Eigene Forschungen

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Samstag, 21. Oktober 2023

KAMUI - THE LAST NINJA


KAMUI GAIDEN
Japan 2009

Regie:
Yôichi Sai

Darsteller:
Ken'ichi Matsuyama,
Koyuki,
Kaoru Kobayashi,
Kôichi Satô,
Hideaki Itô,
Sei Ashina,
Ekin Cheng,
Naoyuki Morita



Wenn ein Manga eine Realverfilmung bekommt, ist Empörung prinzipiell vorprogrammiert. Zu unterschiedlich sind beide Medien in Art und Möglichkeit der Darstellung, zu stark in der Regel die Kompromisse in Sachen Story- und Plot-Komprimierung, als dass man als Purist beglückt nach Hause gehen könnte. Auch KAMUI GAIDEN, die Kino-Adaption der gleichnamigen Comic-Reihe, musste daher ein beträchtliches Maß an Missbilligung über sich ergehen lassen – wobei sich ein Großteil der Kritik allein darauf bezog, dass der Film halt nicht die Vorlage ist. Aber reale Menschen sind nun mal keine Zeichnungen und 2 Stunden nicht ausreichend, um den Inhalt von mehr als 20 Bänden unverändert wiederzugeben. Darum betrachtet man KAMUI – THE LAST NINJA, wie die Umsetzung in Deutschland getauft wurde, am besten als eigenständiges Werk und misst es lediglich an sich selbst.

Inhalt:

„Japan im 17. Jahrhundert, zur Zeit der Herrschaft der Tokugawa-Dynastie: In einem armen Dorf erblickt ein Kind das Licht der Welt. Es hört auf den Namen Kamui. In dieser ungerechten Klassengesellschaft wächst er zu einem starken Jungen heran. Kamui hat nur einen einzigen Wunsch: stark genug zu werden, um schließlich als freier Mensch leben zu können. Eines Tages verlässt er sein Dorf und begibt sich auf eine ziellose Reise. Aber wohin er auch kommt: Überall stößt er auf eine große, kalte Mauer. Weil er arm ist, wird er ein Ninja. Und als Ninja strebt er nach Vollkommenheit. Gefangen in den Fesseln der Ninja-Gesetze, ist er gezwungen, Menschen zu töten. So wird er zum Abtrünnigen und steht als Gejagter am Abgrund des Todes. Aber sein eigentlicher Feind sind nicht seine Verfolger mit ihren nicht enden wollenden Angriffen. Es ist sein eigenes Herz, das niemandem trauen kann. So bleibt ihm nichts weiter, als auf der Flucht zu sein. Um zu überleben.“

So erklärt es zu Beginn ein Erzähler auf dem Off in weniger als 2 Minuten, zunächst noch begleitet von Zeichnungen der Vorlage, die allerdings alsbald in die reale, gefilmte Variante übergleiten. Und diese Bilder können sich durchaus sehen lassen: Dreckig, erdig und gelbstichig beginnt die Erzählung im schicken Italo-Western-Retro-Look und das auch gleich mit zünftigem Kampfgetümmel inklusive gekreuzter Klingen, fliegender Ketten und garstiger Wurfgeschosse. Es ist der Freiheitskampf Sugarus, einer jungen Frau, die ebenfalls aus der Ninja-Gemeinschaft austreten möchte und dafür nun mit dem Leben bezahlen soll. Titelheld Kamui wird, noch im Kindesalter, Zeuge dieses Gefechtes und muss miterleben, wie Sugaru schließlich über die Klippen in ihren scheinbaren Tod stürzt. Viele Jahre später, als junger Erwachsener und inzwischen selbst auf der Flucht vor den Vollstreckern der Ninja, wird er sie in einem Küstenstädtchen wiedertreffen – als Gemahlin des exzentrischen, doch herzensguten Fischers Hanbei.

Aus diesem unverhofften Wiedersehen schöpft KAMUI den Löwenanteil seiner Spannung, birgt die Begegnung doch einiges an Konfliktpotential. Denn Sugaru, der es gelang, ihrer Vergangenheit zu entfliehen und sich ein neues Leben aufzubauen, misstraut dem Neuankömmling, da ein Verrat ihren Tod bedeuten könnte. Aber auch Kamui selbst muss seinen Ninja-Hintergrund bestmöglich geheim halten, weil ein unbedachtes Wort gegenüber falschen Leuten ihn ebenfalls in Gefahr brächte. Es ist ein Leben in Angst und Paranoia, das beide führen, geprägt von gegenseitigem Misstrauen und vorsichtiger Annäherung. Die Integrierung Kamuis in die Dorfgemeinschaft führt zudem zu weiterem Missmut, als Hanbeis Tochter ein eindeutiges Auge auf den attraktiven Neuzugang wirft, was einen zwielichtigen Nebenbuhler, der nun seine Felle davonschwimmen sieht, arg erzürnt und zum Risiko werden lässt. Und nicht zuletzt steht auch Hanbei selbst auf der Abschussliste, da er das Pferd eines Fürsten getötet hat, der sich seinen Verlust nun in Blut auszahlen lassen möchte und dafür seine skrupellosen Schergen ausgesandt hat.

Kritik:

Diese zwischenmenschlichen Wechselspiele dominieren weite Strecken der Handlung, weswegen sich Action-Junkies trotz gelegentlich stattfindender, eher kurzgehaltener kriegerischer Auseinandersetzungen durchaus langweilen könnten. Angezogen wird das Tempo wieder, als ca. zur Halbzeit ominöse Hai-Jäger das Szenario betreten, die für einige abstruse Momente sorgen, wenn sie aus dem Meer hervorschnellende Kiefermäuler noch während des Sprungvorganges fachgerecht filetieren. Das Auftauchen dieser neuen Figuren passiert recht unvermittelt und lenkt das Geschehen in neue Bahnen, die kaum Bezug zu den vorherigen Ereignissen besitzen. Dramaturgisch wirkt das etwas unausgegoren und erweckt ein wenig den Anschein, es mit dem Zusammenschnitt eines Mehrteilers zu tun zu haben. Einerseits schimmert hier natürlich der Serien-Charakter der Vorlage durch. Andererseits ist hier auch auf stilistischer Ebene ein Bruch bemerkbar, passt diese absurde Praxis der Raubfisch-Massakrierung doch eher in ein komödiantisch angehauchtes Szenario. KAMUI gebärdet sich allerdings überwiegend bierernst und von bleierner Schwermut geprägt. Und obwohl rechtschaffende Historiker gewiss Anfälle bekommen, wirkt die Darstellung der Edo-Zeit überwiegend echt und nahbar, was bisweilen sogar an die Samurai-Epen Akira Kurosawas erinnert.

