Eigene Forschungen

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Samstag, 4. November 2023

SPY DADDY


THE SPY NEXT DOOR
USA 2010

Regie:
Brian Levant

Darsteller:
Jackie Chan,
Amber Valletta,
Madeline Carroll,
Will Shadley,
Alina Foley,
Magnús Scheving,
Billy Ray Cyrus,
George Lopez



Mit Kindern und Tieren kannst du niemals verlieren! Diese Faustformel gilt eigentlich für die Boulevard-Presse, wenn es darum geht, auf möglichst unkomplizierte Weise stagnierende Absatzzahlen anzukurbeln. Doch da sich dieser Leitspruch quasi mühelos auf die Film-Industrie übertragen lässt, bekamen es viele Leinwand-Stars mit trudelndem Marktwert im Laufe ihrer Kino-Karriere mindestens ein Mal aus irgendwelchen dahergelaufenen Gründen mit rebellischem Kindsvolk zu tun. Dass es dabei auffallend oft Action-Helden trifft, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass allein aus dem Umstand, eine Person mit Hartem-Hund-Image in ein familienfreundliches Umfeld zu verlagern und somit zwei völlig verschiedene Welten und Wertsysteme korrelieren zu lassen, bereits eine gewisse Grund-Komik entsteht. Das Paradebeispiel dafür ist KINDERGARTEN COP mit Arnold Schwarzenegger, der sogar als harter Action-Streifen beginnt und seinen Hauptdarsteller als unbesiegbare Killer-Maschine etabliert, bevor er als Kindergärtner durch die Renitenz altkluger Dreikäsehochs an die Grenzen seiner Belastbarkeit katapultiert wird. Im Jahre 2010 traf es dann schließlich auch die Kung-Fu-Ikone Jackie Chan, deren Hollywood-Laufbahn trotz des Kassenschlagers RUSH HOUR [1997] nie so richtig in Gang kam. Um das Ruder der Publikumsgunst herumzureißen, ging man dabei auf fast schon sträflich einfallslose Weise auf Nummer sicher und kreierte ein fadenscheiniges Drehbuch von der Stange, das alle vermeintlichen Erfolgs-Faktoren ebenso pflichtschuldig wie innovationslos durchexerziert.

Inhalt:

Die alleinstehende Mutter Gillian [Amber Valletta] müht sich nach Leibeskräften, Job, Privatleben und Erziehung dreier Kinder unter einen Hut zu bringen. Schützenhilfe bekommt sie dabei von ihrem netten Nachbarn, dem chinesischstämmigen Bob Ho [Jackie Chan], zu dem sie außerdem eine Liebes-Beziehung aufgebaut hat. Die Kinder hingegen mögen den bieder wirkenden Vater-Ersatz so gar nicht und machen dem Paar regelmäßig das Leben schwer. Was weder die Kinder noch die Mutter ahnen: Hinter der harmlosen Fassade Hos verbirgt sich ein gut ausgebildeter Geheimagent. Als Gillian für ein paar Tage das Haus verlassen muss, sieht Ho das als Chance, sich bei ihrem Nachwuchs beliebt zu machen und erklärt sich damit einverstanden, für die Zeit als Aufsichtsperson einzuspringen. Doch die vermeintlich leichte Aufgabe wird zum turbulenten Abenteuer, als Gillians Sohn Ian [Will Shadley] unbemerkt in den Besitz einer vertraulichen Formel gelangt, auf die es der gefährliche Gangster Poldark [Magnús Scheving] ebenfalls abgesehen hat. Schon bald ist eine Unzahl finsterer Gestalten hinter der arglosen Familie her und Bob muss plötzlich nicht nur rebellische Kinder, sondern auch feindliche Agenten unter Kontrolle bringen.

Kritik:

SPY DADDY beginnt recht überraschend mit einer Schnittmontage aus älteren Werken Jackie Chans – inklusive Szenen aus MISSION ADLER [1991], einem seiner großen Klassiker. Der Grund dafür ist klar: Das Publikum soll eingeschworen werden auf den Star der Show, alles dreht sich hier nur um den beliebten Wirbelwind aus Fernost. Doof nur, dass das, was dann folgt, so rein gar nichts mit dem eigentlichen Œuvre der Kampfkunst-Legende zu tun hat. Denn das auf Niedlich- und Familientauglichkeit setzende Szenario tauscht die oft sprachlos machende Rasanz früherer Vorstellungen gegen biedere Behäbigkeit und serviert dazu puritanische Paradigmen aus Hollywoods moralinsaurer Mottenkiste. „Familie hat nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun. Familie, das sind die Menschen, die du liebst und die dich lieben“, lautet eine der Plattitüden, die dem Publikum hier ums Ohr gehauen werden. Auf solch banale Erkenntnisse hat die Welt natürlich gewartet! Derlei Floskeln wirken hier gleich doppelt fehl am Platze, da die Autoren auf jedweden Realitätsbezug verzichteten und stattdessen lieber eine pulpige Comic-Welt entwarfen. So handelt es sich bei der mysteriösen Formel, um die es hier neben der Familienzusammenführung geht, um eine Rezeptur zur Herstellung ölfressender Bakterien (die auch schon mal Designer-Schuhe gleich mitverputzen, wie eine der Antagonistinnen am eigenen Leib erfahren muss). Die Schurkenschaft besteht aus stereotypisch gezeichneten Russen, die sich selbst unter ihresgleichen stets auf Englisch (bzw. in der Synchronfassung Deutsch) mit schlecht gefälschtem Akzent unterhalten. Irgendjemand hätte den Produzenten sagen müssen, dass der Kalte Krieg schon seit ein paar Jahrzehnten vorbei war. In einer Szene enttarnt Jackie Chan (alias Bob Ho) einen Spion übrigens dadurch, dass er durch eine List herausfindet, dass sein Gegenüber Russisch spricht. Ja, so einfach ist das hier: Wer Russisch spricht, ist automatisch auch ein feindlicher Agent.

Allerdings ist es gerade diese altmodisch-naive Herangehensweise, die SPY DADDY noch ein paar Bonus-Punkte zusichern kann. Man fühlt sich erinnert an die blauäugigen Agenten-Abenteuer der 1960er Jahre, als man dem Publikum noch allen möglichen Nonsens andrehen konnte und ständig irgendwelche Formeln und Seren entwickelt wurden, welche die unmöglichsten Dinge anstellen konnten. Dazu kommen ein paar wenige Kampf-Szenen, die an Chans goldene Jahre erinnern, wenn beispielsweise ein stinknormales Fahrrad in den Händen des Helden zur Waffe wird. Zugutehalten darf man auch, dass die Handlung zwar in absehbaren Bahnen verläuft, aber immerhin in solch unterhaltsamer Routine abgespult wird, dass es quasi keinen Leerlauf gibt. In dramaturgischer Hinsicht holpert es hingegen mehr als nur einmal. Warum die Kinder zu Beginn überhaupt eine so starke Abneigung gegen den ja doch sehr netten Herrn Ho hegen, vergaß das Skript irgendwie zu thematisieren. Eben noch ist die pubertierende Tochter aus irgendwelchen Gründen stinksauer auf ihren Ersatzvater, in der nächsten Szene führen beide Parteien dann plötzlich ein extrem freundschaftliches Gespräch auf dem Dach. Woher der Sinneswandel? Man weiß es nicht.

Generell werden Konflikte hier lediglich behauptet. Leute zürnen einander und vertragen sich wieder, immer so, wie es dem Drehbuch gerade in den Kram passt. Das Publikum steht daneben und wundert sich. Das Hauptproblem aber, warum SPY DADDY einfach nicht funktionieren will, ist die Tatsache, dass Jackie Chan eben niemals ein Arnold Schwarzenegger war. Klar, zu seinen besten Zeiten schickte der agile Chinese pro Minute mehr Gegner auf die Bretter als seine amerikanische Konkurrenz im gesamten Film. Aber dabei war er doch niemals die knallharte Kampfmaschine, die kompromisslos ihre Kontrahenten ausradiert, sondern stets ein massentauglicher Publikumsliebling, dem man seine Sprösslinge ohne Weiteres anvertrauen würde. Ihm nun bei der Kinder-Betreuung zuzusehen hat einfach nicht automatisch die Komik, die es beim Terminator hätte.

Am Hauptdarsteller liegt es im Grunde nicht, dass SPY DADDY scheitert. Der spielt nämlich wirklich mit einer Extra-Portion Chan-Charme und strahlt durchaus die nötige Spielfreude aus. Aber die einfallslos zusammengedoktorte Story könnte am Ende ohnehin nichts und niemand mehr retten. THE SPY NEXT DOOR (wie die Nummer eigentlich im Original heißt) ist dermaßen belanglos, dass man am Ende des Abspanns schon vergessen hat, worum es überhaupt ging. So bleibt der Höhepunkt der viel zu harmlosen Familien-Komödie der einleitende Ausschnitt aus MISSION ADLER. Ein Kompliment ist das nicht.

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 6

Mittwoch, 27. September 2023

DER SCHWARZE SKORPION


CIFRATO SPECIALE
Frankreich, Italien, Spanien 1966

Regie:
Pino Mercanti

Darsteller:
Lang Jeffries,
José Greci,
Helga Liné,
George Rigaud,
Andrea Scotti,
Philippe Hersent,
Janine Reynaud,
Umberto Raho


„Du bist ein amerikanischer Agent. Für nen echten Russen bist du mir viel zu russisch.“ [Aufgeflogen! „Ivan“ hätte bei Johnny wohl doch keinen Wodka bestellen sollen.]


Nachdem "James Bond" im Jahre 1962 erstmals die Leinwand betreten hatte, war die Welt in sicheren Händen. Bei den ganzen „Geheimagenten“, die in den Folgejahren wie Pilze aus dem Boden sprossen, dürfte es dem globalen Ganoventum nämlich nicht einmal mehr gelungen sein, sich rechtswidrig ein Wurstbrot einzuverleiben. Da es die lernresistente Schurkenschaft dennoch immer wieder darauf anlegte, die Menschheit zu malträtieren, durfte in den 1960ern so ziemlich jedes Herrenmoden-Modell einmal den Connery kopieren und ein bisschen Spion spielen. So auch der 1930 in Kanada geborene Lang Jeffries, der 1966 für die italienisch-französisch-spanische Co-Produktion CIFRATO SPECIALE vor die Kamera trat, um das zu tun, was ein anständiger Abendlandretter eben so tun muss.

