Eigene Forschungen

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Montag, 29. September 2025

DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER


IL GRANDE COLPO DEI SETTE UOMINI D’ORO
Italien/Frankreich/Spanien 1966

Regie:
Marco Vicario

Darsteller:
Philippe Leroy,
Rossana Podestà,
Gastone Moschin,
Gabriele Tinti,
Giampiero Albertini,
Dario De Grassi,
Manuel Zarzo,
Enrico Maria Salerno



„Das ist doch unmöglich – die Farbe Ihrer Augen kann doch nicht wechseln!“
„Das tut sie immer, wenn ich verliebt bin.“


Inhalt:

Der verbrecherische Vordenker Alfred [Philippe Leroy] und sein kriminelles Komplizen-Kollektiv, die Goldenen Männer, sind wieder in Aktion: In Rom knackt die Räuberbande einen Tresorraum auf altbewährte Art und Weise. Aber dieses Mal hat sie Pech – am Ausgang des Fluchttunnels wartet schon der amerikanische Geheimdienst, um die Gruppe in Gewahrsam zu nehmen. Überraschenderweise ist dieser aber gar nicht primär daran interessiert, die Gauner gesiebte Luft atmen zu lassen. Stattdessen möchte er die Dienste der Bande selbst in Anspruch nehmen. Der Grund: Auf einem südamerikanischen Eiland stiftet ein kommunistischer Extremist [Enrico Maria Salerno] jede Menge revolutionäre Unruhe. Die Goldenen Männer sollen ihn entführen – als Dank winken sieben Millionen Dollar und die Freiheit. Der Deal wird akzeptiert. Als Köder agiert Alfreds verführerische Freundin Giorgia [Rossana Podestà], die sich das Vertrauen des eitlen Umstürzlers erschleicht und ihn in Windeseile um den Finger wickelt. Was noch keiner ahnt: Während Giorgia das Entführungsopfer weichklopft, plant Alfred parallel dazu noch ein eigenes Ding. Im Hafen der Hauptstadt liegt nämlich ein russischer Militärfrachter vor Anker – und in diesem lagern 7000 Tonnen Gold.

Kritik:

Das verschmitzte Bankraub-Intermezzo SIEBEN GOLDENE MÄNNER kam 1965 so gut an, dass das erfolgreiche Septett nur ein Jahr nach seinem ersten Kino-Coup abermals zuschlagen durfte. Dafür wurden keinerlei Kompromisse gemacht und wirklich alle sind wieder mit dabei: Philippe Leroy als affektierter Anführer, Rossana Podestà als die schillernde Frau an seiner Seite und all ihre kauzigen Kumpanen aus aller Herren Länder. Auch hinter der Kamera ändert sich rein gar nichts, weswegen die Fortsetzung zumindest auf personeller Ebene dem Vorgänger alle erdenkliche Ehre macht. Allerdings auch nur auf dieser. Denn die Belegschaft, so kristallisiert sich schnell heraus, ist auch so ziemlich das einzige, was mitgenommen wurde. DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER unterscheidet sich nämlich in nicht unerheblichem Maße vom ersten Teil und geht inhaltlich wie stilistisch eigene Wege. Dabei wähnt sich das Publikum zunächst noch auf vertrautem Terrain, wenn die Ereignisse der ersten Minuten das Original noch bestmöglich rekapitulieren und der einleitende Raubzug abermals mittels Tarnmanöver, Tunnelgebrauchs und technischen Geräts erfolgt. Allerdings gibt dieses Mal nicht etwa Giorgia den Blickfang in der Bankfiliale, wie es erst den Anschein hat, sondern ihr Partner Albert, in fesche Frauenkleider gehüllt, während sie selbst Zigarre schmauchend im Hotelzimmer hockt und Anweisungen gibt. Dieser Rollentausch spielt bereits gekonnt mit der Erwartungshaltung, wenn vertraute Situationen erst erschaffen, dann aber auf links gedreht werden – wie sich die gesamte Fortsetzung ebenfalls weigert, Vertrautes zu servieren.

War Teil 1 bereits dezent unterwandert von den Mechanismen des Agentenfilms, unternimmt Teil 2 fast einen Hechtsprung in eben jenes Metier, wenn die Goldenen Männer plötzlich von der CIA eingespannt werden, um einen unliebsamen Kommunisten-Strolch von einer südamerikanischen Insel zu entführen. Warum davon ausgegangen wird, eine Handvoll Bankräuber seien das perfekte Personal, um einen Revoluzzer hopszunehmen, bleibt dabei völlig schleierhaft. Hat der Geheimdienst keine eigenen Leute für sowas? Was machen die denn beruflich? Jedenfalls ändert dieser Auftrag die Tonart erheblich, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Lief der Coup im Vorgänger noch im Verborgenen ab, bricht sich hier die große und ganz und gar nicht geheime Action bahn. Da werden Fäuste geschwungen, Maschinengewehre leergeballert und Torpedos abgefeuert – von der früheren Filigranität ist nichts mehr übrig, es regiert die grobe Kelle. Gleichzeitig werden auch die Gimmicks zahlreicher, denn kaum eine Aktion verläuft hier ohne bizarre Hilfsmittel. Der Flugrucksack und das Luftkissenboot gehen dabei fast noch als realistisch durch, aber manches Mal wird auch übers Ziel hinausgeschossen, wenn ein Gegner beispielsweise mittels eines fliegenden Boxhandschuhs ins Reich der Träume geschickt wird. Und wenn dann noch der gefangengesetzte Aushilfs-Fidel-Castro an einen funkensprühenden Traumabbildungsapparat angeschlossen wird, gleitet das SUPERDING endgültig in Richtung halbseidenen Science-Fiction-Quatsch ab.

Derlei Albernheiten hätte es wahrlich nicht gebraucht, kratzen sie doch ein wenig am unschuldigen Charme der Show und an dem Eindruck, Autor und Regisseur Vicario würde sein Publikum in ausreichendem Maße ernstnehmen. Den Spaß an der Sache kann das dennoch kaum trüben, denn DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER ist insgesamt doch ein schöner Cocktail geworden, der auch von dem exotischen Insel-Setting profitiert. Die überschaubaren Schauplätze des Erstlings, der überwiegend unter Tage, im Hotel oder in der Bank stattfand, weichen einem bunten Abenteuerspielplatz mit jeder Menge Urlaubsflair, bei dem zudem alle naslang auch noch die Kulisse gewechselt wird. Auch die Verschiebung in Sachen Figurengewichtung muss als gute Idee gewertet werden. Albert, der bei Teil 1 den Ton angab, hält sich hier nämlich eher bedeckt im Hintergrund und überlässt stattdessen seiner Partnerin das Feld, weswegen Darstellerin Rossana Podestà endlich zeigen kann, was sie auf dem Kasten hat. Zwar hat sie lediglich die eigentlich abgestandene Rolle der verhängnisvollen Verführerin inne, aber was sie daraus macht, ist ein wahres Fest. Nahezu jede Szene, in der sie auftritt, beherrscht sie komplett und die Momente, in denen sie „Il Generale Presidente“ fachgerecht um den Finger wickelt, gehören zu den Glanzlichtern der Veranstaltung. Dass ihr Bezirzungsopfer von Enrico Maria Salerno [→ DAS SYNDIKAT] verkörpert wird, macht die Angelegenheit definitiv nicht schlechter. Dieser ist ja eher für seriöse Rollen bekannt und geschätzt, weswegen sein Mitwirken in fröhlichem Unfug wie diesem schon ein kleiner Lacher für sich ist. Den radikalen Revolutionsführer erweckt er als gleichermaßen affige wie naive Machtmenschen-Karikatur zum Leben, wobei das Skript auf tatsächliche politische Stellungnahmen verzichtet.

Was der Fortsetzung fehlt, ist ein klarer Fokus, pendelt die Story thematisch bisweilen doch arg hin und her. Die Nebenepisode, in der die Bande versucht, einen Frachter um seine goldene Ladung zu erleichtern, verträgt sich nicht so recht mit der Entführungsgeschichte, weil beide Handlungsstränge sich gegenseitig immer ein wenig ausbremsen. Auch gehen die titelgebenden Männer, die ja eigentlich Sympathiefiguren sein sollen, bei der Kaperung erstaunlich brutal und skrupellos zu Werke, was nicht wirklich zu dem Eindruck passt, den sie bis dahin hinterlassen haben. Das ist dann wohl ein Nebeneffekt des Fortsetzungssyndroms, des Fluchs, dass beim zweiten Teil immer alles noch ein bisschen lauter, härter und schneller sein muss. Aber da das Superding als Ganzes so fabelhaft comicartig geriet und auch nie selbst damit handert, sind kleinere Ausfälle wie diese verzeihbar. Wie wenig ernstzunehmen die Chose ist, zeigt die Sequenz, in der Giorgia zu einem Geständnis gezwungen werden soll, indem man eine Handvoll Schwarzer Witwen auf sie zu krabbeln lässt. Allerdings sind diese so eindeutig als mechanische Spielzeuge erkennbar, dass man direkt nach den Aufziehschlüsseln auf den Rücken sucht. Passenderweise zeigt sie dann auch nicht die Spur von Furcht, sondern krault einen der tatsächlich ziemlich knuffigen Achtbeiner, als wäre er ein kleines Kätzchen. 

DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER endet mit Szenen aus der Eröffnung des Vorgängers, wodurch wohl symbolisch so eine Art Kreis geschlossen werden soll. Da beide Auftritte der Goldenen Männer so unterschiedlich ausgefallen sind, wirkt das zwar nicht ganz stimmig, aber immerhin garantiert diese Vorgehensweise jede Menge Abwechslung. Wo Teil 1 eine amüsante, überwiegend jedoch seriös aufbereitete RIFIFI-Variante war, wirkt Teil 2 mit seinen zahlreichen Action- und Abenteuerversatzstücken, wie U-Boote, Torpedos, Revoluzzer, Feuergefechte, Tauchgänge und Haiangriffe, wie die inoffizielle Verfilmung eines TIM UND STRUPPI-Bandes. Und das ist wahrlich nicht die schlechteste Referenz.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 22. September 2025

SIEBEN GOLDENE MÄNNER


SETTE UOMINI D'ORO
Italien 1965

Regie:
Marco Vicario

Darsteller:
Philippe Leroy,
Rossana Podestà,
Gastone Moschin,
Gabriele Tinti,
Giampiero Albertini,
Dario De Grassi,
Manuel Zarzo,
Maurice Poli



„Eine winzige Kleinigkeit lässt den besten Plan zum Teufel gehen.“
„Und wenn man selbst der Teufel ist?“

Inhalt:

Albert [Philippe Leroy], ein britischer Gentleman, und dessen Geliebte, die divenartige Giorgia [Rossana Podestà], beziehen gut gelaunt eine luxuriöse Suite in einem Hotel in der Genfer Innenstadt. Kaum unter sich, öffnen sie ihre Koffer und füllen ihr Zimmer mit allerlei Schnickschnack: Radaranlage, Funkgerät – und ein Teleskop. Denn der Ausblick interessiert die beiden brennend. Direkt gegenüber erhebt sich nämlich das Hauptgebäude der „Credit Suisse Bank“. In diesem lagern die größten Goldreserven des Landes. Und dazwischen, gut verborgen zwischen all dem Hochkarätigen, liegt ein Peilsender – deponiert von Giorgia, nachdem der arglose Bankdirektor der attraktiven Frau nur wenige Stunden zuvor Einblick in die Schatzkammern gewährt hatte. Nun wird unten auf dem Vorplatz eine Baustelle errichtet. Sechs Straßenarbeiter nehmen ihre Arbeit auf. Jeder von ihnen stammt aus einem anderen Teil der Welt. Noch bis vor kurzem hat keiner den anderen gekannt. Ihre Vornamen beginnen alle mit demselben Buchstaben: A. A wie „Albert“. Das ist kein Zufall. Denn Albert ist der Kopf des Ganzen. Er rekrutierte die Männer. Er konstruierte den Plan. Und er hält die Fäden in der Hand. Auf sein Zeichen geht es los: Die sechs Komplizen begeben sich in die Tiefe und bahnen sich, per Funk gesteuert von den Anweisungen Alberts, ihren Weg durch die Kanalisation – schnurstracks in Richtung Reichtum.