Natürlich haben die Ninjas dementsprechend auch nichts mit den meist in schwarze Roben gehüllten Killer-Akrobaten zu tun, die Regisseure wie Sam Firstenberg oder gar Godfrey Ho in Heulern namens AMERICAN NINJA oder NINJA TERMINATOR auf die Menschheit losließen. Die hier porträtierte Mörderbande ist eine doch recht gewöhnlich gekleidete, dabei aber reichlich ruchlose Gemeinschaft, die überwiegend damit beschäftigt zu sein scheint, sich gegenseitig zu jagen und ans Messer zu liefern. Obwohl bei den daraus resultierenden gewaltsamen Zusammenstößen auch mal die eine oder andere Extremität durch die Gegend fliegt, ist der Härtegrad zumindest in visueller Hinsicht eher moderat. Inhaltlich ist die Geschichte allerdings von beträchtlicher Brutalität. Denn auch vor Sympathiefiguren wird nicht Halt gemacht, sodass im Zweifelsfalle auch mal der eine oder andere liebgewonnene Charakter über die Klinge springen darf. Diese Konsequenz hebt KAMUI durchaus vom Gros der Konkurrenz ab. Etwas störend wirken hingegen die teils verblüffend schlechten Effekte, die dem Authentizitätsgefühl abträglich sind, sei es im Schlachtgewühl oder bei Flucht und Flug von Mensch und Tier.

Als unvorteilhaft erweist sich außerdem, dass der neutrale Erzähler, der einen zu Beginn noch so erkenntnisreich in die vorhandenen Verhältnisse einweihte, im weiteren Verlauf nie so wirklich Ruhe gibt und zwischendurch immer mal wieder laufende Sequenzen kommentiert. Sätze wie „Das azurblaue Meer und der unendlich sorglose Hanbei berührten Kamuis Herz tief“, wirken reichlich sinnlos und verführen in erster Linie zum genervten Augenrollen. Vollends überzeugen kann hingegen Hauptdarsteller Ken'ichi Matsuyama [→ DEATH NOTE] als Kamui. Dem damals 24-Jährigen nimmt man die Gratwanderung zwischen sensibler Seele und potentieller Killermaschine mühelos ab. Mag KAMUI innerhalb seiner Schauspiel-Vita eher unbedeutend sein, privat lohnte sich sein Auftritt auf jeden Fall: 2 Jahre später gaben er und seine Leinwand-Partnerin Koyugi [→ LAST SAMURAI] sich das Ja-Wort. Fans des Hongkong-Kinos erspähen in einer Nebenrolle außerdem den chinesischen Star Ekin Cheng [→ DIE SÖHNE DES GENERALS YANG]. Wie der sich in eine japanische Manga-Verfilmung verirrt hat, obwohl seine Rolle ebenfalls japanisch ist, ist eine gute Frage, aber der charismatische Mime ist immer gern gesehen.

Für Regisseur Yôichi Sai [→ ART OF REVENGE] blieb dies das letzte Werk, bevor er im November 2022 verstarb. Begeisterungsstürme löst die eher gemächlich erzählte Selbstfindungsgeschichte zwar nicht aus, aber die überwiegend verhaltenen bis sogar negativen Rezensionen verwundern dann doch. KAMUI besticht durch seine sorgfältige Inszenierung und den Aufwand in Sachen Kostüm und Kulisse, durch den eine glaubwürdige, greifbare Welt entsteht. Das betrifft vor allem die Szenen im Dorf, denen viel Zeit gewidmet wird und die eine gehörige Portion zwischenmenschliche Spannung entstehen lassen. Die Bilder atmen stets großes Kino, sei es staubig-erdig an Land oder knallig-blau auf hoher See. Dramaturgische Schwächen sind vorhanden und gelegentliche Stil- und Richtungswechsel irritieren, aber unterm Strich wurde hier deutlich mehr richtig als falsch gemacht. Die neutrale Erzählerstimme würde sich jetzt vermutlich zu Wort melden und so etwas sagen wie: „Die prachtvollen Tableaus und die spürbare Energie aller Beteiligten berührten den Rezensenten tief.“ Und damit hätte sie recht.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16 

Dienstag, 2. Juni 2015

TOKYO TRIBE


TOKYO TRIBE
Japan 2014

Regie:
Shion Sono

Darsteller:
Ryôhei Suzuki,
Young Dais,
Shôta Sometani,
Shunsuke Daitô,
Denden,
Riki Takeuchi,
Shôko Nakagawa,
Yôsuke Kubozuka



„Tokyo Tribe. Never ever die.“


Inhalt:

Tokio, nahe Zukunft: Die Stadt wird von verschiedenen Clans beherrscht. Manche davon sind eher friedlicher Natur, andere hingegen gewalttätig und kriegerisch. Zu den schlimmsten der letzten Sorte zählen die brutalen 'Bukuro Wu-Ronz', deren dekadenter Boss Buppa [Riki Takeuchi] die einzelnen Stämme immer wieder gegeneinander aufhetzt, um sich seine Macht zu sichern. Eines Tages gerät dessen Schützling Mera [Ryohei Suzuki] in eine Auseinandersetzung mit Tera [Ryûta Satô], der bei allen Stämmen sehr beliebt ist, und tötet ihn versehentlich. Die Tat löst ein erdbebenartiges Echo aus: Die restlichen Gangs der Stadt vergessen ihre Streitigkeiten und rotten sich zusammen, um Bubbas Imperium zu vernichten. Dieser wiederum schickt die Waru, eine Armee von Freiwilligen, in den Kampf. Und mittendrin in dem Tumult befindet sich die junge Sunmi [Nana Seino], die gern ihre Unschuld verlieren würde, da ihr jungfräuliches Blut von einem Hohepriester zugunsten der Götter vergossen werden soll.

