allem deswegen sehr reizvoll, weil das zu Grunde liegende Konzept auf diese Weise zurück zu seinen Wurzeln geführt wird. War der Erstling noch ein ziemlich unverhohlener Nachahmer des wegweisenden Leone-Klassikers FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, welcher seinerseits bereits die Neuinterpretation der japanischen Samurai-Saga YOJIMBO darstellte, ist die Geschichte somit nun also wieder dort angekommen, wo sie eigentlich ihren Ursprung hatte. Das war zum Produktionszeitpunkt nicht nur neu und innovativ (später gab es noch viele weitere Vertreter, die Ost und West filmisch zusammenführten), es funktioniert auch tadellos und veranschaulicht einmal mehr, wie sehr die Genres 'Western' und 'Samuraifilm' tatsächlich miteinander verbandelt sind. Doch nicht nur der Austragungsort wurde gewechselt, auch der Grundton änderte sich auffallend. Entfernte sich bereits der Vorgänger ein gutes Stück von der Kargheit des Originals, geht es hier nochmals deutlich ironischer zur Sache und bewegt sich auffallend weiter in Richtung Komödie. Das liegt in erster Linie an der gekonnten Ausspielung der zahlreichen Konflikte, die sich aus den Sprach- und Kulturunterschieden ergeben und die, möchte man denn ernsthaft zum Ziel gelangen, überwunden werden müssen. Darin liegt am Ende einer der wesentlichen Unterschiede: Ging es in den Vorgängern hauptsächlich noch darum, sein Gegenüber möglichst effektiv übers Ohr zu hauen, liegt der Fokus hier gerade auf gegenseitigem Verstehen.

Trotz dieses Umstandes muss nun allerdings niemand befürchten, hier herrsche eitel Friede, Freude, Eierkuchen. Die typischen Tugenden des Italo-Westerns wurden beileibe nicht abgelegt, List und Tücke bestimmen nach wie vor das Geschehen. „Du nicht können uns verstehen“, sagt die junge Dolmetscherin in einer Szene zum Fremden. „Was gibt's da groß zu verstehen?“, entgegnet dieser gewohnt lakonisch. „Wenn's um die Moneten geht, ist es hier wie bei uns drüben“. So suhlen sich die Helden auf der Jagd nach schnödem Mammon in Schmutz und Schlamm, was Kameramann Mario Capriotti [→ DER KLEINE SCHWARZE MIT DEM ROTEN HUT] in dreckig-schöne Bilder einfing. Da die Story im Prinzip bereits reichlich ausgelatscht daherkommt, bevölkerte man sie zum Ausgleich mit nem ganzen Haufen skurriler Gestalten und setzte ne gesunde Schippe Galgenhumor oben drauf. Dabei ist Anthony erfreulicherweise nicht immer der allen anderen überlegene Held – unter Umständen guckt ‚der Fremde‘ schon mal etwas sparsam aus der Wäsche. Das bringt ihm einige Sympathiepunkte ein und übertüncht ein wenig das Manko, dass sein Mienenspiel nach wie vor einigen Limitierungen unterliegt. Das eindeutige Vorbild Clint Eastwood tat bei seinen Ausflügen nach Wildwest zwar im Prinzip auch nie mehr, als grimmig dreinzuschauen, nur kaufte man diesem seinen Zynismus und seine Resignation auch wirklich ab. Anthony hingegen sieht meistens so aus, als sei er einfach nur beleidigt. Wenn die Action loslegt, ist dieses Defizit jedoch schnell wieder vergessen. Vor allem im Finale macht er sich großartig und schickt jedem ins Jenseits gepusteten Bösewicht noch einen lässigen Einzeiler hinterher.

Nachdem sich aufgrund rechtlicher Probleme die Veröffentlichung über längere Zeit hingezogen hatte, erreichte DER SCHRECKEN VON KUNG FU die Leinwand schließlich erst nach einigen Änderungen seitens des Verleihs, da man der Meinung war, sich dem mittlerweile geänderten Publikumsgeschmack anpassen zu müssen. Auch, wenn es gewiss interessant wäre, die ursprünglich intendierte Fassung mal zu Gesicht zu bekommen, muss man zugestehen, dass die Maßnahmen dem Werk nicht sonderlich geschadet haben. Das Ergebnis wirkt nicht etwa wie ein zurechtgebogener Schnellschuss (höhö!), sondern absolut rund und bietet eine gesunde Mischung aus Humor und Härte, Dialog und Duell, Ost und West. Und da sich hier zum Pulverdampf auch noch der Schwertkampf gesellt, bleibt auch die Action angenehm abwechslungsreich. Dass die Reihe um den Fremden hiermit ihren Abschluss feierte, ist dennoch legitim – die (ohnehin alles andere als bahnbrechende) Geschichte schien endgültig auserzählt, eine weitere Variante wäre schlichtweg müßig gewesen. So versetzt das Finale der Trilogie zwar nicht unbedingt die Kritiker der Schönen Künste in Verzückung, bietet Freunden des Italo-Westerns aber nochmals all das, was sie am Genre so schätzen. Und aufgrund der attraktiven Verquickung mit asiatischen Motiven eben auch noch ein bisschen mehr. Kung Fu gehört freilich nicht dazu. Man kann nicht alles haben.

Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 3. März 2019

...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE


UN PAR DE ASESINOS
Italien 1971

Regie:
Rafael Romero Marchent

Darsteller:
Gianni Garko,
Guglielmo Spoletini,
María Silva,
Raf Baldassarre,
Cris Huerta,
Francisco Sanz,
Luis Induni,
Carlos Romero Marchent



„Hol schon mal die Karten raus!“
„Aber mit … Ääääh … Wie hieß der noch gleich?“
„Vergnügen.“
„Richtig! Mit Vergnügen.“


Inhalt:

Santana [Gianni Garko] und Marcos [Guglielmo Spoletini] sind zwei Gauner, die ständig dem Großen Geld hinterherjagen. Nach ihrem letzten Bankraub jedoch werden ihnen die erbeuteten Moneten von ihrem Partner Burton [Raf Baldassarre] wieder abgeluchst, während sie sich in einer vom Sheriff belagerten Holzhütte wiederfinden. Allerdings können sie Hilfssheriff Smitty [Cris Huerta] mit der Aussicht auf ordentlich Barschaft davon überzeugen, gemeinsam bei Geldräuber Burton vorbeizuschauen. Als der Besuch jedoch erfolglos verläuft, da Burtons Bruder sich den Zaster bereits unter den Nagel gerissen hat, will Smitty die Beiden in den Bau stecken. Diese lehnen dankend ab, indem sie ihn am nächsten Baum aufknüpfen. Stattdessen schließt sich die schöne Maria [María Silva], welche gerade Hab und Gut verloren hat, dem Trupp an. Das Geld wechselt inzwischen abermals den Besitzer, als die sadistischen Kirby-Brüder Burton zwangsenteignen. Eher zufällig kreuzen sich die Wege der Kirbys mit denen von Santanas Trupp. Doch auch nach erfolgter Bleiorgie sind die letzten Fronten noch nicht geklärt, denn: 'Bosheit, dein Name ist Weib!'

Kritik:

Als Western-Freund durfte man in den 60er und 70er Jahren schon mal leicht verwirrt sein. Nicht nur, dass sich die zahlreichen Revolverhelden charakterlich häufig glichen wie ein Ei dem anderen, auch ihre Namen waren sich oftmals zum Verwechseln ähnlich. Eine der Paraderollen des in Kroatien geborenen Schauspielers Gianni Garko [→ DJANGO - 10.000 BLUTIGE DOLLAR] war die des Meisterschützen Sartana, der bei seinem ersten Auftritt 1966 noch als brutaler Schurke fungierte, bevor er ab 1968 unter demselben Namen in einer vierteiligen Reihe den Bösewichten als sarkastischer Verbrechensbekämpfer selbst das Lebenslicht ausknipste. 1970 gab es dann noch ein weiteres Sartana-Abenteuer, allerdings wurde die Figur hier von George Hilton dargestellt und zudem in der deutschen Fassung Django genannt. Wie gesagt: verwirrend. Und weil das alles noch nicht reicht, erschien 1971 ein wiederum von Garko verkörperter Sartana auf der Leinwand, welcher jedoch abermals ein völlig anderer Charakter war und womöglich auch deswegen vom deutschen Verleih in Santana umgetauft wurde. ...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE nennt sich das im vollen Wortlaut, und dieser Titel kommt nicht von ungefähr. Denn wo Sartana noch das Herz am rechten Fleck hatte, ist Santana ein ziemlicher Halunke, der stets auf eigenen Vorteil bedacht ist und zur Not lieber einen zu viel als zu wenig über die Klinge springen lässt.

Diese Eigenschaft teilt er mit seinem Weggefährten Marcos, gespielt vom ehemaligen Stuntman Guglielmo Spoletini [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU], mit welchem er ein doch recht eigenartiges Gespann abgibt. Beide sind zwar offenbar beste Kumpels, pflegen dabei jedoch ein ganz eigenes Verständnis von Freundschaft und jagen sich, wenn sie grantig aufeinander sind, schon mal gegenseitig eine Ladung Blei vor die Füße. Und als Santana seinen Kompagnon kurzzeitig für dahingeschieden hält, dauert es keine fünf Minuten, bis er bei dessen Bettgespielin auf Tuchfühlung geht. Als der vermeintlich Verblichene dann plötzlich relativ quicklebendig im Schlafzimmer steht, ist dieser zwar zunächst erbost ob dieser unerhörten Treulosigkeit, nachdem Santana ihm aber glaubhaft versichern konnte, dass der Beischlaf seiner Freundin ja nicht freiwillig erfolgte, ist alles wieder in Butter. Mit Zynismus wird hier also wahrlich nicht gespart, was mittels der deutschen Synchronfassung nochmal intensiviert wird.

Der Grund dafür ist Rainer Brand, der dem boshaften Geschehen nach eigenem Buch seinen bewährten Stempel aufdrückte. Zu Brands bekanntesten Arbeiten zählen die deutschen Vertonungen einer Vielzahl von Bud-Spencer-/Terence-Hill-Streifen, die mit dem schnodderigen Sprachstil meist hervorragend harmonierten. Bei ...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE bediente er sich aus gleichem Fundus, was das Bosheitsbarometer in sagenhafte Höhen schnellen lässt. Denn Santana und Marcos sind eben keine harmlosen Spaßvögel wie Spencer und Hill, die in ihren Komödien moralisch ja stets völlig integer waren, sondern zwei eigentlich sehr brutale Gesellen, die zur Durchsetzung ihres Willens notfalls auch Unschuldige mit einem müden Arschrunzeln ins Jenseits befördern. Dennoch hauen sie zeitweise im Maschinengewehr-Rhythmus sarkastische Einzeiler raus, die zudem überwiegend ebenso sicher ins Schwarze treffen wie die Kugeln Santanas. Als Marcos Santana mit seiner Perle im Bett erwischt, ruft der in flagranti Ertappte erfreut: „Grüß dich, Keule! Hätteste ma ne Brieftaube geschickt, bevor du kamst, dann hätten wir geheizt.“ Als Santana den nicht gerade schlanken Smitty erspäht, grübelt er: „Für einen Menschen ist er zu fett, aber für ein Schwein hat er zu kleine Ohren.“ Als ein Kontrahent vor Santana in vermeintlich cooler Pose verharrt, kommentiert dieser das mit: „Is' bald Ostern, was? Der steht so breitbeinig da.“ Und über ihre spätere Weggefährtin Maria heißt es höchst charmant: „Eine Klassefrau! Man muss ihr nur ab und zu mal eine runterhauen, damit sie klasse bleibt.“