Kritik:

Der französische RIFIFI (oder, im Original ausführlicher: DU RIFIFI CHEZ DES HOMMES) von 1955 verhalf aufgrund seines Erfolges einem Subgenre des Kriminal- und Gangsterfilms zu plötzlicher Popularität: dem Heist-Movie. Seither versammelten sich immer wieder mal mehr, mal weniger illustre Schauspieler-Ensembles auf der Leinwand, um gemeinsam den perfekten Raub zu begehen. SIEBEN GOLDENE MÄNNER reiht sich da recht nahtlos ein und variert die bekannten Story-Stationen nur rudimentär. Die düstere Noir-Attitüde der Vorlage allerdings weicht hier der beschwingten Lebensfreude der 1960er-Jahre, während die Erzählung selbst mit Elementen und Stilmitteln des damals ungemein angesagten Agentenfilms verknüpft wird. Das läuft wunderbar rund, zum einen, weil Regisseur Marco Vicario [→ DIE NACKTEN STUNDEN] sein Werk voll und ganz im Griff hat, zum anderen, weil das Publikum hier schlichtweg genau das bekommt, was es auch erwartet: die Faszination der Verbrechensplanung, den Nervenkitzel bei deren Umsetzung – und nicht zuletzt, dem Zeitgeist entsprechend, eine gehörige, wenngleich das Szenario nicht erdrückende Portion Humor.

Dramaturgisch geschickt wird der Zuschauer zu Beginn erst einmal ins kalte Wasser geworfen. Die Aktion startet nämlich ziemlich unverzüglich und verzichtet auf deskriptives Vorgeplänkel. Mit Erklärungen wird ökonomisch umgegangen, Personen werden nicht vorgestellt und Zusammenhänge müssen in Eigenverantwortung eruiert werden. Das funktioniert auch deswegen, weil die Autoren (zu denen auch der Regisseur selbst gehört) eine gewisse Vorerfahrung seitens des Publikums voraussetzen können – die Konventionen sind schließlich geläufig und für welches Genre die Eintrittskarte gelöst wurde, sollte ebenfalls bekannt sein. Worum es geht und wie genau der Plan aussieht, erschließt sich einem somit erst Stück für Stück, auch mittels mehrerer Zeitsprünge in vergangene Ereignisse. Wahnsinnig originell oder gar kompliziert ist das Vorhaben nun allerdings nicht und auch in puncto Glaubwürdigkeit müssen einige Abstriche gemacht werden. Aber darauf kommt es eigentlich gar nicht an: Im Mittelpunkt steht nicht der schnöde Realismus, sondern elegante Kino-Unterhaltung mit einer gesunden Dosis mondänen Flairs, das mit nahezu diebischer Freude zelebriert wird. Schon der Auftakt stellt die Weichen: Noch während die beschwingte Titelmelodie läuft, schäkern Philippe Leroy [→ MILANO KALIBER 9] als „Albert“ und Rossana Podestà [→ DAS SCHLOSS DES GRAUENS] als Giorgia in der schicken Limousine und scheinen dabei Steed und Peel aus MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE Konkurrenz machen zu wollen.

Dieser feinen Herausgeputztheit steht das harte Handwerk gegenüber, für das die sechs weiteren Goldenen Männer zuständig sind, die natürlich gar nicht golden sind, sondern die orangefarbenen Overalls der städtischen Straßenarbeiter tragen. Während Albert und Giorgia im Hotelzimmer die Nobelhobel geben und den Einsatz akribisch durchorchestrieren, simuliert der Rest der Belegschaft in besagter Tarnung die Umsetzung akuter Baumaßnahmen, während er sich eigentlich – stets per Funk mit der „Kommandozentrale Luxussuite“ verbunden – durch das unterirdische Tunnelsystem den Weg zum Tresorraum der nahgelegenen Bankfiliale bahnt. Die technischen Spielereien, die dabei aufgefahren werden, manövrieren das charmante Gaunerstück entschieden in Richtung Spionage-Krimi; neben recht profanen Dingen wie Sprengstoff, Betonbohrern und Förderbändern kommen auch Peilsender sowie Radaranlagen oder versteckte Kameras zum Einsatz. Geht es dabei anfangs noch recht gemächlich zu, steigen Tempo und Dramatik spürbar, je mehr sich der zugrundeliegende Plan herauskristallisiert und je vertrauter einem die Figuren werden. Denn dass der Coup nicht ohne Komplikationen abläuft, liegt in der Natur der Sache – und des Skripts, das natürlich redlich bemüht ist, möglichst viele spannungsfördernde Stolpersteine unterzubringen. Und so treiben neugierige Polizisten, versiegende Luftzufuhr oder außerplanmäßige Wachmannanwesenheiten die Pulsschläge der Protagonisten zwischenzeitig tüchtig nach oben.

Dass der Bruch dennoch gelingt, ist ebenfalls keine Überraschung – SIEBEN GOLDENE MÄNNER folgt dann doch zu sehr den Regeln des Reißbretts, um das Rad neu zu erfinden. Und natürlich geht nach erfolgreichem Abschluss der Aktion das große Behumsen los: Jeder will plötzlich die Beute für sich und auf die einstige Kameradschaft wird ein goldener Haufen gesetzt. Das geschieht allerdings erst nach gut einer Stunde – so lange dauert es nämlich, bis die Barren ins Trockene gebracht sind. Leider bricht damit die Nervenkitzelkurve auch ein wenig ein. Vor allem das Finale zieht sich doch ziemlich und geriet auch generell eher unbefriedigend. Dem positiven Gesamteindruck freilich kann das nichts anhaben – zumal im letzten Drittel, nachdem sie zuvor in erster Linie als Blickfang eingesetzt wurde, auch endlich die Frau an der Seite der sieben Goldjungs charakterlich an Profil gewinnen darf. Rossana Podestà war die Gattin des Regisseurs, der ihre Ausstrahlung gekonnt in Szene zu setzen wusste. So steckt sie bei nahezu jedem ihrer Auftritte in einem neuen extravaganten Kostüm, trägt die imposanteste Perückenpracht spazieren und die verruchteste Brillenmode zur Schau, bevor sie sich im halbtransparenten Catsuit grazil auf der Couch lümmelt. Dass sie weitaus mehr auf dem Kasten hat, als durch Liebreiz zu glänzen, und ihre Rolle über die des attraktiven Anhängsels hinausgeht, beweist sie vergleichsweise spät, aber dafür umso eindrücklicher.

SIEBEN GOLDENE MÄNNER mag RIFIFI als Blaupause nutzen, besitzt jedoch genügend eigene Qualitäten, um aus dem Schatten des Vorbilds herauszutreten. Der spitzbübische Humor ist wohldosiert und schwebt eher als ironischer Unterton über dem Geschehen. Zugleich setzt die Inszenierung gezielt auf Kontraste: hier das Schwelgen in der luxuriösen Umgebung von Schalterhalle und Hotelzimmer, dort die Ungemütlichkeit des Untergrunds mit all seinen Rohren, Gängen und Ungastlichkeiten. Nicht jeder Einfall zündet gleichermaßen: Dass alle Männer namentlich mit „A“ beginnen und aus unterschiedlichen Ländern stammen, ist ein Gimmick, das eher redundant wirkt. Zumindest in der deutschen Fassung mutet Philippe Leroy als Anführer mit seiner verschliffenen Artikulation und den englischsprachigen Einschüben auch weniger wie ein Brite an, denn eher wie jemand, der sich gleich nen Tex-Mex-Burger mit doppelt Zwiebeln bestellen wird. Im Gegenzug dazu wurde in der Synchronfassung unterschlagen, dass eigentlich auch ein Deutscher zu den Goldenen Männern gehört – wahrscheinlich, weil dieser im Original den originellen Namen „Adolf“ trägt, der ja dezent vorbelastet ist. In der deutschen Fassung heißt er nun „Arturo“ und soll vermutlich einen Italiener darstellen. Für gute Laune sorgt zusätzlich die musikalische Untermalung, ein flauschiger Klangteppich, der ganz im Sinne des Zeitgeists gewoben wurde: locker-leichter Jazz, Bossa-Nova-Einflüsse und fröhlich gepfiffene Melodien, dazu lässige Orgel- und Trompetenklänge. All das in einem Kessel miteinander verschmolzen, macht aus den Goldenen Männern am Ende glänzende Unterhaltung. Das Publikum sah das wohl ähnlich – weswegen sie im Folgejahr gleich für einen neuen Coup zurückkehren durften.

Laufzeit: 91 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 7. Juli 2025

DRIVE


DRIVE
USA 2011

Regie:
Nicolas Winding Refn

Darsteller:
Ryan Gosling,
Carey Mulligan,
Bryan Cranston,
Albert Brooks,
Oscar Isaac,
Christina Hendricks,
Ron Perlman,
Russ Tamblyn



Nachdem die PUSHER-Trilogie und die fast schon als Stillleben durchgehende Wikinger-Meditation VALHALLA RISING eher vor einem kleinen Publikum gelaufen waren, gelang dem dänischstämmigen Regisseur Nicolas Winding Refn mit dem deutlich massentauglicheren DRIVE der internationale Durchbruch. Dabei vollbrachte er das Kunststück, eine sattsam bekannte Geschichte dermaßen frisch und virtuos in Szene zu setzen, dass man den Eindruck gewinnt, etwas Ähnliches habe es bis dahin noch nicht gegeben. 

Inhalt:

Ein junger Automechaniker [Ryan Gosling] bessert seine bescheidene Gage dadurch auf, dass er sich von finsterem Gesocks gelegentlich als Fluchtwagenfahrer anheuern lässt. Dank seiner außergewöhnlichen Fahrkünste schafft er es dabei regelmäßig, der Polizei zu entkommen. Privat führt er ein unauffälliges Leben in einer schäbigen Mietwohnung. Im Laufe der Zeit verliebt er sich in seine Nachbarin Irine [Carey Mulligan]. Doch als beide gerade dabei sind, sich näherzukommen, wird ihr Ehemann Standard [Oscar Isaac] aus dem Gefängnis entlassen. Dieser schuldet dem gewissenlosen Gangster Cook [James Biberi] noch Geld. Um Irine zu schützen, bietet der Fahrer an, Standard bei einem Überfall zur Seite zu stehen. Doch der Plan misslingt: Standard wird aufs Kreuz gelegt und bezahlt mit seinem Leben. Zwar kann der Fahrer mitsamt der Beute entkommen, doch ist er nun seines Lebens nicht mehr sicher: Cook ist hinter ihm und dem Geld her. Eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang.

