Samstag, 1. September 2012

FRISS ODER STIRB

[VIVI O, PREFERIBILMENTE, MORTI][ITA/SPA][1969]

Regie: Duccio Tessari
Darsteller: Giuliano Gemma, Nino Benvenuti, Sydne Rome, Antonio Casas, Cris Huerta, George Rigaud


"Dann wird der Vater erstmal einen Schluck hinter das verträumte Chemisett laufen lassen, Marke Haudichblau und Schlagdichgrün."

Monty Mulligan [Giuliano Gemma] macht ständig einen auf dicke Hose und verkehrt im feinsten Zwirn in bester Gesellschaft. Doch der Reichtum ist nur Fassade: Die Moneten, die er verpulvert, gehören tatsächlich den Gebrüdern MacIntosh, die ihn für einen Börsenspekulanten halten. Als diese den Schwindel bemerken, sind sie leicht angesäuert. Mit Müh und Not gelingt es Monty jedoch im wahrsten Sinne des Wortes, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Denn als die Geprellten gerade im Begriff sind, ihn für seine Verfehlung am Kronleuchter aufzubammeln, stört ein zauseliger Rechtsanwaltsgehilfe die Zeremonie und verkündet eine Erbschaft in Höhe von 300 000 Dollar zu Montys Gunsten. Der Haken: Damit es zur Auszahlung kommt, muss dieser sich ein halbes Jahr lang mit seinem verhassten Bruder Ted [Nino Benvenuti) Tisch und Bett teilen. Dieser lebt in absoluter Einsamkeit in einer Holzhütte irgendwo im Nirgendwo und ist nicht sehr begeistert, als das unbeliebte Brüderchen so plötzlich auf der Matte steht. Da sich Monty auch gleich auf Anhieb mit dem örtlichen Schutzgelderpresser Jim [Cris Huerta] anlegt, woraufhin dieser Teds Behausung den Flammentod sterben lässt, stehen beide bald ebenso obdach- wie mittellos auf der Straße. Notgedrungen beschließen sie nun, sich zusammenzuraufen und ins lukrative Bankraubgeschäft einzusteigen...

Das Bemerkenswerteste an FRISS ODER STIRB ist sein Erscheinungsjahr: Bereits 1969 erschienen, nahm der in Deutschland auch als HALLELUJA FÜR 2 GALGENVÖGEL bekannte Italo-Western-Klamauk bereits etliche Elemente des erst ein Jahr später entstandenen Kultfilms DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS sowie der durch dessen Sensationserfolg losgetretene Lawine unzähliger Fortsetzungen, Variationen und Epigonen vorweg. Bereits bevor es zur fast unabdinglichen Handlungsprämisse jeder mehr oder weniger vernünftigen Genreparodie wurde, müssen sich hier zwei sich gegenseitig missgünstige Parteien zusammenraufen und ihre gemeinsame Hassliebe überwinden, um nach vielen Fehlschlägen und wechselseitigem Ausgetrickse schließlich doch noch zum Erfolg zu gelangen. Wie später bei Bud Spencer und Terence Hill gibt es auch hier bereits zahlreiche mit Situationskomik aufgelockerte Faustkämpfe und eine humorvolle Grundstimmung, die man bis dahin aus dem eher harten Italo-Western-Genre weniger gewohnt war.

Weswegen FRISS ODER STIRB im Gegensatz zu Enzo Barbonis späterem Kassenschlager der große Einfluss auf das Genre verwehrt blieb, liegt jedoch auf der Hand: Zu Beginn noch recht flott, gleitet dieser Beitrag nämlich allzu hurtig in passable Durchschnittlichkeit, was vor allem dessen Episodenhaftigkeit geschuldet ist. So fällt es der Handlung mit fortschreitender Laufzeit immer schwerer, ihre Inkonsistenz zu verbergen und erweckt den Eindruck, aus Restideen anderer Klamotten zusammengeklaubt worden zu sein. Und als wäre das nicht genug, sorgt die deutsche Fassung nochmals für zusätzliche Verwirrung, wurde doch fast der gesamte Handlungsstrang, in welchem Monty der Liebe anheim fällt, Opfer der berüchtigten Straffungsschere. Da sich einige der folgenden Dialoge jedoch auf diesen Umstand beziehen, kommt es somit hin und wieder mal zu leichten Konfusionen. Dennoch ist der Weg der Gebrüder Mulligan, die ständig vergebens versuchen, es zu Reichtum zu bringen, mit einigen guten Lachern gepflastert - in Ermangelung eines konsequenten Spannungsbogens jedoch treten recht schnell Ermüdungserscheinungen auf.

