Eigene Forschungen

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Sonntag, 15. März 2026

EXPECT THE UNEXPECTED


非常突然
Hongkong 1998

Regie:
Patrick Yau Tat-Chi

Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Simon Yam Tat-Wah,
Ruby Wong Cheuk-Ling,
Hui Siu-Hung,
Raymond Wong Ho-Yin,
Yoyo Mung Ka-Wai,
Bak Ka-Sin,
Lam Suet



 „Ein paar Dinge kann man nicht erzwingen. Liebe gehört dazu.“

(Die Kriminalpolizei kennt sich in allen Bereichen aus.)


Inhalt:

Inmitten des Großstadtdschungels von Hongkong liegt das „O-Kommissariat“. Von hier aus bemüht sich das Einsatz- und Ermittlerteam um Ken [Simon Yam] und Sam [Lau Ching-Wan] nach Leibeskräften, dem Verbrechen im Distrikt Einhalt zu gebieten. Aktuell sorgt eine Serie von Überfällen für höchste Alarmbereitschaft: Einer hochprofessionell organisierten Bande gelingt es immer wieder, Geldtransporter zu knacken und sich mittels massiver Waffengewalt abzusetzen. Von deutlich weniger Glück und Geschick begleitet sind derweil drei Festlandchinesen, die kläglich daran scheitern, ein Juweliergeschäft auszurauben und ohne Beute die Beine in die Hand nehmen müssen. Bei ihrer Flucht vor der Polizei verkriechen sich die verhinderten Diebe ausgerechnet in dem Apartmenthaus, das der Profi-Gang als Geheimversteck dient. Es dauert nicht lang, da fliegen die ersten Kugeln.

Kritik:

Die Inhaltsangabe klingt zwar stringent, aber das täuscht: EXPECT THE UNEXPECTED macht seinem Titel durchaus Ehre und unterläuft gängige Erwartungshaltungen, sowohl in Sachen Form als auch Inhalt. Statt eines konsequent erzählten Cop-Thrillers servieren Regisseur Patrick Yau [→ THE ODD ONE DIES] und Produzent Johnnie To [→ DRUG WAR] ihrem Publikum lieber eine Reihe kleiner Ereignis-Häppchen, Momentaufnahmen aus dem Alltag der vielbeschäftigten Ordnungshüter, die mal mehr, mal weniger aufregend daherkommen. Zwar sind die einzelnen Episoden durchaus miteinander verwoben und gehen oft fließend ineinander über, an einem klassischen Spannungsbogen war man dennoch nicht interessiert – vielmehr an einem rastlosen Nebeneinander von Routine und Risiko, von Leerlauf und Zuspitzung, was tatsächlicher Ermittlungsarbeit, die sich ja ebenfalls nicht an Drehbuch und Dramaturgie hält, schon relativ nah kommen sollte. Als lose narrative Klammer fungiert dabei die Figur der Kellnerin Mandy, der sowohl die ersten als auch die letzten Bilder gehören. Noch während des Vorspanns putzt sie die Scheiben des Lokals, in dem sie arbeitet, was direkt auch den zentralen Schauplatz etabliert, spielt sich ein nicht unwesentlicher Teil der Handlung doch in eben jenen Straßenzügen ab, in denen sich das Restaurant befindet.

Als Mandy kurz darauf Zeugin des einleitenden Überfalls wird, kreuzen sich ihre Wege bald mit denen des Polizisten-Duos Ken und Sam. Als sie ein Auge auf Ken wirft, dieser davon aber gar nichts mitbekommt, versucht Sam – nicht nur Kollege, sondern auch bester Kumpel seit Kindheitstagen – die beiden zu verkuppeln, obwohl er selbst Gefühle für die Dame hegt. Gleichzeitig schlagen die Hormone auch im Rest des Kommissariats Kapriolen: Polizistin Macy schwärmt für ihren Vorgesetzten Ben, der zwar verheiratet ist, sich jedoch zusätzlich eine Geliebte hält. Und dann ist da noch der junge Frauenschwarm Jimmy, der ebenfalls mehrere Eisen gleichzeitig im Feuer hat. Als er mit einer Schusswunde im Krankenhaus liegt, stopft ihm eine seiner Verehrerinnen eine Weintraube nach der nächsten in den Mund, damit er aufhört, von anderen Frauen zu erzählen. Nun mag sich manch einer womöglich fragen, warum es hier zugeht wie auf dem Schulhof. Und dieser jemand hätte völlig recht damit. Ziel der zahlreichen Liebe- und Eifersüchteleien sollte es vermutlich sein, den Figuren Menschlichkeit zu verleihen. Doch genau hier scheitert das Skript kläglich: Wenn erwachsene Menschen sprechen und handeln wie die Akteure einer trivialen Teenager-Komödie, fällt es schwer, sie als plausible Charaktere ernstzunehmen. Und auch die ganzen nicht sonderlich geschickt gewählten Namen (Sam, Ken, Ben, Macy, Mandy, Jimmy usw.), tragen kaum zur Profilierung bei und vermengen das Essemble zu einem personellen Einheitsbrei.

Auf handwerklicher Ebene lässt sich indes kaum ein Vorwurf formulieren; die Inszenierung hinterlässt gerade aufgrund ihrer Zurückhaltung einen bleibenden Eindruck. Die Bilder sind nüchtern gehalten, frei von visueller Überhitzung, und tränken die Straßen der Stadt in düsteren Dauerregen. Diese Qualitäten überraschen kaum: Entstanden während der ersten großen Kreativphase von Milkyway Image – jener Produktionsfirma, die Johnnie To und Wai Ka-Fai gegründet hatten, um sich frei von klassischen Strukturen und finanziellen Zwängen bewegen zu können – besticht auch EXPECT THE UNEXPECTED durch die für das Studio typische formale Strenge sowie dessen charakteristische Mischung aus Melancholie und distanziertem Humor. Action passiert eher selten und falls doch, dann fast ausschließlich in Form heftiger, eruptiver Feuergefechte. Weil dabei auf das im Hongkong-Kino so gern eingesetzte ästhetische Blendwerk verzichtet wird, wirken diese stets sehr nahbar und authentisch: Trifft eine Kugel einen Körper, so zuckt dabei unwillkürlich auch der Zuschauer zusammen. Heldentum existiert hier ebenso wenig wie Pathos oder Glorifizierung – Sterben ist schlichtweg nicht schön. Das ebenso konsequente wie nihilistische Finale bricht dann endgültig mit angelernten Erwartungsmustern und wird dem Titel abermals gerecht. Wenn Mandy am Ende erneut die Scheiben putzt, ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Die Besetzung besteht weitgehend aus dem üblichen Milkyway-Personal, das prinzipiell natürlich auch gern gesehen ist. Lau Ching-Wan [→ LIFELINE] übernimmt abermals eine der Hauptrollen und verkörpert Sam als dezent infantilen Polizisten, der seine Arbeit nicht immer so fürchterlich ernst nimmt. An seiner Seite agiert Simon Yam [→ TONGS – TERROR IN CHINATOWN] – der einzige Darsteller außerhalb des Stamm-Ensembles – als dessen Kollege Ken. Obwohl beide beste Freunde sind, ist Ken dabei – wie originell! – das charakterliche Gegenteil von Sam und somit eher seriös und gewissenhaft angelegt. Für eine großangelegte Ausformulierung von Interessenskonflikten wird diese Konstellation allerdings nicht genutzt – selbst das Buhlen um diesselbe Frau geht am Ende eher unverkrampft über die Bühne. Daneben hat Lam Suet [→ MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN] seinen obligatorischen, eher klein gehaltenen Auftritt und spielt als überforderter Kleinkrimineller eine für ihn typische Trottelrolle. Auf weiblicher Seite sieht man Ruby Wong [→ LOVING YOU], die als Polizistin Macy gegenüber ihrer männlichen Konkurrenz etwas arg verblasst. Allerdings nicht so sehr wie Yoyo Mung [→ A HERO NEVER DIES] als Mandy, die eigentlich gar keinen Charakter entwickeln darf und hauptsächlich involviert zu sein scheint, um Liebeswirrwarr auszulösen und die Erzählung mit ihrer Präsenz einzurahmen.

EXPECT THE UNEXPECTED jongliert am Ende nur scheinbar leichtfüßig mit Genres und Tonalitäten, findet jedoch weder erzählerisch noch gestalterisch zu einem stimmigen Ganzen. Die fehlende Fokussierung auf einen klaren Handlungskern schadet spürbar der Spannung und führt zu unnötigen Aufmerksamkeitsdefiziten. Und wenn die nüchterne Protokollierung brutaler Schusswechsel oder schockierender Momentaufnahmen aus dem Polizeialltag (inklusive des Auffindens eines toten Säuglings) im nächsten Augenblick mit sitcom-artiger, realitätsferner Eifersüchtelei kollidiert, funktioniert dieser kalkulierte Konventionsbruch nicht halb so gut, wie er gewiss gedacht war. Fans von Lau Ching-Wan und Simon Yam kommen fraglos dennoch auf ihre Kosten, und Interessenten der experimentellen Umbruchphase, die das intellektuell angehauchte Hongkong-Kino kurz vor der Jahrtausendwende durchlebte, sind hier wohl ebenfalls nicht völlig verkehrt. Wer ausschließlich die herausragendsten Arbeiten von Cast und Crew mitnehmen möchte, kann diesen Ausflug allerdings auslassen, ohne großartig Sanktionen erwarten zu müssen. Andererseits … Expect the Unexpected!

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: in Deutschland nicht erschienen

Sonntag, 1. März 2026

CITY ON FIRE


WÚ WÈI SHÉN TÀN
Hongkong 1995

Regie:
Johnnie To Kei-Fung
 
Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Lee Yeuk-Tung/Carman Lee
Tuo Tsung-Hua,
Wong Cheuk-Ling/Ruby Wong,
Lee Chung-Wai,
Sin Kam-Ching,
Wong Wa-Wo/Jimmy Wong,
Chiu Yue-Ming



„Die Kugel drang durch die Stirn ein und ging durch zwei Nerven zwischen seinen Augen. Dann durchbohrte sie die Nasenhöhle, den Ober- und Unterkiefer inklusive der Zunge. Im Unterkiefer blieb sie dann stecken.“
(Na, toll … Und der Tag fing so gut an.)


Inhalt:

Inspektor Lau [Lau Ching-Wan] ist nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennen würde: Seinen Kollegen begegnet er mit unverhohlener Arroganz und auch seiner Frau Carman [Carman Lee] gegenüber zeigt er keinerlei Respekt. Alkohol, Affären und jähzornige Ausbrüche gehören für ihn zum Alltag. Aber dann schlägt das Schicksal plötzlich zurück: Die Verhaftung des Drogenhändlers Gwan [Tuo Tsung-Hua] endet für Lau mit einer Kugel im Kopf. Zwar überlebt er den Vorfall wie durch ein Wunder, doch sind die Folgen gravierend: Seine Sinne sind stark eingeschränkt; von eben auf jetzt ist er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. Carman, inzwischen schwanger von einem anderen Mann, beginnt, ihn zu pflegen. Zwischen Pflichtgefühl, Schuld und vielleicht nicht vollständig erloschener Zuneigung zeichnet sich zwischen beiden die Möglichkeit einer zweiten Chance ab. Aber dann gelingt Gwan die Flucht aus der Haft – getrieben vom Drang nach Vergeltung.

