Eigene Forschungen

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Montag, 29. September 2025

DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER


IL GRANDE COLPO DEI SETTE UOMINI D’ORO
Italien/Frankreich/Spanien 1966

Regie:
Marco Vicario

Darsteller:
Philippe Leroy,
Rossana Podestà,
Gastone Moschin,
Gabriele Tinti,
Giampiero Albertini,
Dario De Grassi,
Manuel Zarzo,
Enrico Maria Salerno



„Das ist doch unmöglich – die Farbe Ihrer Augen kann doch nicht wechseln!“
„Das tut sie immer, wenn ich verliebt bin.“


Inhalt:

Der verbrecherische Vordenker Alfred [Philippe Leroy] und sein kriminelles Komplizen-Kollektiv, die Goldenen Männer, sind wieder in Aktion: In Rom knackt die Räuberbande einen Tresorraum auf altbewährte Art und Weise. Aber dieses Mal hat sie Pech – am Ausgang des Fluchttunnels wartet schon der amerikanische Geheimdienst, um die Gruppe in Gewahrsam zu nehmen. Überraschenderweise ist dieser aber gar nicht primär daran interessiert, die Gauner gesiebte Luft atmen zu lassen. Stattdessen möchte er die Dienste der Bande selbst in Anspruch nehmen. Der Grund: Auf einem südamerikanischen Eiland stiftet ein kommunistischer Extremist [Enrico Maria Salerno] jede Menge revolutionäre Unruhe. Die Goldenen Männer sollen ihn entführen – als Dank winken sieben Millionen Dollar und die Freiheit. Der Deal wird akzeptiert. Als Köder agiert Alfreds verführerische Freundin Giorgia [Rossana Podestà], die sich das Vertrauen des eitlen Umstürzlers erschleicht und ihn in Windeseile um den Finger wickelt. Was noch keiner ahnt: Während Giorgia das Entführungsopfer weichklopft, plant Alfred parallel dazu noch ein eigenes Ding. Im Hafen der Hauptstadt liegt nämlich ein russischer Militärfrachter vor Anker – und in diesem lagern 7000 Tonnen Gold.

Kritik:

Das verschmitzte Bankraub-Intermezzo SIEBEN GOLDENE MÄNNER kam 1965 so gut an, dass das erfolgreiche Septett nur ein Jahr nach seinem ersten Kino-Coup abermals zuschlagen durfte. Dafür wurden keinerlei Kompromisse gemacht und wirklich alle sind wieder mit dabei: Philippe Leroy als affektierter Anführer, Rossana Podestà als die schillernde Frau an seiner Seite und all ihre kauzigen Kumpanen aus aller Herren Länder. Auch hinter der Kamera ändert sich rein gar nichts, weswegen die Fortsetzung zumindest auf personeller Ebene dem Vorgänger alle erdenkliche Ehre macht. Allerdings auch nur auf dieser. Denn die Belegschaft, so kristallisiert sich schnell heraus, ist auch so ziemlich das einzige, was mitgenommen wurde. DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER unterscheidet sich nämlich in nicht unerheblichem Maße vom ersten Teil und geht inhaltlich wie stilistisch eigene Wege. Dabei wähnt sich das Publikum zunächst noch auf vertrautem Terrain, wenn die Ereignisse der ersten Minuten das Original noch bestmöglich rekapitulieren und der einleitende Raubzug abermals mittels Tarnmanöver, Tunnelgebrauchs und technischen Geräts erfolgt. Allerdings gibt dieses Mal nicht etwa Giorgia den Blickfang in der Bankfiliale, wie es erst den Anschein hat, sondern ihr Partner Albert, in fesche Frauenkleider gehüllt, während sie selbst Zigarre schmauchend im Hotelzimmer hockt und Anweisungen gibt. Dieser Rollentausch spielt bereits gekonnt mit der Erwartungshaltung, wenn vertraute Situationen erst erschaffen, dann aber auf links gedreht werden – wie sich die gesamte Fortsetzung ebenfalls weigert, Vertrautes zu servieren.

War Teil 1 bereits dezent unterwandert von den Mechanismen des Agentenfilms, unternimmt Teil 2 fast einen Hechtsprung in eben jenes Metier, wenn die Goldenen Männer plötzlich von der CIA eingespannt werden, um einen unliebsamen Kommunisten-Strolch von einer südamerikanischen Insel zu entführen. Warum davon ausgegangen wird, eine Handvoll Bankräuber seien das perfekte Personal, um einen Revoluzzer hopszunehmen, bleibt dabei völlig schleierhaft. Hat der Geheimdienst keine eigenen Leute für sowas? Was machen die denn beruflich? Jedenfalls ändert dieser Auftrag die Tonart erheblich, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Lief der Coup im Vorgänger noch im Verborgenen ab, bricht sich hier die große und ganz und gar nicht geheime Action bahn. Da werden Fäuste geschwungen, Maschinengewehre leergeballert und Torpedos abgefeuert – von der früheren Filigranität ist nichts mehr übrig, es regiert die grobe Kelle. Gleichzeitig werden auch die Gimmicks zahlreicher, denn kaum eine Aktion verläuft hier ohne bizarre Hilfsmittel. Der Flugrucksack und das Luftkissenboot gehen dabei fast noch als realistisch durch, aber manches Mal wird auch übers Ziel hinausgeschossen, wenn ein Gegner beispielsweise mittels eines fliegenden Boxhandschuhs ins Reich der Träume geschickt wird. Und wenn dann noch der gefangengesetzte Aushilfs-Fidel-Castro an einen funkensprühenden Traumabbildungsapparat angeschlossen wird, gleitet das SUPERDING endgültig in Richtung halbseidenen Science-Fiction-Quatsch ab.

Derlei Albernheiten hätte es wahrlich nicht gebraucht, kratzen sie doch ein wenig am unschuldigen Charme der Show und an dem Eindruck, Autor und Regisseur Vicario würde sein Publikum in ausreichendem Maße ernstnehmen. Den Spaß an der Sache kann das dennoch kaum trüben, denn DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER ist insgesamt doch ein schöner Cocktail geworden, der auch von dem exotischen Insel-Setting profitiert. Die überschaubaren Schauplätze des Erstlings, der überwiegend unter Tage, im Hotel oder in der Bank stattfand, weichen einem bunten Abenteuerspielplatz mit jeder Menge Urlaubsflair, bei dem zudem alle naslang auch noch die Kulisse gewechselt wird. Auch die Verschiebung in Sachen Figurengewichtung muss als gute Idee gewertet werden. Albert, der bei Teil 1 den Ton angab, hält sich hier nämlich eher bedeckt im Hintergrund und überlässt stattdessen seiner Partnerin das Feld, weswegen Darstellerin Rossana Podestà endlich zeigen kann, was sie auf dem Kasten hat. Zwar hat sie lediglich die eigentlich abgestandene Rolle der verhängnisvollen Verführerin inne, aber was sie daraus macht, ist ein wahres Fest. Nahezu jede Szene, in der sie auftritt, beherrscht sie komplett und die Momente, in denen sie „Il Generale Presidente“ fachgerecht um den Finger wickelt, gehören zu den Glanzlichtern der Veranstaltung. Dass ihr Bezirzungsopfer von Enrico Maria Salerno [→ DAS SYNDIKAT] verkörpert wird, macht die Angelegenheit definitiv nicht schlechter. Dieser ist ja eher für seriöse Rollen bekannt und geschätzt, weswegen sein Mitwirken in fröhlichem Unfug wie diesem schon ein kleiner Lacher für sich ist. Den radikalen Revolutionsführer erweckt er als gleichermaßen affige wie naive Machtmenschen-Karikatur zum Leben, wobei das Skript auf tatsächliche politische Stellungnahmen verzichtet.

Was der Fortsetzung fehlt, ist ein klarer Fokus, pendelt die Story thematisch bisweilen doch arg hin und her. Die Nebenepisode, in der die Bande versucht, einen Frachter um seine goldene Ladung zu erleichtern, verträgt sich nicht so recht mit der Entführungsgeschichte, weil beide Handlungsstränge sich gegenseitig immer ein wenig ausbremsen. Auch gehen die titelgebenden Männer, die ja eigentlich Sympathiefiguren sein sollen, bei der Kaperung erstaunlich brutal und skrupellos zu Werke, was nicht wirklich zu dem Eindruck passt, den sie bis dahin hinterlassen haben. Das ist dann wohl ein Nebeneffekt des Fortsetzungssyndroms, des Fluchs, dass beim zweiten Teil immer alles noch ein bisschen lauter, härter und schneller sein muss. Aber da das Superding als Ganzes so fabelhaft comicartig geriet und auch nie selbst damit handert, sind kleinere Ausfälle wie diese verzeihbar. Wie wenig ernstzunehmen die Chose ist, zeigt die Sequenz, in der Giorgia zu einem Geständnis gezwungen werden soll, indem man eine Handvoll Schwarzer Witwen auf sie zu krabbeln lässt. Allerdings sind diese so eindeutig als mechanische Spielzeuge erkennbar, dass man direkt nach den Aufziehschlüsseln auf den Rücken sucht. Passenderweise zeigt sie dann auch nicht die Spur von Furcht, sondern krault einen der tatsächlich ziemlich knuffigen Achtbeiner, als wäre er ein kleines Kätzchen. 