Inhalt:

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs versenken die Nazis noch flugs zwei Kisten mit geheimnisvollem Inhalt vor der Küste Istanbuls. 20 Jahre später: Die britische Regierung findet in einem alten Bunker eine Video-Aufzeichnung, die beweist, dass der deutschen Landesführung einst ein sensationelles Experiment gelang: die zeitweilige Aufhebung der Schwerkraft. Die Formel zu diesem Bravourstück befindet sich offenbar - neben ein paar Goldbarren - in einer der beiden Kisten, die immer noch auf dem Meeresgrund liegen. Geheimagent Johnny Miller [Lang Jeffries] wird beauftragt, diesen Schatz sicherzustellen, bevor feindliche Mächte es tun. In der Türkei gelingt es ihm, den steinreichen Mr. Hoover [George Rigaud] für die Such- und Bergungsaktion anzuwerben. Schon bald gerät Miller ins Visir mehrerer Partien, die ihm ans Leder wollen. Aber auch Hoover scheint eigentlich eigene Pläne zu verfolgen.

Kritik:

Ein Bein ausgerissen hat man sich gewiss nicht, um diese Posse zu Papier zu bringen. Die absurd anmutende Anti-Gravitations-Formel ist für die Handlung völlig irrelevant, ein gegenstandsloses Gimmick, nur erdacht, damit die Meute auch etwas zum Hinterherjagen hat. Schnell wird es dabei unübersichtlich und vor allem unkonkret: Wer Johnny Millers Gegner eigentlich sind und welches Interesse sie ihrerseits an der Beute haben, kommt an keiner Stelle zur Sprache. Dabei hätten andere Parteien ja im Prinzip auch nicht weniger Anrecht darauf, sich das begehrte Zielobjekt unter den Nagel zu reißen, als der Held der Show. Aber da derlei Spitzfindigkeiten hier keine Rolle spielen, drückt man natürlich automatisch dem hauptrollenden James Bond-Verschnitt die Daumen, der in puncto Status und Persönlichkeit eindeutig zur „guten“ Fraktion gehört.

Während besagter Johnny Miller nicht einen Hauch Ambivalenz innehat, wird kaum ein Zweifel daran gelassen, dass sein angeworbener Kompagnon Hoover (der von Miller übrigens meistens „Huber“ genannt wird, was diesen aber nicht zu stören scheint) alles andere als ein integrer Geschäftsmann ist, sondern vielmehr ein skrupelloser Gangster, der notfalls über Leichen geht (War im Agenten-Genre eigentlich jemals ein Milliardär ganz koscher?). Die Folge ist eine zerbrechliche Zweckgemeinschaft, da zumindest eine Zeit lang keiner das Ziel ohne den anderen erreichen kann: Miller verfügt über relevante Informationen und Geheimdienst-Befugnisse, Hoover besitzt die für die Mission nötigen Moneten, Männer und Maschinen. Doch das Zerwürfnis hängt wie ein Damokles-Schwert über dem behelfsmäßigen Bündnis; hinter der gönnerhaften Freundlichkeit und den flapsigen Bromance-Sprüchen stecken gegenseitiges Belauern und gepflegtes Misstrauen. Hoover, das scheint sicher, wird Miller abservieren, sobald sich die Vorteilsverhältnisse zu seinen Gunsten verschoben haben. Dabei macht er aus seiner Gefährlichkeit keinen Hehl und liefert gleich zu Beginn eine unmissverständliche Botschaft: Als Miller Anstalten macht, sich von der Gegenseite abwerben zu lassen, findet er sich unversehens und gut verschnürt in Hoovers privatem Hobbykeller wieder und wird nach ein paar Stunden Spezialbehandlung fürs Erste wohl nur noch gebückt auf den Gemüsemarkt gehen können.

Aus der Frage, ob und – falls ja – wann Hoovers Unterstützung in Verrat und Vernichtung umkippen wird, bezieht CIFRATO SPECIALE den Großteil seiner Spannung. Der Rest ist gediegene Funterhaltung von der Spionage-Stange: Miller (der im Original eigentlich Curd heißt, aber das klang für Germany wohl nicht cool genug) stolziert strotzend vor Stolz und Selbstvertrauen durch Stadt und Land, während irgendwelche Leute fortwährend versuchen, ihm die Lichter auszupusten. Ob auf offener Straße, im Skilift oder in der Geisterbahn (ja, tatsächlich!): Überall warten bereits dunkle Gestalten mit schwerem Gerät auf ihn. Zum Glück sind die Gauner meist nett genug, selbst aus kurzer Distanz noch daneben zu schießen, ansonsten wäre der Fall nämlich schon recht schnell zu den Akten gewandert. So jedoch zieht sich die Sache ganz schön hin und verkommt zeitweilen zu einer bloßen Aneinanderreihung missglückter Attentatsversuche, was nun nicht gerade der Kreativität letzter Schluss ist.

Für etwas Abwechslung sorgt dabei lediglich die Anwesenheit holder Weiblichkeit, denn natürlich bleibt so ein waschechter Geheimagent nicht lang allein. Dabei bandelt Miller mehr oder minder gleich mit zwei Grazien an, wobei das Kennenlernen mit der ersten, Luanna, gespielt von Helga Liné [→ SARTANA – NOCH WARM UND SCHON SAND DRAUF], schon enorm spezialgelagert daherkommt: Völlig ohne Erklärung, was er dort macht oder wie er dort hin kam, stromert Miller da nämlich den Felsenstrand entlang, bevor er aus unbekannten Gründen von unbekannten Personen aus dem Hinterhalt beschossen wird (natürlich mal wieder nicht besonders zielsicher). Miller springt auf ein bereitstehendes Motorrad samt Beiwagen (Gehört es ihm? Wer weiß … ?), kratzt damit die Kurve, bollert die Straße entlang, bevor nun wiederum auf das Gefährt geschossen wird, das infolgedessen explodierend über eine Klippe fliegt, während Miller abspringt und über den Boden kullert, direkt vor das Automobil von Luanna, die seine Situation mit einem kecken Spruch kommentiert, bevor er – ebenfalls mit launigem Scherz auf den Lippen - in völliger Selbstverständlichkeit auf dem Beifahrersitz platznimmt und sich von ihr in trauter Eintracht und wie mit einer alten Bekannten plaudernd durch die Stadt kutschieren lässt. Diese Sequenz (die gleichzeitig auch der Einführung der Hauptfigur dient) ist so sinnbefreit und ohne jeden Bezug zum Rest, das geht schon fast als Absurdes Theater durch. Dass sich Luanna dann später ausgerechnet als Schwester einer Person entpuppt, mit der es Miller im Laufe seiner Mission ebenfalls zufälligerweise zu tun bekommt, akzeptiert man da auch einfach mal achselzuckend.

Als weitere Zerstreuung gesellt sich José Greci [→ OPIUM CONNECTION] dazu, die als Hoovers Assistentin dem Agenten schöne Augen machen darf, wobei ihre Rolle natürlich bewusst zwielichtig angelegt ist, da sie den Helden womöglich lediglich in die Falle locken will. Interessant ist auch hier ihr erster Auftritt: Da steht sie nämlich nur leicht beschürzt hinter einem Vorhang verborgen, wobei Miller schnell Wind von der heimlichen Beobachterin bekommt. Kein Wunder, denn der obligatorische Saxophon-Schmuse-Sound, der bei Werken wie diesen immer zuverlässig beim Auftritt einer weiblichen Schönheit eingespielt wird, ertönt hier schon, bevor sie überhaupt im Bild ist. Nun wirkt es so, als wüsste Miller lediglich aufgrund der aus heiterem Himmel einsetzenden Kuschel-Musik, dass da eine junge Dame hinter der Gardine steht. Positiv ist anzumerken, dass Frau Greci im weiteren Verlauf alles andere als die übliche hilflose Staffage ist, sondern sich ihrer Haut auch sehr gut ohne männliches Zutun zu erwehren weiß – zumindest legt sie einen bemesserten Schergen doch sehr souverän auf die Bretter.

Davon abgesehen mangelt es wenig überraschend weder an Klischees noch Albernheiten. So erkennt man Schurken in der Regel daran, dass sie Sonnenbrille tragen, im Zweifelsfalle auch Nachts. Bemerkenswert ist es zudem, wie Miller es schafft, durch das Überziehen einer Gummimaske nicht nur seine Gesichtszüge, sondern auch seine Stimme und Statur komplett zu verändern. In erster Linie in Erinnerung bleibt aber seine bemerkenswerte Methode, den ersten Kontakt mit dem eigentlich als unerreichbar geltenden Mr. Hoover herzustellen: Miller läuft einfach durch die Stadt, kauft die teuersten Läden leer und sagt zu den Verkäufern im Anschluss lapidar: „Schicken Sie die Rechnung an Mr. Hoover!“ Das geht so lang gut, bis Hoovers Gorillas bei ihm auftauchen, um ihm den Konsumrausch per körperlicher Ermahnung nachhaltig auszutreiben. Doch selbstverständlich werden die Handlanger entgegen deren eigentlichen Plänen von Miller fachgerecht frikassiert und zwar so lang, bis sie ihn schließlich zu ihrem Boss bringen. Was für ein Plan! Hätte es ne Brieftaube nicht auch getan?

Lang Jeffries [→ PERRY RHODAN – SOS AUS DEM WELTALL] macht bei alledem eine wirklich gute Figur, agiert weltmännisch-souverän und legt sich auch bei den Action-Szenen mächtig ins Zeug. In der deutschen Fassung erhält er durch seinen Synchronsprecher noch zusätzliche Autorität (natürlich mal wieder: Gert Günther Hoffmann, damals quasi die Agentenstimme schlechthin). Zu den Höhepunkten zählt seine hervorragende Interaktion mit dem argentinisch-stämmigen George Rigaud [→ FRISS ODER STIRB], der den zwielichtigen Mr. Hoover fabelhaft verkörpert. Hinter seiner freundlichen Fassade, das spürt man, liegt stets eine unschwellige Bösartigkeit, die sich jeder Zeit von der Leine reißen könnte. Dass Hoover in einer längeren Kostümball-Sequenz zeitweilen mit einer doch recht lächerlichen Dagobert Duck-Maske auftritt, was der Autoritäts-Aura nun wieder ziemlich schadet, war hingegen eine eher weniger gelungene Idee der Macher. Auf Hoovers Figur geht auch der deutsche Titel zurück, nennt man den halbseidenen Anzugträger auf den Straßen Istanbuls eben den Schwarzen Skorpion. Da Skorpione generell die Angewohnheit haben, schwarz zu sein, ist der Name freilich ungefähr so sinnvoll wie Der gelbe Bagger oder Der hetzende Höcke. Aber immerhin gab es ja auch schon einen Superhelden, der es für eine gute Idee hielt, sich Schwarze Fledermaus zu nennen (Nein, nicht Batman, sondern sein weitaus unbekannterer Kollege Black Bat).

