Eigene Forschungen

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Montag, 16. Dezember 2024

13 ASSASSINS


JÛSANNIN NO SHIKAKU
Japan, GB 2010

Regie:
Takashi Miike

Darsteller:
Kôji Yakusho,
Goro Inagaki,
Masachika Ichimura,
Yûsuke Iseya,
Tsuyoshi Ihara,
Takayuki Yamada,
Sôsuke Takaoka,
Kazuki Namioka



Inhalt:

Japan, 1844: Die Zeit der großen Kriege ist vorbei. Doch dem Land droht neues Unheil: Fürst Naritsugu [Goro Inagaki] soll nach dem bevorstehenden Tod seines Bruders den Thron besteigen. Das Problem: Der Mann ist ein ausgemachter Sadist, verstümmelt, vergewaltigt und mordet in unfassbarer Grausamkeit. Da er der Bruder des Shōguns ist, wird ihm Narrenfreiheit gewährt; sein Tun darf nicht infrage gestellt werden. Obwohl sein Leibwächter Hanbei [Masachika Ichimura] angewidert ist von der Unmenschlichkeit seines Vorgesetzten, hält er ihm die Treue, wie es die Tradition verlangt. Doch am Hof regt sich Widerstand: Der ehrwürdige Samurai Shimada [Kôji Yakusho] erhält den Auftrag, ein Tötungskommando zusammenzustellen, um den Fürsten zu ermorden. 13 Krieger sind es schließlich, welche planen, den Thronfolger während einer Reise durch das Land zu meucheln. Doch Hanbei bekommt von den Plänen Wind und versucht, seinen Gebieter mit aller Macht zu schützen. Als die Attentäter dem Fürsten schließlich in einem mit Fallen gespickten Dorf auflauern, sehen sie sich einer 200 Mann starken Armee gegenüber – der Beginn eines infernalen Massakers ...

Kritik:

Regisseur Takashi Miike erwarb sich mit Schockgranaten wie ICHI THE KILLER einen Ruf wie Donnerhall und kreierte gern alptraumhafte, teils verstörende Grenzüberschreitungen, die Kritik und Publikum nicht selten sprach- und ratlos zurückließen. In der zweiten Hälfte seiner Karriere jedoch wandte sich der einstige Leinwandschreck vermehrt auch massentauglicheren Projekten zu, die sich sogar auf renommierten Filmfestivals Lob einheimsen und Preise abstauben konnten. Wie 13 ASSASSINS, die Neuinterpretation eines gleichnamigen Samurai-Epos' aus dem Jahre 1962, die sich deutlich stärker an traditionelles Erzählkino anlehnt und die Enfant-terrible-Attitüde nahezu vollständig ad acta legt. Zwar finden sich auch hier zumindest im Ansatz „klassische“ Miike-Momente, aber im Gegensatz zu früheren Eskapaden, bei denen Gewalt und Grausamkeit größtenteils der Provokation dienten, besitzen sie hier eine klare narrative Funktion. Wenn die Leiche eines Mädchens gezeigt wird, die Extremitäten abgeschlagen, die Zunge herausgerissen und wie Müll auf die Straße geworfen, dann dient das nicht der Befriedigung voyeuristischer Niederungen, sondern der effektiven Bebilderung der Verworfenheit des Fürsten Naritsugu, was dem Betrachter die Notwendigkeit seiner Ermordung vor Augen führt. 13 ASSASSINS ist keine simple Zurschaustellung rüder Brutalitäten, sondern erzählt primär von komplexen moralischen Dilemmata und behandelt die philosophische Frage, inwieweit Gewalt im Dienste einer vermeintlich guten Sache legitimiert werden kann und darf.

Nicht selten kommen einem dabei die Werke Akira Kurosawas in den Sinn, allen voran der Klassiker DIE SIEBEN SAMURAI von 1954, der ebenfalls von einer Gruppe aufopferungsvoller Krieger erzählt, die sich einer scheinbar unüberwindbaren Übermacht entgegenstellen, bereit dafür, ihr eigenes Leben zu geben, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Auffallend an 13 ASSASSINS ist seine experimentelle Struktur, die mit einer Zweiteilung der Dramaturgie einhergeht. So gestaltet sich die erste Hälfte überwiegend ruhig, zeitweise fast schon meditativ. In aller Ruhe wird da die Ausgangssituation etabliert, werden die Figuren eingeführt und ihre Beweggründe nachvollziehbar gemacht. Bei der Gelegenheit wird auch nicht darauf verzichtet, den Antagonisten ausgiebig ins schlechte Licht zu rücken. Der jugendlich wirkende Naritsugu ist eine wahrlich verachtenswerte Kreatur an der Schwelle zum Wahnsinn, die teils aus Trieb, teils aus purer Lust und Langeweile schändet, tötet und terrorisiert. Mit der Unschuld eines Kindes und der Grausamkeit eines Tyrannen kommentiert der Thronfolger selbst das schlimmste Gemetzel noch mit einem infantil-entzückten „Großartig!“, bis man ihm die Pest höchstpersönlich an den Hals wünscht und regelrecht Stoßgebete gen Himmel schickt, das Tötungskommando möge doch bitte recht schnell ziemlich erfolgreich sein. Die zweite Hälfte stellt dann eine radikale Wende dar: In dramatischem Gegensatz zur bis dahin vorherrschenden Langsamkeit entfesselt Miike ein fast eine Stunde andauerndes, apokalyptisches Gemetzel, ein dreckiges Wühlen in Schlamm, Schweiß und Blut, bei dem wahrlich keine Gefangenen gemacht werden. Und obwohl es natürlich in erster Linie diese Eindrücke sind, die mit nach Hause genommen werden, wäre es ein Fehler, die Wucht des Werkes allein auf das infernale Finale zu beschränken.