DAS SUPERDING DER SIEBEN GOLDENEN MÄNNER endet mit Szenen aus der Eröffnung des Vorgängers, wodurch wohl symbolisch so eine Art Kreis geschlossen werden soll. Da beide Auftritte der Goldenen Männer so unterschiedlich ausgefallen sind, wirkt das zwar nicht ganz stimmig, aber immerhin garantiert diese Vorgehensweise jede Menge Abwechslung. Wo Teil 1 eine amüsante, überwiegend jedoch seriös aufbereitete RIFIFI-Variante war, wirkt Teil 2 mit seinen zahlreichen Action- und Abenteuerversatzstücken, wie U-Boote, Torpedos, Revoluzzer, Feuergefechte, Tauchgänge und Haiangriffe, wie die inoffizielle Verfilmung eines TIM UND STRUPPI-Bandes. Und das ist wahrlich nicht die schlechteste Referenz.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 22. September 2025

SIEBEN GOLDENE MÄNNER


SETTE UOMINI D'ORO
Italien 1965

Regie:
Marco Vicario

Darsteller:
Philippe Leroy,
Rossana Podestà,
Gastone Moschin,
Gabriele Tinti,
Giampiero Albertini,
Dario De Grassi,
Manuel Zarzo,
Maurice Poli



„Eine winzige Kleinigkeit lässt den besten Plan zum Teufel gehen.“
„Und wenn man selbst der Teufel ist?“

Inhalt:

Albert [Philippe Leroy], ein britischer Gentleman, und dessen Geliebte, die divenartige Giorgia [Rossana Podestà], beziehen gut gelaunt eine luxuriöse Suite in einem Hotel in der Genfer Innenstadt. Kaum unter sich, öffnen sie ihre Koffer und füllen ihr Zimmer mit allerlei Schnickschnack: Radaranlage, Funkgerät – und ein Teleskop. Denn der Ausblick interessiert die beiden brennend. Direkt gegenüber erhebt sich nämlich das Hauptgebäude der „Credit Suisse Bank“. In diesem lagern die größten Goldreserven des Landes. Und dazwischen, gut verborgen zwischen all dem Hochkarätigen, liegt ein Peilsender – deponiert von Giorgia, nachdem der arglose Bankdirektor der attraktiven Frau nur wenige Stunden zuvor Einblick in die Schatzkammern gewährt hatte. Nun wird unten auf dem Vorplatz eine Baustelle errichtet. Sechs Straßenarbeiter nehmen ihre Arbeit auf. Jeder von ihnen stammt aus einem anderen Teil der Welt. Noch bis vor kurzem hat keiner den anderen gekannt. Ihre Vornamen beginnen alle mit demselben Buchstaben: A. A wie „Albert“. Das ist kein Zufall. Denn Albert ist der Kopf des Ganzen. Er rekrutierte die Männer. Er konstruierte den Plan. Und er hält die Fäden in der Hand. Auf sein Zeichen geht es los: Die sechs Komplizen begeben sich in die Tiefe und bahnen sich, per Funk gesteuert von den Anweisungen Alberts, ihren Weg durch die Kanalisation – schnurstracks in Richtung Reichtum.

Kritik:

Der französische RIFIFI (oder, im Original ausführlicher: DU RIFIFI CHEZ DES HOMMES) von 1955 verhalf aufgrund seines Erfolges einem Subgenre des Kriminal- und Gangsterfilms zu plötzlicher Popularität: dem Heist-Movie. Seither versammelten sich immer wieder mal mehr, mal weniger illustre Schauspieler-Ensembles auf der Leinwand, um gemeinsam den perfekten Raub zu begehen. SIEBEN GOLDENE MÄNNER reiht sich da recht nahtlos ein und variert die bekannten Story-Stationen nur rudimentär. Die düstere Noir-Attitüde der Vorlage allerdings weicht hier der beschwingten Lebensfreude der 1960er-Jahre, während die Erzählung selbst mit Elementen und Stilmitteln des damals ungemein angesagten Agentenfilms verknüpft wird. Das läuft wunderbar rund, zum einen, weil Regisseur Marco Vicario [→ DIE NACKTEN STUNDEN] sein Werk voll und ganz im Griff hat, zum anderen, weil das Publikum hier schlichtweg genau das bekommt, was es auch erwartet: die Faszination der Verbrechensplanung, den Nervenkitzel bei deren Umsetzung – und nicht zuletzt, dem Zeitgeist entsprechend, eine gehörige, wenngleich das Szenario nicht erdrückende Portion Humor.

Dramaturgisch geschickt wird der Zuschauer zu Beginn erst einmal ins kalte Wasser geworfen. Die Aktion startet nämlich ziemlich unverzüglich und verzichtet auf deskriptives Vorgeplänkel. Mit Erklärungen wird ökonomisch umgegangen, Personen werden nicht vorgestellt und Zusammenhänge müssen in Eigenverantwortung eruiert werden. Das funktioniert auch deswegen, weil die Autoren (zu denen auch der Regisseur selbst gehört) eine gewisse Vorerfahrung seitens des Publikums voraussetzen können – die Konventionen sind schließlich geläufig und für welches Genre die Eintrittskarte gelöst wurde, sollte ebenfalls bekannt sein. Worum es geht und wie genau der Plan aussieht, erschließt sich einem somit erst Stück für Stück, auch mittels mehrerer Zeitsprünge in vergangene Ereignisse. Wahnsinnig originell oder gar kompliziert ist das Vorhaben nun allerdings nicht und auch in puncto Glaubwürdigkeit müssen einige Abstriche gemacht werden. Aber darauf kommt es eigentlich gar nicht an: Im Mittelpunkt steht nicht der schnöde Realismus, sondern elegante Kino-Unterhaltung mit einer gesunden Dosis mondänen Flairs, das mit nahezu diebischer Freude zelebriert wird. Schon der Auftakt stellt die Weichen: Noch während die beschwingte Titelmelodie läuft, schäkern Philippe Leroy [→ MILANO KALIBER 9] als „Albert“ und Rossana Podestà [→ DAS SCHLOSS DES GRAUENS] als Giorgia in der schicken Limousine und scheinen dabei Steed und Peel aus MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE Konkurrenz machen zu wollen.

Dieser feinen Herausgeputztheit steht das harte Handwerk gegenüber, für das die sechs weiteren Goldenen Männer zuständig sind, die natürlich gar nicht golden sind, sondern die orangefarbenen Overalls der städtischen Straßenarbeiter tragen. Während Albert und Giorgia im Hotelzimmer die Nobelhobel geben und den Einsatz akribisch durchorchestrieren, simuliert der Rest der Belegschaft in besagter Tarnung die Umsetzung akuter Baumaßnahmen, während er sich eigentlich – stets per Funk mit der „Kommandozentrale Luxussuite“ verbunden – durch das unterirdische Tunnelsystem den Weg zum Tresorraum der nahgelegenen Bankfiliale bahnt. Die technischen Spielereien, die dabei aufgefahren werden, manövrieren das charmante Gaunerstück entschieden in Richtung Spionage-Krimi; neben recht profanen Dingen wie Sprengstoff, Betonbohrern und Förderbändern kommen auch Peilsender sowie Radaranlagen oder versteckte Kameras zum Einsatz. Geht es dabei anfangs noch recht gemächlich zu, steigen Tempo und Dramatik spürbar, je mehr sich der zugrundeliegende Plan herauskristallisiert und je vertrauter einem die Figuren werden. Denn dass der Coup nicht ohne Komplikationen abläuft, liegt in der Natur der Sache – und des Skripts, das natürlich redlich bemüht ist, möglichst viele spannungsfördernde Stolpersteine unterzubringen. Und so treiben neugierige Polizisten, versiegende Luftzufuhr oder außerplanmäßige Wachmannanwesenheiten die Pulsschläge der Protagonisten zwischenzeitig tüchtig nach oben.

Dass der Bruch dennoch gelingt, ist ebenfalls keine Überraschung – SIEBEN GOLDENE MÄNNER folgt dann doch zu sehr den Regeln des Reißbretts, um das Rad neu zu erfinden. Und natürlich geht nach erfolgreichem Abschluss der Aktion das große Behumsen los: Jeder will plötzlich die Beute für sich und auf die einstige Kameradschaft wird ein goldener Haufen gesetzt. Das geschieht allerdings erst nach gut einer Stunde – so lange dauert es nämlich, bis die Barren ins Trockene gebracht sind. Leider bricht damit die Nervenkitzelkurve auch ein wenig ein. Vor allem das Finale zieht sich doch ziemlich und geriet auch generell eher unbefriedigend. Dem positiven Gesamteindruck freilich kann das nichts anhaben – zumal im letzten Drittel, nachdem sie zuvor in erster Linie als Blickfang eingesetzt wurde, auch endlich die Frau an der Seite der sieben Goldjungs charakterlich an Profil gewinnen darf. Rossana Podestà war die Gattin des Regisseurs, der ihre Ausstrahlung gekonnt in Szene zu setzen wusste. So steckt sie bei nahezu jedem ihrer Auftritte in einem neuen extravaganten Kostüm, trägt die imposanteste Perückenpracht spazieren und die verruchteste Brillenmode zur Schau, bevor sie sich im halbtransparenten Catsuit grazil auf der Couch lümmelt. Dass sie weitaus mehr auf dem Kasten hat, als durch Liebreiz zu glänzen, und ihre Rolle über die des attraktiven Anhängsels hinausgeht, beweist sie vergleichsweise spät, aber dafür umso eindrücklicher.

SIEBEN GOLDENE MÄNNER mag RIFIFI als Blaupause nutzen, besitzt jedoch genügend eigene Qualitäten, um aus dem Schatten des Vorbilds herauszutreten. Der spitzbübische Humor ist wohldosiert und schwebt eher als ironischer Unterton über dem Geschehen. Zugleich setzt die Inszenierung gezielt auf Kontraste: hier das Schwelgen in der luxuriösen Umgebung von Schalterhalle und Hotelzimmer, dort die Ungemütlichkeit des Untergrunds mit all seinen Rohren, Gängen und Ungastlichkeiten. Nicht jeder Einfall zündet gleichermaßen: Dass alle Männer namentlich mit „A“ beginnen und aus unterschiedlichen Ländern stammen, ist ein Gimmick, das eher redundant wirkt. Zumindest in der deutschen Fassung mutet Philippe Leroy als Anführer mit seiner verschliffenen Artikulation und den englischsprachigen Einschüben auch weniger wie ein Brite an, denn eher wie jemand, der sich gleich nen Tex-Mex-Burger mit doppelt Zwiebeln bestellen wird. Im Gegenzug dazu wurde in der Synchronfassung unterschlagen, dass eigentlich auch ein Deutscher zu den Goldenen Männern gehört – wahrscheinlich, weil dieser im Original den originellen Namen „Adolf“ trägt, der ja dezent vorbelastet ist. In der deutschen Fassung heißt er nun „Arturo“ und soll vermutlich einen Italiener darstellen. Für gute Laune sorgt zusätzlich die musikalische Untermalung, ein flauschiger Klangteppich, der ganz im Sinne des Zeitgeists gewoben wurde: locker-leichter Jazz, Bossa-Nova-Einflüsse und fröhlich gepfiffene Melodien, dazu lässige Orgel- und Trompetenklänge. All das in einem Kessel miteinander verschmolzen, macht aus den Goldenen Männern am Ende glänzende Unterhaltung. Das Publikum sah das wohl ähnlich – weswegen sie im Folgejahr gleich für einen neuen Coup zurückkehren durften.

Laufzeit: 91 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 15. September 2025

DER TODESRÄCHER VON SOHO


DER TODESRÄCHER VON SOHO
BRD 1972

Regie:
Jess Franco

Darsteller:
Fred Williams,
Horst Tappert,
Barbara Rütting,
Elisa Montés,
Siegfried Schürenberg,
Rainer Basedow,
Wolfgang Kieling,
Jess Franco



„Hallo! Hier spricht Edgar Wallace … sein Sohn.“


Inhalt:

In London mordet es sich immer noch am schönsten. Dieser Auffassung ist zumindest ein mysteriöser Messerwerfer, der seine Klingenschleuderkunst dazu missbraucht, ein paar Herren in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Zuvor packt der Killer seinen Opfern aber jedes Mal noch die Koffer. Inspektor Redford [Fred Williams] versteht die Welt nicht mehr und sein Freund, der Krimi-Autor Charles Barton [Horst Tappert], der sich mit Rätseln aller Art beschäftigt, ist ihm ebenfalls keine Hilfe. Eine vage Spur führt den Ermittler schließlich zu dem undurchsichtigen Dr. Bladmore [Siegfried Schürenberg] und dessen Assistentin Helen [Elisa Montés].