Kritik:

Vor Spannung im Sitz vibrieren wird der Betrachter aufgrund ausgetretener Handlungspfade freilich kaum und auch die Story-Elemente kommen einem doch arg vertraut vor. Cineastische Geschwindigkeitszelebrationen wie TRANSPORTER (2002) mit Jason Statham als rasendem Kurier kommen einem in den Sinn, und nicht nur der Titel weckt Erinnerungen an Walter Hills Klassiker DRIVER (1979), in dem Ryan O’Neill ebenfalls einen versierten Fluchtwagenbeschleuniger mimt. Hier hingegen ist es ein anderer Ryan, nämlich ein Gosling, der seine Fahrkünste in den Dienst der Unterwelt stellt und dabei ein rigoroses, in Eigenregie verfasstes Regelwerk befolgt. Er ist ein Profi, dem jedwede Menschlichkeit abhandengekommen zu sein scheint: Sein Blick ist stets leer, seine Art unnahbar. Als dann doch das Unerwartete eintritt und er erstmals aus Zuneigung zu einer anderen Person, also eben menschlich, agiert, gerät seine wohlgeordnete Welt aus den Fugen.

Inhaltliche Parallelen zu den genannten Referenzen sind gewiss nicht aus der Luft gegriffen, allein das ‚Wie‘ macht hier den Unterschied. Leuten mit Sinn für Stil und Ästhetik dürften sich nämlich die Augen weiten. Der bis zum Anschlag durchstilisierte Neo-Noir-Thriller besticht von der ersten bis zur letzten Sekunde durch formvollendet lässige Eleganz. Bereits die eröffnende Autojagd unterlegt Refn nicht etwa mit peitschendem Score, wie ein etwas weniger vorsichtiger Regisseur es vermutlich getan hätte, sondern mit einem aus dem Radio tönenden Kommentar eines Basketball-Spiels. Anstatt à la THE FAST AND THE FURIOUS einfach stumpf aufs Gaspedal zu treten, um den Verfolgern zu entkommen, geht der Protagonist, dessen Name tatsächlich nie Erwähnung findet und der darum stets nur als ‚Fahrer‘ bezeichnet wird, mit Taktik, Klugheit und Bedacht zu Werke – eine passendere Metapher für den Erfolg von DRIVE ließe sich nur schwerlich finden.

Grundsätzlich zwar ebenfalls zum Action-Genre zählend, gibt sich DRIVE ungewohnt entspannt und nimmt sich Zeit für seine Figuren und deren Gefühle, ohne sich dabei einer banalisierenden Verbalisierung zu unterwerfen – mehr als einmal ersetzt gekonnte Gestik das erklärende Gespräch. Stereotypen werden dabei stilsicher umschifft. Trotz seiner Überlegenheit am Steuer und seines durchaus brutalen Durchgreifens zur Erlangung eigener Ziele hat dieser Fahrer mit klassischer Coolness in Form markiger Sprüche und dem üblichen Rollenbild des selbstbewussten Alphamännchens, wie Jason Statham es verkörperte, nichts gemein. Er ist kein herkömmlicher Held, sondern ein Mensch, der in einer verworfenen Welt sein zweifelhaftes Steckenpferd gefunden hat. Dass er weder Namen noch Vergangenheit besitzt, ist keine künstlerische Überhöhung, sondern Ausdruck seiner Unfähigkeit zur sozialen Interaktion. Ähnlich unkonventionell gezeichnet wurde sein Rivale um die Gunst der Dame, die den Fahrer ja immerhin etwas aus seiner introvertierten Lethargie gerissen hat. Doch obwohl gerade erst aus dem Gefängnis entlassen, ist der von Oscar Isaac [→ SUCKER PUNCH] porträtierte Ehemann nicht etwa, wie erwartet, ein verachtenswerter Schläger, sondern ein vielschichtiger Charakter voller Stärken und Schwächen, der dem Fahrer sogar Sympathien entgegenbringt, obwohl er um dessen Gefühle für seine Frau weiß.

Natürlich steht und fällt so eine Nummer mit ihrer Besetzung. Und vor allem bei der Hauptrolle hat man dabei alles richtig gemacht: Ryan Goslings [→ MORD NACH PLAN] zurückgenommenes und dennoch (oder gerade deswegen) sagenhaft intensives Spiel ist ein Hochgenuss. Kein überflüssiges Wort kommt ihm über die Lippen. Die kleinste Regung in seinem Gesicht hingegen spricht ganze Bände. Jeder Blick, jede Bewegung, jedes kleine Zucken … Alles sitzt punktgenau. Kein Wunder also, dass Refn, zumindest laut eigener Aussage, die Mitwirkung Goslings zur Voraussetzung für die Umsetzung machte. Aber auch die kleineren Rollen sind stark besetzt. Besonders Bryan Cranston [→ GODZILLA] als gutmütiger Werkstattbesitzer und Albert Brooks, der 1976 bereits dem TAXI DRIVER zur Seite stand (ganz gewiss ebenfalls kein Zufall), als unberechenbarer, zu überraschenden Gewaltakten neigender Gangster wissen zu gefallen.

Aller Extravaganz in Sachen Stil und Charakterisierung zum Trotze gehorcht das Handeln der Figuren insgesamt dann allerdings doch eher den Regeln des Mediums denn der Realität. So fragt man sich etwa, warum die Gangster – selbst nach den ersten Opfern in den eigenen Reihen – die finale Rache des Fahrers geduldig abwarten, anstatt vernünftigerweise das Weite zu suchen. Ähnlich merkwürdig mutet es an, dass Leute, die wissen, dass sie auf der Abschussliste stehen, mutterseelenallein mitten in der Nacht sehenden Auges ins Messer laufen. Mag ihr Schicksal auch beschlossene Sache sein, allzu einfach sollte man es der Vorsehung dann nun doch nicht machen. Dass es Regisseur Refn auf Realismus ankam, darf allerdings bezweifelt werden, denn seine Arbeit funktioniert hervorragend als das, was sie sein möchte: als filigrane Fingerübung, die die Möglichkeiten intelligenter Inszenierung bis zum Exzess auslotet. DRIVE war zudem einer der ersten Beiträge der 1980er-Retro-Welle, die um 2010 rum an Fahrt gewann. Musik, Ästhetik und Look sind daher voll und ganz dieser Epoche verschrieben, weswegen Refn seinem später auch wiederholt unter Beweis gestellten Faible für Neonlicht, Synthesizer-Sound und hypnotischen Minimalismus freien Lauf ließ. Aufgemotzt mit ein paar weiteren optischen Spielereien (so wird der Kampf zweier Personen lediglich als Schattenspiel visualisiert) und einem exzellenten Einsatz sorgsam ausgewählter Songs, welche die Intensität mancher Momente ins Unermessliche steigern, ist DRIVE ein großartig durchkomponiertes Fest für Geist und Sinn. Abgefahren!

Laufzeit: 101 Min. / Freigabe: ab 18

Freitag, 13. Juni 2025

BROTHERS FROM THE WALLED CITY


SENG ZAAI CEOT LAI ZE
Hongkong 1982

Regie:
Lam Nai-Choi

Darsteller:
Chin Siu-Ho,
Phillip Ko Fei,
Johnny Wang Lung-Wei,
Liu Lai-Ling,
Wong Ching,
Kwan Hoi-San,
Pak Man-Biu,
So Hang-Suen



Shaw Brothers-Produktionen bringen die meisten wohl spontan mit aufwändigem Kung-Fu-Krawall in Verbindung, manch einer vielleicht auch noch mit Grusel-Gulasch oder Monster-Mumpitz. BROTHERS FROM THE WALLED CITY allerdings, obwohl vom Titel her eigentlich prädestiniert für eine weitere Heldenreise wackerer Kampfkunst-Recken, bespielt ein Genre, das in diesem Kontext wohl die wenigsten auf dem Zettel haben: das Großstadt-Drama. Gut, völlig neu ist die Thematik freilich nicht – immerhin begab man sich dafür ins Gangster-Milieu, in dem zuvor bereits viele Action-Auswüchse des Anbieters angesiedelt waren. Aber dieses von Regisseur Lam Nai-Choi auf den Weg gebrachte Werk verzichtet auf unrealistische körperbetonte Kinetik und setzt stattdessen auf eine stark dokumentarisch angehauchte, trockene Authentizität – nicht unähnlich der Idee des New Hollywoods, das mit seinen ambivalenten Enden, komplexen Charakteren und gesellschaftlichen Themen mit starren Konventionen brach. New Hongkong sozusagen.

Inhalt:

Xiao [Ha Wai-Hong] und Da [Lee Kim-Chung] wachsen unter prekären Bedingungen auf: In den Straßen der Walled City Kowloons verleben sie eine wilde Kindheit zwischen Chaos und Kriminalität. Ihre Welt gerät ins Wanken, als ihr Vater Chan [Kwan Hoi-San] von einem Drogensüchtigen eine Klinge in den Leib gestoßen bekommt und vor ihren Augen verstirbt. Als Heranwachsende kommen beide nicht mehr recht in die Spur. Trotz des Zuredens seines älteren Bruders, gerät vor allem Xiao [jetzt: Chin Siu-Ho] immer mehr außer Kontrolle, wagt gefährliche Mutproben und rebelliert gegen alle Regeln. Versehentlich legt er sich dabei auch mit dem Triadenmitglied Yi Ching [Wong Ching] an – ein Konflikt, der sich immer weiter zuspitzt. Als Xiaos Freundin Mei Ling [Liu Lai-Ling] schwanger wird, heizt ihr Vater, der jähzornige Officer Cheung [Johnny Wang Lung-Wei], die Situation noch weiter an. Verzweifelt versucht Da [jetzt: Phillip Ko Fei], die kommende Katastrophe abzuwenden.

Kritik:

Grob und ungeschliffen, fern der filigranen Kunstfertigkeit vieler anderer Shaw Brothers-Beiträge, gleicht BROTHERS FROM THE WALLED CITY einem düsteren Sozial-Krimi, der von entwurzelten Menschen erzählt, von ihrem Ringen darum, im Leben Fuß zu fassen, um am Ende doch nur Gefangene ihrer Welt zu bleiben, sei es durch äußere Umstände oder innere ZwängeXiao und Da, die beiden Brüder, die den Titel schmücken dürfen, fungieren als Symbolfiguren dieser Situation und werden daher vom Skript ausführlich beleuchtet. Der Prolog, in dem sie im Kindesalter ihren Vater verlieren, fällt dabei recht lang aus, bedenkt man, dass diese Ereignisse für den weiteren Verlauf eigentlich keine Rolle mehr spielen. Zugleich ist das auch der einzige Abschnitt, der tatsächlich in der Kowloon Walled City spielt, jenem von der Außenwelt abgeschotteten, von Gesetzlosigkeit beherrschten und dicht an dicht besiedelten Mikrokosmos, der noch bis in die 1990er-Jahre existierte. Eingemauert bleiben sie dennoch, die Titelhelden, auch im Erwachsenenalter, als ihnen – zumindest rein theoretisch – alle Türen offen stehen. Die These, dass Umfeld und Herkunft sowohl den Charakter prägen als auch den Lebensweg bestimmen, die Figuren also von Anfang an keine Chance haben, dem Strudel der Gewalt jemals zu entkommen, wird dabei zwar niemals explizit aufs Brot geschmiert, aber steht natürlich im Raum.

