Freitag, 29. März 2019

VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU

[CARAMBOLA][ITA][1973]

Regie: Ferdinando Baldi
Darsteller: Paul L. Smith, Antonio Cantafora, Horst Frank, Luciano Catenacci, Franco Fantasia, Guglielmo Spoletini, Pino Ferrara, Pedro Sanchez, Melissa Chimenti

Der schlitzohrige Tausendsassa Toby [Antonio Cantafora] ist ehemaliges Armeemitglied, trotz seiner hohen Trefferquote jedoch schon längst ausgestiegen. Eines Tages meldet sich sein ehemaliger Vorgesetzter Captain Johnson [Luciano Catenacci] wieder bei ihm: Waffenschmuggler sind am Werk und machen Jagd auf einen modernen Superrevolver, der zufällig in Tobys Hände fällt. Toby bietet seine Hilfe an, hätte dabei allerdings gern seinen bärenstarken Kumpel Butch [Paul L. Smith] mit an Bord. Dieser jedoch stellt sich stur, ist er vom quirligen Toby doch schwer angenervt. Erst durch einen Trick kann man ihn zur Zusammenarbeit überreden. Nachdem das Duo aufgehört hat, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen, beginnt schließlich die Gaunerhatz. Gehauen wird dabei allerdings auch. Das bekommt vor allem der schurkische Clydeson [Horst Frank] zu spüren, Drahtzieher der illegalen Waffenverkäufe und außerdem Kidnapper des renommierten Waffenexperten Professor Langer [Franco Fantasia]. Es kommt zum großen Finale der fliegenden Fäuste.

Als sich 1970 DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS über die Leinwände der Welt prügelten, veränderte das ein ganzes Genre. Die unter der Regie Enzo Barbonis entstandene Western-Humoreske wurde ein überwältigender Kassenschlager und machte ihre beiden Hauptdarsteller Terence Hill und Bud Spencer zu gefeierten Stars. Natürlich rief das jede Menge Nachahmungstäter auf den Plan. In den Folgejahren konnte sich der Kinofreund somit kaum retten vor schlagkräftigen Duos, die sich ihren Weg durch den Westen bahnten und dabei nicht nur Sprüche klopften. Waren diese Imitationen auch eindeutig an das beliebte Erfolgsgespann angelehnt, so besaßen sie in der Regel trotz allem immer noch genügend Eigenständigkeit, um sich entsprechend abheben zu können. Armando Todaro [→ HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS] hingegen hatte da deutlich weniger Hemmungen als die Konkurrenz. In frommer Hoffnung auf den flinken Dollar kopierte der findige Produzent daher nicht nur das zu Grunde liegende Konzept, sondern alles andere gleich noch mit. Mit Antonio Cantafora und Paul L. Smith castete man zwei Darsteller, die Terence Hill und Bud Spencer möglichst ähnlich sahen, brachte sie durch ein bisschen Maskerade zusätzlich in die gewollte Form und lies sie Mimik und Gestik der Vorbilder  genauestens einstudieren. Mit den so herangezüchteten Klonen in den Hauptrollen entstand dann schließlich der Wildwest-Klamauk CARAMBOLA, der formal und inhaltlich ebenfalls den Werken Barbonis nacheifert. Nach Fertigstellung wurden (angeblich als Hommage) die Namen der Originale größer auf dem Plakat platziert als die der Plagiate, in der Hoffnung, das Publikum würde den Schwindel entweder nicht bemerken oder ihn gleichgültig zur Kenntnis nehmen.

Der hiesige Verleih schloss sich dieser gezielten Verwirrungstaktik dann auch liebend gern an, und so erlebte die Replik im Februar 1975 ihre Deutschland-Premiere als VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU. Dieser Titel suggeriert natürlich eine Fortsetzung zum kurz zuvor gestarteten VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA, der seinerseits die Fortsetzung zu DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS war. Ungeachtet jeder filmischen Qualität ist es schon bemerkenswert, wie man es geschafft hat, ein nahezu perfektes Ebenbild zu erschaffen. Smith und Cantafora sehen ihren Vorlagen in manchen Momenten so verblüffend ähnlich, dass man tatsächlich beinahe vergisst, es nicht mit Bud Spencer und Terence Hill zu tun zu haben. Das liegt freilich nicht nur an der optischen Ähnlichkeit. Vor allem Paul Smith gelingt es vorzüglich, die vertrauten Mechanismen Bud Spencers bestmöglich nachzuahmen (dass man ihm im Deutschen noch die selbe Synchronstimme verpasst hat, macht die Illusion fast vollkommen). Antonio Cantafora (der später in dem Heuler SUPERSONIC MAN einen weiteren Helden nachäffen durfte) hat hingegen deutlich mehr Mühe, wirkt häufig unbeholfen oder sogar verunsichert (was auch verständlich ist, wenn man als Schauspieler dazu gezwungen wird, ein anderer Schauspieler zu sein). Die Dramaturgie des Plots folgt ebenfalls vertrauten Mustern: Ein ungleiches Paar, das sich vordergründig nicht ausstehen kann und ständig versucht, sich gegenseitig auszustechen, wird aufgrund widriger Umstände zur Zusammenarbeit gezwungen, vergrault sich auf halber Strecke gegenseitig, um sich am Ende dann doch wieder zusammenzuraufen und mit dem Rest der Welt abzurechnen.

Das große Manko des Ganzen liegt auf der Hand: VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU besitzt nicht einen Hauch Souveränität und ist der beste Beweis dafür, dass der Erfolg der Spencer-/Hill-Filme nicht allein darauf beruhte, dass ein schlaksiges Blauauge und ein bärtiger Dickwanst zotenreißend durch die Gegend ziehen und Leute vermöbeln. Denn obwohl auch die Kopie inhaltlich all das bietet, was das Original groß und beliebt gemacht hat, bleibt sie ein müdes Plagiat, dem die perfekt harmonierende Interaktion und darstellerischen Fähigkeiten seiner Hauptdarsteller ebenso abgeht, wie die gekonnte und gut getimte Inszenierung Barbonis. Die (natürlich ebenfalls zahlreich vorhandenen) Prügeleien entsprechen in ihrer Choreographie zwar gleichermaßen dem Vorbild (inklusive der berühmten Bud-Spencer-Kopfnuss), erfolgen aber stets völlig uninspiriert und lediglich als Mittel zum Zweck. Der Höhepunkt der Dreistigkeit steht dann auch exemplarisch dafür, warum der Abklatsch nicht funktioniert: In einer Szene stellt Antonia Cantafora Terence Hills Dauer-Backpfeife aus VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA quasi 1 : 1 nach. Völlig aus dem Handlungskontext gerissen, dient sie hier überhaupt keinem Zweck und existiert nur, da man der Ansicht war, sie gehöre halt einfach hinein. Dieser eine Moment veranschaulicht das ganze Dilemma: Man reproduzierte zwar handwerklich versiert, aber ohne jedwede Kohärenz und Relevanz und führt das Ganze somit letzten Endes in die Sinnlosigkeit.

Leider ist auch die deutsche Synchronfassung längst nicht so spritzig geraten wie beim populären Prototypen. Das ist bedauerlich, immerhin kam es schon mehrmals vor, dass eine bierselige Teutonen-Vertonung eher belanglosen Italo-Klamauk tüchtig aufpeppen konnte. Gute Laune besorgt immerhin der flotte (natürlich im Stil von Oliver Onions komponierte) Titelsong, der sich wie ein Leitmotiv durch das Geschehen zieht. Um die Regie kümmerte sich Routinier Fernando Baldi, der bereits den unsäglichen BLAUE BOHNEN FÜR EIN HALLELUJA verbrochen hatte, auf dessen Konto allerdings auch sehenswerte Genrebeiträge wie DJANGO UND DIE BANDE DER GEHENKTEN gehen (beide ironischerweise mit dem echten Terence Hill). Obwohl das Publikum damals (angeblich) lauthals protestierte, war die Masche wohl recht erfolgreich: Ein Jahr später kam mit VIER FÄUSTE UND EIN HEISSER OFEN eine direkte Fortsetzung, zudem wurden noch drei weitere unabhängige Klopper-Komödien mit dem Doppelgänger-Duo fabriziert. Lässt man die fehlende Eigenständigkeit außer Acht, so bietet VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU auch zumindest sauber gefertigten Zeitvertreib für anspruchslose Gemüter. Wer sich an Spencer und Hill sattgesehen hat, kann es daher ruhig mal mit Smith und Cantafora probieren.

Und? Wer ist hier zu sehen?

Laufzeit: 100 Min. / FSK: ab 12

Mittwoch, 27. März 2019

DER SCHRECKEN VON KUNG FU

[LO STRANIERO DI SILENZIO][ITA/JAP/USA][1968]

Regie: Luigi Vanzi
Darsteller: Tony Anthony, Lloyd Battista, Kin Omae, Rita Maura, Kanji Ohara, Raf Baldassarre, Yoshio Nukano, William Conroy

Der Cowboy, der sich nur der 'Fremde' nennt [Tony Anthony], findet einen sterbenden Japaner, welcher ihm eine Schriftrolle in die Hand drückt und 20000 Dollar Belohnung verspricht, falls er diese zu ihrem Besitzer nach Osaka zurückbringt. Leicht verdientes Geld, glaubt der Fremde, und macht sich auf den Weg ins ferne Japan. Kaum angekommen, gerät er mitten in eine brutale Familienfehde: Zwei Brüder bekriegen sich bis aufs Blut - und Grund für den Zoff ist ausgerechnet die Schriftrolle, die sich im Besitz des Fremden befindet. Dieser gerät dann auch prompt zwischen die Fronten, kassiert erstmal ordentlich Prügel und wird auch noch nach erfolgter Übergabe mit Falschgeld abgespeist. Das findet dieser reichlich ungut, weswegen er beginnt, die feindlichen Brüder gegeneinander auszuspielen.

Deutschlands Filmtitel waren beizeiten schon mal recht abenteuerlich. Relativ weit oben auf der Liste der absurdesten Auswüchse befindet sich mit Sicherheit auch DER SCHRECKEN VON KUNG FU, ein syntaktisch unsauberes und inhaltlich unsinniges Wortkonstrukt, das wohl primär dem Ziel diente, ein paar Bruce-Lee-Jünger hinters Licht und ins Lichtspielhaus zu führen. Diese dürften dann eher ernüchtert gewesen sein, wird einem doch während der gut 90 Minuten Laufzeit nicht eine einzige Kung-Fu-Pose geboten - was in Anbetracht der Tatsache, dass die Handlung in Japan spielt, auch kaum verwunderlich ist, da Samuraikrieger in der Regel ja eher selten mittels Kung Fu zu kämpfen pflegten. Im Deutschen kaum noch erkennbar, ist DER FREMDE UND DER SAMURAI (so der viel treffendere Alternativtitel) in Wahrheit ein waschechter Italo-Western und dritter und damit abschließender Teil einer Trilogie um einen ebenso namenlosen wie wortkargen Revolverhelden, der sich bereits in den Vorgängern EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN sowie WESTERN JACK (beide von 1967) auf der Suche nach Glück, Geld und Gold befand und hier abermals vom US-amerikanischen Schauspieler Tony Anthony (eigentlich Roger Anthony Petitto) verkörpert wird. In Teil 1 lediglich Hauptdarsteller, war Anthony für diesen Abschluss der Reihe mittlerweile zum Co-Produzenten aufgestiegen und konnte somit auch einiges an eigenem Einfluss geltend machen. Den Regiestuhl drückte abermals Wenigfilmer Luigi Vanzi [→ 1931 - ES GESCHAH IN AMERIKA], der auch schon die beiden Vorgänger auf den Weg brachte und gewohnt versiert zu Werke ging.