Das liegt fraglos nicht an Giuliano Gemma, welcher in seiner Paraderolle als charmantes Schlitzohr ebenfalls bereits etliche der Mechanismen vorwegnimmt, die Terence Hill später den Weg zum Weltstar ebnen sollten (nicht ohne Grund durfte Gemma später nochmals neben Bud Spencer in AUCH DIE ENGEL ESSEN BOHNEN als Hill-Ersatz überzeugen). Nino Benvenuti [DAS ULTIMATUM LÄUFT AB] hingegen enttäuscht und bleibt als sein Gegenpart schlichtweg uninteressant. Das liegt weniger an seinem durchaus soliden Schauspiel, als vielmehr daran, dass er Gemma sowohl optisch als auch charakterlich viel zu ähnlich ist, wodurch ein Großteil des komödiantischen Potentials sinnlos verpufft. Auch hier zeigte Barboni dann ein Jahr später, wie man sowas richtig macht: Regte bereits das äußere Erscheinungsbild Bud Spencers und Terence Hills aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit die Lachmuskeln an, sind Giuliano Gemma und Nino Benvenuti einfach nur zwei sich ständig kabbelnde große Jungs ohne besondere Unterscheidungsmerkmale.

Wo ein Gemma ist, ist auch ein Brandt nicht weit – schon gar nicht in einem Genrewerk wie diesem. So fungiert der olle Rainer auch hier als Gemmas deutsches Sprachorgan und legt ihm in dieser Funktion abermals eine ordentliche Portion Flapsigkeit auf die Lippen. Obwohl nicht zu seinen besten Arbeiten zählend, sorgt die angenehm alberne Synchronisation trotzdem für ein fröhlich-flottes Geschnodder, was dem Unterhaltungswert doch sehr zuträglich ist. So erklärt Monty ein paar Ganoven, die ihn zu überfallen gedenken: "Ich werd euch gleich in'n Keller schicken, 'n paar Liter Heizöl hacken!" und rät einem anschließend Angeschossenen: "Den zerschossenen Ärmel lässt du dir von der Omma nachstricken."

Regisseur Duccio Tessari, welcher mit Gemma bereits den zum kleinen Klassiker avancierten EINE PISTOLE FÜR RINGO und dessen Fortsetzung RINGO KOMMT ZURÜCK verwirklichte (und später - ebenfalls mit Gemma in der Hauptrolle - mit TEX UND DAS GEHEIMNIS DER TODESGROTTEN wahrhaft 'grottige' Unterhaltung präsentierte), sorgt somit gemeinsam mit seinem bewährten Hauptdarsteller und nicht zuletzt dank der tatkräftigen Unterstützung Rainer Brandts für denkbar anspruchsloses, aber gemütliches Nachmittagsamüsement. Wer das nicht fressen will, der wird allerdings auch nicht gleich sterben.

Laufzeit: 85 Min.

1 Kommentar:

  1. Diesen Beitrag habe ich heute überarbeitet. In der ursprünglichen Version hatte ich behauptet, der Film sei im Fahrwasser der Komödien Bud Spencers und Terence Hills entstanden. Ein simpler, doch arg verspäteter Blick auf's Erscheinungsjahr strafte dieser Behauptung Lügen - tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall, was FRISS ODER STIRB dann doch noch etwas bemerkenswerter macht als zuvor angenommen.
    Der Text ist nun angeglichen und etwas erweitert worden.

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