Kritik:

Kino-Krimi-Kundigen dürfte der Inhalt entfernt bekannt vorkommen. Die ausgetauschten Namen täuschen nicht darüber hinweg, dass hier lediglich der gut 10 Jahre zuvor entstandene DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER neu geschnürt wurde. Sinn und Zweck der Aktion sind durchaus streitbar, zumal die vorherige Verfilmung gut goutierbar war und diese Neuinterpretation ihr nichts Nennenswertes hinzuzufügen hat. Interesse weckt sie dann auch in erster Linie als Anschauungsobjekt dafür, wie unterschiedlich sich ein und dieselbe Story interpretieren und inszenieren lässt. Denn obwohl DER TODESRÄCHER VON SOHO seinem Vorgänger erstaunlich dicht folgt, teils bis in den Dialog hinein, ist seine Wirkung doch völlig anders. War schon das Original nicht unbedingt ein Musterbeispiel stringenten Erzählens, gleicht die Präsentation hier durch das Weglassen oder zu lapidare Abhandeln von Informationen zeitweise einem Puzzle mit fehlenden Teilen. Beinahe publikumsverachtend springt man ziellos von Ort zu Ort, von Person zu Person, von Zeile zu Zeile, und erzählt dabei nur scheinbar eine Geschichte. In Wahrheit aber irrlichtern konturlose Gestalten wie Gespenster durch die Gegend und suggerieren eine nicht vorhandene Bedeutung, ohne dabei einen Hauch von Halt oder Orientierung zu bieten. Gelegenheiten, Einzelszenen spannend zu gestalten, wurden dabei fast konsequent in den Wind geschlagen.

Wer einen flüchtigen Blick auf den Namen des Regisseurs wirft und sich ein wenig im europäischen Bahnhofskino der damaligen Zeit auskennt, wird vermutlich nicht groß staunen: Dem Spanier Jess Franco, der eigentlich Jesús Franco Manera hieß, ging es eigentlich nie um die Einhaltung dramaturgischer Konventionen, sondern um das Kreieren von Stimmungen. Oft mit surrealer Note versehen und nicht selten unter prekären finanziellen Bedingungen entstanden, meist unter Zuhilfenahme populärer Zutaten wie Nacktheit, Kunstblut und unmoralischem Gebaren. Gerade deswegen verwundert es, dass man die Chance, veränderten Sehgewohnheiten Tribut zu zollen, überwiegend ungenutzt ließ. Das Original war, den Zeitumständen geschuldet, nämlich eigentlich viel zu brav und schrie regelrecht nach einer reißerischen Aufarbeitung. Brutale Messermorde, Wahn und Suizid im Drogenrausch, verruchte Tanzlokale auf sündigen Meilen ... Eigentlich ein Heimspiel für den Regisseur, der sich seine Lorbeeren in diesen Bereichen längst verdient hatte. Ausgerechnet hier legte er jedoch eine ungewöhnliche Zurückhaltung an den Tag. Immerhin führt der Weg einmal in die berühmte „Flamingo-Bar“, die nur deswegen so berühmt ist, weil sie andauernd in Jess-Franco-Filmen erwähnt und/oder besucht wird. Da sitzen die Herr- und Damschaften dann immer ganz gesittet, als befände man sich nicht etwa in einer miesen Spelunke, sondern im vornehmen Opernhaus, und schauen zu schwofeligem Saxophongesäusel dem Mädchen der Saison minutenlang beim mal mehr, mal minder rythmischen Ablegen der Abendgarderobe zu. Aber nicht einmal das wird hier vollends ausgespielt, wendet sich die Kamera doch fast schamhaft von der Bühne ab, bevor die Show überhaupt erst so richtig beginnt. 

Das ist umso rätselhafter, da es offensichtlich nie das Ziel war, sich als anspruchsvolle Unterhaltung zu tarnen. DER TODESRÄCHER VON SOHO ist bis ins Mark durchdrungen von den typischen Schmuddel-Schwingungen des damaligen Bahnhofskinos, vor allem manifestiert in seinem schäbigen Look, der stark von Schauplätzen wie düsteren Hinterhöfen und ungastlichen Gässchen geprägt ist. Um den tristen Örtlichkeiten doch noch ein bisschen Leben einzuhauchen, lichtete sie Kameramann Manuel Merino Rodríguez [→ DIE SIEBEN MÄNNER DER SUMURU] oftmals im Weitwinkelmodus und aus ungewöhnlichen Perspektiven ab. Das Ergebnis sind unwirkliche, teils (alp-)traumhafte Bilder, die an den deutschen Expressionismus erinnern. Zwar wirkt der Einsatz eher willkürlich, statt wirklich Teil eines künstlerischen Konzepts zu sein. Dennoch bleibt die Bildgestaltung der einzige Aspekt, der zumindest im Ansatz den Anschein von Ambition vermittelt. Da begeben sich die Protagonisten schonmal zwischen zwei Spiegel, um einen sehnervverwirrenden Blick in die Unendlichkeit zu ermöglichen. Ins Auge stechen des Weiteren eine kurze visuelle Hommage an Alfred Hitchcocks VERTIGO sowie das Finale, wenn der Schurke versucht, der Justiz durch einen Tunnel zu entkommen – Bilder, die für den Bruchteil einer Sekunde an ähnliche Augenblicke aus dem Klassiker DER DRITTE MANN erinnern. Dass der Ort je nach Einstellung völlig anders ausgeleuchtet ist und Licht und Schatten sich dabei fröhlich die Klinke in die Hand geben, beweist dann allerdings wieder die generelle Gleichgültigkeit, mit der man hier zu Werke ging.

Die Besetzungsliste wird angeführt von Horst Tappert [→ PERRAK] als rotzigem Privatermittler mit Selbstjustiz-Allüren. Horst tappert trantütig durch die kargen Kulissen und lässt dabei keine Identifikationsmöglichkeit zu – zumal die Hintergründe seiner Figur über weite Strecken im Dunkeln bleiben. Ähnlich verhält es sich mit dem von Fred Williams [→ SIE TÖTETE IN EKSTASE] verkörperten Inspektor Redford, der laut Skript ein gewitzter Kriminalist sein soll. Aber anstatt zu ermitteln und logische Schlussfolgerungen zu ziehen, markiert er lieber den Schürzenjäger, taumelt ziellos durch die Gegend und trifft Entscheidungen, die schlichtweg nicht nachvollziehbar sind. Zwar gelingt es ihm am Ende, den Täter zu stellen, aber das ist eher dem Zufall als seinem Spürsinn zu verdanken. Insgesamt ist seine Rolle so überflüssig, dass man ihn auch gleich ganz aus dem Spiel hätte lassen können. Siegfried Schürenberg ist dem Krimifilmfan noch gut bekannt als Sir John von Scotland Yard aus der klassischen Edgar Wallace-Reihe, erstmals 1962 in DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN. Hier spielt er als zwielichtiger Arzt eine völlig andere Rolle, zwar gewohnt routiniert, sich aber sicherlich auch fragend, was das eigentlich alles soll. Perlen vor die Säue warf man mit Elisa Montés [→ DJANGO – DER RÄCHER], die in ihrer ersten Szene sehr charmant und schlagfertig eingeführt wird, später aber wirklich nur noch flennen und sich retten lassen darf. Für die humoristische Note sorgt Luis Morris [→ TODESMELODIE] als Fotograf, der laufend Sätze vom Stapel lässt wie „Ach, wie wunderbar sind doch des Schicksals Fügungen“. Die Figur kommt in der Kritik im Allgemeinen schlecht weg, ist aber tatsächlich ganz witzig und um Lichtjahre besser als ihr von Chris Howland gespieltes Pendant im originalen DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER. Und auch Regisseur Jess Franco [→ SADISTEROTICA] selbst gibt wieder einen Gastauftritt als „Messerexperte“ (ein schöner Beruf!), der allerdings nichts Nennenswertes beisteuert.

Gedreht wurde offenbar in Spanien – oder war es doch Portugal, wie von Jess Franco selbst einmal behauptet? Sicher ist nur: London war es nicht, auch wenn das Drehbuch unermüdlich darauf besteht. Allerdings gaben sich die Macher nicht einmal für fünf Pfennige die Mühe, eine überzeugende Illusion aufzubauen, was für ein maximales Desinteresse spricht, eine glaubhafte Welt zu servieren. Natürlich wäre es ein Leichtes, den Schwarzen Peter dafür dem Regisseur zuzuschieben, aber damit machte man es sich etwas zu einfach. Denn auch den Produzenten war offenbar nicht daran gelegen, ihrem Publikum etwas Brauchbares zu bieten. Hauptsache, auf der Leinwand bewegt sich was und der Name „Bryan Edgar Wallace“ (von dem stammt die Romanvorlage) steht als Lockmittel auf dem Plakat. Stand die "Wallace"-Marke gut zehn Jahre zuvor noch für eine gewisse (sogar stilbildende) Sorgfalt, kann davon hier nun wahrlich nicht mehr die Rede sein. Der schluderig zusammengeschusterte DER TODESRÄCHER VON SOHO ist für eine Massenbegeisterung völlig ungeeignet und nahezu ausschließlich für Fans der verschrobenen Eigenarten des Regisseurs von Interesse. Denn wie so oft bei Franco treffen visuelle Finesse und skurrile Einfälle auf einen (vermeintlichen) Dilettantismus, was einen durchaus faszinierenden Effekt erzielt. Wenn sich dazu noch Dialoge gesellen wie „Was wollen Sie?“ – „Ich möchte Sie heiraten!“ – „Ich hab heute meinen Quarktag und an meinem Quarktag heirate ich nie“, läuft ohnehin fast jede ernsthafte Kritik ins Leere.

Wer sich für die Lösung des Rätsels um die gepackten Koffer interessiert, der muss sich nach Auslaufen des Abspanns übrigens die letzten Minuten der älteren Verfilmung zu Gemüte führen. Die hat man hier nämlich schlichtweg vergessen. Dabei hätte man bei der Gelegenheit auch gleich mal klären können, warum überhaupt die ganze Zeit von Koffern die Rede ist, obwohl es doch offenkundig Reisetaschen sind.