Die Idee, dieses Mal das japanische Osaka als Schauplatz zu nutzen, ist vor allem deswegen sehr reizvoll, weil das zu Grunde liegende Konzept auf diese Weise zurück zu seinen Wurzeln geführt wird. War der Erstling noch ein ziemlich unverhohlener Nachahmer des wegweisenden Leone-Klassikers FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, welcher seinerseits bereits die Neuinterpretation der japanischen Samurai-Saga YOJIMBO darstellte, ist die Geschichte somit nun also wieder dort angekommen, wo sie eigentlich ihren Ursprung hatte. Das war zum Produktionszeitpunkt nicht nur neu und innovativ (später gab es noch viele weitere Vertreter, die Ost und West filmisch zusammenführten), es funktioniert auch tadellos und veranschaulicht einmal mehr, wie sehr die Genres 'Western' und 'Samuraifilm' tatsächlich miteinander verbandelt sind. Doch nicht nur der Austragungsort wurde gewechselt, auch der Grundton änderte sich auffallend. Entfernte sich bereits der Vorgänger ein gutes Stück von der Kargheit des Originals, geht es hier nochmals deutlich ironischer zur Sache und bewegt sich auffallend weiter in Richtung Komödie. Das liegt in erster Linie an der gekonnten Ausspielung der zahlreichen Konflikte, die sich aus den Sprach- und Kulturunterschieden ergeben und die, möchte man denn ernsthaft zum Ziel gelangen, überwunden werden müssen. Darin liegt am Ende einer der wesentlichen Unterschiede: Ging es in den Vorgängern hauptsächlich noch darum, sein Gegenüber möglichst effektiv übers Ohr zu hauen, liegt der Fokus hier gerade auf gegenseitigem Verstehen.

Trotz dieses Umstandes muss nun allerdings niemand befürchten, hier herrsche eitel Friede, Freude, Eierkuchen. Die typischen Tugenden des Italo-Westerns wurden beileibe nicht abgelegt, List und Tücke bestimmen nach wie vor das Geschehen. "Du nicht können uns verstehen", sagt die junge Dolmetscherin in einer Szene zum Fremden. "Was gibt's da groß zu verstehen?“ entgegnet dieser gewohnt lakonisch. „Wenn's um die Moneten geht, ist es hier wie bei uns drüben". So suhlen sich die Helden auf der Jagd nach schnödem Mammon in Schmutz und Schlamm, was Kameramann Mario Capriotti [→ DER KLEINE SCHWARZE MIT DEM ROTEN HUT] in dreckig-schöne Bilder einfing. Da die Story im Prinzip bereits reichlich ausgelatscht daherkommt, bevölkerte man sie zum Ausgleich mit nem ganzen Haufen skurriler Gestalten und setzte ne gesunde Schippe Galgenhumor oben drauf. Dabei ist Anthony erfreulicherweise nicht immer der allen anderen überlegene Held - unter Umständen guckt 'der Fremde' schon mal etwas sparsam aus der Wäsche. Das bringt ihm einige Sympathiepunkte ein und übertüncht ein wenig das Manko, dass sein Mienenspiel nach wie vor einigen Limitierungen unterliegt. Das eindeutige Vorbild Clint Eastwood tat bei seinen Ausflügen nach Wildwest zwar im Prinzip auch nie mehr als grimmig dreinzuschauen, nur kaufte man diesem seinen Zynismus und seine Resignation auch wirklich ab. Anthony hingegen sieht meistens so aus, als sei er einfach nur beleidigt. Wenn die Action loslegt, ist dieses Defizit jedoch schnell wieder vergessen. Vor allem im Finale macht er sich großartig und schickt jedem ins Jenseits gepusteten Bösewicht noch einen lässigen Einzeiler hinterher.

Nachdem sich aufgrund rechtlicher Probleme die Veröffentlichung über längere Zeit hinzog, erreichte DER SCHRECKEN VON KUNG FU die Leinwand schließlich erst nach einigen Änderungen seitens des Verleihs, da man der Meinung war, sich dem mittlerweile geänderten Publikumsgeschmack anpassen zu müssen. Auch, wenn es gewiss interessant wäre, die ursprünglich intendierte Fassung mal zu Gesicht zu bekommen, muss man zugestehen, dass die Maßnahmen dem Werk nicht sonderlich geschadet haben. Das Ergebnis wirkt nicht etwa wie ein zurechtgebogener Schnellschuss (höhö!), sondern absolut rund und bietet eine gesunde Mischung aus Humor und Härte, Dialog und Duell, Ost und West. Und da sich hier zum Pulverdampf auch noch der Schwertkampf gesellt, bleibt auch die Action angenehm abwechslungsreich. Dass die Reihe um den Fremden hiermit ihren Abschluss feierte, ist dennoch legitim - die (ohnehin alles andere als bahnbrechende) Geschichte schien endgültig auserzählt, eine weitere Variante wäre schlichtweg müßig gewesen. So versetzt das Finale der Trilogie zwar nicht unbedingt die Kritiker der Schönen Künste in Verzückung, bietet Freunden des Italo-Westerns aber nochmals all das, was sie am Genre so schätzen. Und aufgrund der attraktiven Verquickung mit asiatischen Motiven eben auch noch ein bisschen mehr. Kung Fu gehört freilich nicht dazu. Man kann nicht alles haben.

Laufzeit: 92 Min. / FSK: ab 18

Donnerstag, 14. März 2019

BRUCE LEE - TAG DER BLUTIGEN RACHE

[SHEN LONG][HK][1978]

Regie: Huang Fei-Lung
Darsteller: Bruce Li, Chen Sing, Wang Yung-Sheng, Lung Fei, Tseng Chao, Tsai Hung, David Tang Wei, Shih Chung-Tien, Su Chen-Ping, Li Min-Lang, Cheng Fu-Hung, Ma Chang, Sham Tsim-Po

Die chinesische Provinz Pienh Puh steht unter der Fuchtel des tyrannischen Ko Fei [Chen Sing], der mit seinen Gefolgsleuten Tod und Terror verbreitet. Da die örtliche Polizei den Kampf längst aufgegeben hat, wird der unkonventionelle Hauptmann Shen Long [Bruce Li] von der Regierung beauftragt, wieder geordnete Verhältnisse herzustellen. Seine Ankunft schlägt hohe Wellen, erst Recht, als er sein Vorhaben offenbart: Da die Gefängnisse überfüllt sind mit Mördern und anderen Gewalttätern, plant Long, die brutalsten und skrupellosesten Knastbrüder zu einer Armee zu formieren, die mit ihm an der Spitze gegen Ko ins Feld zieht. Wem es gelingt, das Himmelfahrtskommando zu überleben, dem winkt zur Belohnung die Freiheit. Tatsächlich finden sich ca. 30 Männer zusammen, die sich auf den Weg machen, um den Feind zu besiegen. Als der einflussreiche Ko davon erfährt, aktiviert er im ganzen Land seine Helfershelfer. Es kommt zu mehreren mörderischen Kämpfen, welche die Truppe deutlich dezimiert. Aber die letzte Abrechnung steht noch bevor.

Nach dem frühen und überraschenden Tod der Martial-Arts-Ikone Bruce Lee sprossen die Nachahmer wie Pilze aus dem Boden, um fleißig Faust und Fuß zu schwingen und von der plötzlichen weltweiten Beliebtheit des Originals zu profitieren. Bruce Li (der eigentlich natürlich anders heißt, nämlich Ho Tsung-Tao) stach dabei positiv heraus. Er sah dem Vorbild nicht nur am ähnlichsten, er besaß auch Leinwandpräsenz und brachte ein ausreichendes Maß darstellerischer Qualitäten mit sich. BRUCE LEE – TAG DER BLUTIGEN RACHE, in welchem er abermals die Hauptrolle übernahm, gehört allerdings gar nicht zu den offiziellen Epigonen, die mit dem Namen Bruce Lees das Publikum anlocken (oder im schlimmsten Falle täuschen) sollten, sondern ist ein eigenständiges Werk ohne Bruce-Lee-Bezug. Dem hiesigen Verleih erschien das aber wohl ein wenig zu unsicher, weswegen der berühmte Name hier abermals nicht nur das Plakat, sondern auch den Titel schmücken durfte. Allerdings will auch der Rest der deutschen Benennung nicht so wirklich passen, da es hier primär gar nicht um einen reinrassigen Rachefeldzug geht. DEADLY STRIKE (englischer Titel) folgt vielmehr den Formeln eines Kriegsfilms, speziell denen eines typischen 'Men on a Mission'-Abenteuers, wie es sie seit dem Erfolg von Robert Aldrichs DAS DRECKIGE DUTZEND (1967) zu Dutzenden (höhö!) gab: Ein Tross treu- und gesetzloser Strauchdiebe muss sich zusammenraufen, um in höherem Auftrage und in Aussicht auf Freiheit und Straferlass gegen einen übergroßen Feind zu Felde zu ziehen. Nur, dass der Feind hier eben nicht von außen kommt, sondern sich bereits im Lande befindet.

Natürlich ist das alles andere als wahnsinnig originell, aber im Kung-Fu- und Knochenbrecher-Genre eine doch recht willkommene Abwechslung zu den bösen japanischen Invasoren oder den gemeinen Drogenhändlern, denen normalerweise das Fell gegerbt werden muss. Der Vorteil eines solchen Konzeptes ist der, dass selbst bei minimalem Aufwand in Sachen Dramaturgie und Narration nicht wirklich viel schiefgehen kann. Es reichen ein paar grob umrissene und mit stereotypen Eigenschaften ausstaffierte Figuren, die man erst ihren Zwist untereinander ausfechten lässt, bevor sie zum Finale alle an einem Strang ziehen und fleißig Heldentode sterben dürfen. Sowas funktioniert eigentlich immer und ist, wenn schon nicht innovativ, so doch zumindest angenehm kurzweilig. Auch TAG DER BLUTIGEN RACHE bildet da keine Ausnahme, wenngleich einem die Protagonisten hier schon mehr als nachlässig vorgestellt werden. Ein, zwei Sätze pro Person müssen hier reichen. Am meisten Hintergrund bekommt noch der Gewalttäter Piao Lung (Wang Yung-Sheng [→ EINE FAUST WIE EIN HAMMER]), der allerdings nicht wirklich böse ist und nur deswegen im Gefängnis sitzt, weil er im Affekt die Mörder seiner Frau kaltgemacht hat.

