Eigene Forschungen

Sonntag, 29. November 2020

DIE RACHE DER CAMORRA


I GUAPPI
Italien 1974

Regie:
Pasquale Squitieri

Darsteller:
Franco Nero,
Fabio Testi,
Claudia Cardinale,
Raymond Pellegrin,
Rita Forzano,
Nino Vingelli,
Antonio Orlando,
Sergio Serafini



Inhalt:

Anfang des 20. Jahrhunderts: Nicola Bellizzi [Franco Nero], einst ein gefürchteter Gangster, kehrt nach mehreren Jahren im Gefängnis ins Elendsviertel Neapels zurück. Sein Ruf eilt ihm voraus, noch immer fürchten ihn die Leute. Aber Bellizzi hat sich geändert: Er verachtet mittlerweile das Verbrechen und möchte Rechtsanwalt werden. Mittlerweile regiert der brutale Don Gaetano [Fabio Testi] das Viertel. Schnell gerät Bellizzi mit ihm aneinander, kränkt ihn in seiner Ehre. Beim unausweichlichen Duell jedoch erkennen beide Männer, dass sie zwar auf verschiedenen Seiten stehen, aber dennoch ähnliche Moralvorstellung haben. Die einstigen Todfeinde beginnen zunächst, sich zu respektieren, schließlich werden sie gar Freunde. Bellizzi arrangiert sich mit der verbrecherischen Camorra – bis die Zweckgemeinschaft zu einem Problem wird.

Kritik:

Cineastische Darstellungen der Mafia gibt es viele. DER PATE [1972] ist nicht nur Platzhirsch des Genres, sondern war auch Initialzündung für zahlreiche Filmschaffende, sich ebenfalls mit der berühmt-berüchtigten Institution zu beschäftigen. Nicht wenige Beiträge kamen dabei aus Italien – kaum überraschend, war das Land doch a.) nie darum verlegen, auswärtige Leinwand-Erfolge zu kopieren und b.) stets Hauptleidtragender der organisierten Kriminalität. Oft wurde die Thematik dabei für reißerische Kolportagen genutzt. Aber auch, wenn der deutsche Titel es mit dem Blick auf ein sensationslüsternes Klientel zu suggerieren versucht – DIE RACHE DER CAMORRA gehört nicht dazu. Die Banditen, wie die Nummer eigentlich im Original heißt, ist tatsächlich sogar weniger Gangsterfilm als vielmehr ein mit nüchternem Understatement inszeniertes Zeitbild über die gesellschaftlichen Verhältnisse Italiens an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Regisseur Pasquale Squitieri [→ DIE RACHE BIN ICH] stammt ursprünglich aus dem Journalismus-Bereich, was sich in einer analytischen Herangehensweise und einem dokumentarischen Duktus niederschlägt. Squitieri (der auch für das Drehbuch verantwortlich war) beschreibt in unaufgeregtem, sachlichem Ton, wie in den südlichen Gefilden des Landes langsam, aber sicher die Camorra erstarkt – autonome Familienclans, die nach und nach ihre eigenen Gesetze installieren und immer mehr an Macht und Einfluss gewinnen.

Mit einigem Aufwand an Kostüm und Kolorit entstand so ein durch und durch authentisch wirkender Blick auf die Rituale und Kodizes der neapolitanischen Verbrechervereinigung, die – fast völlig unbehelligt von überforderter und geschmierter Polizei – ihre ganz eigenen Strukturen entwickelt hat, ein perverser Staat im Staat, der sich die Armut und die daraus resultierende Hilflosigkeit der Bevölkerung zunutze macht, um ihre Macht zu erhalten und zu erweitern. Wie Könige herrschen die Anführer des Camorra-Clans in den Vierteln – wer es wagt, ohne ihre Zustimmung Geschäfte zu machen, endet mit dem Messer im Bauch. Ein Ausweg aus den Verhältnissen scheint unmöglich. Von Geburt an lernen bereits die Kinder, dass der einzige Weg zu überleben das Stehlen und das Morden ist. Anstatt Lesen lehrt man ihnen das korrekte Hantieren mit der Klinge. Die Verhältnisse sind trist, die Aussichten trostlos, Werte wie Tugend oder Gerechtigkeit scheinen nicht mehr existent.

