Eigene Forschungen

Posts mit dem Label Historienschätze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Historienschätze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 16. Dezember 2024

13 ASSASSINS


JÛSANNIN NO SHIKAKU
Japan, GB 2010

Regie:
Takashi Miike

Darsteller:
Kôji Yakusho,
Goro Inagaki,
Masachika Ichimura,
Yûsuke Iseya,
Tsuyoshi Ihara,
Takayuki Yamada,
Sôsuke Takaoka,
Kazuki Namioka



Inhalt:

Japan, 1844: Die Zeit der großen Kriege ist vorbei. Doch dem Land droht neues Unheil: Fürst Naritsugu [Goro Inagaki] soll nach dem bevorstehenden Tod seines Bruders den Thron besteigen. Das Problem: Der Mann ist ein ausgemachter Sadist, verstümmelt, vergewaltigt und mordet in unfassbarer Grausamkeit. Da er der Bruder des Shōguns ist, wird ihm Narrenfreiheit gewährt; sein Tun darf nicht infrage gestellt werden. Obwohl sein Leibwächter Hanbei [Masachika Ichimura] angewidert ist von der Unmenschlichkeit seines Vorgesetzten, hält er ihm die Treue, wie es die Tradition verlangt. Doch am Hof regt sich Widerstand: Der ehrwürdige Samurai Shimada [Kôji Yakusho] erhält den Auftrag, ein Tötungskommando zusammenzustellen, um den Fürsten zu ermorden. 13 Krieger sind es schließlich, welche planen, den Thronfolger während einer Reise durch das Land zu meucheln. Doch Hanbei bekommt von den Plänen Wind und versucht, seinen Gebieter mit aller Macht zu schützen. Als die Attentäter dem Fürsten schließlich in einem mit Fallen gespickten Dorf auflauern, sehen sie sich einer 200 Mann starken Armee gegenüber – der Beginn eines infernalen Massakers ...

Kritik:

Regisseur Takashi Miike erwarb sich mit Schockgranaten wie ICHI THE KILLER einen Ruf wie Donnerhall und kreierte gern alptraumhafte, teils verstörende Grenzüberschreitungen, die Kritik und Publikum nicht selten sprach- und ratlos zurückließen. In der zweiten Hälfte seiner Karriere jedoch wandte sich der einstige Leinwandschreck vermehrt auch massentauglicheren Projekten zu, die sich sogar auf renommierten Filmfestivals Lob einheimsen und Preise abstauben konnten. Wie 13 ASSASSINS, die Neuinterpretation eines gleichnamigen Samurai-Epos' aus dem Jahre 1962, die sich deutlich stärker an traditionelles Erzählkino anlehnt und die Enfant-terrible-Attitüde nahezu vollständig ad acta legt. Zwar finden sich auch hier zumindest im Ansatz „klassische“ Miike-Momente, aber im Gegensatz zu früheren Eskapaden, bei denen Gewalt und Grausamkeit größtenteils der Provokation dienten, besitzen sie hier eine klare narrative Funktion. Wenn die Leiche eines Mädchens gezeigt wird, die Extremitäten abgeschlagen, die Zunge herausgerissen und wie Müll auf die Straße geworfen, dann dient das nicht der Befriedigung voyeuristischer Niederungen, sondern der effektiven Bebilderung der Verworfenheit des Fürsten Naritsugu, was dem Betrachter die Notwendigkeit seiner Ermordung vor Augen führt. 13 ASSASSINS ist keine simple Zurschaustellung rüder Brutalitäten, sondern erzählt primär von komplexen moralischen Dilemmata und behandelt die philosophische Frage, inwieweit Gewalt im Dienste einer vermeintlich guten Sache legitimiert werden kann und darf.

Nicht selten kommen einem dabei die Werke Akira Kurosawas in den Sinn, allen voran der Klassiker DIE SIEBEN SAMURAI von 1954, der ebenfalls von einer Gruppe aufopferungsvoller Krieger erzählt, die sich einer scheinbar unüberwindbaren Übermacht entgegenstellen, bereit dafür, ihr eigenes Leben zu geben, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Auffallend an 13 ASSASSINS ist seine experimentelle Struktur, die mit einer Zweiteilung der Dramaturgie einhergeht. So gestaltet sich die erste Hälfte überwiegend ruhig, zeitweise fast schon meditativ. In aller Ruhe wird da die Ausgangssituation etabliert, werden die Figuren eingeführt und ihre Beweggründe nachvollziehbar gemacht. Bei der Gelegenheit wird auch nicht darauf verzichtet, den Antagonisten ausgiebig ins schlechte Licht zu rücken. Der jugendlich wirkende Naritsugu ist eine wahrlich verachtenswerte Kreatur an der Schwelle zum Wahnsinn, die teils aus Trieb, teils aus purer Lust und Langeweile schändet, tötet und terrorisiert. Mit der Unschuld eines Kindes und der Grausamkeit eines Tyrannen kommentiert der Thronfolger selbst das schlimmste Gemetzel noch mit einem infantil-entzückten „Großartig!“, bis man ihm die Pest höchstpersönlich an den Hals wünscht und regelrecht Stoßgebete gen Himmel schickt, das Tötungskommando möge doch bitte recht schnell ziemlich erfolgreich sein. Die zweite Hälfte stellt dann eine radikale Wende dar: In dramatischem Gegensatz zur bis dahin vorherrschenden Langsamkeit entfesselt Miike ein fast eine Stunde andauerndes, apokalyptisches Gemetzel, ein dreckiges Wühlen in Schlamm, Schweiß und Blut, bei dem wahrlich keine Gefangenen gemacht werden. Und obwohl es natürlich in erster Linie diese Eindrücke sind, die mit nach Hause genommen werden, wäre es ein Fehler, die Wucht des Werkes allein auf das infernale Finale zu beschränken.

Denn nur vordergründig wird hier die Geschichte eines Blutbads erzählt. Hinter all dem Hauen, Stechen und Sterben verbirgt sich ein tiefgründigerer Kommentar auf die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Japan des späten 19. Jahrhunderts. 13 ASSASSINS spielt in der Edo-Zeit (ca. 1615 - 1868), einer Ära weitgehender Stabilität, in der die Samurai keine klassischen Krieger mehr waren, sondern Teil eines streng geregelten, von Bürokratie geprägten Systems. Miike bietet einen authentisch anmutenden Einblick in eine Zeit, in der der traditionelle Samurai-Kodex, der jahrhundertelang die japanische Gesellschaft geprägt hatte, seinen letzten Atemzug tut. Seine Protagonisten sind keine Helden, sondern verzweifelte Männer, die in einer sich verändernden Welt keine Rolle mehr spielen. Ihre Ideale sind veraltet, ihre Ehre wurde durch die politischen Umwälzungen der Zeit untergraben, und sie selbst wirken in der damaligen modernen Gesellschaft überflüssig. Aus diesem Gefühl der Entwurzelung heraus gehen sie in den Tod, entschlossen, ein letztes Mal ihre Ehre zu verteidigen und eine letzte Heldentat zu vollbringen, die ihnen einen Platz in der Geschichte sichern soll. An der Absurdität blinden Gehorsams wird dabei kaum ein Zweifel gelassen. Entscheidend ist dabei die Figur des Leibwächters Hanbei, der von den Gräueltaten des Fürsten zwar ebenso angewidert ist wie alle anderen, sich aber dennoch blindlings, starr bewährter Tradition folgend und entgegen jeder menschlichen Vernunft, an die Aufgabe klammert, seinem Herren zu dienen und dessen Leben zur Not mit seinem eigenem zu beschützen. Dieser innere Zwiespalt, der tief im kulturellen Selbstverständnis Japans verwurzelt ist, verleiht 13 ASSASSINS eine psychologische Tiefe, die ihn weitaus vielschichtiger macht, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

13 ASSASSINS ist eine gelungene Frischzellenkur für das Samurai-Genre, die klassische Motive mit den Funktionalitäten des modernen Action-Kinos kreuzt und genügend Raum zur Reflexion lässt. Die japanische Originalfassung läuft direkt noch einmal 20 Minuten länger, angereichert mit ein wenig übernatürlichem Tamtam, den man dem westlichen Publikum wohl nicht auch noch aufhalsen wollte – vermutlich nicht ganz zu Unrecht, gefällt das Werk doch gerade durch seine Bodenständigkeit. Zu einem Klassiker reicht es freilich trotzdem nicht. Wohl aber zu einem facettenreichen Kunstwerk, das beweist, dass Action und Anspruch keine Konkurrenten sein müssen.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Donnerstag, 2. Mai 2024

1911 - REVOLUTION


XIN HAI GE MING
China 2011

Regie:
Zhang Li

Darsteller:
Jackie Chan,
Winston Chao,
Li Bingbing,
Sun Chun,
Joan Chen,
Jiang Wu,
Jaycee Chan,
Hu Ge



Inhalt:

1911: Die Qing-Dynastie beherrscht China seit gut 250 Jahren. Das ist genug, finden ein paar Aufständische und gehen in den Widerstand. Nachdem Kaiserwitwe Cixi [Joan Chen] bereits mehrere Rebellionen erfolgreich niederschlagen konnte, scheint sich das Blatt nun zu wenden: Der Hof liegt finanziell wie moralisch am Boden und das Revolutionsbündnis um Huang Xin [Jackie Chan] und den Chirugen Sun Yat-sen [Winston Chao] erhält immer mehr Rückhalt aus der Bevölkerung. Als sich überraschenderweise auch die Armee Wuchangs auf ihre Seite schlägt, rückt der Traum vom Sturz der Monarchie plötzlich in greifbare Nähe.

Kritik:

Wer Nachholbedarf in Sachen Chinesische Geschichte verspürt, der sollte sich in der nächstgelegenen Stadtbibliothek um ein gutes Buch bemühen. Keinesfalls jedoch sollte er stattdessen zu 1911 greifen. In diesem aufwändig gestalteten Historienfilm mögen zwar die Eckdaten stimmen. Doch ist die Aufklärungsattitüde lediglich vorgeschoben. Recht schnell bewahrheitet sich nämlich, was im Vorfeld schon zu erahnen war: 1911 ist primär ein prominent besetztes Propagandastück, das ein (natürlich parteigestütztes) Hohelied auf die ach so herrliche Nation China anstimmt. „Prominent besetzt“ bezieht sich dabei freilich auf Jackie Chan, einer der wenigen wirklichen Weltstars, die China je hatte. Einst durch komödiantische Kung-Fu-Kapriolen berühmt geworden, fand er im Alter nicht mehr zu alter Stärke, was ja per se keine Schande ist. Dass er seinem guten Ruf nachhaltigen Schaden zufügte, indem er sich als regimetreuer Repräsentant zum Erfüllungsgehilfen eines menschenverachtenden Systems machte, wiegt hingegen schon deutlich schwerer. Da passt es natürlich, dass 1911 ihn als aufrechten Revolutionshelden porträtiert, der zwecks Installierung einer „richtigen“ Regierung ruhmreich gegen den korrupten Kaiserhof zu Felde zieht.

