Mittwoch, 24. Mai 2017

ALIEN - COVENANT

[USA/GB/AUS/NZL][2017]

Regie: Ridley Scott
Darsteller: Katherine Waterston, Michael Fassbender, Billy Crudup, Carmen Ejogo, Danny McBride, Callie Hernandez, Jussie Smollett, Demián Bichir, Goran D. Kleut, Guy Pearce

„Wenn Sie mich erschaffen haben, wer hat dann Sie erschaffen?“

2104: Das Kolonieschiff USCSS Covenant ist mit 2000 sich im Tiefschlaf befindlichen Menschen auf dem Weg zum weit entfernten Planeten Origae-6, um diesen zu besiedeln. Aufgrund eines Unfalls erwacht die Mannschaft vorzeitig aus ihrem Kälteschlaf und nimmt einen unbekannten Funkspruch auf. In der Hoffnung, bereits noch vor ihrer Ankunft bei Origae-6 auf einen bewohnbaren Planeten zu treffen, ändert die Covenant ihren Kurs und folgt dem unbekannten Signal. Tatsächlich findet man einen Planeten vor, der nahezu paradiesisch wirkt und der Erde sehr ähnlich zu sein scheint. Doch die Idylle trügt und als zwei Crew-Mitglieder sich unbemerkt mit fremdartigen Sporen infizieren, beginnt ein Alptraum: Kleine, unbekannte Wesen brechen kurze Zeit später aus ihren Körpern und machen Jagd auf die restliche Besatzung. Eine Flucht erscheint unmöglich, da das Landungsschiff bei einer Explosion zerstört wurde. In höchster Not trifft die verzweifelte Crew auf den vor Ort lebenden Androiden David [Michael Fassbender], der das gleiche Modell ist wie der Android Walter [auch Michael Fassbender], welcher ebenfalls zur Crew gehört. David bringt die Überlebenden zunächst in Sicherheit. Doch diese ist nicht von Dauer.

1979, als das ALIEN erstmals die Leinwände unsicher machte, wurde noch nicht allzu viel gegrübelt. Zwar lässt sich Regisseur Ridley Scotts düsterer Weltraum-Horror durch seine Verknüpfung von Gewalt und Geburtsmetaphern und seine starke Frauenrolle (die dem fremden Wesen final in Unterwäsche den Garaus macht) durchaus und sogar mit relativer Leichtigkeit als Sinnbild für sexuelle Ängste deuten, im Großen und Ganzen jedoch ging es noch darum, Menschen in Todesangst durch enge Schächte zu scheuchen und dem Publikum damit eine gehörige Gänsehaut zu verpassen. In ALIEN – COVENANT, dem sechsten Beitrag des aus dem damaligen Erfolg erwachsenen Franchises (den unsäglichen Ableger ALIEN VS. PREDATOR nicht mitgerechnet), sieht es hingegen deutlich anders aus. Aus der simplen Monstershow des Originals ist ein philosophischer Exkurs erwachsen, der nicht mehr das titelgebende Untier in den Fokus rückt, sondern sich in Dialog und Inhalt mit existenziellen Fragen beschäftigt. COVENANT erzählt dabei die Vorgeschichte des 70er-Jahre-Kino-Meilensteins und ist gleichzeitig die Fortsetzung des vier Jahre zuvor entstandenen PROMETHEUS, welcher bereits damit begann, eine Erklärung für die Ursprünge der tödlichen Lebensform zu liefern. Eine direkte Weiterführung ist es dennoch nicht, denn COVENANT führt nicht etwa die Reise von PROMETHEUS' Protagonistin Elizabeth Shaw weiter, sondern überspringt 10 Jahre und widmet sich den Erlebnissen einer neuen Crew, welche den Bogen zum Vorgänger erst im Laufe der Zeit schlagen.

Diese kommen einem dann allerdings auch arg vertraut vor: Eine Crew, die aus dem Kälteschlaf erwacht, ein unbekanntes Signal, eine ungeplante Landung in fremden Gestaden, ein feindlicher Organismus, der in Körper eindringt und alsbald platzende Leiber, schreiende Menschen und heillose Panik zur Folge hat. Tatsächlich wird hier im Grunde über weite Strecken lediglich die Handlung von Teil 1 wiederholt, die – so ehrlich muss man sein – auch 1979 schon nicht unbedingt neu war. So läuft dann alles in zwar großartig bebilderten, letztendlich jedoch vertrauten Pfaden ab, bis mit dem Auftauchen des Androiden David schließlich die Brücke zu PROMETHEUS geschlagen und es urplötzlich wieder arg tiefgründig wird. Die Verquickung der dreckigen ALIEN-Atmosphäre mit dem eher klinisch reinen PROMETHEUS-Ambiente bildet dabei einen steilen, wenn auch nicht uninteressanten Kontrast, der bereits in den ersten Minuten ins Auge fällt: COVENANT beginnt mit einer Rückschau auf Ereignisse, die bereits vor dem Vorgänger stattfanden, mit einem Dialog, der in einem blitzsauberen, massiv überbelichteten Raum geführt wird, in dem alles geordnet, keimfrei und tadellos arrangiert zu sein scheint, bevor man mit der Titeleinblendung wieder in die Weiten des Alls geworfen und mit dem bekannt-schmutzigen Look des Originals konfrontiert wird. Ein wenig unentschlossen wirkt dieses Konzept auf Dauer schon, zumal es der eher gemäßigten Gangart des Vorgängers widerspricht. Scott betonte in Interviews immer wieder, dass PROMETHEUS zwar im ALIEN-Universum spiele, letztendlich jedoch eine andere Geschichte erzähle. Bei COVENANT hingegen war ihm offenbar daran gelegen, sowohl die Vorgeschichte weiterzuverfolgen, als auch die konservativen ALIEN-Fans zufriedenzustellen, die sich nichts anderes wünschten als eine bissige Kreatur.

Dafür, dass das offenbar nicht von Anfang an der Plan war, spricht, dass die Fortsetzung ursprünglich unter dem Titel PARADISE LOST angedacht war und die Weiterführung der auf einen Cliffhanger hinkonzipierten Ereignisse ernüchternd lapidar mittels weniger Dialogzeilen abgehandelt wird. Stattdessen kehrte nun Hals über Kopf das ALIEN sowohl in den Titel zurück, als auch in die Handlung, um dort ein bluttriefendes Schlachtfest anzurichten. Pflichtergeben lassen Ridley Scott und seine Autoren die Mordbestie erneut durch spärlich ausgeleuchtete Raumschiffgänge toben und Besatzungsmitglieder zu Kleinholz verarbeiten. Wirklichen Schrecken verbreitet das nicht mehr. Das einst so unheimliche Monster, welches das Grauen in der Regel dadurch beschwor, dass es auf leisen Sohlen durch dunkle Korridore schlich, um dann unvermittelt hinter der nächsten Ecke zu lauern, ist zu einer gefeierten Popikone geworden, zu einem tobenden Actionstar, der per Schädeldecke kraft- und CGI-strotzend Panzerglasscheiben zertrümmert und Menschen anspringt wie ein tollwütiger Hund. Die fleischlichen Protagonisten haben da deutlich das Nachsehen und können nicht wirklich Akzente setzen. Zwar sterben sie wie die Fliegen, aber es berührt einen nicht, da das Skript die Figuren deutlich zurückstellt zugunsten des Charakters des Androiden David, der sich im Vergleich zum Vorgänger charakterlich deutlich weiterentwickelt hat und nun nicht mehr LAWRENCE VON ARABIEN zitiert, sondern Percy Bysshe Shelleys Gedicht Ozymandias, Richard Wagners Einzug der Götter in Walhall hört und Blockflöte spielt. Wenn er dabei in einen Interessenskonflikt mit seinem Nachfolgemodell Walter gerät, kommen Fans des Schauspielers Michael Fassbender [→ SLOW WEST] voll und ganz auf ihre Kosten, denn dieser stemmt seine Doppelrolle mehr als souverän - COVENANT gehört quasi ihm.

Der offensichtliche Versuch, es mehreren Parteien Recht zu machen, lässt COVENANT letzten Endes irgendwo zwischen zwei Stühlen verharren. Man spürt, dass den Machern der Exkurs in philosophische Gefilde weitaus wichtiger war als die obligatorische Menschenhatz, die hier wie mit heißer Nadel hineingestrickt wirkt. Das Ergebnis ist ein manchmal etwas banal anmutendes, aber prinzipiell ansprechendes Potpourri aus mythologischen Motiven, religiösen Ideen und existenziellen Fragen, in welches kurzerhand noch ein ALIEN-Remake hineingedoktort wurde. Final noch garniert mit einer überraschenden Wende, die eigentlich keine ist, ist COVENANT dank gekonnter Regie, anregender Ideen und visuellem Reiz trotz durchaus gegebener Defizite einen Ausflug wert.

Laufzeit: 122 Min. / FSK: ab 16

Montag, 15. Mai 2017

DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL

[THE LOST EMPIRE][USA][1984]

Regie: Jim Wynorski
Darsteller: Melanie Vincz, Raven De La Croix, Angela Aames, Paul Coufos, Robert Tessier, Angus Scrimm, Blackie Dammett, Linda Shayne, Kenneth Tobey, Tom Rettig, Angelique Pettyjohn

„In einer Zeit vor der Geschichtsschreibung existierte eine vergessene Kultur, ein seltsames Volk. Sie wurden die Lemuren genannt. Um ihre große Macht zu schützen, pflanzten sie ihre Geheimnisse der Wissenschaft in ein paar unglaubliche Juwelen ein – schimmernde Steine, die ein völlig eigenes Leben besaßen: die Augen des Avatara. Dann wurden die Lemuren bei einer Schlacht im Weltall, bei der die Erde beinahe vernichtet wurde, besiegt und die Augen voneinander getrennt. Es steht geschrieben, dass, wer immer die Juwelen wieder zusammenbringt, mit absoluter Macht regieren wird. Danach trachtete ein skrupelloser, teuflischer Geist. Er wollte sich durch nichts und niemandem in seinem Plan stören lassen. Und so ist es – bis heute.“  

[grammatikalisch holprig, inhaltlich wirr – so müssen gesprochene Einleitungen sein!]

Super-Bullette Angel [Melanie Vincz] verliert ihren Bruder, ebenfalls im Polizeidienst, als dieser versucht, einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft zu verhindern. Angel dürstet es nach Vergeltung und versucht herauszufinden, wer für das Verbrechen verantwortlich ist. Die Spur führt schnell zum geheimnisvollen Dr. Sin Do [Angus Scrimm], der auf einer Insel haust und dort regelmäßig Kampfsport-Turniere veranstaltet. Angel beschließt, sich als Teilnehmerin einzuschleusen, allerdings kann sie das nicht allein tun, da sich aus Sicherheitsgründen immer nur Dreiergruppen anmelden dürfen. So holt Angel erst ihre indianische Gefährtin White Star [Raven De La Croix] ins Boot, mit welcher sie sich dann aufmacht, um eine weitere Kandidatin für die Mission zu rekrutieren: die Kleinkriminelle Heather [Angela Aames], die allerdings erst aus dem Knast geholt werden muss. Dermaßen formiert gelingt es den drei Grazien tatsächlich, sich Zugang zu Dr. Sin Dos Festung zu verschaffen. Schnell zeigt sich, dass der kriminelle Doktor auf die magischen Steine aus dem Einleitungstext scharf ist, um damit – logisch! - die Welt zu beherrschen. Die drei Engel versuchen das zu verhindern, müssen dafür aber ihre gesamten Kräfte mobilisieren.