Kritik:

Von Logo und Fanfare der Shaw Brothers zu Beginn sollte man sich nicht aufs Glatteis führen lassen. Die wohl berühmteste Kung-Fu-Film-Fabrik der Welt übernahm bei LOVING YOU lediglich den Vertrieb und hatte mit der eigentlichen Produktion nichts am Hut. Viel aussagekräftiger ist da schon ein flüchtiger Blick auf die Stabangaben: CITY ON FIRE, wie das Werk in Deutschland extraknallig getauft wurde, ist eine frühe Arbeit Johnnie Tos, der im darauffolgenden Jahrzehnt mit Arbeiten wie FULLTIME KILLER (2001), EXILED (2006) oder VENGEANCE (2009) zu einem der einflussreichsten Regisseure Hongkongs aufsteigen und mehrere internationale Preise einheimsen sollte. Und siehe da: Sogar sein Lieblingsdarsteller Lau Ching-Wan [→ EXECUTIONERS (1993)] ist bereits mit an Bord und bekleidet auch sogleich die Hauptrolle. Handschriftlich geht es zwar schon stark in die Richtung, die das Team Jahre später populär machen sollte, ein paar Kinderkrankheiten lassen sich jedoch kaum leugnen. Denn die klobige Mischung aus Melodram und Polizei-Action steht sich allzu oft selbst im Weg.

Dabei fängt alles schon ziemlich stark an: Der Polizei-Einsatz zum Auftakt – eine desaströs misslingende Undercover- und Beschattungsaktion – ist rasant und aufregend in Szene gesetzt. Da wird über nicht sehr vertrauenerweckend aussehende Wellblechdächer gehechtet, an porösen Riesenrohren gebaumelt und an selbigen (nicht eben realistisch) von Haus zu Haus geschwungen, alles zwischen Unmengen umherflatternder Banknoten, die bei dem geplatzten Deal verlustig gegangen sind und die Szenerie nun in eine apokalyptische, westernartige Atmosphäre tauchen. Es ist das erste Aufeinandertreffen der Antipoden: Inspektor Lau, von Lau Ching-Wan gespielt, und Gwan, dem Drogendealer in der Gestalt Tuo Tsung-Huas [→ DIE MACHT DES SCHWERTES (1993)]. Zwar kann der Gangster an dieser Stelle noch entkommen, doch das gestörte Geschäft hat ihn empfindlich getroffen: Geld und Ware sind futsch. Im Folgenden wird dem Publikum klar, was für ein Kotzbrocken allerdings auch der Inspektor ist. „Warum behandeln Sie Ihre Kollegen wie Verbrecher?“, fragt ihn sein Vorgesetzter. Und tatsächlich haben viele Untergebene Angst vor Laus cholerischer Art. Auch privat ist er keinen Deut besser: Seiner Frau bringt er nicht einen Hauch Aufmerksamkeit entgegen, klärenden Gesprächen mit ihr geht er aus dem Weg. Stattdessen betrinkt er sich in der Bar und übernachtet danach im Wagen. Als es schließlich doch zur Aussprache kommt und sie ihm eröffnet, von einem anderen Mann schwanger zu sein, setzt es mitten im Restaurant vor versammelter Mannschaft eine schallende Ohrfeige.

Damit der Betrachter überhaupt das Bedürfnis verspürt, einem solchen Ekelpaket weiterhin die zuschauerliche Treue zu halten, muss sich also gravierend etwas ändern. Und das tut es auch, denn Laus Kontrahent Gwan bläst zum bleihaltigen Überraschungsangriff. Das erzwungene Duell endet in einer formvollendet widerlichen Szene: Der Inspektor bekommt eine Kugel in den Kopf – wobei es ihm trotz suppender Stirnwunde und aus der Nase heraustropfender Hirnflüssigkeit (Igitt!) irgendwie noch gelingt, seinen Kontrahenten per Handschelle festzusetzen und somit dessen Verhaftung herbeizuführen. Nun beginnt der melodramatische Teil: Als plötzlicher Pflegefall ist Lau auf eben jene Menschen angewiesen, für die er zuvor überwiegend Verachtung übrig hatte – allen voran seine Frau, die ihn wider ursprünglicher Pläne doch nicht verlässt, sondern im Gegenteil an seiner Seite weilt, um ihn ins geregelte Leben zurückzuholen. Die abermalige Annäherung des Ehepaares ist zwar sensibel erzählt, kann aber leider kaum mitreißen oder gar berühren. Das Schicksal des Inspektors lässt einen ziemlich kalt, fällt es doch schwer, in ihm mehr zu sehen als die Schweinebacke, als welche er eingeführt wurde – ein paar Alltagsbehinderungen reichen schlichtweg nicht aus, um sich jählings auf seine Seite zu schlagen. Da spielt es auch keine Rolle, dass Lau Ching-Wan darstellerisch tadellos abliefert. Exemplarisch genannt sei der Moment, in dem ihm – noch im Krankenhausbett liegend – schlagartig bewusst wird, dass er sowohl seinen Geschmacks- als auch seinen Geruchssinn verloren hat. Auch Carman Lee [→ MUTANT CITY (1992)] gibt sich diesbezüglich keine Blöße, doch ist ihre Rolle viel zu unnahbar angelegt, um echte Empathie zu wecken. Dass die neu aufkeimende Liebe teilweise von ebenso schmalzigem wie unpassendem Liedgut untermalt wird (unter anderem „To Love Somebody“ von den Bee Gees), macht es indes auch nicht unbedingt besser.

Pünktlich zum Schlussakt wandelt sich LOVING YOU dann wieder zum Action-Spektakel, wenn der rachsüchtige Gwan (ja, schon wieder der!) aus der Haft ausbricht, um endgültig mit Lau abzurechnen. Warum sich der milchgesichtige Dealer dermaßen auf den Polizisten eingeschossen hat, bleibt völlig unklar. Viel sinnvoller wäre es ja, nach erfolgreicher Flucht schleunigst Fersengeld zu geben und die halbseidenen Geschäfte künftig woanders abzuwickeln. Gwan jedoch bleibt vor Ort, besorgt sich ein paar Sprengsätze und verwickelt seinen Rivalen in ein feuriges Finale, das zwar anständig Laune macht, in seiner klischeegetränkten Realitätsferne aber im krassen Kontrast zum zuvor zelebrierten Authentizitätsanspruch steht. So ergibt sich am Ende kein stimmiges Ganzes, da beide Komponenten nicht wirklich miteinander harmonieren wollen: Entweder unterminiert die Action den Anspruch  oder umgekehrt. Auffällig sind in diesem Zusammenhang auch die Mechanismen des Marketings, das sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlägt: Je nach Anbieter und Breitengrad wurde das Januswerk entweder als zarte Romanze oder als harter Reißer verkauft. In Deutschland entschied man sich für Letzteres und verpasste der Nummer mit CITY ON FIRE gleich noch einen neuen martialischen Titel. Dieser findet nicht nur innerhalb der Handlung keine wirkliche Entsprechung, er evoziert auch Verwechslungen mit Ringo Lams 1987 veröffentlichten Polizeifilm, der international bereits unter eben diesem Namen bekannt war.

Trotz der Defizite in Sachen Duktus, Dramaturgie und Charakterzeichnung brachte LOVING YOU Johnnie To damals eine Nominierung als „Bester Regisseur“ bei den Hong Kong Film Awards ein. Das erscheint im Nachhinein etwas übertrieben – womöglich aber nur deshalb, weil mittlerweile bekannt ist, wie sehr er sich in den Folgejahren noch steigern sollte. Zugestanden sei zugleich, dass es abseits der angesprochenen Mankos nur wenig zu bekritteln gibt. Die Inszenierung fällt zwar noch in die Kategorie „jung und wild“, doch Tos später perfektioniertes Gespür für Rhythmus und präzise Bildkomposition ist bereits allgegenwärtig. Die Action, bestehend aus Verfolgungen, Schusswechseln und Explosionen, ist voller Tempo und Dynamik, aufgebrezelt durch geschickt platzierte Zeitlupenmomente. Bemerkenswert ist ferner die Kameraarbeit Cheng Siu-Keungs [→ RETURN TO A BETTER TOMORROW (1994)], der die Figuren häufig durch Gitter oder andere Begrenzungen ablichtet – ein Kunstgriff, der selbst unter freiem Himmel ein Gefühl von Enge und Eingepferchtheit erzeugt. Dazu passt auch die nahezu vollständige Abwesenheit fröhlicher oder optimistischer Menschen. Alle scheinen lediglich zu versuchen, in diesem gigantischen Käfig irgendwie über die Runden zu kommen, ohne dabei durchzudrehen. Das übertrieben kitschige Schlussbild, mit dem der Zuschauer final wieder in die Freiheit entlassen wird, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon ein wenig erzwungen.

In LOVING YOU wird sich vermutlich niemand hoffnungslos verlieben – oder anders ausgedrückt: CITY ON FIRE wird wohl weder Städte noch Herzen in Brand setzen. Aber als apartes Anschauungsobjekt für die frühe Selbstfindungsphase eines großen Regisseurs kann man das raue, experimentell angehauchte Herz-Schmerz-Konglomerat schon mal goutieren, ohne dass einem gleich die Hirnflüssigkeit aus der Nase tropft (Igitt!).

Laufzeit: 80 Minuten / Freigabe: ab 16

Montag, 14. Juli 2025

DIE CITY COBRA


COBRA
USA 1986

Regie:
George Pan Cosmatos

Darsteller:
Sylvester Stallone,
Brigitte Nielsen,
Reni Santoni,
Andrew Robinson,
Brian Thompson,
John Herzfeld,
Art LaFleur,
David Rasche



„Du bist die Krankheit und ich die Medizin.“
(Grammatikalisch grenzwertig, aber man ahnt, was „Cobra“ meint.)

Inhalt:

Cobretti [Sylvester Stallone], genannt „Cobra“, arbeitet beim LAPD und ist dort der Mann fürs Grobe. Vorschriften und Gesetzestexte interessieren ihn nicht – seine Lösungen sind endgültig. Das entlastet die Richter und sichert den Totengräbern die Miete. Doch jetzt steht Los Angeles vor einer harten Prüfung: Ein Serienmörder, „Nachtschlitzer“ genannt, zieht eine blutige Spur durch die Stadt. 16 Menschen hat er bereits auf dem Gewissen. Die Polizei tappt im Dunkeln – bis das Fotomodell Ingrid Knudsen [Brigitte Nielsen] zufällig Zeuge einer Tat wird und den Killer beschreiben kann. Nun ist sie sein nächstes Ziel. Aber der Schlitzer hat Pech. Denn Knudsen hat einen neuen Beschützer: Cobra!