Eine Hauptrolle ist das, anders als vom Marketing postuliert, allerdings nicht. Chans Charakter Huang Xin (der übrigens – wie viele andere Figuren hier – tatsächlich existierte) hat insgesamt nur wenige Auftritte, was hauptsächlich der eigenwilligen Dramaturgie des Werkes geschuldet ist. 1911 handelt zwar von Geschichte, erzählt aber nicht wirklich eine. Statt Protagonisten agieren hier Stichwortgeber und anstatt eine Story zu erzählen, springt man im nüchternen Doku-Duktus von Dialog zu Dialog, Schauplatz zu Schauplatz und Ereignis zu Ereignis und verweilt dabei nur selten längere Zeit an einem Ort. Dem Beitrag eines Historien-Senders gleich hakt man so die einzelnen Stationen ab und ignoriert dabei bewusst das gängige Regelwerk kinokonformen Erzählens, was natürlich den Eindruck von Seriosität erwecken soll. Allerdings wird gerade dieses Anliegen durch teils wirklich plumpe Manipulationsversuche wieder untergraben. Denn der Feind des chinesischen Volkes, so die Quintessenz, ist der Ausländer. Frei ist das Land nur, wenn es autark ist vom Rest der Welt, der stets nur Unterjochung und Ausbeutung im Sinn hat. In einer besonders grotesken Episode besucht der von Winston Chao [→ THE TOUCH] enorm weltmännisch verkörperte Revolutionsführer Sun Yat-sen (gleichfalls eine historische Figur) eine Zusammenkunft fremder Nationen, deren Teilnehmer fett und vollgefressen am dekadent gedeckten Tisch hocken und bereits darüber beratschlagen, wie man China unter sich aufteilen werde. Sun veranschaulicht der versammelten Mannschaft dann die Situation seines Heimatlandes anhand eines Lammbratens, was tatsächlich noch alberner ist als es klingt.

Entsprechend wird man auch nicht müde, die Monarchie als inkompetent und verkrustet darzustellen, wenn der Hof, längst an der Schwelle zum Ruin und mit einer Kaiserin an der Spitze, die mehr als nur offensichtlich einen kleinen Piepmatz mit sich spazieren trägt, die Eisenbahn (eine der großen technischen Errungenschaften der Nation) an schmierige Langnasen zu verscherbeln gedenkt. Ehern und aufrichtig ist dann am Ende tatsächlich nur das geknechtete chinesische Volk, das sich nichts sehnlicher wünscht als die Ausrufung der ersten Republik, was als Universal-Lösung aller Sorgen und Nöte unwidersprochen bleibt. Dementsprechend wurden auch Ambivalenzen keinerlei Platz eingeräumt; die Revolutionäre stehen unmissverständlich auf der rechten Seite, argumentieren und handeln stets moralisch vollkommen korrekt (so sehr, dass man Flüchtigen auch schon mal in den Rücken schießen darf, der Zweck heiligt schließlich die Mittel). Und da hier natürlich auch wirklich niemand mal zwischenzeitlich mit sich selbst oder der Idee hadert, wirkt die Truppe entsprechend unnahbar und langweilig.

Dass in der Realität wenig überraschend nicht immer alle an einem Strang zogen und es zwischen Huang Xin und Sun Yat-sen, hier stets ein Herz und eine Seele, sogar zum Zerwürfnis kam, dafür war im Skript natürlich kein Platz mehr. Das hätte auch so gar nicht ins schöne Märchen der alle Widerstände überwindenden Einheit gepasst. Nun sind dramaturgische Anpassungen wie diese natürlich nicht das Problem von 1911 (zumal sich das Werk damit ja in guter Gesellschaft befindet). Das eigentlich Perfide an der ganzen Sache ist die Suggerierung, das Volk habe damals den hier propagierten Zustand von Glück, Freiheit und Demokratie tatsächlich erreicht, was wohl kaum in größerem Widerspruch zu den bei Produktionsbeginn vorherrschenden Verhältnissen stehen könnte (Gut, die Republik China ging in Taiwan auf, aber dessen Eigenständigkeit wurde man des Negierens nie müde). Der klebrige Pathos, der sich im Finale zu ungeahnten Höhen aufschwingt und sich verpflichtet fühlt, die Großartigkeit der Nation immer und immer wieder zu betonen, versetzt dem Ganzen schließlich den Todesstoß und lässt selbst den kompromissbereitesten Betrachter das Handtuch werfen.

1911 kann zwar Punkte sammeln durch seinen sichtbaren Aufwand in Sachen Ausstattung, versagt aber am Ende sowohl als Geschichtsstunde als auch als Unterhaltungs-Programm auf ganzer Linie. Dass so etwas auch anders geht, beweist z. B. BODYGUARDS AND ASSASSINS, der sich ebenfalls mit der Figur Sun Yat-sen befasst. Der verbreitet zwar teils ähnlich zweifelhafte Botschaften (wie die auch hier lancierte Idee, dass der Wert des Individuums weniger wiegt als das große Ziel des Kollektivs), ist dabei aber immerhin ein packendes Stück Kino. 1911 hingegen eiert orientierungslos herum und schafft es nie, auch nur einen seiner Charaktere nahbar werden zu lassen. Ohne Jackie Chan als Zugpferd – und das wussten die Macher natürlich – hätte der pappige Propagandaschinken wohl kaum eine Chance auf eine Veröffentlichung außerhalb Chinas gehabt. Dieser verspielt hier allerdings nicht nur endgültig seinen Sympathiebonus, sondern ist zudem als Kopfschüsse verteilender Revolutionsführer auch völlig fehlbesetzt (dass man ihm der alten Zeiten wegen auch eine kurze Alibi-Kampfszene ins Skript mogelte, kann daran nichts ändern). Dass 1911 sein Publikum schließlich mit einem wirklich grauenhaften Song wieder in die Freiheit entlässt, ist somit am Ende das einzige ehrliche Statement. Auf zur Stadtbibliothek!

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 27. April 2024

AIR STRIKE


DA HONG ZHA
China 2018

Regie:
Xiao Feng

Darsteller:
Liu Ye,
Bruce Willis,
Song Seung-heon,
William Chan Wai-Ting,
Fan Wei,
Nicholas Tse,
Fan Bingbing,
Adrien Brody



Inhalt:

1937: Japan greift China an. Eine Flugzeug-Armada legt die Hauptstadt Nanjing in Schutt und Asche. Um weiteren Angriffen etwas entgegensetzen zu können, wird unter der Schirmherrschaft des amerikanischen Colonels Jack Johnson [Bruce Willis] eiligst eine Fliegerstaffel formiert. Dabei bereitet ihm vor allem der Heißsporn An Minxun [Song Seung-heon] Sorgen, da dieser persönliche Befindlichkeiten über den Dienst stellt. Gleichzeitig erhält der ehemalige Pilot Xue Gangtou [Liu Ye] den Auftrag, eine Dekodiermaschine per Lastwagen quer durch das Land nach Chongqing zu bringen. Auf seiner Reise begleiten ihn der junge Soldat Jim Xiang [Geng Le], der Wissenschaftler Zhao Chun [Wu Gang] sowie die Krankenschwester Dianna [Ma Su]. Der Trip wird zum Himmelfahrtskommando, denn die Japaner überwachen die Straßen aus der Luft und werfen Bomben auf alles, was sich bewegt.

Kritik:

Der meuchelwütige Japaner wird von der chinesischen Filmindustrie in zuverlässiger Regelmäßigkeit als altbewährtes Feindbild aus der Mottenkiste geholt. Einerseits ist das nicht vollends unverständlich, war die japanische Besatzung während des Zweiten Weltkrieges für Land und Leute fraglos eine schwere Bürde, gesäumt von Leid, Leichenbergen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Andererseits dürfte die Mehrzahl der Beiträge aufgrund ihrer plumpen Parteilichkeit und einseitigen Präsentation weniger Interesse an einer ernsthaften Vergangenheitsaufarbeitung haben als vielmehr daran, dem Publikum patriotische Gefühle zu entlocken. Das Schüren von Nationalstolz ist immerhin etwas, was die Landesführung sich in Großbuchstaben auf die Fahnen gestickt hat, da trommeln die Produktionsfirmen zwecks Renditensicherung auch gern mal mit. Der Originaltitel AIR STRIKEs schreit einem dann auch bereits bar jeder Subtitilität ins Gesicht, womit man es hier eigentlich zu tun hat: UNBREAKABLE SPIRIT! Nein, das ist nicht einfach nur ein simpler historischer Kriegsfilm. Das ist ein Hohelied auf den unbeugsamen Willen des chinesischen Volkes, ein Manifest des Mutes, der Standfestigkeit und prinzipiell der allgemeinen eigenen grandiosen Superkeit.

Gut, so war es zumindest geplant. Denn die verschwenderisch budgetierte Mammutproduktion, die eigentlich weltweit für Begeisterung und Beifallsbekundungen sorgen sollte, wurde zur genierlichen Lachnummer, an der kaum ein gutes Haar gelassen wurde. Wie konnte das passieren? An Ambitionen mangelte es jedenfalls nicht. Um UNBREAKABLE SPIRIT auch international interessant zu machen, sicherte man sich die Mitwirkung von Action-Ikone Bruce Willis [→ LAST BOY SCOUT]. Der hatte den Zenit seines Ruhmes zu dem Zeitpunkt zwar schon längst überschritten und spielte pro Jahr in gut einem Dutzend Billigheimern mit, aber sein Name auf der Besetzungsliste sorgte durchaus noch für Aufmerksamkeit. Als Sargnagel der Schöpfung erwies sich hingegen die Beteiligung einer ganz anderen Person: Fan Bing-Bing [→ BODYGUARDS AND ASSASSINS]. Im Westen nahezu unbekannt, war die Dame in China ein Star auf dem Gipfel seiner Popularität. Doch nach Drehschluss wurde enthüllt, dass Frau Fan mutmaßlich Steuern hinterzogen hatte, woraufhin die Regierung kurzerhand den heimischen Kino-Start untersagte. (Was das eine mit dem anderen zu tun hat... Weiß der Geier!) Daraufhin verschwand die Schauspielerin quasi spurlos von der Bildfläche und tauchte erst nach mehreren Monaten wieder auf. Angeblich soll sie in einem Urlaubsresort festgehalten worden sein, um den Behörden dabei zu „helfen“, den Steuer-Skandal „aufzuklären“. Zudem gab sie zu Prokoll, dass die Kommunistische Partei so richtig knorke sei. Schau an, schau an...

