Eigene Forschungen

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Sonntag, 21. Juni 2026

THE FURIOUS


火遮眼
China, Japan 2025

Regie:
Kenji Tanigaki

Darsteller:
Xie Miao,
Joe Taslim,
Yang Enyou,
Jeeja Yanin,
Brian Le,
Yayan Ruhian,
Sahajak Boonthanakit,
Manatsanun Phanlerdwongsakul



„Sieh mal – ein Vogel!“
(Ein Beitrag aus der Kategorie: berühmte letzte Worte.)


Inhalt:

Irgendwo in Südostasien: Der stumme Handwerker Wang Wei [Xie Miao] lebt als alleinerziehender Vater mit seiner kleinen Tochter Rainy [Yang Enyou] zusammen. Er müht sich nach Kräften, für sie zu sorgen und sie zugleich auf die Härten des Lebens vorzubereiten, indem er ihr die Kunst des Kampfes beizubringen versucht. Dass das nicht die schlechteste Idee ist, zeigt sich ausgerechnet nach einem Streit zwischen den beiden, als Rainy wütend auf die Straße läuft. Dort tappt sie in eine Falle, wird überwältigt und auf die Ladefläche eines Lasters geworfen. Obwohl Wei das mitbekommt und sich noch an Ort und Stelle einen verzweifelten Kampf mit den Entführern liefert, kann die Bande entkommen. Da die Polizei keinerlei Anstalten macht, ihm zu helfen, sieht Wei sich gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Hinweisen folgend trifft er bei seiner Jagd den Reporter Navin [Joe Taslim]. Dieser ist den Verbrechern ebenfalls auf der Spur, da er sie hinter dem Verschwinden seiner Frau vermutet. Beide verbünden sich im Kampf gegen ein skrupelloses Menschenhändlerkartell.

Kritik:

THE RAID (2010) galt lange Zeit als Referenz für den sogenannten „Brawler“, jene Unterkategorie des Actionfilms, bei der Nah- und Faustkämpfe im Mittelpunkt stehen. Die indonesische Blendgranate hievte das Genre in puncto Rohheit und Brutalität auf ein neues Level und gilt als Startschuss für zahlreiche Wettbewerber, es ihr gleichzutun. Ob THE FURIOUS auch ohne diese Initialzündung entstanden wäre, ist fraglich. Aber es ist gut, dass er existiert. Ganz in der Tradition der Vorbilder (zu denen sicherlich auch die JOHN WICK-Reihe gehört, die sich zunehmend in besagte Richtung entwickelte, sowie deren Ableger BALLERINA) wird hier eine Welt skizziert, die mit realen Gegebenheiten endgültig nichts mehr am Hut hat. Stattdessen wirkt alles wie die maximale Potenzierung früherer Erfolgsfaktoren. Und das nicht nur zeitnaher Natur: Bereits der Hongkong-Krimi FATAL TERMINATION von 1990 wartet mit dem berühmt-berüchtigten Moment auf, in dem ein kleines Mädchen an den Haaren gepackt aus einem fahrenden Auto gehalten wird. Auch diese Szene findet hier ihre Entsprechung – nur eben noch eine Schippe draufgesetzt.

THE FURIOUS ist ein ultrabrutaler, fleischgewordener Slapstick-Cartoon, der seine Figuren selbst heftigste Malträtierungen nicht nur überleben, sondern nach kurzem Verschnaufer auch unmittelbar weiterkämpfen lässt. Solch übermenschliche Fähigkeiten erklären sich in diesem Alternativuniversum zumindest ansatzweise durch den starken emotionalen Affektantrieb, den alle Beteiligten an den Tag legen. Beim Helden Wang Wei erscheint das noch am plausibelsten: Er ist nahezu mittellos; seine Tochter ist das Einzige, was seinem Leben einen Sinn verleiht. Als sie in die Hände widerwärtiger Menschenhändler fällt, wird er zur Furie, die ihn selbst mit geschundenen, blutigen Füßen einen fahrenden LKW überholen lässt. Aber auch die Gegenseite scheint ihre Machenschaften nicht nur aus finanziellem Interesse zu betreiben, sondern auch aus Lust am Sadismus und einem perversen Überlegenheitsgefühl heraus. Dass es plötzlich jemand wagt, ihnen in die Suppe zu spucken, wird als persönlicher Affront gewertet, als Anomalie, die beseitigt werden muss, und setzt daher wahre Berserkerkräfte frei.

Obwohl von Anfang an klar ist, dass man es hier weniger mit echten Menschen als vielmehr mit unkaputtbaren Kampfmaschinen zu tun hat, funktioniert auch die emotionale Einbindung des Publikums. Grund dafür sind die genutzten Stereotypen, die zwar simpel und stattsam bekannt sind, aber eben auch ungemein effektiv. Da ist mit Wang Wei der ehrbare Außenseiter, ein bescheidener Arbeiter, von Stummheit geschlagen und im Armenviertel lebend. Da ist Rainy, seine entzückende Tochter, die von einem besseren Leben träumt, das er ihr nicht bieten kann. Und dann sind da die grobschlächtigen Schurken, die keinen Pfifferling auf menschliches Leben geben und im großen Stil Kinder entführen – die Gründe dafür werden eher angedeutet als ausformuliert, dürften aber auf der Hand liegen. Als sie Rainy rauben, wird sie in Windeseile in einen Müllsack gesteckt und auf die Ladefläche eines Lastwagens geschmettert. Mehr braucht es nicht, um diesen Leuten mindestens die Pest an den Hals zu wünschen.

Stattdessen ist es Wang Wei, der ihnen an die Gurgel geht, weil ihm schnell klar wird, dass er sich auf die Institutionen nicht verlassen kann (der örtliche Polizeichef ist dermaßen offensichtlich korrupt, man hätte ihm das Wort auch gleich in die Stirn stanzen können). Das Auffinden der Verbrecher geht dabei so mühelos vonstatten, dass es schlichtweg Humbug ist, dass es den Gesetzeshütern – verbrecherischer Vorgesetzter hin oder her – nicht schon längst gelungen sein soll, der ohnehin nicht besonders geheim operierenden Organisation auf die Schliche zu kommen. Schützenhilfe erhält der verzweifelte Vater vom Journalisten Navin, der wiederum auf der Suche nach seiner Frau ist, die das Syndikat vermutlich ebenfalls auf dem Kerbholz hat. Dass sich die Männer anfangs für Feinde halten und darum erst einmal gegenseitig das Fell gerben, wirkt zwar etwas forciert, aber danach bilden die beiden ein erstaunlich gut funktionierendes Gespann, dem man gern die Daumen drückt.

Was dann folgt, ist in erster Linie Gefechtslärm – THE FURIOUS will nicht durch raffiniertes Geschichtenerzählen glänzen, sondern durch die Zurschaustellung markerschütternder Konfrontationen. Ganz im Geiste vieler Genre-Kollegen sind Schusswaffen dabei nahezu absent. Zum Einsatz kommen stattdessen Dinge wie Fäuste, Füße, Arme, Beine, Pfeile, Messer, Schwerter, Bleche, Wasserspender, Eisblöcke, Fahrräder, Ketten, Hämmer, größere Hämmer und noch größere Hämmer. Letztere werden für die Hauptfigur bald zur Dauerkeule, und es stockt einem der Atem, wenn er damit rücklings über buchstäbliche Berge aus Gegnern klettert, über eine groteske Pyramide aus Haut und Knochen, und dabei in wilder Wut auf das feindliche Fleisch eindrischt – als hätte jemand die berühmte Szene aus Park Chan-wooks Klassiker OLDBOY (2003) zur abendfüllenden Zirkusattraktion aufgeblasen. Wenn dann zwischen all dem apokalyptischen Hauen und Stechen doch mal die guten alten Kugeln fliegen, wirkt das fast ein wenig anachronistisch.

Die Anzahl der Gegner ist dabei absurd hoch, ständig kommen neue Schergen ums Eck, um ihr Scherflein beizutragen. Am schillersten geriet fraglos die von Brian Le [→ EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE] verkörperte Wuchtbrumme Hoein Hackbraten vor dem Herren, der in Sachen Einfalt und Grobschlächtigkeit glatt als Zögling von Metzgermeister Leatherface aus TEXAS CHAINSAW MASSACRE durchgehen könnte. Der hat zwar keine Kettensäge (eines der wenigen Utensilien, die hier nicht zum Einsatz kommen), aber er braucht auch keine, weil er seine Widersacher, wenn es denn sein muss, mit bloßer Pranke zum Schlitten umfunktioniert.

Obwohl das alles natürlich durchchoreographiert bis in die Poren, ist Eleganz hier ein Fremdwort. Die Kombattanten raufen sich wie auf dem Schulhof, umklammern sich, verhaken sich, verbeißen sich ineinander, wälzen sich prügelnd auf dem Boden. Das ist stets enorm treffsicher allein zum Zwecke des Staunens und Spuckeversiegenlassens inszeniert, dabei aber ungeheuer gewissenhaft und kompetent. Trotz der Heerscharen an Kämpfern und des schwindelerregenden Tempos, das diese bei ihrem Job an den Tag legen, bleibt die Sache stets übersichtlich und plausibel. Die Bildgestaltung gibt sich dazu keine Blöße, und das brachiale Sound-Design untermalt das Gemetzel mit angenehmem Geschepper, das vermutlich aufgenommen wurde, als ein mit Teetassen beladener Güterzug volle Kanne in eine Reihe parkender Autos gebrettert ist.

In der Hauptrolle sieht man Xie Miao, der 1995 witzigerweise den Filmsohn von Jet Li in MY FATHER IS A HERO spielte und als eben solcher entführt wurde. Hier nun ändern sich die Vorzeichen. Xie wurde damals besetzt, weil man keinen reinen Schauspieler haben wollte, sondern in erster Linie ein Kind, das kämpfen kann. Das macht sich nun erneut bezahlt, denn verlernt hat der Junge nichts. Sein stoischer, entschlossener Blick reicht als Mimik völlig aus, und sprechen muss er als stummer Protagonist ohnehin nicht. Sein Leinwand-Partner Joe Taslim (als Navin) ist indonesischer Abstammung und war – der Kreis schließt sich – bereits bei THE RAID dabei. Eine kleine Rolle (als dessen Ehefrau) ging zudem an die Thailänderin Jeeja Yanin, die in eigenen Vehikeln wie CHOCOLATE (2008) als Star der Show bereits massenhaft Leute vermöbelt hat, hier aber leider nur ganz kurz mitmischen darf – dafür gehört ihr immerhin direkt der Eröffnungskampf.

Auch anhand der Besetzung wird deutlich, dass es sich um eine Gemeinschaftsarbeit handelt: Die Produzenten sind chinesisch, der Regisseur Japaner, der Editor Amerikaner, gedreht wurde in Thailand und Unterstützung kam aus Indonesien. Ist doch schön, dass sich bei einer Produktion, deren Inhalt im Wesentlichen daraus besteht, dass Menschen sich die Fresse polieren, offenbar alle so gut verstanden haben. Wenn das Ergebnis dann noch so begeisternd ausfällt wie bei THE FURIOUS, darf das Beispiel gern Schule machen. Furios.

Laufzeit: 113 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 29. März 2026

THE KILLER


THE KILLER
USA 2024

Regie:
John Woo

Darsteller:
Nathalie Emmanuel,
Sam Worthington,
Omar Sy,
Diana Silvers,
Saïd Taghmaoui,
Hugo Diego Garcia,
Aurélia Agel,
Grégory Montel



Das Seltsamste an THE KILLER (2024) ist, dass er existiert.