Vor diesem historischen Hintergrund entspinnt Squitieri die Studie zweier Männer, Gaetano und Bellizzi, die zwar unterschiedlichen Prinzipien huldigen, sich aber dennoch gegenseitig respektieren, woraus eine eigentlich völlig absurde Freundschaft erwächst. Mit Fabio Testi [→ DIE PERFEKTE ERPRESSUNG] und Franco Nero [→ DIE KLETTE] holte man sich dafür zwei echte Schwergewichte an Bord, die sich (und dem Publikum) ein wahrlich packendes Schauspielduell liefern, das vor allem deswegen glaubhaft wirkt, da beide Mimen ihr Spiel nicht durch eitle Übertreibungen verwässern, sondern sich überwiegend auf ihre grundsätzliche Leinwandpräsenz verlassen. Vor allem Nero gelingt es dabei, den Zwiespalt seiner Figur intensiv herauszuarbeiten: Zwar ist Gerechtigkeit sein Ziel, doch stürzt ihn das Wissen, dass sein Arrangement mit dem Verbrechen Gerechtigkeit eigentlich ad absurdum führt, in einen quälenden Konflikt. Auch Testi nimmt man die Rolle des mächtigen Gangsterbosses spielend ab. Sein ruhiges und scheinbar beherrschtes Auftreten strahlt unantastbare Überlegenheit aus, doch liegt die Gefahr eines plötzlichen Gewaltausbruchs jederzeit spürbar in der Luft. Weibliche Unterstützung bekommt das Duo von Claudia Cardinale [→ PETROLEUM-MIEZEN], die hier ebenfalls beweisen kann, dass sie zu den großen ihrer Zunft gehörte. Denn ihre Rolle ist zum Glück alles andere als reine Staffage, sondern von ebensolcher Relevanz wie die männlichen Figuren. Ein weiterer wichtiger Name auf der Besetzungsliste ist der des Franzosen Raymond Pellegrin [→ PULVERFASS BAHIA]. In blendender Verbissenheit verkörpert er den temperamentvollen Hauptmann Aiossa, der mit Wut und Leidenschaft versucht, den kriminellen Gaetano hinter Schloss und Riegel zu bringen. Bezeichnenderweise muss er irgendwann einsehen, dass ihm dieses auf rechtschaffendem Wege nicht möglich ist, weswegen er zur Erreichung des Zieles schließlich selbst zum Verbrecher werden muss.

Somit hat man es hier auch mit einer Bestandsaufnahme des damaligen italienischen Rechtssystems zu tun. Man sieht Richter, die völlig überfordert sind und oftmals nicht wissen, wie sie sich entscheiden sollen. Die Folge ist eine völlig willkürliche Pseudo-Rechtsprechung vor dem Hintergrund des nett gemeintes Schriftzugs „Vor dem Gesetz sind alle gleich“. Doch bei Squitieri läuft das Versagen von Recht und Gesetz nicht etwa auf einen finalen Befreiungsschlag, einen kathartischen Akt entfesselter Selbstjustiz hinaus. Am Ende bleibt hier nicht mehr als Betroffenheit und Frustration. Freunde von Krawall und Krudelität kommen hier deshalb auch kaum auf ihre Kosten, auch wenn zwischendurch mal Fäuste, Peitschen und frisch gewetzte Rasiermesser fliegen. Trotzdem ist DIE RACHE DER CAMORRA kein Actionspektakel, sondern ein um Authentizität bemühter Historienfilm, der sich zum Teil auch ein wenig zu viel Zeit lässt. Speziell der Beginn geriet etwas sehr spröde und schleppend, ein paar Straffungen hätten gewiss nicht geschadet. Und dafür, dass man anfangs fast ein wenig zu betulich daherkommt, passiert am Ende dann auch alles etwas zu hopplahopp - ohne Erklärung werden da mehrere Monate einfach mal übersprungen. Dennoch entwickelt das mit viel merklicher Leidenschaft in Szene gesetzte Kriminellen- und Gesellschafts-Portrait eine morbide Faszination, die einen in ihren Bann zieht. Nach niederschmetternder Schlusspointe wird man schließlich mit überraschendem Sprung in die (damalige) Gegenwart entlassen, so dass man sich die Frage stellen muss: Wie viel hat sich in Neapel im Laufe der Jahre denn eigentlich geändert?

Laufzeit: 126 Min. / Freigabe: ab 16

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