Nachdem das einstige Prestige-Projekt in dessen Heimat im Prinzip wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wurde, ging das Werk in die USA, wo es im Schnitt ein wenig umstaltet (sprich: gestrafft) wurde, um als THE BOMBING vergeblich um die Gunst des Publikums zu buhlen, bevor diese Fassung, abermals unter neuem Titel, AIR STRIKE nämlich, dann auch über Deutschland herfallen durfte. Es ist vermutlich ein wenig ungerecht, das Produkt lediglich anhand dessen zu beurteilen, was schließlich beim Rezipienten ankam. Ursprünglich hatte das Ding nämlich wohl tatsächlich mal epochale Ausmaße; eine Lauflänge von mehreren Stunden wurde kolportiert. Am Ende blieben in der asiatischen Originalfassung immerhin noch 2 Stunden übrig, die nach der amerikanischen Sonderbehandlung dann allerdings nur noch relativ mickrige 97 Minuten betrugen. Das Resultat ist nicht viel mehr als eine Fragment-Show, in der mehrere halbherzig ausformulierte Handlungsstränge parallel laufen, die sich weder gegenseitig tangieren, noch einzeln mitreißen können und teilweise sogar sinnlos im Sande versickern. Dabei existieren zwar ein paar zentrale Charaktere, aber am laufenden Meter tauchen weitere vermeintlich wichtige Figuren auf, um sich nach einem stattlichen Stelldichein wieder in Luft aufzulösen und nie mehr gesehen zu werden. Ein wenig wirkt das wie der komprimierte Zusammenschnitt einer Fernseh-Serie, der angrund der originalen Materialfülle in Sachen Rhythmus und Dramaturgie auf keinen grünen Zweig kommt.

Doch den Schnittmeistern die alleinige Schuld an der Misere zuzuschatzen, wird der Sache nicht gerecht. Denn die einzelnen Episoden passen auch tonal nicht die Bohne zueinander und wirken, wie von verschiedenen Regisseuren mit verschiedenen Vorstellungen inszeniert. Am besten funktioniert dabei noch die Erzählung des gefahrvollen Quer-durchs-Land-Transports mit Liu Ye [→ POLICE STORY 2014] als ehemaligem, nun hinterm Lastwagensteuer sitzendem Piloten, die in ihrer schlichten, wenngleich effektiven Dramaturgie an pulpige Abenteuer-Romane und -Comics erinnert, abgeschmeckt mit ein bisschen klassischer Spionage-Soße. Die Geschichte um Bruce Willis und seine jungen Flugschüler huldigt indes bereits mehrfach erprobten TOP GUN-Tugenden inklusive deren peinlicher Pathos-Anwandlungen und ist formal und inhaltlich insgesamt am wenigsten ernstzunehmen. Wenn es schließlich zur Luftschlacht kommt und Willis wie ein fliegender John Wayne jauchzend und zigarreschmauchend am Steuer seiner Propellermaschine sitzt, wirkt das wie eine überspitzte Persiflage historischer Militär-Werbe-Propaganda. Eine weitere, in Sachen Sinn und Zweck maximal mysteriöse Storyline erörtert, wie ein Haufen kauziger alter Leute sich im Teehaus zum Mahjongg-Spiel trifft, sich zankt, sich verträgt und sich schlussendlich mit einer verirrten Bombe ein sagenhaft skurriles Slapstick-Duell liefert, das mit Charlie Chaplin für Arme wohl am besten beschrieben wäre.

Und als würde es nicht schon reichen, dass diese voneinander unabhängigen Ereignisse völlig unterschiedliche atmosphärische Sprachen sprechen, kommt es zusätzlich zwischendurch immer mal wieder zu Szenen grausiger Gewalttaten, die mit dem dann doch eher trivialen Rest abermals kaum in Einklang zu bringen sind. Wenn einem als Bunker dienendem Bergwerk per Bombenbeschuss die Luftzufuhr abgeschnitten wird, was im Inneren erst zu Panik, dann zum Massensterben führt, hat das mit der ansonsten vorherrschenden, an Groschenromane gemahnende Stimmung so rein gar nichts am Hut. So fügt sich hier schlichtweg nichts zusammen, wenn grausige Geschehnisse von Momenten munterer Possenreißerei abgelöst werden, während der artifizielle Look der Flug-Action an die Optik einschlägiger Computerspiele erinnert – oder an als Stilmittel bewusst erzeugte Künstlichkeit in comicartigen Extravaganzen wie SKY CAPTAIN AND THE WORLD OF TOMORROW. Das besitzt zwar schon eine gewisse schicke Ästhetik, ist aber nichts, was sich mit einer authentischen Abhandlung über die Schrecken des Krieges in Einklang bringen ließe.

Die bittere Pointe des Ganzen ist, dass Fan Bing-Bing, der Stein des Anstoßes, die Wurzel allen Übels, zumindest in dieser Version tatsächlich nur noch ein paar wenige Takte an Text hat und zwar von einer Kürze, dass man sie bei einem spontanen Anfall von Sekundenschlaf direkt verpasst. Sprich: Bei ernsthaftem Interesse hätte man besagtes Bing-Bing-Problem ganz einfach per Schere aus der Welt schaffen können, ist sie am Ende doch auch nur einer der vielen Stars, die hier hurtig durchs Bild huschen, ohne inhaltlich auf irgendetwas Einfluss zu haben, oder abseits einst überschwänglicher Vorankündigungen final gar nicht mehr auftauchen. Davon betroffen ist im Übrigen auch Rumer Willis [→ ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD], die Tochter vom Bruce, die flink ihr Näschen ins Szenario steckt und dann sang- und klanglos wieder abtaucht, wofür sie in der US-Version - obgleich kein großer Name - prominent im Vorspann platziert wurde, als hätte ihr Auftritt irgendeine Relevanz oder gar Werbequalität. Es ist symptomatisch für das Werk, in dem alles chaotisch ist, sich nichts im Gleichklang befindet. Das fängt schon bei den drei verschiedenen englischen Titeln an, die offenbar gleichberechtigt nebeneinander stehen, sodass man sich am Ende nicht einmal sicher sein kann, ob man es jetzt gerade mit einem UNBREAKABLE SPIRIT, einem THE BOMBING oder einem AIR STRIKE zu tun hatte.

Eine gewisse Schadenfreude darüber, dass die als Referenz geplante Patriotismus-Parade so pompös baden ging und von der Kritik ungewohnt einhellig in der Luft (höhö!) zerrissen wurde, lässt sich freilich nicht leugnen. Derartig nationalistisch geprägte Propagandaschleudern haben ja prinzipiell immer etwas grundlegend Unsympathisches und zu viel Pathos kann schnell lachhaft wirken. Wer aber nun meinte, der Misserfolg leite diesbezüglich den Anfang vom Ende ein, war entschieden auf dem Holzweg. Denn mit 800 [2020], SACRIFICE [2020] sowie BATTLE OF LAKE CHANGJIN [2021] standen schon die nächsten Schlacht-Epen Spalier, um alte Feindbilder neu zu erwecken und die Überlegenheit des eigenen Volkes zu demonstrieren. Und diese Male klingelte auch die Kasse. AIR STRIKE bleibt somit nicht mehr als eine kuriose Fußnote, die ohne die Mitwirkung von Bruce Willis schon längst vergessen wäre.

Laufzeit: 97 Min. / FSK: ab 16

Samstag, 25. November 2023

DIE SÖHNE DES GENERALS YANG


ZUNG LIT JOENG GAA ZOENG
Hongkong 2013

Regie:
Ronny Yu

Darsteller:
Adam Cheng,
Xu Fan,
Ekin Cheng,
Raymond Lam,
Wu Chun,
Jerry Li Chen,
Vic Chou,
Yu Bo



Inhalt:

China im Jahre 986: Die Khitan, angeführt von Ye Luyuan [Shao Bing], fallen in das Song-Reich ein. General Yang Ye [Adam Cheng] wird samt seiner Armee zur Verteidigung einberufen. Problem: Er muss unter der Ägide seines persönlichen Rivalen General Pan Renmei [Leung Kar-yan] agieren. Auf dem Schlachtfeld lässt dieser ihn auch prompt ins Messer laufen und liefert ihm den Feind aus. Aber Yang hat sieben Söhne, Yanping [Ekin Cheng], Yanding [Yu Bo], Yan'an [Vic Chou], Yanhui [Li Chen], Yande [Raymond Lam], Yanzhao [Wu Chun] und Yansi [Fu Xinbo], die es sich zur Aufgabe machen, ihren Vater wieder aus der Gefangenschaft zu befreien. Der Weg hinter die feindlichen Linien wird zur verlustreichen Zerreißprobe.

Kritik:

Dass der deutsche Titel ZUNG LIT JOENG GAA ZOENGs an die von Kung-Fu-Klassiker wie DIE 13 SÖHNE DES GELBEN DRACHEN (1970) erinnert, kommt nicht von ungefähr: DIE SÖHNE DES GENERALS YANG wirkt wie eine um ein paar Jahrzehnte verspätete Shaw Brothers-Produktion und spielt ebenso wie die legendären Historien-Epen des einst wegweisenden Studios auf der klassischen Klaviatur aus Ehre, Treue und Pflichtbewusstsein. Dabei basiert die Geschichte auf einer im Ursprungsland hinlänglich bekannten Sage, die der Yang-Familie nämlich, die dort in regelmäßigen Abständen immer mal wieder zum Gegenstand kultureller Erzeugnisse wird. Der dortigen Bekanntheit ist es vermutlich auch geschuldet, dass das Autoren-Trio allzu weitschweifige Expositionen aussparte und das Publikum mehr oder minder unvermittelt ins Geschehen wirft. Bereits der Auftakt hat’s in sich: Verbalisierung von Familienfehden, eine verbotene Liebelei, rachsuchtintendierter Schlagabtausch mit Todesfolge, intrigantes Herumgezicke, Invasion feindlicher Mächte … Und dann sind gerade mal die ersten 5 Minuten um. Da kommt man sich dann schon ein wenig überrumpelt vor, wenn nachfolgend im Eiltempo Verteidigungspläne geschmiedet und Allianzen geschlossen werden, da die Relationen noch längst nicht klar sind.

Als weitere Parallele zu älterer Shaw Brothers-Tradition erweist sich dabei die noch zusätzlich verwirrende Personalfülle, denn sieben Söhne inklusive Rest der Familie, deren Rivalen, Sympathisanten und Liebschaften müssen ja irgendwie untergebracht werden. Die obligatorischen kurzen Einblendungen zur Etablierung von Namen und gegebenenfalls Rang helfen da wenig. Und dass die Söhne zudem Nummern tragen und sich meist auch nur entsprechend anreden, trägt auch nicht gerade zur Identifikationserleichterung bei. So etwas funktioniert ausschließlich bei DIE DREI ??? („Ausgezeichnet, Zweiter!“ - „Danke, Erster!“). Diese Mankos schwinden freilich im Laufe der Zeit. So erweist sich die Story im Nachhinein als doch eher simpel und der Einstieg als unnötig überladen und verklausuliert; viele einleitende Konstituierungen wie Liebesnöte, Machtpoker und Rachemotivationen werden hinfällig. Und auch die Söhne gewinnen nach und nach an Profil, spätestens, wenn sich ein jeder als Unikum in einer bestimmten Sache erweist, sei es Schwertführung, Geschick mit Pfeil und Bogen oder gar Heilkunde.