Denn nur vordergründig wird hier die Geschichte eines Blutbads erzählt. Hinter all dem Hauen, Stechen und Sterben verbirgt sich ein tiefgründigerer Kommentar auf die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Japan des späten 19. Jahrhunderts. 13 ASSASSINS spielt in der Edo-Zeit (ca. 1615 - 1868), einer Ära weitgehender Stabilität, in der die Samurai keine klassischen Krieger mehr waren, sondern Teil eines streng geregelten, von Bürokratie geprägten Systems. Miike bietet einen authentisch anmutenden Einblick in eine Zeit, in der der traditionelle Samurai-Kodex, der jahrhundertelang die japanische Gesellschaft geprägt hatte, seinen letzten Atemzug tut. Seine Protagonisten sind keine Helden, sondern verzweifelte Männer, die in einer sich verändernden Welt keine Rolle mehr spielen. Ihre Ideale sind veraltet, ihre Ehre wurde durch die politischen Umwälzungen der Zeit untergraben, und sie selbst wirken in der damaligen modernen Gesellschaft überflüssig. Aus diesem Gefühl der Entwurzelung heraus gehen sie in den Tod, entschlossen, ein letztes Mal ihre Ehre zu verteidigen und eine letzte Heldentat zu vollbringen, die ihnen einen Platz in der Geschichte sichern soll. An der Absurdität blinden Gehorsams wird dabei kaum ein Zweifel gelassen. Entscheidend ist dabei die Figur des Leibwächters Hanbei, der von den Gräueltaten des Fürsten zwar ebenso angewidert ist wie alle anderen, sich aber dennoch blindlings, starr bewährter Tradition folgend und entgegen jeder menschlichen Vernunft, an die Aufgabe klammert, seinem Herren zu dienen und dessen Leben zur Not mit seinem eigenem zu beschützen. Dieser innere Zwiespalt, der tief im kulturellen Selbstverständnis Japans verwurzelt ist, verleiht 13 ASSASSINS eine psychologische Tiefe, die ihn weitaus vielschichtiger macht, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

13 ASSASSINS ist eine gelungene Frischzellenkur für das Samurai-Genre, die klassische Motive mit den Funktionalitäten des modernen Action-Kinos kreuzt und genügend Raum zur Reflexion lässt. Die japanische Originalfassung läuft direkt noch einmal 20 Minuten länger, angereichert mit ein wenig übernatürlichem Tamtam, den man dem westlichen Publikum wohl nicht auch noch aufhalsen wollte – vermutlich nicht ganz zu Unrecht, gefällt das Werk doch gerade durch seine Bodenständigkeit. Zu einem Klassiker reicht es freilich trotzdem nicht. Wohl aber zu einem facettenreichen Kunstwerk, das beweist, dass Action und Anspruch keine Konkurrenten sein müssen.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 9. Dezember 2024

DER SHOGUN UND SEIN SAMURAI


SANADA YUKIMURA NO BORYAKU
Japan 1979

Regie:
Sadao Nakajima

Darsteller:
Hiroki Matsukata,
Kinnosuke Yorozuya,
Minori Terada,
Teruhiko Aoi,
Hiroyuki Sanada,
Chiezô Kataoka,
Midori Hagio,
Tatsuo Umemiya



Inhalt:

17. Jahrhundert: Nach der Schlacht von Sekigahara ist Fürst Tokogawa Ieyasu [Kinnosuke Yorozuya] der mächtigste Mann Japans. Das von ihm installierte Shōgunat agiert als unantastbare Zentralregierung, der sich alle Fürstentümer unterwerfen müssen. Widerstand gegen die Herrschaft regt sich u. a. im Clan der Toyotomi, der auf Burg Ōsaka residiert. Zu den Vasallen Toyotomis gehört auch die Familie Sanada. Als deren Oberhaupt Masayuki [Chiezô Kataoka] einem Mordanschlag Tokogawas zum Opfer fällt, läuft dessen Sohn Nobuyuki [Tatsuo Umemiya] zu Tokogawa über. Sein Bruder Yukimura [Hiroki Matsukata] jedoch, motiviert auch durch den Freitod seiner Frau Aya [Midori Hagio], strebt nach Vergeltung und rekrutiert aus arbeitslosen Schwertkämpfern und heimatlosen Ninjas eine Gruppe von Rebellen.

Kritik:

SHOGUN ASSASSINS beginnt im Weltraum. Aus allerlei astralen Blitz- und Lichteffekten formiert sich final ein seltsamer, rot glühender Brocken, der kurz darauf Kurs auf die Erde nimmt – genauer gesagt in Richtung von Schloss Nagoya, wo zu diesem Zeitpunkt Fürst Tokogawa Ieyasu verweilt, um sich bei Sushi und Sake von seinen Gefolgsleuten Honig ums Maul schmieren zu lassen. Den Tumult, den das Auftauchen des Himmelskörpers verursacht, nutzt ein vermummter Attentäter, um sich ins Schloss zu schleichen, mit dem Ziel, Tokogawa des Nachts einen Kopf kürzer zu machen – ein Plan, der zu gelingen scheint: Just, als das geheimnisvolle Gestirn auf der Erde aufschlägt, bekommt der schlafende Shōgun die Klinge eines scharfen Schwerts zu spüren. Dessen Besitzer ist Kirigakure Saizō [Minori Terada], einer der Gefolgsleute der vom Fürsten verstoßenen Sanada-Familie, der am Folgetag herausfinden muss, dass er getäuscht wurde und lediglich einen Doppelgänger getötet hat. Tokogawa ist weiterhin Alleinherrscher über Japan und der Kampf geht weiter.

Dieser ungewöhnliche Auftakt, bei dessen ersten Bildern man sich fragt, ob man sich buchstäblich im falschen Film befindet und zufällig bei so etwas wie STERNENKRIEG IM WELTALL gelandet ist, steht exemplarisch für die experimentelle Attitüde des Werks, das nicht nur verschiedene Genres kreuzt, sondern dem Publikum auch eine wilde Mixtur aus historischen Fakten und heißblütiger Fiktion serviert. Denn während Shōgun Tokogawa Ieyasu, sein Widersacher Sanada Yukimura und auch viele andere Figuren tatsächlich existierten, ist der Ninja Kirigakure Saizō eine reine Sagengestalt, die seit Urzeiten in unterschiedlichen Interpretationen durch die japanische Popkultur geistert. SHOGUN ASSASSINS ist am Ende mehr Fantasy als Geschichtsstunde und kokettiert damit auch sehr offenherzig. Regisseur und Co-Autor Sadao Nakajima [→ OKINAWA YAKUZA WAR] webt aus Wahrheit und Folklore die spinnerte Fabel einer Widerstandsgruppe, an deren Spitze der von Rache und Trauer getriebene Samurai Sanada Yukimura steht.