Vollends überzeugend wirkt diese Vermutung freilich nicht, gefällt sich der jüngere Bruder, Xiao, als Heranwachsender doch überwiegend als infantiler Lausbub, der seinen Mitmenschen launige, teils auch schmerzhafte Streiche spielt, ohne dass dafür ein Anlass erkennbar wäre. Da sich die Aktionen zwar nicht ganz, aber doch so ungefähr auf dem Niveau deutschen 1960er-Jahre-Pennälerklamauks befinden, konterkariert das doch einigermaßen die angestrebte Dramatik. Ausschlaggebend für die andauernde Abwärtsspirale ist dann, dass Xiao dabei versehentlich auch ein Triadenmitglied brüskiert, das diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen möchte. Kaum weniger unreif als sein Gegenüber, zettelt der Verunglimpfte daraufhin eine Retourkutsche an – der Beginn eines kleinkarierten Rache-Reigens, der sich so weit hochschaukelt, bis er alle Beteiligten in den Abgrund reißt. Das scheint ein wenig bemüht: Warum sollte sich ein aufstrebender Gangster von einem Dumme-Jungen-Streich derart aus der Fassung bringen lassen, dass bald sein gesamter Alltag davon dominiert wird? Sonst keine Sorgen? Am Ende steht die Erkenntnis, dass wohl gar nichts Schlimmes passiert wäre, hätten sich alle Anwesenden einfach mal ein bisschen zivilisierter benommen – was dem postulierten Ansatz des Umweltdeterminismus dezent widerspricht. Auch wirkt vieles konstruiert und zurechtgebogen, um das Drama überhaupt erst in Gang zu bringen und halten zu können. Dazu gehört auch der fast schon übertrieben gehässig gezeichnete Officer Cheung (Wang Lung-Wei aus DER SHAOLIN-GIGANT), dessen Missgunst und Niedertracht nicht so recht nachvollziehbar erscheinen – immerhin ist er Polizist.

Nichtsdestotrotz: Fesselnd ist sie allemal, diese Großstadt-Fabel, die unterhaltsam zwischen Anspruch und Ausschlachtung sozialer Probleme pendelt – nicht in dem Sinne, dass man sich die Fingernägel zerkaut, aber Langeweile geht eben auch anders. Wer auf Action hofft (was aufgrund des Produktionsstudios gar nicht mal so abwegig ist), schaut etwas in die Röhre: BROTHERS FROM THE WALLED CITY spielt nicht in einer dieser Welten, in der jeder Hilfsarbeiter Kung-Fu beherrscht, sondern hält stets Bodenhaftung mit der Realität. Körperliche Auseinandersetzungen sind meist ein wüstes, unelegantes Raufen und in der Regel auch schnell vorbei. Niemand entwickelt Superkräfte, mutiert zum Rambo oder avanciert zum treffsicheren Western-Helden. Betrachtet man das Personal, ist es sogar einigermaßen erstaunlich, wie seriös es hier zugeht. Zum einen steht immerhin Phillip Ko auf der Besetzungsliste, der sich später als Darsteller, Regisseur und Produzent unzähliger Schrottschinken wie ULTRACOP 2000 einen zweifelhaften Ruf erarbeitete. Zum anderen geht die Inszenierung auf das Konto Lam Nai-Chois, der danach nicht nur das schmadderige Fantasy-Horror-Abenteuer-Gebräu THE SEVENTH CURSE zusammenrührte, sondern auch eines der groteskesten Werke verantwortete, die je gedreht wurden: die absurd brutale Manga-Verfilmung STORY OF RICKY. Dort werden Rasierklingen gefuttert, um sie dem Gegner ins Gesicht zu spucken, Kontrahenten mit ihrem eigenen Darm erdrosselt und garstige Gefängnisdirektoren in einer gigantischen Fleischfräse zu Mettgut verarbeitet.

All das könnte kaum weiter entfernt sein von der spröden Authentizitätsattitüde, die hier an den Tag gelegt wird. Allerdings hat Lam die Sache doch ziemlich gut im Griff und auch Herr Ko verkörpert den „vernünftigeren“ der beiden Brüder mit nahbarer Unverfälschtheit. Eine gewisse Groschenroman-Mentalität lässt sich zwar nicht leugnen, aber im Kern bleibt BROTHERS FROM THE WALLED CITY ein wütendes, nihilistisches Moralstück, das angenehm nach Straße schmeckt.

Laufzeit: 88 Min. / Freigabe: in Deutschland nicht erschienen

Samstag, 7. Juni 2025

DER KUNG-FU-FIGHTER VON CHINATOWN


TANG REN JIE XIAO ZI
Hongkong 1977

Regie:
Chang Cheh

Darsteller:
Alexander Fu Sheng,
Sun Chien,
Phillip Kwok Chun-Fung,
Lo Meng,
Jenny Tseng,
Shirley Yu Sha-Li,
Siu Yam-Yam,
Johnny Wang Lung-Wei



„Lieber ein lebendiger Versager als ein toter Held.“
(Tang Dongs Chef kennt die Regeln in Chinatown.)

Inhalt:

Tang Dong [Alexander Fu Sheng], ein einfacher Junge vom Land, hat nur einen Wunsch: ein besseres Leben für sich und seinen Großvater. Doch ohne Papiere ist das Überleben auf den Straßen Hongkongs ein täglicher Kampf. Als er sich mit dem zwielichtigen Geschäftsmann Xu Hao [Johnny Wang Lung-Wei] anlegt und von ihm hereingelegt wird, bleibt ihm nur die Flucht in die USA. In San Franciscos Chinatown bekommt er einen Job als Küchenhilfe und findet in seinem Kollegen, dem Studenten Yang Jian Wen [Sun Chien], einen neuen Freund. Doch Dong gerät erneut mit Kriminellen in Konflikt und wird unversehens Mitglied in der Weißer-Drache-Bande Siu Bak-Lungs [Phillip Kwok], wo er aufgrund seiner Kampfkünste schnell Karriere macht. Der naive Dong wird Teil eines Systems, das er nicht durchschaut – ohne zu erkennen, welchen Preis andere für seinen Aufstieg zahlen.

Kritik:

Obwohl CHINATOWN KID zur Zeit seiner Entstehung spielen soll, also um 1977 herum, macht er meist den Eindruck, seine Geschichte fände circa 40 Jahre früher statt. Viel zu altmodisch wirken Look und Setting dieser klassischen „Aufstieg und Fall eines Gangsters“-Story, die vom renommierten Regisseur Chang Cheh [→ ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE] im Auftrag der produzierenden Shaw Brothers entstand und überwiegend in den USA angesiedelt ist. Und genau da liegt vermutlich der Hase im Pfeffer. Denn gedreht wurde überwiegend offensichtlich nicht vor Ort, sondern in hauseigenen hongkonger Studiokulissen, die einen nur wenig authentischen und zudem stark anachronistischen Eindruck hinterlassen. Zwar wurden auch tatsächlich ein paar Szenen in San Francisco gedreht, an markanten Plätzen der realen Chinatown. Dem Vernehmen nach jedoch heimlich, still und leise, ohne wirkliche Drehgenehmigung, und auch nur, um wenigstens ein paar echte Amerika-Bilder integrieren zu können. Im Endprodukt sind die Übergänge zwischen real und künstlich alles andere als fließend und insgesamt eher rührender Natur. Die daraus resultierende Wirklichkeitsferne ist mitverantwortlich dafür, dass der Zuschauer die meiste Zeit über eher auf Distanz bleibt und das Geschehen nicht als ein Stück vom echten Leben begreift, sondern lediglich als (immerhin aufwändig arrangierte) Theatervorstellung.

Doch es ist nicht nur diese Artifizialität, die eine Einbindung erschwert. Das Drehbuch von Ni Kuang [→ DER PIRAT VON SHANTUNG], James Wong Jim [→ DANCING WARRIOR] und Chang Cheh selbst will viel zu viel, macht ein Fass nach dem anderen auf und setzt den Fokus dabei zu selten auf seine Figuren und ihre Facetten. Mit Tang Dong (Fu Sheng aus DER SCHREI DES GELBEN ADLERS) und Yang Jian Wen (Sun Chien aus DER GEHEIMBUND DER TODESKRALLE) werden gleich zu Beginn zwei zentrale Protagonisten eingeführt, die aus verschiedenen Gründen in die USA auswandern, bevor sie sich dort kennenlernen. Vor allem die Geschichte Tang Dongs ist dabei enorm ausladend und unnötig umständlich erzählt, obwohl sie kaum etwas zur späteren Entwicklung oder Charakterbildung beiträgt. Der Zuschauer wird zunächst Zeuge, wie er mit seinem ebenfalls bettelarmen Großvater durch die Straßen Hongkongs zieht, um eine anständige Arbeit zu finden. Da er jedoch keine Papiere hat, stellt ihn kein Unternehmen ein. So weit, so gut. Dann haben beide die Idee, an einem Stand Obstsaft zu verkaufen. Allerdings können sie sich keine Presse leisten. Doch Dong ist kräftig und kann Kung-Fu, was ihn befähigt, Orangen mit bloßer Hand auszuquetschen. Dadurch wird er zu einer Art Touristenattraktion und das Geschäft brummt. Trotzdem müssen sie regelmäßig vor der Polizei fliehen, denn eine Lizenz besitzen sie nach wie vor nicht.

Schon das ist eigentlich viel zu ausufernd erzählt, bedenkt man, dass diese Erlebnisse später keinerlei Relevanz mehr haben. Richtig kompliziert wird es aber erst, als Triadenboss Tsui Ho (Wang Lung-Wei aus BROTHERS FROM THE WALLED CITY) die Bühne betritt, der von Dongs Saftpresskunst so beeindruckt ist, dass er ihn gleich für seine Gang anwerben möchte. Es folgt eine Handvoll redundanter Einzel-Episödchen, aus denen man locker eigenständige Werke hätte weben können. So kommt es zu einem (vermeintlich freundschaftlichen) Zweikampf zwischen Dong und Xu, den Dong gewinnt, woraufhin Xu ziemlich impulsiv reagiert und ihn abstechen will, was dessen Frau allerdings verhindert. Diese spinnt dafür eine Intrige, die Dong glauben lässt, ihre Cousine befände sich in den Händen skrupelloser Entführer. Postwendend will Dong sie befreien – nur, um festzustellen, dass die vermeintliche Verwandte gar kein Familienmitglied ist, sondern von Xu und dessen Frau zur Prosititution gezwungen wird. Dass Dong die Dame ob dieser neuen Erkenntnis nun versteckt hält, erzürnt wiederum Xu, weswegen er Dong (auf sehr lachhafte Weise) Drogen untermogelt und die Polizei auf ihn aufmerksam macht. Nun endlich hat Dong so eine Art Grund, aus der Stadt zu fliehen – wobei die Entscheidung, gleich auch das ganze Land mit zu verlassen trotz dieser ellenlangen Herleitung nicht so wirklich plausibel erscheinen möchte.