Ohnehin traute man sich nicht, wirklich in die Vollen zu gehen, werden doch auch die restlichen Rekrutierten meist lediglich als Opfer widriger Umstände oder alberne Witzfigur angelegt (Wie geschmackssicher es ist, einen mehrfachen Vergewaltiger als infantilen Pflaumenaugust zu präsentieren, muss jeder selbst entscheiden). Die Reise führt den Trupp durch Berg, Tal und Tempel, wo sich die Männer – zwischen den obligatorischen gegenseitigen Kabbeleien – immer wieder gegen die Schergen des Schurkens erwehren müssen, was einen gekonnten Austausch von Handkanten und Messerklingen zur Folge hat. Das ist stets unterhaltsam und natürlich auch genau das, was Genre-Fans sehen möchten, sorgt aber aufgrund dramaturgischer Inkonsequenz für Irritation. Ist der Grundtenor der Story generell eher düster und brutaler Natur, driften die körperlichen Konfrontationen aufgrund der oft skurrilen Kontrahenten häufig in komische Gefilde ab. Wenn man eben noch Zeuge einer erbarmungslosen Hinrichtung war und im nächsten Moment gegen zwei Männer in modischer Tigerschärpe angetreten wird, die beim Kampf abwechselnd auf die Schulter des anderen springen, dann ist das schon ein enormer Stil- und Stimmungsbruch. Die Extravaganz der zahlreichen Gegner erinnert dabei teilweise sogar an die grandiose Gaga-Granate DUELL DER GIGANTEN - freilich ohne deren ausgelassene Verrücktheit zu erreichen. Aber wenn Long es mit Mönchen zu tun bekommt, die ihre Widersacher dadurch zu Fall bringen, indem sie auf den Bäuchen liegend über den spiegelglatten Tempelboden schlittern, dann ist das kein hartes Selbstjustiz-Brett mehr, sondern schlichtweg fröhliches Gute-Laune-Kino.

Hart und humorlos zur Sache geht es dann wieder im Finale, wenn sich die Reihen auf beiden Seiten bereits empfindlich gelichtet haben und es gilt, den Oberschuft vom Antlitz der Erde zu tilgen. Dieser wird verkörpert von Chen Sing, ebenfalls ein populärer Darsteller, der auch oft den Helden spielen durfte und in Deutschland sogar eine eigene Reihe spendiert bekam, indem sein Name einfach mehrere Titel zierte (z. B. bei CHEN SING – DER SUPERHAMMER). Hier hat er nicht allzu viel zu tun und wird tatsächlich erst beim Endkampf wirklich aktiv. Zuvor darf er nur hin und wieder mal sein Gesicht vor die Kamera halten und ein paar böse Sätze sagen, damit das Publikum nicht vergisst, dass er ja auch noch da ist. Dafür spendierte man ihm eine sehr schöne Szene, in der er mit seinen Fäusten Kobrabissen ausweicht, um seine Reflexe zu schulen. Chen erweist sich als würdiger Kontrahent und liefert sich ein gelungenes Duell, bevor der TAG DER BLUTIGEN RACHE dann mit der zu erwartenden Schlusseinstellung zur Neige geht. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass der deutsche Verleih das Werk mit seiner Bruce-Lee-Isierung deutlich unter Wert verkaufte. Die meisten Lee-Imitations-Klopper, das dürfte sich auch damals längst herumgesprochen haben, waren bestenfalls Durchschnittsware, schlimmstenfalls völliger Schrott. Huang Fei-Lungs [→ SHAOLIN KUNG FU - VOLLSTRECKER DER GERECHTIGKEITAction-Abenteuer reißt nun natürlich auch keine Bäume aus, ist nur wenig ambitioniert und lässt auch viele Möglichkeiten ungenutzt, bietet aber eine knackige Story, pausenloses Geschehen und mit Bruce Li einen brauchbaren Helden. Hüten sollte man sich allerdings vor einer kursierenden Schnittfassung, die gerade mal 63 Minuten läuft und aus der ganze Kampf- und Handlungsblöcke mit der Heckenschere entfernt wurden, weswegen der verbliebene Rest kaum noch einen nachvollziehbaren Sinn ergibt.

Laufzeit: 89 Min. / FSK: ab 18

Sonntag, 10. März 2019

ACCIDENT

[YI NGOI][CHI][2009]

Regie: Soi Cheang
Darsteller: Louis Koo, Richie Ren, Stanley Fung, Michelle Ye Xuan, Lam Suet, Monica Mok

„Lass es wie nen Unfall aussehen!“ ist ein Satz, den man ständig in Mafia- und anderen Gangsterfilmen zu hören bekommt und der aufgrund seiner häufigen Verwendung im Laufe der Zeit ironischen Charakter bekam. 2009 hat Hongkong-Regisseur Soi Cheang die Phrase gänzlich humorlos verfilmt.

Ho Kwok Fai [Louis Koo] und sein Team sind Auftragsmörder. Allerdings legen sie sich nicht etwa mit Munition und Zielfernrohr auf die Lauer. Sie erschaffen Unglücksfälle. Ihre Opfer sterben beim Autounfall, im Scherbenregen oder per Stromschlag, und nichts und niemand deutet im Anschluss darauf hin, dass hier tatsächlich Menschenhand am Werke war. Sie sind absolute Profis, wissen aber auch, dass die kleinste Unachtsamkeit sie ans Messer liefern könnte. In letzter Zeit allerdings häufen sich merkwürdige Zwischenfälle: In Hos Wohnung wird eingebrochen. Ein ehemaliger Klient stürzt aus dem Fenster eines Hochhauses. Und Teammitglied 'Fatty' [Lam Suet] stirbt auf offener Straße, als er unter die Räder eines auf unerklärliche Weise außer Kontrolle geratenen Busses gerät. Da Ho weiß, dass sie nicht die einzigen in diesem Gewerbe sind, glaubt er weder an Un- noch an Zufälle und beginnt nachzuforschen. Verdächtig macht sich zunächst der undurchsichtige Versicherungsagent Fong Chau [Richie Ren]. Doch schon bald kann Ho auch seinem eigenen Team nicht mehr vertrauen.

ACCIDENT entstand unter der Schirmherrschaft des einflussreichen Produzenten Johnny To, der als Regisseur stilistisch herausragender Action-Opern wie FULLTIME KILLER, EXILED oder VENGEANCE berühmt wurde. Und das merkt man auch. Soi Cheang, der zuvor rabiate Gewaltstreifen wie DOG BITE DOG oder SHAMO auf den Weg brachte, legte den dreckigen Duktus hier komplett ab und orientierte sich stattdessen am präzisen Inszenierungsstil seines Produzenten. Das passt natürlich perfekt zur Story der ungewöhnlichen Killertruppe, die in analytischer Feinarbeit komplexe Kettenreaktionen konstruiert, um ihre Opfer ins Jenseits zu befördern. Bereits die fiebrige Eröffnung nimmt einen auf Anhieb gefangen: Auf den überfüllten Straßen Hongkongs herrscht Chaos. Auto steht an Auto, der liegengebliebene Wagen einer jungen Frau blockiert den Verkehr, alles hupt und schwitzt und schimpft. Ein Mann weicht genervt in eine Nebenstraße aus, ein Transparent löst sich von der Häuserfassade, fällt mit einem Ende auf die Windschutzscheibe. Der Fahrer steigt fluchend aus und zerrt an dem Ding - woraufhin sich ein an der Häuserwand gespanntes Drahtseil lockert und durch eine Fensterscheibe jagt. Es regnet Scherben – und der Asphalt färbt sich rot vor Blut.

Nur für den Zuschauer wird kurz darauf klar, dass nichts von diesen Ereignissen Zufall war – weder die Autopanne der jungen Frau, noch das Herunterfallen des Transparents und erst recht nicht das scheinbar so unglücklich platzierte Seil, das zum tödlichen Glasregen führte. Alles war Teil eines perfide geplanten und perfekt praktizierten Mordprozesses. Das vierköpfige Team um Stratege und Chefdenker Ho Kwok Fai wird eingeführt als eine Art 'Impossible Mission Force' des Tötens, als intellektuelles Killer-Kollektiv, das seine Anschläge mit architektonischer Genauigkeit gestaltet und ausführt. Die kompliziert erdachten Ereignisfolgen, die schließlich zum Ableben der Zielperson führen, erinnern dabei in ihrer Machart an die fatalen Dominoeffekte der FINAL DESTINATION-Reihe, die freilich dem fantastischen Genre verschrieben ist und in welcher der Tod noch höchstpersönlich die Strippen zieht: Eine Bagatelle bedingt die nächste, mehrere kleinere Komplikationen verdichten sich, bis sich am Ende alles summiert und das Geschehen in einer blutigen Katastrophe mündet. ACCIDENT verschweigt nicht, wie viel Geduld es braucht, einen derartigen Plan in die Tat umzusetzen. Lange Zeit sieht man dem Team bei der Ideenfindung zu, bei der Abwägung der Möglichkeiten, der Suche nach Alternativen, der Schaffung idealer Voraussetzungen und nicht zuletzt bei mehreren vergeblichen Versuchen der Ausführung, da sich manch notwendige Bedingung zum reibungslosen Ablauf eben nicht so einfach durch Menschenhand herbeizaubern lässt. Das ist fesselnd und faszinierend umgesetzt und lädt ein zu philosophischen Gedankenspielen über Zufall, Schicksal und Fügung im Leben eines Menschen.

Der Wind dreht sich, als es im Laufe der Handlung zu Todesfällen kommt, die nicht von der 'Accident'-Crew initiiert wurden. Stand bis dahin noch die Teamarbeit im Fokus, verlagert sich der Schwerpunkt nachfolgend auf den Kopf der Bande - auf Ho Kwok Fai, dargestellt von stets zuverlässigen Louis Koo [→ TRIANGLE]. Dieser glaubt nicht daran, dass das gewaltsame Ableben seines Freundes und Kollegen 'Fatty' auf einem ordinären Unglück basiert. Für ihn ist klar, dass es noch mehr Menschen gibt, die des verborgenen Mordens mächtig sind, dass man sie mit ihren eigenen Waffen schlagen und Stück für Stück dezimieren will. Hier wechselt ACCIDENT sanft die Schiene und wird nach und nach zum düsteren Paranoiathriller, der auch das Publikum ins Gebet nimmt. Denn ebenso wie Ho fragt sich auch der Konsument nach einer Weile, ob er lediglich einem Phantom hinterherjagt oder am Ende doch Recht behält mit seinen Ahnungen und Befürchtungen. Kameramann Fung Yuen-Man [→ COLOUR OF THE TRUTH] unterstützt diesen Prozess bestmöglich und hat das Geschehen visuell jederzeit voll im Griff. Zu Beginn bestechen die Bilder durch konzentrierte Kompositionen und versinnbildlichen damit die Akribie, die für die Protagonisten ja notwendig ist, um ihre Tötungen in die Tat umsetzen zu können. Später, als Ho sich auf der Suche nach Antworten befindet und sein Geist mehr und mehr verwirrt wird, werden die Bilder unaufgeräumt und konfus – geradezu ikonisch erscheint in dem Zusammenhang die Aufnahme von Hos Wohnung, gespickt mit Hinweiszetteln und Notizen, die notdürftig mit Pfeilen und Linien verbunden wurden, um eine (womöglich gar nicht vorhandene) Ordnung ins Chaos zu bringen.