Laufzeit: 81 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 8. September 2025

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER


DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER
BRD 1962

Regie:
Werner Klingler

Darsteller:
Joachim Hansen,
Senta Berger,
Hans Reiser,
Leonard Steckel,
Chris Howland,
Peter Carsten,
Helga Sommerfeld,
Stanislav Ledinek



Ruhig, Brauner? Von wegen! Nachdem die Rialto-Film-GmbH mit ihren auf Vorlagen des britischen Autors Edgar Wallace basierenden Grusel-Krimis ab 1959 unerwartete Erfolge einheimsen konnte, zögerte die Konkurrenz nicht lang. Auf der Suche nach weiterem gewinnträchtigem Material stieß Produzent Artur Brauner auf den Filius des prominenten Vielschreibers, der sich ebenfalls als Verfasser schauriger Verbrechensgeschichten verdingte und dessen Name praktischerweise nur eine Silbe länger war: Bryan Edgar Wallace. Brauner sicherte sich nicht nur die Verfilmungsrechte an dessen Storys, sondern auch die Erlaubnis, eigene Stoffe unter dem Wallace-Banner vertreiben zu dürfen. Schon das zeigt, dass Inhalte hier gar nicht so wichtig waren – entscheidend war die Marke. Und tatsächlich klebte der findige Geschäftsmann das Wallace-Etikett in den Folgejahren auch auf eingekaufte Produktionen, die mit dem angeblichen Verfasser nicht das Geringste zu tun hatten. DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER, das erste Werk dieser neuen Reihe aus dem Jahre 1962, trägt das Siegel jedoch noch zurecht, denn es handelt sich tatsächlich um die Adaption einer Geschichte des berühmten Sohnes, die dem Vorbild wenig überraschend inhaltlich wie stilistisch bestmöglich nacheifert.

Inhalt:

Scotland Yard ist in Aufruhr. Schon mehrere Geschäftsmänner wurden per Dolchwurf hingerichtet. Das Mysteriöse: Der Mörder nahm sich jedes Mal die Zeit, seinem Opfer zuvor noch den Koffer zu packen. Wer seine Siebensachen verschnürt vorfindet, muss mit seinem baldigen Ableben rechnen. Inspektor Finch [Joachim Hansen] und sein Vertrauter, der Kriminologe Curtis Humphrey [Hans Reiser], versuchen gemeinsam, das Rätsel zu lösen, tappen aber überwiegend im Dunkeln. Eine vage Spur führt schließlich zur Praxis des ominösen Dr. Bransby [Leonard Steckel], der sich zunächst verdächtig macht, die Bedenken aber auch schnell wieder zerstreuen kann. Dafür lernt Finch bei dem Besuch die attraktive Arzthelferin Susan Brown [Senta Berger] kennen, auf die er auch prompt ein Auge wirft. Die junge Frau stammt aus den Vereinigten Staaten und ist erst kürzlich nach London gereist, um ihren Bruder zu suchen, der vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist.

Kritik:

Es ist erahnbar: Natürlich hängen beide Fälle zusammen, wie hier ohnehin fast alles auf teils abenteuerliche Weise miteinander verknüpft ist. London ist groß, die USA sind es ebenfalls, aber am Ende ist trotzdem jeder irgendwie mit jedem verbandelt. Plausibel ist das nicht und inhaltlich kommt man laufend vom Hölzchen aufs Stöckchen. Zur Mörderhatz gesellt sich alsbald die Brudersuche und ähnlich hurtig befindet man sich unversehens in der halbseidenen Welt des Drogenhandels, alles dargeboten im Gewande des naiven Groschenromans und gespickt mit abstrusen Zufällen und haarsträubenden Ideen. Das erfindet das Wort „Aufregung“ gewiss nicht neu, ist aber schon mit sicherer Hand und Gespür für Atmosphäre umgesetzt. Speziell die Mordsequenzen sind stimmig arrangiert und bedienen sich mehrerer reißerischer Elemente, die erst später durch den italienischen Giallo kultiviert wurden, wie das schwarze Handkleid des Täters oder das effektive Aufblitzen der Klinge kurz vor der Tötung. Dass die panischen Opfer noch so sehr die Beine in die Hand nehmen können, vom Meuchler dennoch stets wider jede Logik eingeholt werden, nimmt sogar bereits den Slasher vorweg. Gegen Berufspsychopathen wie Michael Meyers oder Jason Vorhees hatten später ja nicht einmal professionelle Marathonläufer den Hauch einer Chance. Mit Maskierungen oder ähnlichen Gruselelementen hielt man sich hier ansonsten allerdings zurück, was fast ein wenig schade ist. Das hätte der allgemein eher dröge servierten Suppe zumindest noch etwas Salz hingefügt.

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER spielt zwar – mit Ausnahme weniger Minuten – in London, doch wie bei der Konkurrenz von Rialto wurden nur ein paar Stadtimpressionen tatsächlich in Großbritannien gedreht, der Rest wurde in Berlin in den Kasten gekurbelt. Die Übergänge funktionieren dabei erstaunlich gut, zumal man sich einige Mühe gab, die Illusion aufrechtzuerhalten. Wer ein paar der Orte kennt, dem zieht’s dennoch hin und wieder die Mundwinkel gen Himmel, wenn die Straßen Spandaus mit britischem Fuhrpark und Linksverkehr zweckentfremdet werden. Ein kurzer erzählerischer Abstecher in die USA, genauer gesagt in die dortige FBI-Zentrale, sollte vermutlich noch mehr Internationalität vortäuschen – nötig gewesen wäre er allerdings nicht. Die Informationen, die Hauptfigur Finch dort bekommt, hätte er ebenso gut per Telefon erfragen können. Gewiss, in der Realität wäre das nahezu unmöglich. Aber in der hier entworfenen Fantasiewelt sind Hindernisse wie Datenschutzbestimmungen und geheimdienstliche Regelwerke schlichtweg nicht existent. Da reicht ein kurzer kumpelhafter Bürobesuch unter Männern und schon wird das benötigte Material gönnerhaft aus dem Ärmel geschüttelt. Aus dramaturgischer Sicht äußerst schwach ist allerdings, dass Finch seine neu gewonnenen Erkenntnisse dann gar nicht nutzt. Und das auch nicht zum ersten Mal: Bereits zuvor erfuhr er aufgrund eines völlig bekloppten Zufalls, dass eine Person aus seinem Umfeld nicht so unschuldig ist, wie es scheint. Doch anstatt den Verdächtigen zur Rede zu stellen, Vorgesetzte einzuweihen oder zumindest weitere Untersuchungen einzuleiten, unternimmt er – nichts. Er lässt die Dinge einfach laufen, bis am Ende alle Fäden automatisch zusammenführen und die Sache sich von selbst auflöst.

Das zeigt, wie wenig Wert darauf gelegt wurde, dem Publikum eine durchdachte Geschichte zu präsentieren. Stattdessen verließ man sich auf bewährte Versatzstücke und lieferte routinierten Dienst nach Vorschrift. Da die Umsetzung in kompetenten Händen lag, ist das Ergebnis zumindest auf formaler Ebene vorzeigbar. Besonders die teils wunderschönen Schwarz-Weiß-Kompositionen von Kameramann Richard Angst [→ DAS INDISCHE GRABMAL] stechen ins Auge. Aufgrund vertraglicher Verpflichtungen konnten die Produzenten allerdings nicht auf die versierten Schauspieler der Rialto-Reihe zurückgreifen – prominente Gesichter wie Joachim Fuchsberger, Karin Dor oder Eddie Arent sollten fest mit dem „Original-Wallace“ verbunden bleiben. Im Nachhinein ist das durchaus als Vorteil zu werten, da hier einmal ein paar andere Gestalten die Gelegenheit bekommen, durch Nacht und Nebel zu ziehen. Als ermittelnder Inspektor gibt sich Joachim Hansen [→ PERRY RHODAN – SOS AUS DEM WELTALL] die Ehre. Er spielt solide, doch fehlt es ihm ein wenig an weltmännischer Kaltschnäuzigkeit. In seinen unvorteilhaftesten Momenten wirkt er wie ein öliger Schlagersänger, der seine schmierigen Flossen nicht bei sich behalten kann. Ziel seiner oft aufdringlichen Annäherungsversuche ist die ahnungslos in den Fall verstrickte Arzthelferin Susan Brown, die von Senta Berger [→ SHERLOCK HOLMES UND DAS HALSBAND DES TODES] wacker verkörpert wird, obwohl sie ihrem offensichtlichen Vorbild Karin Dor nicht das Wasser reichen kann. Für die (zweifelhafte) Komik sorgt Chris Howland [→ SADISTEROTICA], der als „Geräuschjäger“ mit Tonbandgerät und Mikrofon durch die Szenerie schleicht – und dabei zufällig immer genau dort auftaucht, wo gerade etwas passiert. Im echten Leben wäre das hochverdächtig und würde mit Untersuchungshaft enden, hier soll es ein Witz sein. Was noch fehlt, ist eine echte Type vom Schlage eines Klaus Kinski. Zumindest im Ansatz übernimmt diese Funktion Zeev Berlinsky [→ DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE] als Kleinganove, der zu Beginn versucht, den von Hans Reiser [→ DER WÜRGER VON SCHLOSS BLACKMOOR] dargestellten Kriminologen Humphrey zu erpressen. Strotzend vor Selbstbewusstsein steht er in dessen Wohnung und konfrontiert ihn mit seinem Vorhaben. Doch als dieser den Spieß umdreht und ebenfalls mit brisantem Wissen über sein Gegenüber aufwarten kann, sieht der verhinderte Verbrecher seine Felle davonschwimmen und verlässt das Zimmer kleinlaut und Entschuldigungen murmelnd wieder auf dem Wege, auf dem er bereits gekommen war: durchs Fenster.

Zum Glück gibt es mehrerer solcher gelungenen Momente, die stets als gesundes Gegengewicht zu den weniger geglückten dienen können. Zu letzteren zählt neben den gewohnt ungelenk umgesetzten Keilereien auch die Szene, in der eine Frau sich in Todessehnsucht vom Dach stürzt, was aber keine Sau zu kümmern scheint, denn als sie am Fenster vorbei segelt, geht das Leben in der Bar ganz normal weiter als wäre nichts gewesen. Monty Python machte später aus der Nummer einen Sketch. Die Dialoge haben derweil oft durchaus Pfiff und die jazzige Musik von Gert Wilden [→ KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI] verleiht dem Geschehen anständigen Schwung. Ernüchternd ist nur, wie gleichgültig den Autoren ihre eigene Story war, deren Auflösung extra im Eilverfahren abgefrühstückt wird, damit man gar nicht erst die Zeit hat zu bemerken, dass hier kaum etwas Sinn ergibt. Ein Ereignis, das Verschwinden einer Reisetasche vom Tatort, um das zuvor ein Riesen-Brimborium gemacht wurde, wurde vom Skript dann sogar vollkommen vergessen und somit gar nicht mehr aufgeklärt. Und dann wäre da noch der große geheimnisumwitterte Aufhänger: die Koffer, die der Killer seinem Kanonenfutter noch bereitstellt, bevor er zur Tat schreitet. Am Ende ist es dann tatsächlich nicht mehr als eben das: ein Aufhänger, ein Köder fürs mysteriumaffine Publikum, der ziemlich hurtig keine Rolle mehr spielt und dessen (natürlich ebenfalls hanebüchene) Erklärung final in einem Nebensatz heruntergerattert wird. Ein bisschen mehr hätten Brauner & Co. ihrem Publikum beim Imitieren schon zutrauen dürfen.