Kritik:

Der japanische Regisseur Shion Sono machte die breite Masse das erste Mal im Jahre 2001 auf sich aufmerksam, als er seinem SUICIDE CIRCLE eine der wohl schockierendsten Eröffnungsszenen überhaupt verpasste und so beim Publikum für einen nachhallenden Knalleffekt sorgten konnte. Dem hintergründigen Schulmädchen-Massaker folgten dann unter anderem der rauschartige Alptraum-Trip STRANGE CIRCUS [2005] und das ausladende, vierstündige Liebes-Epos LOVE EXPOSURE [2008], welche seinen Ruf als bizarren Ausnahme-Künstler erfolgreich zementierten. Mit dieser Reputation im Rücken inszenierte er 2014 schließlich TOKYO TRIBE, die Verfilmung einer besonders in ihrem Heimatland sehr beliebten Manga-Vorlage, und entfesselte dabei einen exorbitanten Bildersturm, der vor ausgeflippter Extravaganz und schriller Attitüde fast überkocht und einen zwei Stunden lang in eine wilde Welt des Wahnsinns entführt. Denn die feindlichen Stämme, die hier gegeneinander in den Krieg ziehen, führen ihren Konflikt in erster Linie nicht mit Waffen aus, sondern mit Worten. Sie rappen.

TOKYO TRIBE treibt die Idee eines parallelen Hip-Hop-Kosmos' dabei auf die Spitze: Fast der gesamte Text wurde ins Versmaß übertragen, die Darbietung desselben mit wummerndem Dauer-Bass unterlegt. Das Ergebnis präsentiert sich als apokalyptisch angehauchte Abart der WEST SIDE STORY, als gigantische Rap-Oper, bei der ständig alles in Bewegung und im Rhythmus ist und keine Kugel und kein Schwert jemals auf die Idee käme, außerhalb des Takts ins Ziel zu treffen. Und auch der Zuschauer ist bereits nach wenigen Minuten voll und ganz im Flow und wippt den Fuß zum Beat des Bandenkriegs. Bereits die Eröffnungsszene, eine ausschweifende Plansequenz durch das Ghetto Shibuyas (inklusive rappender Oma am Plattenteller), welche die ersten Clans und Charaktere vorstellt (ein Job, der später von einem Bandenchef per Messer auf nacktem Frauenleib fortgesetzt wird), saugt einen hinein in dieses fremde Universum aus Gesang und Gewalt, das nie zur Ruhe kommt und stets im Schwung bleibt. Und mittendrin zelebriert Sono ausgiebig die eigene Skurrilität und erschafft einen ins Rotlicht getauchten Orkan aus Kunst und Kampf.

Der Überschuss an Eindrücken und Ereignissen ist zu Beginn enorm, und es dauert ein wenig, bis man sich zurechtfindet und alles korrekt einordnen kann. Dann aber kann man sich kaum sattsehen und -hören an der Fülle verrückter Figuren und fideler Flausen: Menschen als Möbelstücke, Muskelmänner im Stringtanga, Jungfrauen auf der Suche nach Sex, um nicht den Göttern geopfert zu werden, und altehrwürdige Hohepriester mit langem Zauselbart, die sich per Videokonferenz zuschalten und lauthals „Muthafuckaz“ rufen. Dazu kommen riesige Ventilatoren mit rotierenden Rasierklingen und computeranimierte Panzer, die Tokios Straßen zu Klump ballern. Und über allem thront Riki Takeuchi als wie besessen grimassierender Kannibale, der sich einen ganzen Hühnerstall an Haremsdamen hält und sich wie ein kleines Kind darüber freut, wenn er mit der Gatling Gun ein infernales Gemetzel anrichten darf. Die Comic-Vorlage ist bei all dem unübersehbar und gilt zudem als ausreichende Legitimation für die eigene Exzentrik. Denn natürlich bestünde eigentlich gar kein Grund, für eine im Prinzip sehr simple Geschichte so ausufernd auf die Kacke zu hauen. Aber man sieht doch gern dabei zu, zumal hier Witz und Ironie aus jeder Pore tropfen. Alberne, in der Szene dennoch weitverbreitete Vorstellungen von maximal möglichem Männlichkeitsbeweis (auf die Länge kommt es an!) werden hier ebenso aufs Korn genommen, wie vorgebliche Kultur-Experten, die populäre Zitate für die Originale halten: Als eine der Protagonistinnen die Szenerie kurz verlässt, um danach im gelben Trainingsanzug wiederzukommen, meint ihr Gegner selbstsicher: „'Kill Bill', richtig?“ „Nein“, antwortet die Dame abschätzig, „ich bin Bruce.“

Aufgrund des Umstands, dass auf eine klare Identifikationsfigur verzichtet wurde, muss sich TOKYO TRIBE freilich den Vorwurf einer gewissen Spannungslosigkeit gefallen lassen. Es gibt quasi keinen herausstechenden Charakter, dem man seine Sympathien entgegenbringen könnte, keine Person, mit der man in irgendeiner Weise mitfiebern möchte. Auch die Frage, worin eigentlich der große entscheidende Unterschied zwischen den rivalisierenden Gangs besteht und warum die sich so inbrünstig bekriegen, muss unbeantwortet bleiben. Hier geht es nicht um Individualitäten, nicht um ein umfassendes Verständnis, hier geht es um die reine Attraktion. Die Darsteller dafür suchte sich Shion Sono unter anderem auch in der japanischen Rapper-Szene und über ein YouTube-Casting, was für ein authentisches „Straßen-Gefühl“ sorgt. Lediglich Riki Takeuchi war zu dem Zeitpunkt bereits ein etablierter Name, stand er doch beispielsweise auch auf der Besetzungsliste von BATTLE ROYALE 2 oder der DEAD OR ALIVE-Trilogie.

Shion Sonos von grellbunter Endzeitstimmung (die teilweise auch Assoziationen zu Klassikern wie DIE KLAPPERSCHLANGE oder fast mehr noch zu dessen Epigonen wie THE RIFFS zulässt) durchzogenes „Yakusical“ gebärdet sich wie eine pubertierende Mischung aus Baz Luhrmanns ROMEO UND JULIA, Anne Fletchers STEP UP und Takashi Miikes CROWS ZERO. Die dazu abgefeuerte Action ist zwar blutig, aufgrund der vorherrschenden Ausgeflipptheit aber nicht im Mindesten ernstzunehmen. Kung Fu, Schwertkampf und Schusswechsel ergänzen die auf den Straßen ausgetragenen Schlägereien per Faust und Fuß und machen TOKYO TRIBE zu einer wahrlich orgiastischen Unterhaltungs-Bombe, die auch für Leute zu empfehlen ist, die ansonsten nichts mit Hip Hop am Hood … ääh … Hut haben.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16

Dienstag, 23. September 2014

SIN CITY 2 - A DAME TO KILL FOR


SIN CITY – A DAME TO KILL FOR
USA 2014

Regie:
Robert Rodriguez,
Frank Miller

Darsteller:
Mickey Rourke,
Josh Brolin,
Eva Green,
Jessica Alba,
Powers Boothe,
Joseph Gordon-Levitt,
Bruce Willis



Inhalt:

Basin City, von allen nur Sin City genannt, ist ein Hort der Sünde, in dem sich Nacht für Nacht unfassbare Geschichten abspielen:

Ein stinknormaler Samstagabend:
Der ehemalige Sträfling Marv [Mickey Rourke] erwacht ohne Bewusstsein neben zwei Leichen und einem Autowrack. Verzweifelt versucht er, die Ereignisse der letzten Stunden zu rekonstruieren.

