Samstag, 9. Februar 2019

MASSAKER IN KLASSE 13

[MASSACRE AT CENTRAL HIGH][USA][1976]

Regie: Rene Daalder
Darsteller: Derrel Maury, Andrew Stevens, Ray Underwood, Robert Carradine, Kimberly Beck, Steve Bond, Rex Steven Sikes, Lani O'Grady, Damon Douglas, Dennis Kort, Cheryl Smith

Pass dich an, dann geht’s dir hier gut.“

David [Derrel Maury] ist neu auf der Central High. Die Freude, seinen Jugendfreund Mark [Andrew Stevens] wiederzutreffen, ist allerdings schnell verflogen, gibt sich dieser doch seltsam reserviert. Aber auch viele weitere Mitschüler verhalten sich merkwürdig, wirken unsicher und verschüchtert. Bald wird David klar, was hier Sache ist: Die Central High wird kontrolliert von der Gang des herrschsüchtigen Bruce [Ray Underwood], die es bestens versteht, den Rest der Schülerschaft zu schikanieren. Mark, mittlerweile selbst Mitglied dieser Terrorbande, ist nun hin- und hergerissen zwischen Loyalität zur Gang und Verbundenheit mit seinem alten Freund. Er rät David, sich ruhig zu verhalten und die Machtverhältnisse nicht anzuzweifeln. Doch als dieser sich die Freiheit herausnimmt, eine Vergewaltigung zu verhindern, schlagen Bruce & Co. mit aller Härte zurück - David landet im Krankenhaus. Sein Bein ist zwar gebrochen, nicht jedoch sein Kampfgeist. Nach Entlassung wandelt sich das ehemalige Opfer zum humpelnden Rachegespenst. In Folge erschüttern mehrere bizarre Todesfälle die Central High - und die Gang um Bruce wird immer kleiner und kleiner...

Die Schulzeit wird auf der Leinwand meist arg verklärt dargestellt. Glaubt man dem Kino, so scheint die Schule in erster Linie ein heiterer Ort zu sein, mit lustigen Typen, attraktiven Frauen und jeder Menge Spaß und Party. In der Realität allgegenwärtige Themen wie Leistungsdruck, Gruppenzwang oder Mobbing hingegen werden in der Regel ausgeklammert. Das vom gebürtigen Holländer Rene Daalder geskriptete und inszenierte MASSAKER IN KLASSE 13 schickt sich an, zumindest ein paar dieser Defizite auszugleichen. Seinem martialischen Titel wird das Geschehen dennoch nicht gerecht, weswegen begeisterte Blutbauern ihre Hosen auch gleich wieder schließen dürfen. Auf knatternde Kettensägen, fliegende Körperteile und jedwedes Gesudel hofft man hier vergebens. Stattdessen wird man Zeuge eines mit sarkastischen Spitzen gewürzten Sozialdramas im Jugend-/Teenie-Milieu, das mit ein paar (zum Teil herrlich perfiden) Mordmomenten angereichert wurde. Die Methoden, die Protagonist David anwendet, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen, strapazieren zwar massiv die Glaubwürdigkeit, sind aber gleichzeitig so wunderbar verschlagen, dass man sich eines breiten Grinsens kaum erwehren kann. Der beherzte Sprung ins leere Schwimmbecken ist sogar ein waschechter Brüller und gereicht jedem Cartoon zur Ehre.

Trotz Blutarmut und Verzicht auf ausgespielte Spannungsszenarien nimmt MASSAKER IN KLASSE 13 dabei bereits einige Elemente des typischen Teenie-Slashers vorweg, eines Genres, das erst wenige Jahre später zu voller Blüte kommen und ganze Heerscharen mysteriöser Meuchler auf die arme amerikanische Jugend loslassen sollte. Doch obwohl es fraglos das Hauptanliegen gewesen dürfte, das Publikum mit ein paar reißerischen Effekten zu unterhalten, ist das Skript doch clever genug, einen weder weit hergeholten noch uninteressenten Blick auf gesellschaftliche Phänomene zu werfen. So entwickeln sich die Ereignisse nämlich doch ein wenig anders, als man es zunächst erwarten würde, sind doch die vermeintlichen Hauptantagonisten bereits nach relativ kurzer Dauer ausradiert. Bei der Mehrheit vergleichbarer Werke läutet das in der Regel den Abspann ein. Hier jedoch herrscht nun nicht etwa Friede, Freude, Eierkuchen. Die einstigen Mobbingopfer genießen ihre neu gewonnene Freiheit so sehr, dass sie arrogant werden und selbst damit beginnen, Schwächere in ihrer Umgebung zu drangsalieren. Es beginnt ein Kampf um die neue Vorherrschaft an der Schule. Eine neue Hackordnung entsteht, welche der alten in nichts nachsteht. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. David sieht sich gezwungen, seinen Tötungsmarathon fortzusetzen – eine Gewaltspirale also, die niemals enden kann.

Ebenso wie die Machtverhältnisse sich verschieben, ändern sich damit einhergehend auch die Sympathieträger. Hielt man anfangs noch eindeutig zu David, der den Laden als einsamer Racheengel mal so richtig durchputzte, schlägt man sich im weiteren Verlaufe plötzlich auf die Seite von dessen Kumpel Mark, der zu Beginn noch so verachtenswert mitläuferisch und feige blieb, während David sich langsam, aber stetig zum Psychopathen entwickelt, der als eine Art Mini-MacGyver mit Bombe im Gepäck und Trauma im Kopf zur größten Gefahr wird. Der einstige Held wandelt sich somit zum Bösewicht. Dieser kritische Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und Eigenarten ist der eigentliche Clou der Erzählung. Ebenso wie in der realen Welt gibt es auch hier keine eindeutig guten oder bösen Menschen; alles bedingt sich und steht in Wechselwirkung zueinander. Je nach Situation und Umstand können aus Opfern Täter werden, aus Helden Schurken oder aus Feiglingen Lebensretter. Gut und Böse sind also relativ. Böses gewaltsam ausmerzen zu wollen, wäre demnach sinnlos. Zum einen, weil man sich damit selbst auf die böse Seite begibt, zum anderen, weil bereits der nächste Schurke darauf wartet, den freien Platz einzunehmen.

Solch zart philosophische Sprengsel machen MASSAKER IN KLASSE 13 zwar interessanter als den Durchschnitt, aber freilich noch lang nicht zum gewieften Intellektuellenstück. Dafür ist die ganze Schose dann doch eine Spur zu plump und auf Radau gebürstet. Die formalen und inhaltlichen Schwächen des Werks sind zahlreich und kaum zu übersehen. Das beginnt damit, dass die Gang um Bruce tatsächlich ziemlich armselig ist und niemals so wirkt, als ginge von ihr eine ernsthafte Gefahr aus. Eigentlich ist es nicht mal eine richtige Gang, sondern lediglich ein aus vier, fünf Leuten bestehender Haufen reichlich ungezogener Rüpel, denen eine zünftige Schelle bereits den Kompass richten könnte. Immer wieder wird zudem erwähnt, dass Mark bei David aufgrund vergangener Ereignisse in der Schuld stünde, ohne dass jemals erklärt würde, worin diese denn nun eigentlich besteht. Auch die Inszenierung wirkt ein wenig eigentümlich-verschroben. Das beginnt bereits beim Vorspann, in dem Protagonist David Strand und Straße entlangjoggt, musikalisch untermalt von einer Schnulze, die man eher in einem Liebesdrama vermuten würde, und mehrfach unterbrochen von kurzen Szenen, die erst im weiteren Verlaufe folgen werden (Explosionen, Schlägereien, Gefummel am Kamin). Das ist schon eine etwas seltsame Art und Weise der Eröffnung.

Die größte Merkwürdigkeit allerdings besteht darin, dass hier außer den (zumindest behauptet) jugendlichen Hauptfiguren niemand sonst zu existieren scheint. Bei einer Schule als Schauplatz sollte man ja meinen, dass ab und an mal ein Lehrkörper, Hausmeister oder sonst irgendein erwachsenes Personal auftaucht. Aber das ist nicht der Fall. Auf den Gängen tummeln sich ausschließlich Schüler, die zudem immer Pause zu haben scheinen - man sieht keine einzige Unterrichtsstunde (da es offensichtlich eben keine Lehrer gibt). In Klassenzimmer, Schwimmbad oder Sporthalle beschäftigen sich die Heranwachsenden stets allein und ohne Aufsicht. Nun mag man sich einreden, Daalder wolle sich eben voll und ganz auf Konflikte und Seelenleben seiner adoleszenten Hauptfiguren beschränken. Aber auch außerhalb des Schultrakts scheint die Welt wie leergefegt. Wenn sich die Jugendlichen im Park lümmeln, dann sind sie die einzigen Menschen dort. Elternteile existieren ebensowenig wie die Polizei, die bei dieser extremen Anhäufung obskurer Todesfälle früher oder später zwangsläufig auf den Plan treten müsste. Das wirkt auf Dauer dermaßen absurd, dass es schon fast post-apokalyptisches Flair verbreitet: MASSAKER IN KLASSE 13 scheint in einer Welt zu spielen, in der alle Erwachsenen vom Erdball getilgt wurden. Wo bei MAD MAX & Co. nur die Rockerbanden das infernale Feuer überlebt haben, waren es hier eben die Pennäler.