In der Wissenschaft heißt es, die große Kunst eines jeden guten Films läge darin, dessen Thematik bereits innerhalb der ersten Szenen symbolisch auf den Punkt zu bringen. So beginnt Sam Peckinpahs Western-Abgesang THE WILD BUNCH mit einer Sequenz, in der spielende Kinder ein paar Ameisen per Lupe und Sonnenstrahl grausam über den Jordan schicken, während George Lucas Sternen-Oper STAR WARS mit dem Bild eines kleinen Rebellenschiffs eröffnet wird, das sich auf der Flucht vor einem übergroßen imperialen Sternenkreuzer befindet. DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL beginnt mit dem von James Bond bekannten weißen Kreis auf schwarzem Untergrund, in welchem dann, während er immer größer wird und bald die ganze Leinwand ausfüllt, das erste Filmbild zu sehen ist - nur, dass das erste Filmbild hier aus den überdimensionalen Hupen einer klassischen 80er-Jahre-Dauerwellen-Blondine besteht, die gerade im Begriff ist, sich ein Diamant-Collier zuzulegen. Man kann also unmöglich behaupten, dass Autor und Regisseur Jim Wynorski seine Hausaufgaben nicht gemacht hätte, denn haargenau das erwartet einen in den nun folgenden 80 Minuten: altbewährtes Agenten-Allerlei mit großzügigem Atomtitten-Bonus. Den Rest an Assoziation besorgt dann der deutsche Titel, der das Werk nicht nur rein zufällig in die Nähe der bis in die 80er Jahre erfolgreichen TV-Serie DREI ENGEL FÜR CHARLIE rückt, in der drei attraktive Privatdetektivinnen dem Bösen regelmäßig in den Allerwertesten traten.

Die fröhliche Unbekümmertheit, mit welcher dieser hochgradige Blödsinn an den Mann (beziehungsweise 'an die Männer', denn diese dürften die Hauptzielgruppe gewesen sein) gebracht wird, ist dabei ziemlich ansteckend und sorgt von Beginn an für gute Laune. Denn THE LOST EMPIRE, wie die Nummer ein wenig langweilig im Original heißt, zögert nicht lang und präsentiert bereits nach wenigen Minuten eine Kette angenehm kurioser Verrücktheiten, was mit ein paar Ninjas beginnt, die in ihrer Maskerade eher so aussehen, als wären sie gerade aus einem Sadomaso-Schuppen geflohen, und einen Juwelierladen derart überfallen, dass sie stocksteif in der Gegend herumstehen und ihre Wurfsterne wie Jo-Jos an Schnüren baumeln lassen, bevor sie sie dem per Schusswaffengebrauch energisch dagegen protestierenden Ladenbesitzer beherzt in den Schädel treiben. Auch nachfolgend verzichtete man auf alles, was irgendwie Langeweile verbreiten könnte, und führt mit Angel (!) den ersten titelgebenden Engel ein, welche eine Geiselnahme in einem Schulgebäude dadurch beendet, dass sie mit dem Motorrad durch die Eingangstür brettert und so lang in der Gegend herumballert, bis nur noch einer der Gangster übrig ist. „OK, Schwein, das waren sechs. Jetzt hast du keine Kugeln mehr“, bemerkt der Überlebende, bevor er sich eine tödliche Kugel von der Angesprochenen einfängt. „Solltest mal in die Schule gehen, Punk! Und besser zählen lernen“, entgegnet diese, während ihr Gegenüber auf dem Lehrerpult verreckt. Besser kann man einen Charakter kaum etablieren - auch, wenn die Anleihe bei DIRTY HARRY mehr als nur offensichtlich ist.

Ungleich bizarrer geriet hingegen die Einführung des zweiten Engels, White Star genannt, die so komisch heißt, weil sie eine Indianerin ist, die erst irgendwie aus irgendeiner parallelen Geisterwelt herbeigerufen muss, aus welcher sie, von einem zünftigen Sternchen- und Funkenregen begleitet, ehrfurchtgebietend und mit stolz geschwellter Brust (wobei eine Brust dieses Ausmaßes streng genommen gar nicht ungeschwollen sein kann) hervorreitet und dabei ein schickes pseudoindianisches Faschingskostüm spazierenträgt, das ihre enorme Oberweite nochmals zusätzlich herausarbeitet. Und das dritte Mitglied der Truppe, Heather gerufen, muss erstmal aus dem Knast befreit werden, wo sie sich allerdings gerade – welch Zufall! - ein Schlammcatch-Match mit einer Mitgefangenen liefert, die sich allen Ernstes Peitschen-Lilly nennt. „Hey, du Tittenkönigin! Komm mal rüber und lass dich anfassen!“ heißt es da wenig galant, während die Gegnerin antwortet: „Du schwimmst in deinem Blut, Scheißtier! Nicht umsonst nennt man mich Peitschen-Lilly.“ Die anschließende Rekrutierung des Engels Nummer 3 findet natürlich – wie es eigentlich bei jedem diplomatischem Gespräch der Fall sein sollte! - unter der Dusche statt.

Wer es zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht begriffen hat, dem ist nicht mehr zu helfen: DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL ist Quatsch im Quadrat, will aber auch gar nicht mehr sein als eben dieses. Kleine-Jungs-Träume werden wahr, wenn die drei Engel, zwar ohne Charlie, dafür aber mit reichlich Holz vor der Hütte, gegen ein kriminelles Superhirn antreten müssen, das auf einer einsamen Insel in einer (eindeutig nur gemalten) Festung haust und es für eine gute Idee hält, regelmäßig attraktive Frauen in einem mörderischen Wettkampf aufeinander zu hetzen, um die Siegerinnen im Anschluss der privaten Haus- und Hofarmee einzuverleiben. Wer es dennoch schafft, dem Unhold zu nah auf die Pelle zu rücken, muss dann noch an allerlei abstrusem Getier wie Roboterspinnen, Kampfgorillas und grobschlächtigen Killerglatzen vorbei. So kostengünstig dieser herrliche Unfug in der Herstellung auch gewesen sein mag - Jim Wynorski [→ DIE INSEL DER RIESEN-DINOSAURIER], welcher später der tiefergelegten Unterhaltung treu blieb, inszenierte sein launiges Debüt mit der nötigen Kompetenz und kreierte zusammen mit Kameramann Jacques Haitkin [→ NIGHTMARE] durchaus ansprechende Bilder, die sich - bis auf wenige Ausnahmen – hinter seriösen Produktionen dieser Epoche nicht zu verkriechen brauchen. Die musikalische Untermalung Alan Howarths [→ HALLOWEEN 4] lädt zum Mitwippen ein, ist für einen Beitrag dieser Kategorie allerdings eher ungewöhnlich und erinnert eher an die Soundtrack-Kompositionen John Carpenters (mit welchem Howarth allerdings auch oft zusammenarbeitete). Die Darsteller liefern im Rahmen des Benötigten ebenfalls zufriedenstellend ab. Zwar hapert es in den Hauptrollen auffallend an behaupteter Kampfkunst, dennoch machen die drei Damen tüchtig Dampf und dürfen im Finale besagten Kampfgorilla mit einem beherzten Tritt in die Klöten auf die Matte schicken.

Kurzum: DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL wird seiner Intention voll und ganz gerecht und ist haargenau die kalkulierte Spaßbombe geworden, die er auch sein wollte. Die pubertäre Polizistinnen-Posse ist eine wilde Mische aus DREI ENGEL FÜR CHARLIE, DIRTY HARRY, DER MANN MIT DER TODESKRALLE und JAMES BOND (die Tarantelszene ist ein direkter Verweis auf 007 JAGT DR. NO und statt einer Katze streichelt der Oberschurke hier zärtlich eine Schlange), abgeschmeckt mit Mega-Möpsen, SM-Ninjas und einer kleinen Portion Fantasy-Firlefanz. Und selbst ausgemachte Emanzen dürften trotz der eindeutigen Fixierung auf nackte Haut und große Oberweiten nur wenig zu meckern haben haben, immerhin wird hier die geballte Ladung Frauen-Power geboten, gegen welche die Herren der Schöpfung nicht mal im Ansatz eine Chance haben. So kommt Angels Geliebter Rick zwar ziemlich sympathisch daher, ist ohne sie jedoch reichlich hilflos und holt sich selbst beim schmusigen Techtelmechtel mit seiner Angebeteten eine blutige Nase. Die deutsche Sprachfassung mogelt dem Ganzen dann abschließend noch ein gutes Dutzend dummer Sprüche unter ("Eine alte indianische Weisheit sagt: Trau niemals einem Vogel ohne Federn." - "Ich kenne auch eine: Wer vögelt, kann auch fliegen."), fertig ist die Gute-Laune-Laube! Ab auf die Insel!

Laufzeit: 81 Min. / FSK: ab 18

Freitag, 5. Mai 2017

SHIN GODZILLA

[SHIN GOJIRA][JAP][2016]

Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara 

In der Bucht von Tokio häufen sich merkwürdige Unglücksfälle. Eine der absurdesten Theorien über die Ursache bewahrheitet sich schneller, als allen lieb ist: Ein paar Handykameras nehmen ein unbekanntes riesenhaftes Lebewesen auf, das im Wasser zu leben scheint. Während sich der Krisenstab noch die Köpfe darüber zerbricht, womit man es zu tun haben könnte, geht die Kreatur an Land und schlägt eine Schneise der Verwüstung. Obwohl man zunächst noch zögerte, werden mangels Alternativen bald doch schwere Geschütze gegen das Urtier aufgefahren. Doch jede Waffe erweist sich als wirkungslos. Fassungslos nimmt man zur Kenntnis, dass das Wesen unberechenbar ist, da es ständig mutiert und zu einer noch größeren Gefahr heranwächst. Als die inzwischen 'Godzilla' getaufte Schreckgestalt plötzlich mit einem atomar aufgeheizten Feueratem die halbe Stadt in Schutt und Asche legt, scheint es keine Hoffnung mehr zu geben. Die UN beschließt über japanische Köpfe hinweg, dass nur Nuklearbeschuss die Bestie besiegen kann, der Zeitpunkt des Bombenabwurfes steht bereits fest. Doch innere Politik und Wissenschaft sind sich einig, dass das eine noch größere Katastrophe zur Folge hätte. Verzweifelt sucht man nach einer Alternative, das wütende Monster in die Knie zu zwingen. Es bleiben nur wenige Tage, bis die Bombe fällt und alles vernichten würde. 