Einer seiner Rekruten ist Sasuke Sarutobi, ebenfalls eine legendäre, vor allem in Mangas und Animes immer wieder gern verwendete fiktive Figur, die für gemeinhin als Superhelden-Ninja beschrieben wird und auch hier tüchtig vom Leder ziehen darf: Sasuke kann Wirbelstürme heraufbeschwören, sich in Feuerbälle verwandeln und durch kreiselartige Drehbewegungen vom Boden abheben, um seine Gegner in der Luft zu verwemsen. Warum er das nicht immer macht, um seiner Truppe zum Sieg zu verhelfen, sondern mit seinen Fähigkeiten unnötig haushält, ist eine offensichtliche Schwäche des Drehbuchs, das man diesbezüglich besser nicht auf Nachvollziehbarkeit abklopft. Im Großen und Ganzen ziehen Sanada und seine Mannen nämlich doch sehr weltlich gegen den Feind zu Felde: mit Kanonen, Schwertern und Sprengstoff. In einem der besten Momente leiten die Rebellen Öl in einen Bach, der am Munitionslager Tokogawas vorbeifließt, um es dann zu entzünden, was in einem visuell aparten Flammenmeer mündet, das zahlreiche Miniaturbauten eindrucksvoll in Mitleidenschaft zieht.

Action-Attraktionen wie diese sind in den satten zweieinhalb Stunden Laufzeit allerdings eher rar gesät. Viel Raum bekommt dafür der Dialog, der Konflikte und Interessen der einzelnen Parteien nachvollziehbar machen soll. Das geht freilich nicht immer ganz so locker runter wie das Öl, das erfolgreich das feindliche Lager infiltriert, sondern gestaltet sich bisweilen etwas zäh, da allein schon die Personaldichte dezent überfordernd wirkt: Unzählige Charaktere werden per Texteinblendung vorgestellt, aber sich zu merken, wer jetzt welchen Namen trägt und welchen Rang er bekleidet, ist schon eine ziemliche Mammutaufgabe. Viele der zwischenmenschlichen Zwiespälte sind zudem eng verwoben mit Epoche und Kultur, was das Begreifen diverser Krisenherde nicht unbedingt erleichtert. Es ist erstaunlich, wie bodenständig und authentisch SHOGUN ASSASSINS dadurch wirkt, zumal überraschend viel auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. So unterdrückte der echte Tokogawa Ieyasu mit aller Gewalt das Praktizieren des Christentums, hier portraitiert am Beispiel der koreanischen Christin Julia Ota [Yôko Akino], die ebenfalls wirklich existierte und von Tokugawa ins Exil geschickt wurde. Und wie in der Realität geschehen, findet Tokugawa auch hier einen fadenscheinigen Grund (eine angebliche Beleidigung als Inschrift auf einer Glocke), um die Verbliebenen des Toyotomi-Clans anzugreifen und die Machtverhältnisse zu klären.

Akkurates Historienkino ist SHOGUN ASSASSINS dennoch nicht – und das nicht nur, weil der geschichtlich verbürgte Ausgang der Ereignisse zum Finale ohne Not neu gedichtet wird. Die Historie dient als Basis für eine Vermengung mit Mythologien, Fabeln und Esoterik, wobei der bierernste, bodenständige Duktus niemals verlassen wird. Da können dann auch ohne Probleme mal Ninja-Nonnen das Parkett betreten, ohne dass es auffallend albern wirkt. „Wir wurden Ninja-Nonnen“, erklärt die Mutter Oberin da ganz gewichtig, „die im ganzen Land ihre Körper gegen Informationen verkauften.“ Ja, in der Tat: Es sind Ninja-Nonnen-Nutten! Und dass der Shōgun-Armee halluzinogene Drogen in die Getränke gemischt wurde, woraufhin diese während der Schlacht nen totalen Film schiebt, ist nun ganz gewiss ebenso wenig überliefert wie der Umstand, dass sich der letzte Überlebende am Ende in einen Felsbrocken verwandelt und ins Weltall fliegt.

Wer die deutsche Fassung von SHOGUN ASSASSINS gesehen hat, der reibt sich ob dieser Worte vermutlich verwundert die Augen. Weltall? Drogen? Meteore? Überlänge? Was? Verständlich, denn was in Deutschland als DER SHOGUN UND SEIN SAMURAI ankam, ließ sage und schreibe 70 Minuten Material vermissen. Die Überbleibsel des Ganzen kann man gepflegt in der Pfeife rauchen. In einem Affenzahn wird da von Szene zu Szene gesprungen; die ausführlichen Vorstellungen der einzelnen Widerstandskämpfer, die im Original alle eine einleitende Episode spendiert bekamen, fehlen ebenso, wie jedwede Anspielung auf magische oder esoterische Elemente, wodurch auch fast alle der tollen visuellen Effekte gnadenlos eliminiert wurden. Komplexere Sachverhalte hat man ebenfalls ohne Rücksicht auf Verluste herausgeschnitten und/oder wegsynchronisiert, bis von der ursprünglichen Idee wirklich rein gar nichts mehr übrig war. Da nutzen auch die professionellen Stimmen (wie Elmar Wepper oder Christian Tramitz) nichts mehr. Aus dem experimentellen Epos wurde ein zusammenhangloses Fragment, das das eigentliche Werk nicht einmal mehr erahnen lässt.

Die unangetastete Version hingegen ist fraglos einen Blick wert. Nicht ohne Längen und zwischenzeitlich wohl etwas arg verlabert und schwerfällig erzählt, sticht SHOGUN ASSASSINS aufgrund seiner Verschrobenheit und seines visuellen Einfallsreichtums doch sehr angenehm aus der Masse heraus. Und wer genau aufpasst, erkennt als einen der Ninja-Rebellen den Schauspieler Hiroyuki Sanada, dem später eine beachtliche Hollywood-Karriere zuteilwurde. Interessantes Detail: Gut 45 Jahre später spielte Sanada in der Serie SHOGUN den Fürsten Toranaga – dessen reales Vorbild Tokogawa Ieyasu war. Hiroyuki Sanada jagt hier also quasi sein zukünftiges Selbst. Da ist sie wieder, die Esoterik.