Grund: THE KILLER (2024) ist die Neuverfilmung von THE KILLER (1989) – einem Meilenstein des Action- und Gangsterfilm-Genres, der als eines der Schlüsselwerke des Hongkong-Kinos gilt und oft als Musterbeispiel für eine meisterhafte Verschmelzung von Action und Drama herangezogen wird. John Woo inszenierte damals nach eigenem Drehbuch die Geschichte des Auftragsmörders Ah Jong (gespielt von Chow Yun-Fat), der bei einem seiner Jobs versehentlich einer unbeteiligten Frau das Augenlicht raubt und im Anschluss, von Schuldgefühlen geplagt, versucht, ihr die rettende Operation zu ermöglichen. Dieser Entschluss bringt nicht nur die Unterwelt gegen ihn auf, auch das Gesetz in Gestalt des Polizisten Li (Danny Lee) heftet sich an seine Fersen. Als beide Männer sich begegnen, erkennen sie im jeweils anderen eine verwandte Seele – und es erwächst eine ebenso absurde wie intensive Freundschaft, die über den Tod hinausgeht.

Der Clou von THE KILLER (1989) besteht darin, dass seine Geschichte über ihre bloße Erzählung hinausgeht. Denn nur vordergründig geht es um den berühmten „letzten Auftrag“ oder ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cop und Killer. Tatsächlich steht man der griechischen Tragödie näher als dem klassischen Action-Kino. Die beinahe ritterliche Bindung der Protagonisten zueinander, die am Ende stärker ist als Institutionen, Gesetze oder soziale Rollen, macht sie zu tragischen Helden in einer zerfallenden Welt, ihre Freundschaft steht sinnbildlich für die Hoffnung auf ein Überleben der Menschlichkeit. Die brachiale Action, die sich dabei gelegentlich Bahn bricht, dient in dem Zusammenhang weniger dem Spektakel als viel mehr als Katalysator für die innere Zerrissenheit der Charaktere. In der Rezeption wird Woos Werk entsprechend überwiegend als genretransformierender Markstein betrachtet und als Paradebeispiel dafür, wie Action, Drama und moralische Philosophie eine berauschende Symbiose eingehen können. Auch zahlreiche Filmemacher bekannten sich offen zum Fantum, bekannte Regisseure wie Quentin Tarantino oder Martin Scorsese ließen sich maßgeblich von Woos Stil inspirieren.

Warum also die Neuverfilmung eines Werks, das bereits an der Perfektion kratzt? Das von Kritik, Publikum und Kino-Kollegium gleichermaßen gefeiert wird und dem im Prinzip nichts mehr hinzuzufügen ist? Gute Frage! SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD würde ja schließlich auch niemand durch die Modernisierungsmaschine schicken und dafür Lob und Beifall erwarten. Nicht einmal eine veraltete Optik ließe sich begründend ins Feld führen, da die im Original zelebrierte End-Achziger-Ästhetik zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon längst wieder en vogue und bereits vielfachen Imitationsversuchen ausgesetzt war. Der Gedanke, die Geschichte THE KILLERs noch einmal zu erzählen, existiert allerdings schon fast so lang wie das Original selbst. Bereits Anfang der 1990er schrieben Walter Hill und David Giler ein entsprechendes Drehbuch, das irgendwann in der Entwicklungshölle verschmorte. Auch ein südkoreanischer Anlauf im neuen Jahrtausend verlief im Sande. Dass die neue Version schließlich doch noch das Licht der Filmwelt erblickte, hätte bis kurz vor ihrem tatsächlichen Erscheinen wohl kaum noch jemand vermutet, geschweige denn erhofft. Aber doch kam es in Kooperation mit dem Studio Universal und dem Streaming-Dienst Peacock schließlich zum großen Tag: THE KILLER (2024) war plötzlich Realität. John Woo persönlich schwang dafür erneut den Regiestock, während die Autoren Brian Helgeland, Josh Campbell und Matt Stuecken die einst vom Regisseur selbst zu Papier gebrachte Story nach Herzenslust verbiegen durften.

Inhalt:

„Verdienen sie diesen Tod?“, fragt die junge Frau im Saal einer mit Tauben angefüllten Kirche. „Sonst würde ich dich nicht fragen“, antwortet ihr Gegenüber. Und damit ist ein neuer Deal beschlossen.

Die Fragestellerin heißt Zee [Nathalie Emmanuel] und wird regelmäßig von Finn [Sam Worthington], dem Handlanger des Kartellbosses Gobert [Éric Cantona], angeheuert, um Widersacher aus dem Weg zu räumen. Ihr jüngster Job ist die Ausschaltung einer Marseiller Drogenbande. In einem Nachtclub erschleicht sich die Killerin zunächst das Vertrauen der Verbrecher, dann richtet sie ein Blutbad an. Unglücklicherweise verletzt sie dabei jedoch auch die zufällig anwesende Sängerin Jenn [Diana Silvers], und zwar so schwer, dass diese erblindet. Zee bringt es nicht übers Assassinen-Herz, ihr nach dem Augen- auch noch das Lebenslicht auszupusten und lässt die Dame laufen. Als Finn davon erfährt, besteht er allerdings darauf, dass die ungewollte Zeugin ebenfalls beseitigt wird. Die Killerin entdeckt daraufhin ihr Gewissen und beschließt, die Zielperson fortan zu beschützen. Nun beginnt eine wilde Jagd. Denn Zee muss die hilflose Frau nicht nur vor den Schergen des Syndikats in Sicherheit bringen, sondern sich gleichzeitig auch den gewitzten Inspektor Sey [Omar Sy] vom Hals halten, der ihr mittlerweile auf den Fersen ist.

Kritik:

Aus dem männlichen Killer wurde also ein weiblicher, aus Hongkong Frankreich und aus überlebensgroßen Fragen betreffend Schuld und Sühne ein belangloses Hetzen von A nach B – und generell quer durchs Alphabet, zwei Stunden wollen schließlich gefüllt sein.

THE KILLER (2024) unvoreingenommen zu betrachten, ist aufgrund angesprochener Umstände ein Ding der Unmöglichkeit. Man kommt schlicht nicht umhin, die modernisierte Variante mit dem Meilenstein von 1989 in Relation zu setzen – schon deshalb, weil die bekannte Handlung zwar tüchtig durchgeschüttelt wurde, aber nichtsdestotrotz noch eindeutig wiederzuerkennen ist. Dass das Neuarrangement dabei den Kürzeren ziehen würde, war freilich von Anfang an so sicher wie die Taube in der Kirche. Tatsächlich lässt THE KILLER (2024) so ziemlich alles vermissen, was die Vorlage einst so groß und großartig gemacht hat. Der offensichtlichste Faktor: die Hauptdarsteller. Chow Yun-Fat und Danny Lee umschwebte eine Aura, die ihren emotionalen Gleichklang regelrecht greifbar machte. Nathalie Emmanuel [→ GAME OF THRONES] und Omar Sy [→ JURASSIC WORLD] agieren beide solide – erstere überzeugt zudem innerhalb der Action-Szenen durch ihre Körperlichkeit. Aber Funken schlägt das nie. War die Essenz bei THE KILLER (1989) noch die Freundschaft beider Parteien, die alles überstrahlte, obwohl sie eigentlich gar nicht existieren dürfte, ist hier nichts dergleichen zu spüren – vermutlich, weil sie auch gar kein wirklicher Teil des Konzepts war. Und das ist womöglich sogar besser so. Durch die Geschlechtsänderung der Titelfigur wäre es ansonsten wohl auf eine jener oberflächlichen Romanzen hinausgelaufen, wie sie das Kino bereits dutzendfach ertragen musste. Zumindest dieses Klischee bleibt einem somit erspart. Wenn Cop und Killer hier am Ende kooperieren, ist weder Liebe im Spiel noch Seelenverwandtschaft, nicht einmal zwingend Sympathie. Sondern purer Pragmatismus.

Das gestaltet sich so leidenschaftslos, wie es sich liest, und steht symptomatisch für das große Ganze. Wo einst nicht nur Kugeln flogen, sondern auch große Emotionen, dominiert nun kalte Effizienz. Die versehentliche Blendung der Sängerin bei THE KILLER (1989) war vor allem deshalb so niederschmetternd, weil es die Unschuld in Person traf. Und das durchaus im Wortsinn: Sally Yeh fungierte weniger als reale Figur denn als Symbol für die Schuld, die der Killer auf sich geladen hatte. Bei THE KILLER (2024) hingegen ist gar nichts mehr symbolisch oder gar unschuldig konnotiert: Die Sängerin steckt ebenso tief in den Unterweltgeschäften wie alle anderen auch, wodurch im Prinzip alles gleichgehobelt wird. Ihre Erblindung wird dementsprechend auch mit einem sinngemäßen „Och jooo, wird schon wieder“ abgetan, mehr noch: Sie hätte sogar komplett gestrichen werden können, ohne dass dadurch etwas Essenzielles verloren gegangen wäre. Dass das nihilistische Ende des Originals hier einem versöhnlichen Ausklang weicht, passt in das Konzept und ist daher kaum überraschend.

Dass der Vorlage in dieser Besprechung mehr Platz eingeräumt werden musste als der Neuauflage, sagt eigentlich schon alles aus, was man darüber wissen müsste. Keinesfalls unterschlagen werden sollte jedoch, dass THE KILLER (2024) im ohnehin recht fragwürdigen Spätwerk des Regisseurs immerhin einen der vorderen Plätze einnimmt. Besser als die verquaste Historien-, Liebes-, Katastrophenfilm-Melange THE CROSSING (2014) ist er sowieso. Aber er schlägt auch den AUF DER FLUCHTigen Krawall-Krimi MANHUNT (2017), der unter seinen teils recht spinnerten Drehbucheinfällen leidet, sowie die rüde Rache-Mär SILENT NIGHT (2023), die zwar durchaus passabel geriet, aber sämtliche charakteristischen Mechanismen und Markenzeichen ihres Machers vermissen lässt. Zudem gelingt Woo die Kombination aus französischem Flair und der ihm eigenen Action-Ästhetik hier deutlich besser als bei seiner Hongkong-Komödie ONCE A THIEF (1991), die mit erheblichen Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat. Dass Woo bei der Neuverfilmung abermals die Inszenierung übernahm, lässt sich zwar – etwas Boshaftigkeit vorausgesetzt – als Verrat am eigenen Vermächtnis interpretieren, aber immerhin geriet das Ergebnis dadurch in Sachen Choreographie und Visualisierung angenehm kompetent. Wer das Original nicht kennt und dadurch die Gnade der Unvoreingenommenheit besitzt, dem dürfte THE KILLER (2024) daher wohl recht geschmeidig ins Gemüt gleiten. Es ist nur seltsam, dass er existiert.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 22. März 2026

BODIES AT REST


沉默的證人
China 2019

Regie:
Renny Harlin

Darsteller:
Nick Cheung,
Richie Ren,
Yang Zi,
Feng Jiayi,
Carlos Chan,
Ma Shuliang,
Ou-Yang Ching,
Roger Kwok



„Guten Tag, der Herr! Ihrem Körperumfang nach lebten Sie nicht sonderlich gesund.“
[Gerichtsmediziner Nick Chan begrüßt seinen neuesten Kunden.]