Das Auffinden des Familienoberhauptes passiert dann auch verblüffend hurtig, die eigentlichen Konflikte beginnen erst im Anschluss. Denn der Feind will die frisch Wiedervereinten auf keinen Fall ziehen lassen und startet ein potenziell tödliches Intermezzo aus Angriff und Heimtücke, was bisweilen an ein Belagerungsszenario der Marke RIO BRAVO oder ASSAULT erinnert. Jede Menge Gelegenheit also, die Klingen zu kreuzen und Sehnen zu spannen, was dann auch ausgiebig zelebriert wird. Da weicht die Komplexität des Beginns dann endgültig dem archaischen, aufs Notwendigste reduzierten Urkampf, der mehr und mehr zur privaten Vendetta wird. Dass die Brüder es tatsächlich schaffen, sich allein gegen eine ganze Armee zu behaupten, gehört natürlich ins Reich der Fabeln, kann hier aber spielend als Teil der Fiktion akzeptiert werden. Als zusätzliches Spannungselement fungiert die Vergiftung des zu rettenden Vaters, der zudem anfängt, mittels Fieberträumen in Bibelfilmoptik sein Leben zu hinterfragen. Hier ist also Not am Mann und Eile geboten, bevor die Zielperson doch noch das Zeitliche segnet und die ganze Aktion final vergebens war.

Über allem schwebt dabei stets das Konzept von „Ehre“ und „Familie“, was für beide Seiten gilt. Denn auch der Kontrahent scheint irgendwann gar nicht mehr die Annektierung eines Landes im Sinn zu haben, sondern sich auf einer persönlichen Vergeltungsmission zu befinden, macht er doch den Yang-Clan für den Verlust seiner eigenen Sippschaft verantwortlich. Das scheint etwas weit hergeholt und dezent übertrieben, sorgt aber natürlich für das nötige Konfliktpotential. Shao Bing [→ THE LOST BLADESMAN] agiert als Schurke dabei leicht am Rande der Lachhaftigkeit, wie ein Schulhof-Rambo, der einen auf dicke Hose macht und in seinem Auftreten für die behauptete Zeitepoche ein wenig zu modern rüberkommt. Fast noch mehr gilt das für sein Heer, das aus einer Schar von Paradiesvögeln und Türstehern mit modischen Uppercut-Frisuren besteht. Wenn sich dann noch ein tuntiger Beobachter in kaiserlichem Auftrage zur Truppe gesellt, ergibt das in der Summe doch einen ziemlich schrillen Haufen, der nicht unbedingt zu 100 Prozent ernstzunehmen ist.

Die zum Teil ausufernden Schlachtszenen bieten nur wenig, was man nicht bereits an anderer Stelle in ähnlicher Form gesehen hätte. Der obligatorische Pfeilteppich fehlt dabei ebenso wenig wie die altbekannte Feuerwalze. Trotzdem geriet das Getümmel durchaus imposant, wenn es auch allzu offensichtlich per Computertechnik aufgebrezelt wurde. Als optischer Maßstab scheint dabei Zack Znyders Comic-Verfilmung 300 (2006) gegolten zu haben, manche Momente scheinen doch arg inspiriert. Das ist zwar kompetent gemacht, lässt jedoch eine gewisse Eigenständigkeit vermissen. Höhepunkt ist darum die Sequenz, die nicht wie ein Abziehbild bekannter Vorbilder wirkt, nämlich ein gegen Ende stattfindendes Pfeil-und-Bogen-Duell in einem sonnenstrahlgetränkten Kornfeld. Wenn die Geschosse gefährlich durch die Reihen zischen und auf ihrem Weg zum Ziel auch ein paar Ähren in Stücke sprengen, dann ist das ebenso imposant wie spannungsfördernd.

Dass DIE SÖHNE DES GENERALS YANG trotz fehlender Innovationen so angenehm rund läuft, liegt in erster Linie daran, dass an den Hebeln echte Profis saßen, deren Arbeit man nur als routiniert bezeichnen kann. Regisseur Ronny Yu [→ FEARLESS] ist ein alter Hase auf dem Gebiet großbudgetierter Unterhaltungsware und die Choreographien stammen vom renommierten Tung Wei [→ BODYGUARDS AND ASSASSINS]. Mit knapp 100 Minuten Spielzeit ist die Erzählung auch angenehm kompakt verpackt. Man denke zum Vergleich nur an John Woos überbordendes Schlachtgemälde RED CLIFF (2008), das es in seiner Gesamtheit auf satte 280 Minuten bringt und sich somit nicht mal eben schnell weggucken lässt. Auf der Besetzungsliste sticht vor allem Ekin Cheng [→ RETURN TO A BETTER TOMORROW] als ältester Bruder hervor, aufgrund seiner Mitwirkung in zahlreichen Fantasy-Streifen und Action-Krimis wohl das im Westen bekannteste Gesicht. Zum Schluss sei noch der eindrückliche Soundtrack Kenji Kawais [→ BATTLE OF KINGDOMS] positiv hervorgehoben, der die brachialen Bilder passend untermalt und dabei so steil geht, dass man sich am liebsten gleich selbst mit aufs Ross schwingen möchte.

„Die Geschichte der Familie Yang lebt als Legende weiter bis zum heutigen Tag“, heißt es am Ende (in der deutschen Fassung eingesprochen vom großartigen Frank Schaff). „Sie steht für Werte wie Geradlinigkeit, Achtung, Güte und Rechtschaffenheit.“ Nachhaltig in Erinnerung bleiben wird diese Adaption der Sage dennoch nicht. Aber als kleines Epos für den Hunger zwischendurch taugt sie allemal.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 18. November 2023

RISE OF THE LEGEND


HUANG FEI HONG ZHI YING XIONG YOU MENG
China 2014

Regie:
Chow Hin-Yeung

Darsteller:
Eddie Peng,
Sammo Hung,
Leung Ka-Fai,
Angelababy,
Wong Cho-Lam,
John Zhang,
Byron Mann,
Jing Boran



Hurra, die Legende steht auf. Da kommt Freude auf! Aber, Moment mal … Welche denn überhaupt? Immerhin ist die Kino-Landschaft voll von Ikonen und hochstilisierten Heldenfiguren. Während sich der englische Titel (und damit auch der gleichlautende deutsche) über den Namen des Protagonisten ausschweigt, sorgt ein Blick auf den originalen Schriftzug für Klarheit: Huang Fei Hong ist da zu lesen – ein Name, den der asienaffine Filmfreund auf Anhieb als Wong Fei-Hung identifiziert, denn so wird er im Westen meist transkribiert. Wong lebte einst tatsächlich (nämlich von 1847 bis 1924), war Arzt und Kampfkünstler zugleich (ein Martial-Arzt, sozusagen), lehrte sowohl traditionelle chinesische Medizin als auch Kung-Fu und setzte sich dem Vernehmen nach vehement für die Rechte der Schwachen und Hilflosen ein. Da die Leinwand solche Vorbilder liebt und das chinesische Publikum von Nationaltrophäen nie genug bekommen kann, entstand eine schwindelerregende Anzahl an cineastischen Adaptionen, die es mit historischen Fakten zwar nicht allzu genau nahmen, aber dafür den Namen erfolgreich ins Kollektivgedächtnis einbrannten.

In Deutschland am bekanntesten wurden dabei die DRUNKEN MASTER- sowie die ONCE UPON A TIME IN CHINA-Reihe – was vor allem an deren Hauptdarstellern liegt. Denn in der einen schickt Springfloh Jackie Chan seine Gegner auf die Bretter, während in der anderen Jet Li gekonnt zwischen Keile und Heilkunde pendelt. In RISE OF THE LEGEND darf sich nun erstmals Eddie Peng [→ COLD WAR] den begehrten Doktortitel anheften, um nach allen Regeln der (Kampf-)Kunst durchschlagende Rezepte auszustellen.

Inhalt:

China, 1868: Das Land ist zerrissen, auf den Straßen ist Gewalt allgegenwärtig. Im Hafenviertel der Provinz Guangzhou kämpfen zwei Verbrecherbanden verbissen um die Vorherrschaft: der Black Tiger Clan, angeführt von Master Lui [Sammo Hung], und der North Sea Clan unter dem Kommando von Master Wu [Chen Zhihui]. Als es dem jungen Kämpfer Wong Fei-Hung [Eddie Peng] gelingt, Wu einen Kopf kürzer zu machen, wird er zum Dank von Master Lui ins Syndikat aufgenommen und ohne Umschweife zur Nummer 4 in der Rangordnung ernannt, was seinen Kollegen 1 bis 3, nämlich North Evil [Jack Feng], Black Crow [Byron Mann] und Old Snake [Li Kaixian], so gar nicht schmecken möchte. Tatsächlich haben sie allen Grund zur Missgunst, wenn auch aus völlig anderen Gründen: Wong Fei-Hong gehört mit seinen Freunden Fiery [Jing Boran], Chun [May Wong] und Xinlan [Angela Yeung-Wing] nämlich eigentlich zur Orphan Gang, die plant, Master Luis Geldreserven zu rauben. Das Unternehmen gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht. Denn nicht nur, dass Nummer 1 bis 3 gegen Fei-Hung intrigieren, um ihn wieder loszuwerden - auch Long [Max Zhang], der Sohn Master Wus, ist hinter ihm her und sinnt auf Rache für den Tod seines Vaters.

Kritik:

'Selbst, wenn es bis zum allerletzten Herzschlag sein muss: Ich muss dafür sorgen, dass mein Gegner fällt', denkt der junge Mann, der gerade im strömenden Regen steht und sich, bereits in konzentrierter Kampfpose, in einer finsteren Gasse von einer Gruppe angriffslustiger Gestalten umringt sieht. Es sind die ersten Sekunden von RISE OF THE LEGEND und besagter Denker ist eben genau jene vom Titel behauptete Legende, die somit ob dieser feindlichen Offensive bereits zum Auftakt der Veranstaltung in wuchtiger Wehrhaftigkeit Tritte und Schläge verteilen und ihre Kontrahenten dekorativ in den Schlamm schleudern darf. Die Kamera wirbelt dabei mit wie wild, Blut und Wasser spritzen in effektiver Zeitlupe in Richtung des Betrachters und beim Landen eines Treffers bollert es von der Tonspur fortwährend, als sei soeben ein Güterzug mit Lichtgeschwindigkeit in ein Paukenlager gerast. Schon jetzt ist klar: Hier werden keine kleinen Brötchen gebacken, hier rappelt’s im Karton. Den Grund für das Geplänkel erfährt der Zuschauer (sofern es ihn denn überhaupt interessiert) allerdings erst später, denn das heftige Hand- und Fußgemenge war lediglich ein Ausblick auf kommende Ereignisse. Nach ein paar anschließenden Szenen, die den eben noch so prachtvoll prügelnden Protagonisten als Kleinkind unter der Schirmherrschaft seines klugen Vaters zeigen, folgt eine ausgiebig zelebrierte Vogelperspektive des Hafenviertels von Guangzhou, in dem emsiges Treiben herrscht und wo die Neugestaltung der Wong-Fei-Hung-Saga ihren Anfang nimmt.