Am Ende gehört DER SCHWARZE SKORPION trotz kleinerer Durststrecken und der gängigen Mischung aus Klischees und Kokolores zu den besseren Bond-Reproduktionen, zumal er auch im schicken Gewand daherkommt (Drehgenehmigungen für Türkei, Italien und Spanien wollen schließlich ausgereizt werden). Etwas unglücklich nur, dass ausgerechnet die finalen Unterwasser-Szenen, die vermutlich als Höhepunkt geplant waren, tatsächlich eine echte Anti-Klimax bilden. Per Tauchroboter, Mini-U-Boot oder klassisch via Flosse, Flasche und Schnorchel begibt man sich da in die Tiefe, und auch, wenn die grollende Klangkulisse permanenten Nervenkitzel zu suggerieren versucht, tritt die Spannung hier auf der Stelle, zumal selbst bei den Zweikämpfen im Neoprenanzug gar nicht mehr ersichtlich ist, wer denn hier eigentlich gerade wen vermöbelt. Der Schlussakt bietet dann noch mal einen echten Lacher, wenn der Held lediglich den weiblichen Schurken vor dem Tode rettet, während der Rest ruhig elendig krepieren darf. Amnestie wegen Attraktivität. Dass die beiden danach miteinander anbandeln und händchenhaltend in eine glückliche Zukunft schlendern, als sei zuvor nichts geschehen, versteht sich von selbst.

Am Ende ist dann plötzlich ein Tanzbär im Bild. Warum? Dieses Rätsel könnte nicht einmal Johnny Miller lösen.

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 27. November 2020

DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN


DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN
BRD, Italien 1965

Regie:
Ernst Hofbauer

Darsteller:
Stewart Granger,
Rosanna Schiaffino,
Sieghardt Rupp,
Margit Saad,
Harald Juhnke,
Horst Frank,
Helga Sommerfeld,
Paul Klinger



„Das Ding sieht aber gefährlich aus. Ist die geladen?“
„Ich kann ja mal abdrücken.“


Inhalt:

CIA-Agent Michael Scott [Stewart Granger] reagiert zunächst ein wenig unwirsch, als sein Chef ihn während seines wohlverdienten Urlaubs anruft. Doch das ändert sich, als er den Grund dafür erfährt: Sein Freund und Kollege ist bei einem Einsatz in Hongkong ermordet worden. Sofort lässt er die Freizeit Freizeit sein, trennt sich von seiner Modelleisenbahn und schaltet sich in den Fall ein. Sein Kollege ermittelte vor Ort gegen den unnahbaren Verbrecher Pierre Mirot [Sieghardt Rupp], welcher seine drei Dschunken als Tarnung nutzt, um Einzelteile für den Bau von Atomwaffen (!) zu schmuggeln. FBI-Agentin Carol Eden [Rosanna Schiaffino] soll sich nun als Tippse bei Mirot einschleusen und Scott so mit nötigen Informationen versorgen. Während sie sich das Vertrauen Mirots (wenn auch nicht das seiner Liebsten) erschleicht, sind Scott und sein neuer Partner, der Dolmetscher Smoky [Harald Juhnke], damit beschäftigt, diverse Mordanschlägen zu überleben, denn Mirot hat längst seinen brutalen Killer Pereira [Horst Frank] losgeschickt. 

Kritik:

DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN erzählt, deutlich beeinflusst von den Erfolgen der James Bond-Reihe, eine im realitätsfernen Szenario angesiedelte, reichlich abstruse Agentengeschichte und fährt dabei so ziemlich jedes einzelne Klischee auf, das in späteren Jahren nur allzu dankbar als willkommene Steilvorlage für entsprechende Genre-Parodien genutzt wurde. Im Erscheinungsjahr vermutlich noch ernstgemeint und auch so empfunden, taugt die hemdsärmelige Mischung aus banalem Groschenkrimi und bunt bebildertem Reisebericht Jahrzehnte später lediglich noch als amüsantes Dokument damaliger deutscher Befindlichkeiten. Das beginnt schon beim völlig fehlbesetzten Stewart Granger in der Hauptrolle, dessen Figur Michael Scott laut kühner Drehbuchbehauptung eigentlich ein erfahrener CIA-Mann sein soll, der in seinem biederen Auftreten und Gebaren aber so urteutonisch wirkt, dass man ihm direkt die Puschen reichen möchte. Reichlich tapsig stolpert der stets leicht überfordert wirkende Aushilfsagent durch allerhand exotische Kulissen, ohne rechten Plan, wie er seinen Auftrag denn eigentlich ausführen soll. Seine Gegner fürchten ihn aus irgendwelchen Gründen allerdings trotzdem und stellen ihm deswegen alle naslang tödlich gemeinte Fallen (in die er auch immer brav hineintappt) oder setzen ein paar kaum minder tollpatschige Killer auf ihn an. Diesen vehementen Tötungsbemühungen entgeht Scott dabei nicht etwa durch altehrwürdige Geheimdienst-Tugenden wie List, Tücke oder gar Geschick, sondern einzig und allein durch Zufall oder unverschämtes Glück. Als er sich beispielsweise in einem Auto befindet, das gerade im Begriff ist, einen Steilhang hinunterzustürzen, springt er kurzerhand einfach zur Tür hinaus, landet ohne eine zusätzliche Schramme auf dem Schotter und macht weiter, als sei nichts geschehen. 

Und in diesem Duktus geht es weiter. Michael Scotts Überleben basiert entweder auf einer Extraportion Dusel, unerklärter Unverwundbarkeit oder darauf, dass seine Gegner noch ungeschickter agieren als er selbst. Derart einfallsloses Drehbuchschreiben geht natürlich tüchtig auf Kosten der Spannung. Gewiss rechnet auch beim großen Kollegen Bond niemand damit, er könne jemals ernsthaft zu Schaden kommen, aber durch die Frage, wann und wie er der andauernden Leib- und Lebensgefahr entkommt, entsteht ein gewisser Nervenkitzel. Wenn der Held jedoch, wie hier, aus jedem Steinschlag, jeder Explosion und jedem Schusswechsel ohne erkennbare Mühe lebendig hervorgeht, stellt sich doch recht rasch Verdruss ein. Dass Michael Scott zudem auch nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, macht die Sache nicht unbedingt besser. Als er sich gegenüber dem Bösewicht als Versicherungsvertreter ausgibt, nennt er dabei doch tatsächlich seinen richtigen Namen. 

Viele Gedanken an Zusammenhang und Kausalität hat das Autorenduo (bestehend aus Werner P. Zibaso [→ KOMMISSAR X JAGT DIE ROTEN TIGER] und Hanns-Karl Kubiak [→ HOTEL DER TOTEN GÄSTE]) also wahrlich nicht verschwendet. Stattdessen kopierte es eifrig Situationen und Stereotype aus größeren Vorbildern in der Hoffnung, das sei schon irgendwie ausreichend. Auch Motivationen und Hintergründe der Charaktere blieben nur vage umrissen. Der Schurke ist einfach nur der Schurke, und er ist das, weil er schurkische Dinge tut. Mehr braucht man gar nicht zu wissen. Auch Regisseur Ernst Hofbauer [→ TIM FRAZER JAGT DEN GEHEIMNISVOLLEN MR. X] ging maximal uninspiriert zu Werke und lieferte kaum mehr als drögen Dienst nach Vorschrift. Die „Action“ (wenn man sie denn so nennen möchte) besteht aus ein paar undynamisch abgefilmten Autojagden, hüftsteif ausgeführten Schlägereien und ein bisschen „Peng, Peng“ mit dem Revolver wie beim präpubertären Cowboy- und Indianer-Spiel. Und wenn doch mal kurzzeitig Gefahr besteht, es könnte etwas turbulenter werden, ist es meistens auch schon wieder vorbei, bevor es richtig angefangen hat. Man merkt an allen Ecken und Enden: DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN wollte niemals einen Innovationspreis gewinnen und entstand auch nicht aus einer großen Vision heraus. Er wurde gedreht, um mit möglichst geringem Aufwand möglichst viel Geld einzuspielen. Nur mit dem Allernötigsten an Finanz- und Schaffenskraft wurde hier ein Produkt zurechtgezimmert, das den Ansprüchen des Publikums gerade so sehr entspricht, dass sich trotz eisernem Sparstift am Ende der finanzielle Erfolg einstellt. 

Der Schauplatz Hongkong war dabei bereits die halbe Miete. Der damals noch als geheimnisvoll und exotisch empfundene Ort kitzelte den Eskapismus des deutschen Durchschnittsbürgers, sorgte für attraktive Aufnahmen und günstige Arbeitsbedingungen. Durch eine Kooperation mit Produzenten aus Italien konnte man die Kosten zusätzlich gering halten. Und bei der Besetzung orientierte sich man sich an dem, was man damals in der BRD gern auf Leinwand und Mattscheibe sah. Stewart Granger stand dank der Karl-May-Verfilmung OLD SUREHAND auf der Beliebtheitsskala ganz oben, sein Gegenspieler Sieghardt Rupp [→ FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR] war noch aus diversen Heimatfilmen wohlbekannt, der stets gern gesehene Horst Frank [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU] bekleidet als brutaler Bezahl-Killer eine auf ihn zugeschnittene Nebenrolle, während als ebenso obligatorische wie redundante Witzfigur Harald Juhnke [→ DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL] ein paar seichte Lacher vom Stapel lassen darf. Für den weiblichen Part engagierte man die bildhübsche Rosanna Schiaffino [→ THE KILLER RESERVED NINE SEATS], die – auch nur wenig überraschend – eine für die Produktionszeit typische Frauenfigur aufgedrückt bekam: Keck und adrett, aber im gleichen Maße auch naiv und im Ernstfall auf die Rettung ihres großen Beschützers angewiesen (in welchen sie nach lausigen fünf Minuten unsterblich verliebt ist). Gut, der Augenblick, in welchem sie ihrem Folterknecht einen saftigen Tritt verpasst, worauf dieser wie von der Kanonenkugel getroffen auf der Glatze durchs Zimmer kegelt, ist zugegebenermaßen nicht von schlechten Eltern. 