Eine Braut, für die man mordet:
Privatdetektiv Dwight McCarthy [Josh Brolin] erhält einen Anruf von seiner ehemaligen Geliebten Ava [Eva Green], die ihn um Hilfe bittet. Ihr neuer Liebhaber, der Multimillionär Damien Lord [Morton Csokas], quält sie regelmäßig und sein Chauffeur Manute [Dennis Haysbert] überwacht sie auf Schritt und Tritt. Trotz der Skepsis um den Wahrheitsgehalt ihrer Erzählung erliegt er den Reizen der schönen Frau und lässt sich auf ein riskantes Spiel ein.

Eine lange böse Nacht:
Dem übermütigen Glücksspieler Johnny [Joseph Gordon-Levitt] gelingt es, den korrupten Senator Roark [Powers Boothe] beim Pokern zu besiegen und ihn somit bis auf die Knochen zu blamieren. Das kann der stolze Mann nicht hinnehmen: Er lässt Johnny foltern und bricht ihm dabei die Finger. Doch Johnny gibt nicht auf und stellt sich dem Mann ein zweites Mal.

Nancys letzter Tanz:
Die Stripperin Nancy Callahan [Jessica Alba] will Rache: Einst erschoss sich ihr Beschützer, der Polizist John Hartigan [Bruce Willis], um sie vor Senator Roark in Sicherheit zu wissen. Nancy kauft sich einen Revolver, doch bringt es nicht übers Herz, den Senator zu erschießen. Sie sucht sich Unterstützung beim Ex-Sträfling Marv.

Kritik: 

Neun Jahre können eine lange Zeit sein, wenn man auf etwas wartet. Im Falle von SIN CITY vielleicht sogar ein wenig zu lang. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass A DAME TO KILL FOR, die späte Fortsetzung der zu ihrer Zeit phänomenal erfolgreichen Graphic-Novel-Adaption, an den Kinokassen so ernüchternd gescheitert ist. Und das, obwohl Regisseur Robert Rodriguez [→ DESPERADO] seiner schwarz-weiß-bunten Extravaganz bis in die Haarspitzen treu geblieben ist. Dass beide Werke von fast einem Jahrzehnt getrennt werden, merkt man tatsächlich nicht eine einzige Sekunde. Aber vielleicht lag der Misserfolg auch gerade darin begründet: In Zeiten von immer brachialeren Comic-Adaptionen der Marke AVENGERS oder AMAZING SPIDER-MAN wirkte der seinerzeit bahnbrechende visuelle Stil SIN CITYs fast schon ein wenig altbacken.

Sicher, die rebellische filmische Frische ist passé; hier wird nicht neu erschaffen, hier wird aufgekocht. Doch gerade deswegen dürfte Fans des Originals die etwas verwirrend verschachtelte Fort-, Vor- und Zwischensetzung sehr angenehm in den Magen gehen: Der Besuch in SIN CITY 2 wirkt wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten – auch, wenn diese nun teilweise andere Gesichter tragen. Von Josh Brolin [→ NO COUNTRY FOR OLD MEN] abgesehen, der die Rolle des Dwight McCarthy von Clive Owen übernahm, fällt dieses jedoch kaum ins Gewicht und geschieht eher dezent im Hintergrund – nicht zuletzt auch deshalb, weil Mickey Rourke [→ THE EXPENDABLES] in seiner wiederkehrenden Rolle als übermenschliche Killermaschine Marv ohnehin jegliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bereits die von ihm aus dem Off kommentierte Exposition ist ein Feuerwerk an Witz und Wahn und stimmt vorzüglich ein auf den nun folgenden Sumpf der Niedertracht.

Erneut folgen die mehreren einander überlappenden Rache-Geschichten sowohl stilistisch als auch inhaltlich den großen Vorbildern des Film Noir und treiben dessen Elemente dabei dermaßen auf die Spitze, dass SIN CITY 2 zu seiner eigenen Persiflage wird: Jeglicher Rest von Anstand oder Moral scheint von der Welt getilgt; es herrschen Laster, Gewalt und Gier. Die Frauen sind Huren, die Männer bei aller körperlichen Stärke innerlich schwach und psychisch gebrochen. Verbitterung, Korruption und Niedertracht beherrschen das trostlose Leben in den labyrinthartigen Straßenschluchten, wer den Fehler macht, anderen Menschen Vertrauen zu schenken, beißt früher oder später ins Gras. Und mittendrin agiert Eva Green [→ CASINO ROYALE] als verhängnisvolle Super-Femme-Fatale, die in eiskalter Berechnung ihre eigenen Ziele verfolgt und die Herren der Schöpfung gleich dutzendfach ins Verderben stürzen lässt.

Abermals scheint es, als sei die von Frank Miller erschaffene Comic-Welt direkt vom Papier gesprungen und zu übergroßem Leinwandleben erwacht (auch, wenn es dieses Mal nicht für jede Story eine gezeichnete Vorlage gab). Rodriguez zelebriert ein exzessives Spiel aus Licht und Schatten, zwar künstlich bis ins Mark, doch durch die realen Darsteller gleichzeitig auch auf irrationale Weise plausibel. Immer wieder wird die edle Schwarz-Weiß-Optik dabei durch leichte Farbschimmer aufgebrochen: Feuerrote Lippen oder gleißend blondes Haar künden von leisen Momenten der Hoffnung, von einem Hauch von Zuversicht in einer Welt der Finsternis. Doch am Ende zerschmettert die raue Wirklichkeit jede optimistische Gefühlsregung wie Kampfmaschine Marv die Köpfe seiner Gegner.