Auf diese Weise entfaltet ACCIDENT eine beachtliche Sogwirkung, welche bis zur niederschmetternden Schlussszene anhält und das Spannungsbarometer konsequent oben hält. Wer unbedingt Haare in der Suppe suchen möchte, der könnte zu Recht anmerken, dass das Gelingen der Mordanschläge entgegen inhaltlicher Behauptung immer noch von zu vielen Zufällen und Eventualitäten abhängig, sprich: schlichtweg unglaubwürdig ist. Und auch über die restlichen Teammitglieder hätte man gern ein wenig mehr erfahren als nur, dass sie halt eben auch mit dabei sind. Aber im Großen und Ganzen sind das Kleinigkeiten, die nicht weiter ins Gewicht fallen. Natürlich sollte man nicht den Fehler begehen, aufgrund des Sujets und vorherigen Œuvres von Regie und Produktion einen Actionreißer zu erwarten (umso fataler, dass tatsächlich ein Plakatmotiv existiert, auf dem Nebendarsteller Richie Ren mit der Waffe herumfuchtelt). Hier wird mit Köpfchen gekämpft statt mit Kugeln, und wirklich herber Blutverlust ist ebenfalls nicht zu verzeichnen (auch wenn kleine fiese Schocks das ansonsten eher gemütliche Tempo immer mal wieder unterbrechen). Am Ende ist ACCIDENT eine äußerst geglückte Killer-Thriller-Variante mit cleverem Skript und vorzüglicher Umsetzung. Definitiv kein Unfall!

Laufzeit: 87 Min. / FSK: ab 16

Mittwoch, 6. März 2019

WOLF WARRIOR

[ZHAN LANG][CHI][2015]

Regie: Wu Jing
Darsteller: Wu Jing, Scott Adkins, Yu Nan, Ni Dahong, Zhou Xiaoou, Shi Zhaoqi, Deng Ziyi, Kevin Lee, Sona Eyambe, Kyle Shapiro, Samuel Thivierge

Elitesoldat Leng Feng [Wu Jing] steht vor dem Militärgericht. Grund: Während der Erstürmung eines Verbrecherhauptquartiers missachtete er die Anordnungen seines Vorgesetzten und pustete einem Geiselnehmer gegen jeden Befehl das Hirn raus. Der Heißsporn rechnet mit Entlassung, tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall: Kommandeurin Long Xiaojun [Yu Nan] wirbt ihn für ihre Spezialeinheit 'Wolf Warriors' ab. Währenddessen braut sich jenseits der Grenze neues Unheil zusammen: Der Bruder des Mannes, den Leng bei dem Einsatz tötete, ist der mächtige Gangster Min Peng [Ni Dahong]. Als dieser verhaftet werden soll, richten seine Kompagnons, eine Truppe blutrünstiger Söldner, unter den Polizisten ein Massaker an. Als nächstes will sich Min aus Gründen der Rache nun Leng und seine 'Wolf Warriors' vorknöpfen. Er schickt seine Mannen, angeführt vom ehemaligen Soldaten Tom Cat [Scott Adkins], in chinesisches Grenzgebiet, um dort gehörig aufzuräumen. Die 'Wolf Warriors' befinden sich gerade auf einer Übung, als sie von der feindlichen Attacke blutig überrascht werden. In den Wäldern Chinas beginnt ein beinharter Überlebenskampf.

Wu Jing sollte mal so etwas wie der neue Jet Li werden. Aus diesem Grunde sprang er eine Zeit lang durch eher durchschnittliche Martial-Arts-Opern wie FATAL CONTACT oder LEGENDARY ASSASSIN (zugegeben: auch durch großartige wie KILL ZONE). Der beabsichtigte Durchbruch jedoch wollte sich nicht einstellen. Daher war Umsatteln angesagt. In WOLF WARRIOR, der ersten Produktion, die komplett unter seiner Regie entstand, geht es dann auch deutlich seltener um klassische Kampfartistik als vielmehr darum, das Gewehr richtig zu halten. Wu (der hier trotz seiner 40 Lenzen immer noch aussieht wie frisch aus dem Ei gepellt) mimt den knallharten Elitesoldaten Leng Feng, der vermutlich schon im Flecktarn zur Welt kam und die gute alte Cowboy-und-Indianer-Nummer mit kindlicher Begeisterung und jugendlichem Überschwang geradezu euphorisch zelebriert. Solch leidenschaftlich ausgelebte Tötungslust und Vaterlandsliebe wird natürlich prompt mit Versetzung in höhere Weihen belohnt, mit der Mitgliedschaft bei den titelgebenden 'Wolf Warriors', sozusagen die Elitetruppe der Elitetruppen, die Besten der Besten der Besten (ja, das wird sehr oft betont!). Hier treffen sich die härtesten Jungs, um den ganzen Tag lang Krieg zu spielen und dumme Sprüche rauszuhauen. Als es dann plötzlich ernst wird und böse ausländische Invasoren dem tapferen Team an Leib und Leben wollen, müssen sie sich bewähren und liefern dafür das volle Programm aus Pathos, Wagemut und patriotischen Parolen.

Das alles strotzt nur so vor Klischees und bewegt sich gefährlich nah am Rande der eigenen Karikatur. Da zeigt einer der Soldaten seinem Kameraden eine Fotografie seiner kleinen Tochter. Überraschung: Keine 10 Minuten später liegt der Mann tot im Sand. Man mag kaum glauben, dass die Macher tatsächlich den Mumm hatten, diese wahrscheinlich älteste Kamelle der Welt nochmal aus der Mottenkiste zu zerren, aber tatsächlich bedient das stereotype Skript so ziemlich jede Binse, die gerade irgendwie greifbar war. Dazu gehört freilich auch, dass die Heimatliebe hier pausenlos Höhenflüge feiert. „Unterschätz die Chinesen nicht!“ ermahnt der böse Big Boss seine Söldnerbrigade gleich zu Beginn, und auch im weiteren Verlauf hören derlei Verlautbarungen nicht auf. Immer wieder wird vehement zwischen China und dem Rest der Welt unterschieden, die eigene Staatsangehörigkeit zum Nonplusultra erklärt. China hat die besten Kämpfer, die tollste Technik und die hochwertigsten Waffen, und wer das nicht glaubt, der wird sich noch umgucken. So wird dann auch geprotzt und posiert bis sich die Balken biegen. Dicke Panzer, schicke Helis und schnieke Drohnen schieben sich immer wieder wichtigtuerisch durchs Bild und lassen nicht den geringsten Zweifel daran zu, dass diese Armee im Nullkommanix alles und jeden pulverisieren könnte. Seltsamerweise tut sie das aber nicht. Mit derlei Gerät wäre es tatsächlich ein leichtes, den fiesen Eindringling quasi mühelos von der Platte zu putzen. Den Konflikt klären muss dann aber dennoch der kleine Soldat ganz allein im Wald, während die Befehlshaber im sicheren Kämmerlein vor ihren futuristischen animierten 3D-Panoramen hocken und Maulaffen feilhalten.

Der Grund dafür ist denkbar lächerlicher Natur: Die Armee greift deswegen nicht ein, weil die 'Wolf Warriors' sich beweisen sollen. Die Regierung riskiert (und opfert) hier also ganz bewusst Menschenleben im Namen ihrer Ideologie - was am Ende mehr über die Landesführung aussagt, als vermutlich beabsichtigt war. Denn unter dem Deckmantel des handelsüblichen Action-Reißers ist WOLF WARRIOR politische Propaganda in Reinkultur. Hier kämpft der gute Kommunismus gegen den bösen Kapitalismus. Der finale Fight bringt es dann auch verbal auf den Punkt, als der böse Ami (USA-Import Scott Adkins) dem geradezu hündisch staatstreuen Chinesen Wu zu erklären versucht, es sei doch im Prinzip egal, ob man für seine Ideale kämpfe oder für den schnöden Mammon. Diese ungeheuerliche Aussage kann der linienloyale Musterkrieger natürlich nicht ungestraft durchgehen lassen. Ein Blick auf seinen aufgenähten Button („Ich kämpfe für China“ steht da allen Ernstes drauf) beflügelt den eigentlich bereits unterlegenen Kämpfer und lässt ihn neue Kraft schöpfen, um sich doch noch einmal aufbäumen und seinem Kontrahenten den Rest geben zu können. Gut möglich, dass es chinesische Landsleute gibt, die bei solchen Momenten die Hacken zusammenschlagen, auf ein deutsches Publikum jedoch wirkt das so dermaßen drüber, dass man sich fragt, ob das tatsächlich noch ernstgemeint ist oder man versehentlich den Kanal zu HOT SHOTS gewechselt hat.

Jedweden Realitätsbezug hat WOLF WARRIOR zu diesem Zeitpunkt allerdings eh schon längst ad acta gelegt. Für Lacher sorgt schon ein Moment zu Beginn, in dem eine simple Maschinengewehrsalve einen parkenden Polizeiwagen zur Explosion bringt (woraufhin die umstehenden Autos aus Solidarität gleich mitexplodieren). Spätestens aber, als als zusätzlicher Spannungsindikator eine ominöse Biowaffe aus dem Hut gezaubert wird, die allerdings nur Chinesen gefährlich kann (!), ist der Ofen aus. Ab diesem Zeitpunkt bleibt dann nur noch die Möglichkeit, alles zu akzeptieren, was noch kommt, und sich einfach an der Action zu erfreuen. Diese ist für den Genre-Fan nämlich durchaus erbaulich und bietet die volle Palette aus Schusswechsel, Nahkampfkeilerei und Pyrotechnik. Ein wenig erinnert das Geschehen an frühere amerikanische Action-Ware, deren Helden Namen trugen wie Chuck Norris, Dolph Lundgren oder – wenn man Pech hatte – Michael Dudikoff und die, dabei auch immer tüchtig auf die Patriotismus-Pauke hauend, gegen Feinde ankämpften, die stets jenseits der Grenze kamen. Hier heißt der Held nun Wu Jing und zieht gegen den bösen Ami ins Feld, dargestellt von Scott Adkins, der in den USA mit kleinen Videotheken-Highlights wie NINJA zum B-Star wurde. Beide sind Könner auf dem Gebiet der Martial Arts und liefern sich hier einen kurzen, aber knackigen Finalkampf, der auch choreographisch nicht enttäuscht.

Wem es gelingt, die permanente Propaganda auszublenden, der wird hier tatsächlich ziemlich gut unterhalten. Wus Debut bietet kompetent inszeniertes Dauerfeuer in technischer Perfektion (lediglich der Angriff eines im Rechner entstandenen Wolfrudels auf die titelgebende Truppe sieht ein wenig merkwürdig aus – ohnehin eine seltsam sinnlose Sequenz). Nach etwa 80-minütigem Krawall entlässt WOLF WARRIOR sein Publikum dann wieder mit einer erneuten Einstellung einer Armada imposanter Helikopter im prahlerischen Präsentationsflug. Für ein zünftiges "Heil, Mao!" war wohl keine Zeit mehr. 