Das ändert sich erst im Finale, das aber nicht weniger abstrus anmutet. Wie aus heiterem Himmel findet hier nämlich ein Schulball statt, der niemals zuvor angekündigt wurde, der aber dennoch plötzlich einfach da ist und von dem auch alle zu wissen scheinen. 'Student Alumni Prom' steht auf dem Plakat, tatsächlich aber erinnert die Veranstaltung an Tanztee im Altenheim. So erstaunt man ist, hier mit einem Male Figuren anzutreffen, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, desto erstaunter ist man, wenn einem klar wird, dass diese alle um die 80 sind. Ohnehin ist bis zum Schluss auch überhaupt nicht ersichtlich, wo man sich hier eigentlich die ganze Zeit befindet: Der Originaltitel behauptet eine Highschool, die deutsche Synchronisation spricht von einem College (was de facto nicht das Gleiche ist). Gebäudearchitektur (nebst angeschlossener Riesen-Bibliothek) und Alter der Protagonisten lassen hingegen eher auf eine Universität schließen (was einem College immerhin am ähnlichsten wäre). Der deutsche Titel sorgt für zusätzliche Verwirrung, denn eine Klasse 13 gibt es hier schlicht und ergreifend nicht (ebensowenig wie eine Klasse 12 oder gar 14). Es ist Fakt: MASSAKER IN KLASSE 13 bleibt in vielerlei Hinsicht nebulös. Eindeutig allerdings ist, dass das Treiben trotzdem tüchtig Stimmung in die Bude bringt. Die Ereignisse sind durchgehend spannend, man erlaubt sich keine Hänger und David beim Rabaukenpauken zuzusehen, ist eine kleine innere Freude. Das Klassenziel erreicht diese leicht obskur angehauchte Mixtur aus Früh-Slasher, Selbstjustiz-Posse und Jugend-Drama daher mit einer guten 3+. Setzen, weitermachen!

Laufzeit: 84 Min. / FSK: ab 18

Samstag, 26. Januar 2019

COMMANDO NINJA

[FR][2018]

Regie: Benjamin Combes
Darsteller: Eric Carlesi, Philippe Allier, Stéphane Asensio, Olivier Dobremel, Thémann Fagour, Cécile Fargues, Thyra Hann Phonephet, Charlotte Poncin, Anaëlle Rincent

"Seine Handlanger sind Ninjas." - "Verdammt, schon wieder diese Wichser!"

Seine Tage als wilder Kämpfer hat John Hunter [Eric Carlesi] nach Ende des Vietnamkrieges hinter sich gelassen. Nun lebt er friedlich in einer abgeschiedenen Hütte in den Wäldern Kanadas, zerhackt Baumstämme per Schwerthieb und lässt den Lieben Gott nen guten Mann sein. Mit der Ruhe ist es jedoch schlagartig vorbei, als sein alter Kriegskumpan Leeroy Hopkins [Philippe Allier] bei ihm auf dem Rasen steht und sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht überbringt. Die gute: Johns Ex-Frau wurde kalt gemacht. Die schlechte: Der Killer hat außerdem auch Johns kleine Tochter entführt. Ob dieser Information schaltet der beinharte Ex-Soldat umgehend wieder in den Kampfmodus und heftet sich ohne großen Federlesens an die Fersen des Drahtziehers der ganzen Angelegenheit - die des ruchlosen Waffendealers Oleg Kinsky [Olivier Dobremel]. Dieser haust auf seinem Anwesen in Zentralamerika und lässt sich Leib und Leben durch eine ganze Horde Ninjas schützen. Gottlob besinnt sich John seiner Tage in Kriegsgefangenschaft, als er von Colonel Yin [Thyra Hann Phonephet] in die Geheimnisse der Ninja-Kampfkunst eingeweiht wurde. Derart geschult richtet John unter Olegs Mannen ein zünftiges Blutbad an, das kaum einer an einem Stück überlebt. Bevor er jedoch seine Tochter wieder in die muskulösen Arme schließen kann, muss er sich noch einem viel stärkeren Gegner stellen: einem mysteriösen Super-Ninja, der sich bei Bedarf unsichtbar machen kann und scheinbar übernatürliche Kräfte besitzt.

Wer nicht genau hinsieht, der könnte den Gag glatt verpassen. Das schweiß- und blutgetränkte Brutalo-Opus COMMANDO NINJA scheint nämlich auf den ersten Blick unverkennbar dem tiefsten 80er-Jahre-Sumpf entsprungen und somit Kind einer Zeit zu sein, in welcher Arnold Schwarzenegger der ungekrönte Action-König war und raubeinige Leinwand-Helden Konflikte noch mit gezückter Panzerfaust aus der Welt schafften. Tatsächlich aber entstand dieser so altmodisch anmutende cineastische Amoklauf erst 2018, nachdem der bis dahin in Sachen Regie fast unbefleckte Franzose Benjamin Combes beschloss, dass es an der Zeit sei für eine Ehrerbietung an das zum Teil hemmungslos beknackte Krawall-Kino vergangener Tage. Mittels einer Handvoll Euro und viel Wochenendfreizeit entstand so eine zunächst 45-minütige Retro-Sause, die dem Initiator aber immer noch nicht ausreichte. Mit dem bereits vorhandenen Material als respektable Visitenkarte warb er daher online bei Fans und Freunden in aller Welt um weitere Gelder und brachte auf diese Weise genug Barschaft zusammen, um den Otto dann doch noch so richtig von der Kette lassen zu können. Zwar dauert die finale Version letzten Endes dann doch nur etwas länger als eine Stunde, aber die hat es dafür auch in sich. Denn für Action-Fanatiker der alten Schule ist COMMANDO NINJA nicht weniger als ein kleines Fest.

Fast wirkt es, als habe man tatsächlich beim Ausschlachten einer antiken Videothek die verstaubte VHS-Kassette eines längst vergessenen B-Krachers entdeckt, der jahrzehntelang vor sich hinmoderte, um erst Dekaden später wieder ein Publikum beglücken zu dürfen. Dabei sind es entgegen dem Titel gar nicht so sehr die unzähligen Ninja-Heuler, die hier genussvoll durch den Nostalgie-Fleischwolf gedreht werden. Die erste Hälfte orientiert sich stattdessen primär an Arnold Schwarzeneggers tollkühner Tochter-Rettungsaktion aus PHANTOM-KOMMANDO. Das verwundert kaum, gilt Mark L. Lesters ruppiger Gassenhauer doch quasi als eine Art Prototyp des doof-lustigen 80er-Jahre-Spektakels. Der überwiegende Rest COMMANDO NINJAs zollt dann dem philippinischen Vietnam-Vehikel Tribut und lässt angestrengt cool dreinglotzende Mega-Machos in Kampfmontur und mit lässig ins Gesicht gesteckter Zigarre durch sumpfige Dschungellandschaften stapfen, um sich mit plötzlich aus dem Gesträuch springenden Unholden fetzige Feuergefechte zu liefern (wobei auch durchaus mal ein Arm verlustig geht – was den Angeschossenen natürlich nicht davon abhält, weiterhin wild blutend um sich zu ballern).

Die Anzahl der (vor allem visuellen) Zitate ist dabei enorm hoch. Bereits nach wenigen Sekunden wähnt man sich beim PREDATOR (ebenfalls mit Arnold Schwarzenegger), wenn die durch das Dickicht schleichenden Soldaten visuell entfremdet aus der Sicht eines schnaufenden Untiers präsentiert werden. Die unvermeidliche Trainingsmontage zur Halbzeit gemahnt überdeutlich an Jean-Claude van Dammes Blutgrätschen-Blockbuster BLOODSPORT und KICKBOXER. Und natürlich bekommt bei einer Publikation diesen Titels auch Trash-Ikone Godfrey Ho, der für die zweifelsfrei schrottigsten Ninja-Streifen der Geschichte verantwortlich war, sein Fett weg: So telefoniert der Oberschurke mit dem legendären Garfield-Telefon aus NINJA TERMINATOR, einer der feindlichen Ninjas trägt den markanten Schnauzbart von Hos Lieblings-Darsteller Richard Harrison spazieren, und als Hauptprotagonist John Hunter einen seiner Feinde per Raketenbeschuss zur Hölle schickt, verwandelt sich dieser kurz vor der Explosion in einen notdürftig behangenen Kleiderständer, so wie es bereits bei Hos zusammengestümpertem Kokolores-Knaller ROBO VAMPIRE der Fall war.

Gigantische Bizepse, knackige Frauenkörper, Gegner, die dem Helden bereitwillig ins Feuer laufen und sich brav der Reihe nach aufstellen, um erschossen werden... Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit gelingt es Autor und Regisseur Combes, Stil und Stimmung früherer Zeiten zu imitieren, ohne dabei plump oder anbiedernd zu wirken. Das funktioniert deswegen so gut, weil sich seine Hommage nicht etwa über die Originale erhebt, sondern sie schlicht und ergreifend einfach feiert. Combes hat erkannt, dass es unsinnig wäre, sich über die Vorlagen lustig zu machen, da sich diese mit ihren schlechten Effekten und teils sagenhaft dummen Sprüchen stets selbst schon gefährlich nah an der Selbstpersiflage bewegten. Natürlich lacht man, wenn John Hunter einen einzigen Wurfstern schleudert und damit gleich zwei (weit voneinander entfernt stehende) Gegner auf einmal in die ewigen Jagdgründe schickt oder sich ein von Kugeln durchsiebter Kontrahent beim Sturz vom Dach urplötzlich und gut sichtbar in eine stocksteife Schaufensterpuppe verwandelt. Aber ist diese Komik eben einfach das Resultat einer nahezu perfekten Reproduktion. Combes übertreibt es lediglich dezent an den richtigen Stellen und inszeniert den Rest überraschend konventionell, so dass COMMANDO NINJA über weite Strecken nicht einmal so wirkt, als sei er dem Genre der Komödie zugehörig. Auch deswegen wirken Dinge wie die sonderbar-sinnlose Sequenz, in welcher die Helden im Dschungel von Laos „kommunistische Raptoren“ jagen, oder der noch kurz vor Schluss eingeführte Science-Fiction-Einschlag nicht nur fehl am Platze, sondern sogar regelrecht ärgerlich.

Die Gewaltdarstellung ist zwar extrem, aber immer deutlich sichtbar als billiger Jahrmarktstrick zu entlarven, und die aus dem japanischen Kino entliehenen Blutfontänen verführen auch eher zum Lach- denn zum Herzanfall. Digitale Unterstützung holte sich Combes nur im Ausnahmefall und für Sekundenbruchteile; die Mehrheit der Effekte entstand in Handarbeit. Interessant ist der Umstand, dass die Ereignisse COMMANDO NINJAs in einem Kosmos stattfinden, in dem das Kino-Kollegium tatsächlich existiert. So hängen im Zimmer von Johns Tochter u. a. Plakate von RAMBO oder AMERICAN NINJA, während im Videorekorder der Mama ein Bodybuilding-Video mit Arnold Schwarzenegger läuft. In visueller Hinsicht setzt Combes, wie viele seine Mitstreiter in Sachen Nostalgie-Kino, auf einen nachträglichen Filter, der Materialschäden anhand von Bildfehlern, Farbverfälschungen und Gerumpel bei Szenenwechseln vorgaukelt. Allerdings dient diese Masche hier nicht etwa dazu, einen hässlichen Digitallook zu kaschieren, wie es andernorts oft der Fall ist - gedreht wurde ganz klassisch auf echtem Film, und das sieht man auch.