Bereits der Beginn als Ganzes macht deutlich, dass die Reform von Erzählung und Figur Gemeinsamkeiten mit Vertrautem größtenteils vermissen lässt. Dieser generalüberholte Wong Fei-Hung ist alles andere als ein gelassener Gentleman, viel mehr ein ungestümer Wüterich, der bereits nach wenigen Minuten Laufzeit einem seiner Gegner die Hirse vom Halse hobelt. Zugegeben: So ganz getraut, seinen Helden zum kaltblütigen Killer umzudeuten, hat das Drehbuch sich dann doch nicht: Zum einen kullert der Kontrahenten-Kopf nicht aufgrund einer aktiven Abtrennungsmaßnahme, sondern weil dessen Besitzer hinterrücks doch sehr unglücklich in die scharfe Klinge stolpert. Und zum anderen ist für Fei-Hung das Ableben des ohnehin arg unsympathischen Fiesberts zwingender Mittel zum Zweck, sich das Vertrauen eines noch viel größeren Fisches zu angeln, dessen Verbrecherorganisation er fachgerecht zu infiltrieren und auszuhöhlen gedenkt. Und dennoch: Mit der prägenden Portraitierung durch Jet Li, der die Figur als liebenswert-edelmütigen Zeitgenossen in den Publikumsherzen verankerte, hat diese buchstäblich über Leichen gehende Darstellung nichts mehr zu tun. Von den schlitzohrigen Kapriolen von Schnapsnase Jackie Chan mal ganz zu schweigen.

Als hauptsächlichen Antriebsmotor für das ungewohnte Verhalten der Titelrolle fügte Autorin Christine To [→ TRUE LEGEND] ein – wie originell! - dringliches Vergangenheitsbewältigungsbegehren hinzu: Entgegen historischer Tatsachen stirbt der gütige Vater Wong Fei-Hungs hier nämlich, in salbungsvollen Rückblenden dargeboten, bei einer Rettungsaktion im Flammenmeer, wofür der verbleibende Sprössling alsbald den mächtigen Master Lui als Hauptverantwortlichen ausgemacht hat. Im festen Vorhaben, ihm seinen Verlust fachmännisch heimzuzahlen, erschleicht er sich durch die vorangegangene Tötungsaktion das Wohlwollen des gefürchteten Moguls und wird zur Tarnung vermeintlicher Teil des Biotops des Bösen, in welchem er rasch die Rangliste emporklettert. Im Grunde erzählt RISE OF THE LEGEND somit eine klassische Undercover-Story, wie man sie hauptsächlich aus dem Genre des Polizeifilms kennt: Der Gute gibt sich als Gauner aus, gliedert sich, das Damokles-Schwert der Entlarvung stets über sich wissend, in die Gemeinschaft ein, findet unerwartet Freunde auf gegnerischer Seite und beginnt mit sich selbst zu hadern, bevor ein großer Befreiungsschlag final die Fronten klärt.

Keine neue, aber auch keine schlechte Zutat, die hier jedoch arg verwässert wurde. Offenbar wollte sich die Autorin mit einem stringenten Handlungsablauf nicht zufrieden geben, weswegen RISE OF THE LEGEND unterwegs mehrfach die Richtung wechselt und bisweilen sogar komplett auf der Stelle tritt. So wird auf halber Strecke der Nebenschauplatz eines großangelegten Geldraubes eröffnet, den Fei-Hung mit seiner Orphan Gang genannten Gruppierung elternloser Versprengter durchführen will, was kurzzeitig für eine Art Genre-Wechsel in Richtung Rififi sorgt – zwar nicht ganz Ocean’s Eleven, aber immerhin Fei-Hungs Vier. Diese Aktion wird zwar als Baustein des Racheakts verkauft, doch schadet sie der Konsequenz der Story, führt sie doch zur Entwicklung zahlreicher Einzel-Episoden, welche den Hauptstrang regelrecht aufs Hintertreppchen schicken. Tatsächlich hat To merklich Mühe, die vielen nun mitmischenden Akteure unter einen Hut zu bringen, weswegen am Ende dann quasi jeder Charakter zu kurz kommt. Und wenn dann noch versucht wird, ein tragisches Liebesdreieck zu involvieren und der Held zwischen die Fronten zweier Frauenherzen gerät (samt schwülstiger Schwüre und kitschiger Bekundungen), dann herrscht sogar narrativer Stillstand.

Am Ende scheitert RISE OF THE LEGEND daran, der berühmten Figur eine überzeugende Frischzellenkur zu verpassen. Dass der kickende Arzt in seiner Darstellung hier überwiegend auf links gedreht wurde, fällt freilich unter den Aspekt der künstlerischen Freiheit und kann nicht wirklich negativ angelastet werden. Schon die vorangegangenen Interpretationen unterschieden sich teils stark. Allerdings wird man hiermit auch kaum neue Fans rekrutieren können. Dafür schindet Eddie Peng in der Hauptrolle auch schlichtweg zu wenig Eindruck – zumal sein Charakter keine erkennbare Entwicklung durchläuft. Fei-Hung ist am Ende eigentlich noch genauso wie am Anfang: ein Jungspund mit leichtem Aggressionsproblem, der an seinen Fehlern nicht wirklich zu wachsen scheint. Dafür darf er immerhin gegen eine Ikone des Hongkong-Kinos zu Felde ziehen: Sammo Hung. Der alteingesessene Star, der 2004 in IN 80 TAGEN UM DIE WELT witzigerweise noch selbst Wong Fei-Hung verkörperte, gibt hier mit Inbrunst den Oberschurken und Endgegner und reißt die Aufmerksamkeit in jeder seiner Szenen an sich. Das Finale in einem in Flammen stehenden Lagerhaus haut dann noch mal tüchtig aufs Mett und verdeutlicht, dass man als Genre-Fan hier trotz diverser Defizite eigentlich recht gut aufgehoben ist. Immerhin kommt es in regelmäßigen Abständen zu saftigen Auseinandersetzungen, die mit vollem Einsatz von Lanze, Schwert und Körper ausgetragen werden und zudem vom renommierten Profi Corey Yuen [→ THE MAN WITH THE IRON FISTS] gewohnt präzise choreographiert wurden. Mag das Ziel, eine neue Generation von Fei-Hung-Enthusiasten heranzuzüchten, auch verfehlt worden sein, so bleiben immerhin 2 Stunden aufwändig gestaltete Kampfkunst-Unterhaltung vor historischem Hintergrund. Da gibt’s Schlimmeres.

Laufzeit: 132 Min. / Freigabe: ungeprüft

Samstag, 11. November 2023

SEVEN ASSASSINS - IRON CLOUD'S REVENGE


KWONG FAI SHUI YUE
China 2013

Regie:
Xiong Xin-Xin

Darsteller:
Eric Tsang,
Felix Wong,
Gigi Leung,
Ray Lui,
Ni Hongjie,
Michael Wong,
Xiong Xin-Xin,
Simon Yam



Nach Ende des Ersten Japanisch-Chinesischen Krieges (August 1894 bis April 1895) fürchteten sich die Dorfbewohner Nordchinas vor einem zu starken Einfluss ausländischer Interessen. Als mehrere Naturkatastrophen das Land zusätzlich beutelten, machten viele (natürlich wider jeder Logik) westliche Mächte für das Unglück verantwortlich. Infolgedessen begannen sogenannte „Boxer“ (sprich: Kampfkunstkundige) aufzubegehren, indem sie ausländisches Eigentum zerstörten und (leider) auch Menschen töteten. Sogar die Kaiserin begann schließlich, die Rebellion zu unterstützen, die später als „Boxer-Aufstand“ in die Geschichtsbücher eingetragen wurde. Nach ersten Teilerfolgen unterlagen die Aufständischen schließlich der ausländischen Allianz, was die ohnehin bereits angeschlagene Qing-Dynastie weiter schwächte. In der Aufarbeitung wurden die Boxer von Gelehrten zunächst eher negativ rezipiert, beklagt wurden vor allem Rückständigkeit, Naivität und Aberglaube. So waren z. B. viele Kämpfer davon überzeugt, chinesische Körper seien unempfindlich gegen ausländische Gewehrkugeln. Dummerweise konnten die meisten dann hinterher nicht mehr von ihrem Irrtum berichten. Im Laufe der Zeit jedoch wurden die Umstürzler vor allem in der künstlerischen Darstellung mehr und mehr glorifiziert und als erstes großes Bollwerk gegen den Imperialismus gefeiert.

In dieser turbulenten Zeit spielt auch SEVEN ASSASSINS, ein Hybrid aus Historienschinken und Comic-Strip mit einem beachtlichen Aufgebot an Altstars des Hongkong-Kinos.

Inhalt:

China zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Das einstmals stolze Kaiserreich ist zerrissen zwischen Tradition und Revolution; gewaltsame Unruhen beherrschen das Land. Einer der Rebellenführer ist Tie Yun [Felix Wong], der mit einer großen Menge Gold durch das Reich zieht, das der Rekrutierung neuer Streitkräfte dienen soll. Klar, dass das nicht gut geht: Kaiserliche Soldaten überfallen den Transport. Tie kann lediglich sein Leben retten und flüchtet in eine „Das goldene Tal“ genannte Kommune, die es bisher geschafft hat, friedlich und abseits aller Konflikte weiterleben zu können. In ihrem Anführer Boss Mao [Eric Tsang] findet Tie schnell einen neuen Freund und Seelenverwandten. Als die Armee das Dorf überfällt und einen Teil der Gemeinschaft kaltblütig massakriert, erwacht der Kampfgeist und die Überlebenden verbünden sich mit dem Revolutionär.

Kritik:

Das verspricht fraglos jede Menge Spannung, Action und Abenteuer. Doch SEVEN ASSASSINS kann die an das Sujet geknüpften Erwartungen am Ende kaum einlösen. Dabei sind die Voraussetzungen hervorragend: ein packender historischer Hintergrund, eine ansprechende Ausstattung, viele gern gesehene Gesichter und an den Hebeln Verantwortliche, die ihr Handwerk durchaus verstehen. Doch viel zu behäbig kommt die Erzählung daher, der es vor allem an der nötigen Dramatik fehlt. Die Fallhöhe der zahlreichen Figuren wird nie so recht deutlich, zumal sie einem bis zum Schluss überwiegend unnahbar bleiben und keine rechte Verbundenheit hervorrufen können. Sogar Eric Tsang [→ SHAOLIN BASKETBALL HERO], der eigentlich ein großartiger Schauspieler ist und hier als schwerpunktmäßiger Sympathieträger fungieren soll, kommt ungewohnt langweilig und leidenschaftslos daher – was vor allem deswegen überrascht, weil er zusätzlich als Produzent hinter dem Projekt stand. Mancherorts wird ihm sogar anteilig die Regie zugeschanzt, aber das scheint schlichtweg ein Fehler zu sein. Die Inszenierung übernahm der überwiegend als Darsteller, Kampfkünstler und Choreograph bekannte Xiong Xin-Xin [→ KILL FIGHTER], der hier ebenfalls als Dorfbewohner zu sehen ist und in einer pseudotiefsinnigen Dialog-Szene versuchen darf, seiner Rolle Profil zu verleihen.