Inhalt:

Seit dem Mord an seiner Frau hat sich Gerichtsmediziner Nick Chan [Nick Cheung] überwiegend aus der Gesellschaft zurückgezogen. Auch das Weihnachtsfest verbringt er anstatt zuhause lieber an seinem Arbeitsplatz: der Leichenhalle. Neben zahlreichen toten Körpern leisten ihm dort immerhin auch zwei lebendige Gesellschaft: die seiner jungen Assistentin Lynn [Yang Zi] sowie des schwergewichtigen Wachmanns „Onkel King“ [Ma Shuliang]. Wider Erwarten ist an diesem Fest der Liebe an Ruhe und Frieden jedoch nicht zu denken: Drei maskierte Missetäter verschaffen sich – unter dem Kommando des unberechenbaren „Santa“ [Richie Ren] – gewaltsam Zutritt zum Gebäude. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes: ein belastendes Projektil, das in einer kürzlich eingelieferten Frauenleiche steckt. Scheinbar bereitwillig beugt sich Chan dem Willen der Eindringlinge und händigt den gewünschten Gegenstand aus. Daraufhin ziehen die ungebetenen Gäste zwar von dannen, aber sie bekommen schnell spitz, dass sie geprellt wurden: Die Patronenhülse ist nicht die gesuchte. Wutschnaubend kehren die Gangster zurück – und für Chan und seine Kollegen beginnt eine Nacht des Terrors.

Kritik:

Für Fans des großskalierten Action-Spektakels war Renny Harlin in den 1990ern kurzzeitig die wohl sicherste Bank Hollywoods. So gelang dem finnischstämmigen Regisseur das Kunststück, gleich vier Knaller in Folge abzuliefern, die alle auf ihre Art großartig waren: STIRB LANGSAM II (1990), CLIFFHANGER (1993), DIE PIRATENBRAUT (1995) sowie TÖDLICHE WEIHNACHTEN (1996). Leider waren nicht alle davon auch finanziell erfolgreich – einer floppte sogar so brutal, dass er dem produzierenden Studio damit den Todesstoß versetzte. Dieser Umstand sowie sich verändernde Zeitumstände dürften die Hauptgründe dafür gewesen sein, dass Harlins Karriere danach so lang stagnierte, bis er im Business quasi keine Rolle mehr spielte. Jahre später tauchte er dann überraschend in China auf, wo er die Komödie SKIPTRACE inszenierte, die 2016 zu einem unerwarteten Kassenschlager wurde. Derart beflügelt, blieb Harlin direkt vor Ort, drehte zunächst das Fantasy-Epos LEGEND OF THE ANCIENT SWORD (2018) und schließlich den hier vorliegenden BODIES AT REST, der zwar 2019 ins Kino kam, sich aber – trotz Smartphone- und Hightech-Einsatz – anfühlt, als sei er circa 25 Jahre früher entstanden.

Tatsächlich lag das eigentlich für den US-Markt erdachte Skript eine ziemlich lange Zeit nutzlos in der Gegend herum, bevor sich doch noch jemand überwinden konnte, ihm Leinwandehren zuteilwerden zu lassen. Allerdings atmet das Ergebnis nur bedingt Kino-Atmosphäre. Viel eher gewinnt man den Eindruck, es mit einem jener zahlreichen STIRB LANGSAM-Epigonen zu tun zu haben, die in den 1990ern kostengünstig als leicht goutierbares Videothekenfutter abgedreht wurden. Heißt: In Sachen Schauwerte und Sensationen sind keine Wunder zu erwarten. Zwar versprüht das Gebotene in Zeiten, in denen speziell das chinesische Kino sich in Sachen Gigantomanie selbst zu überflügeln versuchte, schon wieder einen angenehm-altmodischen Charme, aber wer aufgrund von Thematik und Regisseursrenommee auf großkalibrigem Radau besteht, schaut ziemlich in die Röhre. Mehr noch: Über weite Strecken fällt es sogar schwer, das Kredenzte ins Action-Genre einzuordnen. Zwar gemahnen sowohl Geiselnahme-Thematik als auch Weihnachts-Setting an bekannte Vorbilder. Aber anstatt das dicke Spektakel loszulassen, gehorcht BODIES AT REST überwiegend den gemäßigten Mechanismen der Thriller-Kategorie Home Invasion – nur, dass das Home hier makabrerweise eine Leichenhalle ist.

Dieser Schauplatz, der überwiegend im Horror-Genre zum Einsatz kommt, um dort für schaurig-schönes Frösteln zu sorgen, ist die größte Trumpfkarte BODIES AT RESTs. Die kühle, morbide Atmosphäre passt hervorragend zu der ungastlichen Situation der Protagonisten, die groteskerweise zwischen Unmengen akkurat aufgebahrter Leichen um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Begründungen dafür werden allerdings arg forciert von einem Drehbuch, das seine Helden sich mehrfach unnötig in Gefahr begeben lässt. Als erster Stolperstein erweist sich diesbezüglich bereits die Ausgangssituation: Warum der bedrohte Gerichtsmediziner Nick Chan den Gangstern nicht einfach das gewünschte Utensil – die verräterische Patronenhülse – aushändigt, sondern stattdessen versucht, die gefährlichen Eindringlinge übers Ohr zu hauen, wird nie ganz klar. Er hätte jedenfalls keinerlei nennenswerte Nachteile dadurch – und dass die Verbrecher zunächst unerkannt abgezogen wären, hieße ja nicht, dass man ihrer später nicht doch noch irgendwie hätte habhaft werden können. Stattdessen erregt Chan grundlos den Zorn der Männer und setzt damit auch die Unversehrtheit der übrigen Anwesenden aufs Spiel. Wobei es auch seine Kollegin, die energische Lynn, in einem späteren Moment für eine gute Idee hält, einen der Geiselnehmer verbal zu provozieren und dadurch nicht nur sich selbst einem unnötigen Risiko auszusetzen. Dass ihrer Figur zudem ein Armee-Hintergrund angedichtet wird, wirkt zum einen wenig glaubwürdig und wird anderen auch kaum genutzt. Zwar ist es in diesem Genre grundlegend zu begrüßen, wenn sich eine Frauenfigur in Gegenwart akuter Gefahr nicht ein Häuflein Elend verwandelt, und tatsächlich weiß sich die resolute Assistentin auch anständig ihrer Haut zu erwehren. Irgendwelche militärischen Spezialmanöver, die diesen biographischen Hinweis gerechtfertigt hätten, bleiben jedoch bis zum Ende aus.

In der Hauptrolle ist mit Nick Cheung [→ ELECTION] ein bekanntes Gesicht des Hongkong-Kinos zu sehen. Seine Figur unterscheidet sich massiv von den ganzen Bruce Willis’ und Sylvester Stallones, die Renny Harlin zu seinen besten Zeiten gegen terroristisches Gesocks zu Felde ziehen ließ. Statt seine Aggressionen auszuleben, geht Chan – ganz seiner Rolle als Mediziner entsprechend – eher analytisch vor, meidet gewalttätige Auseinandersetzungen und versucht vielmehr, den Gegner durch List und Tücke in die Knie zu zwingen. Da es die Gangster aber eher wenig mit der Feingeistigkeit halten, kommt es in regelmäßigen Abständen dennoch zum schmerzhaften Schlagabtausch, bei dem stets auch einiges an Glas und Gerät zu Bruch geht. Dazu gesellen sich ein paar Schießereien, die allerdings recht unübersichtlich geraten sind – und das ausgerechnet in einer Produktion aus China, wo die Kultivierung gepflegter Kugel-Ballette eigentlich zur Königsdisziplin gehört. Tänzerische Eleganz war hier aber ohnehin kein Teil des Konzepts, körperliche Konfrontationen gehorchen den Regeln der ruppigen Rauferei. Die spektakulärste Action-Szene entpuppt sich zudem als „Was wäre, wenn ...“-Vision – ein aus dramaturgischer Sicht immer recht fragwürdiger Kniff, der auch hier für einen kurzen Frust-Moment sorgt.

Ansonsten geht es für die Protagonisten im Wesentlichen darum, immer neue Mittel und Wege zu finden, dem tödlichen Trio zu entkommen. Zusätzliche Spannungsmomente bestehen in der Regel daraus, dass diverse Besucher die Pathologie heimsuchen, ohne dabei zu ahnen, in welcher Gefahr sie eigentlich gerade schweben, da die Hauptfiguren gezwungen sind, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. So taucht einmal ein ebenso redseliger wie begriffsstutziger Transportfahrer auf, um eine Leiche abzuholen, oder zwei Polizisten schauen nach dem Rechten, nachdem sie ein Notrufsignal ereilt hat (irgendwie ja doch erstaunlich viel Betrieb, in dieser einsamen Leichenhalle am Weihnachtsabend). Das psychische Trauma der Hauptfigur – der gewaltsame Tod der Ehefrau – will indes so gar keine sinnvolle Funktion erfüllen und scheint nur dabei zu sein, da man offenbar der Meinung war, ein bisschen Seelenpein auf guter Seite gehöre irgendwie dazu. Zwar wird im feurigen Finale eine Verbindung zu diesem Fall forciert, aber auf eine so bemüht-konstruierte Art, dass es besser gewesen wäre, man hätte es bleiben lassen. Und auch, warum Nick Chan am Ende plötzlich sämtliche Hintergründe des Überfalls kennt und sie dem Oberschurken verbal aufs Butterbrot schmieren kann, erscheint nicht wirklich stimmig hergeleitet.

So läuft BODIES AT REST mit reichlich Sand im Getriebe – aber er läuft. Die Großmannssucht früherer Harlin-Projekte weicht hier einer vergleichsweise bescheidenen, bodenständigen Machart, die durchaus Sympathiepunkte sammeln kann. Richie Ren [→ ACCIDENT] agiert auf Gangsterseite zwar recht eindimensional und klischeehaft, als Gegengewicht zum mit Bedacht handelnden Nick Chan funktioniert das allerdings schon ziemlich gut. Der Soundtrack hätte gern ein bisschen weniger generisch klingend ausfallen dürfen und auch der Inszenierung fehlt generell das entscheidende Quäntchen mitreißender Energie, um wirkliche Begeisterung entfachen zu können. Wer sich einen schönen Abend mit scheppernder Tonspur und altmodisch-geerdeter Action machen möchte, liegt hier dennoch prinzipiell richtig. Nicht nur an Weihnachten. 

Laufzeit: 94 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 8. März 2026

LIFELINE - DIE TODESMUTIGEN


SAP MAN FO GAP
Hongkong 1998

Regie:
Johnnie To Kei-Fung

Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Alex Fong Chung-Sun,
Carman Lee Yeuk-Tung,
Damian Lau Chung-Yan,
Ruby Wong Cheuk-Ling,
Raymond Wong Ho-Yin,
Chan Man-Lei,
Yuen Bun



„Ich will Feuerwehrmann werden!“
(Grisu, der kleine Drache, unmittelbar nach der Erstsichtung von LIFELINE)


Inhalt:

Yau Sui [Lau Ching-Wan] ist Feuerwehrmann in Hongkong. Bei einem Einsatz wird sein Vorgesetzter Fung Ting Kwok [Yuen Bun] so schwer verletzt, dass er nicht mehr in den Beruf zurückkehren kann. Sein Nachfolger ist der autoritäre Leutnant Raymond Cheung [Alex Fong], der aufgrund seiner Strenge schnell mit Yau in Konflikt gerät. Abseits des Dienstes lernt Yau die Ärztin Annie Chan [Carman Lee] kennen, die regelmäßig Feuerwehrleute nach Einsätzen behandelt. Als sich Annie als psychisch labil erweist und Yau sie in einer Krisensituation vor dem Schlimmsten bewahrt, entwickelt sich zwischen beiden eine zarte Romanze. Das Schicksal aller Beteiligten entscheidet sich schließlich, als ein verrückter Brandstifter [Lam Suet] eine Chemiefabrik in Brand setzt, in der zu allem Überfluss auch noch illegal feuergefährliche Substanzen gelagert werden.