'Godzilla', das japanische Ungetüm, das eigentlich 'Gojira' heißt, feierte sein Leinwand-Debut im Jahre 1954. Inspiriert von dem amerikanischen Monsterspektakel PANIK IN NEW YORK, in dem etwas ganz Ähnliches passiert, lies Regisseur Ishirō Honda das saurierähnliche Riesenreptil erstmals dem Meer entsteigen und die Großstadt verwüsten, verwandelte den eher trivialen Charakter der Vorlage allerdings in eine düstere Endzeitutopie, die überdeutlich auch eine Allegorie auf das japanische Trauma der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki darstellte. Die 27 Fortsetzungen, die aufgrund des Erfolges bis 2004 entstanden, waren in der Regel auffallend weniger düster und ließen die Reihe aufgrund ihrer grellen Mischung aus Naivität, Infantilität und Eigenwilligkeit zum Kult werden. Nach 2004 dauerte es satte 12 Jahre, bis die Reihe – bereits zum dritten Male – neugestartet wurde. Wie ernst die Macher es dieses Mal meinten, wird dabei bereits anhand des Titels deutlich (shin=neu). Basierten bis dahin alle Fortsetzungen auf dem Original aus den 50ern, wagte man dieses Mal einen radikalen Schnitt und schrieb die Entstehungsgeschichte des Monsters komplett um. Das war durchaus nicht unriskant; Fans können bekanntlich sehr eigen sein. Allerdings hatte zwei Jahre zuvor auch schon die zweite amerikanische Version der Geschichte [→ GODZILLA] die Ursprünge des Ungeheuers verändert, was vom Großteil des Publikums akzeptiert wurde und damit zusätzlich motivierend gewirkt haben dürfte.

Ein konsequenter Neubeginn war in gewisser Hinsicht auch sinnvoll, erstarrte die Reihe bis dahin doch immer wieder in bekannten Mustern, was zwar stets unterhaltsam, aber eben nicht sonderlich originell war. Neben einer nicht unerheblichen Portion Medienaufmerksamkeit brachte die Entscheidung, einen komplett umgestalteteten 'Godzilla' zu erschaffen, somit auch gehörig frischen Wind in das Konzept und ebnete den Weg für bis dahin ungenutzte Möglichkeiten. Dabei geriet der Anfang noch überaus vertraut: SHIN GODZILLA beginnt fast haargenau wie das Original, mit dem markanten Godzilla-Schrei und den dazugehörigen Stampfgeräuschen. Danach ging Autor und Regisseur Hideaki Anno [→ CUTIE HONEY] allerdings vollkommen eigene Wege, liefert zwar recht hurtig die ersten verwackelten Monsterattacken, im Anschluss darauf jedoch noch mehr hyperaktive Krisen- und Beratungsgespräche, die einem im schwindelerregenden Stakkatostil solch eine Masse an Personal, Materie und Dialog um die Ohren hauen, dass man erstmal nach Luft japsen muss. Dabei ist es nicht unamüsant zu beobachten, wie die völlig überforderten Experten eine wilde Theorie nach der nächsten ausbrüten, wobei sich am Ende dann ausgerechnet immer genau diejenige bewahrheitet, die zuvor als einzige kollektiv verlacht wurde. Und im selben Augenblick, als man dem Volk selbstbewusst verkündet, es bestünde für das Festland keinerlei Gefahr, da die unbekannte Lebensform unmöglich an Land gehen könne, passiert eben haargenau genau dieses: Die Kreatur pfeift auf jede wissenschaftliche Erklärung, entsteigt dem Meer und verwüstet so ziemlich alles, was ihr vor die Füße kommt.

Dass sie dabei allerdings anfangs gar nicht so aussieht, wie der weltbekannte Titelheld, ist eine der originellsten Ideen SHIN GODZILLAs: Das Untier muss im Laufe der Handlung erst mehrere Metamorphosen durchleben, bis man es dann tatsächlich als die berühmte Monsterikone wiedererkennt. Dann aber legt der neue Godzilla dermaßen los, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zerstörte dessen atomarer Feuerstrahl in früheren Tagen vielleicht gerade mal ein oder zwei Gebäude, radiert er hier, von apokalyptischer Choralmusik begleitet, mit einem Atemzug gleich die halbe Stadt aus, holt zeitgleich die ihn angreifenden Flieger vom Himmel und entfacht somit innerhalb weniger Sekunden ein gigantisches Inferno aus Feuer, Tod und Vernichtung, für das der alte Godzilla mindestens einen ganzen Tag gebraucht hätte. Auf diese Weise gelingt es SHIN GODZILLA tatsächlich, seinen Star wieder so zu präsentieren, wie es ursprünglich mal intendiert war: als furchterregende, scheinbar unkaputtbare Destruktionsmaschine, gegen welche die Menschheit schlichtweg kapitulieren muss. „Godzilla ist die Reinkarnation Gottes“, heißt es an einer Stelle zwar recht pathetisch, aber in durchaus gebotener Ehrfurcht.

Die Effekte sind dabei eine gesunde und oft sehr eindrucksvolle Mischung aus klassischer Suitmation (also Schauspieler in Monsterkostümen) und digitaler Retuschierung – ein gelungener Mittelweg zwischen Klassik und Moderne, der alten Traditionen gehorcht, ohne sich der Lachhaftigkeit des Ewiggestrigen preiszugeben. Auch der bewährte Hintergrund der atomaren Gefahr blieb erhalten, wenn auch unter anderen Vorzeichen, erfuhr Japan im Laufe der Zeit doch eine weitere nukleare Katastrophe: Am 11. März 2011 kam es aufgrund von Umwelteinflüssen und technischer Mängel im Kraftwerk Fukushima Daiichi zu einer verheerenden Kernschmelze, welche das Gebiet weiträumig radioaktiv verstrahlte. SHIN GODZILLA ist durchaus als Reaktion auf diese Ereignisse zu verstehen, in einer Szene wird das Monster gar mit einem Atomreaktor verglichen. Doch auch die Bombe kommt wieder ins Spiel, will der Rest der Welt doch per gemeinsamen Beschluss das Untier durch den Abwurf nuklearer Waffen besiegen, was die japanische Regierung fassungslos zur Kenntnis nimmt. Die eindeutig politische Komponente, die SHIN GODZILLA an dieser Stelle bekommt, geriet dann unangenehm penetrant. Immer wieder wird betont, dass Japan endlich souverän werden muss und sich die Einmischung fremder Nationen in eigene Belange nicht mehr gefallen lassen darf. Vor allem die USA bekommen dabei tüchtig ihr Fett ab, wenn sie quasi ungefragt ein paar Flieger vorbeischicken, durch deren Beschuss die ganze Misere am Ende nur noch größer wird. „Was für ein unglaublich idiotischer Plan“, bellt einer japanischen Stabsmitglieder an einer Stelle, „die sind ja schlimmer als Godzilla!“

So wird die Monstershow dann am Ende zu einem patriotisch-politischen Panoptikum, was einen recht bitteren Beigeschmack hinterlässt. Doch auch abseits davon geriet SHIN GODZILLA etwas schwer verdaulich. Der inhaltliche und stilistische Bruch zu den Vorgängern ist so enorm, dass man sich oft erst wieder bewusst wird, gerade einen GODZILLA-Film vor sich zu haben, wenn hin und wieder mal der markante Soundtrack Akira Ifukubes ertönt, um an frühere Zeiten zu gemahnen. So versprüht die zwei Jahre zuvor entstandene Neuinterpretation aus den USA am Ende sogar mehr originales Flair als die Rekonstruktion des Mythos' in ihrem Ursprungsland. Zusätzlich erschwert wird der Zugang durch den Umstand, dass es hier im Grunde keine wirkliche Bezugsperson gibt, sondern lediglich eine Vielzahl an endlos diskutierenden Charakteren, die zwar alle per Einblendung mit Namen vorgestellt werden, letztendlich jedoch eine anonyme Masse darstellen, während die wenigen, die sich im Laufe der Entwicklung als Sympathiefiguren herausschälen, auch nur seelenlose Stichwortgeber bleiben.

Die besten Momente sind dann auch die, in welchen spöttisch die Aussichtslosigkeit der andauernden Dampfplauderei zum Ausdruck gebracht wird, wenn die Wissenschaft verzweifelt versucht, an Godzilla irgendwelche Verhaltensmuster zu erkennen, an der übergroßen Aufgabe jedoch jedes Mal grandios scheitert. „Keine Ahnung, er läuft einfach nur herum“, lautet die resignierte Antwort auf die Frage, nach welchen Kriterien sich die Kreatur wohl ihren Weg bahnt. So ist die Wiedergeburt des Kult-Kolosses am Ende zwar ein interessantes, aber auch zwiespältiges Vergnügen geworden, das unnötig politisch aufgeheizt wurde und oftmals ein wenig zu sehr bemüht ist, dem Thema neue Facetten abzuringen (man beachte auch die oft extrem verschrobenen Kameraperspektiven und -blickwinkel). Ein bisschen mehr Tradition hätte man sich ruhig bewahren dürfen.

Laufzeit: 118 Min. / FSK: ab 12

Montag, 1. Mai 2017

KUNG FU KILLER

[YAT GOR YAN DIK MOU LAM][CHI][2014]

Regie: Teddy Chan
Darsteller: Donnie Yen, Wang Bao-Qiang, Charlie Yeung, Michelle Bai, Alex Fong, Fan Siu-Wong, Xing Yu, Yu Kang, Wong Wai-Fai, Chow Suk-Wai, David Chiang, Andrew Lau 

Hongkong: Ein Mann kommt zerschlagen und blutverschmiert auf ein Polizeirevier. „Was ist Ihnen zugestoßen?“ fragt der schockierte Beamte. „Ich heiße Hahou Mo“, antwortet der Mann. „Ich habe jemanden getötet." 

Drei Jahre später: Auf der Salisbury Road wird ein zerschmetterter Körper gefunden. Die Untersuchung ergibt, dass nicht etwa ein Autounfall Grund für die Verletzungen des Mannes gewesen ist, wie zunächst angenommen, sondern er vermutlich mit bloßen Händen getötet wurde. Hahou Mo [Donnie Yen] erfährt im Gefängnis von dem Fall und zitiert die ermittelnde Polizistin Luk Yuen-Sum [Charlie Yeung] herbei (wofür er allerdings erst noch 17 Mithäftlingen das Fell gerben muss). Er behauptet zu wissen, wie der Killer tickt und bietet seine Hilfe an. Luk nimmt ihn nicht ernst und will wieder gehen, da ruft ihr Hahou sieben Namen hinterher. „Einer von diesen Männern wird das nächste Opfer sein“, behauptet er. Die Recherchen ergeben, dass jeder der Männer ein meisterlicher Kung-Fu-Kämpfer ist – ebenso wie Hahou Mo, der früher Kampfkunst-Trainer im Staatsdienst war. Als sich dessen Prophezeiung erfüllt und tatsächlich einer der genannten Männer ebenfalls getötet wird, wird Hahou aus seiner Zelle geholt und zum Berater ernannt. Seine Theorie: Der Killer will die Männer der Reihe nach in ihren Königsdisziplinen besiegen, um selbst der größte aller Meister zu werden. Die Reihenfolge der Morde richtet sich nach einer uralten Kung-Fu-Philosophie. Doch nach und nach kommen Luk Zweifel, ob Hahou nicht tatsächlich ein bisschen mehr weiß, als er zugibt.