Laufzeit: 81 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 13. Juni 2025

BROTHERS FROM THE WALLED CITY


SENG ZAAI CEOT LAI ZE
Hongkong 1982

Regie:
Lam Nai-Choi

Darsteller:
Chin Siu-Ho,
Phillip Ko Fei,
Johnny Wang Lung-Wei,
Liu Lai-Ling,
Wong Ching,
Kwan Hoi-San,
Pak Man-Biu,
So Hang-Suen



Shaw Brothers-Produktionen bringen die meisten wohl spontan mit aufwändigem Kung-Fu-Krawall in Verbindung, manch einer vielleicht auch noch mit Grusel-Gulasch oder Monster-Mumpitz. BROTHERS FROM THE WALLED CITY allerdings, obwohl vom Titel her eigentlich prädestiniert für eine weitere Heldenreise wackerer Kampfkunst-Recken, bespielt ein Genre, das in diesem Kontext wohl die wenigsten auf dem Zettel haben: das Großstadt-Drama. Gut, völlig neu ist die Thematik freilich nicht – immerhin begab man sich dafür ins Gangster-Milieu, in dem zuvor bereits viele Action-Auswüchse des Anbieters angesiedelt waren. Aber dieses von Regisseur Lam Nai-Choi auf den Weg gebrachte Werk verzichtet auf unrealistische körperbetonte Kinetik und setzt stattdessen auf eine stark dokumentarisch angehauchte, trockene Authentizität – nicht unähnlich der Idee des New Hollywoods, das mit seinen ambivalenten Enden, komplexen Charakteren und gesellschaftlichen Themen mit starren Konventionen brach. New Hongkong sozusagen.

Inhalt:

Xiao [Ha Wai-Hong] und Da [Lee Kim-Chung] wachsen unter prekären Bedingungen auf: In den Straßen der Walled City Kowloons verleben sie eine wilde Kindheit zwischen Chaos und Kriminalität. Ihre Welt gerät ins Wanken, als ihr Vater Chan [Kwan Hoi-San] von einem Drogensüchtigen eine Klinge in den Leib gestoßen bekommt und vor ihren Augen verstirbt. Als Heranwachsende kommen beide nicht mehr recht in die Spur. Trotz des Zuredens seines älteren Bruders, gerät vor allem Xiao [jetzt: Chin Siu-Ho] immer mehr außer Kontrolle, wagt gefährliche Mutproben und rebelliert gegen alle Regeln. Versehentlich legt er sich dabei auch mit dem Triadenmitglied Yi Ching [Wong Ching] an – ein Konflikt, der sich immer weiter zuspitzt. Als Xiaos Freundin Mei Ling [Liu Lai-Ling] schwanger wird, heizt ihr Vater, der jähzornige Officer Cheung [Johnny Wang Lung-Wei], die Situation noch weiter an. Verzweifelt versucht Da [jetzt: Phillip Ko Fei], die kommende Katastrophe abzuwenden.

Kritik:

Grob und ungeschliffen, fern der filigranen Kunstfertigkeit vieler anderer Shaw Brothers-Beiträge, gleicht BROTHERS FROM THE WALLED CITY einem düsteren Sozial-Krimi, der von entwurzelten Menschen erzählt, von ihrem Ringen darum, im Leben Fuß zu fassen, um am Ende doch nur Gefangene ihrer Welt zu bleiben, sei es durch äußere Umstände oder innere ZwängeXiao und Da, die beiden Brüder, die den Titel schmücken dürfen, fungieren als Symbolfiguren dieser Situation und werden daher vom Skript ausführlich beleuchtet. Der Prolog, in dem sie im Kindesalter ihren Vater verlieren, fällt dabei recht lang aus, bedenkt man, dass diese Ereignisse für den weiteren Verlauf eigentlich keine Rolle mehr spielen. Zugleich ist das auch der einzige Abschnitt, der tatsächlich in der Kowloon Walled City spielt, jenem von der Außenwelt abgeschotteten, von Gesetzlosigkeit beherrschten und dicht an dicht besiedelten Mikrokosmos, der noch bis in die 1990er-Jahre existierte. Eingemauert bleiben sie dennoch, die Titelhelden, auch im Erwachsenenalter, als ihnen – zumindest rein theoretisch – alle Türen offen stehen. Die These, dass Umfeld und Herkunft sowohl den Charakter prägen als auch den Lebensweg bestimmen, die Figuren also von Anfang an keine Chance haben, dem Strudel der Gewalt jemals zu entkommen, wird dabei zwar niemals explizit aufs Brot geschmiert, aber steht natürlich im Raum.

Vollends überzeugend wirkt diese Vermutung freilich nicht, gefällt sich der jüngere Bruder, Xiao, als Heranwachsender doch überwiegend als infantiler Lausbub, der seinen Mitmenschen launige, teils auch schmerzhafte Streiche spielt, ohne dass dafür ein Anlass erkennbar wäre. Da sich die Aktionen zwar nicht ganz, aber doch so ungefähr auf dem Niveau deutschen 1960er-Jahre-Pennälerklamauks befinden, konterkariert das doch einigermaßen die angestrebte Dramatik. Ausschlaggebend für die andauernde Abwärtsspirale ist dann, dass Xiao dabei versehentlich auch ein Triadenmitglied brüskiert, das diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen möchte. Kaum weniger unreif als sein Gegenüber, zettelt der Verunglimpfte daraufhin eine Retourkutsche an – der Beginn eines kleinkarierten Rache-Reigens, der sich so weit hochschaukelt, bis er alle Beteiligten in den Abgrund reißt. Das scheint ein wenig bemüht: Warum sollte sich ein aufstrebender Gangster von einem Dumme-Jungen-Streich derart aus der Fassung bringen lassen, dass bald sein gesamter Alltag davon dominiert wird? Sonst keine Sorgen? Am Ende steht die Erkenntnis, dass wohl gar nichts Schlimmes passiert wäre, hätten sich alle Anwesenden einfach mal ein bisschen zivilisierter benommen – was dem postulierten Ansatz des Umweltdeterminismus dezent widerspricht. Auch wirkt vieles konstruiert und zurechtgebogen, um das Drama überhaupt erst in Gang zu bringen und halten zu können. Dazu gehört auch der fast schon übertrieben gehässig gezeichnete Officer Cheung (Wang Lung-Wei aus DER SHAOLIN-GIGANT), dessen Missgunst und Niedertracht nicht so recht nachvollziehbar erscheinen – immerhin ist er Polizist.

Nichtsdestotrotz: Fesselnd ist sie allemal, diese Großstadt-Fabel, die unterhaltsam zwischen Anspruch und Ausschlachtung sozialer Probleme pendelt – nicht in dem Sinne, dass man sich die Fingernägel zerkaut, aber Langeweile geht eben auch anders. Wer auf Action hofft (was aufgrund des Produktionsstudios gar nicht mal so abwegig ist), schaut etwas in die Röhre: BROTHERS FROM THE WALLED CITY spielt nicht in einer dieser Welten, in der jeder Hilfsarbeiter Kung-Fu beherrscht, sondern hält stets Bodenhaftung mit der Realität. Körperliche Auseinandersetzungen sind meist ein wüstes, unelegantes Raufen und in der Regel auch schnell vorbei. Niemand entwickelt Superkräfte, mutiert zum Rambo oder avanciert zum treffsicheren Western-Helden. Betrachtet man das Personal, ist es sogar einigermaßen erstaunlich, wie seriös es hier zugeht. Zum einen steht immerhin Phillip Ko auf der Besetzungsliste, der sich später als Darsteller, Regisseur und Produzent unzähliger Schrottschinken wie ULTRACOP 2000 einen zweifelhaften Ruf erarbeitete. Zum anderen geht die Inszenierung auf das Konto Lam Nai-Chois, der danach nicht nur das schmadderige Fantasy-Horror-Abenteuer-Gebräu THE SEVENTH CURSE zusammenrührte, sondern auch eines der groteskesten Werke verantwortete, die je gedreht wurden: die absurd brutale Manga-Verfilmung STORY OF RICKY. Dort werden Rasierklingen gefuttert, um sie dem Gegner ins Gesicht zu spucken, Kontrahenten mit ihrem eigenen Darm erdrosselt und garstige Gefängnisdirektoren in einer gigantischen Fleischfräse zu Mettgut verarbeitet.

All das könnte kaum weiter entfernt sein von der spröden Authentizitätsattitüde, die hier an den Tag gelegt wird. Allerdings hat Lam die Sache doch ziemlich gut im Griff und auch Herr Ko verkörpert den „vernünftigeren“ der beiden Brüder mit nahbarer Unverfälschtheit. Eine gewisse Groschenroman-Mentalität lässt sich zwar nicht leugnen, aber im Kern bleibt BROTHERS FROM THE WALLED CITY ein wütendes, nihilistisches Moralstück, das angenehm nach Straße schmeckt.

Laufzeit: 88 Min. / Freigabe: in Deutschland nicht erschienen

Montag, 29. Juli 2024

KÜSS MICH, MONSTER


BÉSAME, MONSTRUO
BRD, Spanien 1967

Regie:
Jess Franco

Darsteller:
Janine Reynaud,
Rosanna Yanni,
Chris Howland,
Adrian Hoven,
Michel Lemoine,
Manuel Velasco,
Manolo Otero,
Jess Franco



Inhalt:

Diana [Janine Reynaud] und Regina [Rosanna Yanni], die gemeinsam das Detektiv-Duo Rote Lippen bilden, sind nicht wenig überrascht, als eines Tages ein junger Bote vor der Türe ihres rustikalen Domizils steht, um ihnen ein Notenblatt zu überreichen. Ehe er erklären kann, was es damit auf sich hat, kippt er tot um. Grund dafür: vermutlich das Messer, das jemand in seinen Rücken geschleudert hat. Das Lied, zu dem die Noten passen, wurde komponiert von einem gewissen Professor Bertrand, dessen Spuren die beiden Damen aufgrund beruflicher Neugierde nun folgen. Das führt sie zur spanischen Insel Lo Pagan, wo sie erfahren, dass der Gesuchte seit einiger Zeit vom Erdboden verschwunden zu sein scheint. Um weitere Informationen zu erhalten, suchen sie jetzt dessen Frau auf, aber diese haucht just bei Ankunft ebenfalls gerade ihr Leben aus. Doch damit nicht genug: Eine mysteriöse Vereinigung maskierter Kuttenträger nimmt Kontakt zu den Roten Lippen auf und beauftragt sie damit, eine Formel zu finden, die der Professor an einem geheimen Ort versteckt hat. Liegt die Lösung des Rätsels in der Komposition Bertrands?