Laufzeit: 148 Min. / Freigabe: ungeprüft

Mittwoch, 27. März 2019

DER SCHRECKEN VON KUNG FU


LO STRANIERO DI SILENZIO
Italien, USA 1968

Regie:
Luigi Vanzi

Darsteller:
Tony Anthony,
Lloyd Battista,
Kin Omae,
Rita Maura,
Kanji Ohara,
Raf Baldassarre,
Yoshio Nukano,
William Conroy



Inhalt:

Der Cowboy, der sich nur der ‚Fremde‘ nennt [Tony Anthony], findet einen sterbenden Japaner, welcher ihm eine Schriftrolle in die Hand drückt und 20000 Dollar Belohnung verspricht, falls er diese zu ihrem Besitzer nach Osaka zurückbringt. Leicht verdientes Geld, glaubt der Fremde, und macht sich auf den Weg ins ferne Japan. Kaum angekommen, gerät er mitten in eine brutale Familienfehde: Zwei Brüder bekriegen sich bis aufs Blut – und Grund für den Zoff ist ausgerechnet die Schriftrolle, die sich im Besitz des Fremden befindet. Dieser gerät dann auch prompt zwischen die Fronten, kassiert erstmal ordentlich Prügel und wird auch noch nach erfolgter Übergabe mit Falschgeld abgespeist. Das findet dieser reichlich ungut, weswegen er beginnt, die feindlichen Brüder gegeneinander auszuspielen.

Kritik:

Deutschlands Filmtitel waren beizeiten schon mal recht abenteuerlich. Relativ weit oben auf der Liste der absurdesten Auswüchse befindet sich mit Sicherheit auch DER SCHRECKEN VON KUNG FU, ein syntaktisch unsauberes und inhaltlich unsinniges Wortkonstrukt, das wohl primär dem Ziel diente, ein paar Bruce-Lee-Jünger hinters Licht und ins Lichtspielhaus zu führen. Diese dürften dann eher ernüchtert gewesen sein, wird einem doch während der gut 90 Minuten Laufzeit nicht eine einzige Kung-Fu-Pose geboten - was in Anbetracht der Tatsache, dass die Handlung in Japan spielt, auch kaum verwunderlich ist, da Samurai-Krieger in der Regel ja eher selten mittels Kung Fu zu kämpfen pflegten. Im Deutschen kaum noch erkennbar, ist DER FREMDE UND DER SAMURAI (so der viel treffendere Alternativtitel) in Wahrheit ein waschechter Italo-Western und dritter und damit abschließender Teil einer Trilogie um einen ebenso namenlosen wie wortkargen Revolverhelden, der sich bereits in den Vorgängern EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN sowie WESTERN JACK (beide von 1967) auf der Suche nach Glück, Geld und Gold befand und hier abermals vom US-amerikanischen Schauspieler Tony Anthony (eigentlich Roger Anthony Petitto) verkörpert wird. In Teil 1 lediglich Hauptdarsteller, war Anthony für diesen Abschluss der Reihe mittlerweile zum Co-Produzenten aufgestiegen und konnte somit auch einiges an eigenem Einfluss geltend machen. Den Regiestuhl drückte abermals Wenigfilmer Luigi Vanzi [→ 1931 - ES GESCHAH IN AMERIKA], der auch schon die beiden Vorgänger auf den Weg brachte und gewohnt versiert zu Werke ging.

Die Idee, dieses Mal das japanische Osaka als Schauplatz zu nutzen, ist vor allem deswegen sehr reizvoll, weil das zu Grunde liegende Konzept auf diese Weise zurück zu seinen Wurzeln geführt wird. War der Erstling noch ein ziemlich unverhohlener Nachahmer des wegweisenden Leone-Klassikers FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, welcher seinerseits bereits die Neuinterpretation der japanischen Samurai-Saga YOJIMBO darstellte, ist die Geschichte somit nun also wieder dort angekommen, wo sie eigentlich ihren Ursprung hatte. Das war zum Produktionszeitpunkt nicht nur neu und innovativ (später gab es noch viele weitere Vertreter, die Ost und West filmisch zusammenführten), es funktioniert auch tadellos und veranschaulicht einmal mehr, wie sehr die Genres 'Western' und 'Samuraifilm' tatsächlich miteinander verbandelt sind. Doch nicht nur der Austragungsort wurde gewechselt, auch der Grundton änderte sich auffallend. Entfernte sich bereits der Vorgänger ein gutes Stück von der Kargheit des Originals, geht es hier nochmals deutlich ironischer zur Sache und bewegt sich auffallend weiter in Richtung Komödie. Das liegt in erster Linie an der gekonnten Ausspielung der zahlreichen Konflikte, die sich aus den Sprach- und Kulturunterschieden ergeben und die, möchte man denn ernsthaft zum Ziel gelangen, überwunden werden müssen. Darin liegt am Ende einer der wesentlichen Unterschiede: Ging es in den Vorgängern hauptsächlich noch darum, sein Gegenüber möglichst effektiv übers Ohr zu hauen, liegt der Fokus hier gerade auf gegenseitigem Verstehen.

Trotz dieses Umstandes muss nun allerdings niemand befürchten, hier herrsche eitel Friede, Freude, Eierkuchen. Die typischen Tugenden des Italo-Westerns wurden beileibe nicht abgelegt, List und Tücke bestimmen nach wie vor das Geschehen. „Du nicht können uns verstehen“, sagt die junge Dolmetscherin in einer Szene zum Fremden. „Was gibt's da groß zu verstehen?“, entgegnet dieser gewohnt lakonisch. „Wenn's um die Moneten geht, ist es hier wie bei uns drüben“. So suhlen sich die Helden auf der Jagd nach schnödem Mammon in Schmutz und Schlamm, was Kameramann Mario Capriotti [→ DER KLEINE SCHWARZE MIT DEM ROTEN HUT] in dreckig-schöne Bilder einfing. Da die Story im Prinzip bereits reichlich ausgelatscht daherkommt, bevölkerte man sie zum Ausgleich mit nem ganzen Haufen skurriler Gestalten und setzte ne gesunde Schippe Galgenhumor oben drauf. Dabei ist Anthony erfreulicherweise nicht immer der allen anderen überlegene Held – unter Umständen guckt ‚der Fremde‘ schon mal etwas sparsam aus der Wäsche. Das bringt ihm einige Sympathiepunkte ein und übertüncht ein wenig das Manko, dass sein Mienenspiel nach wie vor einigen Limitierungen unterliegt. Das eindeutige Vorbild Clint Eastwood tat bei seinen Ausflügen nach Wildwest zwar im Prinzip auch nie mehr, als grimmig dreinzuschauen, nur kaufte man diesem seinen Zynismus und seine Resignation auch wirklich ab. Anthony hingegen sieht meistens so aus, als sei er einfach nur beleidigt. Wenn die Action loslegt, ist dieses Defizit jedoch schnell wieder vergessen. Vor allem im Finale macht er sich großartig und schickt jedem ins Jenseits gepusteten Bösewicht noch einen lässigen Einzeiler hinterher.