Kritik:

COBRA – das ist das Ding, das man ins Videogerät schiebt, wenn die Frage kommt: „Papa, was ist eigentlich ‚Reaktionäre Selbstjustizfantasie‘?“ Denn wem DIRTY HARRY, TAXI DRIVER oder DEATH WISH stets ein wenig zu subtil waren, der findet in Sylvester Stallones apokalyptischem Großstadt-Western seinen Meister. Hier muss die zugrundeliegende Gesinnung gar nicht erst mühsam kognitiv erarbeitet werden, hier schmiert einem der „Held“ seine Philosopie höchstpersönlich verbal aufs Butterbrot.

„Im Amerika wird alle 11 Sekunden ein Einbruch begangen – und alle 65 Sekunden ein bewaffneter Raubüberfall. Alle 25 Sekunden wird ein Gewaltverbrechen verübt. Alle 24 Minuten geschieht ein Mord. Und Tag für Tag kommt es zu 250 Vergewaltigungen.“ So berichtet Titelfigur Cobretti, genannt „Cobra“, direkt zum Einstieg mit Grabesstimme aus dem Off, während dessen liebstes Kommunikationsmittel, die Knarre nämlich, dazu fast schon fetischisiert und leinwandfüllend ins Bild gerückt wird. Dieser Auftakt stellt die Weichen und dient als Rechtfertigung für die archaische Hängt-ihn-höher!-Ideologie, die der Anarcho-Polizist im weiteren Verlauf inbrünstig vertreten wird. Denn was Cobra vergessen hat zu erwähnen, ist die Tatsache, dass er sich in diese Kriminalitätsstatistik direkt mit eintragen kann. So macht er keinen Hehl daraus, von den Prinzipien des Rechtsstaates nichts zu halten und übernimmt daher bei der Gangsterjagd Legis- und Judikative gleich mit. „Bei Leuten wie dir hört das Gesetz auf“, nennt er das Kind in einer Szene beim Namen, und als er sein Gegenüber in eine wandelnde Fackel verwandelt, höhnt er zynisch: „Sie haben das Recht zu schweigen.“ Doch nicht nur Cobras Opfer bekommen dessen Verbalattacken um die Ohren gehauen. Vor unerschütterlichem Selbstvertrauen nur so strotzend posaunt er seinen Standpunkt unmissverständlich auch in jedes hingehaltene Pressemikrofon. Er hadert niemals mit seiner Haltung, gerät in keinerlei inneren Konflikt – und behält mit dieser Einstellung auch vollends recht, wenn selbst seine Kritiker gar nicht anders können, als ihm kurz vor Einsetzen des Abspanns zu seinem Erfolg zu gratulieren.

Das kratzt verdächtig gewaltig an der Selbstparodie, ist aber offenbar bierernst gemeint. Die treibende Kraft hinter dieser feuchten Faustrechtfantasie ist zugleich auch ihr Hauptdarsteller: Sylvester Stallone. Durch ROCKY, RAMBO & Co. zum Erfolgsgaranten avanciert, durfte er sich für das produzierende Studio das nächste Projekt quasi aussuchen. Seine Wahl fiel auf die Verfilmung des Romans FAIR GAME von Paula Gosling, den er eigenhändig in ein Drehbuch umwandelte – und sich dabei offenbar durch knallige Schlagzeilen über Gewaltkriminalität aufputschen ließ. Von der Vorlage blieb dabei am Ende so wenig übrig, dass man die Referenz auch gleich wieder hätte streichen können. Stallones eigentliche Inspiration lag offenbar ganz woanders: auf der Mär des unerbittlichen Vigilanten, der die Straßen vom Abschaum befreit. Diese hatte zu dem Zeitpunkt allerdings schon einen Bart, der kaum mehr waschbar war. Dirty Harry, eine der Ikonen des Genres, war in den 15 Jahren zuvor schon ganze vier Mal auf Streife und kämpfte mittlerweile nicht nur gegen Großstadtgesocks, sondern auch mit deutlichen Abnutzungserscheinungen. Charles Bronson sprach im Vorjahr bereits seinen dritten Death Wish aus, der gut und gern als Kulmination des Themas gelten darf. Und selbst ein eher kleines Licht wie der Exterminator war schon zwei Male unterwegs und hatte sein Vergeltungsfeuer dabei vollständig verschossen. Dazu kommen die Legionen von (zum Großteil italienischen) Nachahmern, deren Schießeisen auch so langsam wieder abkühlten – gab ja auch nach all den Jahren kaum noch was zum Killen da draußen.

Soll heißen: Als Stallone seine COBRA von der Leine ließ, war der knallharte Cop auf Rachefeldzug schon längst ein richtig alter Hut. Etwas Originelles beizusteuern hatte seine Arbeit ebenfalls nicht, im Gegenteil: Die Handlung ist eine Ausgeburt an Einfallslosigkeit und erfüllt so ziemlich jedes Klischee, das bessere Werke in den Jahren zuvor etabliert hatten. Der Plot um den „Nachtschlitzer“, der die Ordnungshüter von Los Angeles anständig auf Trab hält, steht dabei auf sehr wackeligen Beinen und ist in der Ausführung alles andere als plausibel. Das erste Stirnrunzeln setzt bereits ein bei der Information, dass der Serienkiller seine Opfer scheinbar wahllos auswählt und jedes Mal auf andere Weise und mit anderer Waffe tötet. Da nie von einem Bekennerschreiber oder Ähnlichem die Rede ist, fragt man sich bald, warum denn überhaupt von einem einzelnen Täter ausgegangen wird. Wird nachts ein Hund überfahren, war es für die Polizei vermutlich auch der Nachtschlitzer. Nur Cobra hat natürlich den richtigen Riecher und ahnt, dass man es mit mehreren Killern zu tun hat. Allerdings glaubt ihm keiner. Bis auf das Publikum, aber das ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon schlauer. Denn noch während des Vorspanns wird es Zeuge, wie ein paar Heiopeis in einer schwadengetränkten Lagerhalle herumlungern und mit eiserner Verstopfungsmiene beidhändig Streitäxte über ihren Köpfen zusammenschlagen. Ein schönes Hobby!

Die Axt-Atzen, so stellt sich schnell heraus, sind tatsächlich Urheber der Mordserie und gehören zu einer sektenartigen Vereinigung, die von einer neuen Weltordnung träumt. Alle Menschen, die in ihren Augen „zu schwach“ sind, müssen daher eliminiert werden. Das ist dann auch schon die ganze Motivation. Inwiefern es der Erschaffung einer neuen Welt dienlich ist, wahllos Autofahrer und Spaziergänger zu entleiben, bleibt zwar ein Rätsel, aber Verrückte fragt man ja bekanntlich nicht nach ihrem Ausweis. Entscheidend ist nur, dass es mit dem Fotomodell Ingrid Knudsen (ein dänischerer Name ist Herrn Stallone beim Schreiben nicht eingefallen) plötzlich eine außerplanmäßige Zeugin gibt, weswegen die Haupthandlung endlich ins Rollen kommen darf. Verkörpert wird Knudsen von Brigitte Nielsen [→ RED SONJA], die damals tatsächlich noch wie ein Mensch aussah und nicht wie ein zum Leben erwachtes Botox-Lager. Dass sie zu dem Zeitpunkt außerdem die Ehefrau von Stallone war, unterstreicht abermals, wie viel Einfluss dieser bei COBRA geltend machen konnte. Nahgebracht wird ihre Figur mittels eines bizarren Mode-Shootings, in das auch eine Schar obskurer Roboter involviert ist. Mit den piepsenden Blechkameraden hatte man es zu der Zeit irgendwie – in ROCKY IV (1985) kam so ein Ding ja auch in ähnlich sinnloser Weise vor. Nach Frau Knudsens unfreiwilliger Beobachtung begeht die Mörderbande natürlich den Fehler, sie umgehend ausschalten zu wollen, was in diesem Moment vermutlich die schlechteste aller Ideen ist, da sie dadurch in Sachen Tat und Ort berechenbar wird (dass das denkbar alberne Phantombild, das nach Knudsens Beschreibung entstand, nun garantiert niemanden an den Galgen bringen wird, kann sie freilich nicht wissen). Immerhin sorgt die daraus resultierende Hatz durch beengte Krankenhausgänge für ein paar stimmungsvolle Spannungsszenen mit deutlichem Hang zum Slasher der Marke HALLOWEEN, der zum Produktionszeitraum ja ebenfalls noch hoch im Kurs stand.

Regelrecht absurd wird es hingegen, wenn die Gruppierung ihre Deckung schließlich vollends verlässt, um in aller Öffentlichkeit und am hellichten Tage eine Autojagd auf ihre bis dahin einzige Zeugin vom Zaun zu brechen, die – gesäumt von Blechschrott-Ballett und Detonationsgetöse – natürlich Dutzende von neuen Zeugen auf den Plan ruft. Klug ist das nicht. Aber immerhin gut inszeniert, mit vielen schönen Perspektiven und voll von flirrender Energie. Später folgt die Killermeute der Frau zwecks unverdrossener Lichtauspustungspläne dann sogar aufs ferne Land hinaus, wohin Cobra (der von ihrem Beschützer natürlich hurtig zu ihrem Bestäuber aufsteigt) sie in Sicherheit bringen wollte. Stallone erklärt diese ausgeprägte Besessenheit (sowohl in seiner Rolle als Cobra als auch als Autor der ganzen Chose) allein damit, dass man es eben mit Fanatikern zu tun hat, und Fanatiker tun halt fanatische Dinge. So einfach ist das! Ohne narrative Raffinessen wird dann auch schon ziemlich zügig die Endabrechnung eingeleitet, die – weil man eigentlich gar nicht viel zu erzählen hat – tüchtig ausgewalzt wird, erst abermals mit gewagter Konfrontation auf schroffem Asphalt, dann sich ins örtliche Stahlwerk verlagernd, das da erstaunlich unbeaufsichtigt in der Gegend herumsteht und -dampft und -zischt (ohne Witz: Da ist im gesamten Komplex tatsächlich nur ein einziger Kerl anwesend, und der ist ziemlich schnell weggepustet). Das ist, zwischen all dem Schwalk und Feuer, den verwinkelten, mit blinkenden Apparaturen vollgestopften Gängen und von der Decke hängenden Haken, Schläuchen und Rohren, natürlich eine verdammt geile Kulisse für einen kernigen Showdown, bei deren purem Anblick das Publikum schon mit ins Schwitzen gerät. Und wenn dann alles vorbei ist, scheinen sich, zusammen mit dem Oberschurken, auch alle anderen Probleme der großen, weiten Welt gleich mit in Rauch aufgelöst zu haben. Friede, Freude, Eierkuchen!

