Eigene Forschungen

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Montag, 24. November 2025

TAXI HUNTER


DI SHI PAN GUAN
Hongkong 1993

Regie:
Herman Yau Lai-To

Darsteller:
Anthony Wong Chau-Sang,
Yu Rongguang,
Ng Man-Tat,
Athena Chu Yun,
Perrie Lai Hoi-San,
Chan Fai-Hung,
Fan Oi-Kit,
Lung Tin-Sang



„Leg dich niemals mit nem Taxifahrer an.“
(Ob Kin diesen Ratschlag beherzigen wird? Nein, wird er nicht!)


Inhalt:

Ah Kin [Anthony Wong] ist Versicherungsagent – und als solcher ziemlich gut. Die verdiente Beförderung steht kurz bevor und auch privat läuft alles rund: Seine Frau [Perrie Lai Hoi-San] befindet sich in anderen Umständen. Einer glorreichen Zukunft scheint somit nichts mehr im Wege zu stehen. Aber zu fahren. Denn Kins Unglücksbringer sitzen hinter den Lenkrädern gelber Automobile. Schon mehrmals war er in der Vergangenheit mit Taxifahrern aneinandergeraten – zum Beispiel, als sie ihm bei einem vorgetäuschten Unfall eine Menge Geld aus der Tasche gezogen haben. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was am Tage der geplanten Niederkunft passiert: Durch die Unachtsam- und Gleichgültigkeit eines Taxifahrers kommt Kins Frau gewaltsam zu Tode – und mit ihr das noch ungeborene Kind. Kins Leben gerät daraufhin aus den Fugen. Vor einem Scherbenhaufen stehend, besorgt sich der einst so brave Bürger eine Knarre. Und ruft sich ein Taxi …

Kritik:

Irgendwann in den frühen 90ern muss ein Taxifahrer dem Herrn Herman Yau wohl mal gehörig ans Bein gepinkelt haben. Jedenfalls sah sich der vielbeschäftigte Filmschaffende dazu veranlasst, diese cineastische Schimpftirade vom Stapel zu lassen. Die kutschierende Zunft kommt nämlich alles andere als gut weg in der grobschlächtigen Rachevision, die das Konzept des Klassikers TAXI DRIVER (1976) auf links dreht und einen wutschnaubenden Anthony Wong zur Jagd auf liederliche Lenkradluder blasen lässt.

Yau war zu seinen Hochzeiten ein echter Tausendsassa des Hongkonger Kinos, verdingte sich als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann, Produzent und in späteren Jahren auch als Schauspieler. Mangelnde Motivation konnte man ihm dabei nicht vorwerfen. Allein 1993, als auch TAXI HUNTER ins Kino kam, brachte er noch zwei weitere Leinwandvehikel auf den Weg – darunter den Bastard UNTOLD STORY, der in seiner makabren Mischung aus Polizeithriller, böser Satire und knallharter Kunstblutverprasserei mächtig die Magengruben malträtierte. Ganz so grenzüberschreitend geht es im vorliegenden Fall allerdings nicht zu, obwohl Subtilität weder beim Schreiben noch bei der Umsetzung zu den priorisierten Tugenden zählte. So werden hier zwar keine Tabus gebrochen, dafür aber eifrig Glas, Glück, Knochen … sowie Herz und Seele der Hauptfigur, die nach einem traumatischen Verlust zum einsamen Vigilanten auf den nächtlichen Straßen Hongkongs wird.

Dieses einschneidende Ereignis, der gewaltsame Tod der Ehefrau, ist im Prinzip die einzige wirklich drastische Szene, die allerdings so plötzlich passiert, dass ihre Schockwirkung noch lange Zeit nachhallt. Dass das erzwungene Ableben auf das Konto eines gewissenlosen Taxifahrers geht, der aufgrund erfolgreichen Fluchtverhaltens noch nicht einmal dafür belangt wird, lässt den zuvor herzensguten Ah Kin gegen besagten Berufsstand tüchtig Hass schieben. Dem Publikum ergeht es dabei ganz ähnlich, denn Yaus Skript zeichnet das Gewerbe als ein fast schon mafiös strukturiertes Kollektiv kleinkrimineller Kreaturen, das sich zusammenrottet, um mit fingierten Unfällen arglosen Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen, oder sich bei begangenen Straftaten – wie der Vergewaltigung betrunkener Fahrgäste – gegenseitig den Rücken deckt. Doch sind es nicht die Taxifahrer allein, die Ah Kin final zur Waffe greifen lassen: Generell entpuppt sich sein Umfeld als weitaus weniger generös, als es zuvor noch den Anschein hatte. Seine Kollegen treiben ihn mit völlig bescheuerten Kommentaren zur Weißglut („Du darfst nicht traurig sein – es ist passiert und lässt sich nicht ändern.“) und sein Boss, der ihn kurz zuvor noch zum Mitarbeiter des Monats ernannte, versteht überhaupt nicht, warum sich seine Arbeitsqualität plötzlich so rapide verschlechtert, streicht die versprochene Beförderung und verordnet Zwangsurlaub.

Seitdem sitzt Kin, in strömendem Regen und mit Bierflasche in der Hand, am Straßenrand und bläst Trübsal. Als er dabei eines Tages Zeuge wird, wie ein weiterer unverschämter Kilometerkassierer eine Frau übers Ohr hauen will, mischt er sich kurzerhand ein und verpasst dem Mann eine saftige Ohrfeige – eine Tat, die von den Umstehenden mit herzlichem Applaus quittiert wird. Von da an dauert es nicht mehr lang, bis Kin überzeugt ist, dass Maulschellen als Strafe noch längst nicht ausreichen. Der Weg vom traumatisierten Trauernden zum blindwütigen Mobilistenmeuchler ist psychologisch etwas holprig, aber im Rahmen des Unterhaltungsprogramms völlig ausreichend. Zumal Yau auch um ein wenig Tiefe bemüht ist: So versucht Kin, seine Morde durch geringfügige gute Taten auszugleichen – etwa, indem er einem kleinen Jungen zu einer teuren Sammelkarte verhilft. Und als er tatsächlich einmal auf einen Taxifahrer trifft, der unerwartet freundlich ist, lässt er von seinem Vorhaben ab und belohnt den Mann stattdessen mit einem großzügigen Geldbetrag. Übermenschliche Fähigkeiten entwickelt Kin dabei keine, was der Sache eine gewisse Glaubwürdigkeit verleiht. Während vielen anderen Kino-Killern jeder Coup gelingt, kassiert Kin von einem seiner potenziellen Opfer gehörig Dresche und bleibt wie ein geprügelter Hund am Straßenrand liegen.

Speziell letztere Szene ist bei aller Brutalität zum Piepen und verortet TAXI HUNTER trotz seiner Tragik, Dramatik und Drastik im Bereich der schwarzen Komödie. Noch deutlicher wird das, als Kin in seiner Wohnung das lässige Ziehen der Waffe übt. Was im Kino immer so einfach aussieht, scheitert bei ihm jedoch regelmäßig, weil das lästige Ding entweder in der Hosentasche hängen bleibt oder ihm aus den Fingern flutscht. Das ist natürlich eine ironische Referenz auf den berühmten Monologmoment aus TAXI DRIVER, bei dem sich Robert De Niro vor dem Spiegel den Revolverhelden antrainiert. Und für alle, denen das in Sachen Humor immer noch etwas zu fein ist, wurde mit dem von Ng Man-Tat [→ LEGACY OF RAGE] gespielten Polizisten Gao noch ein waschechter Pflaumenaugust ins Szenario gepflanzt. Schon sein Anblick ist zum Totlachen: Mit seinen viel zu weiten Klamotten, allesamt penetrant verziert mit den Logos amerikanischer Sportvereine, dazu das Baseball-Käppi verkehrt herum auf der Rübe, an deren Schirm zudem sein Dienstausweis baumelt, wirkt er optisch wie ein Zurückgebliebener – ein Eindruck, der durch sein kleinkindähnliches Benehmen nicht unbedingt entkräftet wird. Ng spielt die Rolle allerdings so sympathisch, dass man ihn sofort ins Herz schließt. Dass sein Auftreten ohnehin nur Tarnung und Verwirrtaktik ist, zeigt sich, als er sich im späteren Verlauf als überraschend kompetent erweist. 

Im Rahmen der Erzählung dient Gaos extravagantes Gebaren ohnehin vor allem der Konterkarierung seines Kollegen und Partners Yu Kai Chung, gespielt von Yu Rongguang [→ IRON MONKEY]. Dieser verkörpert nicht nur den klassischen knallharten Cop, sondern – und da wird es brisant – auch Ah Kins besten Kumpel. Natürlich ahnt er als solcher nichts von dem mörderischen Hobby seines Freundes, woraus TAXI HUNTER ein Großteil seiner Spannung bezieht: Wann wird der Polizist bemerken, dass sein Kindheitskamerad der kaltblütige Killer ist? Und wenn es passiert: Wie wird er reagieren? Das Personenensemble wird ergänzt durch Athena Chu Yun [→ MEGA COP] als Fernsehreporterin und Tochter von Gao. Zur Handlung trägt sie nichts Nennenswertes bei, aber die Interaktionen zwischen ihr und ihrem Vater, bei denen es nicht selten um Chili-Soße geht, verleihen den Figuren ein gerüttelt Maß an Menschlichkeit.

Trotz einer gehörigen Portion Galgenhumor verfehlt TAXI HUNTER seine aufrüttelnde Wirkung nicht und überzeugt als wilde Mischung aus TAXI DRIVER, DEATH WISH und dem typischen Hongkong-Kino jener Zeit. Anthony Wong spielt den bemitleidenswerten Ah Kin als eine Art asiatischen Paul Kersey und agiert dementsprechend sehr bodenständig, weit entfernt von der Überkandideltheit seiner sonstigen Psychopathenrollen (etwa in EBOLA SYNDROME). Woran es freilich mangelt, ist echte Spannung. Die Nummer ist zwar durchgehend unterhaltsam und erlaubt sich keine Durststrecken, wirkt aber niemals wirklich nervenzerrend. Auch hätte Wong gern etwas häufiger zuschlagen und noch ein paar mehr bösartige Bolidenbeschleuniger ins Jenseits befördern dürfen. Gewöhnungsbedürftig geriet zudem der Musikeinsatz: Oft erklingen dramatische Töne, wenn es gar nicht nötig wäre, während es in tatsächlich dramatischen Szenen dafür merkwürdig still bleibt. Für Actionfreunde gibt es zwar ein paar rabiate Stunts, aber es sollte klar sein, dass hier kein kinetisches Feuerwerk gezündet wird. Doch auch ohne viel Explosion und Exzess ist TAXI HUNTER eine gelungene Fahrt durch den in schönstes Neonlicht getauchten Großstadtdschungel, die in dieser Form wohl wahrlich nur zu ihrer Zeit und an ihrem Ort entstehen konnte. Ein Mann sieht gelb!