Wenn man SIN CITY 2 etwas zum Vorwurf machen möchte, dann könnte man freilich bemerken, dass die hier erzählten Episoden deutlich hinter denen des Originals zurückfallen und in ihrer Entwicklung auch überwiegend überraschungsfrei geraten sind. Man könnte erwähnen, dass ein paar der neu aufgegriffenen Handlungsstränge nach hochtrabendem Beginn ohne besondere Raffinessen wieder im Sande verlaufen, was einen ein wenig unbefriedigt zurücklässt. Und man könnte anführen, dass die emotionale Einbindung des Betrachters, wie beim Vorgänger noch vorhanden, dieses Mal nahezu komplett ausbleibt. Man schaut zu, man amüsiert sich, man ergötzt sich an den visuellen Spielereien, doch wirklich involvieren kann einen das Geschehen kaum. Man spürt, dass die alten Geschichten im Prinzip bereits abgeschlossen waren und die neuen lediglich ein Aufguss der bekannten Motive sind, dass man es letztendlich „nur“ mit einem gut gemeinten Nachklapp zu tun hat, der überwiegend Fan-Service betreibt.

Aber dennoch kann man sich unverschämt wohlfühlen in diesem kuriosen Kosmos der Sünden und Sakrilegien, dessen eigentlich beachtlicher Härtegrad durch den entfremdeten Comic-Stil nicht nur verharmlost, sondern sogar zu einem hemmungslosen Vergnügen wird. Das liegt nicht zuletzt auch an den vorzüglichen Darstellern, welche die surrealen Charaktere mit echtem Leben füllen. Neben Mickey Rourke, der als Marv quasi im Alleingang den Großteil A DAME TO KILL FORs auf seinen breiten Schultern trägt und zudem in drei von vier Episoden involviert ist, gefällt vor allem Powers Boothe [→ AUSGELÖSCHT], der hier als fieser Senator so richtig auftrumpfen und das widerliche Scheusal raushängen lassen darf, während er in Teil 1 quasi nur einen Gastauftritt absolvierte. Jessica Alba [→ DIE KILLERHAND] kehrt zurück als Stripperin Nancy, tanzt dabei allerdings besser, als dass sie schauspielert – den von Hass zerfressenen Racheengel nimmt man ihr nicht wirklich ab. Und der Auftritt von Bruce Willis [→ DAS FÜNFTE ELEMENT] als Detective Hartigan kann man eigentlich auch nur als 'pro forma' bezeichnen und dürfte innerhalb von ein paar Stunden absolviert worden sein.

Die entscheidenden neuen Figuren sind der leicht überhebliche Spieler Johnny, der von Joseph Gordon-Levitt [→ LOOPER] zwar nicht überragend, aber ausreichend souverän verkörpert wird, sowie die bereits erwähnte Eva Green als Ava Lord, die es sich wohl auf die Fahnen geschrieben hatte, alle Kino-Verführerinnen der Vorjahre zu toppen und sich am Set hoffentlich nicht erkältet hat. Bedauerlich ist der kurze Auftritt von Vorzeige-Ekelpaket Ray Liotta [→ FLUCHT AUS ABSOLOM], der als betrügender und mordaffiner Ehemann eine für ihn typische Paraderolle ergattern konnte, welche die Handlung allerdings viel zu schnell wieder verlässt.

Im direkten Vergleich muss sich SIN CITY 2 seinem Vorgänger geschlagen geben. Etwas zu stark sexualisiert auf der einen Seite, ein bisschen zu schlicht in der Auflösung seiner Fäden auf der anderen, wird die narrative Perfektion des Originals kein zweites Mal erreicht. Als durchaus willkommene Ergänzung hingegen taugt die betont lässige, angenehm-verruchte Sündensause allemal. Handwerklich nach wie vor makellos, bis unters Dach mit rabenschwarzem Humor befüllt und von nahezu ungebremster Fabulierlust – ein Mord lohnt sich dafür nicht, aber etwas mehr als 90 Minuten Lebenszeit ist das durchaus wert. 

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 7. Oktober 2012

SASORI - GRUDGE SONG


JOSHÛ SASORI – 701-GÔ URAMI-BUSHI
Japan 1973

Regie:
Yasuharu Hasebe

Darsteller:
Meiko Kaji,
Masakazu Tamura,
Toshiyuki Hosokawa,
Yumi Kanei,
Akiko Mori,
Sanae Nakahara,
Kaoru Kusuda,
Akemi Negishi



„Polizistenmord in 8 Fällen, Gefängnisflucht in 3 Fällen, Fluchtversuch in 28 Fällen … Im Interesse unseres Ansehens darf dieser Frau niemals verziehen werden! Sie ist das personifizierte Böse!“


Inhalt:

Nami Matsushima [Meiko Kaji] ist mal wieder auf der Flucht. Erbittert verfolgt vom sadistischen Inspektor Kodama [Toshiyuki Hosokawa] trifft sie auf den verbitterten Kudo [Masakazu Tamura], der hinter den Kulissen eines Strip-Lokals arbeitet. Nach einer Studentenrevolte wurde Kudo einst von der Polizei schwer misshandelt. Seitdem hinkt er und hat seinen Lebensmut verloren. Doch als er auf Nami trifft, beginnt sein Panzer zu bröckeln: Er nimmt sich ihrer an, gewährt ihr Unterschlupf und fühlt sich bald als ihr Beschützer. Doch dann gerät Kudo in die Hände Kodamas. Erneut wird er schwer misshandelt, um Namis Aufenthaltsort preiszugeben. Zwar schweigt Kudo beharrlich, doch wieder auf freiem Fuß führt er die Polizei unwissentlich zu ihrem Versteck. Nami und er können entkommen und beschließen, Kodamas Ehefrau als Geisel zu nehmen. Doch der Coup misslingt - Kodamas Frau fällt einem Unfall zum Opfer und stirbt. Der Inspektor schwört ewige Rache …

Kritik:

1972 wurde der Skorpion erstmals auf das staunende Publikum losgelassen: Sicherlich angestachelt von amerikanischen Exploitation-Erfolgen wie FRAUEN HINTER ZUCHTHAUSMAUERN schickte der japanische Regisseur Shun’ya Itō die bildschöne Meiko Kaji in den Frauenknast, um sie dort ebenfalls ein Martyrium durchleben zu lassen. Anstatt dabei jedoch der belanglosen Ästhetik der Vorbilder zu folgen, gelang ihm das Bravourstück, die gewohnt schmuddelige Bahnhofskino-Atmosphäre mit einer geballten Ladung künstlerischen Anspruchs zu kombinieren. Mit höchster experimenteller Attitüde und schier überbordendem visuellen Einfallsreichtum erzählte er mit SASORI die auf einem Manga Tōru Shinoharas basierende mit Sex und Gewalt getränkte Geschichte der jungen Nami Matsushima, die – von ihrem Geliebten verraten – nach Misshandlung und Vergewaltigung und daraus resultierendem Mordversuch ins härteste Frauengefängnis Japans gesperrt wird. Obwohl sie dort weitere Demütigungen von Personal und Mithäftlingen durchleiden muss, lässt sie sich nicht brechen, um schließlich, nach geglückter Flucht, als schwarz gekleidete Rachegöttin 'Sasori' neu aufzuerstehen und einen gnadenlosen Tötungsfeldzug zu starten.