Kritik:

Bevor Regisseur Johnnie To zusammen mit seinem langjährigen Kreativpartner Wai Ka-Fai die unabhängige Produktionsfirma Milkyway Image (HK) Ltd. gründete, um unter diesem Banner vor allem von existenzialistischen Beziehungsgeflechten im Gangster- und Polizei-Milieu zu erzählen, verabschiedete er sich vom klassischen Studiosystem Hongkongs mit dem ebenso aufwändigen wie kruden LIFELINE, der in Deutschland noch um den durchaus passenden Zusatztitel DIE TODESMUTIGEN ergänzt wurde. Aufwändig deshalb, weil das Spektakel offensichtlich in einer Liga mit Hollywoods epischen Materialschlachten spielen sollte, wofür einiges an Inventar imposant durch den Kamin gejagt wurde. Aber eben auch krude, weil sich die Feuerwehr-Saga dramaturgisch mehr als holprig in zwei Hälften gliedert, die irgendwie so rein gar nichts miteinander zu tun haben wollen. Dabei ist die zweite Halbzeit deutlich besser gelungen – nicht nur wegen der Schauwerte, die einem in Erinnerung rufen, dass To sich seine Lorbeeren in erster Linie als Action-Regisseur verdiente. Sie wirkt auch deutlich stringenter als das, was ihr vorausging und kaum mehr war als eine fragmentarische Aneinandereihung einzelner Episoden über die Schicksale der Männer und Frauen der organisierten Brandbekämpfung.

Dabei ist das Ziel eigentlich klar: Die Truppe soll dem Publikum ans Herz wachsen, damit es im feurigen Finale, wenn alle ihr Leben riskieren müssen, anständig um sie zittern kann. Das Problem: Es funktioniert nicht. Viel zu klischeelastig sind die Figuren und die für sie kontruierten Situationen, und viel zu oberflächlich geriet die Abhandlung der persönlichen Krisen und Konflikte, als dass eine emotionale Involvierung gelingen könnte. Schon der Beginn ist arg seltsam, wenn nahezu die gesamte Belegschaft der Feuerwache mit einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wird, um sich dort den Magen auspumpen zu lassen – eine wahrlich merkwürdige Art, die Protagonisten einzuführen, zumal der Vorfall bereits wenige Minuten später völlig vergessen ist. Vermutlich dient dieser Auftakt lediglich der Etablierung der etwas verhuschten Ärztin Annie Chan, die nachfolgend ebenfalls zum relevanten Charakter wird, aber die hätte ja nun auch auf andere Weise vorgestellt werden können – zumal sie sich später bei jedem Einsatz der Feuerwehrleute ebenfalls an der Unglücksstelle befindet, fast so, als gäbe es in ganz Hongkong nur eine einzige Rettungsmedizinerin. Carman Lee [→ LOVING YOU] spielt die Rolle zwar charmant, allerdings ist ausgerechnet diese die unglaubwürdigste von allen: Die Frau Doktor, im Job durchaus resolut, verhält sich privat wie ein weinerliches Mädchen, weil ihr unsympathischer Lebensgefährte ihr nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt. Dass sie daraufhin sogar in selbstmörderischer Absicht zur Fassadenkletterin wird und sich vom männlichen Helden Yau Sui noch tränenerstickt Sympathiebekundungen einholen muss, erscheint gleichermaßen albern wie absurd.

Yau Sui wird von Lau Ching-Wan gespielt, der – ebenso wie Carman Lee – zum Stammpersonal Johnnie Tos gehörte. Er bewältigt die Rolle des gefälligen Einsatzleiters mühelos, zumal er schauspielerisch eigentlich viel mehr auf dem Kasten hat. Als er einen neuen Vorgesetzten bekommt, den grantigen Raymond Cheung (Alex Fong aus LETHAL PANTHER), bahnt sich prompt ein Konflikt an, denn der juvenile Yau, der Vorschriften eher als Vorschläge versteht, und der gestrenge Cheung könnten charakterlich kaum unterschiedlicher sein. Umso erstaunlicher ist es, dass auch hier nahezu sämtliche Gelegenheiten, aus diesem Gegensatz Spannung zu erzeugen, in den Wind geschlagen wurden. Der Interessenkonflikt steht zwar im Raum, wird jedoch nie konsequent ausgespielt und existiert letztlich fast nur auf dem Papier. Stattdessen verzettelt sich das Skript in weitere Nebenhandlungen. So trägt zum Beispiel auch Cheung sein Kreuz mit sich herum: Die Ex-Frau will ihm die gemeinsame Tochter aufs Auge drücken, da ihr neuer Auserwählter das Kind nicht leiden kann. Nicht nur Cheung reibt sich bei dieser Aussage Aug und Ohr. Aber stimmig zu Ende geführt wird auch dieser Strang nicht. Währenddessen hat der Neuling der Truppe, der naive Jüngling Raymond Wong (Wong Ho Yin aus ELECTION), Angst davor, im Ernstfall die berühmte Stange herunterzurutschen und fängt sich dafür einen Tadel ein. Aber: Kein Problem! Nach ein paar Trockenübungen klappt das nämlich bereits wie am Schnürchen, womit auch diese Sache abgefrühstückt wäre. Sein alter Herr verteilt derweil selbstgemachte Suppe auf der Wache, wird dafür allerdings ebenfalls gerügt und schließlich des Geländes verwiesen. Himmel, wie aufregend! Ach, und dann ist da noch die einzige Frau im Team: Lo Ka Wai, einnehmend verkörpert von Ruby Wong [→ EXPECT THE UNEXPECTED]. Diese möchte auf keinen Fall schwanger werden und liegt deswegen im Clinch mit ihrem Arschlochgatten, der sich vehement weigert, Gummis zu benutzen. Aber auch das interessiert den Betrachter eigentlich nicht die Bohne, sodass sich durchaus eine gewisse Dankbarkeit einstellt, wenn das Team zwischen all den Belanglosigkeiten wenigstens gelegendlich mal ausrücken darf, um Menschen vor dem Flammen-, Schlamm- oder Vergiftungstod zu bewahren.

Diese Einsätze sind durchaus packend inszeniert, aber stets auch schnell wieder vorbei. Das ändert sich erst, als ein Brandstifter (bei seinem kurzen Auftritt herrlich durchgeknallt: To-Nebendarsteller-Ikone Lam Suet [→ FATAL MOVE]) eine Chemiefabrik in Flammen aufgehen lässt. Da der zuständige Betriebsleiter zunächst zu vertuschen versucht, dass in dem Gebäude illegale feuergefährliche Substanzen gelagert sind, wird der Einsatz zur Bewährungsprobe, als das Team im Flammenmeer eingeschlossen wird und der Sauerstoff zur Neige geht. Das bringt dann endlich – im wahrsten Sinne – Stimmung in die Stube, denn Feuer, Rauch und Explosionen sind hier tatsächlich noch echt und wurden nicht von Kollege Computer konstruiert. Der unterhaltsame Budenzauber kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass LIFELINE als Ganzes gehörig Sand im Getriebe hat. Das liegt vor allem daran, dass nahezu alle Episoden der ersten Hälfte ohne Relevanz für die zweite sind. Das Ergebnis ist eine weitestgehend unfunktionale Mixtur aus seichter Seifenoper und kernigem Katastrophenfilm, die für Johnnie-To-Verhältnisse zudem erstaunlich substanzlos des Wegs kommt. Er wollte einen realistischen Film über echte Helden machen, erklärte der renommierte Regisseur einst öffentlich. Dieses Anliegen wird jedoch mehrfach konterkariert, sei es durch die zweifelhafte Darstellung der Feuerwache, die in ihrer militärisch anmutenden Organisation eher an eine Kaserne erinnert, oder durch das völlig unwahrscheinliche Ende, das Figuren ohne jede Not wahre Infernos überleben lässt, obwohl von ihnen eigentlich nur noch ein Häuflein Asche übrig sein müsste. Auch formale Fehler fallen auf, wenn während diverser Rettungaktionen unpassenderweise epische Musik erklingt, wo eigentlich dramatische angebracht wäre.

LIFELINE ist ein gewiss gut gemeintes Leinwand-Loblied auf den Wagemut der Löschbrigaden, doch trotz vereinzelter Qualitäten will der Funke nicht so recht überspringen. Der unangefochtene Platzhirsch des insgesamt arg unterrepräsentierten Brandbekämpfungs-Genres bleibt somit fraglos BACKDRAFT (USA, 1991), in zweiter Reihe macht zudem FIRESTORM (USA, 1998) eine ziemlich gute Figur. Aus dem asiatischen Raum sind außerdem noch LIBERA ME (Südkorea, 2000) und AS THE LIGHT GOES OUT (China, 2014) einen Blick wert. Feuer frei!

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 1. März 2026

CITY ON FIRE


WÚ WÈI SHÉN TÀN
Hongkong 1995

Regie:
Johnnie To Kei-Fung
 
Darsteller:
Lau Ching-Wan,
Lee Yeuk-Tung/Carman Lee
Tuo Tsung-Hua,
Wong Cheuk-Ling/Ruby Wong,
Lee Chung-Wai,
Sin Kam-Ching,
Wong Wa-Wo/Jimmy Wong,
Chiu Yue-Ming



„Die Kugel drang durch die Stirn ein und ging durch zwei Nerven zwischen seinen Augen. Dann durchbohrte sie die Nasenhöhle, den Ober- und Unterkiefer inklusive der Zunge. Im Unterkiefer blieb sie dann stecken.“
(Na, toll … Und der Tag fing so gut an.)


Inhalt:

Inspektor Lau [Lau Ching-Wan] ist nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennen würde: Seinen Kollegen begegnet er mit unverhohlener Arroganz und auch seiner Frau Carman [Carman Lee] gegenüber zeigt er keinerlei Respekt. Alkohol, Affären und jähzornige Ausbrüche gehören für ihn zum Alltag. Aber dann schlägt das Schicksal plötzlich zurück: Die Verhaftung des Drogenhändlers Gwan [Tuo Tsung-Hua] endet für Lau mit einer Kugel im Kopf. Zwar überlebt er den Vorfall wie durch ein Wunder, doch sind die Folgen gravierend: Seine Sinne sind stark eingeschränkt; von eben auf jetzt ist er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. Carman, inzwischen schwanger von einem anderen Mann, beginnt, ihn zu pflegen. Zwischen Pflichtgefühl, Schuld und vielleicht nicht vollständig erloschener Zuneigung zeichnet sich zwischen beiden die Möglichkeit einer zweiten Chance ab. Aber dann gelingt Gwan die Flucht aus der Haft – getrieben vom Drang nach Vergeltung.

Kritik:

Von Logo und Fanfare der Shaw Brothers zu Beginn sollte man sich nicht aufs Glatteis führen lassen. Die wohl berühmteste Kung-Fu-Film-Fabrik der Welt übernahm bei LOVING YOU lediglich den Vertrieb und hatte mit der eigentlichen Produktion nichts am Hut. Viel aussagekräftiger ist da schon ein flüchtiger Blick auf die Stabangaben: CITY ON FIRE, wie das Werk in Deutschland extraknallig getauft wurde, ist eine frühe Arbeit Johnnie Tos, der im darauffolgenden Jahrzehnt mit Arbeiten wie FULLTIME KILLER (2001), EXILED (2006) oder VENGEANCE (2009) zu einem der einflussreichsten Regisseure Hongkongs aufsteigen und mehrere internationale Preise einheimsen sollte. Und siehe da: Sogar sein Lieblingsdarsteller Lau Ching-Wan [→ EXECUTIONERS (1993)] ist bereits mit an Bord und bekleidet auch sogleich die Hauptrolle. Handschriftlich geht es zwar schon stark in die Richtung, die das Team Jahre später populär machen sollte, ein paar Kinderkrankheiten lassen sich jedoch kaum leugnen. Denn die klobige Mischung aus Melodram und Polizei-Action steht sich allzu oft selbst im Weg.