Obwohl die Blütezeit des Martial-Arts-Films mit Beginn des neuen Jahrtausends eigentlich schon längst vorbei war, sträubte sich die Hongkonger Filmindustrie vehement gegen die nachlassende Nachfrage an ihrem Steckenpferd und produzierte eifrig und verbissen weiter. Der im Jahre 2014 von Regisseur Teddy Chan auf den Weg gebrachte KUNG FU KILLER versteht sich daher fast schon trotzig als Hommage an die goldene Ära des Kung-Fu-Kinos, wimmelt nur so von Gastauftritten altehrwürdiger Recken und klopft im Abspann mit Nachdruck dem gesamten Genre gehörig auf die Schulter. So richtig bewusst, dass man es hier mit einer ehrfurchtzollenden Respektsbekundung zu hat, wird es einem allerdings auch erst an dieser Stelle, vorher war davon nämlich eher wenig bis gar nichts zu spüren. Das Skript von Ho Leung Lau [→ THREE KINGDOMS] und Tin Shu Mak [→ 14 BLADES] durchbricht nämlich die festgefahrenen Formeln des Genres und geriet inhaltlich eher experimentell. So kreuzte man den bewährten brachialen Schlagabtausch hier mit den Motiven des amerikanischen Psychothrillers vom Schlage eines DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER und ersann eine zwar recht abstruse, auf ihre Art und Weise aber schon irgendwie funktionierende Geschichte, in dem Wang Bao-Qiang als eine Art 'Kung-Fuffalo-Bill' scheinbar wahllos Leute per Kampfkunst hinrichtet, während der einzige, der ihn davon abhalten könnte, der ehemalige Trainer Hahou Mo, 'Kung-Funnibal-Lecter' quasi, im Gefängnis schmort.

Verkörpert wird letzerer von Donnie Yen [→ SPECIAL ID], der als einer der letzten großen Stars nach der Jahrtausendwende als imposantes Aushängeschild der Knochenbrecher-Kategorie herangezüchtet wurde und somit seinen zweiten Filmfrühling erleben durfte. Sein Hahou Mo ist dann – trotz Knastaufenthalts – auch alles andere als ein böser Junge, obwohl er den Tod eines anderes Menschen zu verantworten hat (wobei sich das Drehbuch irgendwie nicht so recht entscheiden kann, was und wie und warum überhaupt). Seine Reumütigkeit ist dann auch fast schon etwas zu viel des Guten, immer wieder wird auf seine Musterknaben-Attitüde hingewiesen und nachdem er in einer aufsehenerregenden Sequenz gezwungenermaßen 17 Mithäftlinge vermöbeln musste, besteht er im Anschluss darauf, dass jeder dieser Männer als Entschädigung eine Schachtel Zigaretten zur Wiedergutmachung erhält (Jesus persönlich könnte kaum barmherziger sein). Dass man so viel Aufwand daran verschwendete, Hahou als eigentlich edlen Menschen zu präsentieren, lag gewiss einerseits daran, dass man um Yens Saubermann-Image besorgt war, andererseits sicherlich auch an diversen Auflagen von ganz oben, immerhin sind Hongkongs Filmschaffende seit der Rückgabe der ehemaligen Kolonie an China in ein enges moralisches Korsett gezwungen.

Donnie Yens oberste Direktive ist es hier dann auch, den Ruf des Kung Fu wieder reinzuwaschen, immerhin wird die an sich gute Kampfkunst von einem brutalen Sadisten schändlich missbraucht. Wer besagter Killer ist, wird dann auch relativ schnell aus dem Sack gelassen. KUNG FU KILLER ist kein Mitratekrimi, sondern beschränkt sich auf das hitzige Katz- und Maus-Spiel zweier Parteien. Wang Bao-Qiang [→ LITTLE BIG SOLDIER] figuriert den Martial-Arts-Mörder mit Namen Fung Yu Sau als ziemliches Psychopathen-Klischee, als verkrüppelten Klumpfußbesitzer, der, zusätzlich traumatisiert vom tragischen Tode seiner besseren Hälfte, seine Minderwertigkeitskomplexe dadurch bekämpft, dass er wie bessessen in allen möglichen Disziplinen trainiert und tötet, bis er zu einer Art unbesiegbarem Comic-Schurken herangereift ist. So realitätsfern das auch ist, in dieser von Kampfkunst-Ideologie aufgeheizten Welt erscheint das plausibel genug und ist zudem Teil bereits erwähnter Huldigung an das Wesen des Kung-Fu-Films. Die Story stolpert mittig ein wenig, dem Skript fällt eine zeitlang nicht mehr ein, als Fung immer wieder in Tötungsaktion zu zeigen, bevor Hahou und Luk zu spät am Tatort eintreffen und sich darüber austauschen, was als nächstes getan werden muss. Wirklich langweilig wird es dank dennoch flottem Tempo jedoch nie, zumal Regisseur Teddy Chan (der mit Donnie Yen auch schon das großartige Historienepos BODYGUARDS AND ASSASSINS realisierte) sein Handwerk versteht und die in die Handlung getreuten Kampfszenen von Donnie Yen selbst höchst effektiv in Szene gesetzt wurden.

Ausgemachte Martial-Arts-Fans mögen dann eventuell auch ein wenig vergrätzt dreinblicken, denn tatsächlichen Schlagabtausch gibt es verhältnismäßig selten zu bestaunen. KUNG FU KILLER gehorcht in erster Linie den Regeln eines klassischen Thrillers amerikanischen Zuschnitts, der thematisch mit Kung-Fu-Weisheiten verknüpft wurde und nur ab und an von Kampfsequenzen unterbrochen wird. Donnie Yen wird erst im Finale so richtig von der Kette gelassen, legt dafür dann aber auch richtig los und liefert sich mit seinem Gegner, dezent unterstützt von Drahtseilen und Digitaleffekten, eine grandiose Entscheidungsschlacht auf einer vielbefahrenen Autobahn zwischen und unter in Hochgeschwindigkeit heranpreschenden PKW und Lastwagen, was im Action-Segment ordentlich Kastanien aus dem Feuer holt. Wer den etwas ungewöhnlichen Mischmasch nicht scheut, erlebt somit einen kompetent gefertigten Action-Psycho-Thriller mit hervoragender Kameraarbeit und erstklassigen Kampfszenen, der einen vom effektiven Vorspann (der gewiss nicht nur zufällig an den von SIEBEN erinnert) bis zum draufgängerischen Finale hochklassig unterhalten kann. Als Genre-Hommage ist die Thematik zwar eher seltsam gewählt, da hier eben gerade nicht bewährte Schablonen genutzt werden, dafür macht Insidern das Ausspähen mehr oder minder bekannter Gesichter in kurzen Nebenrollen (u. a. David Chiang und Tony Leung) durchaus Freude, während man zwischendurch immer wieder Ausschnitte aus alten Jackie-Chan- und sonstigen Kung-Fu-Schinken auf Fernsehbildschirmen erhaschen kann (dass Jackie Chan dafür sogar im Abspann erwähnt wird, ist natürlich wiederum etwas übertrieben). Ein Killer ist das nicht, aber ein überaus passabler Zeitvertreib, den man sich ohne Reue geben kann. 

Länge: 96 Min. / FSK: ab 16

Samstag, 22. April 2017

SPECIAL ID

[DAK SIU SAN FAN][CHI][2013]

Regie: Clarence Fok
Darsteller: Donnie Yen, Andy On, Jing Tian, Zhang Hanyu, Collin Chou, Paw Hee-Ching, Ronald Cheng, Frankie Ng Chi-Hung, Ken Lo, Yang Zhigang, Yu Kang


„Wie soll ich da arbeiten? Mit welcher Identität?" - "Mit einer speziellen.“ [Damit wäre dann auch der Filmtitel abgehakt.]

Hongkong-Polizist Chen Zilong [Donnie Yen] arbeitet als verdeckter Ermittler und hat sich in acht Jahren das Vertrauen des Unterweltbosses Xiong [Collin Chou] erschlichen. Doch Chen agiert immer leichtsinniger, so dass seine Tarnung droht, aufzufliegen. Als er seinen Vorgesetzten [Roland Cheng] darum bittet, aussteigen zu dürfen, hat dieser noch einen letzten Auftrag für ihn: Chen soll in die Volksrepublik nach Nanhai reisen, um seinem alten Kumpel Sunny [Andy On] das Handwerk zu legen, von dem vermutet wird, dass er die Geschäfte Xiongs an sich reißen möchte. Nach kurzem Zögern nimmt Chen den Job an. Gemeinsam mit seiner Kollegin vor Ort, Fang Jing [Tian Jing], beginnt Chen ein gefährliches Spiel und gerät zwischen alle Fronten.

Donnie Yens Karriere kam langsam, aber dafür gewaltig. Obwohl er bereits seit den 80er Jahren in Action-Attraktionen wie RED FORCE und zum Teil überragenden Martial-Arts-Epen wie LAST HERO oder IRON MONKEY von sich reden machte, blieb er im Westen trotz immensen Outputs lange Zeit nahezu unbekannt. Spätestens jedoch nach seinem Auftritt als Kung-Fu-Lehrer 'Ip Man' in der gleichnamigen 2008 gestarteten Kinoreihe konnte sich der agile Knochenbrecher seinen Platz neben Ikonen wie Jackie Chan oder Jet Li als weiterer chinesischer Vorzeige-Fighter sichern – was ihm unter anderem Rollen in kassenträchtiger Hollywood-Ware wie der TRIPLE X- oder STAR WARS-Saga einbrachte. Abseits jeder Ermüdungserscheinung drehte der mittlerweile immerhin 50jährige Yen in seinem Heimatland fleißig weiter, um die Früchte seines späten Ruhmes bestmöglich auszukosten. Dabei blieb er seiner Auswahl stets treu und agierte entweder bunt kostümiert vor historischem Hintergrund oder gab den modernen Prügel-Polizisten mit weichem Herz und harter Faust. SPECIAL ID fällt natürlich in letztere Kategorie und präsentiert seinen Star in der Eröffnungssequenz als tätowierten Hooligan, der erst mit seinen Gegnern Mahjong spielt, bevor er sich mit ihnen einen saftigen Schlagabtausch auf bestimmt recht hässlich pikenden Spielwürfeln liefert. Das nachfolgende Streitgespräch mit seinem Vorgesetzten entlarvt ihn dann hurtig als verdeckten Ermittler, dessen Gangster-Montur lediglich eine geschickte Tarnung darstellt – denn Gangster ohne Tätowierungen, so etwas gibt es schließlich nicht.