Ja, COBRA ist inhaltlich bescheuert, vor Klischees strotzend, in seinen Manipulationsversuchen naiv und seiner Botschaft untragbar. Aber ist er auch schlecht? Definitiv nein! Denn dafür ist er viel zu geil gemacht. Schon der Vorspann ist ein visueller Volltreffer, wenn die motorradfahrende Hauptfigur sich als Silhouette vor blutrotem Hintergrund abhebt und dazu die Titel in feinster 80er-Jahre-Schrift erscheinen. Jahrzehnte später, als die große Retro-Welle begann, versuchte man diesen Stil verzweifelt zu imitieren, hier wird er noch ganz authentisch gelebt – Zeitgeist statt Zitat! Die versierte Regie von Georgios Pan Cosmatos [→ RAMBO II] ist frei von Makeln und die ästhetischen, in Nebel und Neonlicht getauchten Kamerabilder Ric Waites [→ NUR 48 STUNDEN] heben das Ganze auf ein enorm hohes Niveau. Optisch erinnert dieses Spiel mit starken Schatten und Kontrasten an typische cineastische Endzeitvisionen dieses Jahrgangs wie TERMINATOR, an das Porträt einer von wortkargem Nihilismus beherrschten Welt am Rande des Abgrunds. Allein Cobrettis mit allerhand Tand vollgestopfte Bude (in der er natürlich – den Straßenlärm im Ohr und begleitet von neuen Horror-Nachrichten aus der Glotze – mit seiner besten Freundin, der Waffe, herumhantiert) ist ein herrlicher Anblick irgendwo zwischen Chic und Schmuddel. Cobretti selbst kommt indes nicht sonderlich sympathisch rüber in seiner maßlos übertriebenen Macho-Attitüde. Wird ein Typ frech (wie der Latino, der nicht richtig einparken kann), reißt Cobra ihm einfach das Hemd runter und schlendert desinteressiert von dannen, wofür er nicht etwa aufs Maul bekommt, sondern postwendend respektiert wird. Bevor er dem Geiselnehmer im Supermarkt den Garaus macht, greift er hingegen erst einmal lässig zur herumstehenden Coladose – Dienst ist Dienst und Durst ist Durst!

Awesome steht auf seinem Nummernschild, eine der wenigen offenkundig ironischen Brechungen seiner Figur. Ansonsten wirkt Cobra wie eine Karikatur des typischen 80er-Jahre-Cops, die damals gar nicht wusste, dass sie eine ist: Die Sonnenbrille scheint festgewachsen, das Streichholz verlässt nur selten seinen angestammten Platz im Mundwinkel und das Goldkettchen ist stets blankpoliert. Seine Dienstkleidung besteht aus Blue-Jeans, langem Mantel und Lederhandschuhen. Und auf seinem Pistolengriff ist eine Kobra eingraviert, damit er nicht vergisst, wie er heißt. Natürlich sind auch seine Gegner Stereotype durch und durch, völlig realitätsfern zum Leinwandleben erweckt und ohne jedes nachvollziehbare Motiv – böse sein des Böseseins wegen. Zum Glück kann Cobra bei deren Bekämpfung auch zuverlässig auf die weiteren Klischees seiner Zeit zählen: Die Schurken schießen aus allen Rohren – nichts passiert. Cobra schießt zurück – das Schurkenauto explodiert. Das liegt vermutlich an der Awesomeness. Abgesehen davon, dass die Gesetze der Physik bei ihrem Anblick in Tränen ausbrechen, sind die Action-Szenen allerdings vortrefflich arrangiert, mit tadelloser Stunt-Arbeit und dynamisch eingefangener Fahrzeug-Artistik. Eine längere Sequenz gegen Ende erinnert aufgrund zahlreicher Angreifer hoch zu Motorrad stilistisch sogar an den Meilenstein MAD MAX. Energiegeladenes Hantieren mit Großkalibrigem und eine gesunde Portion Feuerzauber sorgen für weitere wohlige Schau- und Unterhaltungswerte.

COBRA (der in Deutschland zur CITY COBRA wurde, mutmaßlich in Anlehnung an Arnold Schwarzeneggers Konkurrenzprodukt DER CITY-HAI aus demselben Jahr, mit dem er aber natürlich nichts zu tun hat) ist somit für Fans klassischer 1980er-Ästhetik und -Mentalität nahezu ein Muss, wenngleich auf inhaltlicher Ebene deutliche Abstriche gemacht werden müssen. Je nach Fasson mag genau das die Empfehlung freilich noch unterstreichen. Eine stussige Story trifft auf reaktionäres Gedankengut und eine ganze Kirmes an Klischees – die teils allerdings erst rückblickend zu welchen wurden. Das macht in seiner Mischung aus Hohlheit und hoher Handwerkskunst schon ziemlich Laune. COBRA verlustiert man daher am Besten auf Großbild-Leinwand im hauseigenen Heizungskeller, während man dazu Streitäxte über dem Kopf zusammenkloppt. Kochlöffel tun’s zur Not auch.

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 25. August 2024

COLD WAR II


HON  ZIN II
China 2016

Regie:
Luk Kim-Ching,
Leung Lok-Man

Darsteller:
Aaron Kwok,
Leung Ka-Fai,
Chow Yun-Fat,
Janice Man,
Eddie Peng,
Aarif Lee,
Waise Lee



Beim Hongkong-Kino bedeutet das Vorliegen eines „2. Teils“ nicht zwangsläufig, es tatsächlich mit einer Fortsetzung zu tun zu haben. Denn wenn Cast und Crew sich nach einem Erfolg wieder vereinen, dann häufig nur deswegen, um eine thematisch ähnliche, oft auch im gleichen Milieu spielende, aber nichtsdestotrotz völlig neue Geschichte mit neuen Figuren zu erzählen. So geschehen z. B. bei der SPL-, SHOCK WAVE- oder OVERHEARD-Reihe: Autoren, Regisseure und Darsteller überwiegend identisch, die einzelnen Beiträge aber inhaltlich autark. Da darf man es fast schon als kleine Überraschung werten, dass der vorliegende COLD WAR II wirklich eine waschechte Weitererzählung darstellt und haargenau dort ansetzt, wo beim Kassenschlager COLD WAR vier Jahre zuvor der Abspann ins Bild kam.

Inhalt:

Der Drahtzieher der Entführungsaktion, welche einst die Operation Cold War initiierte, sitzt zwar hinter Gittern, aber sein Einfluss ist ungebrochen. So gelingt es ihm, die Frau von Einsatzleiter Sean Lau [Aaron Kwok] gefangennehmen zu lassen und einen Austausch zu erzwingen. Obwohl alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, wird die Aktion, dank Bombenterror und Massenpanik im U-Bahn-Schacht, zum Desaster. Während sich Lau für diese Sache vor einem Komitee verantworten muss, wittert sein Konkurrent Lee [Leung Kar-Fai] die Möglichkeit, dessen Posten als Police Commissioner zurückzuerobern. Aus diesem Grunde liebäugelt er auch mit dem verlockenden Angebot eines gewissen Peter Choi [Chang Kuo-Chu], seines Zeichens ehemaliger Polizeipräsident, der mit seinen Leuten den gesamten Sicherheitsapparat zu unterwandern gedenkt. Wind von dieser Verschwörung bekommt allerdings der ehemalige Richter Oswald Kan [Chow Yun-Fat], ausgerechnet Mitglied im Untersuchungsausschuss zum Fall Lau, woraufhin er die junge Anwältin Isabel Au [Janice Man] engagiert, um Beweismaterial zu sammeln. Aber auch Lau selbst ist nicht untätig und sichert sich die Unterstützung seines ehemaligen Rivalen Billy Cheung [Aarif Lee] aus der Antikorruptionsbehörde, der nun ebenfalls eigenständig Ermittlungen anstellt, um Laus Ruf wieder reinzuwaschen.

Kritik:

Fast schon übertrieben viel Personal also, das sich hier gegenseitig belauert und beharkt, als ob’s kein Morgen gäbe. Allianzen werden geschlossen, Bündnisse geschmiedet und Intrigen initiiert, aber involvieren kann das alles kaum. Dabei haut der Vorspann noch so richtig auf die Kacke, wenn in einer aufwändig gestalteten Animation lauter in Eisblöcke eingeschlossene Figuren sich aus ihren glitzernden Gefängnissen heraussprengen, um sich im Anschluss gegenseitig per Schusswaffe zu malträtieren. In Kombination mit der bombastischen akustischen Untermalung wird klargemacht: Was jetzt folgt, wird nicht mehr und nicht weniger sein als die absolute Sensation. Ziemlich schnell jedoch schält sich heraus, dass dieses Versprechen nicht eingehalten wird. Dabei ist es vor allem eben jene so anschaulich skizzierte Kälte, die nachfolgend zum Problem wird, wirken die zahlreichen Charaktere doch viel zu eisig, als dass man sich empathisch mit ihnen verbinden könnte.

COLD WAR II schert sich keinen Deut um Figurenzeichnung und Persönlichkeitsentwicklung und präsentiert Prota- wie Antagonisten als unnahbare Pappkameraden, die fast schon bemitleidenswert freudlos operieren. Die sich daraus entwickelnde Handlung ist eher minimalistisch und ähnlich reservierter Natur. Nach Etablierung der Prämisse dominiert ein Konglomerat aus angeregten Diskussionen, angestrengten Grübeleien und konzentriertem Mienenspiel, das viel zu selten von alternativem Geschehen unterbrochen wird. Als Abwechslung fungiert allenfalls ein mittiges Geschwindigkeits- und Geschossaustausch-Intermezzo im Autobahntunnel, welches die Gesetze der Physik geringfügig neu arrangiert. Zum Finale dürfen zwar abermals ein paar Kugeln durch die Gegend und zudem ein paar Container in die Luft fliegen, aber zum Action-Spektakel langt das beileibe nicht. Das muss es freilich auch nicht, wäre aber zur Kompensierung der spröden Dramaturgie durchaus von Reiz gewesen.

Denn was Teil 1 zu viel hat, hat Teil 2 zu wenig: Setzte man dort noch auf eine heillos übertriebene Spannungsdramaturgie, bei der gefühlt jeder zweite Satz mit einem pompösen Paukenschlag bedacht wurde, war man hier offenbar der Ansicht, die dargebotenen Ereignisse und Erkenntnisse gerieten bereits von Haus aus fesselnd genug und ließ das Publikum damit ziemlich allein. Gab es beim Vorgänger mit dem Kompetenzwettstreit zwischen Lau und Lee noch einen zentralen Konflikt, der sich auf zwei wesentliche Personen beschränkte, existiert in diesem Falle eine ganze Wagenladung an Parteien und Interessen, was final die eigene Interesselosigkeit zur Folge hat. Zwischenzeitlich hat es dabei den Anschein, COLD WAR II mausere sich zu einer Art Gerichts-Drama, wenn sich „Krawatten-Cop“ Sean Lau (wie im Vorgänger verkörpert von Aaron Kwok) vor einem Untersuchungsausschuss für seine Entscheidungen rechtfertigen und um seine Karriere bangen muss. Das hätte immerhin eine klare Linie reingebracht. Aber viel zu wenig kümmert sich das Skript um diese Sache; die entsprechenden Sequenzen sind viel zu kurz, um Spannung aufzubauen. Und auch die Verschwörungskiste, die im Hintergrund läuft, verzichtet beinahe auf jedweden Nervenkitzel: Da das Publikum schon längst weiß, was die Protagonisten erst in mühevoller Kleinarbeit ermitteln müssen, gestalten sich die Enthüllungen nur wenig aufregend und völlig überraschungsfrei.