Die Inszenierung Rafael Romero Marchents [→ GARRINGO – DER HENKER] geriet zwar überwiegend routiniert, wartet aber mit einigen netten Sperenzchen auf. Im Gedächtnis bleibt vor allem eine überraschend intensive Sequenz zur Halbzeit, in welcher die grausame Kirby-Familie ein paar Siedler entführt, sich hemmungslos betrinkt und ihre Opfer sadistischem Psychoterror aussetzt. Die Kamera fängt dabei unsaubere Nahaufnahmen wahlweise gequälter und quälender Gesichter ein, was, verbunden mit der Klangkulisse aus johlendem Gelächter und unterstützt von dem rasanten Schnitt, welcher in seinem Tempo zur Orientierungslosigkeit führt, ein wunderbar alptraumhaftes Szenario entstehen lässt. Überhaupt ist die Kameraarbeit hier nicht verachten und sorgt für ein paar gelungene visuelle Eindrücke. So gefällt beispielsweise auch die dynamische Fahrt um einen Pokertisch, auf dem eine brennende Dynamitstange die Anwesenden mit dem Tod bedroht.

Eingerahmt von flottem Titelsong, welcher sich jedem, der ihm lauscht, erstmal für die nächsten paar Stunden in den Gehörgang bohrt, bietet ...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE, nicht zuletzt dank der Synchronfassung, angenehm asoziale Western-Unterhaltung, die freilich all jenen Kritikern in die Hände spielt, welche den Italo-Western als menschenverachtenden Schund verabscheuen. In der Tat wird hier recht starker Tobak geboten. Die Macher kreierten genregerecht ein biestiges Pendant zur Heile-Welt-Attitüde anderer Anbieter, ein dreckiges Biotop, in dem keine bunten Blumen, sondern blaue Bohnen blühen und in dem Profit und primitive Instinkte die größten Regenten sind. Selbst die vermeintlichen Sympathiefiguren sind Widerlinge. Sie vergewaltigen, sie morden und reißen (vorwiegend in der deutschen Fassung) noch muntere Sprüche dabei. Bis zum Schluss weiß man nicht so recht, ob man sich mit ihnen solidarisieren oder sie verabscheuen soll, und immer, wenn man gerade Gefahr läuft zu vergessen, dass man es hier eigentlich mit zwei astreinen Anti-Helden zu tun hat, ritzen Santana und Marcos eine weitere Kerbe ins Holz. Nicht zuletzt fragt man sich, ob sich die beiden selbst überhaupt gegenseitig leiden können. Immerhin riskieren sie zeitweise ohne erkennbaren inneren Konflikt auch den Tod des anderen und scheinen im Falle des Falles auch keine Träne über das Ableben des Partners zu vergießen. Vermutlich ist dieses Verhalten einfach das Resultat des rauen Umfeldes, in dem sie sich befinden, und mag es auch eigentümlich erscheinen, so scheinen sie zumindest nicht vergessen zu haben, dass so etwas wie Freundschaft tatsächlich existiert - das ist in der Welt, in der sie sich befinden und aufgewachsen sind, vermutlich schon etwas wert.

Laufzeit: 85 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 23. Januar 2017

LAUF UM DEIN LEBEN


CORRI, UOMO, CORRI
Italien, Frankreich 1968

Regie:
Sergio Sollima

Darsteller:
Tomas Milian,
Donald O'Brien,
John Ireland,
Linda Veras,
Marco Guglielmi,
José Torres,
Luciano Rossi,
Nello Pazzafini



„Bring sie um! Mit Herz und Gefühl von mir aus. Aber möglichst viele!“


Inhalt:

Als der sympathische Tagedieb Cuchillo [Tomas Milian] nach einer nervenzehrenden Hatz durch die Sierra Nevada nach Hause zurückkehrt, hat er gleich schon wieder Pech und landet erneut schuldlos hinter Gittern. Dort trifft er den Revolutionsführer Ramirez [José Torres], der ihn bittet, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. 100 Dollar winken dafür als Belohnung. Das lässt sich Cuchillo natürlich nicht zweimal sagen, und tatsächlich gelingt den Beiden trickreich die Flucht. Im Lager der Revolutionäre allerdings wartet schon der Bandit Riza [Nello Pazzafini] auf die Männer. Er ist auf das Gold scharf, das Ramirez zur Finanzierung der Revolution gegen den Diktator Diaz an einem geheimen Ort bunkerte. Es kommt zu einem Gefecht, in dem Ramirez getötet wird. Vorher jedoch überreicht er Cuchillo noch einen Zeitungsartikel, der Hinweise auf das Versteck enthält, und bittet ihn, das Gold vor den anderen Parteien in Sicherheit zu bringen. Und schon befindet sich Cuchillo wieder auf der Flucht, denn neben dem Banditen Riza sind nun auch noch der geheimnisvolle Ex-Sheriff Cassidy [Donald O'Brien] sowie die beiden französischen Killer Savigny [Marco Guglielmi] und Jean-Paul [Luciano Rossi] hinter ihm her.