Laufzeit: 86 Min. / FSK: ab 16

Sonntag, 3. März 2019

...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE

[UN PAR DE ASESINOS][ITA/SPA][1971]

Regie: Rafael Romero Marchent
Darsteller: Gianni Garko, Guglielmo Spoletini, María Silva, Raf Baldassarre, Cris Huerta

„Hol schon mal die Karten raus!“ - „Aber mit... Ääääh... Wie hieß der noch gleich?“ - „Vergnügen.“ - „Richtig! Mit Vergnügen.“

Santana [Gianni Garko] und Marcos [Guglielmo Spoletini] sind zwei Gauner, die ständig dem Großen Geld hinterherjagen. Nach ihrem letzten Bankraub jedoch werden ihnen die erbeuteten Moneten von ihrem Partner Burton [Raf Baldassarre] wieder abgeluchst, während sie sich in einer vom Sheriff belagerten Holzhütte wiederfinden. Allerdings können sie Hilfssheriff Smitty [Cris Huerta] mit der Aussicht auf ordentlich Barschaft davon überzeugen, gemeinsam bei Geldräuber Burton vorbeizuschauen. Als der Besuch jedoch erfolglos verläuft, da Burtons Bruder sich den Zaster bereits unter den Nagel gerissen hat, will Smitty die Beiden in den Bau stecken. Diese lehnen dankend ab, indem sie ihn am nächsten Baum aufknüpfen. Stattdessen schließt sich die schöne Maria [María Silva], welche gerade Hab und Gut verloren hat, dem Trupp an. Das Geld wechselt inzwischen abermals den Besitzer, als die sadistischen Kirby-Brüder Burton um Hab und Gut erleichtern. Eher zufällig kreuzen sich die Wege der Kirbys mit denen von Santanas Trupp. Doch auch nach erfolgter Bleiorgie sind die letzten Fronten noch nicht geklärt, denn: 'Bosheit, dein Name ist Weib!'

Als Westernfreund durfte man in den 60er und 70er Jahren schon mal leicht verwirrt sein. Nicht nur, dass sich die zahlreichen Revolverhelden charakterlich häufig glichen wie ein Ei dem anderen, auch ihre Namen waren sich oftmals zum Verwechseln ähnlich. Eine der Paraderollen des in Kroatien geborenen Schauspielers Gianni Garko [→ DJANGO - 10.000 BLUTIGE DOLLAR] war die des Meisterschützen 'Sartana', der bei seinem ersten Auftritt 1966 noch als brutaler Schurke fungierte, bevor er ab 1968 unter dem selben Namen in einer vierteiligen Reihe den Bösewichten als sarkastischer Verbrechensbekämpfer selbst das Lebenslicht ausknipste. 1970 gab es dann noch ein weiteres Sartana-Abenteuer, allerdings wurde die Figur hier von George Hilton dargestellt und zudem in der deutschen Fassung 'Django' genannt. Wie gesagt: verwirrend. Und weil das alles noch nicht reicht, erschien 1971 ein wiederum von Garko verkörperter Sartana auf der Leinwand, welcher jedoch abermals ein völlig anderer Charakter war und womöglich auch deswegen vom deutschen Verleih in 'Santana' umgetauft wurde. ...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE nennt sich das im vollen Wortlaut, und dieser Titel kommt nicht von ungefähr. Denn wo Sartana noch das Herz am rechten Fleck hatte, ist Santana ein ziemlicher Halunke, der stets auf eigenen Vorteil bedacht ist und zur Not lieber einen zu viel als zu wenig über Kimme und Korn springen lässt.

Diese Eigenschaft teilt er mit seinem Weggefährten Marcos, gespielt vom ehemaligen Stuntman Guglielmo Spoletini [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU], mit welchem er ein doch recht eigenartiges Gespann abgibt. Beide sind zwar offenbar beste Kumpels, pflegen dabei jedoch ein ganz eigenes Verständnis von Freundschaft und jagen sich, wenn sie grantig aufeinander sind, schon mal gegenseitig eine Ladung Blei vor die Füße. Und als Santana seinen Kompagnon kurzzeitig für dahingeschieden hält, dauert es keine fünf Minuten, bis er bei dessen Bettgespielin auf Tuchfühlung geht. Als der vermeintlich Verblichene dann plötzlich relativ quicklebendig im Schlafzimmer steht, ist dieser zwar zunächst erbost ob dieser unerhörten Treulosigkeit, nachdem Santana ihm aber glaubhaft versichern konnte, dass der Beischlaf seiner Freundin ja nicht freiwillig erfolgte, ist alles wieder in Butter. Mit Zynismus wird hier also wahrlich nicht gespart, was mittels der deutschen Synchronfassung nochmal intensiviert wird.

Der Grund dafür ist Rainer Brand, der dem boshaften Geschehen nach eigenem Buch seinen bewährten Stempel aufdrückte. Zu Brands bekanntesten Arbeiten zählen die deutschen Vertonungen einer Vielzahl von Bud-Spencer-/Terence-Hill-Streifen, die mit dem schnodderigen Sprachstil meist hervorragend harmonierten. Bei ...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE bediente er sich aus gleichem Fundus, was das Bosheitsbarometer in sagenhafte Höhen schnellen lässt. Denn Santana und Marcos sind eben keine harmlosen Spaßvögel wie Spencer und Hill, die in ihren Komödien moralisch ja stets völlig integer waren, sondern zwei eigentlich sehr brutale Gesellen, die zur Durchsetzung ihres Willens notfalls auch Unschuldige mit einem müden Arschrunzeln ins Jenseits befördern. Dennoch hauen sie zeitweise im Maschinengewehrrythmus sarkastische Einzeiler raus, die zudem überwiegend ebenso sicher ins Schwarze treffen wie die Kugeln Santanas. Als Marcos Santana mit seiner Perle im Bett erwischt, ruft der in flagranti Ertappte erfreut: „Grüß dich, Keule! Hätteste ma ne Brieftaube geschickt, bevor du kamst, dann hätten wir geheizt.“ Als Santana den nicht gerade schlanken Smitty erspäht, grübelt er: „Für einen Menschen ist er zu fett, aber für ein Schwein hat er zu kleine Ohren.“ Als ein Kontrahent vor Santana in vermeintlich cooler Pose verharrt, kommentiert dieser das mit: „Is' bald Ostern, was? Der steht so breitbeinig da.“ Und über ihre spätere Weggefährtin Maria heißt es höchst charmant: „Eine Klassefrau! Man muss ihr nur ab und zu mal eine runterhauen, damit sie klasse bleibt.“

Die Inszenierung Rafael Romero Marchents [→ GARRINGO – DER HENKER] geriet zwar überwiegend routiniert, wartet aber mit einigen netten Sperenzchen auf. Im Gedächtnis bleibt vor allem eine überraschend intensive Sequenz zur Halbzeit, in welcher die grausame Kirby-Familie ein paar Siedler entführt, sich hemmungslos betrinkt und ihre Opfer sadistischem Psychoterror aussetzt. Die Kamera fängt dabei unsaubere Nahaufnahmen wahlweise gequälter und quälender Gesichter ein, was, verbunden mit der Klangkulisse aus johlendem Gelächter und unterstützt von dem rasanten Schnitt, welcher in seinem Tempo zur Orientierungslosigkeit führt, ein wunderbar alptraumhaftes Szenario entstehen lässt. Überhaupt ist die Kameraarbeit hier nicht verachten und sorgt für ein paar gelungene visuelle Eindrücke. So gefällt beispielsweise auch die dynamische Fahrt um einen Pokertisch, auf dem eine brennende Dynamitstange die Anwesenden mit dem Tod bedroht.

Eingerahmt von flottem Titelsong, welcher sich jedem, der ihm lauscht, erstmal für die nächsten paar Stunden in den Gehörgang bohrt, bietet ...UND SANTANA TÖTET SIE ALLE, nicht zuletzt dank der Synchronfassung, angenehm asoziale Western-Unterhaltung, die freilich all jenen Kritikern in die Hände spielt, welche den Italo-Western als menschenverachtenden Schund verabscheuen. In der Tat wird hier recht starker Tobak geboten. Die Macher kreierten genregerecht ein biestiges Pendant zur Heile-Welt-Attitüde anderer Anbieter, ein dreckiges Biotop, in dem keine bunten Blumen, sondern blaue Bohnen blühen und in dem Profit und primitive Instinkte die größten Regenten sind. Selbst die vermeintlichen Sympathiefiguren sind Widerlinge. Sie vergewaltigen, sie morden und reißen (vorwiegend in der deutschen Fassung) noch muntere Sprüche dabei. Bis zum Schluss weiß man nicht so recht, ob man sich mit ihnen solidarisieren oder sie verabscheuen soll, und immer, wenn man gerade Gefahr läuft zu vergessen, dass man es hier eigentlich mit zwei astreinen Anti-Helden zu tun hat, ritzen Santana und Marcos eine weitere Kerbe ins Holz. Nicht zuletzt fragt man sich, ob sich die beiden selbst überhaupt gegenseitig leiden können. Immerhin riskieren sie zeitweise ohne erkennbaren inneren Konflikt auch den Tod des anderen und scheinen im Falle des Falles auch keine Träne über das Ableben des Partners zu vergießen. Vermutlich ist dieses Verhalten einfach das Resultat des rauen Umfeldes, in dem sie sich befinden, und mag es auch eigentümlich erscheinen, so scheinen sie zumindest nicht vergessen zu haben, dass so etwas wie Freundschaft tatsächlich existiert - das ist in der Welt, in der sie sich befinden und aufgewachsen sind, vermutlich schon etwas wert.

Laufzeit: 85 Min. / FSK: ab 18

Samstag, 2. März 2019

MIGHTY GORGA - DAS GRÖSSTE MONSTER AUF ERDEN

[THE MIGHTY GORGA][USA][1969]

Regie: David L. Hewitt
Darsteller: Anthony Eisley, Megan Timothy, Scott Brady, Kent Taylor, Gary Kent, Greydon Clark, Sheldon Lee, Lee Parrish, John F. Parker, William Bonner, Bruce Kimball, Gary Graver

Es gibt immer noch Leute, die der Meinung sind, die GODZILLA-Filme der 60er und 70er hätte schlechte Spezial-Effekte. Gewiss wurde dort hin und wieder mal etwas geschludert, aber in der Summe zeichnete sich die Reihe durch hohen Aufwand und handwerkliches Können aus. Wer einmal erleben möchte, wie mieserable Trickarbeit wirklich aussieht, dem sei MIGHTY GORGA gereicht, eine filmische Unfassbarkeit, die Ende der 60er Jahre unter der Leitung David L. Hewitts entstand. Was hier ohne Rücksicht auf Verluste auf Zelluloid gestümpert wurde, passt auf keinen Affenpelz und ist ein Paradebeispiel technischen Unvermögens.

Mark Remington [Anthony Eisley] hat in letzter Zeit wenig zu lachen. Sein Zirkus steht kurz vor der Pleite. Scheinbar gibt es nur noch eine Hoffnung: Ein Geschäftspartner berichtete vor vielen Jahren von einem gigantischen Gorilla, der in den Wäldern Afrikas lebt. Wenn es Mark gelänge, dieses sagenhafte Wesen einzufangen, wären all seine Probleme gelöst. Also macht er sich auf den Weg nach Afrika und macht dort die Bekanntschaft der (natürlich) attraktiven April Adams, deren Vater auf der Suche nach dem Riesenaffen verschollen ist. Gemeinsam beschließen sie, sich durch den Dschungel zu schlagen, um Vater samt Affe zu finden. Was sie noch nicht wissen: Das Ungetüm wird von einem der dort ansässigen Stämme als Gottheit verehrt. Als es die Runde macht, dass Eindringlinge auf dem Weg sind, lassen sie die Bestie von der Leine.