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 10. November 2025

DER EXTERMINATOR II


EXTERMINATOR II
USA 1984

Regie:
Mark Buntzman

Darsteller:
Robert Ginty,
Mario Van Peebles,
Deborah Geffner,
Frankie Faison,
John Turturro,
Arye Gross,
Scott Randolf,
Reggie Rock Bythewood



„Du wolltest die Straße säubern? Ich bin die Straße!“
(Gut, seinen Namen kann man sich nicht aussuchen.)


Inhalt:

Einst kämpfte John Eastland [Robert Ginty] als Soldat in Vietnam. Inzwischen streift er ziellos durch die Straßen New Yorks. Nur seine Beziehung zur sympathischen Tänzerin Caroline [Deborah Geffner] bringt etwas Farbe in sein Leben. Doch nicht einmal sie ahnt etwas von Eastlands pikantem Hobby: Regelmäßig hört er den Polizeifunk ab, um herauszufinden, wo sich die bösen Jungs der Stadt herumtreiben. Diesen stattet er dann einen feurigen Besuch ab, der stets nur verkohlte Leichen zurücklässt. Denn John Eastland ist der Exterminator, der maskierte Bestrafer, der kriminelle Umtriebe mit dem Flammenwerfer ahndet. Als eines Tages eine sektenartigen Straßengang die Stadt heimsucht und beginnt, wahllos Menschen umzubringen, laufen einige ihrer Mitglieder Eastland ebenfalls ins Feuer. Für den Bandenchef „X“ [Mario Van Peebles] wird die Sache daher bald persönlich – und Caroline gerät ebenfalls ins Visier der Killer. Gemeinsam mit seinem einzigen Vertrauten, dem Müllwagenfahrer Be Gee [Frankie Faison], rüstet sich der Exterminator fürs finale Gefecht.

Kritik:

Vier Jahre nach seinem ersten Einsatz kehrte der Exterminator zurück – dieses Mal unter der Schirmherrschaft der Cannon Group, jener Produktionsfirma, die sich in den 1980ern mit ebenso radikalen wie reaktionären Action-Reißern einen anständig anrüchigen Ruf erarbeitete. Populäre Stars waren Chuck Norris oder Michael Dudikoff, die meist vor militärisch geprägtem Hintergrund für Recht und Ordnung sorgten. Aber auch Charles Bronson verspritzte ab 1982 sein Blei für Cannon, nachdem das Studio die Rechte daran erworben hatte, dessen Selbstjustiz-Klassiker DEATH WISH (1974) beliebig oft fortsetzen zu dürfen. Und weil ein Revolverheld auf Rachefeldzug noch längst nicht ausreichte, sicherte man sich zusätzlich noch die Erlaubnis, mit dem Gassenhauer DER EXTERMINATOR von 1980 das Gleiche zu tun – immerhin war dieser ja nicht unbedingt unerfolgreich gelaufen und das Interesse an anarchistischen Einzelgängern auf illegitimer Gerechtigkeitsmission war ungebrochen. Robert Ginty übernahm abermals die Titelrolle, während Mark Buntzman, beim Vorgänger noch als Produzent unterwegs, dieses Mal für Buch und Regie verantwortlich zeichnete. Ein Großteil seiner Arbeit bekam das Publikum jedoch nie zu Gesicht: Die Geldgeber waren mit den Ergebnissen so unzufrieden, dass im Nachhinein großzügige Änderungen vorgenommen wurden, die den Inhalt mehrheitlich neu arrangierten – mit heißer Nadel gestrickter Nachdrehs inklusive.

Dass man für diesen am Ende ja doch recht simplen Reißer so viel Aufwand betrieb, zeigt, dass die Produzenten das Werk offenbar weitaus wichtiger nahmen, als die Mehrheit der Kritiker es tat. Ob die zahlreichen Umschnitte und ausgetauschten Szenen ihm tatsächlich nutzten oder im Gegenteil eher schadeten, lässt sich kaum beziffern. Fest steht: EXTERMINATOR II reißt keine Bäume aus. Gut, das muss er auch nicht und hat wahrscheinlich ohnehin niemand erwartet, zumal ja schon Teil 1 nicht der Weisheit letzter Schluss war. Bereits der Einstieg geriet allerdings mehr als holprig, wenn das Publikum Zeuge wird, wie ein paar Wüstlinge einen Laden überfallen und dabei den Inhabern, einem älteren Ehepaar, die Lichter auspusten. Draußen vor der Tür wartet dann jedoch der Exterminator auf die jugendlichen Rowdys, um dort ebenfalls sein Licht auszupusten – das seines Flammenwerfers nämlich, was die eben noch so übermütigen Übeltäter in einen Haufen überknuspriger Grillhähnchen verwandelt. Wie überaus nett vom Exterminator, dass er lange genug vor dem Eingang gewartet hat, damit die Delinquenten auch genug Zeit hatten, ihre Opfer über die Klinge springen zu lassen – so ein strafender Feuerstoß will ja schließlich ausreichend gerechtfertigt sein.

Der auffälligste Unterschied zum Vorgänger besteht darin, dass EXTERMINATOR II tatsächlich eine stringente Geschichte erzählt. Keine sonderlich gute oder gar originelle, das ist klar. Aber wo Teil 1 noch sehr episodenhaft daherkam, folgt Teil 2 einer klassischen, durchgehenden Dramaturgie. Anstelle mehrerer Schmeißfliegen gibt es hier einen großen Antagonisten, den es zu besiegen gilt: der Anführer einer (was auch sonst?) Straßengang, der sich nur „X“ nennt und von Mario Van Peebles [→ HEARTBREAK RIDGE] als guruartiger Fanatiker verkörpert wird. Damit einhergehend wurde auch die einstige Authentizität über Bord geworfen: Das hier porträtierte New York gleicht einer Stadt am Rande der Apokalypse, noch nicht ganz so übertrieben als Kriegsschauplatz gezeichnet wie ein Jahr später bei DEATH WISH III, aber doch schon mit deutlicher Schlagseite in Richtung MAD MAXiger Endzeitvision. Schrill geschminkte Punks marodieren durch die Straßen, terrorisieren unschuldige Bürger, bringen Menschenopfer dar und schießen mit Raketenwerfern Hubschrauber ab. Das ergibt alles gar keinen Sinn, generell schien das Drehbuch alles in den Topf geworfen zu haben, was sich irgendwie mit „böse“ assoziieren lässt. Speziell die rituellen Opferungen erinnern doch sehr an die „Satanic Panic“, jene moralische Massenhysterie, die in den 1980er-Jahren vor allem in den USA um sich griff und viele Menschen glauben machte, überall existierten geheime satanische Kulte, die Jugendliche durch Musik, Spiele und  - Schreck, lass nach! - Filme verderben würden.

Das ist ziemlich gaga, liefert aber immerhin ein paar gelungene Momente traumartigen Einschlags, wenn die Gang im Dunkel der Nacht mit Rollschuhen an den Füßen und Fackeln in den Flossen ritualisiert in Richtung Opferstätte rollert. Doch nicht nur die Schurkenseite macht durch irreale Aktionen auf sich aufmerksam. Die Wirklichkeitsferne wird auch unterstrichen durch die Darstellung des „Helden“, der in der Fortsetzung zu einer Art unkaputtbarem Meuchelmörder umgedeutet wurde. Eingehüllt in eine Verkleidung aus schützendem Stahl, das Gesicht hinter einer Schweißermaske verborgen, übersteht er selbst massiven Kugelhagel ohne den kleinsten Kratzer. Eine Salve aus seinem Flammenwerfer hingegen verwandelt seine Gegner in Windeseile in ein elendes Häuflein Asche, meist akustisch untermalt von sakralen Orgelklängen, was den Exterminator in die Nähe eines göttlichen Bestrafers rückt. Im ersten Teil noch ein getriebener Vietnam-Veteran mit akuter Affektstörung, wirkt John Eastland nun, nicht nur aufgrund seiner martialischen Kostümierung, wie der Killer eines Slasherfilms der Marke FREITAG, DER 13. Hinweise auf seine Vergangenheit inklusive Kriegstrauma und Verlust seines besten Freundes werden hier völlig ausgespart. Zum einen sicherlich deshalb, weil (zurecht) davon ausgegangen werden konnte, dass das Publikum mit dem Vorgänger vertraut ist. Zum anderen passt diese Thematik aber auch gar nicht mehr in das in Teil 2 kreierte Szenario, das keinen Psychopathen braucht, sondern einfach einen rabiaten Dorfsheriff ohne Scheu vor harten Bandagen. Am Ende verwandelt Eastland dann einen Müllwagen mittels improvisierter Panzerung, Maschinengewehren und Raketenabschussrampen in sein persönliches Batmobil, was endgültig jeden realistischen Rahmen sprengt.

Die Idee, Eastland hinter einer metallenen Maske zu verstecken, stammte dem Vernehmen nach von William Sachs [→ CONCRETE WAR]. Der wird offiziell nur als Autor und Produzent gelistet, war aber auch verantwortlich für die zahlreichen Nachdrehs und Umstrukturierungen, nachdem das Studio mit Mark Buntzmans Arbeit unzufrieden war. Da Robert Ginty sein Antlitz jedoch nicht abermals zur Verfügung stellen konnte oder wollte, musste schnell eine Lösung her. Zum Glück gab es bereits eine Szene, in der Ginty besagtes Schweißer-Outfit trug. Und so wurde beschlossen, dieses zu seinem Markenzeichen zu machen. In jeder Szene, in welcher der Exterminator nun derart herausgeputzt zur Tötungstat schreitet, steckt also gar nicht Ginty hinter der Maske, sondern ein Double – und ja, das sind die meisten. Was aus der Not geboren wurde, erweist sich im Endeffekt als enorm eindrücklich: Eastland scheint jede Form von Menschlichkeit abgelegt zu haben und als stählerner Rachegott wiederauferstanden zu sein. Der Flammenwerfer als einziges Mordinstrument ist dabei freilich ebenfalls neu. In Teil 1 kam das Gerät eigentlich nur ein einziges Mal zum Einsatz – und auch das blieb eigentlich nur im Kollektivbewusstsein, weil das Kinoplakat diesen Anblick so eindrücklich verewigte. Hier hingegen ist er zum Charakteristikum geworden, was auf Dauer etwas eintönig ist, da die Einsätze immer gleich ablaufen und stets im gleichen müden Geisterbahn-Effekt münden: ein Feuerstoß in Richtung Kamera, dann ein paar mit den Armen rudernde Stuntleute im Brennumhang und ein paar Sekunden später liegen bereits die verkohlten Gerippe qualmend in der Gegend herum (das geht ja wirklich erstaunlich schnell). Geblieben sind das nihilistische Weltbild und die allgemeine Tristesse, die nur durch die unverkrampfte Beziehung Eastlands zur Tänzerin Caroline (Deborah Geffner aus MAXXXINEund seine wirklich herzliche Freundschaft zum poltrigen Müllwagenfahrer Be Gee (Frankie Faison aus GESCHENKT IST NOCH ZU TEUER) ein paar erhellende Farbtupfer erhält.