Das anfängliche Tempo kann COMMANDO NINJA freilich nicht bis zum Finale halten. Sein bestes Pulver hat das Werk bereits nach 30 Minuten verschossen (im Wortsinn, versteht sich). Vieles von dem, was danach noch kommt, ist lediglich Makulatur. Besonders der Showdown ist im Vergleich doch etwas sehr lasch geraten (bietet aber immerhin ein schönes Kiesgruben-Setting, um abschließend auch noch dem italienischen Endzeitfilm seine Ehre zu erweisen). Am Ende muss man zudem konstatieren, dass das ein oder andere Zitat dann doch etwas zu viel des Guten war – eine KEVIN – ALLEIN ZU HAUS-Karikatur hätte es nun wahrlich nicht gebraucht. Macht aber alles nix, denn die herrlich hirnlose Kirmes verbreitet dennoch sagenhaft gute Laune. COMMANDO NINJA ist ein Triumph und zugleich ehrfurchtgebietendes Anschauungsobjekt dafür, wie man ungeachtet bescheidener Finanzen mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft Großartiges erschaffen kann. Man muss schon eine ausgemachte Miesmuschel sein, um bei dieser Parade aus Machismus, Sexismus und selbstzweckhafter Brutalität nicht zumindest ein kleines Glücksgefühl zu entwickeln. Ob die deutsche Sprachfassung deswegen so steif geriet, um abermals an alte Zeiten zu gemahnen, als man der Flut an über die Videotheken hereinbrechenden VHS-Premieren oft nur mit eilig ins Mikro gekübelten Spar-Synchronisationen Herr werden konnte, ist zwar nicht überliefert, allerdings fügt sich auch das wunderbar ins Gesamtkonzept. "Ninjaaaaaas!!! Feueeeeeeeeer!!!!"

Laufzeit: 68 Min. / FSK: ohne

Mittwoch, 6. Dezember 2017

DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS

[GAAI SHUT YING HUNG][HK][1979]

Regie: Chang Cheh
Darsteller: Jason Pai Piao, Lu Feng, Lo Meng, Philip Kwok, Chiang Sheng, Sun Chien, Chiang Nan, Walter Tso Tat-Wah, Yang Chih-Ching, Wang Ching-Ho, Sai Gwa-Pau, Wang Li

China, Ming-Dynastie: Die Freunde Yang Dabao [Philip Kwok] und Chen A Jin [Lo Meng] träumen zwar vom großen Abenteuer, ihre Arbeit als Kellner in einem kleinen Restaurant ist jedoch alles andere als aufregend. Der Alltagstrott ist passé, als aus heiterem Himmel der schwer verwundete Shaolin-Schüler Hong Xiguan [Jason Pei Piao] ins Dorf geeilt kommt. Die feindlichen Mandschuren, so berichtet er, haben den heiligen Tempel überfallen und unter den friedlichen Mönchen ein blutiges Massaker angerichtet. Er selbst konnte als einziger entkommen. Da sich die Angreifer bereits auf der Suche nach Hong befinden, nehmen Yang und Chen ihn bei sich auf und pflegen ihn gesund. Zum Dank weiht dieser sie in die Geheimnisse der Shaolin-Kampfkunst ein. Zu dem Trio stoßen später noch Zhu Cai [Sun Chien], ein örtlicher Kung-Fu-Schüler, der von seinem Meister nur herumgestoßen wird, sowie Han Qi [Chiang Sheng], ein weiterer junger Shaolin-Mönch, dessen Kameraden ebenfalls von den Invasoren getötet wurden. Gemeinsam ziehen die fünf Freunde nun gegen den Feind ins Feld. Verschanzt in einem alten Tempel stellen sie sich einer gewaltigen Übermacht und führen einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod.

Die 'Five Deadly Venoms', in Deutschland vermutlich besser bekannt als 'Die unbesiegbaren Fünf' oder auch 'Fünf tödliche Schlangen', gehörten ab Ende der 70er Jahre zu den größten Zugpferden des Shaw-Brothers-Studios. Nachdem Wang Yu die erfolgsverwöhnte Kung-Fu-Produktion im Streit verlassen hatte und die Beziehung des einstigen Leinwand-Traumpaares David Chiang und Ti Lung auch nicht mehr ganz so traumhaft verlief, brauchte es neue Helden, um das Publikumsinteresse weiterhin wachzuhalten. Diese fand man schließlich in Philip Kwok, Lo Meng, Lu Feng, Sun Chien und Chiang Sheng, allesamt Absolventen der 'Peking Opera School', die zwar zuvor schon für die Shaws vor der Kamera standen, aber erst 1978 mit DIE UNBESIEGBAREN FÜNF ihren Einstand als das titelgebende Kämpfer-Kollektiv gaben. Das recht düstere Konglomerat aus Kung Fu, Krimi und klassischem Gothik-Grusel sorgte auf Anhieb für klingelnde Kassen, so dass es nicht lang dauerte, bis weitere Abenteuer der neuen Erfolgstruppe die Lichtspielhäuser heimsuchten. Inhaltlicher Bezug zum Vorgänger bestand dabei zwar nicht, aber das war in dem Bereich ohnehin nur selten der Fall. DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS ging dann auch schon deutlich weniger Experimente ein und verzichtete auf eine wilde Genre-Mixtur zugunsten altbekannter Schablonen und Schemata.

Die sehr simpel gestrickte Story über intrigante Invasoren, zerstörte Tempel und tollkühne Kämpfer haut dann auch niemanden so wirklich vom Schlitten und wirkt auch optisch nicht besonders aufregend, da sich die Ereignisse gefühlt nur an zwei immer wiederkehrenden Schauplätzen abspielen. Das überrascht ein wenig, da Regisseur Chang Cheh [→ DUELL OHNE GNADE] in der Regel für die großen Epen des Studios verantwortlich zeichnete und dafür schon mal Heerscharen an Statisten durch ausladende Kulissen toben lies. Hier hingegen wirkt alles eine ganze Ecke spartanischer und deutlich weniger ambitioniert. Der synthetische Eindruck der eröffnenden Schlacht der Shaolin gegen die brutalen Unterdrücker, die in einer eindeutig künstlichen Umgebung stattfindet und eher als Tanz denn als Duell choreographiert wurde, ist freilich gewollt und als Referenz an das Theater und die Oper zu verstehen. Die fehlende visuelle Abwechslung im weiteren Verlaufe jedoch lässt das Stück dann auf Dauer doch vergleichsweise eintönig wirken, zumal auch die Handlung lange Zeit auf der Stelle tritt und in erster Linie lediglich darum bemüht scheint, die (zugegebenermaßen respektablen) akrobatischen Fähigkeiten ihrer Hauptdarsteller ins rechte Licht zu rücken. So sieht man Philip Kwok und Lo Meng eine geraume Weile erst einmal beim Faxen und Fingerstand machen zu – eher sinnlose, deutlich von den Jackie-Chan-Triumphen der Konkurrenz inspirierte Kaspereien, welche die Geschichte unangenehm ausbremsen, wenn nicht teilweise sogar zum Stillstand bringen.

Folglich dauert es ein wenig, bis die 'Unbesiegbaren Fünf' hier schließlich bereit sind, um sich topfit und todesmutig ins grausame Gefecht zu stürzen. Das fette Finale holt dann allerdings tüchtig Kastanien aus dem Feuer und geriert sich wie eine kostümierte Version von John Carpenters Großstadt-Western ASSAULT. Die 'Guten' verschanzen sich in einer Tempelanlage und müssen sich gegen die 'Bösen' zur Wehr setzen, die ihre Angriffe gezielt von außen führen – und dazu schon mal mit bloßem Körper durch die Wand brechen. Mit Blut und Pathos wird nicht gegeizt und einige saftige Brutalitäten dürfen ebenfalls bestaunt werden (welche überraschenderweise sogar die deutsche Kinofassung überlebten). So endet DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS dann doch noch als typische Chang-Cheh-Schose mit der Extra-Portion an Brüderlichkeit, Tapferkeit und Heldentod. Dass diese aus sattsam bekannten Versatzstücken zusammengeschraubte Story gleich drei Autoren verschliss, ist allerdings schon ein wenig seltsam.

Auch von Darstellerseite aus sollte man hier keine Wunder erwarten. Die Kompetenz der Hauptprotagonisten liegt ganz klar in den Bereichen Fitness, Kondition und Körperbeherrschung. Das geht deswegen in Ordnung, weil ihre Figuren vom Drehbuch nicht wirklich als Charaktere angelegt wurden, sondern als Stereotype. Große darstellerische Fähigkeiten sind daher von Grund auf gar nicht nötig, es reicht vollkommen aus, dem gängigen Klischee zu genügen. Zu den 'Deadly Venoms' gesellt sich hier noch Jason Pai Piao [→ IM GEHEIMDIENST DES GELBEN DRACHEN], der ebenfalls keine mimischen Meisterleistungen vollbringt, seine Rolle als gehetzter Shaolin-Schüler aber brauchbar ausfüllt.