Kritik:

KÜSS MICH, MONSTER ist die Fortsetzung der kuscheligen Krimi-Kuriosität SADISTEROTICA und entstand, obwohl erst mit beträchtlicher Verspätung veröffentlicht, gleich nach Fertigstellung ihres Vorgängers. Und das merkt man auch, geht die wonnige Urlaubs-Wohlfühl-Atmosphäre doch nahezu nahtlos weiter, als wäre sie eigentlich niemals weg gewesen. Tatsächlich wirkt alles so arglos und tiefenentspannt, als habe man sich nach Ende der originalen Dreharbeiten dazu entschlossen, die Kamera einfach noch ein paar Tage länger laufen zu lassen und Teil 2 kurzerhand dazuzuimprovisieren. Aber natürlich stimmt das nicht, hinter der Arbeitsweise stecken ernüchternd freudlose Zahlenspielereien: Wenn man Cast und Crew schon einmal vor Ort hat, ist es schlichtweg kostenschonender, sie gleich für zwei Beiträge einzuspannen, sofern ein Erfolg berechenbar ist. Und da Regisseur Jess Franco für seine Sparfuchs-Mentalität bekannt war und seine Ware zur Not bereits für ein paar warme Mahlzeiten in den Kasten kurbeln konnte, war die Gefahr eines Verlustes denkbar gering.

Es geht sogar die Sage, beide Teile wurden gar nicht hintereinander gedreht, sondern parallel, sprich: Die erste Hälfte des Tages agierte man für die eine Nummer, die nächste dann für die andere, weswegen die Darsteller bisweilen unmöglich hätten garantieren können, für welches Werk sie sich denn eigentlich gerade die Gesichtsmuskeln verbiegen. Franco bestritt dieses Vorgehen zwar später, aber am Ende ist es eh wurscht. Wusste man die Qualitäten SADISTEROTICAs zu schätzen, fühlt sich KÜSS MICH, MONSTER nämlich an wie ein Wiedersehen mit guten, alten Bekannten, sind sie doch quasi alle wieder da, in unveränderter Frische und Form: Janine Reynaud und Rosanna Yanni geben wieder die Roten Lippen und Chris Howland hampelt sich abermals als Interpol-Agent durch die Szenerie. Manolo Otero und Michel Lemoine lassen sich dazu ebenso wieder blicken wie Produzent Adrian Hoven und Regisseur Jess Franco persönlich - zwar teilweise zwangsläufig in anderen Rollen als noch im Vorgänger, aber geändert hat sich dennoch nichts.

Der Aufhänger der Geschichte ist dabei durchaus geglückt und erinnert gar an ein prototypisches Sherlock-Holmes-Abenteuer: ein Bote mit Messer im Rücken, eine ominöse Partitur, die offenbar eine verschlüsselte Nachricht enthält, sowie eine mysteriöse Formel, die so wertvoll zu sein scheint, dass gleich mehrere Parteien für sie buchstäblich über Leichen gehen. Aber wo Arthur Conan Doyle seinen Helden als eine Ausgeburt an Logik beschrieb, die zwischen jedem Ereignis und jeder Erkenntnis hoch konzentriert zwingende Zusammenhänge eruierte, handelt und reagiert hier wirklich niemand in irgendeiner Weise nachvollziehbar und schüttelt sich Eingebungen und Reaktionen stattdessen leger aus dem Ärmel. Das fängt schon bei den beiden hauptrollenden Detektivinnen an, die darauf, dass ihnen zum Auftakt direkt ein toter Mann durch die Türe vor die Füße fällt, reagieren, als sei soeben lediglich der Kleiderständer umgestürzt. Eine Prüfung, ob der arme Kerl womöglich noch zu retten wäre, entfällt komplett, da zumindest eine der Damen es für wichtiger hält, stattdessen ein paar Takte auf der Klampfe zu zupfen – hatte ja immerhin Notenblätter dabei, der Verblichene. Anschließend entsorgen die beiden den Leichnam dann in den Tiefen der See, als hätten sie etwas mit der Tat zu tun und müssten nun Beweismittel beseitigen.

Es ist nicht der letzte Akteur, der direkt vor den Augen der Protagonistinnen per Dolchwurf den Löffel reicht. Tatsächlich kippt fast jeder, der es wagt, mit dem Duo ein paar zarte Worte zu wechseln, kurz darauf tödlich getroffen vornüber. Einer davon ist Jess Franco höchstselbst, der sich hier als klassischer „Informant“ verkleidet hat: Sonnenbrille drauf, Glimmstängel drin, stets nervös von einem Bein aufs andere hüpfend, lässt er sein brandheißes Info-Material nicht etwa direkt an Ort und Stelle vom Stapel, sondern trifft sich erst in extra-einsamer Umgebung, da man sich dort ja viel besser killen lassen kann. Sein Abgang ist dann auch ganz besonders gelungen: Kaum getroffen reißt er theatralisch die Arme gen Himmel, stürzt in Richtung der Detektivinnen und lässt sich von ihnen in schwungvoller Darbietung auffangen. Das ist logisch gedacht: Wenn man schon frühzeitig abtreten muss, dann doch bitte mit zwei Schönheiten im Arm. Wie schon die Male davor machen die Damen danach nicht die geringsten Anstalten, den Attentäter – der sich der Logik nach ja immerhin in Wurfweite befinden muss - mal zu fassen und kommentieren das unfreiwillige Ableben ihres Gegenübers lieber mit: „Ich glaub, der hat was mit der Atmung.“

Gerade diese kindliche Unbekümmertheit ist es, die KÜSS MICH, MONSTER so attraktiv und liebenswert macht. Spannend im klassischen Sinne ist das freilich nicht – zumal die Präsentation auch arg verwirrend geriet, wenn oft bar jeder Erklärung von einer Szene zur nächsten gesprungen wird. Da sieht man Reynaud und Yanni dann schon mal in irgendwelchen Nachtclubs in Männer-Montur Saxophon spielen, ohne Montur die Hüften schwingen und in sonst irgendeiner Form durch verruchte Etablissements schwofen. Das ist natürlich in erster Linie dazu da, die Laufzeit zu strecken, kommt aber stets stilvoll und elegant des Wegs. Am eigentlichen Fall jedoch, so schält sich schnell heraus, haben weder Jess Franco noch seine Story-Konstrukteure ein gesteigertes Interesse, obwohl es eigentlich sogar recht stringent beginnt. Bald aber werden alle naslang neue Beteiligungsparteien aus dem Hut gezaubert, deren Sinn und Zweck oft zweifelhaft sind. So stoßen die Protagonistinnen u. a. auf ein Kuttenträger-Kollektiv, das sich bei der Auswahl seiner Garderobe offenbar vom Ku-Klux-Klan beraten ließ, zwei amazonenartige Zimtzicken mit geräuschintensiver Dschungelimitation auf der Terrasse, die ihre Gegner am liebsten in Käfige sperren, einen halbseidenen Anzugträger, der ein herrisches Arschloch-Kind im Schlepptau hat, das sich „Señorita Yolanda“ nennt und offenbar den Ton angibt, einen klassischen verrückten Wissenschaftler, der in einem Klischee-Labor zwischen Reagenzgläsern mit wild blubberndem Inhalt in toten Körpern herumstochert, und schließlich diverse muskelbepackte „Supermenschen“, die sich mittels Tierlauten verständigen und das zweifelhafte Resultat unmoralischer Forschungsarbeit darstellen sollen.

Das alles ist enorm verwirrend zusammenmontiert und obwohl teils ausufernd parliert wird, erschließen sich viele Zusammenhänge schlichtweg nicht. Vermutlich, weil es keine gibt. Gerade dieses Fehlen klarer Strukturen jedoch sorgt für eine höchst angenehme Atmosphäre, die so wohl nur Jess Franco kreieren konnte. Abseits jeglicher Vernunft entspinnt sich ein herrlich absurdes Spionage-Abenteuer zwischen Sandstrand, Swimming-Pool und Striptease-Bar, das sich dem Augenblick hingibt und nie den schnöden Zwängen normierter Narration unterwirft. Urgemütlich ruckert und tuckert alles vor sich hin, wie die riesigen Zahnräder, die am Ende zu des Rätsels Lösung führen. Der Unterhaltungswert ist überraschend hoch, die Optik edel, die Landschaft augenschmeichelnd eingefangen, die Ausstattung todschick und der Sound dazu ungeheuer schmissig. Reynaud und Yanni in den Hauptrollen bestechen durch eine fabelhafte Chemie, verstehen sich, trotz gelegentlicher Neckereien, großartig und gehen dieses Mal auch ganz schön rabiat vor, wenn sie ihre Widersacher per Maschinenpistole niederstrecken als wär es nix. Ist es eigentlich auch, denn der Gegner legt sich einfach hin, völlig unblutig, wie damals im Sandkasten. Alles hier ist nur ein großes, teils seltsames, aber stets sehr erquickliches Spiel.

Die Kritiken dazu sind und waren stets vernichtend. Aber man muss schon ausgesprochen miesepetrig sein, um KÜSS MICH, MONSTER nicht zu mögen. Die Unbeschwertheit, in der hier traumartig von Station zu Station getänzelt wird, ist pure, angenehme Alltags-Zerstreuung, fabelhaft unterfüttert von der spritzigen Synchronisation Gert-Günther Hoffmanns, die wahrscheinlich mit dem Champagnerglas in der Hand entstanden ist. Man muss das Monster ja nicht gleich küssen. Aber so eine kleine Jess-Franco-Sterbe-Umarmung sollte doch wohl drin sein. Hoch die Hände!