Da nebenbei auch noch Yang Jian Wens Vorgeschichte erzählt wird, dauert es eine ganze Weile, bis Chinatown endlich zum zentralen Schauplatz wird. Das gehetzte Tempo der exorbitanten Exposition bleibt dabei weitgehend bestehen, sodass oft lediglich Anhaltspunkte gegeben werden, warum manche Dinge sich so entwickeln, wie sie es halt tun. Als einsame Ausnahme erweist sich die Beschreibung der beinahe bedingungslosen und nahezu aus dem Stegreif erfolgenden Freundschaft zwischen Tang Dong und Yang Jian Wen, die einfühlsam und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl auf die Leinwand gebracht wurde: Beide Männer bewerben sich gleichzeitig beim Restaurantbesitzer Chen (Yang Chi-Ching aus DER MANN MIT DER TIGERPRANKE), der allerdings nur einen Helfer in Lohn und Brot nehmen möchte. Bereitwillig verzichtet Dong auf einen Teil seines Gehalts, um Jian Wen ebenfalls seine Anstellung (und damit sein Studium) zu ermöglichen. Schlafen tun sie dann beide unter einem Dach – im Wortsinne, denn ihr knauseriger Chef lässt sie in einer winzigen Kammer direkt unter dem Giebel hausen, in der kaum genug Platz für eine einzige Person wäre. Nach Feierabend hocken sie dort regelmäßig zusammen und erzählen von ihren Leben, Hoffnungen und Träumen. Sie schuften für einen Hungerlohn, werden ausgiebig ausgenutzt, fristen ihr Dasein in einem kargen Verschlag – und scheinen doch glücklich, denn zuvor hatten sie noch weniger. Schon gar keine Perspektive. In einem charmanten Running Gag stoßen sie sich während ihrer Gespräche immer wieder den Kopf an der niedrigen Decke. Ein schönes Gleichnis: Die jungen Männer wollen hoch hinaus – und werden in ihrer Begeisterung immer wieder von ihrer beengten Lebensrealität gestoppt, die sie daran erinnert, dass es noch längst nicht so weit ist. Das Schlagen mit den Fäusten an die einzwängende Zimmerdecke wird zum symbolischen, später immer wieder aufgegriffenen Akt, zum Ausdruck des Wunsches nach Aufbruch und Entkommen aus bestehenden Verhältnissen.

Zumindest für Tang Dong ändern sich die Umstände dann bald auch schlagartig, wenn auch nicht unbedingt plausibel und reichlich konstruiert: Als er zu verhindern versucht, dass sein Chef Schutzgeld an die Triaden zahlen muss und zu diesem Zwecke ein paar anständige Nasenstüber in die doch recht überrascht dreinblickenden Eintreibervisagen verteilt, gerät er irgendwie zwischen Fronten zweier um die Vorherrschaft rivalisierender Verbrecherbanden. Als der feige Chen ihn auf die Straße setzt, um bei den Erpressern wieder lieb Kind zu machen, beginnt ein wilder Anwerbungsmarathon, denn jede der Banden möchte den Superkämpfer auf ihrer Gehaltsliste wissen. Am Ende dient Dong dem Anführer der „Weißen Drachen“ (Phillip Kwok aus DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS) und das Drehbuch will dem Publikum Glauben machen, das arglose Chinatown Kid habe nicht die geringste Ahnung, dass sein Boss in halbseidene Geschäfte verwickelt ist. Trotzdem läuft Dong aus heiterem Himmel rum wie ein Zuhälter, flext wie Oskar durch sein Viertel und wundert sich, dass die Leute ihm gegenüber auf Distanz gehen. Als Zuschauer stellt man an dieser Stelle erneut fest, wie wenig greifbar die Figur Tang Dong doch eigentlich ist. Schon in der Anfangsszene verzehrt er sich nach einer sündhaft teuren Armbanduhr, die direkt vor ihm, doch in unerreichbarer Ferne im Schaufenster liegt. Später prügelt er sich mit Boss Tsui, weil dieser ihm im Falle des Sieges sein digitales Zeiteisen als Trophäe versprochen hat, das Dong auf Anhieb fasziniert hat. Logo, dass er nun, inzwischen selbst dem Reichtum anheim gefallen, ein eben solches Statussymbol mit sich spazieren trägt – nebst dekadentem Glimmstängel im Gesicht und lächerlichem Ludenkittel am Leib.

Woher seine Vorliebe für derlei oberflächliche Verlockungen rührt, wird nicht wirklich erklärt – ebensowenig wie die Arglosigkeit, mit welcher er durchs Leben stolpert und die ihn so korrumpierbar macht. Dong ist tatsächlich nie wirklich ein Gangster – anfangs ohnehin nicht, aber selbst dann nicht, als er zu den Herrschern der Stadt zählt. Die Konsequenzen seines neuen „Berufs“ erkennt er erst, als er seinen alten Freund und Kollegen Jian Wen wiedertrifft, der immer noch unter dem Dach des Restaurants wohnt und sich aufgrund der Doppelbelastung von Arbeit und Studium mittlerweile der Drogensucht ergeben hat. Das geht zu Herzen, in erster Linie deswegen, weil die gemeinsamen Szenen beider Charaktere zu den Höhepunkten CHINATOWN KIDs gehören, der ansonsten viele dramaturgische Schwächen hat. Die viel zu lange Herleitung gehört dazu, aber auch, dass Tang Dong erst im letzten Drittel zur Titelfigur wird und seine Unterweltkarriere daher gar nicht so richtig nachvollzogen werden kann. Von heute auf morgen ist er einfach der große Zampano. Jian Wen wird dafür, obwohl erst gleichberechtigt eingeführt, überwiegend vergessen, weil sich alles nur noch auf Tang Dong konzentriert. Da dieser aber nie wirklich lang an einer Station verweilt und es von Nebenfiguren, die alle irgendwie auch noch mitmischen, nur so wimmelt, kommt nie wirkliche Spannung auf. Besonders schwer erwischt es die Frauenrollen, die wirklich nur Alibifunktionen erfüllen. So bandelt Dong etwa mit der kessen Yvonne (Jenny Tseng aus DIE TÖDLICHE KOBRA) an, die sich später regelrecht in Luft auflöst. Dann hätte man das ja auch gleich lassen können.

CHINATOWN KID (dessen Titel für deutsche Plakate viel zu kurz war, weswegen er zu DER KUNG-FU-FIGHTER VON CHINATOWN aufgebrezelt wurde) ist zwar als Actionfilm deklariert, sieht sich selbst aber eher selten in dieser Funktion. Ja, es gibt ein paar Handgemenge hier und da und hin und wieder gerben sich ein paar Leute das Fell. Aber das artet niemals aus und ordnet sich brav der Handlung unter, die hauptsächlich vom Dialog vorangetrieben wird. „Gangster-Drama“ wäre daher die passendere Bezeichnung. Wird es doch mal rabiat, rückt man sich bevorzugt mit Faust, Flinte und Klinge zuleibe und hinterlässt dabei Blut, Schutt und Scherben. Wer hauptsächlich auf Kampf und Knochenbrecherei aus ist, wird hier jedoch kaum glücklich werden. Wer eine gut durchdachte Ereigniskette erwartet, allerdings ebenfalls nicht. Dazu ist das Drehbuch oft zu plump, zerfasert und undurchdacht. Punkten kann die Veranstaltung freilich durch ihre dichte Atmosphäre und ihren herrlichen 1970er-Jahre-Schwof, inklusive gigantischer Brillengestelle und Schnauzbärten des Todes. Am Ende ist CHINATOWN KID ein wenig wie sein Protagonist: etwas schrullig, etwas naiv – und trotz aller Defizite liebenswert. 

Laufzeit: 115 Min. / Freigabe: ungeprüft

Samstag, 14. Oktober 2023

BLOODY TIE


SASAENG GYEOLDAN
Südkorea 2006

Regie:
Choi Ho

Darsteller:
Ryu Seung-beom,
Hwang Jeong-min,
Chu Ja-Hyeon,
Ja-Hyeon Chu,
Kim Hee-ra,
Lee Do-gyung,
On Ju-wan,
Choe Jin-ho



Inhalt:

Busan: Kurz vor der Jahrtausendwende hat der Drogenhandel die Stadt im Würgegriff. Einer der Nutznießer ist der junge Dealer Lee Sang-do [Ryu Seung-beom], der seine Haushaltskasse mit dem Handel von Crystal Meth aufbessert. Doch die sorglosen Tage sind vorbei, als ihn der ruppige Polizist Doh Jing-Wang [Hwang Jeong-min] aufsucht und zur Zusammenarbeit erpresst: Sang-do soll als Spitzel agieren, um an eine noch größere Nummer heranzukommen. Doch die geplante Verhaftung geht gehörig in die Binsen, woraufhin Jing-Wang seinen Job los ist und Sang-do seine Freiheit. Acht Monate später kommt der Kriminelle aus dem Knast. Gleichzeitig wird der geschasste Bulle wieder in den Dienst gestellt. Während Jing-Wang die Karriereleiter erneut erklimmen muss, sieht sich Sang-do völlig neuen Verhältnissen gegenüber: Aus dem Ausland sind neue Drogen ins Land gekommen und haben den Markt komplett verändert. Der neue große Boss heißt Jang-chul [Lee Do-gyung]. Dessen Verhaftung wäre für Jing-Wang die Rückkehr zu alten Ehren und für Sang-do die Möglichkeit, wieder zum Kiez-König aufzusteigen. Notgedrungen schmieden die Kontrahenten daher ein neues schicksalhaftes Bündnis.

Kritik:

BLOODY TIE beginnt im Stil einer flotten Komödie, wenn der junge Dealer Lee Sang-do dem Publikum per gut gelauntem Off-Kommentar erklärt, wie er in hemdsärmeliger Routine seine Geschäfte abwickelt und was für eine tolle Win-Win-Situation das doch ist: Seine Kunden erwerben (vermeintliches) Glück in kleinen Dosen, er selbst hört im Austausch dafür tagtäglich die Scheine rascheln. Trotz der ernsten Thematik (dass Südkorea kurz vor der Jahrtausendwende in einer Krise steckte und speziell in Busan das Verbrechen scheinbar unkontrollierbar wütete, das vermitteln bereits zum Einstieg diverse Schlagzeilen und Ausschnitte aus Nachrichtensendungen) wird dabei eine durchaus heitere Grundstimmung suggeriert. Sang-do feiert ausgelassen in Bars und Clubs; sein forsches Auftreten wirkt jugendlich-überschwänglich, seine Gestiken und Mimiken erinnern bisweilen an argloses Kleinkind-Verhalten. Dazu bringen ein funky Soundtrack und schnelle Schnitte gehörig Schwung in die Sache und sorgen für Stimmung und gute Laune.

Dass diese ausgelassene Attitüde nicht bis zum Ende Bestand haben wird, davon zeugt bereits die erste Begegnung zwischen Sang-do und seinem unfreiwilligen Polizisten-Partner Jing-Wang, die unmissverständlich aufzeigt, dass sie keine Kumpels werden. Das hier ist kein Buddy Movie, in dem sich zwei grundverschiedene Parteien zusammenraufen und schließlich Freundschaft schwören. Hier können sich beide Männer tatsächlich auf den Tod nicht ausstehen, und die zerbrechliche Zweckgemeinschaft bleibt auch eine bis zum bitteren Ende. Auf dem Weg dorthin wird es mit jedem Schritt düsterer und brutaler, was dem Werk in seinem Heimatland sogar einige Schlagzeilen bescherte: Obwohl nicht ausdrücklich verboten, galt die explizite Darstellung von Drogensucht in Südkorea lange Zeit als eine Art rotes Tuch, weswegen das kommerzielle Kino in der Regel einen verschämten Bogen um das Thema machte. BLOODY TIE hingegen leistete sich diesen Tabubruch, wenn auch nicht um des reinen Brechens willen: Die Zurschaustellung der verhängnisvollen Folgen des Konsums von Rauschgift ist notwendiger Bestandteil der Handlung und offeriert zudem einige Schauwerte in Sachen Schauspiel und Inszenierung.