Der deutsche Titel hat einmal mehr kaum etwas mit dem Inhalt zu tun (es gibt zwar ein paar Todesschreie, aber weit und breit keinen einzigen Tiger) und wurde einfallslos nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzt. Da das in gewisser Weise aber auch für das Gesamtwerk gilt, ist das schon fast wieder konsequent. SHAOLIN RESCUERS (so nennt und kennt man die Nummer im englischsprachigen Raum) ist beileibe keine vollkommen misslungene Veranstaltung, steht aber im Schatten ihrer eigenen Schöpfer und wirkt irgendwie, als wäre sie nebenbei in der Mittagspause größerer Produktionen entstanden. Selbst die damalige deutsche Leinwand-Fassung, die – wie zu diesen Zeiten üblich – um eine nicht unerhebliche Menge an Dialog erleichtert wurde (hier waren es ungefähr 15 Minuten), zieht sich insgesamt doch ein bisschen, da man eigentlich nicht wirklich viel zu erzählen hatte. Für Freunde des Genres ist das Ganze dennoch eine Pflichtveranstaltung. DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS gehört gewiss nicht zur Speerspitze der Knochenbrecher-Kategorie, ist aber dennoch kompetent in Szene gesetzte Kung-Funterhaltung, deren schonungsloser Showdown angenehm im Gedächtnis bleibt. Der allerletzte Schrei ist das nicht. Gut genug, um nicht ungehört zu verhallen, ist es dennoch.

Laufzeit: 83 Min. / FSK: ab 16

Mittwoch, 29. November 2017

EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN

[UOMINI SI NASCE, POLIZIOTTI SI MUORE][ITA][1976]

Regie: Ruggero Deodato
Darsteller: Marc Porel, Ray Lovelock, Adolfo Celi, Franco Citti, Silvia Dionisio, Marino Masé, Renato Salvatori, Sergio Ammirata, Bruno Corazzari, Daniele Dublino, Sofia Dionisio

"Es ist doch ein Ding der Unmöglichkeit, dass ihr von jedem Einsatz mit Toten oder zumindest schwer Verletzten zurück kommt."

Fred [Marc Porel] und Tony [Ray Lovelock] gehören zu einer Spezialeinheit der Polizei. Und beide agieren wirklich sehr spezial. Im Zweifelsfalle ersparen sie dem Staat nämlich den Umweg über ein zeit- und kostenintensives Gerichtsverfahren und handeln als Ankläger, Richter und Henker in Personalunion. Salopp gesagt: Verbrecher entkommen den beiden Ordnungshütern nur selten lebend. Ihr Vorgesetzter [Adolfo Celi] wird zwar nicht müde, die beiden übereifrigen Racker immer wieder zurechtzuweisen, insgeheim jedoch billigt er ihr rabiates Vorgehen. Mehr aus persönlicher Vendetta heraus ermitteln Fred und Tony gegen den mächtigen Syndikatsboss Roberto Pasquini [Renato Salvatori], der beim illegalen Glücksspiel alle Fäden in der Hand hält. Über einen Informanten gelangen sie an einen ehemaligen Mitarbeiter Pasquinis, der während seiner Dienste bei ihm ein Auge verlor und deshalb recht redselig ist. Doch ihr Gegner schläft nicht und holt zum Gegenschlag aus. Fred und Tony haben nun allerhand zu tun und foltern und metzeln sich durch Roms Unterwelt.

Zimperlich waren Italiens Verbrechensjäger ja insgesamt eher selten. Beschnauzbarte Gesetzeshüter wie Franco Nero oder Maurizio Merli nahmen immer mal wieder das Recht in die eigenen Hände, um die Straßen effektiv vom Abschaum zu säubern. Die reaktionäre Selbstjustiz-Attitüde kam zwar in der Regel beim Feuilleton schlecht an, beim zahlkräftigen Publikum dafür umso besser. Das hatte natürlich seine Gründe: In den 70er Jahren wurde das Land von gewalttätigen Unruhen durchgeschüttelt und das Volk sehnte sich nach harten Bandagen, um dem Terror Einhalt zu gebieten. Da das auf der Leinwand schon immer wesentlich einfacher zu bewerkstelligen war als in der Realität, hatte das Faustrecht dort Hochkonjunktur. Das geschah mal mehr, mal weniger differenziert. Während an einer Stelle ohne Rücksicht auf Verluste losgeholzt wurde, setzte man das Konzept andernorts in einen kritischen Kontext. Fast als Reaktion auf die immer reaktionärer werdenden Action-Krimis erschien 1976 der reflektierende KALIBER 38, in dem ein vom Schicksal gebeutelter Kommissar seine eigene Spezialeinheit unter Kontrolle halten muss, die es mit Regeln und Vorschriften nicht allzu genau nimmt. Als eine Art provozierendes Pendant dazu erschien im selben Jahr EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN - eine wahre Furie von einem Film, der die erbarmungslosen Einsätze eines staatlich geschützten Mörderduos zum alternativlosen Nonplusultra hochstilisierte.

Was dabei herauskam, ist eigentlich kaum in Worte zu fassen. Fast scheint es, als wollten Autor Fernando Di Leo [→ DER MAFIABOSS] und Regisseur Ruggero Deodato [→ DIE BARBAREN] alles, was bis dahin an radikalen Rache-Cops durch die Kinolandschaft tobte, übertreffen und erschufen mit Fred (Marc Porel [→ DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN] und Tony (Ray Lovelock [→ JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN] ein geradezu monströs asozial operierendes Polizisten-Pärchen, gegen das 'Dirty Harry' wie ein verweichlichter Waisenknabe wirkt. Bereits der hammerharte Auftakt macht klar, dass die Samthandschuhe hier in der heimatlichen Schublade bleiben: Zwei motorisierte Banditen versuchen, einer arglosen Passantin die Handtasche zu rauben. Das Problem: Die Dame ist daran festgekettet. Folglich nehmen die Schurken sie ins Schlepptau und schleifen sie mit ihren Motorrädern so lang über die Straße, bis ihr Kopf unsanft gegen einen Laternenpfahl prallt. Fred und Tony beobachten die Tat und nehmen auf ihren Feuerstühlen die Verfolgung auf. Die rasende Jagd (bei der auch ein Blindenhund dran glauben muss) endet, als die beiden Räuber in voller Fahrt gegen einen parkenden Lastwagen krachen. Fred und Tony eilen zu den Männern. Einer von ihnen wurde vom Lenker seines Motorrades durchbohrt, was Fred mit einem Blick quittiert, der soviel aussagt wie: 'Tja, Pech gehabt!' Der zweite Übeltäter hingegen lebt noch und liegt röchelnd auf dem Asphalt. Tony möchte allerdings nicht das Risiko einer spontanen Gesundung eingehen und bricht ihm kurzerhand das Genick. „'n Lenker im Bauch is' nich' gut“, meint Fred. „'n gebrochenes Genick auch nich'“, entgegnet Tony. (Im Original eigentlich: „Meiner ist von allein gestorben.“ - „Bei meinem musste ich Hand anlegen.“) Dann verlassen beide gut gelaunt die Unfallstelle.

Zuschauern, denen bereits dieser Beginn Magenschmerzen bereitet, werden in den restlichen 90 Minuten nur wenig Freude haben, denn in diesem Duktus geht es weiter. Fred und Tony haben zwar ständig nen launigen Spruch auf den Lippen, legen völlig konträr dazu jedoch eine Menschenverachtung an den Tag, dass einem Hören und Sehen vergeht. Verbrecher werden rigoros exekutiert, Gefangene quietschvergnügt zu Tode gefoltert. Frauen sind Freiwild und stets das Ziel penetranter Schnackselakquisen. Selbstreflexion? Gewissensbisse? Fehlanzeige! Wie zwei pubertierende Teenager kaspern sich beide frohen Mutes durch die blutige Schlachtplatte, wohl wissend, dass sie das Gesetz im Rücken haben. Wenn ihr Vorgesetzter (Adolfo Celi [→ DIE KLETTE] mal wieder mit ihnen schimpft wie mit zwei ungezogenen Schuljungen, die ihrem Lehrer einen Streich gespielt haben, zucken sie mit den Schultern und entgegnen: „Sie wissen doch selbst, dass man bei unserem Job nicht zimperlich sein kann." Dass die vermeintlichen Ordnungshüter dabei auch noch aussehen wie zwei frisch aus dem Ei geschlüpfte Schwiegermutterfantasien, die eigentlich noch gar keinen Führerschein besitzen dürften, treibt den Zynismus ihrer Taten noch zusätzlich auf die Spitze.

Die eigentliche Handlung ist indes kaum der Rede wert. Die Jagd auf den großen Unterweltboss würde inhaltlich gerade mal der Episode einer handelsüblichen vorabendlichen Krimiserie genügen. Darum reicherte man das Geschehen mit allerlei autarken Nebenepisoden an, in welchen die Hauptprotagonisten natürlich vor allem ihre Skrupellosigkeit unter Beweis stellen dürfen. Da wird eine Geiselnahme durch gezielte Warnschüsse in Gangsterhirne beendet und ein Banküberfall verhindert, indem die Täter bereits erschossen werden, noch bevor sie ihre Tat überhaupt begangen haben. Die Kritik schlug ob des nihilistischen Welt- und Menschenbildes natürlich zuverlässig Alarm und übersah dabei, dass EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN eigentlich nur als Genre-Persiflage funktioniert. Der radikale Reißer ist kaum ernstzunehmen und führt sein Publikum im Grunde grandios an der Nase herum. Der Pöbel verlangte nach immer härteren Gesetzeshütern und nun bekam er sie halt. Fred und Tony sind der feuchte Traum eines jeden rechtspopulistischen Hardliners. Dass sie dabei noch viel größere Schweinehunde sind als ihre Gegner, entlarvt die perfide Doppelmoral hinter der Sache. Die Herrschaft des Unrechts wird durch Gesetzesübertretung nicht ausgemerzt, sondern zementiert. Der einzige Unterschied zwischen den Schergen der Mafia und den Protagonisten ist am Ende nur der, dass letztere eine Polizeimarke tragen.