Die Fortsetzung der Flammenwerfer-Fabel wird fraglos niemals auf irgendjemandens Lieblingsliste landen, hat als Anschauungsbeispiel für die schroffe Attitüde des 1980er-Kinos aber durchaus ihre Berechtigung – obwohl der nuancierte Hintersinn, der den Vorgänger ein wenig aus der grauen Masse hervorheben konnte, hier vollkommen abwesend ist. Die zweite Runde des rabiaten Rabaukenrösters ist ein überwiegend uninspirierter, aber dennoch veritabler Nachschlag, dem sein Produktionschaos nicht unbedingt anzumerken ist. Robert Ginty selbst hasste diese neue Version zwar, doch wer von finsteren Vigilanten-Fantasien in großstädtischem Schmuddellook nicht genug bekommen kann, ist hier prinzipiell schon an der richtigen Adresse. Feuer frei!

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 3. November 2025

DER EXTERMINATOR


THE EXTERMINATOR
USA 1980

Regie:
James Glickenhaus

Darsteller:
Robert Ginty,
Steve James,
Christopher George,
Samantha Eggar,
Tony DiBenedetto,
Dick Boccelli,
Patrick Farrelly,
Michele Harrell



„Ich suche ein paar deiner Freunde. Einer davon ist so’n Kleiner mit Baskenmütze und Bart. Der andere ist ein großer, klotziger Kerl – hässlich, sieht aus wie’n Affe.“
(In Sachen Personenbeschreibung macht dem Exterminator keiner was vor.)


Inhalt:

In den Wirren des Vietnamkriegs geraten John Eastland [Robert Ginty] und sein Kamerad Michael Jefferson [Steve James] in feindliche Gefangenschaft und entrinnen nur knapp einem grausamen Tod. Jahre später arbeiten beide in einem New Yorker Lagerhaus, stets bemüht, das erlebte Grauen zu vergessen. Doch die Gewalt holt sie unvermittelt ein: Jefferson wird von einer Straßengang überfallen und dabei so schwer verletzt, dass er den Rest seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen ist. Bei Eastland brennen daraufhin alle Sicherungen durch: Mit Flinte und Flammenwerfer im Gepäck verübt er eiskalte brennende Rache. Derart auf den Geschmack gekommen, nimmt sich der Vietnam-Veteran in den folgenden Wochen weitere Kriminelle vor, um sie ihrer tödlichen Strafe zuzuführen: Mafiosi, Dealer, Zuhälter, korrupte Politiker – niemand ist plötzlich mehr sicher. Fieberhaft versucht der idealistische Detective James Dalton [Christopher George], die Identität des Rächers zu enthüllen. Und sogar die CIA nimmt Eastland ins Visir, da sie in seinen Aktionen eine Gefahr für die öffentliche Ordnung sieht. Schließlich kommt es zur explosiven Konfrontation aller Parteien.

Kritik:

Nein, DER EXTERMINATOR ist nicht die Geschichte eines Killerroboters aus der Zukunft, der sich aufs Altenteil zurückgezogen hat. Exterminator, Bildungsbürger wissen das, ist die englische Bezeichnung für einen Kammerjäger. Dieser Berufsstand befreit bekanntermaßen die werte Behausung von lästigem Ungeziefer – womit Tonfall und Intention dieser groben Schlachtplatte auch schon treffend umschrieben wären. Gleich das erste Bild zeigt einen gigantischen Feuerball sowie die Silhouette eines Mannes, der unfreiwillig, dafür aber im hohen Bogen, vor ihm davon segelt. Es ist Krieg, so stellt sich heraus, und der Ort des Geschehens heißt Vietnam. Nur wenige Minuten später ist das Publikum bereits Zeuge zweier enorm brutal inszenierter Enthauptungen geworden und es ist klar: Das hier ist kein Ponyhof.

Der gerade aufgrund seiner Grausamkeit sehr wirkungsvolle Auftakt führt zugleich die beiden Helden ein, John Eastland und Michael Jefferson (Robert Ginty aus ZWEI MINUTEN WARNUNG und Steve James aus AMERICAN NINJA), und das wider Erwarten nicht etwa als sprücheklopfende Kampfmaschinen, sondern als verängstigte Soldaten, die dem Feind nur mit Müh und Not entkommen können. Die Überleitung vom rückblickenden Prolog in die Präsens der 1980er ist auffallend gelungen: Der Helikopter, der die zwei Freunde aus der Kriegshölle hinaus fliegt, scheint plötzlich durch die Zeit zu reisen. Nahezu nahtlos geht der vogelperspektivische Blick auf den Dschungel über in den auf die nächtliche Großstadt der Gegenwart. Die Kamera schwebt über die in zartes Licht gehüllten Dächer New Yorks, der Vorspann beginnt, eine sanfte Ballade setzt ein – ein Moment, der Ruhe und Frieden ausstrahlt, und damit im krassen Gegensatz zu den eben noch erlebten Gräueltaten steht, die freilich immer noch nachhallen. Es wird deutlich: Die Männer mögen dem Tod entronnen sein, den Ort gewechselt und die Jahre überdauert haben. Aber das Trauma des Tötens, das haben sie mitgenommen.

Nach dem Sprung ins Jetzt (in das des Produktionsjahres 1980, versteht sich) sieht man Eastland und Jefferson als kistenschleppende Lagerarbeiter, die ein zwar bescheidenes, aber zumindest augenscheinlich recht unbeschwertes Leben führen. Ihre Vergangenheit, so scheint es, hat sie zusammengeschweißt, ihre Freundschaft unerschütterlich zementiert. Hin und wieder schalten sie allerdings noch in den Verteidigungsmodus – so geschehend, als sie ein paar Langfingern, die gerade im Begriff sind, ein Depot zu plündern, gehörig und mit schwingender Faust die Tour vermasseln. Leider gehören die verhinderten Gerstensafteintreiber zu einer skrupellosen Straßengang, die dezent überreagiert und einem der Männer, Jefferson nämlich, in einer stillen Gasse auflauert, wo sie dessen Wirbelsäule per Gartenkralle malträtiert. Den Überfallenen befördert das umgehens in den Krankenkassen-Chopper – Rollstuhlpflicht bis ans Ende seiner Tage (die deutsche Synchronfassung behauptet an dieser Stelle übrigens, man habe ihm das Genick gebrochen, was offenkundig Unsinn ist). Grund genug für Eastland, den verborgenen Vigilanten zu aktivieren und Vergeltung für seinen Freund zu üben.

Es ist wahrlich erstaunlich, wie schnell und beinahe selbstverständlich das hier vonstattengeht: Von einer Szene auf die nächste hat Eastland bereits eines der Bandenmitglieder in seiner Gewalt, ohne jedwede Vorbereitung oder Herleitung. Es scheint, als habe er bereits vor langer Zeit alles organisiert und nur auf einen Anlass gewartet, den inneren Kammerjäger endlich von der Kette lassen zu dürfen. Von seinem Gefangenen (es wird übrigens niemals erklärt, wie er ihn überhaupt in die Finger bekam) erpresst er nun den Aufenthaltsort des Rests der Gang, woraufhin der kampferprobte Wutbürger dort konsequent klar Schiff macht. „Er war doch nur ein Nigger“, versucht einer der Delinquenten die grausame Tat zu rechtfertigen. Eastland hebelt diesen rassistischen Ausfall mit bestechendem Pragmatismus aus: „Dieser Nigger war mein bester Freund.“ So simpel!

Das Publikum ist dabei prinzipiell auf seiner Seite. Auch dann noch, als er sich im Folgenden weiteren menschlichen Unrat vorknöpft, um diesen für seine Vergehen zur verdienten Rechenschaft zu ziehen. Als Held oder gar Identifikationsfigur taugt er dennoch zu keiner Sekunde. Denn nur vordergründig geht es ihm darum, Gerechtigkeit zu üben. Die kurzen Erinnerungsfetzen an den Vietnamkrieg, die hin und wieder mal aufploppen, wirken in dem Zusammenhang fast ein wenig zu plump. Auch ohne dieses ausgelutschte Stilmittel wäre klar gewesen, dass Eastland aufgrund seiner Vergangenheit mentale Blessuren mit sich herumträgt. Der Anschlag auf seinen (vermutlich einzigen wirklichen) Freund hat einen Schalter umgelegt. Seine Racheaktionen treffen zwar nie die Falschen – Autor und Regisseur James Glickenhaus [→ DER PROTECTOR] hat da wirklich ein paar abstoßende (wenngleich nicht unglaubwürdige) Zeitgenossen zu Papier gebracht. Doch die Taten des selbsternannten Kammerjägers sind letztlich nichts anderes als Ausdruck seines zerrütteten Seelenlebens. Weder empfindet er Freude an seinem Feldzug noch verschafft er ihm Genugtuung. Und dem Zuschauer ergeht es ebenso. Denn die Inszenierung der Ereignisse spiegelt die Psyche ihres Protagonisten: Alles ist trist, trostlos und über alle Maßen traurig.

Tatsächlich werden gängige Sensationslüste trotz explizit ausgespielter Brutalitäten kaum befriedigt. Nach dem knalligen Kriegsauftakt regiert überwiegend die Entschleunigung, und das bei einem Spannungsaufbau, der sich einer Klimax konsequent verweigert. Eastlands Rache an der Straßengang ist bereits nach gut 20 Minuten abgeschlossen. Seine anschließenden Selbstjustizaktionen scheinen dann gar keinem Plan mehr zu folgen, wirken improvisiert und impulsiv. Entsprechend episodenhaft sind sie auch gegliedert – wofür Glickenhaus sogar auf das völlig altbackene und eher aus der TV-Landschaft bekannte Stilmittel der Auf- und Abblenden zurückgreift. Auf der Bildebene herrscht überwiegend eine funktionale, dokumentarisch angehauchte Nüchternheit, die jedwede Ausprägung von Attraktivität vermissen lässt. Die Gewaltakte sind zahlreich und definitiv nicht ohne, aber ebenfalls ohne jede Ästhetisierung und damit ähnlich schmucklos wie das restliche Erscheinungsbild DER EXTERMINATORs. Insbesondere die Szene, in der ein anzugtragender Halunke an einem Haken von der Decke hängend in einer riesigen mechanischen Fleischfräse endet, brennt sich als Sinnbild des filmischen Nihilismus ein.