Die einzige Überraschung, die COLD WAR II in gewissem Maße zu bieten hat, ist der Umstand, dass er in seiner Botschaft doch erstaunlich subversiv geriet. Immerhin wird hier die Möglichkeit in den Raum gestellt, es könnte einer dunklen Macht tatsächlich gelingen, die Polizei Hongkongs zu unterwandern. Klar, es klappt am Ende nicht. Aber nur deswegen, weil eine Handvoll Leute zur richtigen Zeit den richtigen Riecher hatte und keine Scheu davor, das Richtige zu tun. Und auch, dass die unrühmlichen Ereignisse am Ende ohne jede Not vertuscht werden, um einem Misstrauen der Bevölkerung entgegenzuwirken, ist ein Zugeständnis, das man bei der unter ständiger Regierungskontrolle stehenden Film-Industrie Hongkongs kaum erwartet hätte.

Auf darstellerischer Ebene gibt es kaum etwas zu mosern – wobei man zumindest anmerken muss, dass speziell Aaron Kwok [→ MONK COMES DOWN THE MOUNTAIN] mittlerweile eher für Belustigung sorgt, wirkt er doch in jeder Szene, als gelte es, den Oscar in der Kategorie „Versteinertes Starren“ abzustauben. Während Leung Kar-Fai [ HARD GAMEdieses Mal deutlich weniger zu tun hat als im Vorgänger und sogar fast zur Nebenfigur verkommt, fallen als neue Namen auf der Besetzungsliste zwei Ikonen des Hongkong-Kinos ins Auge: Hinzugekommen ist einerseits Chow Yun-Fat [DER FLUCH DER GOLDENEN BLUME], der sich seine Brötchen nach seiner Karriere als Komiker, TV-Star und Actionheld schließlich mit kleinen größeren Nebenrollen wie diesen hier verdiente. Als ehemaliger Richter mit feinem Näschen für Lug und Betrug spielt er mit nur wenig Aufwand einen Großteil seiner Mitstreiter locker an die Wand (auch, wenn er sich inzwischen offenbar im Gesicht hat herumbasteln lassen). Und auch sein A BETTER TOMORROW-Kollege Waise Lee schiebt sein Antlitz für ein paar Szenen in den Bildrahmen. Viel zu tun hat er dabei zwar nicht, von inhaltlicher Relevanz kann auch kaum die Rede sein, aber dennoch schön, ihn zu sehen.

Am Ende muss man konzedieren, dass man sich die Zeit auch deutlich schlimmer vertreiben könnte als mit COLD WAR II, aber im Großen und Ganzen ist das dennoch ne ziemlich lahme Angelegenheit - nicht wirklich schlecht, aber eben doch ernüchternd belanglos und uninvolvierend. Dass man die Palette an Schauplätzen gegenüber dem Vorgänger deutlich erweiterte und die Handlung aus dem prätentiösen Polizeirevier hinausführte, sorgt zwar für visuelle Abwechslung, aber nicht unbedingt für gesteigertes Interesse. So ist die abermals auf Hochglanz polierte Fortsetzung in erster Linie für all jene attraktiv, die sich gern am Schauspiel altgedienter Recken erfreuen oder vom Intrigenkrieg vor Edel-Kulisse schlichtweg nicht genug bekommen.

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: in Deutschland nicht erschienen

Sonntag, 18. August 2024

COLD WAR


HON ZIN
China 2012

Regie:
Luk Kim-Ching,
Leung Lok-Man

Darsteller:
Aaron Kwok,
Leung Ka-Fai,
Charlie Yeung,
Gordon Lam,
Chin Ka-Lok,
Andy On,
Andy Lau



Inhalt:

Auf den Straßen Hongkongs: 5 Polizisten stoppen einen betrunkenen Autofahrer. Dieser verweigert sich der Festnahme, will Beziehungen geltend machen. Was dann passiert, ist unklar. Am nächsten Morgen sind die Beamten verschwunden, scheinbar spurlos, samt Einsatzfahrzeug. Die Lage spitzt sich zu, als sich ein unbekannter Anrufer bei der Hongkong Police meldet, zu der Entführung bekennt und eine astronomisch hohe Lösegeld-Summe fordert. Von nun an läuft der Sicherheitsapparat auf Hochtouren. Die Einsatzleitung hat der radikale M. B. Lee [Tony Leung Ka-Fai] inne, dessen Sohn sich pikanterweise unter den Geiseln befindet. Doch aufgrund seiner herrischen Vorgehensweise und mutmaßlicher Befangenheit regt sich in den eigenen Reihen rasch Widerstand. Rädelsführer der internen Gegenbewegung ist der aufstrebende Sean Lau [Aaron Kwok], der statt auf Gewaltaktionen auf Dialog und Taktik setzt. Es kommt zum offen ausgetragenen Kompetenzwettstreit, der schließlich in einer Meuterei endet. Währenddessen läuft das Ultimatum der Entführer langsam, aber sicher ab.

Kritik:

Und jetzt alle im Chor: „Hongkong ist die sicherste Stadt Asiens.“ Diese tollkühne Behauptung kam bereits beim Marketing COLD WARs ausgiebig zum Einsatz und zieht sich in gebetsmühlenartiger Dauerschleife auch wie ein Leitfaden durch das Endprodukt. Natürlich ist das nicht mehr als eine unverifizierte Propaganda-Parole (was eine Reihe von Rezensenten jedoch nicht davon abhielt, sie treudoof als angebliche Tatsache wiederzukäuen). Wenn der prätentiöse Polizei-Thriller für einen selbst auf erzählerischer Ebene funktionieren soll, muss diese Beteuerung allerdings tatsächlich als gegeben hingenommen werden, wird doch die enorme Fallhöhe aller hier skizzierten Figuren ansonsten gar nicht klar. Denn dank Drehbuch passiert genau das, was laut Prämisse eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sein sollte: In Hongkong, der sichersten Stadt Asiens, auf deren Straßen die Polizei als quasi unantastbare Instanz agiert (Zitat: „Wir sind Polizisten. […] Wenn du Polizisten angreifst, darf ich dich sogar totschlagen.“), wird eine fünfköpfige, bestens ausgebildete Einheit samt Einsatzfahrzeug und dazugehörigem High-Tech-Equipment Opfer einer Entführung. Als diese Nachrichtenbombe ins Führungsgebäude platzt, versetzt das die Belegschaft kurzzeitig in eine kollektive Schockstarre, die nicht großartig anders ausgefallen wäre, hätte sie stattdessen erfahren, ein Meteorit sei soeben auf die Erde geknallt. Was dann folgt, ist eine permanent unter Starkstrom stehende katastrophennotstandähnliche Betriebsamkeit, die zumindest die Protagonisten-Pulse heftigst hämmern lässt und alle Regler aufs Maximum schiebt.

Die Werbekampagne bezeichnete COLD WAR als die Rückkehr zum großen Hongkong-Polizeifilm der 1990er Jahre, aber das stimmt vorne und hinten nicht. Übten sich damals die Bullen, stets das Herz auf der Zunge und die Flinte im Anschlag, noch im rauen Straßenkampf, inklusive blutverspritzender Exekutiv-Maßnahmen und Blaue-Bohnen-Ballett, agieren hier nun schnöselige Anzugträger, die wirken, als wären sie einer Anwaltsschule für neureiche Fatzkes entlaufen. Über weite Strecken könnte man sogar regelrecht vergessen, es mit einem Polizei-Krimi zu tun zu haben und sich stattdessen in einem Polit- oder Wirtschafts-Thriller aus dem Milieu der Hochfinanz wähnen. Raus in den gemeinen Großstadtrummel geht es nämlich nur selten. Stattdessen verbringt man die Zeit überwiegend in ausladenden Büro- und Konferenzräumen, in bis unters Dach mit Gerätschaften vollgestopften Schaltzentren, die eine Bühne bieten für Machtgerangel und Intrigenspinnerei. Passend dazu ist alles bis in die Haarspitzen blankpoliert; der Mensch verschwindet hinter maßgeschneiderter Garderobe und akkurat ausgerichtetem Interieur; die verglasten Gebäudekomplexe vermitteln Sterilität und seelenlose Kälte. Auf die Charaktere scheint diese Umgebung längst abgefärbt zu haben. Ob Freund, ob Feind: Alle wirken sie unnahbar, wie Figuren einer fremden, futuristischen Welt, die den Bezug zur Unbeschwertheit schon vor langer Zeit verloren haben. Dass einen die Erzählung trotz kaum vorhandener Berührungspunkte mit der erlebten Alltags-Realität durchaus packen kann, liegt somit nicht etwa an ausreichend zur Verfügung gestellten Identifikationsmöglichkeiten, sondern an der gekonnten Kombination aus manipulativer Inszenierung und darstellerischer Intensität.

Denn wenn Aaron Kwok und Tony Leung in den kollegialen Konkurrenzkampf treten und wilde Wortgefechte austragen, quillt den Männern die Energie nur so aus jeder Pore. Jeder von ihnen verkörpert einen bis ins Mark überzeugten Idealisten, der sich mit seinem Gegenüber ein feuriges Duell um Kompetenzen und Vorgehensweisen liefert, das einen den eigentlichen Handlungs-Hintergrund (die Befreiung der entführten Polizisten nämlich) eine Zeit lang fast vergessen lässt. Die Szene, in der die beiden sich vor versammelter Mannschaft lautstark und unnachgiebig ihre Argumente um die Ohren schmettern, erinnert – das ist kein Witz und gewiss auch kein Zufall – an ein Äquivalent aus Tony Scotts U-Boot-Reißer CRIMSON TIDE, in dem sich Denzel Washington und Gene Hackman einen ähnlich vehementen Schlagabtausch liefern. Dort allerdings hing vom Ausgang der Ereignisse nicht weniger als das Schicksal der Welt ab. Und wer sich das vor Augen führt, erhält eine ziemliche Ahnung davon, wie COLD WAR sich ziemt. Nämlich haargenau so. Die Regie haut hier dermaßen auf die Kacke, als ginge es nicht darum, ein paar Geiseln zu befreien, sondern die gesamte Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren. Dementsprechend werden hier auch keine kleinen Brötchen gebacken: schnelle Schnitte, große Gesten, besorgte Blicke bei jeder neuen Erkenntnis, begleitet von einem brachialen Soundtrack, der genauso gut für ARMAGEDDON hätte komponiert sein können und bei jeder Kleinigkeit suggeriert, im nächsten Moment ginge eine Bombe hoch. Ganz gleich, ob jemand nur einen Gang entlang geht, in eine Dokumentenmappe schaut oder lediglich sein Gegenüber fragend anstarrt: Die Musik verspricht Hochspannung. Und hätte man zusätzlich noch abgelichtet, wie einer der ansonsten emsig umherwuselnden Gestalten auf dem Donnerbalken hockt, man hätte es vermutlich mit den kreischenden Geigen aus PSYCHO unterlegt.