Das Klischee der letzten wahren Männer auf Gottes Erde wird schließlich derart komplett der Lächerlichkeit preisgegeben, dass die homoerotischen Untertöne zwischen den beiden kaum zu leugnen sind. Bereits während des Vorspanns, in dem sie, begleitet von der romantischen Schmusemusik Ray Lovelocks, eng aneinandergekuschelt auf ihrem Motorrad umherschaukeln, hat man eher den Eindruck, es mit warmen Brüdern statt mit eiskalten Typen zu tun zu haben. Das ändert sich auch nicht, wenn man später erfährt, dass sich Fred und Tony zudem auch noch ein Zimmer teilen. Um ihre latenten Bedürfnisse zu überspielen, balzen sie wie zwei pubertäre Jungs um die Sekretärin ihres Chefs herum, reden ständig über Muschis und reißen homophobes Spruchgut („Der ist so schwul, der dampft schon.“). Der Sexismus, den Film und Figuren dabei offenbaren, ist in seiner maßlosen Übertreibung ebenfalls so dermaßen absurd, dass er einfach nur als Karikatur damals gängiger Machismen zu verstehen ist. Als Fred und Tony die attraktive Schwester ihres Zielobjekts aufsuchen, um sie über die Geschäfte ihres Bruders auszuhorchen, entpuppt sich diese als nymphomanes Betthäschen, das sich den beiden nach einer schallenden Ohrfeige nicht nur an den Hals wirft, sondern sie regelrecht zur Ader lässt. Nachdem Fred seine Pflicht erfüllt hat, darf Tony gleich als nächster drüberrutschen, während ersterer in der Küche von der lachenden Haushälterin empfangen wird, die ihm, während sein Kollege im Nebenzimmer lautstark bei der Arbeit ist, erstmal Rührei zur Stärkung zubereitet.

Spätestens in diesem Augenblick gibt man als Zuschauer endgültig auf und akzeptiert, dass EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN in irgendeiner weit entfernten Galaxis spielen muss, in einem abwegigen Paralleluniversum, das mit der realen Welt gerade mal genauso viel am Hut hat wie Mittelerde. Man kapituliert schlichtweg vor dieser galligen cineastischen Giftspritze aus Testosteron, Sadismus und männlicher Allmachtsfantasie, lehnt sich zurück und genießt das groteske Feuerwerk. Dass das Ende dann reichlich hopplahopp und unspektakulär über die Bühne geht (was man im Hinblick auf den stuntgespickten Auftakt so nun nicht unbedingt erwartet hätte), spielt dabei eigentlich gar keine Rolle mehr. Dafür kommt es kurz vor Schluss noch mal zu einem unfassbaren Überraschungsmoment, als die angeblichen Helden nach einem kurzem gegenseitigen Zunicken einer vollkommen überrumpelten Dame aus heiterem Himmel die Kleider vom Leibe reißen - und das ganz bestimmt nicht, um mit ihr über die Wirtschaftskrise zu debattieren. Hätte das jemand vor ihren Augen auf offener Straße gemacht, hätten sie ihn erschossen. UOMINI SI NASCE, POLIZIOTTI SI MUORE [=Als Mann zur Welt kommen, als Polizist sterben] ist ein ordinäres, sich irgendwie verboten anfühlendes Vergnügen, für dessen enormen Unterhaltungswert man sich am Ende irgendwie schämt. Leider geil!

Laufzeit: 84 Min. / FSK: ab 18

Samstag, 18. November 2017

TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT

[LA POLIZIA INCRIMINA, LA LEGGE ASSOLVE][[ITA][1973]

Regie: Enzo G. Castellari
Darsteller: Franco Nero, James Whitmore, Delia Boccardo, Fernando Rey, Duilio Del Prete, Silvano Tranquilli, Ely Galleani, Daniel Martín, Paul Costello, Luigi Diberti, Mario Erpichini

"Dieses Mal werden Sie sich auf die Polizei nicht verlassen können. Wenn sie Sie nicht kriegen können, kriegen sie die, die Ihnen nahe stehen, die sie lieben!"

In Genua ist die libanesische Drogenmafia auf dem Vormarsch. Kommissar Belli [Franco Nero] ermittelt energisch gegen die Hintermänner. Sein Objekt der Begierde ist der „Libanese“, der sich als Kurier für das Syndikat verdingt und der Polizei daher wertvolle Informationen liefern könnte. Endlich, nach monatelanger Planung, kann Belli den Mann nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd festnehmen. Doch die Freude über den Erfolg währt nicht lang: Noch bevor das Polizeiauto samt Gefangenem das Revier erreicht, wird es in die Luft gesprengt. Belli selbst entkommt dem Flammentod dabei nur durch puren Zufall. Mehr denn je legt er es nun darauf an, an die Drahtzieher heranzukommen und redet energisch auf seinen Vorgesetzten Scavio [James Whitmore] ein. Dieser hat über Jahre hinweg wichtige Informationen gesammelt, die er allerdings gezielt zurückhält, bis die Beweise zum großen Gegenschlag ausreichen. Auf Bellis Drängen hin beschließt er, die Akten vorzeitig freizugeben. Sein Todesurteil! Scavio wird auf offener Straßen ermordet, die Beweise werden gestohlen. Zwar gelingt es Belli, den Attentäter ausfindig zu machen, doch damit bringt er nun seine Familie in Gefahr. Es beginnt ein Kampf und Leben und Tod.

In den 70er Jahren entwickelte sich der italienische Polizeifilm quasi zu einem eigenen Genre. Inspiriert von Don Siegels Reißer DIRTY HARRY sowie realen Ereignissen (blutige Ausschreitungen auf offener Straße standen, vor allem in Palermo, damals an der Tagesordnung) ersannen die Drehbuchautoren einen ganzen Bau voller skrupelloser Selbstjustiz-Bullen, die sich mit ganzer Härte und vollem Körpereinsatz gegen das grassierende Unrecht zur Wehr setzten – und damit ironischerweise selbst zu einem Rädchen im Gewalt-Getriebe wurden. Der 1973 fertiggestellte TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT gehört noch zu den früheren Vertretern dieser Gattung, was man ihm rückwirkend auch anmerkt, bleibt man hier inhaltlich doch überwiegend auf dem Teppich. Wo ein Maurizio Merli später in vollkommen überspitzten Gassenhauern wie DIE GEWALT BIN ICH bereits Maulschellen verteilte, bevor er überhaupt „Guten Tag“ gesagt hatte, erscheint Franco Neros Kommissar Belli noch ausreichend bodenständig und gesetzeskonform, um nicht zu einer Karikatur zu verkommen. Trotz des nicht zu leugnenden Schwerpunkts auf Kinetik und Krawall schafft das rüde Spektakel daher dennoch den schwierigen Spagat zwischen Action und Anspruch und besticht durch eine geerdetere und realistischere Herangehensweise. Autor und Regisseur Enzo G. Castellani [→ TÖTE ALLE UND KEHR ALLEIN ZURÜCK] verband publikumswirksame, zum Teil freilich nicht unspekulativ ausgeschlachtete Sensationseffekte mit der anklagenden Attitüde eines Damiano Damiani, der zeitgleich versuchte, mit gesellschaftskritischen Thrillern wie DER CLAN, DER SEINE FEINDE LEGENDIG EINMAUERT (1971, ebenfalls mit Franco Nero in der Hauptrolle) wachzurütteln.

Dass es dabei nicht gerade zimperlich zugeht, liegt in der Natur der Sache. TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT portraitiert die Mafia nicht romantisch-verklärt, wie viele Mitbewerber, sondern als völlig außer Kontrolle geratene Bande vollkommen skrupel- und ehrloser Berserker, die ohne Rücksicht auf Verluste rumholzen, dass sich die Balken biegen. Da wird aus nichtigstem Anlass lieber mal einer zu viel zur Hölle geschickt als einer zu wenig und der Tod kleiner Kinder dabei achselzuckend unter Kollateralschaden verbucht. Es werden keine raffinierten Pläne mehr ausgetüftelt, sondern der Weg des geringsten Widerstandes gewählt. Da werden Sprengsätze gelegt oder Widersacher auf offener Straße wahlweise erschossen oder überrollt. Ein effektiver Schutz scheint ob dieser Ruchlosigkeit schlichtweg nicht mehr existent. In einer noch recht frühen Szene besucht der gebeutelte Kommissar Belli den alternden Mafiaboss Cafiero (klischeehaft, aber effektiv verkörpert von Fernando Rey), der sich mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen hat, um seinen Lebensabend der Blumenzucht zu widmen. Dieser warnt den Kommissar, dass die Regeln sich geändert und längst neue Leute die Bühne des Organisierten Verbrechens betreten haben, deren Brutalität alles bisher Bekannte übersteigt.

Spätestens hier wird auch dem Publikum klar, dass ein rechtsstaatlicher Weg, das Unheil auszuräumen, nicht funktionieren kann. Dass Kommissar Belli am Ende dennoch nicht, wie es vielleicht zu erwarten wäre, zur Charles-Bronson-artigen Kampfmaschine mutiert, die sich ohne Rücksicht auf Verluste durch seine Gegner pflügt, beweist, dass es Castellari nicht daran gelegen war, lediglich eine simple Jahrmarktsattraktion abzuliefern, sondern durchaus das nötige Maß an Frustration und Wut in seine Arbeit legte. Dass im Finale dennoch ordentlich die Fetzen fliegen, freut den gemeinen Actionfreund natürlich. Überhaupt legt TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT ein enormes Tempo vor und beglückt den Zuschauer bereits in der Eröffnung mit einer zünftigen Verfolgungsjagd. Zwar weiß man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht genau, worum es eigentlich geht, der Puls wird nichtsdestotrotz anständig in die Höhe getrieben. Die gebotenen Hetzjagden und Bleigewitter sind allesamt auf der Höhe ihrer Zeit und müssen sich hinter ihren mit mächtig Budget realisierten amerikanischen Pendants wahrlich nicht verstecken. Dazu gesellt sich die bewährte italienische Radikalität, die das Geschehen immer wieder mit kleinen Sadismen würzt (die man aus der damaligen deutschen Kinofassung dann pflichtbewusst auch gleich wieder entfernt hat). So werden auch mal durchaus wertvolle Körperteile entfernt oder Schürhaken effektiv zweckentfremdet, um den Gegner das Fürchten zu lehren.