Dabei fängt alles schon ziemlich stark an: Der Polizei-Einsatz zum Auftakt – eine desaströs misslingende Undercover- und Beschattungsaktion – ist rasant und aufregend in Szene gesetzt. Da wird über nicht sehr vertrauenerweckend aussehende Wellblechdächer gehechtet, an porösen Riesenrohren gebaumelt und an selbigen (nicht eben realistisch) von Haus zu Haus geschwungen, alles zwischen Unmengen umherflatternder Banknoten, die bei dem geplatzten Deal verlustig gegangen sind und die Szenerie nun in eine apokalyptische, westernartige Atmosphäre tauchen. Es ist das erste Aufeinandertreffen der Antipoden: Inspektor Lau, von Lau Ching-Wan gespielt, und Gwan, dem Drogendealer in der Gestalt Tuo Tsung-Huas [→ DIE MACHT DES SCHWERTES (1993)]. Zwar kann der Gangster an dieser Stelle noch entkommen, doch das gestörte Geschäft hat ihn empfindlich getroffen: Geld und Ware sind futsch. Im Folgenden wird dem Publikum klar, was für ein Kotzbrocken allerdings auch der Inspektor ist. „Warum behandeln Sie Ihre Kollegen wie Verbrecher?“, fragt ihn sein Vorgesetzter. Und tatsächlich haben viele Untergebene Angst vor Laus cholerischer Art. Auch privat ist er keinen Deut besser: Seiner Frau bringt er nicht einen Hauch Aufmerksamkeit entgegen, klärenden Gesprächen mit ihr geht er aus dem Weg. Stattdessen betrinkt er sich in der Bar und übernachtet danach im Wagen. Als es schließlich doch zur Aussprache kommt und sie ihm eröffnet, von einem anderen Mann schwanger zu sein, setzt es mitten im Restaurant vor versammelter Mannschaft eine schallende Ohrfeige.

Damit der Betrachter überhaupt das Bedürfnis verspürt, einem solchen Ekelpaket weiterhin die zuschauerliche Treue zu halten, muss sich also gravierend etwas ändern. Und das tut es auch, denn Laus Kontrahent Gwan bläst zum bleihaltigen Überraschungsangriff. Das erzwungene Duell endet in einer formvollendet widerlichen Szene: Der Inspektor bekommt eine Kugel in den Kopf – wobei es ihm trotz suppender Stirnwunde und aus der Nase heraustropfender Hirnflüssigkeit (Igitt!) irgendwie noch gelingt, seinen Kontrahenten per Handschelle festzusetzen und somit dessen Verhaftung herbeizuführen. Nun beginnt der melodramatische Teil: Als plötzlicher Pflegefall ist Lau auf eben jene Menschen angewiesen, für die er zuvor überwiegend Verachtung übrig hatte – allen voran seine Frau, die ihn wider ursprünglicher Pläne doch nicht verlässt, sondern im Gegenteil an seiner Seite weilt, um ihn ins geregelte Leben zurückzuholen. Die abermalige Annäherung des Ehepaares ist zwar sensibel erzählt, kann aber leider kaum mitreißen oder gar berühren. Das Schicksal des Inspektors lässt einen ziemlich kalt, fällt es doch schwer, in ihm mehr zu sehen als die Schweinebacke, als welche er eingeführt wurde – ein paar Alltagsbehinderungen reichen schlichtweg nicht aus, um sich jählings auf seine Seite zu schlagen. Da spielt es auch keine Rolle, dass Lau Ching-Wan darstellerisch tadellos abliefert. Exemplarisch genannt sei der Moment, in dem ihm – noch im Krankenhausbett liegend – schlagartig bewusst wird, dass er sowohl seinen Geschmacks- als auch seinen Geruchssinn verloren hat. Auch Carman Lee [→ MUTANT CITY (1992)] gibt sich diesbezüglich keine Blöße, doch ist ihre Rolle viel zu unnahbar angelegt, um echte Empathie zu wecken. Dass die neu aufkeimende Liebe teilweise von ebenso schmalzigem wie unpassendem Liedgut untermalt wird (unter anderem „To Love Somebody“ von den Bee Gees), macht es indes auch nicht unbedingt besser.

Pünktlich zum Schlussakt wandelt sich LOVING YOU dann wieder zum Action-Spektakel, wenn der rachsüchtige Gwan (ja, schon wieder der!) aus der Haft ausbricht, um endgültig mit Lau abzurechnen. Warum sich der milchgesichtige Dealer dermaßen auf den Polizisten eingeschossen hat, bleibt völlig unklar. Viel sinnvoller wäre es ja, nach erfolgreicher Flucht schleunigst Fersengeld zu geben und die halbseidenen Geschäfte künftig woanders abzuwickeln. Gwan jedoch bleibt vor Ort, besorgt sich ein paar Sprengsätze und verwickelt seinen Rivalen in ein feuriges Finale, das zwar anständig Laune macht, in seiner klischeegetränkten Realitätsferne aber im krassen Kontrast zum zuvor zelebrierten Authentizitätsanspruch steht. So ergibt sich am Ende kein stimmiges Ganzes, da beide Komponenten nicht wirklich miteinander harmonieren wollen: Entweder unterminiert die Action den Anspruch  oder umgekehrt. Auffällig sind in diesem Zusammenhang auch die Mechanismen des Marketings, das sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlägt: Je nach Anbieter und Breitengrad wurde das Januswerk entweder als zarte Romanze oder als harter Reißer verkauft. In Deutschland entschied man sich für Letzteres und verpasste der Nummer mit CITY ON FIRE gleich noch einen neuen martialischen Titel. Dieser findet nicht nur innerhalb der Handlung keine wirkliche Entsprechung, er evoziert auch Verwechslungen mit Ringo Lams 1987 veröffentlichten Polizeifilm, der international bereits unter eben diesem Namen bekannt war.

Trotz der Defizite in Sachen Duktus, Dramaturgie und Charakterzeichnung brachte LOVING YOU Johnnie To damals eine Nominierung als „Bester Regisseur“ bei den Hong Kong Film Awards ein. Das erscheint im Nachhinein etwas übertrieben – womöglich aber nur deshalb, weil mittlerweile bekannt ist, wie sehr er sich in den Folgejahren noch steigern sollte. Zugestanden sei zugleich, dass es abseits der angesprochenen Mankos nur wenig zu bekritteln gibt. Die Inszenierung fällt zwar noch in die Kategorie „jung und wild“, doch Tos später perfektioniertes Gespür für Rhythmus und präzise Bildkomposition ist bereits allgegenwärtig. Die Action, bestehend aus Verfolgungen, Schusswechseln und Explosionen, ist voller Tempo und Dynamik, aufgebrezelt durch geschickt platzierte Zeitlupenmomente. Bemerkenswert ist ferner die Kameraarbeit Cheng Siu-Keungs [→ RETURN TO A BETTER TOMORROW (1994)], der die Figuren häufig durch Gitter oder andere Begrenzungen ablichtet – ein Kunstgriff, der selbst unter freiem Himmel ein Gefühl von Enge und Eingepferchtheit erzeugt. Dazu passt auch die nahezu vollständige Abwesenheit fröhlicher oder optimistischer Menschen. Alle scheinen lediglich zu versuchen, in diesem gigantischen Käfig irgendwie über die Runden zu kommen, ohne dabei durchzudrehen. Das übertrieben kitschige Schlussbild, mit dem der Zuschauer final wieder in die Freiheit entlassen wird, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon ein wenig erzwungen.

In LOVING YOU wird sich vermutlich niemand hoffnungslos verlieben – oder anders ausgedrückt: CITY ON FIRE wird wohl weder Städte noch Herzen in Brand setzen. Aber als apartes Anschauungsobjekt für die frühe Selbstfindungsphase eines großen Regisseurs kann man das raue, experimentell angehauchte Herz-Schmerz-Konglomerat schon mal goutieren, ohne dass einem gleich die Hirnflüssigkeit aus der Nase tropft (Igitt!).

Laufzeit: 80 Minuten / Freigabe: ab 16

Montag, 17. November 2025

P.O.W. - DIE VERGELTUNG


BEHIND ENEMY LINES
USA 1986

Regie:
Gideon Amir

Darsteller:
David Carradine,
Mako,
Charles Grant,
Steve James,
Phil Brock,
Daniel Demorest,
Tony Pierce,
Steve Freedman



„Ich kann mir nicht vorstellen, warum sie gerade ihn ausgesucht haben.“
„Erstens ist er der Beste. Und dann hat er ein Prinzip, mit dem er noch nie gebrochen hat.“
„Und welches ist das?“
„Jeder kommt wieder nach Hause.“

[Ein paar Filmminuten später sind dann übrigens alle Beteiligten mausetot. Aber gut … von lebend nach Hause war ja auch nie die Rede ...]


Inhalt:

1973: Das Ende des Vietnamkriegs steht kurz bevor; in wenigen Tagen sollen alle Truppen abgezogen werden. Das Problem: Nordvietnam leugnet die Existenz amerikanischer Kriegsgefangener. Sobald der Waffenstillstand in Kraft tritt, gelten alle bis dahin nicht zurückgekehrten Soldaten als verschollen. Die US-Regierung will das nicht hinnehmen und schickt den couragierten Colonel Cooper [David Carradine] in den Dschungel, um in einem aufmerksamkeitsstarken Husaranstück den geheimen Vietcong-Knast zu stürmen und die Vermissten zu befreien. Doch der Einsatz misslingt: Coopers Einheit wird vollständig ausgelöscht, er selbst gerät in die Gewalt des skrupellosen Aufsehers Vinh [Mako]. Dieser erhält den Befehl, den prominenten Gefangenen zu seiner Hinrichtung nach Hanoi zu bringen. Vinh willigt zum Schein ein, verfolgt jedoch eigene Pläne: Er beabsichtigt, sich heimlich in die USA abzusetzen – mitsamt aller Reichtümer, die er während des Krieges angehäuft hat. Es kommt zu einem ungewöhnlichen Deal: Cooper hilft Vinh bei der Flucht – unter der Bedingung, dass sämtliche Internierten mitkommen dürfen. Der Konvoi, der sich bald darauf in Bewegung setzt, dient daher nur scheinbar der Überführung des Colonels zur Schlachtbank. Tatsächlich soll es ein Trip in die Freiheit werden. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt …

Kritik:

Ja, die Mär von den geleugneten Kriegsgefangenen mal wieder! Tatsächlich hielten sich in den USA nach Ende des Vietnamkriegs hartnäckig Gerüchte, der Gegner halte noch etliche amerikanische Soldaten in geheimen Lagern fest. War ja auch deutlich einfacher als zu akzeptieren, dass diese sinnlose Stellvertreteraktion schlicht unfassbar viele Todesopfer gefordert hatte. Das nach zahlreichen Skandalen entfachte Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung trug ebenfalls nicht gerade dazu bei, die Vorstellung einer Vertuschung zu entkräften. Beweise wurden – oh Wunder! – jedoch nie erbracht. Dafür nährten unzählige reaktionäre Actionfilme fleißig die Verschwörungsfantasie und ließen bis an die Zähne bewaffnete Einzelkämpfer ins ehemalige Kriegsgebiet vordringen, um die verlorenen Jungs doch noch rauszuholen. P.O.W. - DIE VERGELTUNG reiht sich, trotz durchaus vorhandener Story-Variation, recht nahtlos in diese Reihe ein. P.O.V. steht dabei für Prisoner of War (also eben Kriegsgefangener) und Die Vergeltung steht für Die Vergeltung. Wobei der offizielle Originaltitel eigentlich BEHIND ENEMY LINES lautet, hin und wieder auch mal abgelöst von P.O.W. - THE ESCAPE. Aber ganz gleich, unter welchem Banner man sich das Werk letzten Endes zu Gemüte führt, klar ist: Hier muss mal wieder ein Heros her, um hinter feindlichen Linien vermeintlich gefallene Kameraden zurück in die Freiheit zu führen.