Als Gegenentwurf zu Eastland agiert der vom ehemaligen Western-Akteur Christopher George [→ DRECKIGES GOLD] verkörperte Kriminalbeamte James Dalton, der den Rächer am Ende auch stellt. Wider gängiger Schablonen wird er allerdings nicht zu dessen Widersacher aufgebaut. Mehr noch: Die meiste Zeit agiert er völlig losgelöst von der Haupthandlung. Anstatt mitzuerleben, wie er Ermittlungen anstellt, Erkenntnisse gewinnt, sich auf Eastlands Spur setzt und seinem Zielobjekt dabei immer näher kommt, sieht man ihm bei seinem wenig spektakulären Alltagstrott zu. Dazu gehört auch eine kleine Liebelei mit der Ärztin Megan Stewart (Samantha Eggar aus KEIN KOKS FÜR SHERLOCK HOLMES) und natürlich liegt die Vermutung nahe, das werde später noch einmal von inhaltlichem Belang sein. Aber so ist es nicht. Obwohl ihren gemeinsamen Telefonaten, Strandspaziergängen und Abendessen recht viel Zeit gewidmet wird, kommt es niemals zu einer Verbindung mit dem Fall Eastland. Natürlich könnte man es sich hier einfach machen und behaupten, Glickenhaus habe beim Schreiben lediglich versucht, Zeit zu schinden. Aber tatsächlich funktioniert das Konzept, weil es zeigt, welche alternativen Wege sich beschreiten lassen, um im Großstadtdschungel zu bestehen. Es ist kaum anzunehmen, dass Dalton als Polizist und Stewart als Ärztin mit weniger Gewalt und Elend konfrontiert werden als Eastland es wird. Aber während der eine zum desillusionierten Selbstjustizler wird, suchen sich zwei andere mitten im Moloch ihr kleines privates Glück.

Jeder Vigilantenfilm muss sich am Urvater des Genres messen lassen: Michael Winners DEATH WISH von 1974 mit Charles Bronson in der Hauptrolle. Zwar liegt ein Vergleich zunächst nahe, da hier wie dort ein einsamer Racheritter durch das Dunkel der Großstadt streift. Längere Zeit darüber nachgedacht, ergeben sich jedoch fast mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Denn der Exterminator ist kein Durchschnittstyp, der nach und nach zur Mordmaschine wird. Er ist bereits eine. Er braucht keinen Progress, um zum Richter und Henker zu werden. Nur einen Auslöser. Denn Tod und Gewalt, das kennt er schon längst. Auch die Folgen seiner Taten unterscheiden sich auffallend vom (vermeintlichen) Vorbild: Während die Behörden dort zum heimlichen Verbündeten des Abweichlers werden, wird er hier zum Staatsfeind erklärt und zum Abschuss freigegeben. So ist DER EXTERMINATOR am Ende auch eine Abhandlung über das Los der Kriegsheimkehrer, die von den Mächtigen erst ausgenutzt, dann aber im Stich gelassen wurden. Das verleiht dem vordergründig natürlich sehr plakativen Werk eine unerwartete Tiefe, die es aus dem Gros seiner Mitbewerber hervorstechen lässt.

Zwischen all den von Schmutz und Tristesse geprägten Bildern gelingen Kameramann Robert M. Baldwin [→ GRAUEN UM JESSICA] zudem ein paar wunderbare surreale Momente. Etwa jener, in dem Eastland einen Anruf tätigt – aus einer einzelnen völlig intakten Telefonzelle inmitten eines riesigen Trümmerhaufens. Ein paar Klischees und Albernheiten muss man freilich dennoch in Kauf nehmen. Genannt seien das Auto, das mal wieder grundlos explodiert, die beiden Geldeintreiber, die aussehen, als kämen sie gerade vom Jahrestreffen der Blues-Brothers-Fangemeinde, oder der Unterschlupf der brutalen Straßengang, die dort dermaßen entspannt zu launiger Disco-Mucke herumschwoft, dass man einen Moment lang meint, Eastland habe sich in der Tür geirrt und mische gerade versehentlich einen chilligen Studentenclub auf.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 6. Januar 2025

AN SEINEN STIEFELN KLEBTE BLUT


NAVAJO JOE
Italien, Spanien 1966

Regie:
Sergio Corbucci

Darsteller:
Burt Reynolds,
Aldo Sanbrell,
Nicoletta Machiavelli,
Fernando Rey,
Tanya Lopert,
Franca Polesello,
Lucia Modugno,
Peter Cross



Inhalt:

USA, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die Tötung von Indianern ist mittlerweile verboten. Der skrupellose Duncan [Aldo Sambrell] und seine Banditenbande lassen sich davon allerdings nicht beeindrucken und machen weiterhin Jagd auf Ureinwohner-Skalps. Nachdem sie eine komplette Siedlung vernichtet haben, sinnt Joe [Burt Reynolds], einziger Überlebender des Massakers, auf Rache. Als Duncans Männer einen Zug mit Bargeld-Reserven überfallen, dezimiert Joe die Bande erheblich und bringt das Fahrzeug eigenhändig ans Ziel. Dort bietet er den verängstigen Dorfbewohnern an, Duncan und seine Männer unschädlich zu machen. Diese weigern sich zunächst, sehen jedoch bald ein, dass sie keine andere Wahl haben – denn die verbliebenen Banditen sind bereits auf dem Weg ins Dorf, um das Geld doch noch an sich zu bringen. Joe heftet sich den Sheriffstern an die Brust und verspricht den Anwesenden, sie zu beschützen. Nach seiner Ankunft stellt Duncan fest, dass Joe das Geld versteckt hat. Um den geheimen Ort herauszupressen, beginnt die Bande einen Terror gegen die Bürger, den Joe zunächst nicht verhindern kann – er unterliegt seinen Widersachern und wird gefoltert. Doch mithilfe zweier Huren kann er sich befreien und schlägt zurück.

Kritik:

Im selben Jahr, in dem Regisseur Sergio Corbucci mit dem wegweisenden, weil grandios dreckigen DJANGO das Bild des Wildwestfilms nachhaltig veränderte, inszenierte er noch ein weiteres von ähnlich nihilistischer Stimmung geprägtes Werk, das von den Kritikern häufiger mal vergessen wird: NAVAJO JOE! Gleichfalls als düstere Abkehr von den bis dahin gängigen, heroischen Pferdeopern konzipiert, bediente man sich auch hier später zum Standard gewordenen Genre-Zutaten: Wind pfeift durch karge Felslandschaften, Sand knirscht unter den Stiefeln und Pulverdampf schwängert die Luft – eine trostlose Welt, in der Sitte und Anstand sich größtenteils verabschiedet haben. Bereits der Auftakt stellt diesbezüglich die Weichen: In einer beschaulichen Indianersiedlung geht alles seinen gewohnten Gang. Die Sonne scheint, die Pferde trinken, die Menschen gehen ihren Alltagsgeschäften nach. So auch eine junge Indianerin, die am Fluss sitzt und Felle glättet. Da erscheint ein Reiter, ein weißer Mann mit Sombrero. Er steigt vom Pferd; die Frau lächelt ihn arglos an. Er erwidert die Geste, zieht seinen Colt und knallt sie kommentarlos über den Haufen. Während daraufhin eine Bande marodierender Männer das Dorf überfällt und ein Massaker anrichtet, zieht der Mann ein Messer und skalpiert sein soeben erlegtes Opfer.

Das ist zwar fraglos ziemlich plump und klischeehaft, aber eben auch enorm effektiv: Der harte Umschwung von idyllischer Eintracht zu barbarischer Brutalität schockiert und involviert zudem auf Anhieb das Publikum. Spätestens, wenn der gewissenlose Sombrero-Träger seiner Beute mit beinahe begeistertem Blick die Kopfhaut abtrennt und wie eine makabre Trophäe in die Höhe hält, während auf der Tonspur ein mehrstimmiger, verstörender Klagegesang anschwillt, der sich final zu einem mitreißenden, den Vorspann untermalenden Orchesterstück emporschwingt, dann ist der eigene Alltag völlig vergessen und man ist mit Haut und Haaren Teil dieser apokalyptischen Vision. Dabei ist NAVAJO JOE inhaltlich weder neu noch kreativ: Einmal mehr geht es um den Drang nach blutiger Vergeltung. Denn der einleitende Massenmord hinterlässt einen Überlebenden, Titelheld Joe, dem es nun gehörig nach Genugtuung dürstet. Doch anstatt einfach zur Tat zu schreiten und in Schurkenkreisen aufzuräumen, vereitelt er zunächst lediglich einen Raubzug der Bande und lässt sich dafür von den Bürgern eines kleinen Dorfes zum Sheriff ernennen. Somit darf er die Täter jetzt also sogar im Namen des Gesetzes zur Strecke bringen – denn die Ermordung von Indianern ist laut novelliertem amerikanischen Recht eine Straftat.

So wird aus der eigentlich obligatorischen Rachenummer ein originelles, ja, regelrecht rebellisches Stück Kino. Immerhin ist dies einer der ersten Western, in dem ein indigener Charakter die Hauptrolle verkörpert. War der „Indianer“ auf der Leinwand bis dahin meist als ruchloser Meuchler in Erscheinung getreten, der den armen weißen Mann drangsaliert, agiert er hier als moralische Instanz, während der gutbürgerliche Amerikaner als überwiegend rassistischer und geldgeiler Feigling porträtiert wird. Diesen Perspektivwechsel lotet das Skript geradezu genüsslich aus. Durchtränkt von bissigen Seitenhieben wird hier das pessimistische Bild eines Amerikas gezeichnet, in dem Dinge wie Fremdenhass, Vorurteile und gewissenloses Streben nach Reichtum eine Selbstverständlichkeit darstellen. Bösewicht Duncan und seine Bagage besitzen ohnehin kaum noch menschliche Züge, aber auch bei den vermeintlich so anständigen Dorfbewohnern trudelt der moralische Kompass gar mächtig. Als die Eisenbahn ankommt, mit Leichen gefüllt und von Blut getränkt, gilt ihre größte Sorge dem Panzerschrank inklusive der in ihm enthaltenden Barschaft. Erst, als sie diese an Ort und Stelle vorfinden, macht sich Erleichterung breit: „Es ist alles in Ordnung. Wir haben Glück gehabt!“ Von den Toten redet keiner.

Als Joe den Posten des Gesetzeshüters verlangt, fallen die Anwesenden wenig überraschend aus allen Wolken. „Völlig ausgeschlossen“, meint einer, „ein Indianer als Sheriff? Das amerikanische Gesetz muss von Amerikanern geschützt werden.“ Joe erklärt daraufhin: „Mein Vater wurde hier geboren. Der Vater meines Vaters ebenfalls, genauso der Vater vom Vater meines Vaters. Wo wurde dein Vater geboren?“ „In Schottland“, antwortet sein verdattertes Gegenüber. „Dann bist du kein Amerikaner“, entgegnet Joe und niemandem mehr fällt etwas Passendes ein. In emotional effektiver Manier verlangt Joe von den Dörflern schließlich für jeden Banditen, den er Strecke bringt, einen Dollar. Das ist eine wunderbar-perfide Umkehr früherer Verhältnisse: Ein Dollar, das war der Preis, den zuvor ein Indianer-Skalp einbrachte – der vermeintliche Wert eines indigenen Menschenlebens. Zwar mag die wütende Abrechnung mit der bigotten US-Politik, die Völkermord erst verurteilt, sobald sie keinen Nutzen mehr daraus zu ziehen vermag, teilweise etwas platt anmuten, doch verfehlt sie ihre Wirkung nicht. Ausgerechnet die Huren, die außerhalb der etablierten Gesellschaft stehen, sind dann auch diejenigen, die sich einen letzten Rest Anstand bewahrt haben.