Dazu gesellen sich die unvermeidliche Portion Sexismus („Es müsste beim CIA verboten sein, Frauen zu beschäftigen“) sowie wie der damals übliche arrogante westliche Blick auf den Fernen Osten: Granger und Juhnke poltern durch die Stadt wie die Elefanten im Porzellanladen, zeigen Respekt weder vor der Kultur noch vor der Bevölkerung, klopfen Sprüche übers Essen mit Stäbchen („Kein Wunder, dass die Chinesen alle so dünn sind!“) und reden mit den Einheimischen (die im Übrigen fast alle Deutsch verstehen und sprechen) wie mit zurückgebliebenen Kleinkindern. Dass die blauäugige Abenteuer-/Agenten-/Kriminalfilm-Melange trotz all ihrer Defizite gut bei Laune hält, liegt an ihrer eigentümlichen Schrulligkeit, die tief im Zeitgeist verwurzelt ist und sich daher auch nicht reproduzieren lässt, an ihrem radikalen Widerspruch aus behaupteter Weltoffenheit und tatsächlichem bundesdeutschen Spießbürgertum. Sich selbst fett CIA auf die Fahnen zu schreiben und dann einen feixenden Harald Juhnke auf Mission zu schicken, dazu gehört schon eine ganze Menge Verstiegenheit. Wie viele ähnlich gelagerte Werke dieser Zeit und Gattung entspringt der Reiz somit in erster Linie aus der schönen Atmosphäre längst vergangener Kinotage. Das exotische Flair Hongkongs geschickt nutzend, werden alle möglichen attraktiven Schauplätze abgegrast und jede Szene atmet den Geist verklärter Leinwandromantik. Angereichert mit der für die Zeit üblichen locker-flockigen Dialogen, erlebt man hier flauschig abgelichteten Kintopp mit all den zu erwartenden Ingredienzien. Eine gewisse Affinität sollte man allerdings mitbringen.

Laufzeit: 85 Min. / Freigabe: ab 12

Donnerstag, 26. November 2020

IN DEN KLAUEN DER CIA


SAAI SAU YING
Hongkong 1982 

Regie:
John Liu

Darsteller:
John Liu,
Mirata Miller,
Raquel Evans,
José María Blanco,
Casanova Wong,
Danny Lee,
Christian Anders,
Victor Israel



„Noch zwei Tote. Bedeutet das, dass wir Mörder sind?“
„Es ist kein Mord gewesen. Ungeziefer muss man leider mitunter vertilgen, damit die Anständigen, die Sauberen ne Überlebenschance haben.“ 

(John Liu argumentiert stets rational.) 


Inhalt:

Der KGB hat im stillen Kämmerlein einen neuen Kampfstil ausgeklügelt, der garantiert jeden Gegner auf die Bretter schickt: eine Kombination aus klassischem Kung Fu und der Kunst zur Selbsthypnose, welche den Killerinstinkt aus ihrem Anwender herauskitzelt. Die CIA will da nicht hinten anstehen und gelüstet ebenfalls nach einer in dieser Technik bewanderten Spezialeinheit. Schnell ist klar, dass die Ausbildung nur ein einziger Mann übernehmen kann: der verdiente Vietnam-Veteran John Liu [John Liu]. Dieser jedoch hat nach Ende des Krieges jede Kooperation mit der Regierung abgeschworen und muss daher erst vom zwielichtigen Agent Sanders [Christian Anders] zur Mitarbeit erpresst werden. Tatsächlich kann die CIA den renommierten Superfighter eine Zeit lang gefügig halten, doch als diesem gewahr wird, dass sein Arbeitgeber noch viel mehr Dreck am Stecken hat als bereits vermutet, setzt er sich kurzerhand nach Paris ab – mit hochbrisanten Geheimdokumenten im Gepäck. Die Jagd beginnt. 

Kritik:

John Liu war niemals Jackie Chan. Der taiwanesische Schauspieler und Kampfkünstler (dessen eigentlicher Name Liu Chung Liang lautet), mühte sich zwar um eine ähnlich erfolgreiche Karriere wie Chinas bekannter Star-Export und beackerte ähnliche cineastische Felder, der große Durchbruch jedoch blieb aus. Dennoch konnte er im Laufe der Zeit eine kleine Fan-Gemeinde um sich scharen, die seinen Stil (eine Mischung aus Karate und Mixed Martial Arts) zu schätzen wusste und seinen billig produzierten Zweite-Reihe-Produktionen wie DIE ZWILLINGSBRÜDER VON BRUCE LEE [1976] ihr Wohlwollen entgegenbrachte. 1981 gründete Liu seine eigene Produktionsfirma und drehte mit sich selbst auf dem Regie- und Hauptrollenstuhl drei reichlich unbeholfene Action-Vehikel, die bei Kritik und Publikum einhellig durchfielen. Eines davon ist IN DEN KLAUEN DER CIA, eine himmelschreiend hanebüchene Agentennullnummer, die inhaltlich schon fast als absurdes Theater durchgeht. Das groteske Skript wirkt wie das Nachmittagselaborat eines hyperaktiven 12-jährigen, der zu viele James-Bond- und Bruce-Lee-Filme gesehen hat und nun selbst seiner Fantasie freien Lauf ließ. 

Bereits die Prämisse der obskuren Prügelschote lädt zu exzessivem Kopfschütteln ein. Aber selbst, wenn man im Rahmen der Suspension of Disbelief großzügig die Annahme akzeptierte, bei der CIA bestünde tatsächlich ernsthafter Bedarf an einer halbseidenen Hypnose-Kampftechnik, kommt man nicht umhin, sich einzugestehen, dass auch die auf dieser Idee aufbauenden Ereignisse nichts anderes sind als eine riesengroße Extraportion ausgemachten Schwachsinns. Der erste Brüller ist schon die Tatsache, dass als CIA-Ausbildungslager hier eine arg mittelalterlich anmutende Burg herhalten muss, die gewiss überall steht, nur ganz sicher nicht – wie hier trotzdem tollkühn behauptet – in den USA. Die CIA selbst ist ein Haufen spinnerter Vollpfosten, der aus unerfindlichen Gründen ständig versucht, vorbeikommende Frauen zu vergewaltigen. Vielleicht sind das ja Nebenwirkungen der höchst merkwürdigen Ausbildungsrituale, werden Neuanwärter doch zur Begrüßung erstmal zünftig unter Strom gesetzt („Durch dieses Härtetraining muss jeder durch. Es ist die einzige Art, sich zu stählen.“). Die angeblich so geheime KGB-Kampftechnik, nach der sich die CIA hier so verzweifelt ihre schmierigen Finger leckt, ist indes dermaßen streng geheim, dass Hauptfigur John Liu (deren Rollenname praktischerweise mit dem ihres Schauspielers identisch ist) sie in seiner Schule höchst offiziell und für jedermann zugänglich unterrichtet. 

Keine Frage: Logik und Realitätsbezug haben hier Hausverbot. Das Motto lautet: Nicht fragen, einfach sehen, hören und staunen! Unfassbare Szenen spielen sich ab, wobei der Höhepunkt des Irrsinns sicherlich der Moment ist, in dem eine eigens dafür angeheuerte Agentin versucht, den Helden aus seiner Trainings-Trance zu holen, indem sie ihm auf freiem Feld ausgiebig am Schniepel rumschlabbert („Wenn er darauf nicht abfährt, ist er kein Mensch!“). Dazu gesellen sich gleich mehrere Nebenhandlungsstränge, die mit der eigentlichen Erzählung quasi nichts zu haben und ohne jedwede Erklärung im luftleeren Raum verbleiben. Da wird einer der Rekruten von einem klischeetriefenden Triadenboss irgendwie dazu gezwungen, eine Kampfausbildung bei der CIA zu machen. Weil dieser aber ob der grausamen Trainingsmethoden so gar nicht will, sucht er besagten Bandenführer in seinem Garten auf und erschießt ihn scheinbar im Affekt, weswegen er im Anschluss panisch durch das Buschwerk auf- und davonstolpert. Der böse Boss ist aber gar nicht tot, sondern hat sein Ableben nur vorgetäuscht, weswegen er sich nun ausgiebig kaputt lacht. Was die komische Nummer eigentlich sollte? Weiß der Geier! Dass Cheftreter John Liu außerdem noch einen Zwillingsbruder hat, dem er zu Beginn einmal kurz einen Besuch abstattet, ist – wenig überraschend – inhaltlich ebenfalls ohne jeden Belang. 

Den finalen Vogel allerdings schießt fraglos die deutsche Synchronisation ab, die sich der Absurdität der Ereignisse völlig bewusst war und sie daher lediglich als Vorlage für diverse feuchtfröhliche Verbalauswüchse gebrauchte. „Ich hab euch beim Training beobachtet und festgestellt, ihr seid Pflaumen“, erklärt John Liu da im furztrockenen Tonfall seinen Zöglingen, und verabschiedet sich später schimpfend mit: „Hochschulabsolventen sollen das sein? Das sind die letzten Arschlöcher.“ Ein Kontaktmann wird lapidar als „dieser Verbindungsheini da“ bezeichnet; der Angriff eines Gegners wird kommentiert mit „Noch so'n Alete-Hippie!“ Und als eine Dame von mehreren Männern bedrängt wird, ruft sie ihren potenziellen Vergewaltigern doch tatsächlich zu: „Verzieht euch oder wichst!“ Das alles ist dermaßen drüber, dass man irgendwann schlichtweg die Segel streicht und beginnt, sich in diesem paradoxen Paralleluniversum pudelwohl zu fühlen. Genrefreunde können sich zudem noch die Zeit damit vertreiben, Gastauftritte völlig unerwarteter Darsteller zu zählen. Gleich zu Beginn schaut Shaw-Brothers-Ikone Danny Lee [→ THE KILLER] mal kurz vorbei, Italo-Recke Victor Israel [→ AUCH DIE ENGEL ESSEN BOHNEN] hat einen (natürlich ebenfalls gänzlich sinnlosen) Auftritt als verschrobener Nervenarzt (den braucht man auch bei so viel Käse), und die Rolle des kickenden Colonel Sanders ging doch tatsächlich an den deutschen Schlagerbarden Christian Anders [→ DIE BRUT DES BÖSEN], der hier den doch leicht inkorrekten Spruch „Sie sind ja ein ganz schön schlitzäugiges Schlitzohr“ aufsagen darf. 