Kritik:

In der überaus erklecklichen Masse an Italo-Western, die ab Mitte der 60er Jahre die Lichtspielhäuser befiel, befand sich fraglos auch jede Menge Mist und Mittelmaß. Brachte das Genre hingegen Höhepunkte hervor, dann waren es nicht selten absolute Hochkaräter, die Kritiker und Konsumenten gleichermaßen in die Hände klatschen ließen. Zu den besagten Glanzlichtern zählen ohne jede Frage die Beiträge von Regisseur Sergio Sollima, der mit DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE [1966] und VON ANGESICHT ZU ANGESICHT [1967] zwei überragende Abenteuerepen schuf und dabei seiner Fabulierlust freien Lauf ließ. Bevor Sollima sich von den Revolverhelden abwandte, um stattdessen Killer und Piraten auf die Leinwand loszulassen, sollte der 1968 auf den Weg gebrachte LAUF UM DEIN LEBEN die Wildwest-Trilogie komplettieren. Zu diesem Zwecke griff er die Figur des Cuchillo wieder auf, der zwei Jahre zuvor von Lee van Cleef durch die Sierra Madre gehetzt wurde, und kreierte eine Handvoll neuer Herausforderungen für den herzlichen Halunken, der natürlich abermals in Gestalt seines Spezis Tomas Milian auftritt. Dieser mauschelt sich auch in der Fortsetzung des Kassenerfolgs in gewohnter Spitzbübigkeit durch das Geschehen und entkommt mal mit Glück, mal mit Verstand, überwiegend aber mit geschicktem Messerwurf jeder noch so lebensbedrohlichen Bredouille. Das macht zwar überwiegend Laune, die Klasse des grandiosen Vorgängers allerdings wird dabei dennoch nicht erreicht.

Die Gründe dafür sind gar nicht mal so einfach zu eruieren. Immerhin bietet Sollima auch hier wieder die volle Bandbreite an großen Panoramen, fetzigem Posaunenklang und revolutionärem Pulverdampf. Woran es hingegen mangelt, ist die erzählerische Dichte, welche die Vorgeschichte noch so ungemein packend werden ließ. LAUF UM DEIN LEBEN zerfällt dafür in mehrere Einzel-Episoden, die zwar stets durch die (fast schon obligatorische) Goldschatz-Hatz brauchbar zusammengekittet werden, auf Dauer aber ein wenig beliebig ums Eck kommen. Zudem fehlt es dieses Mal entschieden an einem kompetenten Kontrahenten. Milian spielt richtig gut, keine Frage, aber wirklich zur Geltung kommt sein Spiel eigentlich immer erst dann, wenn er es gegen einen würdigen Nebenbuhler einsetzen kann – eben einen wie den von Lee van Cleef verkörperten Kopfgeldjäger Jonathan Corbett, der ihn zwei Jahre zuvor noch durch die Berge scheuchen durfte. Hier heftete man Cuchillo zwar gleich einen ganzen Trupp an zwielichtigem Personal auf die Fersen, wirklich ernsthafte Konkurrenz ist für ihn allerdings nicht dabei. Nello Pazzifini [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU] als grobschlächtiger Bandit Riza erscheint als Klischee-Schurke von der Stange nicht wirklich gefährlich, und die beiden französischen Killer Jean-Paul [Luciano Rossi (→ DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE)] und Michel [Marco Guglielmi (→ DER TEPPICH DES GRAUENS)] treten viel zu selten in Erscheinung, als das sie als ernstzunehmende Gegner gelten dürften. Am ehesten anfreunden kann man sich daher noch mit dem geheimnisvollen Ex-Gesetzeshüter Cassidy [Donald O'Brien (→ KEOMA)], der Cuchillo immer wieder mal über den Weg läuft und ihm auch einige Male (nämlich immer genau dann, wenn dem Drehbuch absolut nichts Besseres mehr einfällt) den mexikanischen Hintern retten darf.

Zudem geriet LAUF UM DEIN LEBEN insgesamt ein bisschen zu verspielt. Zwar besaß auch der Vorgänger eine nicht zu leugnende humorige Note, so leichtfüßig wie hier ging es nun allerdings auch wieder nicht zu. Wie sehr Scherz und Schrecken hier Hand in Hand gehen, verdeutlicht bereits eine Szene zu Beginn, als Cuchillo erst etwas Essbares aus einem Haus stibitzt, gemütlich kauend vor die Türe tritt, plötzlich bemerkt, dass er mitten in eine Exekution geplatzt ist und infolgedessen schleunigst die Beine in die Hand nimmt. Auch im weiteren Verlauf wird der amüsierte Grundton beibehalten. Nach Ankunft bei seiner Geliebten fängt sich Cuchillo erst einmal eine saftige Ohrfeige, bevor er verspricht, ihr ein schönes Begrüßungsgeschenk zu machen (das er allerdings erst noch stehlen muss). Und als der wegen seiner Erfolgsquote beim Messern von allen nur „Stechmücke“ genannte Tunichtgut seine Waffen ablegen soll, um gesiebte Luft atmen zu dürfen, gehen den Beamten angesichts der Fülle der zu Tage geförderten Klingen fast die Augen über. Selbst das Foltern verkommt hier zur launigen Schelmerei, wenn Cuchillo an einen Windmühlenflügel gefesselt ein paar unfreiwillige Runden drehen darf und immer, wenn er unten angekommen ist, gleich auch noch eine Schelle verpasst bekommt. Hin und wieder blitzen zwar mal leise Kapitalismuskritik oder sanfter Tadel an Staatswillkür und Machtmissbrauch auf (Geld und Gold verderben auch hier den Charakter, und die Beamten sind erneut inkompetent und korrupt), insgesamt jedoch beugen sich politische Stellungnahmen dieses Mal brav dem Spaß an der Freud.