Ausfälle erlaubt sich TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT kaum. Franco Nero kratzt mit seinem Spiel zwar hin und wieder mal an der Grenze zur Übertreibung, aber hier hat man es halt mit großem Kino zu tun, da gehört ein bisschen Theatralik eben auch dazu. Und dass ein Kommissar aus Italien quasi auch mühelos durch Genua und Marseille toben darf, ohne dabei irgendwelche Kompetenzen zu überschreiten, kauft man da ebenfalls gleich mit, zumal die verschiedenen Schauplätze auch für ein angenehmes internationales Flair sorgen. Auch an der Besetzung gibt es nichts zu kritteln. Natürlich wird das Szenario ohne jede Frage von Franco Nero beherrscht (der hier nur zufällig den selben Namen trägt wie in seiner Rolle als zwielichtiger Bulle in DIE KLETTE), aber auch die kleineren Rollen sind wunderbar besetzt. Fernando Rey als pensionierten Paten zu besetzen war eine ebenso raffinierte wie effektive Idee, war seine Darstellung als hassenswerter Antagonist in dem Action-Meilenstein FRENCH CONNECTION damals doch noch allzugut im Gedächtnis. Und als vielleicht bester Casting-Coup erweist sich James Whitmore [→ DIE VERURTEILTEN], der als Bellis Vorgesetzter Scavio, stets zwischen Pflichtbewusstsein, Furcht und Verzweifelung pendelnd, eine Glanzleistung aufs Parkett legt. Das weibliche Personal hat, wie so oft im italienischen Machokino, eher das Nachsehen und darf keine großen Akzente setzen. Als Kommissar Bellis Freundin sieht man Delia Boccardo [→ DIE KILLERMAFIA], die nicht viel zu tun hat, das dafür aber gut macht, und deren gemeinsamen Nachwuchs gibt die Regisseurstochter Stefania Girolami Goodwin [→ THE RIFFS], die aufgrund ihrer Plietschigkeit (und deutschen Synchronstimme) ein wenig nervig rüberkommt, aber das ist mehr oder minder schnell vorbei.

Summa summarum ist TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT ein echtes Brett. Zwar hat man es hier wider Erwarten nicht mit einem amoklaufenden Franco Nero zu tun, sondern eher mit einem, der aus lauter Verzweiflung über seine Impotenz im Angesicht des Verbrechens fast vor die Hunde geht, Freunde ruppiger Action kommen dennoch voll und ganz auf ihre Kosten. Castellari kreierte eine gesunde Mischung aus Gesellschaftskritik und reißerischen Effekten und schafft es somit, gleich mehrere Parteien zufrieden zu stellen. Da ist man gern Zeuge.

Laufzeit: 102 Min. / FSK: ab 18 

Samstag, 11. November 2017

DIE KLETTE

[UN DETECTIVE][ITA][1969]

Regie: Romolo Guerrieri
Darsteller: Franco Nero, Florinda Bolkan, Adolfo Celi, Delia Boccardo, Susanna Martinková, Renzo Palmer, Roberto Bisacco, Maurizio Bonuglia, Laura Antonelli, Silvia Dionisio

„Ein in der Wahl seiner Methoden unverfrorener Detektiv klärt in Rom mehrere Morde auf. Schablonenhafter Kriminalfilm.“ [Das 'Lexikon des Internationalen Films' lässt mal wieder keine Fragen offen.]

Kommissar Stefano Belli [Franco Nero] arbeitet bei der Fremdenpolizei, bessert seine Kasse allerdings hin und wieder mit nicht immer ganz astreinen Privataufträgen auf. Eines Tages bittet ihn Rechtsanwalt Avvocato Fontana [Adolfo Celi] um zwei vermeintlich einfache Gefallen: Zum einen soll Belli das britische Fotomodell Sandy Bronson [Delia Boccardo], die aktuelle Bettgespielin seines Sohnes Mino [Maurizio Bonuglia], außer Landes weisen, da diese ihm ein Dorn im Auge ist, und zum anderen die Integrität des Musikproduzenten Romanis [Marino Masé] überprüfen, in den Fontanas Gattin Vera [Florinda Bolkan] eine Stange Geld zu investieren gedenkt. Nachdem Belli zunächst Bronson einen Besuch abgestattet hat (die daran scheiterte, ihn mit Aussicht auf horizontales Vergnügen von seinem Vorhaben abzubringen), macht er sich als nächstes auf zu Romanis. Dieser befindet sich zwar auch in der Horizontalen, ist aber leider tot. Erschossen. Urplötzlich wird der scheinbar so simple Nebenjob zu einem gefährlichen Spiel, denn Kommissar Baldo [Renzo Palmer] von der Mordkommission ist plötzlich ebenfalls vor Ort und Belli gerät unter Verdacht, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Um seine Unschuld zu beweisen und seine Bestechlichkeit zu vertuschen, stellt Belli eigene Ermittlungen an und erfährt mit Verblüffung, wer die Wohnung des Opfers als letztes verlassen hat: Sandy Bronson. Belli beginnt mit der Suche nach den Hintergründen und verfängt sich in einem Netz aus Lügen und Intrigen.

Humphrey Bogart machte es vor, Franco Nero macht es nach. Zwar stammt DIE KLETTE unübersehbar nicht aus der Heimat der Schwarzen Serie, den in schickes Schwarzweiß getauchten Vereinigten Staaten, sondern aus dem sonnigen Italien, ist aber dennoch ein lupenreiner Film noir mit allem, was was dazugehört: abgebrühte Ermittler, verhängnisvolle Frauen (hier gleich mehrere an der Zahl) und miese Morde, dazu jede Menge Lug und Trug und Niedertracht. Strahlende Helden gibt es hier ebenso wenig wie Anstand oder Moral. Auch Franco Neros Kommissar Belli, ohne jede Frage die Hauptfigur in diesem rücksichtslosen Ränkespiel, beugt das Recht, wie es ihm passt, und hat hauptsächlich den schnellen Taler im Sinn. Dabei geht er alles andere als zimperlich zur Sache, und die Antwort auf die Frage, wie viele Maulschellen er hier verteilt, lautet schicht und ergreifend: Alle! Tatsächlich gibt es kaum einen Besuch Bellis, der für den Besuchten nicht mit einer zünftigen Ohrfeige oder der Zerstörung des Mobiliars oder beidem endet. Fast könnte man ein Trinkspiel daraus machen: Wer sich traut, sich jedes Mal, wenn die „Klette“ wieder Backenfutter verteilt, einen zur Brust zu nehmen, der dürfte das Ende nicht mehr in vollem Bewusstsein miterleben. Allzu tragisch wäre das nun allerdings nicht, das ist eh ein wenig seltsam (wobei offenbar mehrere Varianten davon existieren). Zudem verliert man ohnehin spätestens ab der Hälfte den Faden, da einen der ganze Bau voller Intrigen, die das Drehbuch im Laufe der Zeit so zusammenspinnt, irgendwann nicht mehr so recht interessieren will.

Das soll nun allerdings nicht etwa heißen, dass DIE KLETTE nichts taugt. Freunde gediegener Krimi- und Noir-Unterhaltung erleben hier sogar ein kleines Fest und Fans üppiger Dekors werden in manchen Szenen ebenso begeistert in die Hände klatschen wie Franco Nero in fremde Gesichter. Übrig bleibt davon am Ende zwar wenig, wenn die „Klette“ mal wieder eskaliert und ihre Umgebung fachmännisch in ihre Einzelteile zerlegt, eine Augenweide bleibt es dennoch. Viel schwieriger als die Suche nach attraktivem Interieur gestaltet sich hingegen die nach einer geeigneten Identifikationsfigur. Zwar ist man als Zuschauer aufgrund der Erzählstruktur zwangsläufig irgendwie auf Kommissar Bellis Seite, wirkliche Sympathien allerdings empfindet man für den reichlich ruchlosen Schnüffler nicht. Belli macht von Anfang an keinen Hehl daraus, sich hauptsächlich für den schnöden Mammon zu interessieren und macht auch im weiteren Verlauf keine nennenswerte charakterliche Entwicklung durch. Auch seine Gewalt- und Zerstörungsorgien ordnen ihn eher in die Kategorie des Psychopathen ein, was seinen Höhepunkt in der Sequenz findet, in welcher er mit dem Auto eine selbstmörderische Amokfahrt unternimmt, um seine Beifahrerin zu einem Geständnis zu bewegen. Dass er dabei andere Verkehrsteilnehmer gefährdet und einige sogar tatsächlich vom Bock holt, scheint ihm völlig egal sein.

Trotz allem ist die Figur des Kommissar Belli allerdings noch weit entfernt von dem DIRTY HARRY-artigen Selbstjustiz-Cop, wie er von Franco Nero (zumindest ansatzweise) ein wenig später in TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT portraitiert wurde. Zwar nimmt Belli bereits gewisse Grundzüge vorweg (wie die bewusste Übertretung von Dienstvorschriften oder das rabiate Erzwingen von Geständnissen), insgesamt jedoch agiert er noch viel zu betulich und auf eigenen Vorteil bedacht, um z. B. mit einem Maurizio Merli verglichen zu werden, der später in Italien zum rachsüchtigen Prügel-Polizisten wurde. Das weibliche Geschlecht ist hier zwar ausnahmslos attraktiv und verführerisch, wird aber entweder von eiskalten Biestern vertreten oder von zumindest scheinbar naiven Schönheiten, denen schlichtweg nicht über den Weg zu trauen ist. „It's a man's world“, singt James Brown während des Vorspanns (wobei wohl auch da unterschiedliche Varianten existieren), aber die Wahrheit sieht anders aus. Zwar frönen Belli und seine Kollegen dem gemeinen Machismus bis in die letzte Haarspitze (man beachte die Szene, in der sie in völliger Selbstverständlichkeit mit Glimmstengel zwischen den Fingern im Krankenhauskorridor stehen und bei der vorbeilaufenden Schwester einen Kaffee bestellen), tatsächlich jedoch sind sie hilflose Opfer durchtriebener Weiblichkeit.