Der gekonnten Mischung aus schmieriger Exploitation und niveauvollem Kunstkino gelang der überaus seltene Coup, sowohl das sensationslüsterne, als auch das anspruchsvolle Publikum gleichermaßen zu befriedigen und wurde zur stilbildenden Ikone nicht nur innerhalb des Genres. Der Erfolg zog fünf Fortsetzungen nach sich, von denen Shun’ya Itō noch die ersten beiden inszenierte. Erwähnenswerterweise genügte es ihm dabei nicht etwa, das Erfolgsrezept des Vorgängers lediglich neu aufzukochen, sondern grenzte die weiteren Episoden inhaltlich und stilistisch so stark voneinander ab, dass jeder Teil seinen eigenen individuellen Charakter erhielt. GRUDGE SONG hingegen – der vierte Teil der Reihe – wurde nun erstmals von Yasuharu Hasebe inszeniert. Dieser war sich der Verantwortung gegenüber der nicht unbeträchtlichen Fangemeinde offenbar bewusst genug, um den extravaganten Stil seines Vorgängers beizubehalten. Tatsächlich fällt der Wechsel auf dem Regiestuhl kaum ins Gewicht: Auch Teil 4 präsentiert sich als surrealistisches, von wilden Farbspielereien beherrschtes und in ungewöhnlich verwinkelten Perspektiven eingefangenes Gewaltmärchen, dessen avantgardistische Umsetzung sich inhaltlich und formal quasi nahtlos ins bereits begonnene Opus einfügt.

Dennoch gibt es auf narrativer Ebene ein paar geringfügige Unterschiede: So war man offenbar der Meinung, das Schicksal Namis mittlerweile zur Genüge ausgeschlachtet zu haben, weshalb dieses Mal längere Zeit die neue Figur des ehemaligen politischen Aktivisten Kudo im Vordergrund steht. Dieser stellt dann auch einen äußerst interessanten Charakter dar: Ebenso wie Nami wurde auch Kudo in der Vergangenheit schwer misshandelt und ihm dabei sämtlicher Lebensmut genommen. In jahrelanger Katatonie erstarrt lässt ihn erst die Bekanntschaft mit Nami wieder Gefühle empfinden, erkennt er in ihrer Opferrolle doch auch seine eigene. Langsam wieder ins Leben zurückfindend, kümmert er sich um die Verfolgte und findet in seiner Beschützerrolle seine einstige Würde wieder. Als er später von der Polizei abermals gefoltert wird, um ihn zu zwingen, Namis Versteck preiszugeben, bettelt er am Ende um die Schläge und beweist sich auf diese Weise seine zurückgewonnene Stärke und Menschlichkeit.

Interessanterweise verlässt GRUDGE SONG seinen bis dahin erfreulich innovativen Weg in dem Augenblick, als Kudos Figur wieder fallengelassen wird, um abermals Nami in den Mittelpunkt (und ins Gefängnis) zu rücken. Meiko Kaji hinter Gittern ist zwar freilich genau das, was das Publikum erwartet, doch verkommt ihr weiterer Knastaufenthalt zu einem eher schwachen Aufguss bereits bewährter Ingredienzien, ohne der Saga großartig Neues hinzufügen zu können (zumal auch die obligatorischen Demütigungen im Vergleich zu den Vorgängern hier eher moderat ausfallen). Erst, als Nami (wenig überraschend) wiederholt entkommt und zum Racheengel mutiert, findet Teil 4 zu seiner Stärke zurück: Der schicksalhafte Kreis um Kudo und Nami schließt sich auf tragische Weise und hinterlässt in seiner bitteren Konsequenz nachhaltigen Eindruck.

Doch nicht nur inhaltlich, auch visuell geriet das Ende zum unbestreitbaren Höhepunkt GRUDGE SONGs: Das in surrealen Alptraumbildern ausgetragene finale Duell zwischen Nami und ihrem Todfeind Kodama erinnert in seiner Darstellung inklusive grotesk verzerrter Kulissen und schiefer Blickwinkel gar an den expressionistischen Stummfilm DAS CABINET DES DR. CALIGARI – wenn auch in ein tiefes Fass knallbunter Farbe getaucht. Ein wahrer Augenschmaus ist freilich auch erneut die betörende Hauptdarstellerin Meiko Kaji (welche in LADY SNOWBLOOD noch eine ähnlich geartete Rächerrolle verkörperte und zudem auch noch das Titellied singt), die mittlerweile völlig mit ihrer Figur verschmolzen zu sein scheint. Mit ihrer Präsenz und unergründlichen stoischen Aura quasi jede einzelne Szene beherrschend, dabei in den gesamten 90 Minuten vielleicht gerade mal zehn Wörter sprechend, sagt ihr minimalistisches Mienenspiel mehr aus als 100 Sätze es je könnten. Gegen Blickfang Kaji kann man gewiss nur verlieren, dennoch gelingt auch ihren Mitstreitern eine überzeugende Darstellung: Toshiyuki Hosokawa glaubt man den von Hass zerfressenen Inspektor zu jeder Sekunde und Masakazu Tamura geht in der Rolle des Kudo bis an die Grenzen.

So ist auch GRUDGE SONG (der letzte Teil der Reihe mit Meiko Kaji in der Hauptrolle) ein gefundenes Fressen für Cineasten jeden Couleurs, ein Feuerwerk an inszenatorischen Einfällen, überspitzte Comic-Gewalt zelebriert in umwerfenden Bildkompositionen, zwischen anrüchig und anspruchsvoll, zwischen Exploitation und Expressionismus. Dieser Skorpion haut jeden um!