Aber das ist ja auch gar nicht schlimm, denn Cuchillos zweite Hatz unterhält auch jenseits jeder Botschaft ganz und gar prächtig. Für zusätzliche Komik (und etwas sexy Salz in der Suppe) sorgen die beiden weiblichen Sidekicks, die zwar zugegebenermaßen ein wenig frauenfeindlich gezeichnet wurden, was aber bei der ganzen permanenten Augenzwinkerei nun nicht wirklich negativ ins Gewicht fällt. Als heißblütige Dolores sieht man Chelo Alonso [→ ZWEI GLORREICHE HALUNKEN], die Cuchillo um jeden Preis ehelichen möchte, ihm aber zwischen ihren Liebesschwüren eine Maulschelle nach der nächsten verabreicht und in bester Sadomaso-Manier erst dann wieder gefügig wird, wenn dieser gepflegt zurückscheuert. An ihrer Seite erlebt man Linda Veras [→ SABATA] als strenggläubige Heilsarmee-Angehörige Penny, die Cuchillo quasi vom Wegesrand weg als neuen Assistenten engagiert (den alten verscharrte sie bei ihrer ersten Begegnung gerade im Sand) und aufgrund ihrer übertriebenen Prüderie und Naivität einige Lacher einheimsen kann.

LAUF UM DEIN LEBEN endet nach einem wunderbaren Showdown mit reichlich Schuss- und Stichwaffengebrauch mit einem wohlvertrauten Bild: Cuchillo ist frei, aber wieder auf der Flucht. Offenbar hielt man sich die Option für ein weiteres Abenteuer offen. Dass es nie dazu kam, bietet durchaus Anlass zum Bedauern. Denn auch, wenn Cuchillos zweiter Auftritt hinter seinem Debüt zurückstecken muss und die Regie Sollimas hier deutlich weniger ambitioniert daherkommt, so bleibt die ganze Angelegenheit doch eine überaus gelungene Veranstaltung mit Pfiff, Schliff und gern gesehenen Genre-Gesichtern. Kein Grund zum Weglaufen!

Laufzeit: 115 Min. / Freigabe: ab 12

Freitag, 4. März 2016

FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR


SONORA
Italien, Spanien 1968

Regie:
Alfonso Alcázar

Darsteller:
George Martin,
Jack Elam,
Gilbert Roland,
Antonio Monselesan,
Rosalba Neri,
Donatella Turi,
Miguel de la Riva,
Gustavo Re

 

„Weißt du, warum man ihn Callado nennt? Weil er schweigt. Er wartet, schweigt und tötet dich wortlos.“


Inhalt:

Revolverheld Sartana [George Martin] dürstet es nach Rache. Das hat auch einen Grund: Seine geliebte Frau wurde geschändet und ermordet. Aus dem einst fröhlichen Gesellen ist ein in Schwarz gekleideter Einzelgänger geworden, der sich seinen Weg zum Verantwortlichen für die Misere wortkarg, aber treffsicher freischießt. Seine Zielperson ist der skrupellose Bandit Slim [Jack Elam], der sich noch einen weiteren Mann zum Todfeind gemacht hat: den Mexikaner José [Antonio Monselesan], der nach einem erfolgreichen Bankraub von Slim bleireich abserviert wurde. Doch Sartanas Weg kreuzt nicht nur den von José, sondern auch den des undurchsichtigen Kirchner [Gilbert Roland], den er erst vor dem Tode bewahrt, bevor er merkt, dass dieser sich seine Brötchen als Slims Leibwächter verdient. Die brisante Konstellation steuert auf ein explosives Finale zu, das keine Gefangenen macht.

Kritik: 

FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR entstand in jener Phase des Italo-Westerns, in der sich die Leinwände vor einsilbigen Revolver-Schwingern kaum retten konnten. Zu Beginn allerdings wähnt man sich buchstäblich im falschen Film, wenn die Ereignisse mit einer eher albern anmutenden und von nervtötendem Gedudel unterlegten Saloon-Schlägerei beginnen, in welcher der Held eifrig seine Fäuste schwingt und auch selbst einiges abbekommt, bevor ein holdes Mägdelein in Zeitlupe auf ihn zugehoppelt kommt, um mit ihm im Anschluss zu zärtlicher Kitschkotzmusik durch die Wälder zu toben. Aber der Schock ist schnell überwunden; nur ein paar Minütchen später geht alles seinen gewohnten Gang. Denn der sentimentale Einstieg hatte natürlich seinen Grund: die gute alte Rache. Nach einem brutalen Zeitsprung und einer nicht lang auf sich warten lassenden Rückblende wird klar: Des Helden Weib, das eben noch so ausgelassen in der Gegend herumsprang, musste mal wieder ins Gras beißen. Und vergewaltigt wurde es auch noch (freilich: vorher). Das war schon immer Grund genug, den Lauf zu entstauben und sich auf die Jagd zu begeben. Woher der Held eigentlich weiß, wem genau er sein Witwerdasein verdankt, obwohl er bei der Tat gar nicht anwesend war, ist dabei unersichtlich und auch nicht sonderlich relevant. Der Held macht einfach, was der Held machen muss. Und wer einfach nur untätig danebenstand, hat den Tod nicht minder verdient. „Du warst dabei und das reicht mir“, sagt der Held zu dem bedauernswerten Schergen, bevor er ihm das Licht auspustet.