Laufzeit: 80 Min. / Freigabe: ab 18

Dienstag, 23. Juli 2024

SADISTEROTICA


EL CASO DE LAS DOS BELLEZAS
Spanien, BRD 1967

Regie:
Jess Franco

Darsteller:
Janine Reynaud,
Rosanna Yanni,
Adrian Hoven,
Chris Howland,
Michel Lemoine,
Marcelo Arroita-Jáuregui,
Manolo Otero,
Jess Franco



Inhalt:

Diana [Janine Reynaud] und Regina [Rosanna Yanni], zwei als nicht gerade als hässlich zu bezeichende Frauen, bilden unter dem Namen „Rote Lippen“ ein ziemlich unkonventionelles Detektivduo. Eines Tages bekommen sie von dem Anwalt Radek [Adrian Hoven] den Auftrag, eine verschwundene Tänzerin zu suchen. Radek glaubt, sie auf einem aktuellen Gemälde des geheimnisvollen Künstlers Claus Tiller erkannt zu haben. Diana gibt sich als Dame von Welt aus, besucht eine der Ausstellungen Tillers, bezirzt den Ausstellungsleiter und lädt ihn zu sich nach Hause ein, um ihm nutzbringende Informationen zu entlocken. Doch noch bevor letzteres passiert, wird er von Unbekannt mittels eines Blasrohrs ins Jenseits befördert. In einer Bar schafft es Regina schließlich doch, den scheuen Künstler Tiller kennenzulernen. Und dieser sieht in ihr das perfekte Modell für sein nächstes Werk.

Kritik:

Jess Franco schlägt wieder zu und entführt sein Publikum in seine spezielle Filmwelt, in der eigene Gesetze gelten.

Der am 12. Mai 1930 in Madrid geborene Regisseur pflegte zeit seines Lebens einen sehr eigenwilligen, oft als provokativ und kontrovers aufgefassten Stil und erkundete gern Themen wie Sexualität, Gewalt und Tabus. Da er sich dabei häufig surrealer Elemente und experimenteller Techniken bediente (nicht selten bei minimalistischem Budget), manchmal mehrere Werke pro Jahr vom Stapel ließ und bei seiner Inszenierung Schwerpunkte auf Dinge setzte, die der Masse meist unverständlich erschienen, gilt er bei vielen Kritikern als talentloser Stümper, während andere gerade diese aufrührerische Andersartigkeit zu schätzen wissen.

Beim vorliegenden SADISTEROTICA hat man es im Grunde mit der Jess-Franco-Version des Klassikers AUGEN DER ANGST zu tun. Allerdings sollte man sich weder davon noch von dem martialischen deutschen Titel in die Irre führen lassen. Denn obwohl der Verleih sich redlich Mühe gab, das Werk als sadismusgetränkte Ausbeutungsorgie zu verkaufen, handelt es sich doch um ein erstaunlich seichtes Krimi-Abenteuer mit einer Extra-Portion entspannten Urlaubsflairs. Das weibliche Detektiv-Duo bildet dabei eine willkommene Abwechslung zu den überwiegend männlichen Kollegen, die zum Produktionszeitpunkt auf der Leinwand Ermittlungsarbeiten leisteten und dabei – dem Zeitgeist entsprechend - meist arg machohaft agierten. Dass Diana und Regina in erster Linie ihre optischen Reize einsetzen, um erfolgreich zu sein, trägt fraglos auch chauvinistische Züge, aber da hier alles so sagenhaft sorglos und unbekümmert daherkommt, tut das niemandem weh.

Dabei scherten sich alle Beteiligten keinen Deut um solch langweilige Dinge wie Logik, Sinn oder Nachvollziehbarkeit. Gesetze von Zeit und Raum scheinen nicht mehr existent, werden wild durcheinander gewürfelt und neu geordnet, das Regelwerk plausibler Narration dient lediglich als Anregung, nicht als erdrückende Doktrin. Stattdessen herrscht eine zwanglose und stilvolle Lässigkeit, die die Zeit auf hochangenehme Weise vertreibt. Zu Beginn spricht eine der Damen sogar einmal kurz in Richtung Kameramann, er möge bitte doch etwas näher heranfahren, da man ansonsten ja ihre Brüste sähe. Schon hier wird klar, dass alles, was folgt, eher spielerisch zu verstehen ist und keinerlei Anspruch auf Realitätskompatibilität erhebt. Spannung im klassischen Sinne existiert daher auch nicht, sogar Momente, aus denen man prinzipiell etwas Derartiges hätte herausholen können, wirken locker-flockig aus der Hüfte geschossen. Generell ist der Fall der verschwundenen Tänzerin auch wenig aufregend, da selbst dem unbedarften Zuschauer eigentlich von Beginn an klar ist, wie alles zusammenhängt und wer dahintersteckt.

Ein paar Nebelkerzen werden dennoch gezündet, wenn weitere Verdächtige eingeführt werden. Wie der junge Charmeur Vittorio (gespielt von Manolo Otero), der arg unmotiviert die Detektei der Damen betritt, um von ihnen auf Anhieb flachgelegt zu werden. Freilich lediglich, indem sie ihn statt einer ordentlichen Begrüßung auf den Boden schmettern – könnte ja schließlich der Mörder sein, und ohnehin kann man ja nie vorsichtig genug sein. Offenbar gefiel dem Herren diese Behandlung aber außerordentlich, verbringt er doch die meiste folgende Zeit damit, den Ladys auf Schritt und Tritt nachzusteigen, was diese allerdings prinzipiell nicht unangenehm zu finden scheinen. Am Ende enttarnt sich der Schurke dann ziemlich unspektakulär einfach selbst, was aber nur völlig Merkbefreite überrascht. Denn dass einer der Beteiligten sich eine zweite Persönlichkeit zulegt hat, ließ sich durch die spärliche Maskerade kaum verdecken. Dass man besagter Person zudem eine der markantesten Synchronstimmen des Universums in den Mund legte, war freilich auch nicht sonderlich hilfreich dabei, das Publikum zu täuschen. Und dass auch das Motiv der Untat lediglich Mittel zum Zweck ist und sich ebenfalls allgemeiner Schlüssigkeit verweigert, ist dementsprechend natürlich kaum die Fußnote wert.

Fast ein wenig aufdiktiert wirken bei all der launigen Wohlfühlattitüde die wenigen spekulativen Elemente. So hält sich der Unhold zwecks Entführung junger, argloser Frauen ein behaartes Untier namens Morpho, das wohl Werwolf-Assoziationen wecken soll, in Wahrheit aber aussieht, als sei jemand an dem Versuch gescheitert, sich zum Schulball als Wolverine zu verkleiden. Ein paar zahn- und harmlose Striptease-Nummern in loungiger Club-Atmosphäre gibt es ebenfalls noch zu vermelden, aber die bringen nun auch keine Hose zum Platzen. Trotz dieses leichten Dralles zur Unmoral ist SADISTEROTICA am Ende beinahe familienfreundlich, ist er doch viel näher an der Komödie als an allem anderen. Wie sonst soll man sich die Besetzung Chris Howlands als Inspektor erklären, der sich zwecks Tarnung auch schon mal als „Bond! James Bond!“ vorstellt. Und auch die Synchronisation nahm die Sache nicht ganz so ernst und gibt sich – wie für diese Zeit üblich – betont lässig. Als der Nachtwächter eines Museums (gespielt von Jess Franco persönlich) gefragt wird, ob der weibliche Eindringling auch ordentlich Holz vor der Hütte hatte, erwidert dieser lapidar: „Wissen Sie, ich hab schon lauter gelacht!“ Und als der schleimige Schönling Vittorio in einer eigentlich völlig überflüssigen Szene in einem Restaurant auftaucht, um ein schräges Liedchen zu trällern, nuschelt einer der Gäste am Bildrand völlig zu Recht: „Der sieht von mir keinen Peso!“

Das irrationale Handeln der Figuren findet indes seinen Höhepunkt, als die schönen Detektivinnen aus heiterem Himmel beschließen, Urlaub in Ankara zu machen. Kaum liegen die Grazien am Strand (eine davon in einem selten abenteuerlichen Badeanzug), kommen auch schon die ersten Bekannten vorbei: Als Erstes kommt Vittorio, um die beiden wieder mal ordentlich zu hofieren. Und es dauert ungelogen keine drei Minuten, da sind alle wichtigen Personen wieder da: der Maler Claus Tiller, der Inspektor, und auch Morphorine schaut bald wieder unheilvoll zum Fenster rein. Die Welt ist ein Dorf - erst recht im Werk Jess Francos, für dessen Zugang das hier die perfekte Einstiegsveranstaltung ist. SADISTEROTICA ist eine fröhliche filmische Wundertüte für alle, die eine nostalgische Abkehr von gängigen Sehgewohnheiten wünschen, ein von geschmeidiger Easy-Listening-Musik getränkter Griff in die Kuriositätenkiste, ein vor Charme strotzendes Krimi-Vergnügen ohne jeden Anspruch (außer an den der guten Unterhaltung), das man besten direkt mit Cocktail serviert. Prost!

Laufzeit: 79 Min. / Freigabe: ab 18

Mittwoch, 17. Juli 2024

KÄPT'N RAUHBEIN AUS ST. PAULI


KÄPT'N RAUHBEIN AUS ST. PAULI
BRD 1971

Regie:
Rolf Olsen

Darsteller:
Curd Jürgens,
Heinz Reincke,
Johanna von Koczian,
Herbert Fleischmann,
Sieghardt Rupp,
Elisabeth Flickenschildt,
Angelika Ott,
Christine Schuberth



Inhalt:

Als Käpt’n Jolly [Curd Jürgens], genannt "Rauhbein", verfrüht von einer Reise nach Hause kommt, um seine Frau (Fraubein?) zu überraschen, ist er selbst überrascht, denn die Gute teilt sich gerade das Bett mit jemandem, der nicht er ist. Flunschig packt er seine Sieben Sachen zusammen, um die untreue Gemahlin für immer zu verlassen. Das führt zu einem Handgemenge im Treppenhaus und dieses wiederum mündet in einem tödlichen Sturz der Gattin durchs Geländer. Nachdem Jolly von jeder Schuld freigesprochen wurde, verlässt er seine Heimatstadt und sticht mit seinem Vertrauten Kniehase [Heinz Reincke] wieder in See. Als sie in einer obskuren Bananenrepublik landen, wollen sich die korrupten Behörden auf Anhieb die Fracht unter den Nagel reißen. Nach einer zünftigen Keilerei geht es für Jolly und Kniehase direkt in den Knast, wo immerhin auch die attraktive Ärztin Andersen [Johanna von Koczian] agiert. Eben jene aber wird – gemeinsam mit ein paar knackigen Kolleginnen – alsbald von einer bewaffneten Gaunerbande entführt und in einer Dschungelfestung zwecks Lösegelderpressung gefangengehalten. Jolly, für den die Flucht aus dem Kittchen natürlich ein Kinderspiel war, organisiert unversehens eine hauseigene Rettungsmission, für die er auch seinen alten Kumpel Nico [Herbert Fleischmann] ins buchstäbliche Boot holt.