Das ist zwar in der Absicht durchschaubar, aber man muss zugeben: Die fiebrige Inszenierung macht schon schwer was her. Ohnehin ist es erstaunlich, dass das Regie-Duo Luk Kim-Ching und Leung Lok-Man hiermit erst seine erste Arbeit ablieferte. COLD WAR wirkt bereits wie das Routine-Werk eines alten Hasen. Ebenfalls kaum zu glauben, dass sich Aaron Kwok, der hier als Seriosität in Person auftritt, nur kurz zuvor als Clown (im Wortsinne!) durch den grandios vergeigten Superhelden-Stinker CITY UNDER SIEGE alberte. Und wer den seinen Kontrahenten gebenden Tony Leung noch als den sensiblen Träumer aus DER LIEBHABER (wohl auf ewig seine bekannteste Rolle) im Kopf hat, wird ihn hier als harten Hund wohl kaum wiedererkennen. Der Rest des Ensembles verblasst gegen diese in den Fokus gerückten Platzhirsche zwangsläufig. Fans der ersten Stunde freuen sich trotzdem über kurze Gastauftritte von Leuten wie Andy Lau [→ INFERNAL AFFAIRS], Michael Wong [→ BORN HERO] oder Andy On [→ BLACK MASK II].

Für relevante weibliche Rollen haben die Produzenten hingegen keinen Platz mehr gefunden. Dafür aber für mehr oder minder unterschwellige Werbung für die Hongkonger Polizei (obwohl man nach dieser eitlen Pfauenparade keinem Beamten mehr auch nur sein Käsebrot anvertrauen würde): „Wir dienen mit Stolz und Umsicht“, prangt als Schriftzug oft nur wenig dezent im Hintergrund. Dass das in etwa so glaubwürdig ist wie die Behauptung, Hongkong sei ein sicheres Pflaster, bestätigt wohl so ziemlich jeder chinesische Demonstrant, dem vom Polizei-Knüppel vor lauter Umsicht noch der Schädel brummt. Und auch, dass einem die Totalüberwachung als Segen verkauft wird, überrascht kaum: „Das heißt, jeder Polizeibeamte wird überwacht?“fragt einer ganz überrascht, als er erfährt, dass sich die Funkgeräte selbst in ausgeschaltetem Zustand noch orten lassen. „Nicht überwacht“, bekommt er als Antwort, „das ist eine Geheimwaffe.“ Chapeau! Die NSA hätte kaum besser reagiert.

Am Ende ist COLD WAR durchaus ansehnlich geworden. Zwar von klinischer Kälte und insgesamt nicht sehr nachhallend, aber dennoch gekonnt in Szene gesetzt und rasant die Zeit vertreibend. Freunde von Kinetik und Kugelhagel könnten sich aufgrund falscher Werbeversprechungen freilich vergrätzt fühlen. Zwar sprechen durchaus auch mal die Pistolen und hin und wieder hetzt man sich amtlich über den Asphalt, aber insgesamt wird Action nur punktuell und mit Bedacht eingesetzt. Es dominiert das verbale Dauerfeuer; als Waffe dienen Worte statt Wummen. Punktabzug gibt es schlussendlich noch für die teils lausigen Computer-Effekte, die für eine solch optisch penibel durchkomponierte Prestige-Produktion fast schon peinlich sind.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 19. Mai 2024

TOP SQUAD


BA WONG FA
Hongkong 1988

Regie:
Chin Sing Wai

Darsteller:
Sibelle Hu,
Cynthia Rothrock,
Kara Hui,
Sandra Ng,
Ann Bridgewater,
Regina Kent,
Stanley Fung,
Bill Tung



Inhalt:

Als es der Sicherheitsbeamtin Madam Wu [Sibelle Hu] gelingt, ein Attentat auf einen Staatsgast zu vereiteln, dämmert es Kommissar Tung [Bill Tung], dass eine rein weibliche Elite-Einheit durchaus Vorteile hätte. Also wird Wu beauftragt, eine schlagkräftige Frauentruppe zu rekrutieren. Gut ein Dutzend Frauen qualifiziert sich am Ende für das Trainings-Lager, in dem die eigentliche Ausbildung erst beginnt – unter anderem geleitet von der Nahkampf-Expertin Madam Law [Cynthia Rothrock]. In Konkurrenz steht die Kompanie dabei zur rein männlich besetzten Tiger Squad unter der Leitung des leicht dümmlichen Inspektors Kan [Stanley Fung]. Nach vielen turbulenten Wochen der Keile und Kaspereien muss sich das Kollektiv bewähren, als eine Bande skrupelloser Juwelenräuber zum Coup ansetzt.

Kritik:

TOP SQUAD wird in deutschen Breitengraden gern als heißer Action-Reißer verkauft. Das fängt beim griffigen Titel an, geht weiter mit Werbesprüchen wie „Gnadenloser Drill – bittere Rache!“ (ja, mit Ausrufezeichen) und endet auch nicht bei prominent platzierten Namen wie der von Kampfsport-Ikone Cynthia Rothrock (Trägerin von fünf Schwarzen Gürteln) oder Kung-Fu-Legende Jackie Chan (dem hier stellenweise sogar die Regie zugeschanzt wird). Die Realität hingegen sieht anders aus: Rothrock tritt insgesamt nur wenige Minuten auf, Jackie Chan übernahm lediglich die Produzenten-Funktion, der Drill ist drollig statt gnadenlos und Rachemotive glänzen im Allgemeinen ebenfalls durch Abwesenheit. Der eigentliche englische Titel THE INSPECTOR WEARS SKIRTS macht dann endgültig deutlich, dass das vermeintliche Knallhart-Bonbon in Wahrheit zu einem ganz anderen Genre gehört – nämlich zu dem der in den 1980er Jahren sehr beliebten Cop-Komödie. Die zeitliche Nähe zum amerikanischen Sensationserfolg POLICE ACADEMY [1984] dürfte dabei kein Zufall sein, sind die inhaltlichen Parallelen doch kaum zu übersehen: Eine Schar von Außenseitern im Qualifizierungs-Programm zur Polizei-Einheit, dabei jede Menge Komik und Konflikte und am Ende dann aus heiterem Himmel die Bewährungsprobe, die natürlich mit Bravour gemeistert wird. Als Alleinstellungsmerkmal fungiert dabei in diesem Fall der Umstand, dass das Personal ausschließlich weiblichen Geschlechts ist – damals eine Art Novum. Zwar hatte Krawall-Kino wie ULTRA FORCE [1985] zuvor bereits professionell prügelnde Polizistinnen aufs Publikum losgelassen, aber eine rein aus Frauen bestehende Spezial-Einheit erschien tatsächlich noch als absurd genug, um als Komödien-Stoff zu taugen.

Diese völlig überholte Auffassung lässt TOP SQUAD wie ein Relikt aus grauer Vorzeit wirken. Was zumindest noch durch Vorreiterei in Sachen Gleichberechtigung Punkte hätte sammeln können, wurde in den Autoren-Händen von Cheng Kam-Fu [→ CONTRACT KILLER] und Abe Kwong Man-Wai [→ PRINCE OF THE SUN] jedoch zur strapaziösen Sexismus-Parade. Zwar versteht man sich selbst offenbar sogar als feministisches Manifest, lässt man zu Beginn doch zwei Beamte sich darüber echauffieren, dass Frauen in manchen Kulturkreisen Männern nicht mal die Hand reichen dürfen (die deutsche Synchronisation zauberte noch ein charmantes „Die haben doch nicht alle Höcker auf dem Kamel!“ hinzu). Doch der wuselige Weiber-Haufen, der einem dann nachfolgend präsentiert wird, lässt kaum ein Stammtisch-Klischee aus und besteht aus nervig-naiven Dummchen, die postwendend nach Zusammengruppierung anfangen, über Haut-Hygiene und süße Jungs zu diskutieren. Und da man die Idee einer Damen-Mannschaft wohl als selbsttragend ansah, ruhte man sich auf diesem vermeintlichen Super-Witz quasi bis zum Schluss aus und fügte ihm im Prinzip nichts Nennenswertes mehr hinzu. Die Ausbildung verläuft unspektakulär und nahezu höhepunktsfrei (so viel zum „gnadenlosen Drill“) und auch aus dem Kräftemessen mit der männlichen Konkurrenz-Kompanie wird kaum Spannung herausgeholt. Stattdessen gibt es oberflächliche Konflikte, banale Liebeleien und vorpubertäre Späße, die in ihrer Fasson fatal an die seichten amerikanischen Teenager-Komödchen ab Mitte der 1970er Jahre erinnern, inklusive Rollschuhbahn-Geplänkel, Saufgelagen und alberner Gesangs- und Tanz-Einlagen. Da man es hier aber mit eindeutig erwachsenen Figuren zu tun hat, verführt das unreife Gebaren nicht selten zum genierten Kopfschütteln.

Eine der zahlreichen halbgaren Nebenhandlungen macht die Truppe sogar ungewollt unsympathisch: Als die Ladys herausfinden, dass der Lebensgefährte einer ihrer Kameradinnen ein falsches Spiel treibt, rotten sie sich zusammen und vermöbeln besagten Kerl in einer illegalen Nacht-und-Nebel-Aktion nach Strich und Faden (inklusive Malträtierung mit Baseball-Schläger und glühender Eisenstange). Diese völlig unverhältnismäßige Selbstjustiz-Maßnahme sorgt nicht gerade dafür, einem die Protagonistinnen näherzubringen. Nachdem viel zu lange Zeit viel zu wenig passiert ist, kommt TOP SQUAD auf den letzten Metern dann doch noch in mittlerweile gar nicht mehr für möglich gehaltene Fahrt. Der Einsatz gegen eine Bande von Juwelenräubern sorgt nicht nur für überraschend witzige Humor-Einlagen (herausgehoben sei hier der verzweifelte Versuch, per Morse-Alphabet zu kommunizieren), sondern auch für gelungene Action-Attraktionen, die wohl vor allem deshalb so dynamisch ausfielen, weil sich das Stunt-Team um Jackie Chan dafür verantwortlich zeichnete. Typisch für das damalige Hongkong-Kino, das Gewalteinlagen gern auch mal genreunabhängig unterbrachte, kommt es dabei (wie auch bereits im Auftakt) zu ein paar härteren Momenten, die nach westlichem Verständnis in einem humororientierten Szenario eher fehl am Platze wirken. Nach derlei gutgemachtem Boden irritiert dann allerdings das plötzliche Ende, bei dem man den Eindruck gewinnt, den Machern sei soeben das Film-Material ausgegangen und nun müsse schnell der Abspann her.