Als Titelhelden sieht man Burt Reynolds in seiner ersten wirklichen Hauptrolle. Authentisch in Sachen Herkunft wirkt das zwar nicht gerade (womöglich auch deswegen, weil der Schauspieler vor allem aufgrund späterer Figuren bekannt ist, die wirklich rein gar nichts mit dieser hier zu tun haben), aber er verkörpert Joe mit einer sehr einnehmenden Lässigkeit und der nötigen ehrfurchtgebietenden Physis. Der Umstand, dass man Reynolds eigentlich mit ganz anderen Rollen assoziiert (nicht wenige davon aus dem Komödienbereich), passt im Nachhinein sogar zwar ungewollt, aber nichtsdestotrotz fabelhaft ins Konzept, geziemt sich das Gesamtwerk letztendlich doch ähnlich eigen wie dessen unkonventionelle Protagonistenbesetzung. Reynolds selbst allerdings fand keine guten Worte für sein Debüt, meinte sogar, es sei so miserabel, dass man es nur in Flugzeugen und Gefängnissen zeigen dürfe, weil man von dort nicht fliehen könne. Woher sein Unmut rührte, erschließt sich einem null, und niemals darf vergessen werden, dass dies derselbe Mann gesagt hat, der 1983 für DER RASENDE GOCKEL in ein Hühnerkostüm kroch und das für eine gute Idee hielt.

Als Antagonist agiert Aldo Sambrell [→ TÖTE, AMIGO] als wahrhaft hassenswerte Drecksau, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Bereits seine offensichtliche Verzückung beim Entfernen der Indianerkopfhaut in der Eingangssequenz macht klar, dass es ihm beim Skalpieren nur zweitrangig um die Belohnung geht: Duncan zieht Erfüllung aus dem Töten. Später ermordet er eigenhändig eine junge Mutter vor den Augen ihres Sohnes - vorgeblich, um eine Zeugin loszuwerden, in Wahrheit jedoch, so ist anzunehmen, aus purem Lustgewinn. „Meine Mutter war eine Indianerin, darum hasse ich die Indianer. Und ich hasse die Weißen, weil mein Vater einer war“, sagt er an einer Stelle, was impliziert, dass seine Mordlust aus reinem Selbsthass resultiert. Psychologisch erscheint das sehr simpel und es erklärt irgendwie auch nichts. So ist Duncans Figur wesentlich stereotypischer geraten, nicht zuletzt auch wegen des klischeehaften Spiels Sambrells. Dass seine deutsche Synchronstimme etwas unpassend ausgewählt wurde, dafür kann er ja nichts.

Apropos Deutsch: Aus irgendwelchen Gründen fürchteten sich die Verleiher der Bundesrepublik jahrelang vor dem Originaltitel. In den Kinos lief NAVAJO JOE zunächst als AN SEINEN STIEFELN KLEBTE BLUT, auf Videokassette nannte sich die Nummer dann plötzlich KOPFGELD: EIN DOLLAR. Beide Titel sind zwar passend, aber warum man sich bis zum digitalen Zeitalter um die originale Namensgebung herumdrückte, ist schon eine berechtigte Frage. Ganz gleich jedoch, unter welchem Banner man sie sich zu Gemüte führt: Corbuccis vor Wut schnaubende Rachemär ist ein schmutziges Glanzlicht, welches das Genre zwar nicht so beeinflusste wie DJANGO, sich aber keinesfalls hinter diesem zu verstecken braucht. Und der schmissige Titelsong von Ennio Morricone [→ TOP JOB] geht einmal mehr ins Ohr. Und bleibt auch dort.

Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ab 18

Montag, 18. Dezember 2023

SILENT NIGHT - STUMME RACHE


SILENT NIGHT
USA 2023

Regie:
John Woo

Darsteller:
Joel Kinnaman,
Kid Cudi,
Catalina Sandino Moreno,
Harold Torres,
Vinny O’Brien,
Yoko Hamamura,
Valeria Santaella,
Angeles Woo



„...“


Inhalt:

Brian Godlock [Joel Kinnaman] hat so ziemlich alles, was man zum Glücklichsein braucht: Frau, Kind und einen extrem hässlichen Weihnachtspulli. Doch ausgerechnet am Fest der Liebe wird diese Idylle zerstört: Als sich direkt vor seiner Haustür zwei Straßen-Gangs bekriegen, bekommt sein Sohn einen Querschläger ab und stirbt noch an Ort und Stelle. Rasend vor Zorn und Trauer jagt Brian den Gangstern in einer Spontanreaktion hinterher – und bekommt selbst eine Kugel ab. Er überlebt. Aber sein Sprachzentrum ist zerstört. Und sein Leben natürlich auch. Spätestens, als auch seine Frau ihn verlässt, reift in ihm ein neuer Daseinszweck: die Vernichtung der Straßen-Gangs. Und des Mörders seines Sohnes.

Kritik:

In der Film-Branche reicht es in seltenen Fällen bereits aus, ein außergewöhnliches Konzept vorlegen zu können, um Produktionsgelder bewilligt zu bekommen. Beispiele: Ein Jugenddrama in Echtzeit und einer einzigen Einstellung ohne Schnitt. Ein Ballerfilm komplett aus subjektiver Sicht. Ein Actionfilm, der ausschließlich in einem Hotelzimmer spielt. Bei SILENT NIGHT dürfte es ähnlich abgelaufen sein. Die Idee: Ein Rachefilm, der vollkommen auf Dialoge verzichtet und seine Geschichte ausschließlich anhand seiner Bilder erzählt. Damit die Sprachlosigkeit des Protagonisten auch plausibel erscheint, bekommt dieser bereits nach wenigen Minuten eine Kugel in den Kehlkopf geballert und wird vom Täter als vermeintlich verblichen zurückgelassen. Da SILENT NIGHT aber eben kein Kurzfilm ist, überlebt der bis dahin glückliche Familienvater die Prozedur und wird im Krankenhaus so weit es geht wieder zusammengeflickt. Das behelfsfreie Gehen funktioniert nach geraumer Zeit zwar wieder, der Kirchenchor wird in Zukunft allerdings auf ihn verzichten müssen.

Dass das alles tatsächlich auch ohne Worte verständlich ist, liegt daran, dass das Publikum mit Film-Sprache und Genre-Schablonen bereits hinreichend vertraut ist. Schließlich werden immer wieder dieselben Muster und Methoden verwendet, um Geschichten an Mann und Frau zu bringen. So häufig und so repetitiv, dass begleitende Verbalisierungen in der Tat oftmals sogar banal oder obsolet wirken. Um die Pointe vorwegzunehmen: Funktionieren tut es im Falle SILENT NIGHTs dennoch nicht - in erster Linie, weil man es nicht geschafft hat, das eigene Konzept konsequent durchzuziehen. Dass die Hauptfigur keinen Mucks von sich gibt, ist im Rahmen der Handlung hinreichend und nachvollziehbar erklärt. Aber dass auch der Rest der Welt überwiegend die Klappe hält und sich stattdessen meist nur blasierte Blicke zuwirft, wirkt völlig befremdlich. Entscheidend ist dabei das Wort „überwiegend“. Denn wäre wenigstens diese Idee eisern durchgezogen, könnte man das zumindest als eigenwilligen künstlerischen Kniff akzeptieren. Aber so ist es eben nicht: Hin und wieder fallen nämlich doch schon mal ein paar knappe Sätze – wenn auch mit einem Dämmungseffekt unterlegt, weswegen es nun so klingt, als befände sich der Sprechende irgendwo im Nebenraum. Das ergibt in seiner Gesamtheit dann tatsächlich gar keinen Sinn mehr, sodass man den Eindruck gewinnt, SILENT NIGHT habe sich hin und wieder vor seinem eigenen Dogma erschrocken. Dass Radiomeldungen, Polizeifunk und Trainingsvideos ebenfalls mit Sprache versehen sind, erscheint hingegen durchaus stimmig (höhö!).

So steht dann am Ende ausgerechnet das, was man sich so selbstsicher als Alleinstellungsmerkmal auf die Fahne geschrieben hat, SILENT NIGHT im Weg. Das ist vor allem deswegen fatal, weil man auf inhaltlicher Ebene kaum Punkte sammeln kann. Streng nach Schema F arbeitet das Drehbuch die einzelnen Stationen und Entwicklungsstufen ab, frei von Innovation und Idee. Rückblende um Rückblende muss der Zuschauer zu Beginn über sich ergehen lassen, obwohl er schon längst begriffen hat, dass Brian Godlock einst, als er noch mit seinem Sohn im Garten herumtoben durfte, nahezu kriminell glücklich war. Dass seine Frau ihn schließlich verlässt, ist zwar nicht sonderlich nett, aber als entscheidender Tropfen zu viel im Fass natürlich von Bedeutung: Kind weg, Kehlkopf weg, und dann kratzt auch noch die Angetraute die Kurve. Da muss man ja zum Killer werden! Dass Brian beschließt, die böse Brut direkt an Weihnachten, also ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes, zu den Ahnen zu schicken, ist natürlich auf emotionaler Ebene enorm effektiv, aber auch unsinnig: Was für ein dusseliger Plan ist es denn bitte, eine komplette Gang an nur einem einzigen Tag auszuschalten? Dann beginnt das übliche Prozedere, überwiegend bestehend aus Krafttraining, Schießübungen und Selbstverteidigungskursen (wobei das zumindest zum Teil verzichtbar erscheint, denn Action-Held-Qualitäten brachte der durchtrainierte Brian bereits vor seiner Schussverletzung mit, wenn er behände über Motorhauben hechtet).

In Sachen Stil und Atmosphäre gemahnt das nicht selten an den Übervater aller Selbstjustiz-Filme, nämlich DEATH WISH (1974), welcher den von Charles Bronson verkörperten Protagonisten auf seiner Reise vom Normalo zum Racheengel verfolgte. Auch hier wird die entwurzelte Hauptfigur während ihrer Streifzüge durch die Stadt immer mehr und mehr von der Lust gekitzelt, dem zahlreich vorhandenen Gesindel ein für alle Mal den Garaus zu machen. Die Zeit, die vergeht, bis der ehemalige Spießbürger dann tatsächlich seinen ersten Menschen über den Jordan schickt, ist dabei durchaus unterhaltsam und weitestgehend interessant aufbereitet (Wann er dabei zwischenzeitlich auch zum Fesselungskünstler geworden ist, der die Schurkenschaft schick verschnürt von der Zimmerdecke baumeln lassen kann, hätte man allerdings schon ganz gern mal gewusst). Anlog zur altbackenen Story fallen diesbezüglich allerdings auch einige Klischees ins Auge, teils so abgestanden, dass sie schon bedenklich an der Kante zur unfreiwilligen Karikatur kratzen. Das betrifft vor allem die ausschließlich aus Latinos bestehenden Straßenbanden, die ihre Freizeit scheinbar vorzugsweise damit verbringen, aus fahrenden Autos zu hängen, um dergestalt bleiverspitzend durch die Vororte zu rasen. Und wann immer sich die Mitglieder gegenseitig kontaktieren, ist der Angerufene gerade damit beschäftigt, irgendjemanden zu schlagen, zu foltern oder kaltzumachen. Wenn dann schließlich auf offener Straße ein Bandenkrieg ausbricht, weckt das sogar Assoziationen zum wirklich extrem stupiden DEATH WISH III (1985), der einst jedweden Realitätsbezug über Bord warf und die Pflaster Amerikas als permanente Schlachtfelder in Szene setzte.