Womöglich lag es an seiner Unerfahrenheit in Sachen ganzheitlicher Spielleitung, dass das Werk über weite Strecken so dröge geriet. Selbstverständlich reißt auch das Drehbuch keine Bäume aus und bietet inhaltlich kaum etwas Neues. Aber der Freiheitskampf einer friedlebenden Dorfgemeinschaft verspricht prinzipiell Aufregung, selbst, wenn die zu Grunde liegenden Mechanismen im Kino bereits mehrfach durchexerziert wurden. SEVEN ASSASSINS (ein Titel, der gewiss nicht zufällig Assoziationen zu DIE SIEBEN SAMURAI oder dessen Neuausrichtung DIE GLORREICHEN SIEBEN erweckt) wirkt allerdings gar nicht wie für die Leinwand konzipiert und erweckt vielmehr den Eindruck einer zwar engagierten, aber nichtsdestotrotz in Sachen Mitteln und Möglichkeiten zurückgeschraubten Fernseh-Produktion. Epische Breite will sich partout nicht einstellen und oftmals entsteht ein eher theaterhafter Eindruck - zumal es auch an variantenreichen Schauplätzen mangelt und wiederholt die altbekannte Dorfkulisse bemüht wird. Dafür sind die Action-Szenen prinzipiell gut gelungen, wobei vor allem das Finale tüchtig Versäumnisse nachholt. Zu dieser Epoche neuartige Waffen wie Pistolen oder Maschinengewehre sorgen für triftig Trommelfeuer, während das gute, alte Schießpulver für zusätzliche Lärmbelästigung inklusive Rauch und Feuer sorgen darf. Und natürlich fliegen neben Kugeln und Funken auch fleißig Faust und Fuß, um dem Gegner additional auf klassische Weise einzuheizen.

Realistisch ist das freilich kein Stück. SEVEN ASSASSINS wirkt in solchen Momenten wie ein überzogener Action-Comic - wozu auch der Look der von Ni Hongjie [→ SILENT WITNESS] verkörperten Schurkin beiträgt, die als attraktive Assassine im Aussehen zwischen Django und Domina direkt einem Manga entlaufen scheint. Stilistisch beißt sich das schon arg mit dem Rest der Darbietung, der einen eher geerdeten und nüchternen Ansatz verfolgt. Dabei ist es gerade dieses kleine Quäntchen Verrücktheit, das man sich gern häufiger gewünscht hätte, etwas mehr Mut, auch mal über die Stränge zu schlagen und den Wutz von der Kette zu lassen. So bleibt dem Genre-Fan als Primärantrieb zum Fahrscheinkauf das illustre Star-Ensemble, gelang es den Produzenten doch, eine ansehnliche Runde altgedienter Recken zusammenzutrommeln. Während Felix Wong [→ VENGEANCE], der als Rebellenführer die eigentliche Hauptrolle bekleidet, eher zur unbekannteren Garde gehört, kann man in einer kleinen, aber feinen Nebenrolle als Gouverneur Ti Lung erspähen, einst mit Epen wie DIE BLUTSBRÜDER DES GELBEN DRACHEN (1973) einer der größten Action-Helden Asiens. Michael Wong, der dank kerniger Cop-Reißer wie FINAL OPTION (1993) wohl ewig mit der Figur des harten, doch herzlichen Ausbilders verbunden bleiben wird, sieht man hier ungewohnterweise als das Gespräch suchenden Geistlichen. Weitere Gastauftritte absolvieren unter anderem Waise Lee [→ BULLET IN THE HEAD], Dick Wei [→ EASTERN CONDORS] sowie der vor allem aus Polizei- und Gangsterfilmen bekannte Simon Yam [→ DRAGON KILLER].

Summa summarum bleibt SEVEN ASSASSINS hinter seinen Möglichkeiten zurück. Leider passt sich auch die deutsche Nachvertonung der allgemein vorherrschenden Trägheit an und bietet neben einer miesen Abmischung meist unterdurchschnittliche Sprecherleistungen, vor allem bei den kleineren Rollen (Talsohle bildet dabei der Sprecher Simon Yams, der so heiser klingt, dass man ihm direkt nen Kamillentee aufbrühen möchte). Dabei ist GLORY DAYS (wie er manchmal auch deutlich weniger martialisch, dafür romantisch verklärt genannt wird) auch kein Totalausfall, bietet gediegenen, solide dahinplätschernden Zeitvertreib, der seine Stärken gegen Ende richtig ausspielt und damit einigen zwischenzeitlichen Leerlauf wieder wettmachen kann. Wer nur die Höhepunkte historischer Action-Unterhaltung mitnehmen möchte, darf diesen Beitrag dennoch gern überspringen, ohne sich dafür ein schlechtes Gewissen aufbürden zu müssen.

Laufzeit: 99 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 29. November 2020

DIE RACHE DER CAMORRA


I GUAPPI
Italien 1974

Regie:
Pasquale Squitieri

Darsteller:
Franco Nero,
Fabio Testi,
Claudia Cardinale,
Raymond Pellegrin,
Rita Forzano,
Nino Vingelli,
Antonio Orlando,
Sergio Serafini



Inhalt:

Anfang des 20. Jahrhunderts: Nicola Bellizzi [Franco Nero], einst ein gefürchteter Gangster, kehrt nach mehreren Jahren im Gefängnis ins Elendsviertel Neapels zurück. Sein Ruf eilt ihm voraus, noch immer fürchten ihn die Leute. Aber Bellizzi hat sich geändert: Er verachtet mittlerweile das Verbrechen und möchte Rechtsanwalt werden. Mittlerweile regiert der brutale Don Gaetano [Fabio Testi] das Viertel. Schnell gerät Bellizzi mit ihm aneinander, kränkt ihn in seiner Ehre. Beim unausweichlichen Duell jedoch erkennen beide Männer, dass sie zwar auf verschiedenen Seiten stehen, aber dennoch ähnliche Moralvorstellung haben. Die einstigen Todfeinde beginnen zunächst, sich zu respektieren, schließlich werden sie gar Freunde. Bellizzi arrangiert sich mit der verbrecherischen Camorra – bis die Zweckgemeinschaft zu einem Problem wird.

Kritik:

Cineastische Darstellungen der Mafia gibt es viele. DER PATE [1972] ist nicht nur Platzhirsch des Genres, sondern war auch Initialzündung für zahlreiche Filmschaffende, sich ebenfalls mit der berühmt-berüchtigten Institution zu beschäftigen. Nicht wenige Beiträge kamen dabei aus Italien – kaum überraschend, war das Land doch a.) nie darum verlegen, auswärtige Leinwand-Erfolge zu kopieren und b.) stets Hauptleidtragender der organisierten Kriminalität. Oft wurde die Thematik dabei für reißerische Kolportagen genutzt. Aber auch, wenn der deutsche Titel es mit dem Blick auf ein sensationslüsternes Klientel zu suggerieren versucht – DIE RACHE DER CAMORRA gehört nicht dazu. Die Banditen, wie die Nummer eigentlich im Original heißt, ist tatsächlich sogar weniger Gangsterfilm als vielmehr ein mit nüchternem Understatement inszeniertes Zeitbild über die gesellschaftlichen Verhältnisse Italiens an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Regisseur Pasquale Squitieri [→ DIE RACHE BIN ICH] stammt ursprünglich aus dem Journalismus-Bereich, was sich in einer analytischen Herangehensweise und einem dokumentarischen Duktus niederschlägt. Squitieri (der auch für das Drehbuch verantwortlich war) beschreibt in unaufgeregtem, sachlichem Ton, wie in den südlichen Gefilden des Landes langsam, aber sicher die Camorra erstarkt – autonome Familienclans, die nach und nach ihre eigenen Gesetze installieren und immer mehr an Macht und Einfluss gewinnen.

Mit einigem Aufwand an Kostüm und Kolorit entstand so ein durch und durch authentisch wirkender Blick auf die Rituale und Kodizes der neapolitanischen Verbrechervereinigung, die – fast völlig unbehelligt von überforderter und geschmierter Polizei – ihre ganz eigenen Strukturen entwickelt hat, ein perverser Staat im Staat, der sich die Armut und die daraus resultierende Hilflosigkeit der Bevölkerung zunutze macht, um ihre Macht zu erhalten und zu erweitern. Wie Könige herrschen die Anführer des Camorra-Clans in den Vierteln – wer es wagt, ohne ihre Zustimmung Geschäfte zu machen, endet mit dem Messer im Bauch. Ein Ausweg aus den Verhältnissen scheint unmöglich. Von Geburt an lernen bereits die Kinder, dass der einzige Weg zu überleben das Stehlen und das Morden ist. Anstatt Lesen lehrt man ihnen das korrekte Hantieren mit der Klinge. Die Verhältnisse sind trist, die Aussichten trostlos, Werte wie Tugend oder Gerechtigkeit scheinen nicht mehr existent.

Vor diesem historischen Hintergrund entspinnt Squitieri die Studie zweier Männer, Gaetano und Bellizzi, die zwar unterschiedlichen Prinzipien huldigen, sich aber dennoch gegenseitig respektieren, woraus eine eigentlich völlig absurde Freundschaft erwächst. Mit Fabio Testi [→ DIE PERFEKTE ERPRESSUNG] und Franco Nero [→ DIE KLETTE] holte man sich dafür zwei echte Schwergewichte an Bord, die sich (und dem Publikum) ein wahrlich packendes Schauspielduell liefern, das vor allem deswegen glaubhaft wirkt, da beide Mimen ihr Spiel nicht durch eitle Übertreibungen verwässern, sondern sich überwiegend auf ihre grundsätzliche Leinwandpräsenz verlassen. Vor allem Nero gelingt es dabei, den Zwiespalt seiner Figur intensiv herauszuarbeiten: Zwar ist Gerechtigkeit sein Ziel, doch stürzt ihn das Wissen, dass sein Arrangement mit dem Verbrechen Gerechtigkeit eigentlich ad absurdum führt, in einen quälenden Konflikt. Auch Testi nimmt man die Rolle des mächtigen Gangsterbosses spielend ab. Sein ruhiges und scheinbar beherrschtes Auftreten strahlt unantastbare Überlegenheit aus, doch liegt die Gefahr eines plötzlichen Gewaltausbruchs jederzeit spürbar in der Luft. Weibliche Unterstützung bekommt das Duo von Claudia Cardinale [→ PETROLEUM-MIEZEN], die hier ebenfalls beweisen kann, dass sie zu den großen ihrer Zunft gehörte. Denn ihre Rolle ist zum Glück alles andere als reine Staffage, sondern von ebensolcher Relevanz wie die männlichen Figuren. Ein weiterer wichtiger Name auf der Besetzungsliste ist der des Franzosen Raymond Pellegrin [→ PULVERFASS BAHIA]. In blendender Verbissenheit verkörpert er den temperamentvollen Hauptmann Aiossa, der mit Wut und Leidenschaft versucht, den kriminellen Gaetano hinter Schloss und Riegel zu bringen. Bezeichnenderweise muss er irgendwann einsehen, dass ihm dieses auf rechtschaffendem Wege nicht möglich ist, weswegen er zur Erreichung des Zieles schließlich selbst zum Verbrecher werden muss.