Laufzeit: 88 Min. / Freigabe: ab 18

Donnerstag, 19. Juli 2012

WATCHMEN - DIE WÄCHTER


WATCHMEN
USA 2009

Regie:
Zack Snyder

Darsteller:
Billy Crudup,
Matthew Goode,
Carla Gugino,
Jackie Earle Haley,
Jeffrey Dean Morgan,
Patrick Wilson,
Matt Frewer,
Stephen McHattie



Amerika liebt Superhelden! Figuren wie Superman, Spider-Man oder Captain America verkörperten als moralisch einwandfreie Protagonisten schon immer auch das nationale Selbstbewusstsein und gaben solch schwammigen Begriffen wie Ehre und Gerechtigkeit memorable Gesichtszüge. Ihre Gegner hingegen waren stets das genaue Gegenteil: Frei von Gewissen, dafür voll der Niedertracht, strebten sie ebenso gewaltsam wie skrupellos nach Macht und Regiment. Hier die Guten, da die Bösen, das versteht in seiner bequemen Einfachheit jedes Kind, und obwohl es auch immer mal wieder Ambitionen für ambivalentere Auslegungen gab, blieben die Genreregeln insgesamt doch jahrzehntelang ungebrochen. So richtig entscheidend änderte sich das erst im Jahre 1986 mit dem Erscheinen der WATCHMEN. Das von Alan Moore erdachte und von Dave Gibbons gezeichnete Superheldenkollektiv brach die bekannten Schwarz-Weiß-Schablonen vollständig auf und stellte die bewährten Formeln tüchtig auf den Kopf. Bereits die Prämisse besticht durch Einfallsreichtum und Unkonventionalität, tragen sich die Ereignisse doch in einer fiktiven Vergangenheit zu, in einer alternativen Zeitrechnung, die real stattgefundene politische und geschichtliche Ereignisse neu arrangiert und in völliger Selbstverständlichkeit mit dem Superhelden-Mythos verbindet:

Inhalt:

New York, 1985: Richard Nixon tritt bereits seine fünfte Amtszeit als US-Präsident an. Der Kalte Krieg befindet sich auf dem Höhepunkt, die Welt steht einmal mehr am Rande der atomaren Vernichtung. Amerikas Superhelden haben sich zur Ruhe gesetzt, ihr Gewerbe wurde von höchster Stelle verboten. Dabei standen einige von ihnen in früheren Zeiten sogar im Dienste der Regierung, gewannen als 'Watchmen' den Vietnamkrieg und hielten die Sowjets in Schach. Inzwischen jedoch gelten ihre Aktivitäten als Akt der Selbstjustiz. Als der 'Comedian', einst Mitglied der Truppe, einem Mordanschlag zum Opfer fällt, ist sein alter Kollege 'Rorschach' davon überzeugt, dass es der Mörder gezielt auf die damaligen 'Watchmen' abgesehen hat und es zu weiteren Bluttaten kommen wird. Zunächst will man ihm nicht so recht Glauben schenken, doch dann erfolgt tatsächlich ein weiterer Anschlag auf seinen einstigen Kameraden 'Ozymandias'. Von der Polizei als Mörder gejagt, beginnt 'Rorschach' nun im Untergrund zu ermitteln und deckt dabei eine Verschwörung ungeheuren Ausmaßes auf.

Kritik:

Auf dieser ungewöhnlichen Basis entwickelt WATCHMEN ein ebenso intelligentes wie verwinkeltes Verwirrspiel, das haufenweise philosophische Fragen aufwirft und massenhaft Seitenhiebe auf Politik und Gesellschaft verteilt. Das überaus komplexe Geflecht aus Krimi, Thriller, Fantasy und Drama, kombiniert mit tiefgründiger Charakterzeichnung sowie essentiellen Fragen über Moral und Mortalität geriet dabei dermaßen überlebensgroß, bedeutungsschwer und vielschichtig, dass Moores schon bald kultisch verehrte Graphic Novel deshalb jahrelang – Achtung, jetzt kommt es wieder! - als unverfilmbar galt. Das war und ist natürlich Unfug, doch bildet die vorliegende Leinwandumsetzung tatsächlich erst den Abschluss eines unerwartet langwierigen, hochkomplizierten Prozesses, in dessen Verlauf sowohl finanzielle, künstlerische, als auch rechtliche Differenzen die Realisierung jahrzehntelang verzögerten.

Dass der Regieauftrag letztendlich an den damals noch eher unerfahrenen Zack Snyder ging, welcher zu diesem Zeitpunkt gerade mal zwei Kinoeinsätze auf seiner Vita vermerken konnte, war, vor allem angesichts der bis dahin bereits gehandelten Namen, schon eine recht mutige Entscheidung, welche vor allem im Erfolg seines Vorgängers 300 begründet sein dürfte. Ebenfalls auf einer berühmten Graphic Novel basierend, dabei bis in die Haarspitzen durchästhetisiert, bot das martialische Meuchel-Märchen um eine Horde wehrhafter Spartaner eine ganze Wagenladung wuchtiger Panoramen und gekonnt inszenierter Oberflächenreize. Und auch WATCHMEN gibt sich in optischer Hinsicht keine Blöße und schmeichelt das Auge mit perfekt komponierten Bildern von teilweise fast hypnotischer Sogwirkung. Wie bereits bei 300 orientierte sich Snyder bei der visuellen Umsetzung streng an den Zeichnungen des Originals und übernahm die Panels zum Großteil 1:1, ohne sich dabei allzu viele Freiheiten zu erlauben.

Die große Schwäche von Snyders Werken liegt darin, dass sie sich meist bereits in ihrer vordergründigen Attraktivität erschöpfen. Hat man die Schale erst geknackt und blickt hinter die verführerisch blinkende Fassade, bleibt am Ende oft erstaunlich wenig übrig. Womöglich hätte WATCHMEN ein ähnliches Schicksal ereilt, profitierte er an dieser Stelle nicht von seiner starken Vorlage, welche von David Hayter und Alex Tse ohne großartige Veränderungen adaptiert wurde – freilich nicht, ohne dabei auch weitreichende Komprimierungsarbeit zu leisten. Das Ergebnis dieser Bemühungen präsentiert sich als inhaltlich dicht gedrängtes Knäuel aus unzähligen narrativen Elementen, das trotz ausladender Spielzeit von 2 ½ Stunden kaum Zeit lässt zur weiteren Vertiefung und in seiner geballten Dichte eine beinahe schon erschlagende Wirkung erzielt.