Apropos „in Szene setzen“: Dass die Inszenierung SILENT NIGHTs von einem Altmeister des Actionfilms vorgenommen wurde, sieht man dem Ergebnis kaum an. John Woo, der sechs Jahre nach dem missglückten MANHUNT wieder Regie führte, verzichtete hier nämlich nahezu komplett auf all jene Mechanismen, für die er berühmt geworden war, mehr noch: Er verkehrte sie bisweilen sogar ins Gegenteil. Statt der tänzerischen Eleganz früherer Werke dominiert hier die ungeschlachte Rauferei, wenn man sich durch Küche, Keller und Garage kloppt und dafür so ziemlich alles zweckentfremdet, was einem spontan in die Finger fällt. Speziell das Finale macht allerdings durchaus was her und versöhnt sogar mit manchem Defizit: In nahezu surrealer Umgebung, der zu einer Art psychedelischer Diskothek umgebauten Behausung des Ober-Bösewichts, haut man sich da gegenseitig die Kugeln um die Ohren, was wirkt, als befände man sich gerade inmitten eines verschwitzten Fiebertraums. Fans von John Woo werden seinen ikonischen Inszenierungs-Stil vielleicht vermissen. Schlecht umgesetzt ist das alles dennoch nicht.

Überragend wäre SILENT NIGHT wohl in keinem Fall geworden. Selbst, wenn der Schweigsamkeits-Gimmick aufgegangen wäre, müsste man immer noch die sträflich ausgetrampelten Story-Pfade sowie die stupiden Stereotypen ins Feld führen. Mehr drin gewesen wäre allerdings dennoch, denn vieles wirkt schlichtweg nicht zu Ende gedacht. So lässt sich Brian Godlock z. B. seinen Wagen mit Panzerplatten spicken und unternimmt riskante Fahrmanöver auf der Übungsstrecke, ohne dass es später irgendeine zwingende Relevanz hätte. Dabei hätte man gerade hier die Klischees zur Tugend machen und den einsamen Rächer am Ende zu einer Art dunklen Superhelden der Marke THE PUNISHER umdeuten können, an welchen die Sache hin und wieder durchaus erinnert – wenn auch eben lediglich in der Light-Variante. So besitzt SILENT NIGHT am Ende kaum eigene Persönlichkeit, wirkt wie eine mundfaule Mischung aus Teil 1 und 3 von DEATH WISH, DEATH SENTENCE von 2007 (in dem ebenfalls ein Durchschnittstyp zum Vigilanten wird) und eben THE PUNISHER. Ein Totalausfall sieht freilich trotzdem anders aus. Generell funktioniert Weihnachts-Action ja immer ziemlich gut, da sich Blut und Schnee so schön vermischen können. Nicht jedes Mal muss es dabei ein Geniestreich wie STIRB LANGSAM oder THE LONG KISS GOODNIGHT sein. SILENT NIGHT fuhrwerkt nur in Zweiter Reihe. Aber das macht er eigentlich ganz anständig. Und der obligatorische Tauben-Gag (der irgendwann fester Bestandteil eines jeden Woo-Werkes wurde) ist dieses Mal ausnahmsweise sogar richtig lustig. Und nein: Der Gag ist nicht, dass die Taube dieses Mal eine Stumme ist. Herrje ...

Laufzeit: 105 Min. / Freigabe: ab 18 

Samstag, 18. November 2023

RISE OF THE LEGEND


HUANG FEI HONG ZHI YING XIONG YOU MENG
China 2014

Regie:
Chow Hin-Yeung

Darsteller:
Eddie Peng,
Sammo Hung,
Leung Ka-Fai,
Angelababy,
Wong Cho-Lam,
John Zhang,
Byron Mann,
Jing Boran



Hurra, die Legende steht auf. Da kommt Freude auf! Aber, Moment mal … Welche denn überhaupt? Immerhin ist die Kino-Landschaft voll von Ikonen und hochstilisierten Heldenfiguren. Während sich der englische Titel (und damit auch der gleichlautende deutsche) über den Namen des Protagonisten ausschweigt, sorgt ein Blick auf den originalen Schriftzug für Klarheit: Huang Fei Hong ist da zu lesen – ein Name, den der asienaffine Filmfreund auf Anhieb als Wong Fei-Hung identifiziert, denn so wird er im Westen meist transkribiert. Wong lebte einst tatsächlich (nämlich von 1847 bis 1924), war Arzt und Kampfkünstler zugleich (ein Martial-Arzt, sozusagen), lehrte sowohl traditionelle chinesische Medizin als auch Kung-Fu und setzte sich dem Vernehmen nach vehement für die Rechte der Schwachen und Hilflosen ein. Da die Leinwand solche Vorbilder liebt und das chinesische Publikum von Nationaltrophäen nie genug bekommen kann, entstand eine schwindelerregende Anzahl an cineastischen Adaptionen, die es mit historischen Fakten zwar nicht allzu genau nahmen, aber dafür den Namen erfolgreich ins Kollektivgedächtnis einbrannten.

In Deutschland am bekanntesten wurden dabei die DRUNKEN MASTER- sowie die ONCE UPON A TIME IN CHINA-Reihe – was vor allem an deren Hauptdarstellern liegt. Denn in der einen schickt Springfloh Jackie Chan seine Gegner auf die Bretter, während in der anderen Jet Li gekonnt zwischen Keile und Heilkunde pendelt. In RISE OF THE LEGEND darf sich nun erstmals Eddie Peng [→ COLD WAR] den begehrten Doktortitel anheften, um nach allen Regeln der (Kampf-)Kunst durchschlagende Rezepte auszustellen.

Inhalt:

China, 1868: Das Land ist zerrissen, auf den Straßen ist Gewalt allgegenwärtig. Im Hafenviertel der Provinz Guangzhou kämpfen zwei Verbrecherbanden verbissen um die Vorherrschaft: der Black Tiger Clan, angeführt von Master Lui [Sammo Hung], und der North Sea Clan unter dem Kommando von Master Wu [Chen Zhihui]. Als es dem jungen Kämpfer Wong Fei-Hung [Eddie Peng] gelingt, Wu einen Kopf kürzer zu machen, wird er zum Dank von Master Lui ins Syndikat aufgenommen und ohne Umschweife zur Nummer 4 in der Rangordnung ernannt, was seinen Kollegen 1 bis 3, nämlich North Evil [Jack Feng], Black Crow [Byron Mann] und Old Snake [Li Kaixian], so gar nicht schmecken möchte. Tatsächlich haben sie allen Grund zur Missgunst, wenn auch aus völlig anderen Gründen: Wong Fei-Hong gehört mit seinen Freunden Fiery [Jing Boran], Chun [May Wong] und Xinlan [Angela Yeung-Wing] nämlich eigentlich zur Orphan Gang, die plant, Master Luis Geldreserven zu rauben. Das Unternehmen gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht. Denn nicht nur, dass Nummer 1 bis 3 gegen Fei-Hung intrigieren, um ihn wieder loszuwerden - auch Long [Max Zhang], der Sohn Master Wus, ist hinter ihm her und sinnt auf Rache für den Tod seines Vaters.

Kritik:

'Selbst, wenn es bis zum allerletzten Herzschlag sein muss: Ich muss dafür sorgen, dass mein Gegner fällt', denkt der junge Mann, der gerade im strömenden Regen steht und sich, bereits in konzentrierter Kampfpose, in einer finsteren Gasse von einer Gruppe angriffslustiger Gestalten umringt sieht. Es sind die ersten Sekunden von RISE OF THE LEGEND und besagter Denker ist eben genau jene vom Titel behauptete Legende, die somit ob dieser feindlichen Offensive bereits zum Auftakt der Veranstaltung in wuchtiger Wehrhaftigkeit Tritte und Schläge verteilen und ihre Kontrahenten dekorativ in den Schlamm schleudern darf. Die Kamera wirbelt dabei mit wie wild, Blut und Wasser spritzen in effektiver Zeitlupe in Richtung des Betrachters und beim Landen eines Treffers bollert es von der Tonspur fortwährend, als sei soeben ein Güterzug mit Lichtgeschwindigkeit in ein Paukenlager gerast. Schon jetzt ist klar: Hier werden keine kleinen Brötchen gebacken, hier rappelt’s im Karton. Den Grund für das Geplänkel erfährt der Zuschauer (sofern es ihn denn überhaupt interessiert) allerdings erst später, denn das heftige Hand- und Fußgemenge war lediglich ein Ausblick auf kommende Ereignisse. Nach ein paar anschließenden Szenen, die den eben noch so prachtvoll prügelnden Protagonisten als Kleinkind unter der Schirmherrschaft seines klugen Vaters zeigen, folgt eine ausgiebig zelebrierte Vogelperspektive des Hafenviertels von Guangzhou, in dem emsiges Treiben herrscht und wo die Neugestaltung der Wong-Fei-Hung-Saga ihren Anfang nimmt.

Bereits der Beginn als Ganzes macht deutlich, dass die Reform von Erzählung und Figur Gemeinsamkeiten mit Vertrautem größtenteils vermissen lässt. Dieser generalüberholte Wong Fei-Hung ist alles andere als ein gelassener Gentleman, viel mehr ein ungestümer Wüterich, der bereits nach wenigen Minuten Laufzeit einem seiner Gegner die Hirse vom Halse hobelt. Zugegeben: So ganz getraut, seinen Helden zum kaltblütigen Killer umzudeuten, hat das Drehbuch sich dann doch nicht: Zum einen kullert der Kontrahenten-Kopf nicht aufgrund einer aktiven Abtrennungsmaßnahme, sondern weil dessen Besitzer hinterrücks doch sehr unglücklich in die scharfe Klinge stolpert. Und zum anderen ist für Fei-Hung das Ableben des ohnehin arg unsympathischen Fiesberts zwingender Mittel zum Zweck, sich das Vertrauen eines noch viel größeren Fisches zu angeln, dessen Verbrecherorganisation er fachgerecht zu infiltrieren und auszuhöhlen gedenkt. Und dennoch: Mit der prägenden Portraitierung durch Jet Li, der die Figur als liebenswert-edelmütigen Zeitgenossen in den Publikumsherzen verankerte, hat diese buchstäblich über Leichen gehende Darstellung nichts mehr zu tun. Von den schlitzohrigen Kapriolen von Schnapsnase Jackie Chan mal ganz zu schweigen.