Somit hat man es hier auch mit einer Bestandsaufnahme des damaligen italienischen Rechtssystems zu tun. Man sieht Richter, die völlig überfordert sind und oftmals nicht wissen, wie sie sich entscheiden sollen. Die Folge ist eine völlig willkürliche Pseudo-Rechtsprechung vor dem Hintergrund des nett gemeintes Schriftzugs „Vor dem Gesetz sind alle gleich“. Doch bei Squitieri läuft das Versagen von Recht und Gesetz nicht etwa auf einen finalen Befreiungsschlag, einen kathartischen Akt entfesselter Selbstjustiz hinaus. Am Ende bleibt hier nicht mehr als Betroffenheit und Frustration. Freunde von Krawall und Krudelität kommen hier deshalb auch kaum auf ihre Kosten, auch wenn zwischendurch mal Fäuste, Peitschen und frisch gewetzte Rasiermesser fliegen. Trotzdem ist DIE RACHE DER CAMORRA kein Actionspektakel, sondern ein um Authentizität bemühter Historienfilm, der sich zum Teil auch ein wenig zu viel Zeit lässt. Speziell der Beginn geriet etwas sehr spröde und schleppend, ein paar Straffungen hätten gewiss nicht geschadet. Und dafür, dass man anfangs fast ein wenig zu betulich daherkommt, passiert am Ende dann auch alles etwas zu hopplahopp - ohne Erklärung werden da mehrere Monate einfach mal übersprungen. Dennoch entwickelt das mit viel merklicher Leidenschaft in Szene gesetzte Kriminellen- und Gesellschafts-Portrait eine morbide Faszination, die einen in ihren Bann zieht. Nach niederschmetternder Schlusspointe wird man schließlich mit überraschendem Sprung in die (damalige) Gegenwart entlassen, so dass man sich die Frage stellen muss: Wie viel hat sich in Neapel im Laufe der Jahre denn eigentlich geändert?

Laufzeit: 126 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 15. Januar 2020

DER GEHEIMBUND DER TODESKRALLE


DA SHA SI FANG
Hongkong 1980

Regie:
Chang Cheh

Darsteller:
Philip Kwok,
Wang Li,
Sun Chien,
Chiang Sheng,
Lo Meng,
Lu Feng,
Linda Chu Hsiang-Yun,
Wang Han-Chen



Inhalt:

China, Ming-Dynastie: Das Kaiserhaus ist schwach. Unter den Generälen der Garde ist ein Machtkampf um die Herrschaft in den einzelnen Provinzen ausgebrochen. Vor allem im Norden des Landes regieren Viele mit unerträglicher Grausamkeit. Die Städte des Südens werden den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen kaum noch Herr. Unter den Flüchtlingen befinden sich auch Wong Shu [Philip Kwok], Yu Han [Chiang Sheng] und Jin Cheng [Lo Mang], die unabhängig voneinander in die befestigte Stadt kommen, sich bald kennenlernen und erst Freund-, dann Blutsbrüderschaft schließen. Ihren Treueschwur müssen sie nur kurze Zeit später bereits unter Beweis stellen, als sie Spielball einer infamen Intrige werden: Oberst Cheng [Wang Han-Chen], der abberufen war, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, wird von den Bandenchefs Chen Zu Guan [Lu Feng] und Pan Feng [Wong Lik] ermordet, die lieber jemand anderen an der Macht sähen. Als Wong, Yu und Jin die Tat in die Schuhe geschoben wird, werden die drei kampferprobten Freunde nicht nur von den eigentlichen Mördern, sondern bald auch von der halben Stadt gejagt. In ihrer Not sehen sie nur noch einen Ausweg: Sie müssen sich weiter in den Süden durchschlagen, um sich der Rebellion anzuschließen. Eine gnadenlose Flucht beginnt.

Kritik:

Die Five Venoms, oder im Deutschen Die unbesiegbaren Fünf, waren das späte Aushängeschild der Kult-Kung-Fu-Fabrik Shaw Brothers (Hong Kong) Limited. Nachdem die populäre Produktionsstätte in den 70ern ein paar der größten Genre-Klassiker überhaupt hervorbrachte, war sie trotz jahrelanger Fleiß- und Fließbandarbeit selbst Anfang der 80er noch immer nicht dazu bereit, so einfach die Fäuste Flinte ins Korn zu werfen. Da die großen Stars des Studios aber mittlerweile abgedankt waren oder kürzer traten, installierte man kurzentschlossen ein paar neue Galionsfiguren, um das Publikumsinteresse weiterhin aufrecht zu erhalten. Und so durfte das Quintett Philip Kwok [→ DER CLAN DER NINJA], Lo Meng [→ DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS], Lu Feng [→ DAS HÖLLENTOR DER SHAOLIN], Sun Chien [→ IM GEHEIMDIENST DES GELBEN DRACHEN] und Chiang Sheng [→ DAS GRABMAL DES SHAOLIN] ins Rampenlicht rücken, nachdem die Darsteller jahrelang lediglich mit Neben- und Statistenrollen abgefertigt wurden. Die Abenteuer der Venoms liefen stets ähnlich ab, und auch DER GEHEIMBUND DER TODESKRALLE bildet keine Ausnahme: Die fünf Kämpfer verkörpern jeweils passgenau auf sie zugeschnittene Figuren mit prägnant skizzierten Persönlichkeitsmerkmalen, die durch höhere Mächte (und spitze Autorenfedern) zusammengeführt werden und sich im Zuge zahlreicher artistischer Auseinandersetzungen bewähren müssen. Nicht immer stehen sie dabei allerdings auf der selben Seite. Hier bekleidet das Dreiergespann Lo Mang, Chiang Sheng und Kuo Chui den guten Kader, während Lu Feng und Sun Chien als deren Widersacher agieren. Viel Mühe, komplexe Charaktere zu entwerfen, gab man sich dabei nicht. Die mittellosen, herzensguten Flüchtlinge sind auf Anhieb als Sympathieträger ausgemacht, die Gegenseite erweckt Abscheu durch Zynismus, Verschlagenheit und Menschenverachtung.

Dass die Erzählung trotz Mangel an Kreativität und großer Vision gut funktioniert, liegt an der bemerkenswerten Routine, mit der die Crew um Altmeister Chang Cheh [→ ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE] die Ereignisse auf Zelluloid bannte. Das Tempo ist hoch, die Story um eine politische Intrige samt Verrat, Mord und Verleumdung zwar von der Stange, aber vollkommen zweckdienlich. Zudem verstand man es, den attraktiven historischen Hintergrund nutzbringend einzubinden. Mit sichtbarem Aufwand an Szenerie und Statisten erweckte man das Ende der Ming-Dynastie zu leinwandtauglichem Leben, kreierte ein zerrissenes Kaiserreich am Rande des Untergangs, in dem Chaos die Straßen beherrscht und die Luft vor fiebriger Spannung vibriert. Hätte man sich etwas mehr Konsequenz auf die Fahnen geschrieben und die unbequeme Stimmung stringent durchgezogen, es hätte gewiss nicht zum Nachteil gereicht. Stattdessen wird die aufgeladene Atmosphäre gleich mehrfach unterwandert, sei es durch die legeren Schelmereien der Stars im bewährten Jackie-Chan-Schlitzohren-Modus, oder durch genregerechte Trivialitäten wie die Causa, dass jede wirklich noch so kleine Meinungsverschiedenheit kinokompatibel per Faust und Fußtritt ausgetragen werden muss (und sollte man sich dabei gerade zufällig in einem vollbesetzten Spielcasino befinden, balgt sich der Rest der Belegschaft ohne zwingenden Grund natürlich gleich noch mit).

Auf diese Weise wechseln sich (unterhaltsame) Banalitäten ab mit anspruchsvoller Prämisse und Präsentation, immer mal wieder unterbrochen von ungewollten Albernheiten, wie der Moment, in dem der zum Tode verurteilte Lo Mang, den Kopf bereits in der Schlinge, vor versammelter Mannschaft gut sichtbar mit einem zudem mehr als auffällig zugesteckten Dolch herumhantiert, um seine Fesseln zu lösen – während alle Anwesenden offenbar ganze Tomatenkisten auf den Augen haben und davon nicht das Geringste mitbekommen. Sympathisch ist die mitgeschickte Botschaft der Geschichte, eine latente Anklage gegen Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit. Wie selbstverständlich beschließen die Schurken hier in einem lapidaren Nebensatz, die Schuld für die eigenen Verbrechen dem nächstbesten Flüchtling in die Schuhe zu schieben. Und da die Bluttat perfekt in erfolgreich generierte gesellschaftliche Denkmuster passt, geht der Plan natürlich auch postwendend auf. Einzig eine vom System ebenfalls geächtete Prostituierte (die vom Skript allerdings arg nachlässig behandelt wurde, obwohl sie theoretisch eine viel interessantere Figur abgegeben hätte), schenkt den Sündenböcken Glauben.

Die versiert in Szene gesetzte Mixtur aus Historienbild, Politthriller und Kung-Fu-Akrobatik läuft von Anfang bis Ende durch wie ein Uhrwerk, freilich ohne dabei großartige Höhepunkte zu verzeichnen. Chang Cheh lieferte gehorsam Dienst nach Vorschrift, und das Fünfer-Gespann beweist einmal mehr, was es in Sachen Kraft und Körperbeherrschung auf dem Kasten hat. Die Action-Sequenzen, das Herzstück eines Genre-Beitrags wie diesem, sind zahlreich und überzeugen einmal mehr durch gekonnte Choreographien und dynamische Darbietung. Das unerwartet garstige Finale gastiert schließlich in fast schon provozierend künstlich anmutender Hafenkulisse und überrascht mit einer Extraportion Tragik und herausquellendem Gedärm. DER GEHEIMBUND DER TODESKRALLE (wer hier irgendwie irgendwo nen Geheimbund findet, darf ihn übrigens behalten) gehört sicher nicht zu den Glanzlichtern der Shaw Brothers, und wer nur die wirklichen Sternstunden des Studios erleben möchte, darf diesen Eintrag ohne schlechtes Gewissen überspringen. Wer sich jedoch so wohlfühlt im Kosmos der Kämpfer und Konflikte, dass er davon einfach nicht genug bekommen kann, der wird an dem kompetent gefertigten Konglomerat aus Komik, Keile und Geschichtsunterricht gewiss seine Freude haben.

Laufzeit: 99 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 12. Juli 2015

DIE LETZTE SCHLACHT AM TIGERBERG


ZHI QU WEI HU SHAN
China 2014

Regie:
Tsui Hark

Darsteller:
Tony Leung Ka-Fai,
Zhang Hanyu,
Lin Gengxin,
Yu Nan,
Tong Liya,
Han Geng,
Chen Xiao,
Tse Miu



Inhalt:

In den Wäldern Chinas, 1946: Die Volksbefreiungsarmee hat den Krieg gegen die Japaner gewonnen, doch an eine verdiente Ruhe ist nicht zu denken: Eine Räuberbande terrorisiert das Land und verbreitet Angst und Schrecken. Angeführt wird sie von einem berüchtigten Schurken mit dem simplen Namen 'Falke', der sich mit seinen blutrünstigen Mannen auf den als uneinnehmbar geltenden Tigerberg zurückgezogen hat. Hauptmann Shao Jianbo (alias Nummer 203)[Lin Gen-Xin] entwickelt einen riskanten Plan, um den Bösewichtern Einhalt zu gebieten: Er schleust sich als Bandit getarnt in die Truppe ein, um sich im Laufe der Zeit das Vertrauen des Anführers zu erschleichen, sie tatsächlich jedoch so weit zu schwächen, dass sie angreifbar wird. Um seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, bringt er ein Gastgeschenk mit: eine Karte, die strategisch wertvolle Ratschläge zur Kriegsführung liefert. Zunächst scheint sein Plan aufzugehen. Doch Shao muss feststellen, dass es oft nicht einfach ist, eine Tarnung aufrecht zu erhalten.