Nachdem sich aufgrund rechtlicher Probleme die Veröffentlichung über längere Zeit hingezogen hatte, erreichte DER SCHRECKEN VON KUNG FU die Leinwand schließlich erst nach einigen Änderungen seitens des Verleihs, da man der Meinung war, sich dem mittlerweile geänderten Publikumsgeschmack anpassen zu müssen. Auch, wenn es gewiss interessant wäre, die ursprünglich intendierte Fassung mal zu Gesicht zu bekommen, muss man zugestehen, dass die Maßnahmen dem Werk nicht sonderlich geschadet haben. Das Ergebnis wirkt nicht etwa wie ein zurechtgebogener Schnellschuss (höhö!), sondern absolut rund und bietet eine gesunde Mischung aus Humor und Härte, Dialog und Duell, Ost und West. Und da sich hier zum Pulverdampf auch noch der Schwertkampf gesellt, bleibt auch die Action angenehm abwechslungsreich. Dass die Reihe um den Fremden hiermit ihren Abschluss feierte, ist dennoch legitim – die (ohnehin alles andere als bahnbrechende) Geschichte schien endgültig auserzählt, eine weitere Variante wäre schlichtweg müßig gewesen. So versetzt das Finale der Trilogie zwar nicht unbedingt die Kritiker der Schönen Künste in Verzückung, bietet Freunden des Italo-Westerns aber nochmals all das, was sie am Genre so schätzen. Und aufgrund der attraktiven Verquickung mit asiatischen Motiven eben auch noch ein bisschen mehr. Kung Fu gehört freilich nicht dazu. Man kann nicht alles haben.

Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ab 18

Dienstag, 14. Oktober 2014

47 RONIN


47 RONIN
USA 2013

Regie:
Carl Rinsch

Darsteller:
Keanu Reeves,
Hiroyuki Sanada,
Tadanobu Asano,
Rinko Kikuchi,
Cary-Hiroyuki Tagawa,
Rick Genest,
Yorick van Wageningen,
Haruka Abe


„Wo hast du kämpfen gelernt?“ - “Bei Dämonen.“


Inhalt:

Im feudalen Japan wird das jugendliche Halbblut Kai [Daniel Barber] vom gütigen Fürst Asano [Min Tanaka] vor dem Tode gerettet und in seinen Hofstaat aufgenommen. Dort wächst er zum Mann heran [nun: Keanu Reeves], der wie besessen um seinen Status als echter Samurai kämpft, von den anderen aufgrund seiner Herkunft jedoch nicht akzeptiert wird. Als Fürst Asano einer Intrige des feindlichen Fürsten Kira [Tadanobu Asano] zum Opfer fällt und hingerichtet wird, reißt dieser die Macht an sich und degradiert Asanos treue Samurai zu herrenlosen Kriegern, den Rōnin. Ziellos ziehen diese nun durch die Wälder, bis sie, unter der Führung des tapferen Ôishi [Hiroyuki Sanada] beschließen, den Tod Asanos zu rächen. Doch die Geliebte des bösen Kiras, die Zauberin Mizuki [Rinko Kikuchi], ist ihnen stets auf den Fersen. Für Kai schlägt nun die Stunde der Bewährung.

Kritik:

2013 frönte der ewige MATRIX-Star Keanu Reeves völlig unverfroren seiner Liebe zu asiatischen Stoffen und brachte innerhalb kürzester Zeit zwei hochambitionierte Projekte östlicher Prägung auf die Leinwand. Das eine war sein durchaus beachtliches Regiedebüt MAN OF TAI CHI, das gerade durch seine unaufgeregte Präsentation und Bescheidenheit überzeugen konnte, und das andere eben 47 RONIN, die CGI-geschwängerte Aufarbeitung eines uralten japanischen Mythos', in welcher er allerdings keine Führungsposition übernahm, sondern lediglich als Darsteller und somit Zugpferd für das westliche Publikum agierte.

„Wer die Geschichte der 47 Rōnin kennt, kennt die Geschichte Japans“, verkündet die Tonspur während der von mystisch angehauchten Bildern untermalten und epische Breite versprechenden Einleitung in verheißungsvollem Überschwang. Nun mag das womöglich durchaus der Wahrheit entsprechen, als Referenz für Regisseur Carl Rinschs Kinodebüt allerdings taugt diese Aussage herzlich wenig. Gut zwei Stunden und mehrere Schwertkampfszenarien später nämlich ist klar, dass man weder über die herrenlose Samurai-Truppe, noch über das Land der aufgehenden Sonne ernsthaft etwas dazugelernt hat. Der Umstand, dass die Ereignisse um die militante Rächer-Brigade mit reichlich Fantasy-Elementen angereichert wurden, disqualifiziert 47 RONIN natürlich ohnehin als seriöse Geschichtslektion, obwohl eine solch realitätskonträre Aufbrezelung im Prinzip gar nicht nötig gewesen wäre: Die historisch verbürgte Geschichte der 47 Krieger, die mit List und Tücke den Tod ihres Fürsten vergelten, bietet bereits von sich aus alle notwendigen Zutaten für anständiges Kinofutter.

