Freitag, 28. September 2012

ICH SPUCK AUF DEIN GRAB

[I SPIT ON YOUR GRAVE][USA][1978]

Regie: Meir Zarchi
Darsteller: Camille Keaton, Eron Tabor, Richard Pace, Anthony Nichols, Gunther Kleemann, Alexis Magnotti

Die junge New Yorker Schriftstellerin Jennifer Hills (Camille Keaton) hat sich auf dem Land ein Haus an einem See gemietet, um dort in Ruhe an ihrem neuen Buch arbeiten zu können. Doch die ersehnte Ruhe wärt nicht lange, denn schon bald tauchen Johnny (Eron Tabor), der Tankwart des nahegelegenen Städtchens, und seine Kumpels Matthew (Richard Pace), Stanley (Anthony Nichols) und Andy (Gunther Kleemann) bei dem Haus auf und beginnen, Jennifer zu belästigen. Was zunächst wie ein harmloser Streich erscheint, steigert sich schnell zu einem wahren Martyrium für Jennifer, als sie von den Männern durch den Wald gehetzt und mehrfach vergewaltigt wird. Um zu verhindern, dass irgendjemand von den Taten der Männer erfährt, soll der schüchterne Matthew Jennifer anschließend töten, kann sich jedoch nicht dazu überwinden. Jennifer bleibt schwer verletzt auf dem Fußboden ihres Hauses liegen. Doch nachdem sie sich von ihren körperlichen Wunden erholt hat, geht die junge Frau keineswegs zur Polizei. Sie sinnt auf Rache an ihren Peinigern. Die Männer sollen genauso leiden, wie sie ihr Opfer haben leiden lassen. Jennifer schmiedet einen perfiden Plan...

I SPIT ON YOUR GRAVE gilt neben LAST HOUSE ON THE LEFT wohl als einer der härtesten Vertreter des Rape-and-Revenge-Genres. Wie LAST HOUSE ist auch I SPIT ON YOUR GRAVE bis heute in Deutschland wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt. Gerade in diesen Tagen, in denen ich dieses Review zum Original I SPIT ON YOUR GRAVE schreibe, hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) übrigens auch die bundesweite Beschlagnahmung des 2010er-Remakes durch das Amtsgericht Augsburg bekannt gegeben. Das Leben ist voller Zufälle. Und auch in Großbritannien ist der Film selbst nach Abschaffung der sogenannten Video Nasties nur in einer um mehrere Minuten geschnittenen Version erhältlich.
Dabei spaltet der Film wahrlich die Gemüter. Die einen halten ihn für ein Meisterwerk des Terrorkinos, die anderen für den größten Schund, der je gemacht wurde. Wobei bei letzteren die Meinungen von abartig, widerwärtig und krank bis zu einfach nur stinkelangweilig reichen. Vor allem die ausgedehnte Szene im Mittelteil des Films, in der Jennifer von den vier Männern verfolgt und immer wieder vergewaltigt wird (insgesamt läuft diese Sequenz über 20 Minuten), stieß bei Publikum wie Sittenwächtern auf heftige Gegenreaktionen.
Dementsprechend fallen auch die im Netz verfügbaren Kritiken sehr gemischt aus, was mich lange Zeit zögern ließ, mir Meir Zarchis Werk als Blindkauf zuzulegen. Irgendwann wanderte die US-Blu-ray dann aber doch in den Warenkorb. Da ich tatsächlich auf eine ziemliche Katastrophe gefasst war, ging ich mit sehr niedrigen Erwartungen an den Film heran... und wurde doch tatsächlich recht positiv überrascht. I SPIT ON YOUR GRAVE baut seine Spannungskurve sehr langsam, aber dafür recht geschickt auf. Dabei überzeugen technisch vor allem die sorgfältige Kameraarbeit und der Schnitt. Wie schon LAST HOUSE ON THE LEFT macht I SPIT ON YOUR GRAVE den Zuschauer zum Voyeur, verführt ihn dazu, sich an Jennifers Torturen zu weiden, doch wo die beiden Mädchen in LAST HOUSE ihrem Schicksal nicht entgehen können und am Ende die Eltern zur Rache schreiten müssen, wird hier das Opfer selbst zum Racheengel.