Auf keinen Fall sollte man den Fehler begehen, hier ein spektakuläres Action-Vehikel mit jeder Menge Schlag- und Schussabtausch zu erwarten, wie es Franco Nero in späteren Jahren in seine Vita aufnahm. Trotz besagter Autojagd-Sequenz ist DIE KLETTE nämlich ganz im Gegenteil ein in fast schon klassischer Langsamkeit erzählter Detektivfilm, der zudem auch auf graphische Brutalitäten verzichtet. Fans des charismatischen Schauspielers kommen dennoch voll und ganz auf ihre Kosten. Franco Nero ist in so gut wie jeder Szene zugegen, sieht ohne seinen später üblichen Schnauzbart Terence Hill allerdings fast ähnlicher als sich selbst. Dazu gesellen sich Renzo Palmer [→ DIE GEWALT BIN ICH] als gegen Belli ermittelnder, aber ihm irgendwie auch verbundener Kommissar Baldo, und Adolfo Celi [→ DER MAFIABOSS] als stinkreicher und schon allein dadurch zwielichtiger Anwalt. Die feminine Fraktion besteht unter anderem aus Delia Boccardo [→ DIE KILLERMAFIA] als verführerisches Fotomodell, der in Brasilien geborenen Florinda Bolkan [→ JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN] als geheimnisvolle Anwaltsgattin und der in Prag zur Welt gekommenen Susanna Martinková [→ DJANGO, DER BASTARD] als wahrhaft schnuckelige Sängerin, die hier drollige Sätze sagen darf wie: „Ich bin mal mit ihm ins Bett gegangen. Es war nachmittags.“ Die Inszenierung geriet dazu sehr schick und vor allem die originelle Bild- und Tonmontage gefällt (man beachte die ungewöhnlich aufgelöste Eröffnungssequenz des die Ereignisse in Gang setzenden Mordes).

Warum sich der eigentlich sonst so gewitzt auftretende Kommissar Belli am Ende dann anstellt wie ein blutiger Anfänger, ist vermutlich das größte Geheimnis, das es in DIE KLETTE zu lösen gilt. Sei es drum! Romolo Guerrieris [→ 10.000 BLUTIGE DOLLAR] stilsichere Fingerübung ist, trotz mittiger Spannungs- und Stimmungsschwankungen, am Ende dennoch lohnende Unterhaltung für all jene, die dem klassischen Kriminalkino etwas abgewinnen können und ein Faible dafür haben, wenn zwischen Kippendunst und Alkoholfahne gemeuchelt, ermittelt und verführt wird. Wer was anderes behauptet, dem stattet die „Klette“ einen Hausbesuch ab. Und dann kippt wieder der Watschenbaum um. It's a man's world.

Laufzeit: 101 Min. / FSK: ab 18

Donnerstag, 9. November 2017

DER MAFIABOSS - SIE TÖTEN WIE SCHAKALE

[LA MALA ORDINA][ITA/BRD][1972]

Regie: Fernando Di Leo
Darsteller: Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strode, Adolfo Celi, Luciana Paluzzi, Franco Fabrizi, Femi Benussi, Gianni Macchia, Peter Berling, Francesca Romana Coluzzi, Cyril Cusack

"Schieß mir ins Herz und schau mir dabei in die Augen, wenn du der Mann bist, für den ich dich halte!"

New Yorks Mafia ist vergrätzt: In Mailand ist eine ganze Ladung Heroin verschwunden. Pate Don Vito Tressoldi [Adolfo Celi] präsentiert dafür ziemlich hurtig einen Schuldigen: den kleinen Zuhälter Luca Canali [Mario Adorf]. Infolgedessen heften sich die beiden Killer Frank [Henry Silva] und David [Woody Strode] an die Fersen des vermeintlichen Übeltäters, um diesen fachgerecht über die Klinge springen zu lassen. Der Haken dabei: Canali ist vollkommen unschuldig und hat keine Ahnung, warum er plötzlich auf der Abschussliste steht. Mehr durch Glück denn durch Können kann er den beiden Auftragsmördern zunächst entkommen. Doch als seine Verfolger nicht locker lassen und seine Ex-Frau samt Kind ebenfalls bedrohen, erwacht der Kämpfer in ihm. Mit dem Mut der Verzweifelung versucht er herauszufinden, warum er aus heiterem Himmel ins Fadenkreuz geriet und muss dabei gegen immer mehr Verfolger antreten.

Mit MILANO KALIBER 9 inszenierte sich Fernando Di Leo 1971 in die Herzen vieler Genre-Fans. Das spröde Gangster-Drama über einen aus dem Knast entlassenen Ganoven, der in die Mühlen der Mafia gerät und von da an um seine heile Haut bangen muss, konnte durch großartige Darsteller, stringente Story und konstante Hochspannung Kritik wie Publikum mehrheitlich überzeugen. Im Folgejahr machte Leo sich dann daran, den frisch erworbenen Ruf als Erste-Liga-Regisseur zu verteidigen und lieferte einen weiteren im Mailänder Mafia-Milieu angesiedelten Unterwelt-Reißer ab, der Deutschlands Schauspiel-Ikone Mario Adorf [→ DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER] auf eine gewalt- und actionreiche Tour de Force schickt, die final in einer Orgie aus Blut, Blech und Blei mündet. Um die Pointe vorweg zu nehmen: Trotz inhaltlicher Parallelen muss sich Leos zweite Syndikat-Sause dem Vorgänger geschlagen geben. DER MAFIABOSS – SIE TÖTEN WIE SCHAKALE wirkt stellenweise ähnlich holprig zusammengeschustert wie sein deutscher Titel und läuft zeitweilen ein wenig unrund. Dazu gehören, neben einer oftmals arg sprunghaften Montage, die einen manche Abläufe gar nicht so recht nachvollziehen lässt (was zugegebenermaßen auch an den Handlungskürzungen der deutschen Kinofassung liegen könnte), auch die gelegentlich eingestreuten etwas befremdlichen humoristischen Einlagen, wie z. B. die beschwipste Mutti, die einige Male durch das Bild taumelt und vergessen hat, in welcher Stadt sie sich gerade befindet, oder die mehrmals stattfindenden seltsam sinnlosen Partysequenzen, in denen die Kamera um teils kurios kostümierte Männer und textilbefreite Frauen herumwirbelt.

So wirkt Leos zweiter Streich anfangs ein wenig larifari und man beginnt, die Geradlinigkeit eines MILANO KALIBER 9 schmerzlich zu vermissen, der bereits von Beginn an mächtig steil ging. Später jedoch, wenn die Ereignisse sich langsam, aber sicher zuspitzen und das Netz beginnt, sich um den Protagonisten Luca Canali zuzuziehen, ist dieses Manko schnell vergessen und DER MAFIABOSS wird tatsächlich noch zu dem intensiven, mitreißenden Stück Kino, das man gern schon etwas früher gehabt hätte. Die große Trumpfkarte ist dabei ohne jeden Zweifel dessen Hauptdarsteller, der hier teilweise wahrlich um sein Leben zu spielen scheint. War Mario Adorf im Vorgänger noch selbst der gnadenlose Jäger, so gibt er hier nun den Gejagten und durchleidet im Laufe der gut 90 Minuten so ziemlich jede Gefühlsregung, zu der ein Mensch überhaupt fähig ist. Der zunächst noch recht arglos scheinende Zuhälter, der zwar junge Frauen auf den Strich schickt, ansonsten aber einen ganz knorken Eindruck macht, mutiert im Laufe der schicksalhaften Ereignisse schließlich zur entfesselten Kampfmaschine, zu einem blutdürstenden Berserker, der in unbändiger Wut rennt, kämpft, schießt, auf fahrende Autos springt und deren Windschutzscheiben mit seiner bloßen Stirn zertrümmert, um im Anschluss nochmals weiterzukämpfen. Das Ende dieser schwindelerregenden Dauer-Action-Sequenz ist an Intensität kaum zu überbieten: Nachdem Adorf den verfolgten Missetäter gerichtet hat, bricht er weinend zusammen. Erst jetzt wird ihm so richtig bewusst, dass sein Sieg kein Sieg ist und er alles verloren hat.

Auch, wenn es wie ein Klischee klingt, aber in solchen Momenten vergisst man fast tatsächlich, lediglich einen Schauspieler vor sich zu haben. Adorf scheint wirklich dieses arme Schwein zu sein, dieser in die Enge getriebene kleine Mann, dem alles über den Kopf wächst und der in selbstmörderischem Zorn schier übermenschliche Kräfte entwickelt. Dazu gehört dann auch, dass Canali eben nicht der überlegene und in passend-coolen Posen operierende Superheld ist, sondern hin und wieder auch mal ein wenig albern rüberkommt in seiner hilflosen Kopflosigkeit, die oftmals alles nur noch schlimmer macht. In gewisser Weise gilt das allerdings auch für seine Kontrahenten, bestehend aus dem wahrhaft ungleichen Killer-Duo Frank und David, verkörpert von Henry Silva [→ ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN] und Woody Strode [→ HÜGEL DER BLUTIGEN STIEFEL]. Silva gibt den amüsiersüchtigen Lebemann, der so ziemlich jeden Rock angräbt, der ihm über den Weg läuft, dabei aber meistens schlagfertige Abfuhren kassiert („Sag mal, was machst du überhaupt hier? Zum Rumhüpfen bist du zu alt und zum Aufreißen siehst du zu bescheuert aus.“). Ganz anders als der einsilbige Strode, dem sich das schöne Geschlecht gleich reihenweise an den Hals wirft, der aber gar kein Interesse an irgendetwas anderem als an seinem Auftrag hat und die ganze Zeit aus der Wäsche guckt, als könne er seit Tagen nicht mehr vernünftig kacken. Wie eine ernstzunehmende Bedrohung wirken die beiden dabei freilich nicht und da ihre Bemühungen auch niemals so wirklich vom Erfolg gekrönt sind, fragt man sich schon, ob die Mafia kein geeigneteres Personal hat, um dringende Mordaufträge auszuführen.

Als Mafiaboss (der trotz seiner kleinen Rolle merkwürdigerweise den deutschen Titel stellen durfte) sieht man Adolfo Celi [→ EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN], der allerdings nicht wirklich viel zu tun hat und daher auch gar nicht viel verpatzen konnte. Noch fataler traf es freilich die weibliche Belegschaft. Zwar sind mit Luciana Paluzzi [→ MONSTER AUS DEM ALL] oder Femi Benussi [→ DIE ZEIT DER GEIER] durchaus talentierte und gern gesehene Gesichter dabei, die hier drehbuchswegen aber gar keine Chance hatten, sich irgendwie darstellerisch zu profilieren, da es rollenbedingt bereits ausreichte, sich möglichst freizügig zu geben. In einer Nebenrolle erkennt man noch Peter Berling, der später neben Helge Schneider in dadaistischen Kleinoden wie PRAXIS DR. HASENBEIN! auf sich aufmerksam machen konnte.