Nein, IN DEN KLAUEN DER CIA wird garantiert niemals jemand mit einem guten Film verwechseln – zumal nicht mal die Kampfszenen (also der eigentliche Grund, weswegen man sich so etwas ja ansieht) überzeugen können und ähnlich unbeholfen daherkommen wie der ganze Rest. Der Unterhaltungswert allerdings ist vor allem in Verbindung mit der deutschen Spaß-Vertonung sehr enorm. Wem James Bond schon immer etwas zu seriös war, der stelle sich ein paar Kannen Gerstensaft kalt, bestelle sich ein oder zwei Gesinnungsgenossen in die Stube und lasse den Tag feuchtfröhlich mit John Lius grenzdebiler Geheimdienst-Gaga-Saga ausklingen. Oder wichst.

Laufzeit: 75 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 16. August 2015

CODENAME U.N.C.L.E.


THE MAN FROM U.N.C.L.E.
GB 2015

Regie:
Guy Ritchie

Darsteller:
Henry Cavill,
Armie Hammer,
Alicia Vikander,
Jared Harris,
Elizabeth Debicki,
Christian Berkel,
Sylvester Groth,
Hugh Grant



Inhalt:

1960: Der Kalte Krieg befindet sich auf dem Höhepunkt; die USA und Russland sind bis aufs Blut verfeindet. Inmitten dieser angespannten Situation werden CIA-Agent Napoleon Solo [Henry Cavill] und KGB-Agent Illya Kuryakin [Armie Hammer] gezwungen, zusammenarbeiten: Sie sollen eine von Altnazis unterwanderte Verbrecherorganisation ausfindig machen, die in den Besitz einer Atombombe gelangt ist. Das Gleichgewicht der Mächte steht auf dem Spiel! Vermutlich soll der als tot geltende deutsche Wissenschaftler Udo Teller [Christian Berkel] dazu gezwungen werden, die Bombe zusammenbauen. Solo und Kuryakin suchen in Ost-Berlin dessen Tochter, die taffe Automechanikerin Gaby Teller [Alicia Vikander], auf, um an ihn herankommen. Tatsächlich gelingt es ihnen, die junge Frau zur Zusammenarbeit zu bewegen. Die Spur führt nach Italien zu Gabys Onkel Rudi [Sylvester Groth]. Dieser scheint nicht ganz so harmlos zu sein, wie er tut …

Kritik:

SOLO FÜR O.N.K.E.L. lautet der Titel der Agentenserie, die in den 60er Jahren als amerikanisches Pendant zu James Bond entworfen wurde und sich schon bald als Straßenfeger erwies. Die Ähnlichkeit zum großen Vorbild hatte dabei nicht ausschließlich kommerzielle Gründe: Bond-Erfinder Ian Fleming selbst war an der Konzeption beteiligt und erdachte die Figur des Napoleon Solo, der im Auftrage der titelgebenden Organisation erst um die Welt jettet, um sie im Anschluss dann vorschriftsmäßig zu retten. Noch bevor er damit auch die deutschen Fernsehschirme erreichte, brachte er es hierzulande in mehreren Zusammenschnitten sogar zu Kinoehren und konnte dort im Fahrwasser seines britischen Kollegen trotz deutlich kostengünstigerer Machart beachtliche Erfolge einheimsen. Am Anfang noch um Seriosität bemüht, verließ die Serie diesen Pfad im Laufe der Zeit und wurde nach und nach zur schrillen Selbstpersiflage. So dient THE MAN FROM U.N.C.L.E., wie der Spaß im Original heißt, nun in erster Linie als Dokumentation der ausgelassenen Attitüde der Swingin' Sixties, an deren knalliger Übertreibung von Kitsch und Klischee wohl auch Austin Powers seine helle Freude gehabt hätte. Ungewöhnlich für damalige Verhältnisse war dabei der Umstand, dass der Hauptfigur ein russischer Partner zur Seite gestellt wurde, der – nach etwas vorsichtig-zaghaftem Einstieg – bald gleichberechtigt und auf Augenhöhe mit dem Amerikaner agieren durfte, was zu Zeiten des Kalten Krieges schon ein ziemliches Novum darstellte.

Eben diese Idee griff das Team um Regisseur Guy Ritchie auf, als man sich fast 50 Jahre nach Einstellung der Serie an eine Kino-Neuauflage wagte. Dabei versetzte man die Ereignisse nicht etwa in die Moderne, sondern verortete sie abermals in den 60er Jahren, als sich die Feindschaft zwischen Russen und Amerikanern auf ihrem Höhepunkt befand. Ein ernsthaftes Zeitdokument ist das natürlich trotzdem nicht: Der historische Hintergrund wurde lediglich dazu genutzt, einen amüsierten Blick auf damalige Zustände zu werfen und auf dieser Basis eine launige Kumpel-Komödie zu kreieren, die sich der bewährten Genre-Formel bedient: Zwei vollkommen verschiedene Charaktere treffen aufeinander, kabbeln sich um die Wette und werden nach Überwindung äußerer und innerer Widerstände schließlich ein Herz und eine Seele. CODENAME U.N.C.L.E. erzählt somit strenggenommen die Vorgeschichte zur Serie, wenn berichtet wird, wie Napoleon Solo und Illya Kuryakin zum ersten Male aufeinandertreffen und sich erst zu einem Team zusammenraufen müssen – zumindest theoretisch, denn mit den Originalen haben diese beiden Figuren fast nur noch die Namen gemein. So machte man den in der Vorlage eine blütenreine Weste spazierentragenden Solo zum Ex-Kriminellen und -Knastbruder und seinen Kollegen Kuryakin zum traumatisierten Waisenkind mit leicht psychotischen Zügen.

Allerdings hätte eine schlichte 1:1-Umsetzung wohl auch kaum funktioniert, waren die einstigen Titelhelden doch reichlich konturlose Gestalten, die, außer, dass sie jede noch so gefährliche Situation mit einem Achselzucken und einem flotten Spruch zu kommentieren wussten, keine besonderen Merkmale vorzuweisen hatten. Henry Cavill [→ KRIEG DER GÖTTER] und Armie Hammer [→ LONE RANGER] sind in den Rollen deutlich verwundbarer und liefern sich, wenn auch keine sonderlich innovativen, so doch durchaus amüsante Machtspielchen, die angenehm bei Laune halten können. Ergänzt werden sie dabei von Alicia Vikander [→ SEVENTH SON], die für die unverzichtbare weibliche Note sorgt und ihre Rolle als Gaby Teller mit einnehmendem Charme absolviert. Woran es hingegen mangelt, ist ein wirklich ernstzunehmender Gegner: Kämpfte man in der Serie noch pro Folge gegen ein meist größenwahnsinniges Verbrechergenie mit sinistren, der Realität enthobenen Vernichtungs- und Beherrschungsplänen, präsentiert man hier gleich eine ganze Handvoll Finstermänner und -frauen, die für sich genommen zwar reizvoll sind, in ihrer Vielzahl jedoch unnötig verschenkt wirken.

Ohnehin ist es etwas betrüblich, dass man bei der Neuauflage, obwohl ein durchaus beträchtliches Fass an Ironie und schwarzem Humor geöffnet wurde, insgesamt doch eher auf dem Teppich blieb, betrachtet man die völlig verrückten Ausschweifungen, die das Original zum Teil einst betrieb. CODENAME U.N.C.L.E. verzichtet auf die Möglichkeit zur Rundum-Satire, was die Vorlage mit all ihrer Hemmungslosigkeit und ihrem arglosen Sexismus fast zur größeren Komödie macht. Ritchies Werk gibt sich im Vergleich eher zurückhaltend und suhlt sich stattdessen im attraktiven Retro-Look, der allerdings so gut gelungen ist, dass letztendlich auch das nicht sonderlich originelle Drehbuch hinter ihm zurückstecken muss. Wirklich aufregend ist die ausgelutschte Story vom Kampf gegen eine atomar bestückte Schurken-Organisation nämlich beileibe nicht. Dafür beweist Ritchie abermals sein Talent und serviert elegantes, bisweilen sogar meisterhaft komponiertes Nostalgie-Kino mit zum Teil hervorragenden darstellerischen Leistungen. Exemplarisch dafür sei die Szene genannt, in welcher einer der Protagonisten seine Maske fallenlässt und zur fröhlichen Folterstunde einlädt: Die großartige Regie entfacht, in Kombination mit grandiosem Schauspiel, ein alptraumhaft angehauchtes Szenario, das einem, obwohl immer noch ironisch gebrochen, einen wohligen Schauer über den Rücken jagt, bevor es schließlich in einer überaus makabren, doch befreienden Pointe gipfelt.

Trotz aller inszenatorischer Brillanz wurde auf allzu viele Extravaganzen verzichtet. Anders, als bei SHERLOCK HOLMES, dem Guy Ritchie 2009 auf ähnliche Art und Weise eine erfolgreiche Wiederbelebung spendierte, geriet die Darbietung hier weitaus weniger verspielt und, ganz im Sinne der Vorlage, beinahe schon klassisch - so sehr, dass eine im aufgeregten Split-Screen erzählte Aktion in der Mitte fast schon ein wenig fehl am Platze wirkt. Dass es dabei durchgehend nur so sprüht vor Stil, Esprit und Leichtigkeit, gereicht nicht zum Schaden und ist zudem ein erfrischender Kontrast zur einstigen Blaupause James Bond, welcher spätestens seit SKYFALL mit nie zuvor erlebter Schwermut operiert. Der Mann von U.N.C.L.E. hat sich somit endgültig von seinem Vorbild emanzipiert und empfiehlt sich als amüsante, augenzwinkernde Alternative zum überwiegend freudlosen Agentenalltag der Konkurrenz – ein knallbunter Rückwärts-durch-die-Zeit-Trip mit etwas Action, viel Humor und einer gehörigen Portion Schwung und Schick. Nicht nur für Onkel. Auch für Tante.