Chu Ja-Hyeon verkörpert exzellent die süchtige Lee Ji-young, die aufgrund traumatischer Erlebnisse in die Abhängigkeit getrieben wurde. Wenn in einer rückblickenden Montage gezeigt wird, wie sie langsam, aber unaufhaltsam in die Sucht abgleitet, dann ist das darstellerisch wie inszenatorisch ein nachhaltig eindrücklicher Moment. Gleichzeitig wird Ji-young auch zum Zünglein an der Waage. Denn Sang-do, dessen Weg sich mit dem ihren zufällig kreuzt, erkennt seine Mitschuld an ihrem Zustand, weswegen er die im Grunde nur noch als Wrack existierende Frau in eine Entzugsklinik einliefert – die ironischerweise von seinem eigenen Onkel geleitet wird. Dieser Moment bedeutet im Übrigen jedoch nicht, dass aus dem Dealer jetzt plötzlich ein besserer Mensch wird. So versucht er nach Ji-youngs ersten Erfolgen in Sachen Entzug schamlos, sie zum nächsten Drogen-Cocktail zu überreden. Seine Motivation wird dabei nicht ganz klar, aber spätestens ab diesem Moment steht fest, dass Sang-do nicht zur Sympathiefigur taugt.

Das gilt allerdings auch für Jing-Wang, der als Polizist ja immerhin (zumindest formal) auf der Seite des Gesetzes steht. Aber auch er ist für das Publikum keine Bezugsperson, wenn er sich, offenbar psychisch labil, stets am Rande des Nervenzusammenbruchs zu bewegen scheint und sich sein Gebaren gar nicht großartig von dem eines Verbrechers unterscheidet. Nun sind ambivalente Figuren, erst recht im Genre des Gangster- und Polizeifilms, prinzipiell immer gern gesehen, zumal man sich damit natürlich deutlich dichter an der Realität befindet als mit den Klischees vom strahlenden Helden und fiesen Schurken. Aber wenn Verhaltensweisen und Handlungen kaum nachvollziehbar sind und die Protagonisten moralisch mal in die eine, mal in die andere Richtung pendeln, dann führt das auf Dauer doch eher zu Unzufriedenheit.

Dabei blitzen vereinzelt durchaus mal Anflüge von Charakterisierung und Motivation auf, am ehesten bei Dealer Sang-do, dessen Leben offenbar bereits von Kindesbeinen an von Gewalt und Kriminalität bestimmt war. Vertieft wird das dann allerdings nicht. Jing-Wang hingegen handelt nach der Prämisse, dass Kriminalität mit legalen Mitteln nicht besiegt werden kann, weswegen er zwangsläufig selbst zum Kriminellen wird. Diese Figur ist im Genre natürlich alles andere als neu und im Falle BLOODY TIEs gelang es den Autoren auch nicht, ihr neue Facetten abzuringen. Darum muss als zusätzlicher Antrieb dann doch noch die gute alte Rache herhalten: Zielperson Jang-chul ist nämlich nicht nur Drogenbaron, nein, er hat auch noch einen Kumpel und Kollegen Jing-Wangs auf dem Gewissen.

Lebendig werden diese Abziehbilder in erster Linie vom energischen Spiel ihrer Darsteller. Speziell Ryu Seung-beom [→ ARAHAN] agiert sich als mit heftigen Gefühlsschwankungen versehenem Drogendealer die Seele aus dem Leib: Mal enthusiastisch wie ein kleines Kind, kullern im nächsten Augenblick dann ausgiebig die Tränen. In Hwang Jeong-min [→ SHIRI] als rastlosem Polizisten scheint indes ein brodelnder Zorn zu wohnen, der jede Sekunde sich Bahn brechen und zur Explosion führen könnte. Bezogen auf reale Verhältnisse scheint das zwar ein wenig übertrieben (einen Beamten, der solch ein überkandideltes und unberechenbares Verhalten an den Tag legt, hätte man schon längst in Frührente geschickt), aber darstellerisch gibt es da ebenfalls nichts zu mosern.

Hauptgrund, dass BLOODY TIE am Ende als Sieger ins Ziel kommt, ist allerdings die temporeiche Inszenierung, die trotz nicht gerade schmaler Laufzeit ständig aufs Gas steigt, obwohl man sich stilistisch nicht so ganz einigen konnte. Denn obwohl das Ganze zeitlich Ende der 1990er verortet ist, klingt der Soundtrack stark nach 1970er Jahre, wobei manche Szenen auch einen entsprechenden, an Beiträge wie FRENCH CONNECTION gemahnenden, Siff-Look mitbringen, während schnelle Schnitte, Split-Screens und viel Kamerabewegung dann doch wieder deutlich moderner wirken. Schaden tut das freilich nicht, denn es funktioniert durchgehend bis zum Schluss, der erstaunlich nihilistisch daherkommt und nun gar nichts mehr von der scheinbaren Unbekümmertheit der ersten Minuten innehat. BLOODY TIE mag das Genre damit weder neu erfinden noch ihm irgendwelche Innovationen hinzufügen, ist unterm Strich jedoch ein professionell gefertigter Zeitvertreib, dem man sich ohne Reue aussetzen kann.

Laufzeit: 112 Min. / Freigabe: ab 16

Donnerstag, 31. August 2023

J & M - DYNAMIT IN DER SCHNAUZE


ARRIVANO JOE E MARGHERITO
Italien, Frankreich, Spanien, BRD 1974

Regie:
Giuseppe Colizzi

Darsteller:
Keith Carradine,
Tom Skerritt,
Cyril Cusack,
Sybil Danning,
Gianfranco Bullo,
Raymond Bussières,
José Calvo,
Tito García



Inhalt:

Joe [Keith Carradine] verdingt sich als Leibwächter für die Mafia-Größe Pacco [Emilio Messina]. Als sein Boss auf die Abschussliste gerät, versuchen sie verzweifelt, den Auftragsmördern zu entkommen. Es gelingt Joe, ein Segelboot zu kapern und den Verfolgern fürs Erste ein Schnippchen zu schlagen. Unfreiwillig mit an Bord befinden sich allerdings noch der kauzige Mr Parkintosh [Cyril Cusack] sowie dessen Tochter Betty [Sybil Danning]. Um jemanden mit Seefahrtkenntnissen dabei zu haben, wird auf offenem Meer zusätzlich noch der kodderschnäuzige Fischer Margherito [Tom Skerritt] aufgelesen. Zwar können sich Joe und Margherito zunächst nicht besonders gut riechen, aber schon bald müssen sich beide zwangsweise zusammenraufen. Denn die Mafia hat noch nicht aufgegeben und bringt alle Beteiligten in akute Lebensgefahr.

Kritik:

Der italienische Regisseur Guiseppe Colizzi hat die Geschichte des Kinos entscheidend mitgeprägt: Unter seiner Ägide entstand der erste gemeinsame Leinwand-Auftritt des legendären Zweier-Gespanns Bud Spencer und Terence Hill. Zwar war sein knochentrockener Rache-Western GOTT VERGIBT – DJANGO NIE! (1967) noch weit entfernt von der unbekümmerten Heiterkeit, für die das Duo später bekannt wurde, aber der Grundstein war gelegt. Nachdem Spencer/Hill als pikareskes Prügel-Pärchen populär geworden waren, lieferte er mit ZWEI HIMMELHUNDE AUF DEM WEG ZUR HÖLLE (1972) auch gleich noch eine der besten Arbeiten der beiden Haudegen ab (ironischerweise gleichzeitig auch die erste, die nicht im Western-Setting verortet war). Colizzis Qualifikation steht also außer Frage und sein Schaffen war unbestritten von immenser Bedeutung für die weitere Entwicklung nicht nur der italienischen Film-Industrie. Wenn man die fantasielose Gauner-Groteske J & M – DYNAMIT IN DER SCHNAUZE betrachtet, käme man allerdings niemals auf den Gedanken, es mit einer weiteren Kreation dieser Koryphäe zu tun zu haben.

Oft und gern wird J & M mit den Werken Bud Spencers und Terence Hills verglichen und auch der deutsche Video-Titel ZWEI TOLLE HECHTE AUF DEM WEG ZUM HIMMEL versucht Assoziationen zum wohl größten Erfolg Colizzis zu wecken. Tatsächlich aber dürfte die einfallslose Posse dem Vorbild nicht einmal die Schuhe putzen, fehlt es ihr doch an allen Ecken und Enden an Vision und Innovation. Mehr als nur simpel erdacht ist die Handlung, die zu keinem Zeitpunkt so etwas wie Spannung oder wenigstens Interesse aufbauen kann, geht sie doch kaum über die Installation der Ausgangssituation hinaus: Eine Handvoll Leute versteckt sich vor Mafia-Killern auf einer Segel-Yacht. Das war es eigentlich auch schon. Darauf fußend finden zwar ein paar belanglose Episödchen statt, ein übergeordneter Spannungsbogen fehlt dabei aber ebenso wie eine greifbare Charakterzeichnung. Joe und Margherito, die als Sympathieträger fungieren sollen, bleiben nahezu ohne Profil und sind sich zudem auch viel zu ähnlich. Wenn Bud Spencer und Terence Hill auf der Leinwand miteinander in Streit geraten und sich schließlich unausgesprochen wieder vertragen, dann liegt das daran, dass sie eigentlich zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten verkörpern, die sich am Ende aber eben doch so gut ergänzen, dass sie nicht mehr ohneeinander können. J & M hingegen kabbeln sich quasi grundlos, hauen einander Beleidigungen um die Ohren und fangen ohne erkennbare Motivation an, sich zu verwemsen.

Dass beide zudem einen nur wenig liebenswerten Eindruck machen, ist auch nicht gerade sonderlich hilfreich. Dass Joe zu Beginn einfach mal eine Yacht kapert, ließe sich noch mit seiner Notsituation erklären. Dass er jedoch vollkommen ohne jede Not den Schiffseigner fesselt, knebelt und gefangenhält, ist hingegen schon wieder ein ganz anderes Kaliber. Und wenn später tatsächlich noch ein weiteres Boot geräubert wird, stößt man dessen verständlicherweise lautstark protestierenden Besitzer einfach mal so mir nichts, dir nichts ins Wasser. Sympathie sieht anders aus! Gut, beide sollen Gauner sein und Joe verdingt sich immerhin sogar für die Mafia, aber wenn die Helden eines Stückes so gar keinen moralischen Kompass mit auf den Weg bekommen haben, dann fällt es doch arg schwer, sich auf ihre Seite zu schlagen. Nun ist J & M kein NATURAL BORN KILLERS und im Großen und Ganzen natürlich eher harmlos. Dennoch gibt es unterwegs auch den einen oder anderen Toten zu beklagen, die jedoch fast alle auf das Konto der skrupellosen Verfolger gehen (lediglich gen Ende wird einem vermeintlich Unschuldigen von den „Helden“ per Bombe das Lebenslicht ausgepustet). Der also durchaus vorhandene harte Unterton ist ungewöhnlich für eine Komödie und erinnert sogar ein wenig an den brutalen Mafia-Massaker-Auftakt des Travestie-Klassikers MANCHE MÖGEN’S HEISS – wobei das nicht die einzige Assoziation bleibt, denn im Laufe der Handlung werfen sich J & M tatsächlich in Frauenkleider. Wer allein über diesen Umstand bereits lachen kann, der sitzt hier humorspezifisch schon richtig.