Als hauptsächlichen Antriebsmotor für das ungewohnte Verhalten der Titelrolle fügte Autorin Christine To [→ TRUE LEGEND] ein – wie originell! - dringliches Vergangenheitsbewältigungsbegehren hinzu: Entgegen historischer Tatsachen stirbt der gütige Vater Wong Fei-Hungs hier nämlich, in salbungsvollen Rückblenden dargeboten, bei einer Rettungsaktion im Flammenmeer, wofür der verbleibende Sprössling alsbald den mächtigen Master Lui als Hauptverantwortlichen ausgemacht hat. Im festen Vorhaben, ihm seinen Verlust fachmännisch heimzuzahlen, erschleicht er sich durch die vorangegangene Tötungsaktion das Wohlwollen des gefürchteten Moguls und wird zur Tarnung vermeintlicher Teil des Biotops des Bösen, in welchem er rasch die Rangliste emporklettert. Im Grunde erzählt RISE OF THE LEGEND somit eine klassische Undercover-Story, wie man sie hauptsächlich aus dem Genre des Polizeifilms kennt: Der Gute gibt sich als Gauner aus, gliedert sich, das Damokles-Schwert der Entlarvung stets über sich wissend, in die Gemeinschaft ein, findet unerwartet Freunde auf gegnerischer Seite und beginnt mit sich selbst zu hadern, bevor ein großer Befreiungsschlag final die Fronten klärt.

Keine neue, aber auch keine schlechte Zutat, die hier jedoch arg verwässert wurde. Offenbar wollte sich die Autorin mit einem stringenten Handlungsablauf nicht zufrieden geben, weswegen RISE OF THE LEGEND unterwegs mehrfach die Richtung wechselt und bisweilen sogar komplett auf der Stelle tritt. So wird auf halber Strecke der Nebenschauplatz eines großangelegten Geldraubes eröffnet, den Fei-Hung mit seiner Orphan Gang genannten Gruppierung elternloser Versprengter durchführen will, was kurzzeitig für eine Art Genre-Wechsel in Richtung Rififi sorgt – zwar nicht ganz Ocean’s Eleven, aber immerhin Fei-Hungs Vier. Diese Aktion wird zwar als Baustein des Racheakts verkauft, doch schadet sie der Konsequenz der Story, führt sie doch zur Entwicklung zahlreicher Einzel-Episoden, welche den Hauptstrang regelrecht aufs Hintertreppchen schicken. Tatsächlich hat To merklich Mühe, die vielen nun mitmischenden Akteure unter einen Hut zu bringen, weswegen am Ende dann quasi jeder Charakter zu kurz kommt. Und wenn dann noch versucht wird, ein tragisches Liebesdreieck zu involvieren und der Held zwischen die Fronten zweier Frauenherzen gerät (samt schwülstiger Schwüre und kitschiger Bekundungen), dann herrscht sogar narrativer Stillstand.

Am Ende scheitert RISE OF THE LEGEND daran, der berühmten Figur eine überzeugende Frischzellenkur zu verpassen. Dass der kickende Arzt in seiner Darstellung hier überwiegend auf links gedreht wurde, fällt freilich unter den Aspekt der künstlerischen Freiheit und kann nicht wirklich negativ angelastet werden. Schon die vorangegangenen Interpretationen unterschieden sich teils stark. Allerdings wird man hiermit auch kaum neue Fans rekrutieren können. Dafür schindet Eddie Peng in der Hauptrolle auch schlichtweg zu wenig Eindruck – zumal sein Charakter keine erkennbare Entwicklung durchläuft. Fei-Hung ist am Ende eigentlich noch genauso wie am Anfang: ein Jungspund mit leichtem Aggressionsproblem, der an seinen Fehlern nicht wirklich zu wachsen scheint. Dafür darf er immerhin gegen eine Ikone des Hongkong-Kinos zu Felde ziehen: Sammo Hung. Der alteingesessene Star, der 2004 in IN 80 TAGEN UM DIE WELT witzigerweise noch selbst Wong Fei-Hung verkörperte, gibt hier mit Inbrunst den Oberschurken und Endgegner und reißt die Aufmerksamkeit in jeder seiner Szenen an sich. Das Finale in einem in Flammen stehenden Lagerhaus haut dann noch mal tüchtig aufs Mett und verdeutlicht, dass man als Genre-Fan hier trotz diverser Defizite eigentlich recht gut aufgehoben ist. Immerhin kommt es in regelmäßigen Abständen zu saftigen Auseinandersetzungen, die mit vollem Einsatz von Lanze, Schwert und Körper ausgetragen werden und zudem vom renommierten Profi Corey Yuen [→ THE MAN WITH THE IRON FISTS] gewohnt präzise choreographiert wurden. Mag das Ziel, eine neue Generation von Fei-Hung-Enthusiasten heranzuzüchten, auch verfehlt worden sein, so bleiben immerhin 2 Stunden aufwändig gestaltete Kampfkunst-Unterhaltung vor historischem Hintergrund. Da gibt’s Schlimmeres.

Laufzeit: 132 Min. / Freigabe: ungeprüft

Sonntag, 22. November 2020

ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE


E KE
Hongkong 1971

Regie:
Chang Cheh

Darsteller:
Ti Lung,
David Chiang,
Chen Sing,
Kurata Yasuaki,
Ching Li,
Chang Cheh,
Bolo Yeung,
Fang Jen-Tzu



Inhalt: 

Die schlagkräftigen Brüder Fan Ke [David Chiang] und Wen Lieh [Ti Lung] brachten einst den gefährlichen Verbrecher Chiang Ren [Chen Sing] hinter Gitter. Dieser ist jedoch gar nicht so dumm, wie er aussieht, und kann mithilfe einer unfassbar billigen List aus dem Gefängnis entkommen. Aus Rache tötet er zunächst Wens Familie und entführt im Auftrage der japanischen Unterweltgröße Yamaguchi [Chang Cheh] dann auch noch dessen Freundin Yu Lan [Ching Li]. Fan und Weh reisen nach Tokio, um Yu buchstäblich wieder rauszuhauen. Zwar geht die Aktion erfolgreich über die Bühne, doch Yamaguchi gibt nicht auf: Er schickt seinen besten Kämpfer Katsu [Yasuaki Kurata] mit seinem Team [unter anderen: Bolo Yeung] nach China, um dort mit den Brüdern abzurechnen. Doch die lassen sich nicht so ohne weiteres die Wurst vom Brot ziehen.

Kritik:

Zehn gelbe Fäuste, das macht rein rechnerisch fünf gelbe Menschen. Wie genau der deutsche Anbieter auf diese Zahl kam, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Hauptfiguren existieren nämlich im Prinzip lediglich zwei, Grund zur Rache hingegen hätte so ziemlich jeder der Beteiligten. Allerdings ist es müßig, sich mit schnöder Mathematik zu beschäftigen, wenn so wunderbar konsequent feindliche Scheitel geradegerückt werden wie bei ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE. Der kompromisslose Kino-Klopper fährt nämlich das volle Programm 70er-Jahre-Hongkong-Action auf und erfüllt dabei so ziemlich alle Erwartungen, die man in solch einen Beitrag setzen könnte. Um ihren seriösen Ruf besorgte Kritiker rümpfen in Anbetracht dünner Story, dummer Dialoge und überzogener Brutalitäten natürlich pflichtschuldig die Nase, und in der Tat sind diverse Defizite nicht von der Hand zu weisen. Wirklich inspiriert oder von großer Vision beseelt ging man hier wahrlich nicht zu Werke, und es ist offensichtlich, dass man einige Mühe hatte, die überschaubare Handlung auf die obligatorischen 90 Minuten zu zerren. So muss man sich manche Gangster-Erläuterungen gleich mehrfach anhören und wird auch immer wieder Zeuge inhaltlich sinnfreier Autofahrten durch das wahlweise nächtliche oder tägliche Tokio, die aber schon allein deswegen von Nutzen sind, weil sie, mit groovigem Score unterlegt, ein wunderbar mondänes Großstadt-Flair verbreiten und damit essentieller Bestandteil des immens wichtigen Wohlfühl-Faktors sind.

Faktisch hat man es zwar mit der Fortsetzung von FAN CHU – TÖDLICHE RACHE zu tun, der im Vorjahr mit fast identischer Besetzung vor und hinter der Kamera entstand. Tatsächlich aber ist dessen Kenntnis abdinglich – ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE funktioniert, nicht zuletzt aufgrund der sehr simplen Story, auch ohne Vorwissen als eigenständiger Kung-Fu-Snack für zwischendurch. Das von Ni Kuang [→ DIE TÖDLICHEN ZWEI] verfasste Skript sät die Action vergleichsweise sogar eher spärlich; dafür geht es bei Stattfinden alles andere als zimperlich zur Sache: Bei der ausschließlich aus Prügeleien bestehenden Konfliktbewältigung suppt das Blut stets in anständiger Dosis, und immer wieder hagelt es neben Faust und Fuß manch fiese kleine Gemeinheit. Die Choreographie besorgte das bewährte Duo Liu Chia-Liang und Tong Kai, das unter anderem bereits dem Klassiker DAS GOLDENE SCHWERT DES KÖNIGSTIGERS kinetisches Leben einhauchte. Mit dessen eleganten Duellen hat das hier vorliegende Hieb- und Stichfest allerdings herzhaft wenig am Hut. Die Ästhetik entspricht dem rauen Straßenkampf; statt taktischem Belauern und effizientem Zuschlagen geht es hier ohne Federlesens schnurstracks zur Sache. Das ist eine willkommene Abwechslung zum gewöhnlichen Œuvre der produzierenden Shaw Brothers-Studios, die ihre Darsteller überwiegend in kaiserzeitliche Kostüme steckten, um sie mit Lanze und Schwert aufeinander losgehen zu lassen. Beiträge, die in der Moderne spielen, genießen daher automatisch sympathischen Exotenbonus.

In den Hauptrollen harmonieren Ti Lung [→ DAS BLUTIGE SCHWERT DER RACHE] und David Chiang [→ DIE EROBERER], die damaligen Aushängeschilder des Studios, abermals überaus prächtig als zuschlagendes Geschwistergespann, das die gegnerische Gangsterbande quasi im Alleingang aufreibt. Chang Cheh [→ DER MANN MIT DER TIGERPRANKE], der die ganze Chose extrem schmissig in Szene setzte, spielt höchstpersönlich die Rolle des schmierigen japanischen Obermuftis, der genussvoll seine Monsterzigarre schmaucht und die Sonnenbrille wohl nicht mal auf dem Donnerbalken zur Seite legt. Dass der Regie-Gigant sich auch mal vor die Kamera wagte, geschah tatsächlich so selten, dass man es an einer Hand abzählen kann. Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt Chen Sings [→ TAG DER BLUTIGEN RACHE], der in der Rolle des Killers Chiang Ren auf fast schon rührende Art und Weise putzig wirkt: Als er sich nach einem vollkommen planlosen und deshalb auch grandios gescheiterten Attentatsversuch beim Boss seine wohlverdiente Schelte abholt und dabei aus der Wäsche guckt wie ein geprügelter Hund, möchte man ihm glatt das Ganovenhändchen halten. Nicht besser wird es dadurch, dass er zusätzlich noch die meiste Zeit hilflos auf Krücken herumhumpelt. Wenn er sich mitsamt seinen Gehhilfen unkoordiniert auf seine Gegner stürzt, überkommt einen aufrechte Sorge, er könne sich als nächstens versehentlich auch noch den Hals brechen. Interessanterweise ist sein Charakter später plötzlich auch gar kein Thema mehr, obwohl man anfangs noch den Eindruck gewinnt, er sei der Hauptgegner.