Bereits die Inhaltsangabe verdeutlicht, dass Originalität kein Ding MIGHTY GORGAs ist. Der Plot ist schamlos dem 30er-Jahre-Klassiker KING KONG entliehen und bemüht sich keinen Deut um Variation. Riesenmonsterfreunden könnte das freilich herzlich egal sein. Hauptsache, irgendein Ungetüm stampft aus Wald oder Flur, um möglichst viel kaputtzumachen. Allerdings werden in diesem Falle nicht nur Häuser, Menschen und Botanik zerstört, sondern in erster Linie die Sehnerven des Publikums. Das fängt schon bei dem erbärmlichen Affenkostüm an, das einer launigen Karnevalsparty gewiss genügen würde, als „weltgrößtes Monster“ (wie der deutsche Untertitel ja behauptet) jedoch keine Furcht, sondern hauptsächlich Mitleid erregt. Dabei wurde nicht einmal der Versuch unternommen, die offensichtliche Dürftigkeit der wandelnden Fellstola zu kaschieren. Wo ein geschickterer Regisseur zunächst versucht hätte, Spannung durch Nichtzeigen und Andeutungen aufzubauen, geht Hewitt sofort in die Vollen: Bereits nach sage und schreibe 15 Sekunden Spielzeit stolpert der mächtige Affenarsch aus dem Gesträuch, elegant wie Trinker-Uwe um halb 5 Uhr morgens aus der Dorfkneipe. Danach hat er zwar erst einmal ein wenig Pause, aber was Hewitt (der auch das Drehbuch verzapfte) dem Publikum in der Zwischenzeit auftischt, geht auch nicht unbedingt sparsam mit Absurditäten um.

Dass sich Hauptprotagonist Mark Remington auf Monsterjagd begibt, um seinen maroden Zirkus aufzumöbeln, geht inhaltlich durchaus klar. Die Begleitumstände jedoch sind eher seltsamer Natur, wird er doch von einem mafiabossähnlichen Finstermann unter Druck gesetzt, der aufgrund seines Einflusses und irgendwelcher krummen Geldgeschäfte kleinere Unternehmen dazu zwingt, an sich zu verkaufen. Man fragt sich schon, was er davon hat, und wie so ein paar spärliche Provinzzirkusse ihm überhaupt gefährlich werden könnten. Jedenfalls sind diese Drohungen für Remington Grund genug, sich in den nächsten Flieger nach Afrika zu setzen, was sich ebenfalls gehörig mit dem zuvor Vernommenen beißt, war er doch eben angeblich noch völlig pleite, und so ein Flug ist ja nun bekanntlich nicht gratis (da er auch später nicht damit aufhört, mit vierstelligen Geldbeträgen um sich zu werfen, muss man sich fragen, ob Hewett eigentlich sein eigenes Skript gelesen hat). In Afrika angekommen, ist dann erstmal Zeit für ein bisschen Rassismus, wenn Remington seine Kontaktperson, die Amerikanerin April Adams, trifft, welche sich den ganzen Tag auf ihrer Veranda lümmelt und die Schwarzen herumscheucht, als befände man sich nicht etwa 1969 in einem afrikanischen Dorf sondern 200 Jahre früher auf einer Baumwollplantage in Virginia. Allerdings glauben auch nur Allernaivsten, dass man sich hier tatsächlich in Afrika gefindet; die kalifornischen Autokennzeichen sprechen zumindest deutlich dagegen. Und auch, was einem im Folgenden als afrikanischer Urwald verkauft werden soll, ist einfach nur ein stinknormaler Wald, wie man ihn in den USA an jeder zweiten Ecke findet.

Nun sind all diese Unzukömmlichkeiten aber gar nicht das eigentliche Problem MIGHTY GORGAs. Viel gravierender wiegt, dass offenbar niemand in der Lage war, die Geschichte filmisch sinnvoll zu erzählen. Als Beispiel sei das Gespräch dreier Personen auf der Veranda besagter Miss Adams genannt. Einer spricht, die Kamera klebt auf seinem Gesicht. Der nächste antwortet, die Kamera fängt wieder nur den sprechenden Kopf ein. Und bei jeder neuen Antwort ist es wieder das gleiche. Jeder starrt irgendwohin, nie scheinen sich Blicke zu treffen, sodass man als Betrachter bald gar nicht mehr weiß, wo man sich eigentlich gerade befindet. Ist dieses Beispiel noch relativ harmloser Natur, drehen die Synapsen dann endgültig durch, sobald die Effektaufnahmen beginnen. Einen Vorgeschmack bekommt man bereits bei der Aufnahme einer brennenden Hütte – ein offensichtliches Mini-Modell, das in einem merkwürdig falschen Verhältnis ins Bild kopiert wurde. Endgültig Feierabend ist allerdings, als das Suchteam während der Expedition von einem Saurier attackiert wird. Das „Monster“ würde selbst ein Fünfjähriger auf Anhieb als Plastikpuppe aus der Spielwarenabteilung identifizieren, und die Art und Weise, wie die zappelnde Attrappe mit dem Rest des Bildes kombiniert wurde, spottet jeder Beschreibung. Während die Charaktere mit ihren Gewehren nach rechts aus dem Bild feuern, hampelt die ungelenke Dino-Imitation irgendwo im Vordergrund herum, und absolut niemand, und sei er noch so bescheuert, würde jemals der Illusion erliegen, beide Objekte könnten tatsächlich eine Einheit darstellen.

Was folgt, ist ein unfassbarer Moment, in dem das Affenkostüm gegen die Plastikpuppe... nunja... „kämpft“ - was in der Praxis bedeutet, dass der Mann im Zottelfell (übrigens auch der Regisseur persönlich) seinen nahezu unbeweglichen Kunststoff-Kontrahenten einfach nur wild hin-und herschüttelt und dabei so tut, als könne dieser ihm tatsächlich irgendwie gefährlich werden. Als Zuschauer fällt man bei dieser Sequenz fast vom Glauben ab. Jedes Kasperletheater bietet bessere Spezial-Effekte. Ab diesem Zeitpunkt könnte nichts und niemand MIGHTY GORGA noch retten; jede Bereitschaft zur Akzeptanz dieser fremden (Film-)Welt wurde innerhalb dieser (eigentlich nur wenige Sekunden dauernden) Aufnahmen gnadenlos gekillt. Zu allem Überfluss offenbart sich gegen Ende auch noch ein weiteres Musterbeispiel erzählerischer Impotenz: Als sich die Helden in einer Höhle befinden, wo sie einen Schatz aus (reichlich modern aussehenden) Perlenketten finden, werden sie von einem weiteren Urvieh überrascht, animiert mittels etwas, das wohl mal Stop-Motion werden sollte (und vermutlich aus einem anderem Werk entliehen). Da hier perspektivisch abermals geschlampt wurde, weiß man gar nicht so recht, ob sich das Ungetüm nun eigentlich im Vorder- oder im Hintergrund befinden soll, was die Sinnesorgane bereits gehörig in Rotation bringt. Als es dann plötzlich heißt, dass nun ein Vulkan ausbreche (der freilich auch niemals zuvor erwähnt wurde), folgen komplett zusammenhanglose Aufnahmen von unterirdischen Lavamassen, Plastik-Skeletten, Feuer, Dinosaurier und rennenden Menschen. Dann ist der Spuk aus heiterem Himmel wieder vorbei, man befindet sich im Freien und der Vulkanausbruch hat sich scheinbar in Luft aufgelöst. Für ein normal funktionierendes Gehirn ist es schlichtweg unmöglich zu eruieren, was hier eigentlich gerade passiert sein soll. Das erinnert ein wenig an Ed Woods DIE RACHE DES WÜRGERS, in dessen Finale sich Bilder von einem lebenden Oktopus, einem künstlichen Oktopus, den sich Darsteller Bela Lugosi um den Hals wickelt, einem Blitz und einer Atombombenexplosion aneinanderreihen und man raten muss, was das alles zu bedeuten hatte – nur, dass man dort noch eher zu einer einigermaßen sinnvollen Entscheidung gelangen konnte als es bei MIGHTY GORGA der Fall ist.

MIGHTY GORGA ist ein Mysterium. Warum er überhaupt entstanden ist, ist bereits das erste große Rätsel. Um sich an ein bekannteres Projekt mit ähnlicher Thematik zu hängen, war man entweder zu früh dran (John Guillermins KING KONG-Neuverfilmung kam erst sechs Jahre später) oder zu spät (Ishirō Hondas DIE RÜCKKEHR DES KING KONG war bereits sieben Jahre her). Und nur, um das neu erworbene Affenkostüm doch noch für etwas anderes zu nutzen als den letzten Kindergeburtstag, ist der Rest dann doch wieder ein wenig zu aufwändig inszeniert. Auch die Darsteller sind eigentlich viel zu gut für solch eine Graupe, weswegen sie einem manchmal auch irgendwie aufrichtig leid tun. Zugestanden sei, dass der Abenteuerteil (obwohl hier eben eindeutig nicht durch den Dschungel, sondern durch amerikanische Waldlandschaften gestromert wird) trotz permanenter Ereignislosigkeit doch irgendwie Laune macht und man direkt Lust bekommt, sich mit längst verloren geglaubter kindlicher Begeisterung und Papas Brotmesser als Machetenersatz durch die Botanik zu pflügen, um ebenfalls Monster zu jagen. Klar, MIGHTY GORGA ist ne mächtige Gurke. Aber Gurken können ja auch viel Freude bereiten (das wird jede Nonne bestätigen). Im Grunde eignet sich Hewitts völlig missratener Mummenschanz hervorragend als Anschauungsobjekt an Filmhochschulen. Irgendwie ist es doch viel sinnvoller, alle Unzulänglichkeiten dieses amüsanten Affentheaters aufzudecken, als zum x-ten Male CITIZEN KANE durchzuanalysieren. Wer einen professionellen Film abliefern möchte, muss einfach alles haargenauso machen wie David L. Hewitt. Nur eben andersrum.

Laufzeit: 83 Min. / FSK: ab 12

Sonntag, 17. Februar 2019

ANGRIFF DER RIESENKRALLE

[THE GIANT CLAW][USA][1957]

Regie: Fred F. Sears
Darsteller: Jeff Morrow, Mara Corday, Morris Ankrum, Louis Merrill, Edgar Barrier, Robert Shayne, Frank Griffin, Clark Howat, Morgan Jones, George Cisar, Robert Williams

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist... Oh! Nein, halt, es ist doch ein Vogel. Aber was für einer!