Aufmerksamkeit erregt J & M allerdings weniger durch seine behäbigen Scherze und schleppende Erzählweise, als vielmehr durch seine ungewöhnliche Besetzung der Hauptrollen. Keith Carradine und Tom Skerritt sind nun so ziemlich die letzten, die man in einer 70er-Jahre-Italo-Klamotte erwartet hätte. Während Carradine später vor allem ein beliebtes Serien-Gesicht wurde, erlangte Skerritt Berühmtheit durch Kultfilme wie ALIEN oder TOP GUN. Vor allem Letzterer ist hier allerdings kaum zu erkennen, zumal er seine Gesichtszüge auch noch durch eine wildwüchsige Bartpracht verschleiert. Ein weiterer bekannter Name auf der Besetzungsliste ist der von Sybil Danning [→ DER TAG DER KOBRA], die allerdings die typische dumme Nudel spielt, die ohne ihre übergroße Brille quasi blind ist – was natürlich für weitere tiefergelegte Witzeleien genutzt wird. Verantwortlich für die deutsche Sprachfassung war dabei übrigens Rainer Brandt, der auch aus dem Munde Tom Skerritts zu hören ist. Zwar bewies Brandt zuvor schon oft Gespür für passende Pointen, aber in diesem Falle wirkt das verbale Dauerfeuer meist eher bemüht als locker vom Hocker.

Das Einzige, was wirklich für gute Laune sorgt, ist das beschwingte Titellied von Guido und Maurizio De Angelis, das, wäre es für einen besseren Film entstanden, im Laufe der Zeit wohl ähnlichen Klassikerstatus erlangt hätte wie ihre Arbeiten für Spencer/Hill. Wer infantiler Blödelei prinzipiell offen gegenübersteht und seine Ansprüche in den Keller schrauben kann, der darf J & M – DYNAMIT IN DER SCHNAUZE dennoch auf seine Abarbeitungsliste setzen. Immerhin erlebt man hier eine Hauptrollen-Konstellation, die man nicht alle Tage sieht. Und um der Ehrlichkeit Genüge zu tun: Die Sprunghaftigkeit und Erklärungsarmut der Ereignisse könnte auch darin begründet liegen, dass die bundesdeutsche Schnittfassung mit gerade einmal 75 Minuten Laufzeit wirklich extrem kurz geraten ist. Dass man sich viele Verhältnisse selbst zusammenreimen muss, wäre somit also hauptsächlich Folge großflächiger Auslassungen und einer Vertonung, der eher an spaßigem Spruchgut als an Informationsübermittlung gelegen war. Das Original läuft etwas über 100 Minuten (wobei sich in der deutschen Version wiederum Szenen befinden, die dort fehlen). In Ungarn und der Türkei kommt die Nummer sogar auf satte 115 Minuten. Insgesamt scheint sich so ziemlich jedes Land seine eigene Version von dem Ding gebastelt zu haben. Die deutsche Variante ist mit Abstand die kürzeste. Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber könnte man diskutieren.

Laufzeit: 75 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 7. Juli 2023

TONGS - TERROR IN CHINATOWN


TONG HAN GOO SI
Hongkong, USA 1986

Regie:
Philip Chan

Darsteller:
Simon Yam Tat-Wah,
Tam Tak-Ban,
Christopher O'Connor,
Lau Dan,
Quitan Han,
Daisey Yung Nga-Wan,
Maria Yuen Chi-Wai,
Anthony Glora



Inhalt:

Mickey und Paul Lee [Simon Yam und Tam Tak-Ban], zwei jugendliche Hongkong-Chinesen, immigrieren in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo sie sich eine bessere Zukunft erhoffen. Es dauert nicht lang, da werden sie von Chinatowns Triaden angeworben. Während Paul auf Anhieb Interesse am kriminellen Leben bekundet, versucht Mickey, ehrbar zu bleiben und dem Verbrechen aus dem Wege zu gehen. Doch die zweifelhaften Machenschaften seines Bruders treiben ihn immer wieder zwischen die Fronten.

Kritik:

Wenn man Philip Chan überhaupt kennt, dann wohl in erster Linie als Darsteller. Dabei agierte er auch vor der Kamera nicht übertrieben häufig, aber seine Rollen waren in der Regel ziemlich prägnant. Den unwirschen Vorgesetzten im Action-Orkan HARD BOILED (1992) vergisst man jedenfalls nicht mehr so schnell. Dass Chan auch häufiger mal auf dem Regiestuhl Platz nahm, um im Hintergrund die Strippen zu ziehen, ist hingegen wohl deutlich weniger bekannt. Nach dem inhaltlich reichlich abstrusen Asien-Giallo NIGHT CALLER (1985) inszenierte er mit TONGS einen für das damalige Hongkong-Kino deutlich charakteristischeren Beitrag, der die Tugenden des hauseigenen Heroic Bloodshed-Genres mit denen des amerikanischen Bandendramas kombiniert und dabei eine auffallend souveräne Figur macht. Inhaltliche Innovationen hatte man sich dabei allerdings größtenteils verkniffen, sodass einem mancher Moment und Fortlauf doch arg bekannt vorkommt und das Geschehen generell recht überraschungsfrei bleibt. Ausreichend einnehmend geriet sie dennoch, die altbekannte Story vom Aufstieg und Fall im Gangster-Milieu – wobei der Reiz in diesem Falle vor allem darin liegt, dass der Protagonist eigentlich intendiert, allem Ungemach aus dem Wege zu gehen und die Verbrecher-Laufbahn am Ende mehr oder minder unfreiwillig einschlägt.

Genau an dieser Stelle spielt TONGS seine Karten aus und zeichnet (ohne erhobenen Zeigefinger) eine von Stereotypen geprägte Gesellschaft, die junge, frisch in die USA immigrierte Chinesen regelrecht in vorgefertigte Pfade zwängt. Dass Mickey, der von Simon Yam großartig verkörperte Held der Geschichte, trotz aller gegenteiliger Bestrebungen schließlich dennoch zum Triaden-Mitglied wird, ist somit im Grunde lediglich Resultat einer Selbsterfüllenden Prophezeiung. Gut, einer intensiveren Belastungsprobe hielte diese Behauptung nicht stand, ist der finale Auslöser letzten Endes der von der Autorenschaft fachgerecht installierte Konflikt mit des Protagonisten Bruder Paul, welcher wiederum von Beginn an keine Berührungsängste vor halbseidenen Geschäften an den Tag legte und somit für seinen Blutsverwandten als ungewollte Unterwelts-Eintrittskarte fungiert. Die unerschütterliche Verbundenheit der jungen Männer, die selbst dann noch anhält, als sie sich für grundlegend verschiedene Wege entscheiden, wird dabei nicht nur durch simple Familien-Bande erklärt, sondern vor allem durch ein gemeinsam erlebtes Kindheits-Trauma: In einem überraschend aufwändig und spannend gestalteten Prolog flieht deren Familie im Jahre 1968, während der sogenannten Kulturrevolution, vor den mordenden Roten Garden Mao Zedongs und rettet dabei nicht nur durch Glück und Geschick, sondern vor allem auch dank der Disziplin und Geistesgegenwart des sich noch im Knabenalter befindlichen Mickey ihre heile Haut. Das macht nicht nur das spätere innere Band der beiden Brüder plausibel, sondern erklärt auch, warum eine von der Menschheit erschütterte Seele sich ohne Not für das Beschreiten dunkler Pfade entscheidet.

Aufwühlend hingegen geriet es kaum. Zwar versteht man als Zuschauer die Zusammenhänge, Aktionen und Reaktionen ergeben Sinn und die Ereignisse bauen folgerichtig aufeinander auf, aber eine emotionale Einbindung bleibt aus und immer mal wieder ertappt man sich zwischendurch als teilnahmslosen Zaungast. Das beengte 90-Minuten-Korsett steht TONGS nicht wirklich, die Geschichte, die durchaus epische Züge trägt, hätte deutlich mehr Breite und Raum zur freien Entfaltung verdient. Da findet Mickey eine Freundin, die sympathische Mitarbeiterin einer Reinigung, und verlebt mit ihr ein paar schöne Stunden auf den Straßen New Yorks. Später streiten und trennen sie sich, da Unterwelt-Karriere und arglose Beziehung bekanntlich nur schwerlich unter einen Hut zu bringen sind. Nur lässt einen der auf offener Straße und mit viel Tränen und Trara stattfindende Bruch völlig kalt, da sich beide gefühlt erst vor 5 Minuten kennengelernt haben und die junge Dame seitdem auch nie wieder durchs Bild laufen durfte. Die im Anschluss stattfindende Gangster-Karriere geht dann ebenfalls im Eiltempo und auch reichlich reibungslos über die Bühne. Aus dramaturgischer Sicht eigentlich viel zu spät werden mit den Polizisten Martinelli und Silverman aus heiterem Himmel dann noch zwei zusätzliche Charaktere eingeführt, wobei einer von denen dann auch noch ein falsches Spiel treibt. Zusammen mit den einzelnen Banden-Mitgliedern sowie eigentlich sinnlosen Nebenrollen wie den sich zu profilieren versuchenden Sensations-Reporter Harper, bevölkern dann am Ende viel zu viele Figuren diesen Kosmos, als dass man eine Verbindung zu ihnen aufbauen könnte.

All das hat gleichzeitig aber natürlich auch den Vorteil, dass hier wirklich ständig etwas los ist und Durststrecken nahezu vollkommen ausbleiben. TONGS zieht sein Programm straff durch und ist dabei handwerklich von Anfang bis Ende kompetent gestaltet. Die Schauplätze wirken authentisch eingefangen und viele Szenen wirklich wie improvisiert und „direkt von der Straße“. Getragen wird die Chose hauptsächlich vom damals bereits 30-jährigen Simon Yam [→ AMERICAN YAKUZA II], der zu Beginn locker noch als idealistischer Jugendlicher durchgeht, aber auch in seinem späteren Stadium als gereifter „Boss“ überzeugen kann. Der Rest der Belegschaft liefert allerdings ebenfalls gut ab, obwohl man es mit überwiegend unbekannteren Namen zu tun hat. Ebenso erstaunlich wie erfreulich ist es dabei, dass hier sogar die amerikanischen Cop-Darsteller schauspielerisch etwas auf dem Kasten haben. Tatsächlich waren westliche Darsteller in Hongkong-Filmen, die in den USA spielen, immer ein kleines Problem, gaben sich die Produzenten doch offenbar überwiegend mit dem Erstbesten zufrieden. Dass das hier eben nicht der Fall ist, darf durchaus als Beweis dafür gelten, dass einem das Projekt ausreichend am Herzen lag.

Dass TONGS fast überall als Actionfilm vermarktet wurde, ist wenig verwunderlich, denn sowas verkauft sich immer gut. Tatsächlich aber inszenierte Philip Chan hier in erster Linie ein Milieu- und Charakter-Drama, das im ersten Punkt deutlich überzeugender geriet als im zweiten. Etwas Action gibt es allerdings trotzdem, überwiegend bestehend aus dem obligatorischen Bandenkriegs-Gehabe wie Keilerei, Messer- und Machetenmissbrauch sowie die berühmten tödlichen Schüsse aus dem fahrenden Wagen heraus. Aber das beherrscht nie das Geschehen und ist in der Regel auch hurtig wieder vorbei. Elemente wie die unerschütterliche Bruderliebe, die bestehen bleibt, obwohl beide Parteien auf verschiedenen Seiten stehen, was man sich schluchzend und tränenreich bekundet, erinnern natürlich stark an das Kino eines John Woo, der diesbezüglich mit A BETTER TOMORROW einen Meilenstein fabrizierte. Da dieser aber im selben Jahr entstand, dürften die Überschneidungen eher dem Zufall geschuldet sein.