Zugegeben: Das ist alles nichts Neues und ähnliche Konstellationen sind nicht nur aus den Paradebeispielen KILL ZONE und FLASH POINT bekannt, die 2005 und 2007 aufgrund ihrer Opulenz und Kompromisslosigkeit die Fangemeinde begeistert in die Hände klatschen ließen. SPECIAL ID wirkt da wie ein verspäteter Nachklapp und auf den ersten Blick alles andere als innovativ. Doch obwohl man sich auch hier klassischer Themen wie Loyalität, Verrat und verletztem Ehrgefühl bediente, ist SPECIAL ID nicht als überlebensgroße Action-Oper inszeniert, wie besagte Vorzeigestücke, sondern kommt als relativ geerdete Kriminal- und Kriminellengeschichte daher, die zudem, obwohl es auch hier stellenweise nicht unbedingt zimperlich zur Sache geht, auf ausufernde Brutalitäten weitestgehend verzichtet. Dafür reicherten die Autoren Tai Lee-Chan [→ IP MAN] und Kam-Yuen Szeto [→ DOG BITE DOG] das Geschehen mit einer ordentlichen Portion Screwball-Comedy an und lassen Donnie Yen und seine Co-Partnerin Tian Jing [→ POLICE STORY – BACK FOR LAW] mehrere humorsprühende Wortgefechte austragen, was sich trotz des vermeintlichen Widerspruchs nicht nur mit den ansonsten wenig harmoniebedürftigen Ereignissen verträgt, sondern sie sogar unterstützt, verleiht sie den ansonsten eher rudimentär charakterisierten Figuren doch die dringend benötigten sympathisch-menschlichen Züge.

Obwohl die Idee der erzwungenen Mann-Frau-Konstellation, bei welcher sich beide Parteien zunächst nicht ausstehen können und sich eifrig gegenseitige Kabbeleien liefern, bevor sie dann schließlich doch eine perfekte Einheit bilden, natürlich einen Bart von Wanne-Eickel bis nach Nanhai hat, funktioniert das Schema hier prächtig, was vor allem daran liegt, dass die Protagonisten bereits von Haus aus einen äußerst einnehmenden Eindruck machen. Tian Jing ist als Fang Jing schlichtweg reizend und beeindruckt neben ihrer Niedlichkeit auch durch ihre Physis. Wenn sie aus heiterem Himmel ihren Autositz mit den 'Hello Kitty'-Bezügen (ja, wirklich!) verlässt und ohne Umschweife damit beginnt, gekonnt in gegnerische Hintern zu treten, dann fühlt man sich an deutlich ältere Zeiten erinnert, als die 'Deadly China Dolls' noch eine eigene Unterkategorie des Genres 'Hongkong-Action' bildeten. Und auch Donnie Yen agiert hier nicht wie ein von Schicksal und Schlägen gebeutelter Zyniker, wie so häufig, sondern erinnert an den draufgängerischen Jungspund, den er zu Beginn seiner Karriere überwiegend verkörperte. So hat SPECIAL ID dann am Ende deutlich mehr mit dem verspielten RED FORCE gemein als mit dem bedeutungsschwangeren KILL ZONE.

Einen wirklichen Zwiespalt, was seine Mission angeht, scheint Chen Zilong dann auch nicht mit sich herumzutragen. Wo in gängigen Undercover-Storys in der Regel ein innerer Konflikt entsteht zwischen der eigenen Identität und jener, die man annehmen muss, hat Chen einfach nur Angst, aufzufliegen – was gewissermaßen unnötig ist, denn irgendwie weiß hier so ziemlich jeder, Freund wie Feind, bereits über sein Doppelleben Bescheid, was schon irgendwie ziemlich drollig ist. Allerdings ist das auch kein Wunder, denn wirklich vorsichtig geht Chen nicht zu Werke und unterhält sich auch schon mal lautstark und auf offener Straße mit seinem Vorgesetzten über den Job, was doch einiges an Plausibilität vermissen lässt. Doch solch kleine Ungereimtheiten kann man locker verschmerzen, zumal sich SPECIAL IP generell nicht allzu wichtig nimmt und bereits von Grund auf darauf verzichtet, großartig mehr sein zu wollen als ein knackiger Klopper für zwischendurch. So kommt es dann auch, dass zwei mittige Rückblenden, die wohl so etwas Ähnliches wie epische Breite vorgaukeln sollen, merkwürdig fehl am Platze wirken. Denn am Ende bleibt die Story simpel konstruiert, verzichtet auf Ballast und unnötiges Personal und geriet damit erfreulich übersichtlich. Die Action ist dazu großzügig verteilt, Stunts, Keilereien und Verfolgungsjagden geben sich die Klinke in die Hand. Logisch, dass auf Schusswaffengebrauch immer dann verzichtet wird, wenn es dramaturgisch viel besser passt, sich gegenseitig mit Hand und Fuß das Fell zu gerben. Auch hier erinnert SPECIAL ID wieder an das Hongkong-Kino der 80er Jahre. Wenn Tian Jing sich einen rustikalen Schlagabtausch liefert, auf engsten Raum gepfercht, in der Kabine eines fahrenden Autos (aus dem sie im Anschluss natürlich unbeschadet herausspringt), dann lautet die Devise: Waghalsigkeit vor Wirklichkeitsnähe.

Die Zeit vergeht dabei wie im Fluge. Clarence Foks [DRAGON FROM RUSSIA] Polizeisause geriet - nicht zuletzt aufgrund ihrer gekonnten Montage - ausgesprochen rasant und dynamisch und langweilt nicht eine Sekunde. Das ist erstaunlich, soll es hinter den Kulissen doch immer wieder zu künstlerischen Querelen gekommen sein, die das Projekt verzögerten und verteuerten. Davon jedoch ist nichts zu spüren. SPECIAL ID ist ein gefälliger, gut gelaunter Beitrag in Donnie Yens Vita, ein kurzweiliges Kampfsport-Vergnügen mit knackigem Tempo, etwas Typenkomik (ein Gangster brüllt die ganze Zeit vollkommen grundlos herum, was doch recht amüsant ist) und ausnahmsweise auch mal ohne versteckte ideologische Staatsbotschaften. Die deutsche Sprachfassung kommt ebenfalls sehr anständig daher, auch, wenn Tian Jing eine etwas nervige Stimme abbekam und man sich erst ein paar Augenblicke lang daran gewöhnen muss, dass Donnie Yen hier wie Colin Farrell klingt. Doch insgesamt gibt es hier erfreulich wenig zu meckern. Fans schnörkelloser Hongkong-Action können sich diese spezielle Identität ohne Gewissensbisse zulegen.

Laufzeit: 95 Min. / FSK: ab 16

Dienstag, 7. Februar 2017

ZHAO - DER UNBESIEGBARE

[TIAN XIA DI YI QUAN][HK][1972]

Regie: Chung Chang-Hwa
Darsteller: Lo Lieh, Wang Ping, Chao Hsiung, Tien Feng, Bolo Yeung, Fang Mien, Kim Ki-ju, Tung Lin, James Nam, Ku Wen-Chung, Yukio Someno, Chan Shen

"Eine hochexplosive Packung Dynamit, deren Sprengkraft alle bisherigen Maßstäbe des Actionfilms zertrümmert." [Trailer lügen nicht!]

Sung Wu-Yang [Ku Wen-Chung], Lehrer einer Kung-Fu-Schule, weiß, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Da in Kürze ein wichtiges Turnier stattfindet, rät er seinem geschätzten Schüler Chao Chih-Hao [Lo Lieh] daher, sich in die Lehre von Meister Suen Hsin Pei [Fang Mien] zu begeben, um dort die bestmögliche Ausbildung zu erhalten. Nach kurzem Zögern bewirbt sich Chao wie empfohlen, unterliegt bei der Aufnahmeprüfung jedoch im Zweikampf und wird zunächst zum Küchendienst verdammt. Doch Suen bemerkt schnell, welch Potential in dem jungen Mann steckt und sein demütiges Wesen überzeugt ihn schließlich, ihn zum Training zuzulassen. Doch dann droht Ärger in Gestalt des machthungrigen Meisters Meng Tung-Shan [Tien Feng], der möchte, dass sein Sohn Tien-Hsiung [Tung Lam] das anstehende Turnier gewinnt und dem die Fähigkeiten Chaos daher ein Dorn im Auge sind. So wirbt er den knallharten Kämpfer Chen Lang [Kim Ki-Ju] an, der Chao provoziert und die Schüler Suens terrorisiert. Chao kann Chen im Zweikampf besiegen, was ihm den Respekt seines Meisters einbringt, der infolgedessen beschließt, ihn in die gefürchtete 'Technik der Eisernen Faust' einzuweihen – ein Privileg, das nur die wenigsten genießen. Das wiederum gefällt Han Lung [James Nam] nicht – ein weiterer Schüler Suens, der Chao den Erfolg neidet. Han läuft zu Meng über und gemeinsam spinnen sie eine Intrige, die Chao seine Hände kosten wird. 

Die Brüder Runme und Run Run Shaw feierten ihren größten Triumph ab Mitte der 60er Jahre, als sie damit begannen, Asiens Kinosäle mit einer gigantischen Welle an Kung-Fu-Epen zu fluten, deren Erfolg trotz eines nahezu astronomischen Ausschusses über 15 Jahre lang niemals so wirklich abebben wollte. Neben dem enormen Wiedererkennungswert der Produktionen (herrührend aus der Langzeitverpflichtung bestimmter Darsteller und wiederholtem Einsatz vertrauter Sets) lag das vor allem daran, dass sie in der Regel deutlich gewissenhafter und durchdachter gefertigt waren als die oft schleunig übers Knie gebrochenen Schnellschüsse der Konkurrenz. Als Beleg für diese These sei ZHAO – DER UNBESIEGBARE gereicht, der 1972 erstmalig das Licht der Leinwand erblickte und außerhalb Deutschlands in erster Linie als KING BOXER bekannt ist. Die Geschichte zweier sich in den Haaren liegender Kung-Fu-Schulen mag dabei zwar wie ein alter Hut klingen, zu Beginn der 70er Jahre jedoch war die Idee noch relativ neu, was man der Frische der Erzählung auch durchaus anmerkt. Regisseur Chung Chang-Hwa [→ VENUS MIT DEN 1000 GESICHTERN] beging zudem auch nicht den Fehler, FIVE FINGERS OF DEATH (so ein weiterer Alternativtitel) zu einer banalen Dauerbalgerei verkommen zu lassen, sondern zeichnet den Weg Chaos (der im deutschen Titel zu Zhao wurde) von der Küchenhilfe zum Kung-Fu-Triumphator als von Entbehrungen und Schicksalsschlägen gesäumten Selbstfindungsprozess, der zwar nicht frei von Kitsch und Klischee, aber doch stets nachvollziehbar und interesseweckend vonstattengeht.