In ihrem Heimatland ist die Erzählung wohlbekannt und gilt als Inbegriff für nationale Tugenden wie Ehre und Treue: Im Jahre 1701 demütigte Zeremonienmeister Kira den Fürsten Asano so lang in aller Öffentlichkeit, bis dieser sich per Gewaltandrohung zur Wehr setzte - ein Vergehen, dass am Hofe der Burg Edo mit dem Tode geahndet wurde. Asano beging mit offizieller Genehmigung Seppuku, den rituellen Ehrentod, seine Samurai wurden zu herrenlosen Rōnin degradiert. Doch 47 von ihnen verschworen sich unter der Führung Ōishi Kuranosukes in einem Rachegelübde und firmierten sich mit dem Ziel, den an der Misere schuldigen Kira zu ermorden. Durch geschickte Täuschungsmanöver verschleierten sie die Gefahr, die von ihnen ausging, gaben sich unfähig und harmlos, während sie heimlich trainierten, Waffen produzierten und Angriffspläne austüftelten. Ihr Überfall auf die streng bewachte Festung Kiras schließlich erfolgte dann ebenso überraschend wie präzise durchorganisiert und lieferte den Feind erfolgreich ans Messer.

Der Hauptgrund für die spätere Legendenverklärung war dabei weniger die Tat an sich, als vielmehr der Umstand, dass die Männer von Anfang an dazu bereit waren, sich nach Ausführung des Plans freiwillig dem Shōgunat zu stellen. Da ihnen die Blutrache verboten war, stand das Urteil bereits von vornherein fest - der eigene Tod wurde als zwingend notwendiger Preis für die Vergeltung ihres Herren in Kauf genommen. Die offiziellen Stellen befanden sich nun im Zwiespalt, denn einerseits wurde gegen das Gesetz verstoßen, andererseits wurde aber auch der Bushidō befolgt, der Verhaltenskodex des Militäradels, der die Rache am Tode des eigenen Fürsten legitimierte. So starben die Rōnin schließlich, wie ihr Herr, als Ehrenmänner durch die eigene Hand und wurden in Würden zu Grabe getragen.

Bereits diese Zusammenfassung verdeutlicht die Komplexität des Themas, die für westliche Gemüter oft nur schwerlich zu begreifen ist. Die japanische Angst vor dem Gesichtsverlust, die psychologisch kompliziert verschachtelten Prinzipien von Ehre und Treue, das alles erntet in nichtasiatischen Gefilden oftmals bloß stirnrunzelndes Unverständnis. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist es dann doch wieder gar nicht so sehr verwunderlich, dass 47 RONIN die Geschichte durch den Phantastikfleischwolf drehte und die Grundprämisse durch eine deutliche simplere Gut-Böse-Schablone ersetzte. So wird der feindliche Kira hier vom Zeremonienmeister zum intriganten Fürsten, zu einer denkbar banalen Schurkenfigur, deren Motiv sich bereits im Besitz- und Machtstreben erschöpft.

Doch auch die Beweggründe der titelgebenden Rōnin bleiben überwiegend im Verborgenen. Welchen Preis sie für ihre Rache zu zahlen bereit sind und aus welchen Gründen sie sich dafür freiwillig einem solchen Risiko aussetzen, das alles wird doch eher unzureichend ausgearbeitet, so dass die tiefere Bedeutung des Geschehens hinter den blitzeblank polierten Prachtpanoramen verschwindet. Denn mag 47 RONIN auch an der Aufgabe scheitern, dem Publikum die Hintergründe einer japanischen Legende überzeugend zu vermitteln, sauberes Abenteuerkino mit Hang zur ausschweifenden Opulenz bleibt er dennoch. Stets am Look der asiatischen Vorlagen orientiert, erschuf das Team um Kameramann John Mathieson [→ GLADIATOR] glanzvolle, in ausladenden Landschaftsaufnahmen und aufwändiger Ausstattung schwelgende Bilder und kreierte auf diese Weise, tatkräftig unterstützt von einer üppigen Ladung visueller Effekte, eine märchenhafte Traumwelt voller Monster und Magie.

Und so stromern die titelgebenden Protagonisten durch verwunschene Wälder oder eine aus miteinander vertauten Schiffen bestehende Wasserstadt, um außer gegen den bösen Fürsten Kira auch gegen Dämonen, Hexen und Drachen zu kämpfen. Das führt zwar nie zum großen Nägelknabbern, besitzt jedoch einigen Unterhaltungswert, auch wenn die Kampfsequenzen zugegebenermaßen keine wirklich durchdachte Choreographie und aufgrund einer offenbar angestrebten Familientauglichkeit auch wenig blutige Resultate erkennen lassen. Die Fantasy-Einschübe indes funktionieren erstaunlich gut, zumal sie stets auch sinnbildliche Interpretationen zulassen: Hexe Mizukis Fähigkeiten zur Verzauberung sind somit eine Metapher für ihre Verführungskunst, Kais Ringen mit einer riesigen Waldbestie gilt tatsächlich der Zähmung seiner inneren Wut und sein späterer Kampf gegen leibhaftige Dämonen ist in Wahrheit der gegen seine eigenen.

Die Rolle des Halbbluts Kai wurde der Handlung natürlich lediglich hinzugefügt, um dem Zuschauer ein bekanntes Gesicht bieten zu können, in diesem Falle das von Keanu Reeves [→ IM AUFTRAG DES TEUFELS]. Auch, wenn es bei genauerer Betrachtung ein wenig vermessen erscheinen mag, einen der damaligen Rōnin ohne Not durch einen Hollywood-Star zu ersetzen, wurde die Figur glaubwürdig integriert und trägt zur Entwicklung bei: Kais Streben nach Anerkennung und Akzeptanz als echter Samurai seiner Herkunft zum Trotze, seine zarten, doch unerlaubten Liebesbande zur Tochter des Fürsten Asano und seine Identitätskrise nach der Aberkennung seines Status' dienen als zwar stereotype, doch funktionierende Aufhänger zur Identifikation mit dem Publikum. Daran, dass Reeves selbst mit wildem Bartwuchs und zerzauselter Haarpracht immer noch aussieht wie gerade frisch aus dem Ei gepellt, hat man sich inzwischen gewöhnt.