TONGS – A CHINATOWN STORY (wie er im Original eigentlich komplett heißt) reißt somit am Ende keine Bäume aus, ist aber dennoch ein gediegenes Unterhaltungsprogramm, das Genre-Freunden zwar nichts Neues präsentiert, aber altbewährte Zutaten neu aufkocht, geschmackvoll zubereitet und versiert serviert. Die deutsche Synchronfassung behielt dabei ebenso erfreulicher- wie ungewöhnlicherweise die Bilingualität der Dialoge bei, was den zu Grunde liegenden Authentizitäts-Charakter weiterhin spürbar macht. Die klobig und ungelenk ins Bild geklatschten deutschen Untertitel bei den chinesischsprachigen Dialogen hätte vor Abgabe allerdings gern noch mal jemand Korrektur lesen dürfen.

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 11. Oktober 2021

AMERICAN YAKUZA II


KUANG GING SHA SHOU
Hongkong 1995

Regie:
Anthony Lau

Darsteller:
Anthony Lau,
Simon Yam,
Conan Lee,
Sharla Cheung,
Elaine Eca Da Silva,
Wong Kam-Kong,
Joan Tong,
Ng Min-Kan



Inhalt:

Lone [Anthony Lau], ein Festland-Chinese, reist auf einem Fischkutter illegal in die USA ein. Er ist auf der Suche nach seiner Ehefrau Miu [Sharla Cheung], die nach ihrer Reise ins gelobte Land spurlos verschwand. Nach Ankunft sucht er als erstes seinen Bruder Luke [Simon Yam] auf, der in Los Angeles zu einem einflussreichen Gangsterboss aufgestiegen ist. Dieser verspricht, ihn bei der Suche nach Miu zu unterstützen. Als die Männer beim gemeinsamen Zwiegespräch von Mitgliedern einer feindlichen Gang überfallen werden, erweist sich Lone als zuverlässiger Kämpfer und wird quasi postwendend zu Lukes Rechter Hand. Was er nicht ahnt: Sein Bruder treibt ein falsches Spiel. Der gutgläubige Lone wird nach und nach zum Spielball einer blutigen Intrige.

Kritik:

AMERICAN YAKUZA II entstand zu einer Zeit, als sich das bewährte blutverspritzende Hongkonger Action-Kino bereits im Niedergang befand. Über 10 Jahre war es bereits her, dass Pioniere wie John Woo mit Epen wie A BETTER TOMORROW (1985) quasi ein neues Genre aus der Taufe hoben, das Heroic Bloodshed - eine modernisierte, überwiegend im Gangster-Milieu angesiedelte Variante traditioneller Ritter-Mythen, die sentimentale Geschichten von Ehre, Treue und Verrat mit durchästhetisierter Gewaltdarstellung verband und regelmäßig menschliche Körper im Kugelhagel Todestänze aufführen ließ. Zahlreiche Nachahmer und Nutznießer sorgten dafür, dass das Konzept schon bald zu seinem eigenen Klischee verkam, dessen Inhalte nur noch rudimentär variiert wurden. Obwohl sich der Fan grundsätzlich über jedes Material freute, war eine gewisse Übersättigung kaum zu leugnen. AMERICAN YAKUZA II geriert sich als Paradebeispiel für diesen Sachverhalt und wirft zum Produktionszeitpunkt bereits dutzendfach durchexerzierte Story-Elemente mit großer Geste in den Drehbuch-Topf, um, wenn schon nicht den Feinschmeckern, so doch zumindest den Allesfressern, eine weitere Portion wohlproportioniertes Blutvergießen zu kredenzen. Wie damals beim Hongkong-Kino häufiger der Fall, siedelte man die dazugehörige Geschichte in den USA an, wodurch man sich ein größeres Publikum und internationale Konkurrenzfähigkeit erhoffte.

Hauptantriebsfeder dieser späten Nummer war Anthony Lau (eigentlich: Lau Wing [→ IM GEHEIMDIENST DES GELBEN DRACHEN]), der hier nicht nur die Hauptrolle bekleidete, sondern auch die Inszenierung übernahm. Das ist gleich doppelt bemerkenswert, war Lau in Sachen Regie ein bis dahin noch unbeschriebenes Blatt und auch als Schauspieler hauptsächlich eher in zweiter Reihe anzutreffen. Hält man sich dieses vor Augen, ist es schon achtbar, wie souverän er in beiden Positionen abliefert. Die fraglos vorhandenen Probleme von AMERICAN YAKUZA II gehen zumindest nicht auf sein Konto, sondern überwiegend auf das von Autor Yuen Kai-Chi [→ A CHINESE GHOST STORY]. Dass sein Drehbuch das Rad nicht neu erfindet, ist natürlich kein Unglück und war weder zu erwarten noch verlangt. Aber etwas mehr Gedanken über die offenkundig sehr eilig herbeifabulierten Ereignisse und Figuren hätte man sich durchaus machen dürfen. Dass man nie so wirklich erfährt, woher der recht arglos wirkende Lone eigentlich seine sensationelle Kampfqualifikation hat, welche sogar der nun nicht gerade als zimperlich verschrienen Yakuza den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist noch locker zu verschmerzen. Doch vieles andere wirkt unausgegoren oder nicht zu Ende gedacht; die Motive der handelnden Personen erscheinen oft kryptisch und unnahbar. Das betrifft vor allem den Antagonisten Luke (eine routiniert runtergeratterte Klischeerolle für Simon Yam [ → MAN OF TAI CHI]). Dass dieser mit Lone ein doppeltes Spiel treibt, ist zwar nie ein Geheimnis, aber was eigentlich genau seine Pläne und Ziele sind, bleibt vage. Erst hängt er ihm (auf ebenso abenteuerliche wie hanebüchene Weise) einen Mord an, dann, im völligen Widerspruch zu seinem bisherigen Verhalten, betrinkt er sich mit ihm hemmungslos und quietschvergnügt wie mit einem besten Kumpel und tauscht wehmütig Jugenderinnerungen aus. Was denn nun?

Für weitere Verwirrung sorgen mehrere ebenfalls nur bruchstückhaft referierte Sub-Plots, deren Intentionen nie so ganz klar werden. So liegt Luke im Clinch mit einem Mr. Lee (gespielt von Wong Kam-Kong [→ PHANTOM SEVEN]), mit dem er um einen wichtigen Posten in der Politik wetteifert (die Hintergründe dazu werden ebenfalls nicht die Bohne erläutert) und den er völlig inkonsequent im einen Augenblick ermorden, im nächsten dann aber wieder vor einem Anschlag schützen will. Tatsächlich bleibt es fortwährend völlig unverständlich, wer hier wen aus welchen Motiven ans Messer liefern möchte und warum Menschen mal getötet, mal gerettet werden sollen. Und mitten durch diese chaotischen Verhältnisse stapft dann auch noch Conan Lee [→ BORN HERO II] als namenloser Polizist, der auch so gar keinen Plan hat, was hier eigentlich Phase ist, ständig nicht nachvollziehbare Schlüsse zieht und mit seiner uni(n)formierten Trottel-Truppe bis zuletzt rein gar nichts zur Weiterentwicklung oder gar Auflösung der Ereignisse beiträgt. Ohnehin ist es auffällig, wie viele Handlungen hier eigentlich parallel ablaufen, ohne sich gegenseitig zu tangieren. Die Suche Lones nach seiner Frau (so wirklich suchen im herkömmlichen Sinne tut er eigentlich auch gar nicht, in der Regel wartet er nur darauf, dass ihn irgendjemand mit Informationen versorgt) passiert völlig losgelöst von seinen Aktivitäten als Rechte Hand seines Triaden-Bruders, während Lukes Konflikte mit der Konkurrenz ebenfalls nichts mit seinem Verrat an Lone zu tun haben. Und hätte einer der Charaktere die Katze bereits etwas eher (um genauer zu sein: gleich am Anfang) aus dem Sack gelassen, hätte man sich die ganze Bandenkrieg- und Rache-Plotte ohnehin schenken und gleich zum Showdown übergehen können.

Denn was das Publikum schon längst weiß, blickt der Protagonist doch reichlich spät (und eben auch nur, weil er es kurz vor knapp endlich mal ganz konkret aufs Butterbrot geschmiert bekommt): Natürlich ist sein eigener Bruder der große Halunke und eigentlicher Drahtzieher hinter dem Verschwinden seiner Frau. Wie wahrscheinlich es ist, dass Lone davon die ganze Zeit nichts mitbekam, obwohl Luke sie eigentlich gar nicht großartig versteckt hält und sogar eine ausladende, absolut ungeheime Geburtstagsfeier für sie gibt, ist wieder so ein Punkt, über den man nicht allzu intensiv nachdenken sollte. Jedenfalls ist diese Erkenntnis Grund genug für Lone, aufgrund einer vom Skript herbeigezauberten heftigen Überreaktion eine unverzügliche bluttriefende Vergeltungsorgie vom Zaun zu brechen, die in ihrer apokalyptischen Konsequenz nichts mehr übrig lässt und damit auch alle anderen mühsam konstruierten Nebenhandlungsstränge mit einem Federstrich für null und nichtig erklärt. Das ist zwar alles andere als gutes Geschichtenerzählen, macht den Actionfreund (und damit die Zielgruppe) aber ziemlich glücklich, denn hier fliegen fröhlich die Fetzen – im Wortsinne, denn die einstigen Freunde zerlegen sich mit Wut und Wumme regelrecht in ihre Einzelteile. Zimperlichkeit ist ohnehin keine Sache von AMERICAN YAKUZA II, denn zwischen all den konfus erdachten und erzählten Ereignissen kommt es immer wieder zu heftigen Gewalt-Eruptionen, die visuell und inszenatorisch samt und sonders überzeugen können und voll und ganz in der Tradition der althergebrachten asiatischen Blutoper stehen. Wenn Lone und Luke sich per Schwert und Schießeisen auf offener Straße steinharte Duelle liefern, dann lacht das Herz des gemeinen Hongkong-Kino-Huldigers.

So macht man als Fan des Genres trotz arg verquaster Story hier tatsächlich wenig falsch. AMERICAN YAKUZA II ist trotz vermutlich eher geringer finanzieller Zuwendung erstaunlich versiert inszeniert, bietet aufgrund ständig wechselnder und ungewöhnlicher Schauplätze (z. B. Schiffe oder Paraden) viel visuelle Varianz und serviert dazu zwar keine überwältigende, aber dennoch fachkundig arrangierte Stunt-Arbeit (wie das Schlittern per Motorrad unter einen Lastwagen hindurch). Zudem sind die Mittel der Selbstverteidigung sehr vielfältig: Gekämpft wird per Klinge, Knarre und klassischer Kung-Fu-Kapriole – wobei für letzteres Conan Lee zuständig ist, der im finalen Akt dann plötzlich den inneren Jackie Chan von der Kette lassen und eine ganze Party-Gesellschaft aufmischen darf. Wer noch zusätzliches Amüsement benötigt, dem sei empfohlen, nebenbei auf die Statisten zu achten, insbesondere auf die in Polizei-Uniform: Wie angestrengt die Herren versuchen, abgebrühte Gesichtsausdrücke aufzusetzen, gleichzeitig aber ihre diebische Freude darüber, hier mitspielen zu dürfen, kaum verbergen können, das ist schon ein paar Gratis-Grinser wert.

Wer hier übrigens eine Fortsetzung des amerikanischen Großstadt-Krimis AMERICAN YAKUZA aus dem Jahre 1993 erwartet hat, der ist Opfer der berüchtigten teutonischen Titel-Trickserei geworden. Diese chinesische Produktion hat nichts mit dem vermeintlichen Vorgänger zu tun und ist im Ausland überwiegend als DRAGON KILLER bekannt.

Laufzeit: 83 Min. / Freigabe: ungeprüft