So ist TOP SQUAD am Ende dann doch ein eher zweifelhaftes Vergnügen, was vor allem dem extrem einfallslosen Drehbuch geschuldet ist. Zwei attraktive Action-Episoden zu Beginn und zum Finale bilden den Rahmen um ein eher affröses Geschehen im viel zu langen Mittelteil, den die deutsche Sprachfassung zwar bemüht war, aufzupeppen, der aber schlichtweg nicht genügend begeistern kann. Die Darstellerinnen taten sich mit ihrer Teilnahme keinen großen Gefallen, entwickeln nicht die Spur an Charakter und dürfen mit ihrem Gehabe letztendlich lediglich geltende Vorurteile bestätigen. Einzig Sibelle Hu [→ DEADLY CHINA DOLLS] darf sich als Ausbilderin ein bisschen von der Masse abheben (auch, wenn sie viel zu zart und niedlich aussieht, um ihr die behauptete Funktion abzukaufen). Fans der groß angekündigten Kampfkunst-Koryphäe Cynthia Rothrock [→ SHANGHAI POLICE] blicken ein wenig in die Röhre, denn die Dame betritt nur zu Beginn und gegen Ende die Bühne. Stark aufwerten kann das Szenario hingegen die waschechte Type Bill Tung, der hier im Prinzip 1:1 seine launige Vorgesetzten-Rolle aus Jackie Chans POLICE STORY-Reihe wiederholt. Auch Stanley Fung [→ ACTION HUNTER], der zwar eigentlich als Kontrahent agiert, aber ein Auge auf Madame Wu geworfen hat und sich in ihrer Gegenwart herrlich töffelig anstellt („Madame, bitte entschuldigen Sie, dass ich mich hier so einfach hinsetze! Äääh … Wollen wir heiraten?“), kann Gefallen finden.

Laufzeit: 91 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 13. Mai 2024

BLOODY STONES


GWAI MA BO BIU CHAAK MEI YAN
Hongkong, Großbritannien 1988

Regie:
Frankie Chan

Darsteller:
Frankie Chan,
Kent Cheng,
Anthony Chan,
Cherie Chung,
Maria Cordero,
Bill Tung,
Kitty Chan,
Sandra Lang



Dass im Hongkong-Kino seit jeher andere Konventionen gelten als im überwiegenden Rest der Welt, dafür tritt BLOODY STONES bereits in seinen ersten 5 Minuten den schlagenden Beweis an. Denn während es woanders als vorprogrammiertes Kassengift gilt, ein Genre nicht passgenau zu bestimmen und dessen Regeln im Laufe der Erzählung penibel einzuhalten, werden hier ohne Rücksicht auf Verluste und Homogenität verschiedene als publikumswirksam erachtete Elemente in einen Topf geworfen und mit ordentlich Schmackes verrührt. So beginnt die Geschichte in fideler Unbekümmertheit, als der ebenso gemütliche wie korpulente Kent Cheng auf dem Nachhauseweg ein kleines Mädchen trifft, das herzzerreißend schluchzt, da ihr Kätzchen unerreichbar im Baum sitzt. Cheng, kein Unmensch, klettert zwecks Rettung galant ins Geäst und bemerkt erst, dass er übers Ohr gehauen wurde, als sich das nun plötzlich gar nicht mehr so traurige Kind am Boden mit seinen zwecks Haustierrettung abgelegten Einkäufen aus dem Staub macht. Als am gegenüberliegenden Fenster dann auch noch eine schimpfende Schreckschraube erscheint und ihn lauthals und faktisch falsch als Sittenstrolch beschimpft (Chengs Reaktion: „Quatsch mit Soße! Das hätte die Tante wohl gern!“), kommt aus heiterem Himmel Chengs Kumpel Ho des Wegs, um ein paar hämische Kommentare abzulassen. Das geht so lang gut, bis die Keiferin anfängt, die beiden mittels Zwille zu malträtieren und Cheng deswegen vom Baum fällt. Dabei kracht er auf einen wie zufällig bereitstehenden Rollwagen, auf welchem er jetzt in Zeitraffer und von lustiger Slapstick-Musik begleitet die Straße hinunterbollert, bevor der Zusammenprall mit einem von Ho extra zu diesem Zwecke gestoppten Taxi seinen unfreiwilligen Trip beendet. „Wo soll's hingehen?“, fragt ihn der Fahrer noch, als wäre das alles völlig normal.

Bis hierhin: Harmloser Humor mit Aszendent Hirnverödung, der auch aus einem deutschen Lustspiel-Verbrechen mit Rudi Carrell & Co. KG hätte stammen können. Doch unmittelbar nach diesen infantilen Ereignissen bricht aus heiterem Himmel neben den Protagonisten ein bewaffneter Raubüberfall aus. Cheng und Ho zücken die Knarren, rufen „Hände hoch, Polizei!“ und befinden sich unversehens in einem amtlichen Kugelhagel, der massig Tote und Verletzte fordert. Es folgt eine wüste PS-unterstützte Verfolgungsjagd, die final in einen Fahrstuhl führt, in welchem Ho dem letzten noch verbliebenen Räuber einen saftigen Kopfschuss verpasst, sodass sich dessen Hirn nun formvollendet in Chengs Gesicht verteilt. Zwar wurde diese Sequenz aus vielen internationalen Fassungen herausgeschnitten, aber der ebenso krasse wie unvermittelte Wechsel von argloser Albernheit zu hammerhartem Action-Sturm macht dennoch staunend. Umso mehr, da diese einleitenden Ereignisse mit der darauf folgenden eigentlichen Handlung rein gar nichts zu tun haben und nur existieren, um die beiden Hauptfiguren, die Polizisten Cheng und Ho, einzuführen. Und die Tonart des Films freilich.

Inhalt:

Stewardess Ko [Cherie Chung] und ihre Freundin Cai [Ngau Choi-Ling] werden vom Syndikat gezwungen, Diamanten zu schmuggeln. Doch die Damen drehen den Spieß um und setzen sich mit den Steinen ab. Als sie ihren Erfolg des Nachts am Strand feiern wollen, werden sie plötzlich von zwei Killern angegriffen, wobei Cai ums Leben kommt. Der zufällig sich vor Ort befindliche Inspektor Ho [Frankie Chan] kann zumindest verhindern, dass Ko ebenfalls getötet wird. Die geschwächte Frau wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo Ho und sein Kollege Cheng [Kent Cheng] für ihre Sicherheit sorgen sollen. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht. Denn der kriminelle Geschäftsmann Li [Lee Ji-Kei] ist auf die Beute scharf und schickt seine besten Leute los, um Ko zu schnappen. Kurzerhand quartieren die beiden Polizisten die gefährdete Frau in ihrer Wohngemeinschaft ein.

Kritik:

Fraglos: Die Handlung von THE GOOD, THE BAD & THE BEAUTY (so der eigentliche englische Titel in recht sinnfreier Anlehnung an den eines berühmten Italo-Westerns) ist fern von gesteigerter Kreativität, um nicht zu sagen: ziemlich einfallslos. So geht es in der Quintessenz um nicht viel mehr als um eine Zeugin, die geschützt werden muss, und einen Gangsterboss, der ihr nach Hab und Leben trachtet. Dies dient als Aufhänger für eine relativ lose Aneinanderreihung von recht ruppigen Mord-Szenen (vor allem Krankenhauspersonal hat, wenn Boss Li seine Leute losschickt, nur wenig zu lachen), vereinzelten Action-Sequenzen mit Hauen, Stechen und Schießen sowie reichlich Situations- und Synchronisationskomik - denn zumindest die deutsche Fassung ist mit verbalem Frohsinn zugepflastert. In erster Linie zugunsten der beiden männlichen Hauptfiguren, die sich nicht nur eine Bude teilen wie ein altes Ehepaar, sondern sich auch so benehmen wie eines, indem sie sich den lieben langen Tag innigste Insultationen an den Kopf werfen.


„Sie hätten dir wenigstens ein Bein brechen können oder den halben Arm abschießen oder sowas.“
[Cheng verleiht seiner Freude Ausdruck, dass Ho den Kampf mit den Killern unbeschadet überstanden hat.]


Diese Dauer-Stichelei zwischen den beiden Gesetzeshütern funktioniert überraschend gut, da BLOODY STONES diesbezüglich anders konzipiert ist als die klassische Cop-Komödie der Marke NUR 48 STUNDEN oder RED HEAT: Während sich die Protagonisten dort anfangs nicht ausstehen können und erst noch zusammenraufen müssen, ist hier von Anfang an klar, dass Cheng und Ho eigentlich die dicksten Kumpels sind und füreinander durchs Feuer gehen würden. Als die zu beschützende Zeugin in ihre bis dahin zwanglose Wohngemeinschaft einzieht, sorgt das für einigen Trubel, der in humoristischer Hinsicht glücklicherweise weitaus weniger beschämend ausfällt als z. B. bei den ähnlich konzipierten MY LUCKY STARS-Klamotten, in welchen bei den Herren regelrecht der Restverstand aussetzt, wird die verschworene Männergemeinschaft von unerwarteter Weiblichkeit heimgesucht. Eher schon bietet sich der Vergleich einer Episode aus POLICE STORY an, in welcher Jackie Chan als Hongkong-Cop ebenfalls einer vom Mob bedrohten Dame Unterschlupf im eigenen Domizil gewähren muss, was zu amüsanten Schlagabtauschen führt.

Dass durch die Anwesenheit einer Frau die Freundschaft der Männer trotzdem auf die Probe gestellt wird, verlangt das Drehbuch, das immerhin 80 Minuten zu füllen hat, obwohl es im Prinzip kaum etwas zu erzählen gibt. Erfreulich allerdings, dass dabei nicht der Fehler begangen wurde, besagte Kronzeugin als hilfloses Opfer zu zeichnen, das passiv durch die Handlung torkelt. Cherie Chung [→ PEKING OPERA BLUES] verkörpert die von reichlich krimineller Energie erfüllte Stewardess als taffe Gangsterbraut, die den harten Konfrontationskurs selbst nicht scheut und auch schon mal mit Pistole im Anschlag verbrecherischen Stuhlgang unterbricht.