Die Charaktere sind dabei leider recht rudimentär geblieben, ihre Hintergründe bleiben oberflächlich. Cammille Keatons Jennifer muss sich mit dem schlichten Character-Background zufrieden geben, dass sie Autorin von Frauenromanen aus New York City ist. Trotzdem holt Keaton aus ihrer Rolle das Maximum heraus und pendelt glaubwürdig zwischen hilfloser Panik und totaler körperlicher Abgekämpftheit im Opferpart und berechnender, verführerischer Femme Fatale im Rachepart. Keaton hat vor I SPIT ON YOUR GRAVE übrigens einige Filme in Italien gedreht. So war sie u. a. in Massimo Dallamanos COSA AVETE FATTO A SOLANGE? (hierzulande als DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL im Rahmen der auslaufenden Edgar-Wallace-Welle vermarktet) zu sehen.
Am meisten Character-Background erfahren wir über Johnny, der seine wilden Triebe hinter einer Fassade aus geordneter Spießbürgerlichkeit versteckt und für den das, was er und seine Kumpels Jennifer antun, Ventil für den aufgestauten Frust seines ereignislosen Ehelebens ist. Zum Glück hatte Regisseur Meir Zarchi einen Schauspieler an der Hand, der diese Rolle mit Leben zu füllen weiß. Eron Tabor spielt den Anführer der Vergewaltiger überzeugend charismatisch und gleichzeitig schmierig und rücksichtslos. Sein Filmtod ist auch die wirkungsvollste Szene in I SPIT ON YOUR GRAVE. Hier dürfte so gut wie jeder Mann schon beim Zusehen schmerzgepeinigt die Luft zwischen den zusammengepressten Zähnen einsaugen. Tabors Filmografie ist allerdings leider sehr kurz. Der einzige weitere Film aus seiner Filmografie, der mir spontan etwas sagte, ist CANDY STRIPE NURSES von 1974, ein Teil der von Roger Corman produzierten Exploitation-Filmreihe über unartige Krankenschwestern. Schade, von dem Mann würde ich gerne noch mehr sehen.
Richard Pace hat als Matthew eine undankbare Rolle verpasst bekommen. Er liefert eine brauchbare, wenn auch etwas übertriebene Darstellung des gehemmten, um Anerkennung ringenden Dorftrottels ab, nur leider geht einem als Zuschauer seine Figur ziemlich schnell auf den Zeiger. Sein Filmtod gerät dann auch noch dank verdrehter Augen und aus dem Mund hängender Zunge eher unfreiwillig komisch als schockierend. I SPIT ON YOUR GRAVE ist Paces einziger Film.
Anthony Nichols darf als Stanley den Psycho der Truppe geben und hat seinen „großen“ Moment, als er in Jennifers Haus austickt. Ansonsten bleiben er und Gunter Kleemann als Andy aber leider komplett blass, zumal ihnen das Drehbuch absolut überhaupt keinen Hintergrund für ihre Charaktere zugesteht. Dementsprechend unberührt bleibt man dann leider auch, als Jennifer ihnen im Finale des Films schließlich das Lebenslicht ausbläst. Auch für diese beiden Akteure ist I SPIT ON YOUR GRAVE die einzige Filmrolle.

Meir Zarchi hat als Regisseur nach seinem Debüt ebenfalls nicht mehr wirklich Fuß in der Filmbranche fassen können. 1985 führte er noch einmal Regie bei dem ebenfalls von ihm geschriebenen und produzierten Eifersuchts-Rache-Drama DON'T MESS WITH MY SISTER und war 2010 ausführender Produzent für das Remake von I SPIT ON  YOUR GRAVE.

Insgesamt halten sich Stärken und Schwächen des Films weitgehend die Waage. Sicherlich erwartet niemand von einem Rape-and-Revenge-Flick eine tiefgreifende Charakterstudie, aber etwas mehr Unterfutter für die Figuren hätte die Intensität der Handlung durchaus noch um einiges steigern können. Hier wurde viel Potenzial verschenkt. Auf der haben Seite kann I SPIT ON YOUR GRAVE aber in jedem Fall den angenehmen/unangenehmen (da besonders im Rape-Part z. T. nervenzerrend ausführlichen) Spannungsaufbau und die damit verbundene intensive Atmosphäre verbuchen. Erwähnenswert ist hierbei noch, dass der Film auf eine musikalische Untermalung komplett verzichtet. Es gibt zwar den ein oder anderen Song aus dem Radio, aber ansonsten lässt Zarchi das Geschehen musikalisch vollkommen "unkommentiert" für sich stehen, was die rohe Wirkung des Films noch verstärkt.
Ursprünglich sollte I SPIT ON YOUR GRAVE übringens DAY OF THE WOMAN heißen. Der Verleih war jedoch der Ansicht, dieser Titel sei nicht reißerisch genug. Ob der Film auch unter seinem Originaltitel den öffentlichen Aufruhr erzeugt hätte, wie mit dem letztendlich genutzen Titel, darüber kann man sicher trefflich diskutieren. Für mich bleibt festzuhalten: Obwohl in I SPIT ON YOUR GRAVE nicht wirklich viel passiert und der Film in der Zeichnung der Charaktere durchaus einige Defizite hat, ist er trotzdem ein spannender, atmosphärisch dichter Streifen, handwerklich gut gemacht und in den Hauptrollen sehr gut gespielt.

Anchor Bay Entertainment hat dem Film in den USA eine mehr als würdige Blu-ray-Veröffentlichung spendiert. Die Bild- und Tonqualität ist für einen knapp 25 Jahre alten Low-Budget-Streifen sehr gut, und im Bonusmaterial, bestehend aus zwei Audiokommentaren, einem halbstündigen Interview mit Meir Zarchi sowie diversen Trailern zum Film, gibt es jede Menge Hintergrundinfos. Da der Film wie gesagt in deutschen Landen beschlagnahmt ist, bietet sich der Import aus Österreich oder der Gang zur nächsten Filmbörse an, um eine Uncut-Veröffentlichung zu bekommen. Die Zahl der hierzulande und bei unseren südlichen Nachbarn erschienenen DVD-Auswertungen ist hoch und die Qualität der einzelnen Releases stark schwankend, weshalb man sich vorher gut informieren sollte, was man da kauft.

Laufzeit: 101 Min.

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