Tatsächlich investiert die von Kong Yeung [→ STÄRKER ALS 1000 DRACHEN] erdachte Fabel mindestens ebenso viel Leidenschaft in ihre Figuren wie in ihre Fights und setzt die körperlichen Auseinandersetzungen nicht redundant ein, sondern mit Bedacht und Geschick. So sind es vor allem die Kleinigkeiten, die das perfekt in Szene gesetzte Martial-Arts-Märchen zu besonderem Glanze verhelfen: Als Chao beschließt, seinen alten Meister zu verlassen und somit auch dessen Tochter Ying Ying, die in unausgesprochener Liebe zu dem jungen Kämpfer erblüht ist, und er ihr zum Abschied stumm und zärtlich über die tränenbenetzte Wange streicht, dann mag das nur ein flüchtiger Moment sein, bildet jedoch einen latent effektiven Kontrast zum blutigen Kampfgeschehen. Lo Lieh [→ DAS TODESDUELL DER TIGERKRALLE] (der sich später aus irgendeinem Grunde überwiegend mit eher undankbaren Nebenrollen begnügen musste) verkörpert die Titelfigur als konstant besonnen agierenden Ehrenmann, der trotz seiner oftmals passiven Art und ausgemachten Musterknabenattitüde niemals langweilig wirkt, sondern stets sympathisch und liebenswert. Los Chao ist kein klassischer Actionheld, der sich in coole Posen wirft, markige Sprüche vom Stapel lässt und sich dann mit Leichtigkeit durch seine Gegner pflügt. Chao ist eigentlich friedlebend, verweigert sich mehrmals dem Kampf und reagiert in der Regel immer erst dann, wenn er wirklich keine Wahl mehr hat. Dem deutschen Titel zum Trotze ist er auch mitnichten unbesiegbar und muss bis zum Finale einiges an Rückschlägen einstecken, was darin gipfelt, dass ihm, nach Vorbild von Sergio Corbuccis Western-Markstein DJANGO, die Hände zertrümmert werden.

Zarte Seelen mögen solche Momente womöglich erschrecken, insgesamt jedoch geriet die Gewaltdarstellung eher moderat – mit einer Ausnahme freilich, die in ihrer Comic-Ästhetik allerdings eher zum Schmunzeln als zum Schaudern einlädt, wenn einem bedauernswerten Unglücksraben beide Augäpfel herausgerissen werden. Quentin Tarantino adaptierte für sein Meisterwerk KILL BILL nicht nur diese Idee, sondern auch gleich den sirenenartigen Sound, der diese Szene begleitet (und der hier wiederum aus der TV-Serie DER CHEF annektiert wurde). Dazu gesellen sich ein paar effektive Kunstblutfontänen und lustige Klänge aus der Geräuschekammer, die Knochenbrüche und Körperschäden signalisieren sollen. Die Zeit dazwischen ist besonnen und angenehm unaufgeregt inszeniert und bietet ein buntes Potpourri aus Verrat, Intrigen, Eifersucht und einem Quentchen Rassismus (auffallend viele Missetäter sind unchinesisch). Die von den Kameramännern Wong Wing-Lung [→ TI LUNG – DER TEMPEL DES ROTEN LOTUS] und Choi Seung-Woo [→ THE THUNDERBOLT FIST] eingefangenen Bilder sind ein echter Augenschmaus und zeigen neben den aufwändigen und prachtvoll ausgestatteten (manchmal allerdings auch etwas artifiziell wirkenden) Studiobauten auch echte Außenaufnahmen, was für visuelle Abwechslung sorgt.

Als Antagonisten sieht man Tien Feng [→ WU KUNG – HERR DER BLUTIGEN MESSER], der als schurkischer Kung-Fu-Lehrer herrlich fies und verschlagen agiert, sowie Tung Lam [→ KUNG-FU-BRIGADE SCHWARZER PANTHER] als dessen missratener Sohn, der die Bosheit seines Erzeugers offenbar geerbt hat. Kim Ki-Ju [→ DIE TÖDLICHEN ZWEI] darf in der Rolle des Vollstreckers Chen Lang ein bisschen mehr als nur der tumbe Bösewicht sein und im Laufe der Handlung ein wenig an Profil gewinnen, während die weibliche Belegschaft, bestehend aus Wong Gam-Fung [→ DIE RACHE DER GELBEN TIGER] als Sängerin, die dem Helden schöne Augen macht und ihm wiederholt das Leben rettet, sowie Wang Ping [→ TI LUNG – DUELL OHNE GNADE] als dessen tatsächliches Liebchen, fast schon Shaw-Brothers-typisch ein wenig unterfordert wirken. Und weil das noch nicht genug der Konflikte wäre, darf James Nam [→ DIE 13 SÖHNE DES GELBEN DRACHEN] als Han Lung dann noch mal tüchtig gegen den Titelhelden intrigieren, da dieser ihm den Erfolg beim Training und beim schönen Geschlecht neidet und ebenfalls Interesse an der attraktiven Sängerin hegt. Die Dreiecksgeschichte, die sich aus dieser Konstellation ergibt, ist interessanterweise nicht etwa Ausbremser, sondern bisweilen sogar Motor der Handlung und auch alles andere als langweilig geraten.

Hocherfreulich ist die Ernsthaftigkeit, mit welcher die Geschichte erzählt wird. Auf humoristische Einlagen oder alberne Witzfiguren hat man vollkommen verzichtet, und auch die deutsche Synchronisation geriet ungemein sorgfältig und erspart sich dumme Sprüche – beileibe keine Selbstverständlichkeit in diesem Genre und dieser Epoche. So eignet sich ZHAO – DER UNBESIEGBARE aufgrund seiner Seriösität, Kompetenz in Sachen Action und Anspruch und zeitweilen innovativer Ideen (wie ein finaler Kampf, der in völliger Finsternis stattfindet - eine nette Hommage an den Thrillerklassiker WARTE, BIS ES DUNKEL IST) auch als apartes Anschauungsobjekt für all jene, die sich von den Qualitäten des Martial-Arts-Genres erst noch überzeugen lassen möchten.

Laufzeit: 97 Min. / FSK: ab 16

Montag, 23. Januar 2017

LAUF UM DEIN LEBEN

[CORRI, UOMO, CORRI][ITA/FR][1968]

Regie: Sergio Sollima
Darsteller: Tomas Milian, Donald O'Brien, John Ireland, Linda Veras, Marco Guglielmi, José Torres, Luciano Rossi, Nello Pazzafini, Gianni Rizzo, Dante Maggio, Umberto Di Grazia
 
 
"Bring sie um! Mit Herz und Gefühl von mir aus. Aber möglichst viele!" 
 
Als der sympathische Tagedieb Cuchillo [Tomas Milian] nach einer nervenzehrenden Hatz durch die Sierra Nevada nach Hause zurückkehrt, hat er gleich schon wieder Pech und landet erneut schuldlos hinter Gittern. Dort trifft er den Revolutionsführer Ramirez [José Torres], der ihn bittet, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. 100 Dollar winken dafür als Belohnung. Das lässt sich Cuchillo natürlich nicht zweimal sagen, und tatsächlich gelingt den Beiden trickreich die Flucht. Im Lager der Revolutionäre allerdings wartet schon der Bandit Riza [Nello Pazzafini] auf die Männer. Er ist auf das Gold scharf, das Ramirez zur Finanzierung der Revolution gegen den Diktator Diaz an einem geheimen Ort bunkerte. Es kommt zu einem Gefecht, in dem Ramirez getötet wird. Vorher jedoch überreicht er Cuchillo noch einen Zeitungsartikel, der Hinweise auf das Versteck enthält, und bittet ihn, das Gold vor den anderen Parteien in Sicherheit zu bringen. Und schon befindet sich Cuchillo wieder auf der Flucht, denn neben dem Banditen Riza sind nun auch noch der geheimnisvolle Ex-Sheriff Cassidy [Donald O'Brien] sowie die beiden französischen Killer Savigny [Marco Guglielmi] und Jean-Paul [Luciano Rossi] hinter ihm her.

In der überaus erklecklichen Masse an Italo-Western, die ab Mitte der 60er Jahre die Lichtspielhäuser befiel, befand sich fraglos auch jede Menge Mist und Mittelmaß. Brachte das Genre hingegen Höhepunkte hervor, dann waren es nicht selten absolute Hochkaräter, die Kritiker und Konsumenten gleichermaßen in die Hände klatschen ließen. Zu den besagten Glanzlichtern zählen ohne jede Frage die Beiträge von Regisseur Sergio Sollima, der mit DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE [1966] und VON ANGESICHT ZU ANGESICHT [1967] zwei überragende Abenteuerepen schuf und dabei seiner Fabulierlust freien Lauf lies. Bevor Sollima sich von den Revolverhelden abwandte, um stattdessen Killer und Piraten auf die Leinwand loszulassen, sollte der 1968 auf den Weg gebrachte LAUF UM DEIN LEBEN die Wildwest-Trilogie komplettieren. Zu diesem Zwecke griff er die Figur des Cuchillo wieder auf, der zwei Jahre zuvor von Lee van Cleef durch die Sierra Madre gehetzt wurde, und kreierte eine Handvoll neuer Herausforderungen für den herzlichen Halunken, der natürlich abermals in Gestalt seines Spezis Tomas Milian auftritt. Dieser mauschelt sich auch in der Fortsetzung des Kassenerfolgs in gewohnter Spitzbübigkeit durch das Geschehen und entkommt mal mit Glück, mal mit Verstand, überwiegend aber mit geschicktem Messerwurf jeder noch so lebensbedrohlichen Bredouille. Das macht zwar überwiegend Laune, die Klasse des grandiosen Vorgängers allerdings wird dabei dennoch nicht erreicht.

Die Gründe dafür sind gar nicht mal so einfach zu eruieren. Immerhin bietet Sollima auch hier wieder die volle Bandbreite an großen Panoramen, fetzigem Posaunenklang und revolutionärem Pulverdampf. Woran es hingegen mangelt, ist die erzählerische Dichte, welche die Vorgeschichte noch so ungemein packend werden lies. LAUF UM DEIN LEBEN zerfällt dafür in mehrere Einzel-Episoden, die zwar stets durch die (fast schon obligatorische) Goldschatz-Hatz brauchbar zusammengekittet werden, auf Dauer aber ein wenig beliebig ums Eck kommen. Zudem fehlt es dieses Mal entschieden an einem kompetenten Kontrahenten. Milian spielt richtig gut, keine Frage, aber wirklich zur Geltung kommt sein Spiel eigentlich immer erst dann, wenn er es gegen einen würdigen Nebenbuhler einsetzen kann – eben einen wie den von Lee van Cleef verkörperten Kopfgeldjäger Jonathan Corbett, der ihn zwei Jahre zuvor noch durch die Berge scheuchen durfte. Hier heftete man Cuchillo zwar gleich einen ganzen Trupp an zwielichtigem Personal auf die Fersen, wirklich ernsthafte Konkurrenz ist für ihn allerdings nicht dabei. Nello Pazzifini [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU] als grobschlächtiger Bandit Riza erscheint als Klischee-Schurke von der Stange nicht wirklich gefährlich, und die beiden französischen Killer Jean-Paul [Luciano Rossi (→ DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE)] und Michel [Marco Guglielmi (→ DER TEPPICH DES GRAUENS)] treten viel zu selten in Erscheinung, als das sie als ernstzunehmende Gegner gelten dürften. Am ehesten anfreunden kann man sich daher noch mit dem geheimnisvollen Ex-Gesetzeshüter Cassidy [Donald O'Brien (→ KEOMA)], der Cuchillo immer wieder mal über den Weg läuft und ihm auch einige Male (nämlich immer genau dann, wenn dem Drehbuch absolut nichts Besseres mehr einfällt) den mexikanischen Hintern retten darf.