Verantwortlich dafür war einmal mehr das berühmt-berüchtigte Cannon-Studio, das mit seinen kostengünstig, aber effizient produzierten patriotischen Gassenhauern in den 1980er-Jahren einige Kassenerfolge einfahren konnte. Die Hauptrolle wäre daher eigentlich wie geschaffen gewesen für den Berufsbärtigen Chuck Norris, einer der großen Stars des Hauses, dem die Kompetenz zur gewaltsamen Kombattantenheimführung schon stets in den markanten Gesichtspullover gestrickt war. Aber vielleicht wollte man nach zwei MISSING IN ACTION-Missionen (die dritte stand bereits in den Startlöchern) auch mal ein anderes Frontschwein von der Leine lassen. So darf sich hier nun David Carradine seine Sporen verdienen, der immer noch vom Erfolg der TV-Serie KUNG FU zehrte und zudem wesentlich sympathischer rüberkommt als sein ehemaliger Leinwandpartner (Norris und Carradine trafen 1983 in MCQUADE – DER WOLF aufeinander). Die Siegestrophäe für das beste Mienenspiel bleibt zwar auch diesmal brav in der Schublade, aber als kerniger Colonel mit Hang zum Zweitkick ist Carradine durchaus zelluloidtauglich. Dass sein Charakter eine Reihe saudummer Entscheidungen trifft und dadurch – entgegen permanenter Dialogbehauptung – keinen allzu qualifizierten Eindruck hinterlässt, ist ja nicht seine Schuld, sondern die der Drehbuchschurken (Ob man’s nun glaubt oder nicht: Ganze fünf Schreiberlinge mussten ran, um dieses erzählerisch doch sehr spartanische Scharmützel zu Papier zu bringen).

Der inhaltliche Hauptunterschied zum Gros der Kinokollegen besteht bei P.O.W. darin, dass die Handlung noch während des Krieges spielt. Die meisten Leinwandhelden durften erst nach Ende desselben ins Feindesland vorrücken, um Verschleppte zu befreien und dem ehemaligen Gegner nachträglich noch ein paar Nasenstüber mit auf den Weg zu geben. Hier jedoch findet die Aktion bereits während der letzten Schlachttage statt, was sich als recht reizvolle Variante entpuppt. Mehr denn je herrscht eine chaotische Weltuntergangsstimmung, in der endgültig auf jedwedes Regelwerk gepfiffen wird und jeder nur noch versucht, seine Schäfchen irgendwie ins Trockene zu bringen. Das gilt durchaus für beide Seiten, wird Colonel Cooper doch – entgegen vorheriger Pläne, die eine verdeckte Operation vorsahen – damit beauftragt, mit seiner Einheit ganz und gar unverdeckt und mit viel Krawall ein geheimes Dschungellager hochzunehmen und dabei zwecks intendierter Weltpresse-Aufmerksamkeit möglichst viel Rummel zu veranstalten. Das führt direkt zum Auftakt zu einem der größten Lacher überhaupt, wenn David Carradine und seine Mannen besagtes Camp stürmen und minutenlang wie die Wilden in der Gegend herumballern – bis ihnen auffällt, dass sie ganz allein auf weiter Flur sind und daher die ganze Zeit auch niemand zurückschießt. Diese Sequenz ist wirklich sagenhaft bescheuert und sagt am Ende mehr über das Genre aus, als ihr vermutlich lieb ist: Stumpfes Rotzen aus allen Rohren geht deutlich vor Sinn und Verstand.

Die Absenz jedweder Gegenwehr entpuppt sich als Hinterhalt, dem allen außer Carradines Cooper zum Opfer fallen. Es folgen ein paar der genreüblichen Fiesitäten, wenn der schurkische Kommandant Vinh die Bühne betritt, verkörpert vom japanischstämmigen Makoto Iwamatsu [→ DIE GROSSE KEILEREI], alias „Mako“, der in den USA zeitweise immer dann zum Einsatz kam, wenn ein asiatisches Gesicht gefragt war. Vinh fügt den überlebenden Colonel den übrigen Kriegsgefangenen hinzu und macht mittels mehrerer Exekutionen direkt deutlich, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen ist. Etwas origineller wird es, als beide Parteien ein durchaus glaubhaftes Zweckbündnis eingehen: Kommandant Vinh weiß, dass das nahende Ende des Krieges ihm nicht nur seine Macht, sondern auch sein illegal beiseitegeschafftes Gold kosten wird. Ein Leben in Amnestie im Land des Feindes erscheint ihm daher als gangbare Alternative. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht er jedoch die Unterstützung Coopers – welcher seine Mitwirkung wiederum an die Bedingung knüpft, dass die Gefangenen sicher nach Hause gelangen. Das markiert den Auftakt einer zumindest im Ansatz abenteuerlichen Reise durch ein zerrüttetes Land, die einiges an Sprengkraft und Nervenkitzel birgt, wenn der Lagerkommandant gezwungen ist, seine eigenen Leute zu täuschen – denn der Vietcong kennt bei Verrätern keine Gnade.

Eine wirkliche Annäherung der beiden Antipoden findet dennoch niemals statt. Dazu setzt P.O.W. dann doch wieder zu sehr auf die altbekannte Gut-Böse-Schablone, die allzu ambivalente Anwandlungen gar nicht erst zulässt. Auch wird diese „Zusammen in einem Boot“-Idee nicht konsequent genug durchgezogen und das Skript verzettelt sich bald wieder in Story-Stereotypen. Ein nettes narratives Nebengleis wird immerhin befahren mit der Episode um den befreiten Soldaten Sparks, verkörpert von Charles Grant [→ DELTA FORCE]. Dieser erliegt nämlich ebenfalls der Gier nach Gold und Glitzer und setzt sich, mit geklauter hochkarätiger Altersvorsorge im Gepäck, vom Rest der Truppe ab, um auf eigene Faust außer Landes zu fliehen. Doch sein Glück, so wird ihm bald bewusst, wird er dabei nicht finden. Gerade noch rechtzeitig entdeckt er sowohl sein Gewissen als auch sein patriotisches Herz und kehrt zurück, um seine Kameraden im Kampf gegen die Unterdrücker zu unterstützen. Damit macht er immerhin mehr Charakterentwicklung durch als Colonel Cooper, der von Anfang bis Ende ein besserwisserischer Betonklotz bleibt und – beseelt von einem wirklich sagenhaften Selbstvertrauen – dauerhaft den Dicken markiert, was durchaus ein wenig vermessen erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass bereits zu Beginn die gesamte ihm unterstellte Kompanie aufgrund seiner zweifelhaften Entscheidungen ins Gras beißen musste. Trotzdem bleibt er sich und seinen Manierismen in unerschütterlicher Manier treu. Ohne Hadern, Zaudern oder gar Gewissensbisse zieht er sein Ding durch, bis er im Finale ins Sternenbanner gehüllt böse Kommunisten über den Haufen ballern darf.

Nein, P.O.W. ist gewiss nicht unumgänglich, bietet aber reichlich Rambazamba in schöner Kulisse, da die Philippinen mal wieder sehr überzeugend die Vegetation Vietnams doublen (wobei sich der Genre-Freund an diesen Look vermutlich schon so sehr gewöhnt hat, dass er ihm von Haus aus einfach „richtig“ vorkommt). Auch wirkt seine reaktionäre Botschaft insgesamt eher verschroben als verärgernd, wie zu Beispiel oft bei den Kollegen Norris & Co der Fall. An Klischees mangelt es freilich trotzdem nicht: Hahnenkämpfe, Hurenhäuser, Stromschnellen, Strohhütten, die explodieren, als bestünden sie aus Nitroglycerin … und natürlich die berühmte Dschungelfalle, jenes mit tödlichen Spitzen gespickte, urplötzlich aus dem Geäst schwingende Holzbrett, das garantiert immer irgendein Unglückseliger volle Kanne in die Goschen bekommt. Zu bedauern ist allerdings abermals die sträfliche Unterbeschäftigung des wie immer extrem coolen Steve James [→ DER EXTERMINATOR], der dem alles dominierenden Colonel Cooper zwar tatkräftig unter die Arme greifen darf, über den Status eines besseren Statisten aber dennoch nur geringfügig hinauskommt. Dabei hätte ihm die Hauptrolle vermutlich deutlich besser zu Gesicht gestanden.

Laufzeit: 89 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 10. November 2025

DER EXTERMINATOR II


EXTERMINATOR II
USA 1984

Regie:
Mark Buntzman

Darsteller:
Robert Ginty,
Mario Van Peebles,
Deborah Geffner,
Frankie Faison,
John Turturro,
Arye Gross,
Scott Randolf,
Reggie Rock Bythewood



„Du wolltest die Straße säubern? Ich bin die Straße!“
(Gut, seinen Namen kann man sich nicht aussuchen.)


Inhalt:

Einst kämpfte John Eastland [Robert Ginty] als Soldat in Vietnam. Inzwischen streift er ziellos durch die Straßen New Yorks. Nur seine Beziehung zur sympathischen Tänzerin Caroline [Deborah Geffner] bringt etwas Farbe in sein Leben. Doch nicht einmal sie ahnt etwas von Eastlands pikantem Hobby: Regelmäßig hört er den Polizeifunk ab, um herauszufinden, wo sich die bösen Jungs der Stadt herumtreiben. Diesen stattet er dann einen feurigen Besuch ab, der stets nur verkohlte Leichen zurücklässt. Denn John Eastland ist der Exterminator, der maskierte Bestrafer, der kriminelle Umtriebe mit dem Flammenwerfer ahndet. Als eines Tages eine sektenartigen Straßengang die Stadt heimsucht und beginnt, wahllos Menschen umzubringen, laufen einige ihrer Mitglieder Eastland ebenfalls ins Feuer. Für den Bandenchef „X“ [Mario Van Peebles] wird die Sache daher bald persönlich – und Caroline gerät ebenfalls ins Visier der Killer. Gemeinsam mit seinem einzigen Vertrauten, dem Müllwagenfahrer Be Gee [Frankie Faison], rüstet sich der Exterminator fürs finale Gefecht.