Kritik:

Bereits die Inhaltsangabe deutet dezent das Defizit der von Autor und Regisseur Rolf Olsen selbstsicher auf den Weg gebrachten Sause an: Episodenhaftigkeit! Schon das einleitende Ereignis spielt für den Rest eigentlich gar keine Rolle, denn warum Käpt’n Jolly (was für ein Name!) in die Ferne schweift, ist völlig egal und hätte im Prinzip gar keiner Erklärung bedurft. Aber gut, dass sie trotzdem da ist, sorgen so doch schon die ersten Minuten für die Art von angenehmer Heiterkeit, die das launige Seemannsgarn die folgenden 80 Minuten noch begleiten wird. Allein der enttäuschte Gesichtsausdruck Jollys, nachdem er sein Weib in flagranti ertappt hat, ist reines Schauspiel-Gold. Bockig wie ein kleines Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat, packt er im Anschluss seine Tasche und schmettert mit missmutiger Miene alles rein, was er gerade so findet: Hier mal ne Socke, dort mal ein Büchlein, egal, kann man ja alles irgendwann mal brauchen. „So lass ich mich von dir nicht abschieben“, kolportiert die Gattin daraufhin vor der Wohnungstür, woraufhin Jolly sie kurzerhand sehr wohl abschiebt. Direkt über das Geländer nämlich, in des Treppenhauses triste Tiefen. Aber kein Problem: Schon in der folgenden Szene bescheinigt ihm das Gericht, völlig unschuldig am Tode der Dame zu sein. Nur stimmt das eben gar nicht, wie das Publikum ja gerade eben erst hochpersönlich miterleben durfte. Da kaum anzunehmen ist, dass Olsen hier einen ambivalenten Charakter erschaffen wollte, der die Schuld eines ungerechtfertigten Freispruchs mit sich herumtragen muss, ist die Szene vermutlich einfach nur ungeschickt inszeniert, aber ein unglücklicher Unfall sieht nun mal definitiv anders aus.

Von Belang ist dieser Vorfall, wie gesagt, später ohnehin nicht mehr, wird der Schauplatz doch alsbald verlassen, wenn Jolly & Crew in See stechen, um in fernen Gefilden neue Abenteuer zu erleben. Der Titel erweist sich somit im Prinzip als Mogelpackung, denn wer halbseidene Geschäfte auf sündiger Meile erwartet, hat das Nachsehen. Lediglich besagte Eröffnung bietet ein paar Hamburg-Bilder, danach glänzt die Hansestadt durch Abwesenheit. Wo genau die nachfolgenden Ereignisse dann eigentlich stattfinden sollen, wird indes vage gehalten - vielleicht sogar, um etwaigen Beschwerden aus dem Weg zu gehen. Jedenfalls stranden Jolly und seine Mannen in einem zwielichtigen Dschungelstaat, der vor Klischees nur so trieft und wohl genauso aussieht, wie Papa Piefke sich damals die weite Welt vorgestellt hat: exotische Wälder, rassige Weiber, korrupte Bullen und grobschlächtiges Ganoventum an jeder Straßenecke. Als anständiger Deutscher (von denen es hier merkwürdigerweise nur so wimmelt) kann man sich da nicht einmal in Ruhe die Puschen überziehen, ohne dabei überfallen oder sonstwie drangsaliert zu werden. Im Nullkommanix legt sich der Kapitän darum auch mit den böswilligen Behörden an, die ihn postwendend gesiebte Luft atmen lassen. Macht aber nix, denn auf lächerlich kindliche Art und Weise kann er auch schon wieder entkommen. Sowohl der Grund für die Inhaftierung als auch der Umstand, dass Jollys Kollege Kniehase sich eine ganze Wagenladung Medikamente unter dem Hintern hat wegklauen lassen, werden allerdings irrelevant, sobald ein Trupp Krankenschwestern von einer Räuberbande entführt und gefangengehalten wird. Kaum anzunehmen, dass Jolly sich auch so ins Zeug gelegt hätte, eine Befreiungsaktion anzuleiern, wären da ein paar bierbäuchige Mandolinenspieler hopps genommen worden, aber bei einer Schaar attraktiver Arzthelferinnen sieht die Sache natürlich schon wieder ganz anders aus.

Bis die Damen tatsächlich rausgehauen werden, vergeht allerdings noch einiges an Spielzeit, die mit ähnlich elliptischen Erlebnissen angereichert wurde, wie es bisher der Fall war. Stringentes Erzählen ist KÄPT’N RAUHBEIN VON ST. PAULIs Stärke nicht, aber das macht auch nichts. Denn die unbeschwert-naive Art der Präsentation hält das Stimmungsbarometer ständig oben. Das liegt vor allem an dem Star der Show, denn natürlich dreht sich hier alles um Curd Jürgens, einem der wenigen deutschen Schauspieler, denen auch internationale Aufmerksamkeit zuteil wurde. Jürgens agiert hier in einem solch unerschütterlichen Selbstbewusstsein, dass man direkt neidisch werden könnte. Denn eigentlich ist der Gedanke, ausgerechnet so einen zur sakralen Heldenfigur zu machen, völlig absurd. Das fängt schon bei der Optik an, gibt der Käpt’n doch nur ein wenig heroisches Erscheinungsbild ab, um nicht zu sagen: Er läuft in der Regel rum wie der letzte Penner. Siffig und ungepflegt, sichtbar abgehalftert und den Zenit schon seit längerer Zeit überschritten, markiert er trotzdem ständig den Dicken, weiß immer alles besser, motzt und schimpft (so nach dem Motto: „Nein, nein, so geht das nicht! Du musst das alles ganz anders machen!“) und wird dafür auf Schritt und Tritt mit zufliegenden Frauenherzen belohnt. So erklärt sich in Nachhinein wohl auch sein anfänglicher Freispruch: Wäre das Urteil anders ausgefallen, hätte er die Richter vermutlich zurechtweisen müssen. In einer Kaschemme stimmt der Kapitän schließlich sogar ein Seemannslied an („Überall ist es schön auf der Welt“), was von den Gästen pflichtschuldig mit urdeutschem, den Takt zuverlässig verfehlendem Mitgeklatsche quittiert wird. Dass Jürgens dabei rüberkommt wie der Klassenbeste kurz vor der Abschlussprüfung zum Vollzeit-Alkoholiker, verwundert kaum. „Die knackigsten Arschbacken von Buenos Aires bis Alaska!“, grölt er beim Anblick der hüftenschwingenden Damenschaft, und wer würde es wagen, seine Expertise anzuzweifeln? Als Ober-Arschbacke kennt man schließlich seine Pappenheimer!

Jürgens’ proletenhaftes Auftreten ist hier tatsächlich die halbe Miete, und das wussten wohl auch die Macher. So schrieben sie, als ihnen wirklich gar nichts anderes mehr einfiel, eine weitere, inhaltlich völlig belanglose Episode ins Skript, in der Jolly sich auf einem Luxusdampfer als Stewart ausgibt und die feine Gesellschaft am laufenden Band durch derbes Spruchgut und ungehobelte Manieren verschreckt. Hier findet auch anderweitig der humoristische Höhepunkt statt, wenn der Käpt’n eine junge Dame vor dem Todesbiss einer Tarantel bewahrt. Gut, zumindest soll es eine Tarantel sein oder etwas Artverwandtes. Da die gesamte Belegschaft aber offenbar Bammel davor hatte, sich beim Dreh mit einem echten Achtbeiner anzulegen, behalf man sich mit einer Attrappe, die selbst bei gestandenen Arachnophobikern akuten Niedlichkeitsalarm auslösen dürfte. Respekt geht raus an die (natürlich halbnackte) Schauspielerin, die die ganze Zeit so tun muss, als befalle sie tatsächlich waschechte Panik, wenn ihr der putzige Plüsch-Polyp über das aparte Bäuchlein bummelt. Natürlich obliegt es Herrn Rauhbein höchstpersönlich, hier zu intervenieren und, während dem Rest der Welt gebannt der Atem stoppt, den kuscheligen Krabbler gaaaaaaaanz vorsichtig auf den eigenen Handrücken zu bugsieren, mit ihm hochkonzentriert zur Rehling zu schleichen und ihn dort schließlich mit erlösender Geste den Weiten des Meeres zu überantworten. Der heilige Ernst, mit dem Jürgens diese durchsichtige Lachnummer spielt, ist ein echter Brüller und verortet KÄPT’N RAUHBEIN endgültig im Bereich der unfreiwilligen Komödie.

Dass sich an Bord des Schiffes auch ausgerechnet einer der Rädelsführer der Entführerbande befindet, liegt dann nicht etwa an Kunst und Können Käpt’n Rauhbeins, sondern ist bloßer Zufall. Jolly kommt ihm eigentlich auch gar nicht wirklich auf die Schliche, er mutmaßt einfach – ohne jeden Anhaltspunkt – besagter Herr könne doch etwas mit dem Verbrechen zu tun haben. Bingo, so ist es dann auch! Die sich anschließende Befreiungsaktion ist die einzige wirkliche Action-Sequenz KÄPT’N RAUHBEINs und miserabel in Szene gesetzt. Vor allem der Kapitän fällt auf durch alberne Aktionen ohne Sinn und Verstand. In einer Szene steht eine Flasche in der Gegend rum, auf deren Etikett jemand mit Filzstift „Salzsäure“ geschrieben hat, was schon ziemlich lustig ist. Bei Helge Schneiders 00 SCHNEIDER stand auf der Zeitung ja schließlich auch „Zeitung“. Seltsamerweise geht es nach dem vermeintlichen Finale noch eine ganze Weile weiter, wenn man sich mit den befreiten Ladys durch den mit Archivaufnahmen bevölkerten Dschungel schlägt. Irgendwann, nach der überraschenden Enttarnung eines weiteren Übeltäters, ist es dann aber tatsächlich vorbei (der Schurke stellt sich am Ende übrigens selbst – der Käpt’n hat nichts zur Überführung beigetragen und dieses Mal noch nicht einmal was gemutmaßt).

Obwohl die Nummer somit schließlich doch ein paar Minütchen zu lang geriet, ist die kolportageartige Abenteuer-Kriminal-Melange ein ziemlich launiges Feierabendprogramm. Curd Jürgens stiehlt allen die Schau, während Heinz Reincke als sein vermeintlich komischer Kompagnon so nervig geriet, dass man ihn fürs letzte Drittel aus der Handlung schrieb. Schade, dass die Veranstaltung trotz einiger reißerischer Elemente insgesamt doch ziemlich brav und bieder geriet. Dabei hatte man schon gute Zutaten zur Hand; Abenteuer-, Gangster-, Söldner- und Frauenknast-Motive fließen fröhlich ineinander. Aber am Ende bleibt es dann doch eher familienfreundlich. Zumindest an die Action jedoch hätte man gern jemanden ranlassen dürfen, der sich mit sowas auskennt.

KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI - die feudale Filmwerdung des fleckigen Feinripp-Unterhemds. Ahoi und Alaaf!

Laufzeit: 91 Min. / Freigabe: ab 16