Mit dem eigentlichen Täter jedoch wird, wie sich das gehört, erst ganz am Ende abgerechnet. Der hört auf den Namen Sartana – zumindest in Deutschland, denn im Original nennt er sich Slim (was auch gar nicht weiter auffallen würde, schöbe der Held nicht in einer Szene gut sichtbar dessen Steckbrief ins Bild, auf dem überdeutlich der Name Slim zu lesen ist). Und um noch weiter zu verwirren, ist Sartana im Original eigentlich der Name des Helden. Dieser wiederum heißt im Deutschen Callado – der Schweigsame. Wieso, weshalb, warum …? Man weiß es nicht. Bleibt noch anzumerken, dass dieser Sartana hier nicht identisch ist mit der Titelfigur der SARTANA-Reihe, in welcher Gianni Garko im Auftrag der Gerechtigkeit Blei verspritzte. Dieser Sartana trägt stattdessen die Züge von Western-Veteran George Martin, der sich nicht nur wie Clint Eastwood benimmt, sondern auch so klingt (zumindest in der deutschen Fassung). Doch Sartana/Callado ist nicht der Einzige, der Rachegelüste mit sich herumträgt: Der Mexikaner José will dem Banditen ebenfalls ans Leder, nachdem er sich nach einem Bankraub dessen Kugel eingefangen hat. Und mittendrin befindet sich noch der undurchsichtige Kirchner, ein einstiger Kumpel Sartanas/Callados, der nun Slims Leibwächter ist und seinen Gegnern netterweise noch Särge empfehlen lässt, bevor er ihnen den Garaus macht.

Keine Frage: Regisseur Alfonso Balcázar [→ DIE TODESMINEN VON CANYON CITY] präsentiert hier nicht mehr als allseits bekannte Versatzstücke. FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR ist ein kostengünstig produziertes Fließbandprodukt, dessen Schauplätze fast ausschließlich aus der üblichen Felsenlandschaft und dem abgerockten Wildwestkaff bestehen. Die Landschaften sind karg, die Wortmenge ist es ebenfalls, dazu viel Schuss- und Schlaggetümmel, einmal umgerührt und fertig ist der Lack. Das kennt man, das erwartet man. Sonderlich spannend ist das nicht, aber auch nicht völlig unsinnig. Denn Genre-Fans bekommen in der Regel nie genug von eben diesen Mätzchen und handwerkliches Geschick (wenn auch nur ein routiniertes) kann man SONORA (Originaltitel) nicht absprechen – auch, wenn man sich solch innovative Einstellungen wie in dem Moment, als ein vom Dach geschossener Fiesling mit dem Gesicht voran auf die Kamera zufliegt, noch etwas häufiger gewünscht hätte. Auch der Inhalt geriet weitestgehend überraschungsfrei: Der Held schießt schneller als seine Kontrahenten ziehen können, der Held wird kurz vor Schluss gefoltert, der Held triumphiert am Ende – das Übliche eben. Die Nebenhandlung um Bankräuber José, der ebenfalls noch ein Hühnchen mit dem Antagonisten zu rupfen hat, dient zudem allzu offensichtlich in erster Linie dem Zweck, die spartanische Handlung auf die notwendigen 90 Minuten zu strecken und ist im Grunde gar nicht weiter von Belang. Dennoch kann die ihrem deutschen Titel alle Ehre machende Pferdeoper angenehm unterhalten, gelegentlicher Leerlauf wird von Pulverdampf und Explosionsradau bestmöglich übertüncht.

George Martin [→ DREI TOLLE KERLE], der eigentlich Francisco Martinez Celeiro heißt und in Barcelona das Licht der Welt erblickte, erfüllt in der Rolle des schweigsamen Rächers seinen Zweck, wenn auch keine mimischen Meisterleistungen zu bestaunen sind – aber warum sollte man die hier auch erwarten? Seine DJANGO-/Eastwood-Imitation geriet sehr brauchbar, wenn ihm das Charisma der wirklich großen Western-Helden auch zweifelsfrei abgeht. Als seinen Widersacher sieht man Jack Elam [→ SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD], der alle geforderten Banditen-Klischees pflichtbewusst erfüllt: schielend, grobschlächtig, feige und alles andere als gewitzt – eine zwar nicht schillernde, aber angenehm hassenswerte Schurkenfigur, der man die Kugel am liebsten höchstpersönlich in die Stirn treiben würde. Ihm zur Seite steht Gilbert Roland [→ DAS GOLD VON SAM COOPER] als dessen Leibwächter Kirchner, den man bis zum Schluss nicht wirklich einordnen kann und der die Ambivalenz seines Charakters sehr gut rüberbringt. Antonio Monselesan [→ DICKE LUFT IN SACRAMENTO], der nebenbei auch als Boxtrainer arbeitete, bleibt als Mexikaner José hingegen kaum im Gedächtnis. Noch undankbarer hat es jedoch Rosalba Neri [→ DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL] erwischt, die sich hier mit einer winzigen Nebenrolle begnügen darf. Ihr Aufstieg zu einer Art Ikone des italienischen Erotik- und Krimi-Kinos begann dann erst in den 70er Jahren.

Die hiesige Version geriet erneut nicht ganz so nihilistisch wie das Original und gefällt in den Dialogen durch einen eher lässigen Tonfall („Es wird nur Bumms machen und dann spielst du Vögelchen.“), wie es damals nicht unüblich war. Doch das schadet nicht. FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR bleibt dennoch ein, wenn schon nicht unbedingt originelles, so doch überdurchschnittliches Genre-Werk, das vielleicht keine neuen Fans gewinnt, aber bereits infizierte Italo-Western-Jünger zuverlässig bedient. 

Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 21. Juni 2015

FÜNF BLUTIGE STRICKE


JOKO, INVOCA DIO.. E MUORI
Italien, BRD 1968

Regie:
Antonio Margheriti

Darsteller:
Richard Harrison,
Claudio Camaso,
Spela Rozin,
Guido Lollobrigida,
Werner Pochath,
Paolo Gozlino,
Alberto Dell'Acqua,
Luciano Pigozzi



Inhalt:

Rocco [Richard Harrison] schiebt Hass! Fünf Männer haben seinen Kumpanen Ricky [Alberto Dell'Acqua] auseinandergenommen – nicht verbal, sondern auf gute, alte Wildwest-Manier: fünf Stricke, auf der einen Seite befestigt an jeweils einem Pferd und auf der anderen an jeweils einem von Rickys Körperteilen, und dann kräftig ziehen. Grund für die Übeltat: Die Schurken waren spitz auf die Beute eines Raubes, den Rocco, Ricky und ein paar weitere Spießgesellen vollzogen hatten. Klar, dass Rocco nun auf Rache sinnt. So behält er für jeden der Mörder ein blutiges Strick-Stück am Mann. Leider weiß er aber noch nicht, wer an dem Verbrechen beteiligt war. Ein instinktiver Verdacht metaphysischen Charakters führt ihn zunächst zum feigen Domingo [Luciano Pigozzi], wo er gleich in zweifacher Hinsicht einen Volltreffer landet: Erst entpuppt sich der geldgierige Halunke tatsächlich als einer der Killer, dann fängt er sich von Rocco die verdiente Kugel ein – nicht ohne kurz vor seinem Ableben zumindest noch die Namen von dreien der vier weiteren Täter auszuspucken. Nun hat Rocco erst mal eine Menge zu tun und stattet ein paar sehr netten Herren einen Besuch ab.

Kritik:

FÜNF BLUTIGE STRICKE beginnt gleich mit einem Paukenschlag und lässt Alberto Dell'Acqua in den Seilen hängen – buchstäblich, denn der Gute ist drauf und dran, wichtige Gliedmaße zu verlieren und schreit dementsprechend wie am Spieß. Seine Scharfrichter lachen dreckig, reißen erst menschenverachtende Sprüche und dann den armen Mann in Fetzen. Das gewiss hässliche Resultat bleibt dem Betrachter zwar erspart, doch die gefühlsferne Grausamkeit dieses Auftakts verfehlt ihre Wirkung trotzdem nicht und stellt die Weichen für den nachfolgend dominierenden Zynismus, der freilich typisch ist für den Italo-Western dieser Zeit. Ebenso rasant, wie es begonnen hat, geht es im Anschluss auch weiter. Jede Gewalttat erfordert einen Rächer, so will es das Gesetz. Zumindest das der einschlägigen Genre-Regeln. In diesem Falle ist das der einsame Revolverheld Rocco. Dieser vergeudet auch nicht eine Sekunde und geht unverzüglich ans Werk. Es dauert nicht lang, da fliegt bereits die erste Kugel. Dass sie ins Schwarze trifft, bedarf keiner Erläuterung. Die strikte Geradlinigkeit der Ereignisse und deren kompromisslose Umsetzung versöhnen dabei mit Vorhersehbarkeit und offensichtlichem Mangel an Innovation.

Leugnen ist natürlich völlig zwecklos: VENGEANCE, wie sich der Trip auf den Punkt gebracht im englischen Sprachraum nennt, ist zyklische Dutzendware, die damals den Markt in Massen heimsuchte. Die Leinwände konnten sich kaum retten vor schießprügelschwingenden Vigilanten, die auf der Suche nach Gerechtigkeit dem fiesen Möpp mal so richtig einheizen. Trotz seiner Armut an Überraschungsmomenten liegt FÜNF BLUTIGE STRICKE dabei deutlich über dem Durchschnitt und liefert eine formal überzeugend in Szene gesetzte Atmosphäre aus Sand, Staub und Pulverdampf, garniert mit schroffer Härte und gesundem Sarkasmus. Rocco gibt alles und plättet seine Gegner wahlweise per Schlag, Schuss oder Sporenhieb (was für eine der originellsten Szenen sorgt; man sieht die Tötung aus Sicht der Stiefel!). Dabei scheint Rocco um seinen gemeuchelten Kumpanen nicht einmal wirklich zu trauern. Selbst, als er in einem Moment des Erinnerns von ihrem gemeinsamen Coup und den daraus resultierenden folgenschweren Fehlschlägen berichtet, bleibt er ohne sichtbare Anteilnahme. Vielmehr scheint es ihm bei der ganzen Sache ums Prinzip zu gehen: Bringst du meinen Kollegen ums Eck, dann puste ich auch dir die Lampe aus.

Die emotionale Kälte der Hauptfigur passt allerdings ungemein zu dem entmenschlichten Szenario, das hier kreiert wurde, und unterstreicht noch einmal dessen spartanischen Minimalismus: Hier werden weder Tränen verschwendet, noch Worte. Was zählt, ist die Tat. Dazu passt dann auch, dass das Drehbuch nicht mal im Ansatz erklärt, woher Rocco eigentlich weiß, wo sich die abzuarbeitenden Halunken eigentlich gerade aufhalten. Ein Rocco recherchiert nicht, ein Rocco macht einfach, Umwege werden nicht in Kauf genommen. Nicht mal das kurze Nebenkapitel, in welchem er sich kurzerhand selbst zum Sheriff eines kleinen Wüstenkaffs ernennt, um dieses vom Terror einer Banditenbande zu säubern, kann daran etwas ändern, denn auch dieser Job ist für ihn nur Mittel zum Zweck: Der Anführer der Schurkentruppe ist der schmierige Laredo [Lucio de Santis] – Nummer 3 auf Roccos Liste. Und auch der einzige Handlungspunkt, den man zumindest als so etwas Ähnliches wie eine überraschende Wende bezeichnen könnte, wird im Nullkommanix abgefrühstückt: Die bis dahin noch unbekannte Identität des fünften Mörders fällt dem Helden quasi aus dem Nichts heraus in den Schoß, so dass pflichtbewusst und zielorientiert wie immer das große Finale eingeläutet werden darf.