„Datum: der 17. des Monats. Wetter: trübe, bedeckt. Zeit: 13.32 Uhr. Ein bedeutsamer Moment in der Menschheitsgeschichte. Der Moment, in dem ein Elektronikingenieur namens Mitch MacAfee etwas am Himmel entdeckte. Etwas, das beinahe der Anfang vom Ende allen Lebens auf dieser Erde war“, verkündet die für Billighorror der 50er Jahre typische neutrale Erzählstimme aus dem Off. Und sie hat sehr Recht. Ein bedeutsamer Moment in der Menschheitsgeschichte. Und ein noch bedeutsamerer für die Geschichte des unfreiwilligen Komik-Kinos. Denn obwohl ANGRIFF DER RIESENKRALLE im Prinzip ein stinknormaler Riesenmonsterstreifen ist, wie es ihn zu seiner Zeit zu Dutzenden gab, erarbeitete er sich im Laufe der Jahre den Ruf eines geradezu unfassbaren Lachschlagers und erspielte sich somit eine treue Fangemeinde, von deren Ausmaß die Macher zum Zeitpunkt des Entstehens höchstens träumen konnten. Aber der Reihe nach!

Mitch MacAfee [Jeff Morrow] arbeitet als Elektronikingenieur für die U. S. Air Force. Während eines Kalibrierungsfluges sichtet er eines Tages ein unbekanntes Flugobjekt. Über Funk alarmiert er das Militär, das sofort eine Fliegerstaffel losschickt. Diese jedoch kehrt unverrichteter Dinge zurück - es war schlicht nichts Außergewöhnliches auffindbar. Major Bergen [Clark Howat] hält Mitch für nen Kasper und macht ihn richtig rund („Wenn ich mit Ihnen fertig bin, Mr. Elektronikingenieur, werden Sie froh sein, wenn Sie noch irgendwo Lichtschalter putzen dürfen.“) Doch kaum ist die Standpauke vorüber, klingelt auch schon das Telefon. Ein Passagierflugzeug ist verschwunden – kurz nachdem der Pilot ein UFO gemeldet hatte. Zwar wird Mitch nun Glauben geschenkt, aber die Suche nach dem mysteriösen Objekt bleibt auch weiterhin erfolglos. Erst nach vielen weiteren Unglücksfällen entpuppt sich der Übeltäter als ein gigantischer Vogel vermutlich außerirdischen Ursprungs, dessen Schutzschild aus Antimaterie ihn unverwundbar macht. Verzweifelt suchen Wissenschaft und Militär nach einer Möglichkeit, das aggressive Großtier aufzuhalten, das mittlerweile New York erreicht hat, um dort ordentlich Schaden anzurichten.

Das alles folgt üblichen Mustern. Eine Bedrohung, die zunächst niemand ernstnimmt, gefolgt von bösem Erwachen, Hilflosigkeit im Angesicht der scheinbaren Übermacht, Tüfteleien, um der Katastrophe Herr zu werden, und nach mehreren Fehlschlägen schließlich Triumph von Technik, Forschung und schimmernder Wehr. Regisseur Fred F. Sears inszenierte mit ANGRIFF DER RIESENKRALLE eine handelsübliche Monsterfabel, die das für die Zeit typische Hohelied auf militärische Intervention anstimmt und deren außerirdische Bedrohung sich einmal mehr allzu leicht als Panikmache vor kommunistischen Umtrieben umdeuten lässt. Dabei zieht er sein Programm straff und überaus unterhaltsam durch und ist damit etlichen Mitbewerbern voraus, die trotz stets kurzer Laufzeit oft auch mit einer Menge Leerlauf zu kämpfen hatten. Auffallend ist hier auch der freundliche Grundton, der die Streitkraft wirken lässt wie einen fidelen Kegelverein. Man scherzt, man lacht, man schimpft zwar auch mal, verträgt sich aber auch gleich wieder. Es ist tatsächlich so, wie der einleitende Off-Kommentar verspricht: „Ein Elektronikingenieur, ein Radar-Offizier, eine Systemanalytikerin, ein Fluglotse und ein paar Zeichner. Menschen, die ihre Aufgabe erfüllen. Gut. Effizient. Mit Spaß bei der Sache. Ernsthaft bei der Arbeit.“

Der Grund für eine derart sympathische Zeichnung der Protagonisten liegt auf der Hand: ANGRIFF DER RIESENKRALLE sollte das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in die Landesverteidigung stärken, sollte suggerieren, dass hier gute Männer (und Frauen) am Werke sind, die etwaige Bedrohungen effektiv abwehren können. Nicht ohne Grund werden, noch bevor es überhaupt richtig losgeht, erst einmal die technischen Errungenschaften in den Fokus gerückt (obwohl diese in den folgenden 70 Minuten quasi überhaupt keine Rolle mehr spielen). Und auch das weibliche Personal darf hier deutlich mehr tun als den Kaffee zu servieren und ein besorgtes Gesicht zu machen. Die von Mara Corday [→ TARANTULAeinnehmend verkörperte Analytikerin Sally Caldwell mischt aktiv mit und bringt wichtige Geistesblitze ein, die zur Problemlösung beitragen – nicht schlecht in Anbetracht des vorsintflutlichen Frauenbildes der 50er Jahre. Dass ANGRIFF DER RIESENKRALLE seit seinem Erscheinen als mächtige Spaß-Granate gilt, liegt daher weder an einer mangelhaften Inszenierung, noch an der naiven Handlung (die sich ohnehin nicht unterscheidet von anderen Vertretern der damaligen Zunft). Der Grund dafür ist der Antagonist, die 'Riesenkralle', der außerirdische Monstervogel, der so sagenhaft bescheuert aussieht, dass es einem schier die Schuhe auszieht.

Obwohl ursprünglich angedacht war, das Untier per Stop-Motion-Technik von Effekt-Pionier Ray Harryhausen entstehen zu lassen, entschied man sich (sicherlich aus Kostengründen) dann doch für eine Attrappe, die man bei einem Puppenbauern in Mexiko anfertigen ließ. Ob die Entscheidung, den Entwurf dann tatsächlich abzunehmen und auch zu verwenden, aufgrund von Zeitnot oder Inkompetenz erfolgte, lässt sich nicht genau sagen. Fest steht: Das Monstermodell hätte rein realistisch betrachtet niemals Verwendung finden dürfen, wollte man sich nicht vollends der Lächerlichkeit preisgeben. Doch zum Glück betrachtete man die Sache damals unrealistisch und schenkte der Filmwelt somit eine der wohl schrägsten Kreaturen, die jemals erschaffen wurden. Die 'Riesenkralle' sieht aus wie eine wilde Mixtur aus Geier und Truthahn, inklusive dämlicher Glubschaugen, unpraktischem Giraffenhals und schriller, stets auf halb Acht hängender Punk-Frisur. Das Vieh wirkt, als habe es die letzte Nacht durchgezecht, sei dann um 8 Uhr in der Früh vom Postboten geweckt worden und müsse nun jeden Augenblick kotzen, weswegen es hochgradig angepisst alles kaputtschlägt, was ihm in die Quere kommt. Nun konnte man den Leuten in den 50er Jahren noch deutlich mehr Unfug auftischen als nur wenige Jahrzehnte danach und vieles aus der Zeit wirkt selbst bei eigentlich guter Machart aus moderner Sicht ein wenig albern. Die 'Riesenkralle' jedoch sorgte auf Anhieb für allgemeine Heiterkeit – laut Cast und Crew brach das Premierenpublikum beim ersten Erscheinen des fiesen Federviehs in schallendes Gelächter aus und hörte bis zum Schluss auch nicht mehr damit auf.

Vielleicht stimmt die Legende, dass Hauptdarsteller Jeff Morrow das Monster bei der Premiere selbst erstmals zu Gesicht bekam und daraufhin den Saal vor lauter Scham noch während der Vorstellung verließ (falls ja, hat er sich allerdings schnell wieder erholt, immerhin trat er 1971 gegen den OCTAMAN an – ein weiteres unfassbar beknacktes Ungetüm, abermals mexikanischen Ursprungs). Tatsächlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass Trick- und Realaufnahmen getrennt aufgenommen und erst später kombiniert wurden. Das würde auch die Diskrepanz zwischen den albernen Monsterszenen und dem restlichen Material erklären. Morrow und Konsorten agieren nämlich sehr anständig und wirken keineswegs so, als sei ihnen bewusst, durch was für eine Unfassbarkeit sie hier eigentlich stolpern. Dass die Dialoge dabei genregerecht wissenschaftlichen Nonsens der Extraklasse verbreiten, macht die Sache freilich noch mal um einiges amüsanter. "Dieser Vogel ist extraterrestrisch, vielleicht sogar extragalaktisch. Er kommt aus einer gottverlassenen Antimaterien-Galaxis Millionen, Abermillionen Lichtjahre von uns entfernt. Das müssen wir aus den Beweisen folgern“, verkündet ein Wissenschaftler da mit bierernster Miene und guckt dabei maximal betroffen aus der Wäsche. Zu diesen eindeutig versehentlich humoristischen Aussprüchen – so viel sei zugestanden - gesellen sich allerdings auch welche, die gewollt amüsant und durchaus pointiert sind. So erinnern die verbalen Kabbeleien zwischen männlicher und weiblicher Hauptrolle an amerikanische Screwball-Komödien, was gut funktioniert. Und als einer der Piloten Jagd auf den Vogel macht, ruft er über Funk: „Jetzt kann ich meine Schwiegermutter nie wieder 'Hässlicher Vogel' nennen.“

Abseits des verunglückten Riesenkrallen-Designs sind auch die restlichen Trickeffekte insgesamt eher unterdurchschnittlicher Natur. Zwar spricht alles immer bestürzt davon, wie unfassbar viel Schaden das Monster in New York anrichtet, wirklich viel sehen jedoch tut man nicht davon. Sicher, ANGRIFF DER RIESENKRALLE ist eine Billig-Produktion, aber wenn man bedenkt, wie viel effektive Destruktion der japanische GODZILLA bei seinem ersten Auftritt bereits drei Jahre zuvor mit ähnlichen Mitteln angerichtet hat, ist das Gebotene doch sehr bescheiden. Da man die Zerstörungssequenzen auch noch mit Material aus früheren Katastrophenfilmen anreicherte, ergibt das zudem jede Menge Anschlussfehler. In der einzigen etwas imposanteren Szene hockt der Supervogel auf dem UN-Gebäude, um es im Anschluss in gewohnt schlechter Laune mit einem beherzten Schnabelhieb in Stücke zu hacken. Ansonsten schnappt er hauptsächlich Fallschirmspringer-Püppchen vom Himmel und klaubt eine Modelleisenbahn wie eine Wiener-Würstchen-Kette vom Schienenstrang. Auch über die Ausmaße der Kreatur hat man sich keine großen Gedanken gemacht. Mal passt gerade mal ein Mensch in deren Schnabel, später dann plötzlich doch ein ganzes Flugzeug. Aber das schert zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon längst niemanden mehr. ANGRIFF DER RIESENKRALLE ist ein Fest für Freunde des fröhlichen filmischen Unfugs, und man muss den Machern Dank sagen für die Traute, die bizarre Kreation durchgewunken zu haben. Der garstige Gummi-Geier wird garantiert noch Generationen beeindrucken.