Wirkt DER MAFIABOSS bisweilen auch etwas stottrig, so passt in den entscheidenden Augenblicken dann doch wieder alles: Wenn Canali nach einem harten Schicksalsschlag wutschnaubend eskaliert oder seine (Ex-)Frau und sein Kind versuchen, sich vor den Killern des Paten in Sicherheit zu bringen und an jeder Ecke das Böse zu lauern scheint, dann nagelt einen das in seiner Intensität in den Sitz. Und Showdowns, die auf Autofriedhöfen stattfinden, sind ja generell auch immer großartig. So kommt Leos schweißtreibende Hetzjagd am Ende trotz allem als eindeutiger Sieger ins Ziel. Ein Jahr später widmete sich der Regisseur mit DER TEUFEL FÜHRT REGIE noch ein weiteres Mal dem harten Mobster-Alltag. Da durfte Henry Silva dann auch endlich mal Erfolg bei den Damen haben.

Laufzeit: 85 Min. / FSK: ab 18

Mittwoch, 1. November 2017

IM DUTZEND ZUR HÖLLE

[IL CONSIGLIORI][ITA][1973]

Regie: Alberto De Martino
Darsteller: Tomas Milian, Martin Balsam, Francisco Rabal, Dagmar Lassander, Nello Pazzafini, Perla Cristal, Carlo Tamberlani, Manuel Zarzo, John Anderson, Franco Agricano, Fortunato Arena

„Wo du auch bist, es geht überall um das Gleiche, Thomas! Um das Überleben. Dafür kämpfen wir gemeinsam. Sind wir zusammen, können wir uns helfen. Wir sind wie Fischschuppen, die sich gegenseitig decken.“

Mehrere Jahre saß Thomas Accardo [Tomas Milian] im Gefängnis. Grund: Der findige Anwalt verdingte sich für die Mafia und ist der Patensohn des einflussreichen Don Antonio [Martin Balsam]. Nach seiner Entlassung hat Thomas eine erschreckende Nachricht für seinen Ziehvater: Er will die Organisation verlassen, um mit der hübschen Laura Murchison [Dagmar Lassander] samt Haus und Hof zur Ruhe zu kommen. Don Antonio, der große Stücke auf ihn hält, gestattet ihm seinen Wunsch schließlich, wohl wissend, dass er sich damit in eine prekäre Lage bringt: Ein Ausstieg aus der Mafia, so das ungeschriebene Gesetz, ist eigentlich ausgeschlossen. Sein Konkurrent, der machthungrige Don Vincent Garafalo [Francisco Rabal], nutzt die Gelegenheit, um den mächtigen Paten zu diskreditieren, säht Zwietracht und zettelt einen brutalen Bandenkrieg an, der die Verhältnisse neu ordnen soll. Als auch Thomas klar wird, dass er ohne weiteres keinen Frieden finden wird, verbündet er sich erneut mit Don Antonio – dieses Mal allerdings, um gemeinsam mit den letzten treuen Gefolgsleuten und blank geputztem Waffenarsenal gegen den intriganten Garafalo ins Feld zu ziehen.

Der Kino-Welterfolg DER PATE machte die Mafia 1972 quasi über Nacht zum Popstar und wurde zu einer Art Startschuss für einen ganzen Strauss ähnlicher Gangsterfilme, welche die „ehrenwerte Gesellschaft“ als Basis für ihr oft nicht besonders zimperliches Unterhaltungprogramm nutzten. Mit der Realität dürfte die oft stark romantisierte Darstellung nie allzuviel am Hut gehabt haben, aber das von Regisseur Francis Ford Coppola auf den Weg geschickte Bild war dermaßen prägend, dass es nachfolgend meist schlicht übernommen wurde. Eine Vielzahl der Epigonen kam - wenig überraschend - aus italienischen Gefilden - zum einen, weil die dortige Filmindustrie zu der Zeit ohnehin auf jeden erfolgversprechenden Zug aufsprang, zum anderen natürlich auch deswegen, weil die Organisation im Stiefelland ihre Wurzeln hat und der Publikumsbezug zur Thematik somit automatisch größer war. Alberto De Martinos IM DUTZEND ZUR HÖLLE, ein Jahr nach Coppolas stilbildendem Epos entstanden, erreicht zwar in keiner Minute dessen erzählerische und inhaltliche Dichte, allerdings ist die Intention dahinter auch eine ganz andere. Drehbuchautor Adriano Bolzoni [→ DIE TODESMINEN VON CANYON CITY] ersann keine auf ausladende Präsentation bedachte Geschichte, sondern konzentrierte sich hauptsächlich, oftmals fast schon kammerspielartig, auf die gegenseitige Beziehung zweier Personen: die des Aussteiger Thomas Accardo und seines Paten Don Antonio.

Dabei dient trotz der italienischen Herkunft der Produktion hier die amerikanische Metropole San Francisco als Hintergrund für einen gewiss nicht sonderlich originell erdachten, doch packend in Szene gesetzten Konflikt, der sich zwar absehbar, aber logisch und folgerichtig nach dem Aktions-Reaktions-Prinzip ablaufend zuspitzt bis zum unausweichlichen Finale, in dem dann reichlich Blei und Blut verspritzt wird. Trotz bisweilen pathetischer Reden wird dabei auf redundante Heldenverklärung verzichtet. Und obwohl man natürlich dazu neigt, sich am ehesten mit den beiden Hauptprotagonisten zu identifizieren, lässt das Drehbuch von Anfang an keinen Zweifel daran, dass auch diese nicht im Kirchenchor singen. Dass die Sympathien dennoch bei Thomas und Don liegen, obwohl sie eigentlich Mitglieder einer grausamen Verbrecherorganisation sind, liegt in erster Linie daran, dass sie wie unschuldige Lämmer wirken, denen die Situation über den Kopf wächst, und dass rund um sie herum noch ein ganzer Bau voller Charaktere existiert, die noch verworfener agieren. Die „Familie“ wird portraitiert als ein von der Außenwelt hermetisch abgeriegelter Kosmos, in dem zwar stets Nettigkeiten ausgetauscht und formelle Höflichkeitsregeln eingehalten werden, in dem jedoch Neid, Missgunst und Machtstreben für den anderen das Todesurteil bedeuten können. Zwar blitzt hin und wieder mal auf, dass auch hinter den Mafia-Mitgliedern menschliche Wesen mit menschlichen Befangenheiten stecken (wie z. B. die Sorge eines Paten um dessen Tochter), aber insgesamt regiert die Skrupellosigkeit. Die Polizei spielt dabei so irgendwie gar keine Rolle. Falls hier mal jemand vorbeiläuft, der eine Dienstuniform spazierenträgt, steht er entweder ebenfalls auf der Gehaltsliste des Syndikats oder er ist ein Rassist, der über „Schlitzaugen“ und „Itaker“ schimpft, aber feige den Schwanz einzieht, wenn man ihm Aug in Aug gegenübertritt.

Das alles folgt vertrauten Mustern und ist weder inhaltlich, noch formal bahnbrechend, fesselt jedoch über die gesamte Laufzeit hinweg. Martino und Bolzoni erschufen mit IM DUTZEND ZUR HÖLLE eine grobschlächtige Großstadt-Fabel, die einen quasi von Beginn an gefangen nimmt. Bereits der atmosphärische Auftakt mit der traumhaften Titelmelodie von Riz Ortolani [→ DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN] atmet so viel Flair, dass man den Alltag ganz schnell Alltag sein lässt, um in dieser wildfremden Welt bald vollständig zu versinken. Action macht sich dabei rar. Wenn sie stattfindet, ist sie jedoch effektiv und sorgfältig in Szene gesetzt. Dazu gehören ein paar Schießereien, eine Autojagd und eine radikale Aufräumaktion in einer Fabrikhalle, bei welcher so Einiges zersiebt wird. Ein paar sehr unschöne Todesfälle gibt es gratis dazu; der Mafia grausame Schergen verschonen weder Kind noch Pizzabäcker. Und mittendrin agieren mit Tomas Milian [→ LAUF UM DEIN LEBEN] und Martin Balsam [→ ZWIEBEL-JACK RÄUMT AUF] zwei echte schauspielerische Schwergewichte des italienischen Kinos, so dass auch die darstellerischen Qualitäten stets gewahrt bleiben. Milian, der auch gern mal ein wenig übertrieb, spielt hier ungewohnt reserviert und betreibt sympathisches Understatement, was hervorragend zur Figur des desillusionierten Gangster-Anwaltes passt, während Balsam patriarchalisch und weise ums Eck kommt.

Den Gegenspieler figuriert Francisco Rabal [→ DAS GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN] als verschlagenen Neidhammel, der aus purer Eifersucht eine Welle aus Mord und Totschlag ins Rollen bringt. Das weibliche Geschlecht scheint hier indes schlichtweg irrelevant zu sein. Zwar setzt die Liebe zu einer Frau die gewalttätigen Ereignisse erst in Gang, tatsächlich jedoch besitzt diese Rolle Dagmar Lassanders [→ FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT] eher Symbolwert. Thomas sehnt sich weniger nach ihr als Person, sondern sieht in ihr vielmehr ein Sinnbild für die zu erlangende Freiheit. Sein knapper, herzloser Abschied von ihr, kurz bevor er in die letzte Schlacht zieht, legt das zumindest nahe. Fans der Darstellerin werden daher auch eher enttäuscht sein; die Gute darf gerade mal ein paar Sätze sagen. IM DUTZEND ZUR HÖLLE macht seinem deutschen Titel dann im Finale alle Ehre und endet mit melancholischem Nachklang, der das Publikum bis über das Ende des abermals wunderschön orchestrierten Abspanns hinaus noch begleitet. Martinos Mafia-Mär reißt ganz gewiss keine Bäume aus, gefällt aber als gediegener und überdurchschnittlicher Genre-Beitrag zur Gangsterfilm-Welle der 70er-Jahre.

Laufzeit: 97 Min. / FSK: ohne