Laufzeit: 116 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 8. Juni 2015

AGENT 3S3 KENNT KEIN ERBARMEN


AGENTE 3S3: PASSAPORTO PER L'INFERNO
Italien 1965

Regie:
Sergio Sollima

Darsteller:
George Ardisson,
Barbara Simon,
Georges Rivière,
Seyna Seyn,
Franco Andrei,
Liliane Fernani,
José Marco,
Fernando Sancho



Inhalt:

Agent Walter Ross [George Ardisson], Codename 3S3, erhält einen neuen Auftrag von der amerikanischen Regierung: Er soll sich das Vertrauen einer in Österreich lebenden jungen Dame namens Jasmine von Witheim [Barbara Simon] erschleichen. Grund: Ihr Vater, vom Geheimdienst stets nur „Mr. A“ genannt, leitet eine gefährliche Verbrecherorganisation, ist aber seit geraumer Zeit verschwunden. Da das Zielobjekt sehr hübsch ist, kann sich Ross natürlich schlechtere Aufträge vorstellen, zumal es explizit heißt: „Es steht dir frei, sie zu verwöhnen, auszuführen und zu beschenken – wenn es sein muss, heirate sie.“ Tatsächlich fällt es ihm auch nicht weiter schwer, an sie heranzukommen. Allerdings weiß auch Jasmine, die von den Untaten ihres Vaters nichts ahnt, ebenfalls nicht, wo sich die Zielperson aufhält. Der Organisation ist das plötzliche Auftauchen 3S3s indes nicht entgangen und schickt umgehend ihre Killer los.

Kritik:

Hätte es James Bond nicht gegeben, so manch kantengesichtiger Schauspieler wäre in den 60er Jahren arbeitslos gewesen. Da Sean Connery 1962 aber hocherfolgreich das Rätsel um DR. NO lösen konnte, schossen die Leinwand-Agenten plötzlich wie Pilze aus dem Boden, um die westliche Zivilisation das ein ums andere Mal vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Vor allem in Italien hatte man wenig Scheu davor, auf den kassenträchtigen Spionage-Zug aufzuspringen, weswegen viele der Weltenretter trotz ihres vermeintlich englischen Namens inkognito im Auftrag des Stiefellandes unterwegs waren. Giorgio Ardisson war einer davon. Und um ihn als amerikanischen Staatsbürger durchgehen zu lassen, verschleierte man seine Herkunft – wie es damals eben üblich war – durch den anglisierten Decknamen George. Das ist zwar nicht besonders originell, aber das gilt ja auch für die gesamte Produktion, die ohne nennenswerte inhaltliche Innovation die bewährten Erfolgsformeln abarbeitet und sich dabei gar nicht großartig Mühe gibt, als etwas anders zu erscheinen als das simple Plagiat eines übergroßen Vorbilds.

Ardisson ist dann auch eindeutig nicht aufgrund darstellerischer Überzeugungskraft an die Hauptrolle gekommen, sondern hauptsächlich aufgrund seines Äußeren, das rein optisch dem Rollenklischee der 60er Jahre voll und ganz entsprach. Selbst, wenn man nicht wüsste, dass man es bei seinem Walter Ross mit einem Geheimagenten zu tun hat, allein sein Aussehen verriete ihn auf Anhieb. Tatsächlich ist er hier auch eigentlich gar nicht wirklich geheim unterwegs, denn sein Feind weiß im Nu um seine Person und beginnt unmittelbar nach dessen erstem Auftauchen mit den üblichen komplizierten Vernichtungsmaßnahmen. Wenig überraschend: Sie schlagen allesamt fehl – was einigen Schergen der Gegenseite den Kopf kostet. Die Bezirzungsversuche seitens 3S3 (denn natürlich führt seine Mission über die Vertrauensgewinnung einer jungen Dame) sind hingegen umgehend von nötigem Erfolg gekrönt – mehr als eine steif choreographierte Kneipenschlägerei (natürlich stilecht vollzogen in Anzug und Krawatte) braucht es nicht, um nachhaltigen Eindruck bei der holden Weiblichkeit zu schinden.

Es sind diese liebgewonnen Stereotypen, die AGENT 3S3 (tolles Kürzel übrigens, kann sich garantiert niemand merken) ein solch heimeliges Gefühl verleihen, und tatsächlich läuft alles in genau den rustikalen Bahnen, die man auch erwartet. Selbstverständlich geht es dabei trotz angeblicher Großgefahr mal wieder urgemütlich zu: Es wird geschäkert, geliebt und gescherzt, als befände man sich statt auf Freiheitsmission im Sommerurlaub, während die Schlägereien mit den brutalen Schergen der Gegenseite an arglose Sandkastenbalgereien erinnern. Ohnehin erscheint der Kontrahent nur wenig bedrohlich, was auch damit zusammenhängt, dass man sich irgendwie nicht wirklich auf einen Hauptgegner einigen konnte, und daher ein wirklicher Bezug fehlt (zumal auch Art und Motivation der Schandtaten nicht so klar ersichtlich sind – der Feind muss hier in erster Linie vor allem deshalb vernichtet werden, weil er eben der Feind ist). So ist das Geschehen dann auch alles andere als aufregend, und selbst die einzige Szene, die man im Ansatz als Actionszene bezeichnen könnte, – ein motorisierter Mordanschlag auf den Titelhelden – verführt niemanden zum Nägelknabbern.

Ardisson ist kein großartiger Schauspieler, macht seine Sache als B-Bond aber gut und dem tiefergelegten Niveau-Pegel angemessen. Der in Turin geborene Mime begann seine Karriere in kostengünstigen Sandalen-Schinken und dürfte für die Rolle als Frauenschwarm und Ganovenschreck dankbar gewesen sein. Die große Karriere blieb ihm anschließend dennoch verwehrt; das deutsche Publikum durfte ihn später immerhin noch als Western-Ikone 'Django' in DJANGO – DEN COLT AN DER KEHLE erleben (auch, wenn der dort verkörperte Revolverheld im Original gar nicht Django hieß). Als schutzbedürftiges Mägdelein sieht man an seiner Seite Barbara Simon, die nur selten auf der Leinwand zu Gast war, dabei unter anderem in DJANGO UND DIE BANDE DER GEHENKTEN neben einem „echten“ Django, dargestellt von Terence Hill. Simon muss hier eigentlich nur hübsch aussehen, was ihr auch im ansprechenden Maße gelingt – freilich ohne dabei vollends zu begeistern. Auch auf Schurken-Seite gibt es keine Glanzleistungen zu vermelden, zumal die konturlos gezeichneten bösen Buben ohnehin fast nur reines Kanonenfutter sind. In den Nebenrollen fallen mit Fernando Sancho [→ EINE PISTOLE FÜR RINGO] und Sal Borghese [→ EIN TURBO RÄUMT DEN HIGHWAY AUF] immerhin noch zwei bekannte Gesichter des Italo-Kinos auf.

Mal abgesehen von dem schmissigen Titelsong (der – auch keine sonderlich große Überraschung – vor nett gemachtem James-Bond-Gedächtnis-Vorspann abgespielt wird), ist die musikalische Begleitung eher verunglückt und erinnert überwiegend an jahrmärktliche Leierkasten-Beschallung. Atmosphärisch gelungen geriet hingegen die Anfangsszene, in welcher eine Frau in panischer Angst durch die Nacht flüchtet – eine stimmige Eröffnung, die an einen klassischen Horrorfilm-Moment erinnert und schließlich zwar absehbar, aber schön makaber aufgelöst wird. Das Versprechen, das diese Sequenz gibt, kann das nachfolgende Abenteuer freilich nicht einhalten – dazu fehlt es einfach zu sehr an Spannung, Dramatik und Kreativität. Das ist eigentlich erst dann erstaunlich, wenn man sich ansieht, wer hier das Regie-Zepter in der Hand hielt: Sergio Sollima wurde nachfolgend zu einem von den Kritikern sehr geschätzten Mann und inszenierte nur kurze Zeit später die Western-Meisterwerke DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE, VON ANGESICHT ZU ANGESICHT und LAUF UM DEIN LEBEN sowie den exzellenten Noir-Thriller BRUTALE STADT. Von der Großartigkeit dieser Bravourstücke ist hier noch rein gar nichts zu spüren; die Agenten-Soße rinnt zwar geschmeidig, bleibt jedoch eine eindeutige Billig-Produktion ohne besondere Ambition.

Der deutsche Titel ist natürlich viel zu reißerisch, ist 3S3 doch nicht mal im Ansatz die kalte Killermaschine, die einem hier angekündigt wird. Doch auch der Originaltitel übertreibt nicht minder: Walter Ross löst hier keineswegs eine Eintrittskarte zur Hölle, sondern vielmehr zu gediegener Sonntagsnachmittags-Unterhaltung für Freunde nostalgischer Leinwand-Erlebnisse. Und für die lohnt sich die Reise trotz fehlender Aufregungen dennoch. Und da sich Agent 3S3 im Anschluss immerhin noch auf eine weitere Mission begeben durfte (für das deutsche Publikum sogar noch auf noch eine mehr, weil man ein anderes Ardisson-Vehikel kurzerhand zum Walter-Ross-Auftritt umfunktionierte – was mit Django geht, geht mit 3S3 schon lange), zahlte sich die Nummer wohl auch hinreichend aus. Es sei gegönnt. 3S3 mag zwar nur ein laues Lüftchen sein, an manch heißem Sommertag jedoch ist ein laues Lüftchen genau das, was man gerade braucht.