Laufzeit: 74 Min. / FSK: ab 12

Samstag, 9. Februar 2019

MASSAKER IN KLASSE 13

[MASSACRE AT CENTRAL HIGH][USA][1976]

Regie: Rene Daalder
Darsteller: Derrel Maury, Andrew Stevens, Ray Underwood, Robert Carradine, Kimberly Beck, Steve Bond, Rex Steven Sikes, Lani O'Grady, Damon Douglas, Dennis Kort, Cheryl Smith

Pass dich an, dann geht’s dir hier gut.“

David [Derrel Maury] ist neu auf der Central High. Die Freude, seinen Jugendfreund Mark [Andrew Stevens] wiederzutreffen, ist allerdings schnell verflogen, gibt sich dieser doch seltsam reserviert. Aber auch viele weitere Mitschüler verhalten sich merkwürdig, wirken unsicher und verschüchtert. Bald wird David klar, was hier Sache ist: Die Central High wird kontrolliert von der Gang des herrschsüchtigen Bruce [Ray Underwood], die es bestens versteht, den Rest der Schülerschaft zu schikanieren. Mark, mittlerweile selbst Mitglied dieser Terrorbande, ist nun hin- und hergerissen zwischen Loyalität zur Gang und Verbundenheit mit seinem alten Freund. Er rät David, sich ruhig zu verhalten und die Machtverhältnisse nicht anzuzweifeln. Doch als dieser sich die Freiheit herausnimmt, eine Vergewaltigung zu verhindern, schlagen Bruce & Co. mit aller Härte zurück - David landet im Krankenhaus. Sein Bein ist zwar gebrochen, nicht jedoch sein Kampfgeist. Nach Entlassung wandelt sich das ehemalige Opfer zum humpelnden Rachegespenst. In Folge erschüttern mehrere bizarre Todesfälle die Central High - und die Gang um Bruce wird immer kleiner und kleiner...

Die Schulzeit wird auf der Leinwand meist arg verklärt dargestellt. Glaubt man dem Kino, so scheint die Schule in erster Linie ein heiterer Ort zu sein, mit lustigen Typen, attraktiven Frauen und jeder Menge Spaß und Party. In der Realität allgegenwärtige Themen wie Leistungsdruck, Gruppenzwang oder Mobbing hingegen werden in der Regel ausgeklammert. Das vom gebürtigen Holländer Rene Daalder geskriptete und inszenierte MASSAKER IN KLASSE 13 schickt sich an, zumindest ein paar dieser Defizite auszugleichen. Seinem martialischen Titel wird das Geschehen dennoch nicht gerecht, weswegen begeisterte Blutbauern ihre Hosen auch gleich wieder schließen dürfen. Auf knatternde Kettensägen, fliegende Körperteile und jedwedes Gesudel hofft man hier vergebens. Stattdessen wird man Zeuge eines mit sarkastischen Spitzen gewürzten Sozialdramas im Jugend-/Teenie-Milieu, das mit ein paar (zum Teil herrlich perfiden) Mordmomenten angereichert wurde. Die Methoden, die Protagonist David anwendet, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen, strapazieren zwar massiv die Glaubwürdigkeit, sind aber gleichzeitig so wunderbar verschlagen, dass man sich eines breiten Grinsens kaum erwehren kann. Der beherzte Sprung ins leere Schwimmbecken ist sogar ein waschechter Brüller und gereicht jedem Cartoon zur Ehre.

Trotz Blutarmut und Verzicht auf ausgespielte Spannungsszenarien nimmt MASSAKER IN KLASSE 13 dabei bereits einige Elemente des typischen Teenie-Slashers vorweg, eines Genres, das erst wenige Jahre später zu voller Blüte kommen und ganze Heerscharen mysteriöser Meuchler auf die arme amerikanische Jugend loslassen sollte. Doch obwohl es fraglos das Hauptanliegen gewesen dürfte, das Publikum mit ein paar reißerischen Effekten zu unterhalten, ist das Skript doch clever genug, einen weder weit hergeholten noch uninteressenten Blick auf gesellschaftliche Phänomene zu werfen. So entwickeln sich die Ereignisse nämlich doch ein wenig anders, als man es zunächst erwarten würde, sind doch die vermeintlichen Hauptantagonisten bereits nach relativ kurzer Dauer ausradiert. Bei der Mehrheit vergleichbarer Werke läutet das in der Regel den Abspann ein. Hier jedoch herrscht nun nicht etwa Friede, Freude, Eierkuchen. Die einstigen Mobbingopfer genießen ihre neu gewonnene Freiheit so sehr, dass sie arrogant werden und selbst damit beginnen, Schwächere in ihrer Umgebung zu drangsalieren. Es beginnt ein Kampf um die neue Vorherrschaft an der Schule. Eine neue Hackordnung entsteht, welche der alten in nichts nachsteht. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. David sieht sich gezwungen, seinen Tötungsmarathon fortzusetzen – eine Gewaltspirale also, die niemals enden kann.

Ebenso wie die Machtverhältnisse sich verschieben, ändern sich damit einhergehend auch die Sympathieträger. Hielt man anfangs noch eindeutig zu David, der den Laden als einsamer Racheengel mal so richtig durchputzte, schlägt man sich im weiteren Verlaufe plötzlich auf die Seite von dessen Kumpel Mark, der zu Beginn noch so verachtenswert mitläuferisch und feige blieb, während David sich langsam, aber stetig zum Psychopathen entwickelt, der als eine Art Mini-MacGyver mit Bombe im Gepäck und Trauma im Kopf zur größten Gefahr wird. Der einstige Held wandelt sich somit zum Bösewicht. Dieser kritische Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und Eigenarten ist der eigentliche Clou der Erzählung. Ebenso wie in der realen Welt gibt es auch hier keine eindeutig guten oder bösen Menschen; alles bedingt sich und steht in Wechselwirkung zueinander. Je nach Situation und Umstand können aus Opfern Täter werden, aus Helden Schurken oder aus Feiglingen Lebensretter. Gut und Böse sind also relativ. Böses gewaltsam ausmerzen zu wollen, wäre demnach sinnlos. Zum einen, weil man sich damit selbst auf die böse Seite begibt, zum anderen, weil bereits der nächste Schurke darauf wartet, den freien Platz einzunehmen.

Solch zart philosophische Sprengsel machen MASSAKER IN KLASSE 13 zwar interessanter als den Durchschnitt, aber freilich noch lang nicht zum gewieften Intellektuellenstück. Dafür ist die ganze Schose dann doch eine Spur zu plump und auf Radau gebürstet. Die formalen und inhaltlichen Schwächen des Werks sind zahlreich und kaum zu übersehen. Das beginnt damit, dass die Gang um Bruce tatsächlich ziemlich armselig ist und niemals so wirkt, als ginge von ihr eine ernsthafte Gefahr aus. Eigentlich ist es nicht mal eine richtige Gang, sondern lediglich ein aus vier, fünf Leuten bestehender Haufen reichlich ungezogener Rüpel, denen eine zünftige Schelle bereits den Kompass richten könnte. Immer wieder wird zudem erwähnt, dass Mark bei David aufgrund vergangener Ereignisse in der Schuld stünde, ohne dass jemals erklärt würde, worin diese denn nun eigentlich besteht. Auch die Inszenierung wirkt ein wenig eigentümlich-verschroben. Das beginnt bereits beim Vorspann, in dem Protagonist David Strand und Straße entlangjoggt, musikalisch untermalt von einer Schnulze, die man eher in einem Liebesdrama vermuten würde, und mehrfach unterbrochen von kurzen Szenen, die erst im weiteren Verlaufe folgen werden (Explosionen, Schlägereien, Gefummel am Kamin). Das ist schon eine etwas seltsame Art und Weise der Eröffnung.

Die größte Merkwürdigkeit allerdings besteht darin, dass hier außer den (zumindest behauptet) jugendlichen Hauptfiguren niemand sonst zu existieren scheint. Bei einer Schule als Schauplatz sollte man ja meinen, dass ab und an mal ein Lehrkörper, Hausmeister oder sonst irgendein erwachsenes Personal auftaucht. Aber das ist nicht der Fall. Auf den Gängen tummeln sich ausschließlich Schüler, die zudem immer Pause zu haben scheinen - man sieht keine einzige Unterrichtsstunde (da es offensichtlich eben keine Lehrer gibt). In Klassenzimmer, Schwimmbad oder Sporthalle beschäftigen sich die Heranwachsenden stets allein und ohne Aufsicht. Nun mag man sich einreden, Daalder wolle sich eben voll und ganz auf Konflikte und Seelenleben seiner adoleszenten Hauptfiguren beschränken. Aber auch außerhalb des Schultrakts scheint die Welt wie leergefegt. Wenn sich die Jugendlichen im Park lümmeln, dann sind sie die einzigen Menschen dort. Elternteile existieren ebensowenig wie die Polizei, die bei dieser extremen Anhäufung obskurer Todesfälle früher oder später zwangsläufig auf den Plan treten müsste. Das wirkt auf Dauer dermaßen absurd, dass es schon fast post-apokalyptisches Flair verbreitet: MASSAKER IN KLASSE 13 scheint in einer Welt zu spielen, in der alle Erwachsenen vom Erdball getilgt wurden. Wo bei MAD MAX & Co. nur die Rockerbanden das infernale Feuer überlebt haben, waren es hier eben die Pennäler.

Das ändert sich erst im Finale, das aber nicht weniger abstrus anmutet. Wie aus heiterem Himmel findet hier nämlich ein Schulball statt, der niemals zuvor angekündigt wurde, der aber dennoch plötzlich einfach da ist und von dem auch alle zu wissen scheinen. 'Student Alumni Prom' steht auf dem Plakat, tatsächlich aber erinnert die Veranstaltung an Tanztee im Altenheim. So erstaunt man ist, hier mit einem Male Figuren anzutreffen, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, desto erstaunter ist man, wenn einem klar wird, dass diese alle um die 80 sind. Ohnehin ist bis zum Schluss auch überhaupt nicht ersichtlich, wo man sich hier eigentlich die ganze Zeit befindet: Der Originaltitel behauptet eine Highschool, die deutsche Synchronisation spricht von einem College (was de facto nicht das Gleiche ist). Gebäudearchitektur (nebst angeschlossener Riesen-Bibliothek) und Alter der Protagonisten lassen hingegen eher auf eine Universität schließen (was einem College immerhin am ähnlichsten wäre). Der deutsche Titel sorgt für zusätzliche Verwirrung, denn eine Klasse 13 gibt es hier schlicht und ergreifend nicht (ebensowenig wie eine Klasse 12 oder gar 14). Es ist Fakt: MASSAKER IN KLASSE 13 bleibt in vielerlei Hinsicht nebulös. Eindeutig allerdings ist, dass das Treiben trotzdem tüchtig Stimmung in die Bude bringt. Die Ereignisse sind durchgehend spannend, man erlaubt sich keine Hänger und David beim Rabaukenpauken zuzusehen, ist eine kleine innere Freude. Das Klassenziel erreicht diese leicht obskur angehauchte Mixtur aus Früh-Slasher, Selbstjustiz-Posse und Jugend-Drama daher mit einer guten 3+. Setzen, weitermachen!

Laufzeit: 84 Min. / FSK: ab 18