So wird jedem der titelgebenden Helden seine eigene Hintergrundgeschichte gegönnt, und jede einzelne dieser Episoden hätte bereits ohne Schwierigkeit einen schnittigen 90-Minüter ergeben. Dass die Charaktere nun stattdessen auf engstem Raum gezeichnet wurden, war ein unvermeidbares Zugeständnis an das Kinoformat, das über weite Strecken durchaus funktioniert, vor allem deshalb, weil die Watchmen in ihren ambivalenten Persönlichkeiten so ziemlich jedem etablierten Superhelden-Klischee mit Überschallgeschwindigkeit entgegenlaufen. Das beginnt schon bei dem Umstand, dass Moores Kollektiv – mit einer Ausnahme – gar keine Superkräfte besitzt und sich seine Mitglieder vom normalen Bürger lediglich dadurch unterscheiden, dass sie maskiert sind, Künstlernamen tragen und unter staatlicher Legitimation agieren dürfen. Von diesem realistischen Ansatz ausgehend fühlen und handeln die Figuren nicht wie Lichtgestalten, sondern wie gewöhnliche Menschen, voller Zweifel und Schwächen, dabei unter Umständen auch moralisch bedenklich oder sogar schwerst kriminell.

Vor allem der Comedian, dessen verfrühtes Ableben die Ereignisse erst in Gang setzt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als gewissenloses Scheusal: Zwischen Recht und Unrecht schon längst nicht mehr unterscheiden könnend, dabei überzeugt vom baldigen Untergang der Welt und desillusioniert bis ins Mark, schreckt er vor keiner Gewalttat zurück und versteht seinen Status ohne Not als staatlich verordnete Tötungslizenz. Auch die restlichen Watchmen sind kaum mehr als tragische Figuren: Dr. Manhattan, der einzige Charakter, der tatsächlich Superkräfte besitzt, strotzt vor Kraft, kann in die Zukunft sehen und beherrscht die Fähigkeit, sich durch Raum und Zeit zu teleportieren. Doch was im ersten Moment nach grenzenloser Freiheit klingt, erweist sich schnell als ausweglose Sackgasse: Da Dimensionen keine Rolle mehr spielen, erscheint ihm das eigene, heimatlose Dasein bald vollkommen sinnlos, ebenso wie jede Art von Tätigkeit, ist ihr Ausgang doch bereits vorherbestimmt. So flüchtet Manhattan schließlich auf einen anderen Planeten und quält sich mit der bohrenden Frage nach den Gründen für Ereignis und Existenz.

Das Schicksal Dr. Manhattans verdeutlicht dabei fast am besten den ungewöhnlichen Ansatz der Erzählung: Mögen seine Fähigkeiten auch fantastisch und wirklichkeitsfern sein, die daraus resultierenden Emotionen und Handlungsweisen sind glaubwürdig und am realen Leben orientiert. Ähnliches gilt auch für die Geschichte von Ozymandias, der sich bereits frühzeitig aus dem Helden-Metier zurückzog, um ein milliardenschweres Unternehmen aus dem Boden zu stampfen. Dass dieses unter anderem auch Ozymandias-Actionfiguren verhökert, verdeutlicht anschaulich, wie sehr die einstigen Ideale des Heldentums bereits verkauft und erfolgreich dem Mammon geopfert wurden. Als überaus kluger und rational denkender Mann steht Ozymandias am Ende vor einem moralischen Dilemma: Wenn man sowohl Mittel als auch Wege besitzt, die Welt zu retten, wie weit dürfte man dafür gehen, wie viele Opfer dafür fordern dürfen?

Es ist nicht einfach, sich angesichts dieses Sammelsuriums aus gebrochenen Charakteren und zweifelnden Helden eine Bezugsperson zu suchen. Am ehesten funktioniert das wohl noch mit Rorschach, der, das Gesicht hinter einer Maske mit Rorschachtest-Muster verborgen, dabei ganz klassisch mit Hut und Mantel unterwegs, als Detektiv auf der Pirsch ist und das Geschehen in bester Humphrey Bogart-Manier aus dem Off kommentiert. Doch auch er ist alles andere als ein strahlender Held: Einst Verbrechensbekämpfer aus tiefster Überzeugung, nach einem grausamen Entführungsfall jedoch in seinen Grundfesten erschüttert und den Glauben an die Menschheit verloren habend, wurde er schließlich zum zynischen Rächer, bedient sich zur Durchsetzung seiner Ziele extremer Brutalitäten und spannt Verdächtige schon mal im wahrsten Sinne auf die Folter.

All diese (und noch viel mehr) Schicksale und Themen bündelt WATCHMEN zu einer mit klassischen Film-Noir-Elementen sowie Versatzstücken des Thrillers gefütterten Moralparabel mit tragischem Unterton und philosophischem Überbau, dessen ausladende, in Hochglanzoptik verpackte Mischung aus massenkompatibler Action und intellektueller Attitüde ein wahres Fest für Auge und Ohr bietet. Einmal mehr gelang Snyder eine grandiose Symbiose aus Bild und Klang. Bereits der Vorspann, der, von Bob Dylans unsterblichem Klassiker The times they are a-changin' untermalt, einen alternativen Verlauf der Geschichte Amerikas erzählt, zieht einen aufgrund des atemberaubenden Zusammenspiels von Musik und Darstellung minutenlang in seinen Bann. Und auch im weiteren Verlauf erweist sich die Songauswahl als fast durchgehend exzellent und wirkt in Kombination mit den dazugehörigen Szenen wie eine perfekt aufeinander abgestimmte Komposition mit enormem Wirkungsgrad.

Doch kann all der Prunk nur schwerlich übertünchen, dass es WATCHMEN letztendlich nicht gelingt, seine überlebensgroßen Ansätze in sein beengtes Laufzeitkorsett zu zwängen. Zwar spürt man, dass da noch etwas ist, etwas im Hintergrund, das raus möchte, sich entfalten, atmen. Doch bleibt schlichtweg kein Platz dafür in diesem dicht gedrängten Wust aus Themen, Taten und Figuren, der in seiner konzentrierten Konsistenz eine ausreichende emotionale Bindung verhindert und die philosophischen Gedankenspiele bereits im Keim ersticken lässt. Die großen Fragen betreffend Wert des Lebens und Essenz der Menschlichkeit werden gerade mal angekratzt. Hinter seinen selbstgesteckten Absichten somit zurückbleibend, dabei technisch freilich voll auf der Höhe seiner Zeit, empfiehlt sich das überfrachtete Steampunk-Spektakel letztendlich für alle Freunde ambitionierten Kinos als durchaus imposante und erfreulich humorfreie Fantasy-Mär im futuristischen Retrolook, dessen visuelle Wucht manch erzählerisches Defizit vergessen lässt.

Laufzeit: 163 Min. / Freigabe: ab 16