Dass die restlichen Rollen tatsächlich mit asiatischen Darstellern besetzt wurden, stellt ein durchaus mutiges Zugeständnis dar, auch wenn deren Gesichter im Hollywood-Kino überwiegend keine vollkommen unbekannten mehr sind. Tadanobu Asano [→ BATTLESHIP] gibt den Bösewicht reichlich klischeehaft, böse bis ins Mark und stets mit höhnischem Grinsen auf den Lippen. Hiroyuki Sanada [→ LAST SAMURAI] verkörpert Ôishi, den Anführer des Verschwörer-Vereins, der laut Drehbuch eine Zeit lang mit Keanu Reeves im Clinch liegen darf. Rinko Kikuchi [→ PACIFIC RIM] ist als manipulierende Zauberin Mizuki so zuckersüß, dass akute Kariesgefahr besteht. In einer weiteren Rolle als richtenden Shogun Tsunayoshi sieht man Cary-Hiroyuki Tagawa, der sonst überwiegend in B-Ware wie KICKBOXER II unterwegs ist.

47 RONIN scheitert zwar an seiner eigentlichen Ambition, kann in bescheidenerem Maße jedoch durchaus überzeugen. Der optisch überaus reizvolle Ausflug in eine magische Parallelwelt geriet zu einer gesunden Mischung aus asiatischen und amerikanischen Ideen und nötigt einem in seiner doch sehr konsequenten und risikobereiten Zielsetzung einigen Respekt ab. Dass die Computertricksereien dabei nicht restlos überzeugen können, ist gar nicht so tragisch, unterstützt dieses doch, wenn auch vermutlich eher ungewollt, den abstrakten Comicstil. Dass das Projekt jedoch rund 200 Millionen Dollar verschlungen haben soll, lässt jeden kompetenten Kalkulationsplaner mit den Knien schlottern. So ist es keine Überraschung, dass das Werk an den Kassen brutalen Schiffbruch erlitt – noch zuverlässiger lässt sich ein Flop eigentlich kaum programmieren.

Wer die Geschichte der 47 Rōnin kennt, kennt die Geschichte Japans. Interessierte sollten daher zu einschlägiger Literatur greifen. Wer 47 RONIN kennt, kennt immerhin eine weitere Geschichte Hollywoods. Und gar nicht mal die schlechteste.

Laufzeit: 114 Min. / Freigabe: ab 12

Dienstag, 3. September 2013

LONE WOLF - THE SAMURAI AVENGER



SAMURAI AVENGER – THE BLIND WOLF
USA 2009

Regie:
Kurando Mitsutake

Darsteller:
Kurando Mitsutake,
Domiziano Arcangeli,
Jeffrey James Lippold,
Megan Hallin,
Kyle O. Ingleman,
Loren Lutcher,
Mariko Denda,
Aki Hiro



„Traue niemals einem Lügner.“


Inhalt:

‚Blind Wolf‘ nennt sich der blinde Samurai [Kurando Mitsutake], der scheinbar ziellos durch die Gegend zieht. Keiner ahnt etwas von seiner grauenhaften Vergangenheit: Einst führte er ein beschauliches Leben mit Frau und Kind. Doch als er auf den psychopathischen Gewaltverbrecher Nathan Flesher [Domiziano Arcangeli] traf, fand dieses ein jähes Ende: Flesher vergewaltigte und tötete seine Frau und zwang ihn anschließend, sich selbst zu blenden, um wenigstens seiner Tochter noch das Leben zu retten. Unter höllischen Schmerzen stach sich der Mann die Augen aus. Doch der sadistische Gesetzlose tötete das Mädchen dennoch und jagte ihm anschließend drei Kugeln in den Leib. Aber der Mann überlebte. Nach einer langen Zeit der Genesung lässt er sich von einem Mönch zum Kämpfer ausbilden. Sein Ziel ist die Rache, sein Mittel das Schwert. Doch Flesher hat bereits Lunte gerochen und denkt gar nicht darin, sich kampflos umbringen zu lassen. So heuert er eine skurrille Killertruppe an, um Blind Wolf den Garaus zu machen.

Kritik:

Keine Frage: Kurando Mitsutake hat seine Hausaufgaben gemacht! Der von dem filmverliebten Japaner als Autor, Produzent und Regisseur in Personalunion gestemmte Grindhouse-Hybrid LONE WOLF (der im Original, wie seine Titelfigur, eigentlich BLIND WOLF heißt) ist eine feurige Ehrerbietung an die spekulativen Klassiker des Bahnhofskinos der 60er und 70er Jahre. Vom japanischen Samuraifilm über den italienischen Spaghetti-Western bis hin zum chinesischen Kung-Fu-Epos verwurstet sein quietschfideler Genre-Bastard auf spielerische Art und Weise die verschiedensten Einflüsse zu einem handwerklich sauberen Independent-Spektakel, das in weiten Teilen, obwohl ohne große Studiogelder realisiert, sowohl technisch als auch optisch überzeugen kann.

Dafür griff Mitsutake auf ein spätestens seit Robert Rodriguez’ PLANET TERROR und Quentin Tarantinos DEATH PROOF etabliertes Stilmittel zurück und trimmte das Bild mittels Farbfilter absichtlich auf alt und verschmutzt, um es im Anschluss mit scheinbaren (in Wahrheit natürlich gewollten) Schnittstellen, Tonsprüngen und Brandlöchern zu überziehen. Dieses sorgt beim Betrachter nicht nur für wohlige Nostalgiegefühle, sondern dient zugleich auch der gekonnten Kaschierung des schmalen Budgets. Dermaßen zielgerichtet zauberte man dann auch so manch nette Idee aus dem Hut: Bereits zu Beginn weist eine vorgeschaltete Texttafel darauf hin, dass es sich bei der vorliegenden Kopie um eine angeblich rekonstruierte Fassung handele, in welche ehemals geschnittene Gewaltszenen nachträglich wieder eingefügt wurden. Tatsächlich verschlechtert sich dann im weiteren Verlauf bei allzu rabiaten Momenten, von einleitenden Tonaussetzern begleitet, auffallend die Bildqualität. Selbstverständlich ist das lediglich ein Jux und steht beispielhaft für das permanente Augenzwinkern, mit welchem die Geschichte hier an den Mann gebracht wird. 
Eher unvergnüglich gestaltet sich hingegen die Tatsache, dass es hauptsächlich gerade diese Szenen waren, die aus der deutschen Fassung schließlich aus Gründen des Jugendschutzes herausgeschnitten wurden. Mal abgesehen von der Tatsache, dass eine dermaßen überspitzte Comic-Gewalt wahrlich niemanden sozialethisch desorientiert hätte, ist es charakterisierend, dass die Satire an dieser Stelle von der Realität eingeholt wurde. Eine unangetastete deutsche Sprachfassung ist lediglich im Ausland verfügbar.