Zudem geriet LAUF UM DEIN LEBEN insgesamt ein bisschen zu verspielt. Zwar besaß auch der Vorgänger eine nicht zu leugnende humorige Note, so leichtfüßig wie hier ging es nun allerdings auch wieder nicht zu. Wie sehr Scherz und Schrecken hier Hand in Hand gehen, verdeutlicht bereits eine Szene zu Beginn, als Cuchillo erst etwas Essbares aus einem Haus stibitzt, gemütlich kauend vor die Türe tritt, plötzlich bemerkt, dass er mitten in eine Exekution geplatzt ist und infolgedessen schleunigst die Beine in die Hand nimmt. Auch im weiteren Verlauf wird der amüsierte Grundton beibehalten. Nach Ankunft bei seiner Geliebten fängt sich Cuchillo erst einmal eine saftige Ohrfeige, bevor er verspricht, ihr ein schönes Begrüßungsgeschenk zu machen (das er allerdings erst noch stehlen muss). Und als der wegen seiner Erfolgsquote beim Messern von allen nur „Stechmücke“ genannte Tunichtgut seine Waffen ablegen soll, um gesiebte Luft atmen zu dürfen, gehen den Beamten angesichts der Fülle der zu Tage geförderten Klingen fast die Augen über. Selbst das Foltern verkommt hier zur launigen Schelmerei, wenn Cuchillo an einen Windmühlenflügel gefesselt ein paar unfreiwillige Runden drehen darf und immer, wenn er unten angekommen ist, gleich auch noch eine Schelle verpasst bekommt. Hin und wieder blitzen zwar mal leise Kapitalismuskritik oder sanfter Tadel an Staatswillkür und Machtmissbrauch auf (Geld und Gold verderben auch hier den Charakter, und die Beamten sind erneut inkompetent und korrupt), insgesamt jedoch beugen sich politische Stellungnahmen dieses Mal brav dem Spaß an der Freud.

Aber das ist ja auch gar nicht schlimm, denn Cuchillos zweite Hatz unterhält auch jenseits jeder Botschaft ganz und gar prächtig. Für zusätzliche Komik (und etwas sexy Salz in der Suppe) sorgen die beiden weiblichen Sidekicks, die zwar zugegebenermaßen ein wenig frauenfeindlich gezeichnet wurden, was aber bei der ganzen permanenten Augenzwinkerei nun nicht wirklich negativ ins Gewicht fällt. Als heißblütige Dolores sieht man Chelo Alonso [→ ZWEI GLORREICHE HALUNKEN], die Cuchillo um jeden Preis ehelichen möchte, ihm aber zwischen ihren Liebesschwüren eine Maulschelle nach der nächsten verabreicht und in bester Sadomaso-Manier erst dann wieder gefügig wird, wenn dieser gepflegt zurückscheuert. An ihrer Seite erlebt man Linda Veras [→ SABATA] als strenggläubige Heilsarmeeangehörige Penny, die Cuchillo quasi vom Wegesrand weg als neuen Assistenten engagiert (den alten verscharrte sie bei ihrer ersten Begegnung gerade im Sand) und aufgrund ihrer übertriebenen Prüderie und Naivität einige Lacher einheimsen kann.

LAUF UM DEIN LEBEN endet nach einem wunderbaren Showdown mit reichlich Schuss- und Stichwaffengebrauch mit einem wohlvertrauten Bild: Cuchillo ist frei, aber wieder auf der Flucht. Offenbar hielt man sich die Option für ein weiteres Abenteuer offen. Dass es nie dazu kam, bietet durchaus Anlass zum Bedauern. Denn auch, wenn Cuchillos zweiter Auftritt hinter seinem Debüt zurückstecken muss und die Regie Sollimas hier deutlich weniger ambitioniert daherkommt, so bleibt die ganze Angelegenheit doch eine überaus gelungene Veranstaltung mit Pfiff, Schliff und gern gesehenen Genre-Gesichtern. Kein Grund zum Weglaufen!

Laufzeit: 115 Min. / FSK: ab 12

Donnerstag, 22. September 2016

TI LUNG - DIE TÖDLICHE KOBRA

[SIU LAM YING HUNG][1980]

Regie: Wu Ma, Pao Hsueh-Li
Darsteller: Ti Lung, Shih Szu, Danny Lee, Michael Chan Wai-Man, Tan Tao-Liang, Wang Chung, Wong Ching, Goo Chang, Wu Ma, Tsai Hung, Li Hao, Joh Yau

„In der zweiten Hälfte der Ming-Dynastie wurde das ganze Land von Unruhen und Revolten erschüttert. Ein skrupelloser und machtgieriger Fürst hatte es sich zum Ziel gesetzt, das ganze Land für sich zu erobern. Und er hatte den Shaolin-Mönchen verboten, zu kämpfen. Taten sie es trotzdem, lies er sie umbringen und ihre Tempel niederbrennen.“

(Gäbe es diese gesprochenen Einleitungen nicht, man stünde in Asiens Kung-Fu-Kino vermutlich oftmals ziemlich auf dem Schlauch.)

Einer der gnadenlosesten Vollstrecker dieses grausamen Fürsten ist Zen Chong [Ti Lung]. Früher einmal selbst ein Mönch der Shaolin, spielt er nun auf der Gegenseite und liefert seine ehemaligen Kameraden eiskalt ans Messer. Immerhin ein wenig Restskrupel scheint er dennnoch zu besitzen und überredet den manchurischen Herrscher, die Überlebenden des Tempels nicht hinrichten, sondern lediglich gefangennehmen zu lassen. Dafür legt er auch eine gute Begründung vor: Im Geheimen existiere noch eine letzte Widerstandsgruppe der Shaolin. Unter Folter, so Zens Versprechen, werde er den Gefangenen den Ort des Versteckes abringen können. Es beginnt eine qualvolle Zeit für seine ehemaligen Mitschüler. Abseits der Folter tritt Zen zudem regelmäßig in Kung-Fu-Kämpfen gegen sie an, um sie durch seine Siege endgültig zu demütigen. Doch nach geraumer Zeit schwarnt den Gefangenen, dass Zen mit seinem Vorhaben womöglich ganz andere Ziele haben könnte...

Ti Lung war einer der wenigen Darsteller des Hongkong-Kinos, denen in den 60er und 70er Jahren auch in Deutschland so etwas Ähnliches wie Star-Ruhm zuteil wurde – nicht zuletzt auch aufgrund des Zutuns der hiesigen Verleiher, die seinen Namen das eine ums andere Mal dem offiziellen Titel voranstellten. TI LUNG – DUELL OHNE GNADE nannte sich das dann, oder TI LUNG – DER TÖDLICHE SCHATTEN DES MR. SHATTER. Oder eben auch TI LUNG – DIE TÖDLICHE KOBRA. Zwar ist das von der Aussage her eigentlich unzutreffend, da sein Charakter (zumindest in der Synchronfassung) immer nur 'Panther' gerufen wird, aber es ist nicht davon auszugehen, dass jemand deswegen ernsthaft sein Geld an der Kasse zurückverlangt hat. Fans des charismatischen Schauspielers kommen hier nämlich voll und ganz auf ihre Kosten und dürfen bereits in der Eingangssequenz Zeuge davon werden, wie ihr Held ordentlich Handkanten verteilt und seine Gegner gekonnt auf die Bretter schickt. Alles, wie es sein sollte, könnte man meinen. Und dennoch ist hier alles ein bisschen anders. Denn während Ti beim Großteil seiner Rollen als tadelloser Musterknabe agierte, steht seine tödliche Pantherkobra auf Seite des gewalttätigen Manschuren-Fürsten und lässt in besagter Eröffnung einen Orden friedlebender Shaolin-Möche brutal zur Strecke bringen.

Aus dem Umstand, dass er dabei durchaus Skrupel hegt, wird allerdings von Anfang an kein großes Geheimnis gemacht, und dass Zen Chong kein durch und durch verworfener Charakter ist, wird zumindest dem Publikum auch schnell klar. Dennoch bleiben seine wahren Intentionen für längere Zeit im Verborgenen und erst nach und nach kristalliert sich heraus, worin sein eigentlicher Plan besteht. Allzu kompliziert zu erraten sind die Zusammenhänge freilich nicht, so dass dem Publikum auch wesentlich früher ein Licht aufgeht als den doch recht begriffsstutzigen Filmfiguren, die quasi bis zum Ende komplett im Dunkeln tappen (die meiste Zeit sogar im wahrsten Sinne des Wortes, denn in so einen Kerker scheint bekanntlich nicht allzu viel Sonne rein). Wirklich überraschende Wendungen bleiben somit – das recht unerwartete Ende mal ausgenommen – fast vollkommen aus und die Ereignisse verlaufen insgesamt in eher absehbaren Bahnen. Dazu passend wurde auch auf eine epische Breite verzichtet; die Anzahl der Schauplätze lässt sich mühelos an einer Hand abzählen. Nach blutigem Beginn im Tempel der Shaolin verlangert sich das Geschehen überwiegend in die freie Natur oder das feuchte Verlies der fürstlichen Festung. Durch die Beschränkung auf diese Notwendigkeiten gleicht DIE TÖDLICHE KOBRA über weite Strecken sogar eher einem vor historischem Hintergrund erzählten Gefängnisdrama als einem klassischen Vertreter des gemeinen Knochenbrecher-Spektakels.

Einer der Hauptgründe für die spärliche Präsentation ist sicherlich der Umstand, dass sich hier ausnahmsweise einmal nicht das renommierte Studio der 'Shaw Brothers' für die Produktion verantwortlich zeigte, sondern die nahezu unbekannte Gesellschaft 'Yen Sing Cinema'. Diese dürfte in Sachen Finanzmittel gerade mal einen Bruchteil der damals dominierenden Kung-Fu-Schmiede zur Verfügung gehabt haben und musste somit auf die oft sehr aufwändig gestalteten Kulissen der Konkurrenz verzichten. Trotz des Verzichts auf bombastische Sets und ausladende Panoramen wirkt DIE TÖDLICHE KOBRA allerdings in keinem Augenblick billig oder gar aus zweiter Reihe. Ganz im Gegenteil unterstreicht die nüchternde Kargheit nochmals den vorherrschenden Pessimismus und geht mit der trostlosen Grundstimmung quasi Hand in Hand. Damit unterscheidet man sich deutlich von den vielen oft reichlich albernen Fließbandprodukten jener Zeit, zumal man hier auch ohne unnötig übertriebene Sprung- und Flug-Manöver auskommt. Doch nicht nur, dass die Kämpfe stets bodenständig bleiben, sie wurden auch sinnvoll in die Handlung integriert und nicht etwa mit heißer Nadel ins Skript gestrickt, wie so häufig der Fall. Auch der konsequente Abstand von humoristischen Einschüben und infantiler Typenkomik macht sich äußerst positiv bemerkbar.