Schade, dass dann ausgerechnet der Showdown so wenig Schmiss hat. Das Hin und Her zwischen Gut und Böse mündet in einer gut 15-minütigen Motorbootjagd, die nichts mehr von der bis dahin vorherrschenden Härte hat und in Sachen Action vielmehr an die Schwerfälligkeit der späteren POLICE ACADEMY-Folgen erinnert. Zwar wird hier fleißig Dynamit geschleudert und Munition verfeuert, aber so richtig begeisternde Stimmung möchte nicht aufkommen. Nach der exzessiven Eröffnungsveranstaltung ist das schon eine ziemliche Anti-Klimax. Trotzdem werden sich Action-Fans hier gut aufgehoben fühlen. Frankie Chan [→ BORN TO FIGHT IV] (der hier übrigens auch Regie führte) und Kent Cheng [→ HARD TO DIE] harmonieren gut miteinander und wenn letzterer im Schlafrock samt Bommelmütze Bösewichtern Kugeln in die Köpfe ballert, ist das definitiv ein Anblick, den man nicht alle Tage sieht. Der zusätzliche Gastauftritt von Schauspiel-Veteran Bill Tung [→ TOP SQUAD] trägt zwar nichts zur Story bei, aber der kauzige Charakterdarsteller (der hier wieder seine Paraderolle spielt, nämlich die des liebenswerten Vorgesetzten) ist ebenfalls stets gern gesehen. Wer Gewalt und Geblödel miteinander vereinbaren kann, der darf sich die BLOODY STONES gefahrlos auf die Einkaufsliste schreiben.

Laufzeit: 75 Min. / FSK: ab 18

Samstag, 14. Oktober 2023

BLOODY TIE


SASAENG GYEOLDAN
Südkorea 2006

Regie:
Choi Ho

Darsteller:
Ryu Seung-beom,
Hwang Jeong-min,
Chu Ja-Hyeon,
Ja-Hyeon Chu,
Kim Hee-ra,
Lee Do-gyung,
On Ju-wan,
Choe Jin-ho



Inhalt:

Busan: Kurz vor der Jahrtausendwende hat der Drogenhandel die Stadt im Würgegriff. Einer der Nutznießer ist der junge Dealer Lee Sang-do [Ryu Seung-beom], der seine Haushaltskasse mit dem Handel von Crystal Meth aufbessert. Doch die sorglosen Tage sind vorbei, als ihn der ruppige Polizist Doh Jing-Wang [Hwang Jeong-min] aufsucht und zur Zusammenarbeit erpresst: Sang-do soll als Spitzel agieren, um an eine noch größere Nummer heranzukommen. Doch die geplante Verhaftung geht gehörig in die Binsen, woraufhin Jing-Wang seinen Job los ist und Sang-do seine Freiheit. Acht Monate später kommt der Kriminelle aus dem Knast. Gleichzeitig wird der geschasste Bulle wieder in den Dienst gestellt. Während Jing-Wang die Karriereleiter erneut erklimmen muss, sieht sich Sang-do völlig neuen Verhältnissen gegenüber: Aus dem Ausland sind neue Drogen ins Land gekommen und haben den Markt komplett verändert. Der neue große Boss heißt Jang-chul [Lee Do-gyung]. Dessen Verhaftung wäre für Jing-Wang die Rückkehr zu alten Ehren und für Sang-do die Möglichkeit, wieder zum Kiez-König aufzusteigen. Notgedrungen schmieden die Kontrahenten daher ein neues schicksalhaftes Bündnis.

Kritik:

BLOODY TIE beginnt im Stil einer flotten Komödie, wenn der junge Dealer Lee Sang-do dem Publikum per gut gelauntem Off-Kommentar erklärt, wie er in hemdsärmeliger Routine seine Geschäfte abwickelt und was für eine tolle Win-Win-Situation das doch ist: Seine Kunden erwerben (vermeintliches) Glück in kleinen Dosen, er selbst hört im Austausch dafür tagtäglich die Scheine rascheln. Trotz der ernsten Thematik (dass Südkorea kurz vor der Jahrtausendwende in einer Krise steckte und speziell in Busan das Verbrechen scheinbar unkontrollierbar wütete, das vermitteln bereits zum Einstieg diverse Schlagzeilen und Ausschnitte aus Nachrichtensendungen) wird dabei eine durchaus heitere Grundstimmung suggeriert. Sang-do feiert ausgelassen in Bars und Clubs; sein forsches Auftreten wirkt jugendlich-überschwänglich, seine Gestiken und Mimiken erinnern bisweilen an argloses Kleinkind-Verhalten. Dazu bringen ein funky Soundtrack und schnelle Schnitte gehörig Schwung in die Sache und sorgen für Stimmung und gute Laune.

Dass diese ausgelassene Attitüde nicht bis zum Ende Bestand haben wird, davon zeugt bereits die erste Begegnung zwischen Sang-do und seinem unfreiwilligen Polizisten-Partner Jing-Wang, die unmissverständlich aufzeigt, dass sie keine Kumpels werden. Das hier ist kein Buddy Movie, in dem sich zwei grundverschiedene Parteien zusammenraufen und schließlich Freundschaft schwören. Hier können sich beide Männer tatsächlich auf den Tod nicht ausstehen, und die zerbrechliche Zweckgemeinschaft bleibt auch eine bis zum bitteren Ende. Auf dem Weg dorthin wird es mit jedem Schritt düsterer und brutaler, was dem Werk in seinem Heimatland sogar einige Schlagzeilen bescherte: Obwohl nicht ausdrücklich verboten, galt die explizite Darstellung von Drogensucht in Südkorea lange Zeit als eine Art rotes Tuch, weswegen das kommerzielle Kino in der Regel einen verschämten Bogen um das Thema machte. BLOODY TIE hingegen leistete sich diesen Tabubruch, wenn auch nicht um des reinen Brechens willen: Die Zurschaustellung der verhängnisvollen Folgen des Konsums von Rauschgift ist notwendiger Bestandteil der Handlung und offeriert zudem einige Schauwerte in Sachen Schauspiel und Inszenierung.

Chu Ja-Hyeon verkörpert exzellent die süchtige Lee Ji-young, die aufgrund traumatischer Erlebnisse in die Abhängigkeit getrieben wurde. Wenn in einer rückblickenden Montage gezeigt wird, wie sie langsam, aber unaufhaltsam in die Sucht abgleitet, dann ist das darstellerisch wie inszenatorisch ein nachhaltig eindrücklicher Moment. Gleichzeitig wird Ji-young auch zum Zünglein an der Waage. Denn Sang-do, dessen Weg sich mit dem ihren zufällig kreuzt, erkennt seine Mitschuld an ihrem Zustand, weswegen er die im Grunde nur noch als Wrack existierende Frau in eine Entzugsklinik einliefert – die ironischerweise von seinem eigenen Onkel geleitet wird. Dieser Moment bedeutet im Übrigen jedoch nicht, dass aus dem Dealer jetzt plötzlich ein besserer Mensch wird. So versucht er nach Ji-youngs ersten Erfolgen in Sachen Entzug schamlos, sie zum nächsten Drogen-Cocktail zu überreden. Seine Motivation wird dabei nicht ganz klar, aber spätestens ab diesem Moment steht fest, dass Sang-do nicht zur Sympathiefigur taugt.

Das gilt allerdings auch für Jing-Wang, der als Polizist ja immerhin (zumindest formal) auf der Seite des Gesetzes steht. Aber auch er ist für das Publikum keine Bezugsperson, wenn er sich, offenbar psychisch labil, stets am Rande des Nervenzusammenbruchs zu bewegen scheint und sich sein Gebaren gar nicht großartig von dem eines Verbrechers unterscheidet. Nun sind ambivalente Figuren, erst recht im Genre des Gangster- und Polizeifilms, prinzipiell immer gern gesehen, zumal man sich damit natürlich deutlich dichter an der Realität befindet als mit den Klischees vom strahlenden Helden und fiesen Schurken. Aber wenn Verhaltensweisen und Handlungen kaum nachvollziehbar sind und die Protagonisten moralisch mal in die eine, mal in die andere Richtung pendeln, dann führt das auf Dauer doch eher zu Unzufriedenheit.

Dabei blitzen vereinzelt durchaus mal Anflüge von Charakterisierung und Motivation auf, am ehesten bei Dealer Sang-do, dessen Leben offenbar bereits von Kindesbeinen an von Gewalt und Kriminalität bestimmt war. Vertieft wird das dann allerdings nicht. Jing-Wang hingegen handelt nach der Prämisse, dass Kriminalität mit legalen Mitteln nicht besiegt werden kann, weswegen er zwangsläufig selbst zum Kriminellen wird. Diese Figur ist im Genre natürlich alles andere als neu und im Falle BLOODY TIEs gelang es den Autoren auch nicht, ihr neue Facetten abzuringen. Darum muss als zusätzlicher Antrieb dann doch noch die gute alte Rache herhalten: Zielperson Jang-chul ist nämlich nicht nur Drogenbaron, nein, er hat auch noch einen Kumpel und Kollegen Jing-Wangs auf dem Gewissen.

Lebendig werden diese Abziehbilder in erster Linie vom energischen Spiel ihrer Darsteller. Speziell Ryu Seung-beom [→ ARAHAN] agiert sich als mit heftigen Gefühlsschwankungen versehenem Drogendealer die Seele aus dem Leib: Mal enthusiastisch wie ein kleines Kind, kullern im nächsten Augenblick dann ausgiebig die Tränen. In Hwang Jeong-min [→ SHIRI] als rastlosem Polizisten scheint indes ein brodelnder Zorn zu wohnen, der jede Sekunde sich Bahn brechen und zur Explosion führen könnte. Bezogen auf reale Verhältnisse scheint das zwar ein wenig übertrieben (einen Beamten, der solch ein überkandideltes und unberechenbares Verhalten an den Tag legt, hätte man schon längst in Frührente geschickt), aber darstellerisch gibt es da ebenfalls nichts zu mosern.

Hauptgrund, dass BLOODY TIE am Ende als Sieger ins Ziel kommt, ist allerdings die temporeiche Inszenierung, die trotz nicht gerade schmaler Laufzeit ständig aufs Gas steigt, obwohl man sich stilistisch nicht so ganz einigen konnte. Denn obwohl das Ganze zeitlich Ende der 1990er verortet ist, klingt der Soundtrack stark nach 1970er Jahre, wobei manche Szenen auch einen entsprechenden, an Beiträge wie FRENCH CONNECTION gemahnenden, Siff-Look mitbringen, während schnelle Schnitte, Split-Screens und viel Kamerabewegung dann doch wieder deutlich moderner wirken. Schaden tut das freilich nicht, denn es funktioniert durchgehend bis zum Schluss, der erstaunlich nihilistisch daherkommt und nun gar nichts mehr von der scheinbaren Unbekümmertheit der ersten Minuten innehat. BLOODY TIE mag das Genre damit weder neu erfinden noch ihm irgendwelche Innovationen hinzufügen, ist unterm Strich jedoch ein professionell gefertigter Zeitvertreib, dem man sich ohne Reue aussetzen kann.

Laufzeit: 112 Min. / Freigabe: ab 16