Da sich LONE WOLF grundsätzlich der gleichen Vorlagen bediente wie bereits KILL BILL, liegt ein Vergleich beider Werke zunächst nahe. Nun ist Kurando Mitsutake allerdings kein Quentin Tarantino, welcher sich zwar ebenfalls ausgiebigst an früheren Vorlagen bediente, dem es als brillanter Geschichtenerzähler jedoch auch immer wieder gelang, aus den geräuberten Elementen etwas ganz Eigenes zu erschaffen. LONE WOLF hingegen krankt an einem denkbar schwachen Drehbuch, dem letztendlich nicht viel mehr einfiel, als seine Titelfigur so lang in der Gegend herumwandern zu lassen, bis sie auf ihren nächsten Gegner trifft – ein Konzept, welches nicht gerade durch übermäßige Raffinesse besticht und recht schnell zu Abnutzungserscheinungen führt. Auch die Macher schienen das bemerkt zu haben, weshalb sie die inhaltlich simple Nummernrevue mit einer Vielzahl an bizarren Gestalten bevölkerten. So stellt sich dem 'Samurai Avenger' nicht nur eine barbusige Hypnosefrau in den Weg, sondern er muss sich auch gegen ein zotteliges Johannes-Heesters-Double erwehren, das mitsamt Krückstock zum Angriff übergeht, sich mit einer Hochschwangeren duellieren, die noch während des Kampfes ihr Kind zur Welt bringt, um schließlich auf einen Haufen garstiger Hexen zu treffen, bevor auch noch eine Horde Zombies ums Eck getaumelt kommt.

Ein deftiges Süppchen rührte Mitsutake hier also zusammen, mit allem drin, was in irgendeiner Weise Freude bereiten könnte. Das Blut fließt dabei in Strömen und sprudelt mit Überdruck aus dem menschlichen Körper, Augäpfel werden zerdrückt, abgetrennte Gliedmaßen stapeln sich in der Landschaft und herausquellende Gedärme werden zurückgeschaufelt in den offenen Leib. Die überwiegend handgefertigten, teilweise auch mit Computeranimation aufgemotzten Effekte sind dabei allerdings auf Anhieb als irreale Faschingsattraktion erkennbar, während die cartoonesken Übertreibungen ihr Übriges tun, um den Grausamkeiten ihren Schrecken zu nehmen.

Eher schwach gerieten die darstellerischen Leistungen: Mitsutake hat es sich nicht nehmen lassen, neben seiner Funktion als Autor, Produzent und Regisseur auch noch die Hauptrolle zu spielen und wirkt vor allem in Momenten, in welchen er Wut, Verzweiflung oder Trauer rüberbringen möchte, leicht überfordert. Und auch seine spätere Coolness erscheint eher aufgesetzt als überzeugend. Da er sich einen Großteil der Zeit jedoch ohnehin unter seinem riesigen Hut versteckt, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht. Domiziano Arcangeli als sein Kontrahent Nathan Flesher wirkt wie Christian Ullmen auf Speed und legt einen völlig übertriebenen Charakter aufs Parkett. Das geht zwar mit dem exzessiven Stil LONE WOLFs durchaus konform, doch hätte man dem Avenger eher einen würdigeren Gegner gewünscht als einen albernen Hampelmann.

Den Eindruck, lediglich ein besserer Amateurfilm zu sein, kann LONE WOLF zudem trotz allem niemals vollkommen abstreifen, fehlt es doch hier und dort schon mal ein wenig an Professionalität. So wirken die zahlreichen Schwertkampfduelle bisweilen etwas unbeholfen inszeniert, und der auf cool getrimmte Moment des Zurückschiebens des Schwertes in die Scheide wird arg überstrapaziert. Auch die Dialoge hätten insgesamt gern etwas pfiffiger sein dürfen. Dennoch geriet Mitsutakes Werk für eingefleischte Exploitation-Freunde zu einer durchaus brauchbaren Zerstreuung. Kann der japanische Regisseur seinem Kollegen Tarantino künstlerisch auch nicht das Wasser reichen, die Liebe zu den Vorlagen spürt man bei ihm ebenso. So können sich Genre-Kenner hier ihre Zeit bestens mit dem Erkennen von Zitaten vertreiben. Das beginnt bereits bei der Hauptfigur, welche eine ziemlich unverhohlene Mixtur aus dem blinden Samurai 'Zatoichi', welcher es zwischen 1962 und 2003 auf satte 27 Kinoeinsätze brachte, und 'Itto Ogami' aus der kaum minder bekannten OKAMI-Reihe darstellt, auf welche der umgestaltete deutsche Titel noch deutlicher Bezug nimmt als der originale (immerhin ist OKAMI auch als LONE WOLF & CUB bekannt). Dean Harada spendierte dem blutigen Geschehen dann noch einen vom Italo-Western inspirierten Soundtrack, der sich, dank E-Gitarre & Co., als leicht modernisierte Form klassischer Melodien präsentiert und geschmeidig ins Ohr geht. Die deutsche Synchronisation hingegen geriet eher durchschnittlich, lässt besonders in den Nebenrollen die nötige Leidenschaft vermissen, während die tiefe Stimme Tilo Schmitz’ in der Hauptrolle etwas zu klischeehaft besetzt wurde. 

‚Sushi-Western‘ nannte Mitsutake seine wilde Mixtur aus Akira Kurosawa, Sergio Leone und Chang Cheh, was eine doch sehr treffende Beschreibung darstellt. Aufgelockert mit ein paar augenzwinkernden Lektionen über den Bushidō, den Ehrenkodex der Samurai, sowie der Demonstration verschiedener Schwertkampf- und Harakiritechniken, dazu angereichert mit etwas nackter Haut und einigen Motiven des Horrorfilms, bietet LONE WOLF einen liebenswert-spaßigen Blutverlust im Wüstensand. Von Genialität zwar weit entfernt, doch mit dem Herzen am rechten Fleck, lohnt sich die Reise des blinden Samurais somit für jeden, der gern im Grind haust.


Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ungeprüft