Stattdessen schrieb man sich Realismus auf die Fahnen – was DIE TÖDLICHE KOBRA auch für jenes Klientel goutierbar macht, das sich ansonsten weniger für asiatische Kämpfer in historischen Gewändern erwärmen kann. Der triste Tenor und die realistisch anmutende Rohheit der Präsentation gehen dabei natürlich unweigerlich zu Lasten des oft märchenhaften Klimas etlicher Shaw-Brothers-Produktionen (allenfalls wenige Werke wie DER RÄCHER AUS DER TODESZELLE böten sich zum Vergleich an). An Shaw erinnert somit fast ausschließlich nur noch der Stab, der einiges an kompetentem Personal des damaligen Platzhirschen sowohl vor als auch hinter der Kamera versammelte. So begegnet man neben Aushängeschild Ti Lung unter anderem auch Danny Lee [→ DER KOLOSS VON KONGA] und Wu Ma [→ DIE SIEBEN SCHLÄGE DES GELBEN DRACHEN] in den düsteren Verliesen - wobei letzterer gemeinsamen mit Pao Hsueh-Li [→ DER PIRAT VON SHANTUNG] sogar den Regiestuhl drückte. Die Inszenierung der beiden alten Hasen geriet dann auch überaus kompetent, während das Drehbuch mit einigen großartigen Szenen aufwarten kann. Höhepunkt ist dabei sicherlich die Sequenz, in welcher der Titelheld während einer Tanzdarbietung versucht, einen Anschlag auf den Fürsten zu verhindern.

"An diesem Mann wäre sogar Bruce Lee gescheitert", verkündete einst das deutsche Plakat leicht vermessen. Das dürfte nun schwerlich zu beweisen sein. Aber davon mal abgesehen, wäre ein derartiger Vergleich ohnehin nicht wirklich angebracht, da die Prämissen völlig unterschiedlich sind. DIE TÖDLICHE KOBRA erzählt keine Kriminal- und Gangstergeschichte mit einem integren Superfighter auf privatem Rachefeldzug. Dafür bietet das auf Minimalismus setzende Kostüm-Drama nicht nur verschworenen Genrefreunden einen lohnenden Ausflug in die kalten Kerker der Ming-Dynastie. Der Ton ist ruppig, die Attitüde ist rau und die Kämpfe sind von knochentrockener Härte. Besonders das abschließende Duell zwischen dem Titelhelden und Michael Chan holt noch mal so richtig Kastanien aus dem Feuer. „Ein Held zu sein heißt, durch die Hölle gehen“, heißt es an einer Stelle. Ti Lung tritt den Beweis an.

Laufzeit: 102 Min. / FSK: ohne

Donnerstag, 15. September 2016

DIE TÖDLICHEN SCHWINGEN DES ADLERS

[BAAI CO SI FU KAU CO TAU][HK][1979]

Regie: William Cheung Kei
Darsteller: John Cheung Ng-Long, Hwang Jang-Lee, Cheng Kang-Yeh, Fan Mei-Sheng, Chin Pei-Ling, Chiang Kam, Kao Yuen, Pan Yung-Sheng, Chan Fei-Lung, Mai Kei, Chan Leung, Cheung Hei
 

„Meister Lo! Ihr habt keinen Grund, mich zu töten.“ - „Ich wurde beauftragt, dich zu töten.“ - “Von wem?“ - „Von deiner eigenen Familie.“ (was so anfängt, kann eigentlich gar nicht wirklich schlecht sein)

China, irgendwann um die Quing-Dynastie herum: Der junge Tai [John Cheung Ng-Long] besucht zwar eine Kung-Fu-Schule, darf aber kaum etwas dazulernen. Dieses Privileg gönnt sein Meister in der Regel lediglich Schülern aus besser betuchtem Hause. Stattdessen wird Tai tagtäglich dazu gezwungen, als Küchenhilfe zu schuften. Als ihn der arrogante Schüler Fatty [Chiang Kam] provoziert, kommt es eines Tages zum Eklat und Tai verlässt die Schule. Auf der Suche nach einem neuen Meister begegnet er zunächst dem Strauchdieb Hsiao Lung [Cheng Kang Yeh], mit dem er sich einen Kampf um ein paar Fische liefert. Tai geht als Sieger hervor und Hsiao schwört ihm blutige Rache. Mit dem freundlichen Bettler Chin Pai To [Fan Mei-Sheng] hingegen teilt Tai im Anschluss gern seine Mahlzeit. Bald begegnet Tai dem Kung-Fu-Kämpfer Lo Hsin [Hwang Jang Lee] und wird staunender Zeuge von dessen tödlicher 'Adlerkrallen'-Technik. Begeistert fleht er Lo an, ihn zu unterrichten - was dieser ihm nach einiger Zeit auch gewährt. Was Tai nicht ahnt: Lo ist ein gewissenloser Killer, der sich bald mit Hsiao gegen ihn verbündet. Nur gut, dass der so harmlos wirkende Bettler Chin in Wahrheit ein begnadeter Kämpfer ist. Als Los wahrer Charakter zum Vorschein kommt, nimmt Chin Tai unter seine Fittiche.

Am Anfang war Jackie Chan. Nachdem der chinesische Action-Athlet jahrelang versuchte, an den bahnbrechenden Erfolg von Kampfsport-Ikone Bruce Lee anzuknüpfen (indem er ihn schlicht imitierte), gelang ihm der tatsächliche Durchbruch schließlich im Jahre 1978 mit den beiden von Yuen Woo-Ping inszenierten Kung-Fu-Komödien SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER und DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS. Die Kombination von klassischer Kampfkunst mit Klamauk und Situationskomik verhalf dem mittlerweile festgefahrenen Genre zu neuer Popularität, machte Chan (erst in seiner Heimat, später auch weltweit) populär und ebnete den Weg für eine Flut an Nachahmern und Epigonen. DIE TÖDLICHEN SCHWINGEN DES ADLERS ist einer davon. Der deutsche Titel deutet dabei schon nicht gerade undezent an, dass hier vor allem DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS Pate stand, und tatsächlich verschwendete man nicht allzu viele Ressourcen, um sich etwas großartig Neues auszudenken: Die Kernelemente wurden nur rudimentär variiert und das ganze Szenario kommt einem doch arg vertaut vor.

Statt Jackie Chan erlebt man hier nun also John Cheung als etwas tollpatschigen, doch liebenswerten Haus- und Laufburschen einer Kung-Fu-Schule, der sich erst wild herumschubsen lassen muss, bevor er endlich die Bekanntschaft seines Mentors macht (hier wie dort in Gestalt eines scheinbar klapperigen Bettlers), der den guten Charakter des Helden erkennt und ihn dadurch belohnt, dass er ihn final zum unbesiegbaren Superkämpfer ausbildet. Teeschaalen-Tänze, 'Adlerkrallen'-Technik, finaler Triumph auf freiem Feld - die Bilder gleichen sich, die Inhalte auch, jede Innovation siecht dahin im Schatten des Adlers. Doch so dreist die Kopie im Grunde auch ist, so goutierbar ist sie am Ende dann insgesamt doch geworden (vor allem im Hinblick auf die zahlreichen, oftmals nur schwer erträglichen Klone, die in den Folgejahren noch entstanden). Dabei macht sich das Minimum an Story sogar bezahlt, bleibt die Handlung bei aller Banalität doch stets übersichtlich und verwirrt nicht mit Nebensträngen und -figuren, wie es in diesem Genre häufiger mal der Fall war. So ist die fröhliche Balgerei auch nach gut 70 Minuten schon wieder vorbei, noch bevor sie ernsthaft jemandem auf die Nerven fallen kann.

Natürlich muss man trotzdem eine gesunde Portion Grundaffinität für diese doch sehr spezielle Art von Unterhaltung mitbringen; der berüchtigte pubertäre Hongkong-Humor schlägt sich hier zeitweise gnadenlos Bahn. Wer affige Grimassen, alberne Geräusche und angeklebte Geschwüre nicht verkraften kann, wird hier vermutlich nicht besonders alt werden. Wer dennoch durchhält, wird dafür mit jeder Menge vernünftig choreographierten Hand- und Fußgemengen belohnt, scheint hier doch wahrlich kein Anlass nichtig genug, sich nicht wieder gegenseitig nen Scheitel zu ziehen. Bereits nach zwei Minuten gibt es die ersten beiden Toten, gefolgt von einem Vorspann, in dem Oberschurke Hwang Jang-Lee vor roter Tapete ein Skelett, wie es normalerweise im Biologie-Raum einer jeder vernünftig ausgestatteten Grundschule herumsteht, fachgerecht zerlegt (was strenggenommen eigentlich keine große Leistung ist, denn so ein Skelett wehrt sich ja bekanntermaßen nicht). Hwang ist dann auch der eigentliche Star der fidelen Fäustekirmes. Seit seinem Auftritt als 'Silberfuchs' in dem 1976er Gassenhauer DIE ZWILLINGSBRÜDER VON BRUCE LEE war der in Japan geborene Koreaner quasi Zeit seines Leinwand-Lebens auf den brutalen Fiesling geeicht (und in dieser Funktion passenderweise auch schon in den beiden Blaupausen SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER und DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS dabei). Vor allem durch seine schnelle Beinarbeit erwarb sich der Kampfkünstler bei den Fans rasch eine beachtliche Reputation.

Chang Wu-Lang [→ BORN HERO 3] in der Hauptrolle geht als Jackie-Chan-Verschnitt Charisma und Körperbeherrschung seines Vorbilds zwar ab, liefert davon unabhängig aber dennoch eine brauchbare Vorstellung. Weitere Rollen gingen an Fan Mei-Sheng [→ DIE SIEBEN SCHLÄGE DES GELBEN DRACHEN], welcher Chang etwas unmotiviert Kung Fu beibringen darf, Chiang Kam [→ ZWEI FÄUSTE STÄRKER ALS BRUCE LEE] als obligatorischer peinlicher Fettwanst vom Dienst sowie Cheng Kang Yeh [→ TI LUNG – DUELL OHNE GNADE] als wild stotternde Witzfigur, welche den Helden aufgrund einer harmlosen Herumkasperei gleich unter die Erde bringen möchte. Selbstredend war hier keine große Schauspielkunst gefragt; alle Darsteller bedienen lediglich bekannte (und oftmals beschämende) Stereotypen, was enthemmtes Geblödel nicht nur nicht ausschließt, sondern teilweise explizit verlangt. Auch bleiben die Beweggründe für die Aktionen der Figuren fast ausnahmslos nebulös. Warum Killer Lo dem Helden Tai eigentlich genau das Lebenslicht auspusten möchte, ist nicht wirklich ersichtlich. Der Schurke ist eben einfach böse und mordet, weil jeder Kung-Fu-Film einen bösen und mordenden Schurken braucht. Das muss als Erklärung reichen.

Neue Genrefreunde wird DIE TÖDLICHEN SCHWINGEN DES ADLERS gewiss nicht generieren können. Dazu plätschert alles viel zu unspektakulär vor sich hin. Das reichlich spät eingeführte Rachemotiv (welches natürlich auch alles andere als originell ist) kann das Ruder dann auch nicht mehr herumreißen. Wessen Herz jedoch bereits für kaspernde Kämpfer im Jackie-Chan-Fahrwasser schlägt, der wird hier zufriedenstellend abgeholt und erlebt einen der besseren Vertreter: Der Infantil-Humor übertreibt es nicht, die entschlackte Story bleibt nachvollziehbar und die Kämpfe gehen absolut in Ordnung. Zur simplen Kung-Funterhaltung nebenbei durchaus geeignet!

Laufzeit: 71 Min. / FSK: ohne