Laufzeit: 94 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 24. Dezember 2012

DER TEUFELSGARTEN


COPLAN SAUVE SA PEAU
Frankreich, Italien 1967

Regie:
Yves Boisset

Darsteller:
Claudio Brook,
Margaret Lee,
Jean Servais,
Bernard Blier,
Jean Topart,
Hans Meyer,
Klaus Kinski,
Agatha Alma



Inhalt:

Mara [Margaret Lee] stirbt in den Armen ihres Geliebten, des Geheimagenten Francis Coplan [Claudio Brook] – ermordet. Auf der Suche nach den Drahtziehern dieses Verbrechens und dessen Grund lernt Coplan die Schattenseiten Istanbuls kennen. Dubiose Figuren kreuzen seinen Weg, jeder scheint etwas zu wissen, doch alle schweigen. Als Coplan in einem Nachtclub schließlich eine Doppelgängerin Maras kennenlernt, ist ihm klar, dass hier eine große Verschwörung laufen muss …

Kritik:

007? Kennt jeder. 117? Dank ironisierter Wiederbelebung auch ein paar Leuten bekannt. Und FX 18? Der hatte etwas weniger Glück als seine Kollegen und blieb – zumindest in Deutschland – eher unbekannt. Zwar brachte es auch Coplan auf insgesamt sechs Kinoabenteuer, doch die verwirrende Vermarktungspolitik der deutschen Verleiher und die Tatsache, dass die Figur bei jedem seiner Ausflüge von einem anderen Darsteller verkörpert wurde, blieben nicht folgenlos. 

Natürlich ist der französische Agent Francis Coplan auch nur ein weiteres der zahlreichen unverhohlenen James-Bond-Duplikate, wie sie in den 60ern die Lichtspielhäuser zu Dutzenden belagerten, und folgt als solches blindlings den bereits vorgetrampelten Pfaden, ohne dabei etwas sonderlich Neues hinzufügen zu können. DER TEUFELSGARTEN, der letzte Beitrag zur Coplan-Reihe, erlaubt sich allerdings doch so einige unerwartete Verrücktheiten und eine leicht surreale Grundstimmung, was im Nachhinein deutlich mehr Laune macht, als die zwar ähnlich gearteten, doch wesentlich konventionelleren Abenteuer seines Kollegen OSS 117. Bereits nach wenigen Minuten wähnt man sich buchstäblich im falschen Film, wenn Coplan seine ersten Worte spricht und seiner Geliebten, die eben noch verzweifelt um ihr Leben rannte, mit zartem Schmelz in der Stimme entgegensäuselt: „Erinnerst du dich an die Blumen von Acapulco? Dieser farbige Teppich, der uns auf dem Fluss entgegen schwamm? Erst, als wir ganz nahe dran waren, konnten wir die Schiffe erraten.“

Jedoch just, bevor man sich ernsthaft zu fragen beginnt, ob das Drehbuch vielleicht von Rosamunde Pilcher verfasst wurde, befindet man sich auch schon mittendrin im schönsten Spionagesalat: „Hast du mal etwas vom Konsortium gehört?“, fragt die so blumig Angesäuselte. „Vom Konsortium der Gehirne?“, antwortet Coplan erstaunt. Spätestens jetzt ist klar: Die kommenden 105 Minuten bieten allerfeinsten Agentenquatsch mit Soße. Der sich anschließenden Handlung zu folgen, ohne dabei den Faden zu verlieren, ist keine sehr einfache Übung. Selbst Coplan scheint nicht so recht zu verstehen, worum es hier eigentlich geht und stolpert eher unbedarft und mit fragendem Blick von einem Schauplatz zum nächsten. Mag sein Darsteller Claudio Brook auch rein optisch voll und ganz dem gängigen Agentenklischee der 60er Jahre entsprechen (hochgewachsen, brustbehaart, ein süffisantes Lächeln im kantigen Gesicht), erweckt seine Mimik doch überwiegend den Anschein, als sei er soeben mit voller Kraft gegen einen Laternenmast gelaufen und versuche nun verzweifelt sich daran zu erinnern, wer er eigentlich ist, wo er sich befindet und was der ganze Trubel um ihn herum überhaupt soll. So dümmlich aus der Wäsche geguckt, wie Brook es hier quasi im Dauerzustand macht, hätte Sean Connery wohl nicht mal, wäre er des Morgens im rosa Tutu mit auf dem Teppich getackertem Haupthaartoupet aufgewacht.

So erweckt Coplan, während seine Gegenüber ihn mit Informationen versorgen, überwiegend den Eindruck völliger geistiger Abwesenheit, dass man fast gewillt ist, ein Goldstück für seine Gedanken zu reichen. Ihren Höhepunkt findet diese vermeintliche Apathie, als Colplan von einer Szene auf die andere plötzlich ohne ersichtlichen Grund auf einer Bahre liegt und von den Bediensteten seines Kontrahenten, des türkischen Lieutenants Sakki, in Richtung Krankenwagen geschleppt wird. Bar jeder Gegenwehr liegt Coplan auf der Trage, bis ihm – just in dem Moment, in welchem er an der Kamera vorbeigetragen wird – plötzlich doch noch die Merkwürdigkeit der Situation bewusst zu werden scheint, was zur Folge hat, dass er sich beherzt aufrichtet und sich eher zaghaft als erbost die Frage erlaubt: „Sagen Sie mal, was soll das? Ich bin doch nicht krank!“

Nicht verschwiegen werden sollte an dieser Stelle, auf welche raffinierte Art Agent FX 18 im Anschluss aus dieser scheinbar ausweglosen Situation entkommt: Als plötzlich ein Eselskarren auf der Straße steht und der Krankenwagen scharf bremsen muss, nutzt der Topspion geistesgegenwärtig den entstehenden Tumult und schleicht sich ebenso leise wie unbemerkt aus dem Fahrzeug. Auf die berechtigte Frage des Lieutenants, wie es Coplan denn trotz Bewachung gelingen konnte, zu entfliehen, antwortet sein Untergebener dann auch ganz offen und ehrlich: „Er hat die Tür aufgemacht, Herr Lieutenant!“ 

So und so ähnlich amüsiert DER TEUFELSGARTEN dann auch beinahe über die gesamte Laufzeit hinweg auf äußerst angenehme, realitätsinkompatible Weise: Coplan tigert von Station zu Station, trifft merkwürdige Figuren, die merkwürdige Dinge tun und sagen, tut und sagt selbst merkwürdige Dinge, liefert sich zwischendurch arg ungelenk choreographierte Keilereien und hängt bei öffentlichen Ringkämpfen oder in verruchten Nachtclubs herum. Die recht kryptischen Dialoge (die im Original ähnlich abstrakt und nicht nur das Produkt der deutschen Synchronfassung sein dürften) sorgen dabei immer wieder für Heiterkeit, die obskure Story für angenehmes Erstaunen.

Erstaunlich spät wird auch der eigentliche Oberschurke eingeführt: Hugo Gernsbach [Hans Meyer], der auf einer schwer bewachten Festung irgendwo in der Nähe der syrischen Grenze haust. Nachdem Coplan die ortsansässigen Bauern nach dessen Standort befragt hat („Ich suche ein Schloss oder sowas wie eine Burg.“ - „Hööö?“ - „Eine Festung, eine Zitadelle!“) stattet er dem Fiesling schließlich einen Besuch ab – trotz eindringlicher Warnung: „Kein vernünftiger Mensch geht freiwillig in die Gärten des Teufels!“ - „Die Gärten des Teufels?“ - „Seit Jahrhunderten werden sie so genannt.“ - „Und warum?“ - „Man erzählt, dass in diesen Tälern der Teufel umgeht.“ Dort hütet Gernsbach, ein herrlich bizarrer Bösewicht, der eine Gesichtshälfte wie weiland das Phantom der Oper hinter einer Maske aus Kaugummipapier versteckt, in einer verbotenen, durch eine Stahltür gesicherten Kammer ein todbringendes Geheimnis, ein undefinierbares weißes Licht, dessen Bedeutung und Herkunft bis zum Ende nie geklärt wird.

Der kleine Mystery-Schlenker tut dem TEUFELSGARTEN ziemlich gut, zumal die bizarre Sause gegen Ende ohnehin noch mal einiges an Fahrt aufnimmt. Als Gernsbach eine gnadenlose Menschenjagd veranstaltet und Coplan durch Dschungel und Felsgestein hetzen lässt, sorgt das nicht nur für ein gesundes Maß an Nervenkitzel, sondern auch für eine der amüsantesten Szenen des gesamten Spektakels: So versteckt sich Coplan vor seinen Häschern auf einem Baum und erblickt erschrocken eine riesige Spinne. Dass diese eindeutig aus einem anderen Film hineingeschnitten wurde, ist noch nicht wirklich ein Brüller. Als das Tier Coplan jedoch angreift, sieht es plötzlich nicht nur völlig anders aus, sondern hat sich auch in eine unbewegliche Gummispinne aus dem Halloween-Shop verwandelt, die nun wirklich nicht so aussieht, als könne sie irgendjemandem auch nur im Ansatz gefährlich werden.

Ein weiteres Highlight ist unbestreitbar der legendäre Klaus Kinski in einer großartigen Nebenrolle als undurchschaubarer Bildhauer, der erst in liebevoller Kleinarbeit ein Nacktmodell drapiert, um sich im Anschluss seinem undefinierbaren Haufen Klumpatsch zu widmen, der allerdings keinesfalls den Eindruck erweckt, als könne jemals eine brauchbare Skulptur daraus entstehen. Kinski nutzt hier einmal mehr die Gelegenheit, sein verschrobenes Wesen voll und ganz auszuspielen, und es ist eine wahre Freude, ihm dabei zuzusehen. Mit nacktem Oberkörper stolziert er gedankenverloren durch den Raum, den Blick unstet, die Gesichtsmuskulatur nervös zuckend, und sinniert von der Schönheit des weiblichen Körpers und Bindungen, die über den Tod hinausgehen. Wenn er später plötzlich mit einem Kollegen auch noch Barbie-Puppen entkleidet, um zärtlich mit ihnen zu schmusen, hat man als Zuschauer schon längst alle Scham verloren und suhlt sich voller Wonne in diesem sinnfreien Wust erstaunender Skurrilitäten.

Es ist bezeichnend, dass Agent FX 18 nach einer anfänglichen Schlägerei den halben Rest der Laufzeit seinen linken Arm in einer Schlinge tragen muss – besser kann man den verhinderten Versuch, eine ernsthafte 007-Konkurrenz auf die Beine zu stellen, kaum versinnbildlichen. Dass DER TEUFELSGARTEN dennoch vorzügliche Unterhaltung bietet, liegt an dem ansprechend hohen Kuriositätsfaktor, der eine Absehbarkeit der Ereignisse unmöglich macht und an jeder Ecke eine neue, obskure Überraschung bietet. Die Dialoge sind hemmungslos blöd, der Hauptdarsteller ist auf sympathische Weise überfordert und die Handlung wirkt im Nachhinein wie ein wirrer Traum.