Kritik:

Vier Jahre nach seinem ersten Einsatz kehrte der Exterminator zurück – dieses Mal unter der Schirmherrschaft der Cannon Group, jener Produktionsfirma, die sich in den 1980ern mit ebenso radikalen wie reaktionären Action-Reißern einen anständig anrüchigen Ruf erarbeitete. Populäre Stars waren Chuck Norris oder Michael Dudikoff, die meist vor militärisch geprägtem Hintergrund für Recht und Ordnung sorgten. Aber auch Charles Bronson verspritzte ab 1982 sein Blei für Cannon, nachdem das Studio die Rechte daran erworben hatte, dessen Selbstjustiz-Klassiker DEATH WISH (1974) beliebig oft fortsetzen zu dürfen. Und weil ein Revolverheld auf Rachefeldzug noch längst nicht ausreichte, sicherte man sich zusätzlich noch die Erlaubnis, mit dem Gassenhauer DER EXTERMINATOR von 1980 das Gleiche zu tun – immerhin war dieser ja nicht unbedingt unerfolgreich gelaufen und das Interesse an anarchistischen Einzelgängern auf illegitimer Gerechtigkeitsmission war ungebrochen. Robert Ginty übernahm abermals die Titelrolle, während Mark Buntzman, beim Vorgänger noch als Produzent unterwegs, dieses Mal für Buch und Regie verantwortlich zeichnete. Ein Großteil seiner Arbeit bekam das Publikum jedoch nie zu Gesicht: Die Geldgeber waren mit den Ergebnissen so unzufrieden, dass im Nachhinein großzügige Änderungen vorgenommen wurden, die den Inhalt mehrheitlich neu arrangierten – mit heißer Nadel gestrickter Nachdrehs inklusive.

Dass man für diesen am Ende ja doch recht simplen Reißer so viel Aufwand betrieb, zeigt, dass die Produzenten das Werk offenbar weitaus wichtiger nahmen, als die Mehrheit der Kritiker es tat. Ob die zahlreichen Umschnitte und ausgetauschten Szenen ihm tatsächlich nutzten oder im Gegenteil eher schadeten, lässt sich kaum beziffern. Fest steht: EXTERMINATOR II reißt keine Bäume aus. Gut, das muss er auch nicht und hat wahrscheinlich ohnehin niemand erwartet, zumal ja schon Teil 1 nicht der Weisheit letzter Schluss war. Bereits der Einstieg geriet allerdings mehr als holprig, wenn das Publikum Zeuge wird, wie ein paar Wüstlinge einen Laden überfallen und dabei den Inhabern, einem älteren Ehepaar, die Lichter auspusten. Draußen vor der Tür wartet dann jedoch der Exterminator auf die jugendlichen Rowdys, um dort ebenfalls sein Licht auszupusten – das seines Flammenwerfers nämlich, was die eben noch so übermütigen Übeltäter in einen Haufen überknuspriger Grillhähnchen verwandelt. Wie überaus nett vom Exterminator, dass er lange genug vor dem Eingang gewartet hat, damit die Delinquenten auch genug Zeit hatten, ihre Opfer über die Klinge springen zu lassen – so ein strafender Feuerstoß will ja schließlich ausreichend gerechtfertigt sein.

Der auffälligste Unterschied zum Vorgänger besteht darin, dass EXTERMINATOR II tatsächlich eine stringente Geschichte erzählt. Keine sonderlich gute oder gar originelle, das ist klar. Aber wo Teil 1 noch sehr episodenhaft daherkam, folgt Teil 2 einer klassischen, durchgehenden Dramaturgie. Anstelle mehrerer Schmeißfliegen gibt es hier einen großen Antagonisten, den es zu besiegen gilt: der Anführer einer (was auch sonst?) Straßengang, der sich nur „X“ nennt und von Mario Van Peebles [→ HEARTBREAK RIDGE] als guruartiger Fanatiker verkörpert wird. Damit einhergehend wurde auch die einstige Authentizität über Bord geworfen: Das hier porträtierte New York gleicht einer Stadt am Rande der Apokalypse, noch nicht ganz so übertrieben als Kriegsschauplatz gezeichnet wie ein Jahr später bei DEATH WISH III, aber doch schon mit deutlicher Schlagseite in Richtung MAD MAXiger Endzeitvision. Schrill geschminkte Punks marodieren durch die Straßen, terrorisieren unschuldige Bürger, bringen Menschenopfer dar und schießen mit Raketenwerfern Hubschrauber ab. Das ergibt alles gar keinen Sinn, generell schien das Drehbuch alles in den Topf geworfen zu haben, was sich irgendwie mit „böse“ assoziieren lässt. Speziell die rituellen Opferungen erinnern doch sehr an die „Satanic Panic“, jene moralische Massenhysterie, die in den 1980er-Jahren vor allem in den USA um sich griff und viele Menschen glauben machte, überall existierten geheime satanische Kulte, die Jugendliche durch Musik, Spiele und  - Schreck, lass nach! - Filme verderben würden.

Das ist ziemlich gaga, liefert aber immerhin ein paar gelungene Momente traumartigen Einschlags, wenn die Gang im Dunkel der Nacht mit Rollschuhen an den Füßen und Fackeln in den Flossen ritualisiert in Richtung Opferstätte rollert. Doch nicht nur die Schurkenseite macht durch irreale Aktionen auf sich aufmerksam. Die Wirklichkeitsferne wird auch unterstrichen durch die Darstellung des „Helden“, der in der Fortsetzung zu einer Art unkaputtbarem Meuchelmörder umgedeutet wurde. Eingehüllt in eine Verkleidung aus schützendem Stahl, das Gesicht hinter einer Schweißermaske verborgen, übersteht er selbst massiven Kugelhagel ohne den kleinsten Kratzer. Eine Salve aus seinem Flammenwerfer hingegen verwandelt seine Gegner in Windeseile in ein elendes Häuflein Asche, meist akustisch untermalt von sakralen Orgelklängen, was den Exterminator in die Nähe eines göttlichen Bestrafers rückt. Im ersten Teil noch ein getriebener Vietnam-Veteran mit akuter Affektstörung, wirkt John Eastland nun, nicht nur aufgrund seiner martialischen Kostümierung, wie der Killer eines Slasherfilms der Marke FREITAG, DER 13. Hinweise auf seine Vergangenheit inklusive Kriegstrauma und Verlust seines besten Freundes werden hier völlig ausgespart. Zum einen sicherlich deshalb, weil (zurecht) davon ausgegangen werden konnte, dass das Publikum mit dem Vorgänger vertraut ist. Zum anderen passt diese Thematik aber auch gar nicht mehr in das in Teil 2 kreierte Szenario, das keinen Psychopathen braucht, sondern einfach einen rabiaten Dorfsheriff ohne Scheu vor harten Bandagen. Am Ende verwandelt Eastland dann einen Müllwagen mittels improvisierter Panzerung, Maschinengewehren und Raketenabschussrampen in sein persönliches Batmobil, was endgültig jeden realistischen Rahmen sprengt.

Die Idee, Eastland hinter einer metallenen Maske zu verstecken, stammte dem Vernehmen nach von William Sachs [→ CONCRETE WAR]. Der wird offiziell nur als Autor und Produzent gelistet, war aber auch verantwortlich für die zahlreichen Nachdrehs und Umstrukturierungen, nachdem das Studio mit Mark Buntzmans Arbeit unzufrieden war. Da Robert Ginty sein Antlitz jedoch nicht abermals zur Verfügung stellen konnte oder wollte, musste schnell eine Lösung her. Zum Glück gab es bereits eine Szene, in der Ginty besagtes Schweißer-Outfit trug. Und so wurde beschlossen, dieses zu seinem Markenzeichen zu machen. In jeder Szene, in welcher der Exterminator nun derart herausgeputzt zur Tötungstat schreitet, steckt also gar nicht Ginty hinter der Maske, sondern ein Double – und ja, das sind die meisten. Was aus der Not geboren wurde, erweist sich im Endeffekt als enorm eindrücklich: Eastland scheint jede Form von Menschlichkeit abgelegt zu haben und als stählerner Rachegott wiederauferstanden zu sein. Der Flammenwerfer als einziges Mordinstrument ist dabei freilich ebenfalls neu. In Teil 1 kam das Gerät eigentlich nur ein einziges Mal zum Einsatz – und auch das blieb eigentlich nur im Kollektivbewusstsein, weil das Kinoplakat diesen Anblick so eindrücklich verewigte. Hier hingegen ist er zum Charakteristikum geworden, was auf Dauer etwas eintönig ist, da die Einsätze immer gleich ablaufen und stets im gleichen müden Geisterbahn-Effekt münden: ein Feuerstoß in Richtung Kamera, dann ein paar mit den Armen rudernde Stuntleute im Brennumhang und ein paar Sekunden später liegen bereits die verkohlten Gerippe qualmend in der Gegend herum (das geht ja wirklich erstaunlich schnell). Geblieben sind das nihilistische Weltbild und die allgemeine Tristesse, die nur durch die unverkrampfte Beziehung Eastlands zur Tänzerin Caroline (Deborah Geffner aus MAXXXINEund seine wirklich herzliche Freundschaft zum poltrigen Müllwagenfahrer Be Gee (Frankie Faison aus GESCHENKT IST NOCH ZU TEUER) ein paar erhellende Farbtupfer erhält.

Die Fortsetzung der Flammenwerfer-Fabel wird fraglos niemals auf irgendjemandens Lieblingsliste landen, hat als Anschauungsbeispiel für die schroffe Attitüde des 1980er-Kinos aber durchaus ihre Berechtigung – obwohl der nuancierte Hintersinn, der den Vorgänger ein wenig aus der grauen Masse hervorheben konnte, hier vollkommen abwesend ist. Die zweite Runde des rabiaten Rabaukenrösters ist ein überwiegend uninspirierter, aber dennoch veritabler Nachschlag, dem sein Produktionschaos nicht unbedingt anzumerken ist. Robert Ginty selbst hasste diese neue Version zwar, doch wer von finsteren Vigilanten-Fantasien in großstädtischem Schmuddellook nicht genug bekommen kann, ist hier prinzipiell schon an der richtigen Adresse. Feuer frei!

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 3. November 2025

DER EXTERMINATOR


THE EXTERMINATOR
USA 1980

Regie:
James Glickenhaus

Darsteller:
Robert Ginty,
Steve James,
Christopher George,
Samantha Eggar,
Tony DiBenedetto,
Dick Boccelli,
Patrick Farrelly,
Michele Harrell



„Ich suche ein paar deiner Freunde. Einer davon ist so’n Kleiner mit Baskenmütze und Bart. Der andere ist ein großer, klotziger Kerl – hässlich, sieht aus wie’n Affe.“
(In Sachen Personenbeschreibung macht dem Exterminator keiner was vor.)


Inhalt:

In den Wirren des Vietnamkriegs geraten John Eastland [Robert Ginty] und sein Kamerad Michael Jefferson [Steve James] in feindliche Gefangenschaft und entrinnen nur knapp einem grausamen Tod. Jahre später arbeiten beide in einem New Yorker Lagerhaus, stets bemüht, das erlebte Grauen zu vergessen. Doch die Gewalt holt sie unvermittelt ein: Jefferson wird von einer Straßengang überfallen und dabei so schwer verletzt, dass er den Rest seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen ist. Bei Eastland brennen daraufhin alle Sicherungen durch: Mit Flinte und Flammenwerfer im Gepäck verübt er eiskalte brennende Rache. Derart auf den Geschmack gekommen, nimmt sich der Vietnam-Veteran in den folgenden Wochen weitere Kriminelle vor, um sie ihrer tödlichen Strafe zuzuführen: Mafiosi, Dealer, Zuhälter, korrupte Politiker – niemand ist plötzlich mehr sicher. Fieberhaft versucht der idealistische Detective James Dalton [Christopher George], die Identität des Rächers zu enthüllen. Und sogar die CIA nimmt Eastland ins Visir, da sie in seinen Aktionen eine Gefahr für die öffentliche Ordnung sieht. Schließlich kommt es zur explosiven Konfrontation aller Parteien.