Dabei geriet das Charakterbild des rachsüchtigen Revolverhelden zwischen all seinen Faust- und Bleiduellen sogar im Ansatz ambivalent. Denn auch Rocco ist kein integrer Saubermann, der, wenn er nicht gerade feige Mörder ins Gras beißen lässt, eine blütenreine Weste spazierenträgt. Als Beteiligter an dem verhängnisvollen Raubzug, der die unglückseligen Ereignisse erst ins Rollen brachte, war er ebenso scharf auf den schnöden Mammon wie der Rest der Belegschaft und hatte keine Skrupel, dafür das Gesetz zu übertreten. Erst, als er zur Selbstjustiz übergeht, verliert er an der Beute das Interesse – eine moralische Verfehlung ersetzt die andere. Ein ausgefeiltes Psychogramm ist das freilich nicht, aber das verlangt ja auch niemand. Dass Rocco allerdings gleichzeitig auch noch eine halbe Rothaut sein soll, ist schon ein ziemlicher Lacher, sieht Richard Harrison doch ungefähr so indianisch aus wie John Wayne. Immerhin beschert dieser Umstand FÜNF BLUTIGE STRICKE eines seiner besten Zitate: „Er hat recht, ich bin ein Halbblut. Als die Cheyenne plötzlich was gegen Weiße hatten, gaben sie mir einen Tritt in den Arsch. Anschließend spuckten mir die Weißen ins Gesicht. Aber die meisten von ihnen sind jetzt tot.“

Mimisch mag Richard Harrison etwas eingeschränkt sein, für eine so wenig komplexe Rolle wie diese jedoch geht seine Leistung vollkommen in Ordnung - zumal sein etwas knabenhaftes Äußeres mit Drei-Tage-Bart, modischer Weste und schwarzer Dunstkiepe tüchtig aufgemotzt wurde und sicher nicht nur zufällig an Franco Neros Erscheinung in DJANGO erinnert. Dessen Karriere blieb Harrison freilich verwehrt, so dass er gut 20 Jahre später, deutlich weniger knabenhaft, dafür mit 80er-Jahre-Porno-Schnauzer, Dauergast in asiatischen Trash-Produktionen wurde und sich unter der Regie Godfrey Hos regelmäßig in eine ziemlich alberne Ninja-Kluft warf. Ihm zur Seite steht eine illustre Schar gerngesehener Italo-Gesichter: Alberto Dell'Acqua [→ EIN HOSIANNA FÜR ZWEI HALUNKEN] darf sich in der Eröffnungsszene laut schreiend zerlegen lassen, Luciano Pigozzi [→ DIE JÄGER DER GOLDENEN GÖTTIN] fängt sich als wimmernder Feigling die erste Kugel ein und der Deutsche Werner Pochat [→ HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS] gibt abermals ein bemerkenswert widerliches Arschgesicht, dessen Foltermethoden der Hauptfigur fast zum Verhängnis werden. Besonderes Augenmerk verdient Claudio Camaso [→ 10.000 BLUTIGE DOLLAR], der als ausgeflippter Hippie-Cowboy Mendoza den anfänglichen Beutezug ausbaldowert hat und von Rocco einige Male als Genie betitelt wird. Mit seinen schrillen Klamotten (inklusive Handschuhen und Spazierstock) und seiner extravaganten Art mit leicht perverser Ader wirkt er wie von einem anderen Stern und eine frühe Blaupause für Stanley Kubricks drei Jahre später entstandenen Kult-Schurken Alex aus dem Meisterwerk UHRWERK ORANGE.

Regie bei dem Schauspiel führte der fleißige Antonio Margheriti, der damals kein kassenträchtiges Genre ausließ und auch hier wieder in gewohnter Kompetenz die Zügel führte. Bereits ein Jahr zuvor ließ er VIER HALLELUJA FÜR DYNAMIT-JOE erklingen, was jedoch alles andere als ein Wohlklang war. FÜNF BLUTIGE STRICKE ist eine deutliche Steigerung zu der lauen Komödie, wurde von ihm zwei Jahre später allerdings nochmals getoppt durch den ähnlich konzipierten SATAN DER RACHE, für dessen gotische Horror-Attitüde Margheriti hier schon mal geübt hat: Der Showdown geschieht in einem unterirdischen Schwefelhöhlensystem, was für einen stimmungsvoll-gruseligen Einschlag sorgt. Von Inhalt, Stil und Aufbau her erinnert das Werk zudem stark an den im selben Jahr entstandenen DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE, wozu neben der nahezu identischen Idee und Struktur auch der vergleichbar schräge Endgegner beiträgt.

Aber so austauschbar der Stoff seinerzeit auch gewesen sein mag: Die straff durchgezogene Rache-Mär funktioniert, eine gewisse Affinität zum Genre immer vorausgesetzt, fabelhaft, besitzt ordentlich Tempo und nutzt das offenbar limitierte Budget bestmöglich aus. Dabei heißt Rocco im Original eigentlich Joko, aber das klang dem deutschen Verleih wohl nicht kernig genug. Zudem war der Name 'Rocco' durch ähnliche Produktionen wie ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN oder ROCCO – DER EINZELGÄNGER VON ALAMO bereits im Italo-Western-Universum etabliert. Aber ob nun Joko, Rocco oder Django (so nannte man Harrisons Figur pfiffigerweise in der französischen Fassung) ist im Grunde auch völlig egal: Namen sind Schall und Rauch. Und eben davon bietet FÜNF BLUTIGE STRICKE jede Menge. Antonio Margheriti präsentiert erneut kompromisslose Unterhaltung auf grundsolidem B-Niveau und macht dafür ordentlich die Hölle heiß. 95 blutige Minuten.

Laufzeit: 95 Min. / Freigabe: ab 18