Tadellos gerieten hingegen die Bilder von Kameramann Alain Derobe, dem nicht nur, aber vor allem im Finale ein paar sehr schöne Aufnahmen gelangen.

DER TEUFELSGARTEN! Kein Film mit Hirn! Aber mit Gehirnen!

Laufzeit: 105 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 5. November 2012

SKYFALL


SKYFALL
GB, USA 2012

Regie:
Sam Mendes

Darsteller:
Daniel Craig,
Judi Dench,
Javier Bardem,
Ralph Fiennes,
Ben Whishaw,
Naomie Harris,
Albert Finney,
Ola Rapace


„So I wish I was James Bond, just for the day. Kissing all the girls, blow the bad guys away.“ [Scouting for Girls]


Inhalt:

James Bond [Daniel Craig] ist tot! Zumindest M [Judi Dench] glaubt das und verfasst auch schon mal nen Nachruf. Bei einem Einsatz in der Türkei wurde der beste Agent des MI6 angeschossen (von den eigenen Leuten – willkommen in unserem kompetenten Fachteam!) und im Fluss versenkt. Aber Bond hat überlebt (kein Wunder, sonst wäre der Vorspann der Abspann). Dennoch verschwindet er zunächst im Untergrund und liefert sich lebensgefährliche Trinkspiele mit den Einwohnern eines kleinen Dörfchens irgendwo im Nirgendwo. Doch als eine Explosion das Hauptquartier des MI6 erschüttert, meldet er sich zurück zum Dienst. Zwar besteht er nicht mal mehr den Tauglichkeitstest, doch M boxt Bond zurück in den Einsatz. In Shanghai soll er Jagd auf den Killer Patrice [Ola Rapace] machen. Dieser handelt im Auftrag eines Verbrechers, der dem Geheimdienst eine Liste mit Agentennamen entwendet hat (der MI6 ist auch nicht mehr das, was er mal war). Zwar überlebt Patrice die Konfrontation mit Bond nicht, doch ein Spielchip in seinem Gepäck führt auf die Fährte Raoul Silvas [Javier Bardem], eines ehemaligen MI6-Agenten, der ganz persönliche Gründe für eine Rache hegt. Die Festnahme des Bösewichts gelingt relativ reibungslos. Doch schon bald müssen MI6 und Bond feststellen, dass sie nur Marionetten in einem teuflischen Spiel Silvas sind.


Kritik:

Nein, das ist definitiv nicht mehr der James Bond der 1960er und 70er Jahre. Das ist nicht mehr der Bond, der sich mit Wrestlern mit tödlicher Kopfbedeckung prügelte. Das ist nicht mehr der Bond, der mit klobiger Laserkanone ins All flog. Und das ist auch nicht mehr der Bond, der sich mit Tarzan-Schrei durch den Dschungel hangelte. Mit den ebenso abstrusen wie unbeschwerten Nonsens-Abenteuern früherer Zeiten hat SKYFALL, der (zumindest nach offizieller Zählung) 23. James-Bond-Film und der dritte mit dem gewöhnungsbedürftigen Daniel Craig in der Rolle des Superagenten, inzwischen dermaßen wenig am Hut, dass es wohl ein Ding der Unmöglichkeit wäre, einen Uninformierten davon zu überzeugen, es mit ein und derselben Reihe zu tun zu haben.

Natürlich braucht Bond nun ernsthaft niemandem mehr vorgestellt zu werden. Den britischen Geheimagenten, der jeder noch so ausweglosen Situation entfleucht, jeden noch so geisteskranken Superschurken zur Strecke bringt, dabei aber immer noch genug Zeit findet, um Cocktails zu schlürfen und die schärfsten Tanten des Planeten zu beglücken, kennt wahrlich jedes Kind. Das hinderte die Autoren Neal Purvis, Robert Wade und John Logan jedoch nicht daran, es dennoch zu versuchen und bürdeten sich mit ihrem Skript die monumentale Aufgabe auf, den Menschen hinter dem Agenten sichtbar zu machen, seine Schwächen und Selbstzweifel. „Ich habe den Tod genossen“, antwortet Bond dann auch auf Ms Frage, warum er sein Überleben so lang geheim hielt. Und tatsächlich liegt eine unterschwellige Todessehnsucht in der Luft, eine unverarbeitete, tiefgründige Trauer lastet auf Ihrer Majestäts Superagenten. Freud wäre begeistert, führt ihn seine Selbstfindungsreise doch schließlich zurück an den Ort seiner Kindheit, wo er sich seinen verborgenen Dämonen stellen muss.

Aber nicht nur Bond hat Seelenkummer: Auch seine Vorgesetzte M (wie in den Vorgängern verkörpert von Judi Dench) befindet sich in einer Sinnkrise. Involviert wie noch nie zuvor, nimmt der Charakter hier aktiv am Geschehen teil und darf sich die Frage stellen, inwiefern getroffene Entscheidungen das Schicksal des Menschen beeinflussen. Brisanterweise ist die Entstehung des Schurken, gegen den Bond hier antreten muss, nämlich untrennbar mit einer von Ms Entscheidungen verbunden: Jarvier Bardem, der bereits in NO COUNTRY FOR OLD MEN als Killer mit Dachschaden und Bolzenschussgerät brillierte, liefert als entwurzelter Ex-MI6-Agent eine nachhaltig beeindruckende Leistung ab. Unter seinem tuckigen, rätselhaft unscheinbaren Auftreten mitsamt brüchiger Fistelstimme spürt man eine gefährliche Urgewalt brodeln, ein grenzenloser Wahnsinn, der jeden Augenblick herausbrechen könnte – sein schaurig-dämonischer Offenbarungseid im Ms Gegenwart hätte vermutlich selbst Hannibal Lecter zum Schlottern gebracht.
Und dennoch spielt Bardem keinen realitätsfernen Comic-Bösewicht, der aus reiner Bosheit agiert. Raoul Silva ist eine tragische Figur, ein von Menschenhand erschaffenes Monster, aufgrund von Folter und Entbehrungen in den Irrsinn getrieben, was seinen Wahn sogar nachvollziehbar macht:

Mutter! Sieh, was du erschaffen hast!“

Tod, Sterben, Schuld und Katharsis – Themen, die in SKYFALL nicht nur thematisiert werden, sondern zeitweise das Szenario sogar komplett beherrschen – und das in solch einem Ausmaß, dass man fast vergisst, es mit einem Agententhriller zu tun zu haben. Nun bestand nach 50 Jahren James Bond gewiss keine zwingende Notwendigkeit, das gewohnte (zudem bis zum Exzess auch von zahlreichen Plagiaten kopierte) Muster noch ein weiteres Mal treuherzig durchzuexerzieren; ob penetrante Ausflüge in die Welt der Tiefenpsychologie jedoch der Weisheit letzter Schluss war, um ein Flaggschiff wie 007 aufzupolieren, darüber könnte man vorzüglich bei einem Wodka Martini streiten. Fast paradox erscheint es da bei all dem Gemenschel, dass Bond mehr denn je zugleich als nahezu übermenschliches Wesen abgefeiert wird: Oft erst im Halbdunkel versteckt, tritt er schließlich wie der leibhaftige Messias ins Licht. Auf die Frage nach seinem Hobby antwortet er demzufolge auch: „Auferstehung!“

Nicht nur inhaltlich, auch visuell beschreitet man neue Wege: SKYFALL sieht schlichtweg umwerfend schön aus. Kameramann Roger Deakins kreierte berauschende Bilder von solch optischer Wucht, dass man sich jede zweite Szene als Poster an die Wand hängen könnte. Das nächtliche Shanghai erscheint so als märchenhafte Fantasiewelt, Bonds Kampf mit einem Kontrahenten als wirklichkeitsentrücktes Schattenspiel vor dem irrealen Hintergrund rotierender Lichter. So e
indrucksvoll das auch geriet, muss hier dennoch die Frage gestattet sein, ob man damit nicht ein wenig übers Ziel hinausgeschossen ist. Immerhin wurde James Bond nicht aufgrund ausgefeilter Bildästhetik zum Welterfolg (die ersten 007-Abenteuer, die den Erfolg begründeten, profitierten zwar von ihren exotischen Schauplätzen, waren in Sachen Inszenierung aber doch eher konservativ), sondern weil die Hauptfigur die quasi fleischgewordene männliche Allmachtsfantasie war, die in exotischer Umgebung ihre Maskulinität zelebrierte, die Gegner tötend, die Frauen betörend, aus sämtlichen Duellen actionreich als Sieger hervorgehend.

Action bietet SKYFALL freilich auch – richtig schnieke anzusehende sogar: Nicht zu rasant geschnitten, nicht zu übertrieben (vom anfänglichen geisteskranken Motorrad-Stunt mal abgesehen) und im archaischen Finale sogar richtig klassisch, wenn man sich in der kargen Landschaft Schottlands gegenseitig die blauen Bohnen um die Ohren pustet. Dennoch liegt der Fokus hier eindeutig auf Handlung und Charakterzeichnung, die kinetischen Exzesse ordnen sich brav unter, verkommen nicht zum Selbstzweck.

SKYFALL ist zwar kein ‚Reinfall‘, bürdet sich aber etwas zu viel auf: Obwohl sich in keiner Sekunde wie ein gewohntes 007-Abenteuer anfühlend, will er dennoch zugleich Hommage sein, als auch Vorgeschichte. Gespickt mit haufenweise Anspielungen auf die 'gute alte Zeit', muss man sich fragen, warum diese dann so krampfhaft zu verändern versucht wird. Die nahezu epische Herangehensweise, die ausladenden Bilder, die übertriebene Psychologisierung der Figuren und der apokalyptische Überzug von Todessehnsucht, Wiedergeburt und innerer Einkehr, das alles steht im Widerspruch zu den simplen Formeln, die die Reihe einst groß gemacht haben.

Oder, wie Raoul Silva so treffend fragt:

Ist noch irgendwas vom alten 007 übrig?“

Laufzeit: 143 Min. / Freigabe: ab 12

PS: Beachtet zu diesem Film auch die Kritik von Stuart Redman.