Kritik:

Nein, DER EXTERMINATOR ist nicht die Geschichte eines Killerroboters aus der Zukunft, der sich aufs Altenteil zurückgezogen hat. Exterminator, Bildungsbürger wissen das, ist die englische Bezeichnung für einen Kammerjäger. Dieser Berufsstand befreit bekanntermaßen die werte Behausung von lästigem Ungeziefer – womit Tonfall und Intention dieser groben Schlachtplatte auch schon treffend umschrieben wären. Gleich das erste Bild zeigt einen gigantischen Feuerball sowie die Silhouette eines Mannes, der unfreiwillig, dafür aber im hohen Bogen, vor ihm davon segelt. Es ist Krieg, so stellt sich heraus, und der Ort des Geschehens heißt Vietnam. Nur wenige Minuten später ist das Publikum bereits Zeuge zweier enorm brutal inszenierter Enthauptungen geworden und es ist klar: Das hier ist kein Ponyhof.

Der gerade aufgrund seiner Grausamkeit sehr wirkungsvolle Auftakt führt zugleich die beiden Helden ein, John Eastland und Michael Jefferson (Robert Ginty aus ZWEI MINUTEN WARNUNG und Steve James aus AMERICAN NINJA), und das wider Erwarten nicht etwa als sprücheklopfende Kampfmaschinen, sondern als verängstigte Soldaten, die dem Feind nur mit Müh und Not entkommen können. Die Überleitung vom rückblickenden Prolog in die Präsens der 1980er ist auffallend gelungen: Der Helikopter, der die zwei Freunde aus der Kriegshölle hinaus fliegt, scheint plötzlich durch die Zeit zu reisen. Nahezu nahtlos geht der vogelperspektivische Blick auf den Dschungel über in den auf die nächtliche Großstadt der Gegenwart. Die Kamera schwebt über die in zartes Licht gehüllten Dächer New Yorks, der Vorspann beginnt, eine sanfte Ballade setzt ein – ein Moment, der Ruhe und Frieden ausstrahlt, und damit im krassen Gegensatz zu den eben noch erlebten Gräueltaten steht, die freilich immer noch nachhallen. Es wird deutlich: Die Männer mögen dem Tod entronnen sein, den Ort gewechselt und die Jahre überdauert haben. Aber das Trauma des Tötens, das haben sie mitgenommen.

Nach dem Sprung ins Jetzt (in das des Produktionsjahres 1980, versteht sich) sieht man Eastland und Jefferson als kistenschleppende Lagerarbeiter, die ein zwar bescheidenes, aber zumindest augenscheinlich recht unbeschwertes Leben führen. Ihre Vergangenheit, so scheint es, hat sie zusammengeschweißt, ihre Freundschaft unerschütterlich zementiert. Hin und wieder schalten sie allerdings noch in den Verteidigungsmodus – so geschehend, als sie ein paar Langfingern, die gerade im Begriff sind, ein Depot zu plündern, gehörig und mit schwingender Faust die Tour vermasseln. Leider gehören die verhinderten Gerstensafteintreiber zu einer skrupellosen Straßengang, die dezent überreagiert und einem der Männer, Jefferson nämlich, in einer stillen Gasse auflauert, wo sie dessen Wirbelsäule per Gartenkralle malträtiert. Den Überfallenen befördert das umgehens in den Krankenkassen-Chopper – Rollstuhlpflicht bis ans Ende seiner Tage (die deutsche Synchronfassung behauptet an dieser Stelle übrigens, man habe ihm das Genick gebrochen, was offenkundig Unsinn ist). Grund genug für Eastland, den verborgenen Vigilanten zu aktivieren und Vergeltung für seinen Freund zu üben.

Es ist wahrlich erstaunlich, wie schnell und beinahe selbstverständlich das hier vonstattengeht: Von einer Szene auf die nächste hat Eastland bereits eines der Bandenmitglieder in seiner Gewalt, ohne jedwede Vorbereitung oder Herleitung. Es scheint, als habe er bereits vor langer Zeit alles organisiert und nur auf einen Anlass gewartet, den inneren Kammerjäger endlich von der Kette lassen zu dürfen. Von seinem Gefangenen (es wird übrigens niemals erklärt, wie er ihn überhaupt in die Finger bekam) erpresst er nun den Aufenthaltsort des Rests der Gang, woraufhin der kampferprobte Wutbürger dort konsequent klar Schiff macht. „Er war doch nur ein Nigger“, versucht einer der Delinquenten die grausame Tat zu rechtfertigen. Eastland hebelt diesen rassistischen Ausfall mit bestechendem Pragmatismus aus: „Dieser Nigger war mein bester Freund.“ So simpel!

Das Publikum ist dabei prinzipiell auf seiner Seite. Auch dann noch, als er sich im Folgenden weiteren menschlichen Unrat vorknöpft, um diesen für seine Vergehen zur verdienten Rechenschaft zu ziehen. Als Held oder gar Identifikationsfigur taugt er dennoch zu keiner Sekunde. Denn nur vordergründig geht es ihm darum, Gerechtigkeit zu üben. Die kurzen Erinnerungsfetzen an den Vietnamkrieg, die hin und wieder mal aufploppen, wirken in dem Zusammenhang fast ein wenig zu plump. Auch ohne dieses ausgelutschte Stilmittel wäre klar gewesen, dass Eastland aufgrund seiner Vergangenheit mentale Blessuren mit sich herumträgt. Der Anschlag auf seinen (vermutlich einzigen wirklichen) Freund hat einen Schalter umgelegt. Seine Racheaktionen treffen zwar nie die Falschen – Autor und Regisseur James Glickenhaus [→ DER PROTECTOR] hat da wirklich ein paar abstoßende (wenngleich nicht unglaubwürdige) Zeitgenossen zu Papier gebracht. Doch die Taten des selbsternannten Kammerjägers sind letztlich nichts anderes als Ausdruck seines zerrütteten Seelenlebens. Weder empfindet er Freude an seinem Feldzug noch verschafft er ihm Genugtuung. Und dem Zuschauer ergeht es ebenso. Denn die Inszenierung der Ereignisse spiegelt die Psyche ihres Protagonisten: Alles ist trist, trostlos und über alle Maßen traurig.

Tatsächlich werden gängige Sensationslüste trotz explizit ausgespielter Brutalitäten kaum befriedigt. Nach dem knalligen Kriegsauftakt regiert überwiegend die Entschleunigung, und das bei einem Spannungsaufbau, der sich einer Klimax konsequent verweigert. Eastlands Rache an der Straßengang ist bereits nach gut 20 Minuten abgeschlossen. Seine anschließenden Selbstjustizaktionen scheinen dann gar keinem Plan mehr zu folgen, wirken improvisiert und impulsiv. Entsprechend episodenhaft sind sie auch gegliedert – wofür Glickenhaus sogar auf das völlig altbackene und eher aus der TV-Landschaft bekannte Stilmittel der Auf- und Abblenden zurückgreift. Auf der Bildebene herrscht überwiegend eine funktionale, dokumentarisch angehauchte Nüchternheit, die jedwede Ausprägung von Attraktivität vermissen lässt. Die Gewaltakte sind zahlreich und definitiv nicht ohne, aber ebenfalls ohne jede Ästhetisierung und damit ähnlich schmucklos wie das restliche Erscheinungsbild DER EXTERMINATORs. Insbesondere die Szene, in der ein anzugtragender Halunke an einem Haken von der Decke hängend in einer riesigen mechanischen Fleischfräse endet, brennt sich als Sinnbild des filmischen Nihilismus ein.

Als Gegenentwurf zu Eastland agiert der vom ehemaligen Western-Akteur Christopher George [→ DRECKIGES GOLD] verkörperte Kriminalbeamte James Dalton, der den Rächer am Ende auch stellt. Wider gängiger Schablonen wird er allerdings nicht zu dessen Widersacher aufgebaut. Mehr noch: Die meiste Zeit agiert er völlig losgelöst von der Haupthandlung. Anstatt mitzuerleben, wie er Ermittlungen anstellt, Erkenntnisse gewinnt, sich auf Eastlands Spur setzt und seinem Zielobjekt dabei immer näher kommt, sieht man ihm bei seinem wenig spektakulären Alltagstrott zu. Dazu gehört auch eine kleine Liebelei mit der Ärztin Megan Stewart (Samantha Eggar aus KEIN KOKS FÜR SHERLOCK HOLMES) und natürlich liegt die Vermutung nahe, das werde später noch einmal von inhaltlichem Belang sein. Aber so ist es nicht. Obwohl ihren gemeinsamen Telefonaten, Strandspaziergängen und Abendessen recht viel Zeit gewidmet wird, kommt es niemals zu einer Verbindung mit dem Fall Eastland. Natürlich könnte man es sich hier einfach machen und behaupten, Glickenhaus habe beim Schreiben lediglich versucht, Zeit zu schinden. Aber tatsächlich funktioniert das Konzept, weil es zeigt, welche alternativen Wege sich beschreiten lassen, um im Großstadtdschungel zu bestehen. Es ist kaum anzunehmen, dass Dalton als Polizist und Stewart als Ärztin mit weniger Gewalt und Elend konfrontiert werden als Eastland es wird. Aber während der eine zum desillusionierten Selbstjustizler wird, suchen sich zwei andere mitten im Moloch ihr kleines privates Glück.

Jeder Vigilantenfilm muss sich am Urvater des Genres messen lassen: Michael Winners DEATH WISH von 1974 mit Charles Bronson in der Hauptrolle. Zwar liegt ein Vergleich zunächst nahe, da hier wie dort ein einsamer Racheritter durch das Dunkel der Großstadt streift. Längere Zeit darüber nachgedacht, ergeben sich jedoch fast mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Denn der Exterminator ist kein Durchschnittstyp, der nach und nach zur Mordmaschine wird. Er ist bereits eine. Er braucht keinen Progress, um zum Richter und Henker zu werden. Nur einen Auslöser. Denn Tod und Gewalt, das kennt er schon längst. Auch die Folgen seiner Taten unterscheiden sich auffallend vom (vermeintlichen) Vorbild: Während die Behörden dort zum heimlichen Verbündeten des Abweichlers werden, wird er hier zum Staatsfeind erklärt und zum Abschuss freigegeben. So ist DER EXTERMINATOR am Ende auch eine Abhandlung über das Los der Kriegsheimkehrer, die von den Mächtigen erst ausgenutzt, dann aber im Stich gelassen wurden. Das verleiht dem vordergründig natürlich sehr plakativen Werk eine unerwartete Tiefe, die es aus dem Gros seiner Mitbewerber hervorstechen lässt.

Zwischen all den von Schmutz und Tristesse geprägten Bildern gelingen Kameramann Robert M. Baldwin [→ GRAUEN UM JESSICA] zudem ein paar wunderbare surreale Momente. Etwa jener, in dem Eastland einen Anruf tätigt – aus einer einzelnen völlig intakten Telefonzelle inmitten eines riesigen Trümmerhaufens. Ein paar Klischees und Albernheiten muss man freilich dennoch in Kauf nehmen. Genannt seien das Auto, das mal wieder grundlos explodiert, die beiden Geldeintreiber, die aussehen, als kämen sie gerade vom Jahrestreffen der Blues-Brothers-Fangemeinde, oder der Unterschlupf der brutalen Straßengang, die dort dermaßen entspannt zu launiger Disco-Mucke herumschwoft, dass man einen Moment lang meint, Eastland habe sich in der Tür geirrt und mische gerade versehentlich einen chilligen Studentenclub auf.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 18