Kritik:

PEKING OPERA BLUES heißt das Werk, das den chinesischen Regisseur Tsui Hark im Jahre 1986 schlagartig auch im Westen bekannt machte. Die rasant geschnittene und üppig ausgestattete Kung-Fu-Komödie erntete in ihrer grellen Mischung aus Anspruch und Action viel Kritikerlob und holte das Hongkong-Kino endgültig aus der vermeintlichen Schundecke hinaus ans Licht der Öffentlichkeit. Von daher ist es nicht unamüsant, dass Harks THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN gut 30 Jahre später mit dem sarkastisch kommentierten Bild einer Peking-Oper beginnt. Allerdings basiert das pralle Historien-Epos auch auf einer eben solchen. Ab 1966, während der Kulturrevolution, entstanden - natürlich auf Druck Máo Zédōngs (und dessen Ehefrau Jiāng Qīng) – zahlreiche politisch motivierte Tanz- und Musikstücke, Modellopern genannt, von denen Mit taktischem Geschick den Tigerberg erobert zu einer der bekanntesten wurde. Als Grundlage diente der Roman mit dem englischen Titel TRACKS IN THE SNOWY FOREST des Autors Qu Bo, der in seiner Heimat immens populär wurde. Dass die Heldensaga, in der die chinesische Volksbefreiungsarmee während des Bürgerkrieges neben Hunger und Tod auch gegen eine berüchtigte Räuberbande kämpfen muss, tatsächlich, wie behauptet, auf einem wahren Ereignis beruht, kann man dabei entweder glauben, oder man lässt es eben bleiben.

Völlig unerwartet beginnt THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN zunächst im neuzeitlichen New York, das gerade vom wilden Trubel der Feierlichkeiten für den Wechsel ins Jahr 2015 bestimmt wird. Ein junger Chinese erhascht auf einer Party, kurz bevor er die Reise zu seiner in der Heimat wartenden Großmutter antritt, im Fernsehen eine Szene aus besagter Oper, worauf ihm - im Gegensatz zu seinen zechenden Freunden – ganz wehmütig ums Herz wird. Auf der Fahrt nach Hause holt er sein Tablet hervor und beginnt, die Darbietung komplett zu sichten. Erst dann springt die Handlung zurück ins Jahr 1946 und zeichnet das Bild einer tapferen Truppe verwegener Teufelskerle und -frauen, die sich, kurz nachdem sie die Japaner geschlagen hat, einem neuen Feind gegenübersieht: dem vom dämonischen Oberschurken 'Falke' befehligten Gaunerkollektiv, welches sich auf dem als uneinnehmbar geltenden Tigerberg verschanzt und das Land mit Tod und Terror überzieht. Dass das kein Dauerzustand bleiben wird, ist angesichts des Titels keine sonderlich große Überraschung, den Weg zum Ziel jedoch gestaltete Tsui Hark als ereignis- und attraktionsreichen Hindernisparcours mit wilder Radau-Attitüde und einer ganzen Wagenladung großartiger Schauwerte.

Mit dem mit dieser Thematik einhergehenden Hohelied auf Heldentum und Opferbereitschaft befindet man sich selbstverständlich voll und ganz auf Regierungskurs, nutzt die Staatsmacht das Kino Hongkongs doch seit Rückgabe der Metropole an China in erster Linie dazu, die Bürger nach eigenem Gusto zu erziehen und durch das Präsentieren proletarischer Pioniere Vaterlandsliebe zu erzeugen (was nicht selten einen bitteren Beigeschmack zur Folge hat). Doch die Drehbuchautoren (zu denen unter anderem auch Tsui Hark selbst gehörte) gaben sich in diesem Falle alle Mühe, THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN nicht zur platten Propaganda verkommen zu lassen - schon allein aufgrund dessen, dass eindeutige Realitätsbezüge überwiegend vermieden wurden. Stattdessen kreierten sie ein abgehobenes Abenteuer-Spektakel, das mehr mit einer ausgeflippten Achterbahnfahrt gemein hat als mit bodenständigem Geschichtsunterricht – was durch eine grandiose, an INDIANA JONES angelehnte Anschluss-Sequenz auf die Spitze getrieben wird (die freilich all jene verpassen werden, die bereits bei der ersten Stab-Einblendung aufspringen und das Weite suchen).

Somit gibt sich THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN bereits von Haus aus wie ein knalliger Comic-Strip, in dem Schwarz und Weiß klipp und klar voneinander getrennt und entsprechend überzeichnet sind. Die Guten sind von Grund auf edel, mutig und ehrenhaft, die Männer wie die Frauen, und niemand käme auch nur im Ansatz auf die Idee, dass hier der selbe Verein skizziert wird, der 1989 ein Massaker unter protestierenden Studenten angerichtet hat. Die Bösen hingegen sehen bereits aus wie grotesk verwachsene Missgestalten und glänzen in erster Linie durch grobschlächtige Aktionen und grunzende Artikulation. Gekrönt wird das durch einen unter seiner Maskerade kaum noch zu erkennenden Leung Ka-Fai [→ BODYGUARDS AND ASSASSINS] als Banditenkönig 'Falke', der eine frappierende Ähnlichkeit zu Danny DeVitos Pinguin aus BATMANS RÜCKKEHR aufweist und als schillernde Karikatur eines allmächtigen Super-Schurken den extravaganten Charakter des Werkes noch mal zusätzlich unterstreicht. Dazu gesellen sich heillos überzogene, Physik und Logik trotzende Action-Zelebrierungen (wie eine Schießerei auf Schiern oder eine waghalsige Abseilungsaktion zwischen zwei Bergmassiven), und ausgefallene, bisweilen bizarre Bilder wie der verbissene Kampf erst Mensch gegen Tiger, dann Tiger gegen Pferd – aus dem Rechner gezaubert, versteht sich, doch nicht nur für asiatische Verhältnisse verblüffend naturalistisch umgesetzt und von leicht surrealer Note umwabert.

Da Tsui Hark sein ausladendes Schlachtengemälde zudem für eine dreidimensionale Präsentation konzipierte, lies er es sich auch nicht nehmen, das Geschehen durch zahlreiche visuelle Taschenspielertricks tüchtig aufzumotzen. Dabei verfällt er zwar bisweilen – besonders zu Beginn – ein wenig in prahlerische Effekthascherei, lässt Messer, Granaten und sonstige Geschosse majestätisch durchs Bild gleiten (idealerweise dabei explodierend, damit man sie genüsslich und von allen Seiten im Funkenregen ablichten kann), aber Laune macht das dennoch – oder gerade deswegen. Bereits bei seinem Kostümschinken FLYING SWORDS OF DRAGON GATE experimentierte Hark mit 3D-Effekten und gab sich schon dort erstaunlich versiert. Hier legte er noch mal einen Zacken drauf und schöpfte die sich bietenden Möglichkeiten der seit AVATAR populären Technik optimal aus: Ungewöhnliche Kamerawinkel und ein geschicktes Spiel mit Raum und Perspektive erschaffen einen im wahrsten Sinne des Wortes ungemein vielschichtigen Kosmos, der zu leben und zu atmen scheint. Manchmal wirkt es, als habe Hark, einem großem Kinde gleich, einfach wild alles Mögliche ausprobiert, um dann nur die Ergebnisse behalten, die am meisten Eindruck geschunden hatten. Dazu passt auch, dass THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN, volle 15 Jahre nach MATRIX, wie selbstverständlich wieder die 'Bullet-Time' verwendet (also Kamerafahrten um in der Zeit eingefrorene Objekte herum) – nicht, weil es zufälligerweise gerade mal wieder im Trend läge, sondern einfach nur, weil es Spaß macht und gut aussieht.

Die Exposition scheint, wenn auch nicht langweilig, zunächst ein wenig ziellos und in erster Linie der Präsentationen optischer Sperenzchen zu dienen. Sobald jedoch Shaos Mission beginnt, entwickelt sich ein schnurstracks geradeaus marschierendes, mitreißendes Stück Kino, das eine im Grunde klassische Undercover-Story erzählt – nur, dass der Cop hier gegen einen Soldaten und die Drogenhändler gegen eine Horde Plünderer ausgetauscht wurden. Trotz einer Länge von auffallend über zwei Stunden herrscht dabei zu keinem Zeitpunkt Leerlauf oder Lethargie; im Gegenteil entpuppt sich THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN als wahres Füllhorn ergreifender Ereignisse und imposanter Impressionen und gipfelt in einem perfekt inszenierten orgiastischen Orkan atemberaubender Action, bei dem die Klang- und Pyrotechniker Überstunden schoben und es zeitlupenzerdehnte Kopfschüsse im Minutentakt hagelt. Der finale Sprung zurück in die Moderne schließt die erzählerische Klammer und veranschaulicht mit leiser Melancholie und nostalgischem Schwelgen, wie vergangene Taten Einfluss nehmen können auf das Leben und Wirken nachfolgender Generationen, bevor ein ebenso augenzwinkernder wie bombastischer Abschluss das Publikum wieder in die Wirklichkeit entlässt.

An Chinas Kinokasse war man damit geradezu umwerfend erfolgreich; bereits nach einer Woche spielte das Werk fast 52 Millionen US-Dollar ein. Das ist den Machern durchaus zu gönnen, nicht nur, weil man es hier mit einem vorzüglich produzierten Opus zu tun hat, sondern weil dieses vor allem auch die endgültige Rehabilitierung seines Regisseurs bedeutet, der nach fulminantem Karrierestart begann, seinen Ruf als talentierter Visionär mit Ramschware wie ZU WARRIORS oder BLACK MASK 2 [beide von 2001] brutal zu zersägen. THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN hingegen ist tatsächlich wieder ein hochambitioniertes Leinwand-Werk und bietet exzellente Unterhaltung, wie man sie sich wünscht: packend, aufregend und von umwerfender cineastischer Wucht. Historisches Kampfgetümmel trifft auf cartoonesk überzogenen Abenteuer-Esprit irgendwo zwischen Steven Spielberg und TIM UND STRUPPI; der selbstreferenzielle Charakter wirkt sympathisch und unverkrampft, und der stark romantisierte Hintergrund glättet sanft den unterschwelligen Lobgesang auf Pathos und Heldenkult. Tsui Hark hat nicht nur den Tigerberg zurückerobert, sondern auch den Kino-Olymp.

Laufzeit: 141 Min. / Freigabe: ab 16