Eine weitere wichtige Rolle spielt in hiesigen Breitengraden die deutsche Sprachfassung aus dem bewährten Hause Karlheinz Brunnemanns. Der ungeniert zwischen geschmackloser Zote und zünftigem Klamauk pendelnde Kneipenjargon ist zwar nicht immer ganz stubenrein, passt zu der dreckigen Straßen-Attitüde aber wie die Faust aufs Auge.


„War hier ein Verkehrsunfall oder was ist?“ - „Ach was, im Gebüsch raucht einer.“

„Jetzt kommt der Onkel mit dem ganz langen ... Gewand.“

„Je mehr sich die Damen wehren, desto heißer wird’s in der Hose.“

„Falls du ihn siehst, dann sag ihm, er soll nicht wagen, gegen uns zu schießen! Sonst schlagen wir ihm die Schnauze weg, und das halten die Vorderzähne nicht aus.“


ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE erreicht zwar niemals die Königsklasse, und selbst aus dem Hause Shaw kam im Bereich der Modern Times Action bereits wesentlich besseres Material. Freunde gepflegter Handkanten-Applikation werden sich dennoch auf Anhieb heimisch fühlen. Ti Lung und David Chiang beweisen erneut, dass sie ein großartiges Duo sind, das Tempo passt und die Action macht keine Gefangenen. Vor allem das finale Baustellen-Massaker heizt dem Betrachter noch mal tüchtig ein, wenn die Protagonisten per Schaufel, Brecheisen und Bagger aufeinander losgehen und das fröhliche Verwemsen beginnt. Bäume reißt das nicht aus. Aber es sorgt für 90 schöne Minuten für Fans gewalt(ät)iger Kloppe. Nicht mehr. Aber auch auf gar keinen Fall weniger.

Laufzeit: 89 Min. / Freigabe: ab 16

Sonntag, 9. Februar 2020

NINJA-JÄGER


BLOOD DEBTS
Philippinen, Hongkong 1984

Regie:
Teddy Page

Darsteller:
Richard Harrison,
Jim Gaines,
Anne Jackson,
Ann Milhench,
Mike Monty,
Pat Andrew,
Willy Williams,
Tom Romano



Die Karriere des amerikanischen Schauspielers Richard Harrison ging endgültig den Bach runter, als er Mitte der 1980er Jahre eine verhängnisvolle Kollaboration mit dem chinesischen Regisseur Godfrey Ho einging. Dieser begann zu dem Zeitpunkt mit der Massenproduktion ultrabilliger Ninjafilme, wofür er Harrison als westliches Gesicht engagierte. Die Crux daran: Ho verwendete das gedrehte Material einfach mehrmals, lies es nach Lust und Laune umsynchronisieren und schnitt es auf zum Teil abenteuerlichste Weise in völlig andere Filme völlig anderer Leute. Die Resultate spotteten oft jeder Beschreibung; Harrisons Konterfei auf dem Cover wurde zum Kennzeichen für den Bodensatz an Videoschrott.

Dass er sein Ninja-Image danach nur schwerlich wieder loswurde, bewies unter anderem der deutsche Anbieter seines Rache-Reißers BLOOD DEBTS, der urplötzlich als NINJA-JÄGER in den hiesigen Verleihregalen stand – völlig ungeachtet der Tatsache, dass sich die gesamte Laufzeit über kein einziger Ninja in die Handlung verirrt und dementsprechend auch keiner gejagt werden kann. Aber offenbar waren ein paar findige Marketingstrategen der Ansicht, ein Richard-Harrison-Artefakt könne man unmöglich ninjalos unters Video-Volk jubeln, weswegen sie kurzerhand den wohl kühnsten Titelstunt des Jahres aufs Parkett legten. Da man dem geprellten Kunden aber nun noch irgendwie plausibel machen musste, warum die flinken Kämpfer hier durch allgemeine Abwesenheit glänzen, bat man das zuständige Synchronstudio um tatkräftige verbale Unterstützung. Und so kam es dann dazu, dass Harrisons Charakter jeden seiner Gegner völlig gegenstandslos als Ninja bezeichnet – obwohl kein einziger der Hampelmänner optisch wie verhaltenstechnisch auch nur in die Nähe eines solchen kommt. Das ist freilich ein Lacher vor dem Herren und lässt Harrisons Figur wie einen Vollidioten wirken.

Viel kaputtgemacht hat man damit allerdings nicht. BLOOD DEBTS war schon vor der Synchronisation lächerlich. Der hilflose Versuch, auf der damals grassierenden Selbstjustiz-Welle mitzuschwimmen, ist in Sachen Plot und Dialog von oft kindlicher Naivität, reiht talentfrei abgeschmackte Handlungs- und Figurenklischees aneinander und befindet sich insgesamt nur knapp über Amateurniveau. Je nach Fasson und Tagesform bietet die fröhliche Vergeltungskirmes für ein bestimmtes Klientel mit ausreichend Schmerzerfahrung natürlich gerade deswegen beste Unterhaltung. Vorhang auf also für NINJA-JÄGER – den ersten Ninjafilm ohne Ninjas!

Inhalt:

Ein Pärchen sitzt beim Picknick im Park. Motto des Tages: Romantik bei Butterbrot und Büchsenbier. Plötzlich knallt's, und der Korb explodiert. Der Grund offenbart sich umgehend: Fünf Strolche kriechen aus den Sträuchern, bewaffnet mit Gewehr und geilem Blick. Letzterer gilt selbstverständlich der weiblichen Ficknick... Picknickerin (Sarah), und damit keine Missverständnisse aufkommen, erklärt einer der Unholde dann auch gleich, worum es geht: „Das wird ne kleine Vergewaltigung." (Logisch! Vergewaltigungen am hellichten Tag pflegt man ja generell durch Salutschüsse anzukündigen.) Drei der Kerle machen sich über die Frau her, die beiden anderen verfolgen ihren Begleiter, der bereits die Beine in die Hand genommen hat. Ein paar Schüsse später ist der junge Mann tot – was seltsamerweise einen der Verfolger (Donny), dem eben noch die Mordlust aus dem geifernden Gesicht sprang, aus heiterem Himmel in helle Verzweiflung stürzt. „Du Idiot hast ihn erschossen, er sollte doch nur Angst kriegen“, schimpft er seinen Kumpanen aus, geht dann zur Leiche, stubst sie kurz an und meint dann fachmännisch: „Da haben wir's! Tot!“ (Nihil Baxter hätte im selben Tonfall noch hinzugefügt: „Das hab ich nicht gewollt. Das hab ich auch wieder nicht gewollt!!!!“) Während die Jungs noch beratschlagen, wie man mit dem Verblichenen umgehen solle (liegenlassen oder eingraben), rennt die nun ebenfalls flüchtende Sarah vorbei und bekommt gleichermaßen eine Ladung Schrot in den Rücken. Dessen gewahr wird ihr Vater Mark [Richard Harrison], der gerade aus dem Haus kam und nun verzweifelt versucht, fassungslos zu gucken. Wütend rennt er auf den Schützen zu, der nun wiederum auf ihn anlegt und abermals abdrückt. Mark fasst sich ans Auge, als hätte er ne Fliege reinbekommen, und geht stöhnend zu Boden. Dem plötzlichen Sensibelchen Donny platzt nun endgültig der Kragen: „Du Scheißkerl, warum musste das sein? Das sinnlose Töten... Das ist doch Mord!“ (Offenbar der Denker der Truppe.) Das Quintett kratzt die Kurve, obwohl Mark noch lebt (was kaum angehen kann, da er die Kugel ja offenbar ins Auge bekam – allerdings hat er nach Erwachen an der Stelle nicht mal nen Kratzer).

Ein paar Monate später kommt Mark auf die Idee, dass es das Klügste wäre, die Killer seiner Tochter kaltzumachen. Als erstes sucht er Donny auf (von dem er seltsamerweise die Adresse weiß) und zwingt ihn zu verraten, wo sich die restlichen Bandenmitglieder aufhalten. Anschließend arbeitet Mark die Liste wahrlich im Rekordtempo ab. Dem ersten verpasst er im Fitnesstudio ne Kugel („Mich hat noch kein Ninja geschafft.“), dem zweiten in dessen Wohnung („Dich habe ich schon erwartet, du Möchtegern-Ninja!“), den dritten an dessen Arbeitsplatz (ohne Ninja-Kommentar). Bevor er sich Nummer 4 vorknöpfen kann, werden zwei neue Charaktere eingeführt: der schurkische Bill [Mike Monty] und der korrupte Polizist Peter [Jim Gaines], die sich in einem Restaurant über den Fall unterhalten. „Ich will nur wissen, unter welchen Umständen die Jäger umgekommen sind“, meint Bill gerade und fügt in ausbaufähiger Grammatik hinzu: „Also, wer und warum hat er sie gekillt?“ Aha, die ermordeten Triebtäter hatten also offenbar für den halbseidenen Anzugträger gearbeitet. Peter verspricht, der Sache auf den Grund zu gehen und sucht die nächste Toilette auf. Nicht, weil das Essen so schlecht war, sondern weil jedes Kind weiß, dass die besten Informanten nur auf Männerklos zu finden sind. Tatsächlich steht da auch einer und weiß einfach alles – auch, dass der Rächer auf den Namen Mark Collins hört. Woher er dieses Wissen hat, wird nicht erklärt. Peter beschattet nun also Mark, der mitten in der Nacht spazierengeht. Plötzlich hört man weibliche Schreie. Im Park wird mal wieder vergewaltigt. Ein Mann fällt gerade über eine Frau her. Mark zieht den Revolver, knallt den Typen ab und schlendert wieder davon. Pete hockt hinter'm Baum, feixt sich eins und macht fleißig Fotos.

Die Diashow, die Pete in der nächsten Szene dem hochinteressiert dreinblickendem Bill präsentiert, kann allerdings unmöglich aus dieser einen Nacht stammen - und auch kaum ohne Wissen und Zustimmung Marks entstanden sein, denn dieser posiert mit seiner Knarre regelrecht auf den Bildern, zum Teil offenbar auch noch in seiner Wohnung. Mark hat indes Stress mit seiner Ehefrau, die auf die abstruse Idee kommt, der Fall sei bei der Polizei eventuell besser aufgehoben. Mark sieht das anders: „Die Polizei unternimmt nichts gegen die Mörder unseres Kindes. Diese Ninjas...!“ Nachdem Mark nebenbei noch ein paar Räuber gekillt hat als wär es nix, knöpft er sich endlich den letzten Mann der Tochtertöter-Truppe vor und bringt ihn vergleichsweise pfiffig ums Eck: durch einen explodierenden Golfball. „Mit dem Totschießen ist jetzt Schluss“, verspricht er im Anschluss seiner hocherfreuten Gattin. Aber so schnell geht man als Racheengel nicht in den Ruhestand, denn ab hier übernehmen Bill und Pete. Letzterer hat nämlich herausgefunden, dass Mark Vietnam-Veteran ist und eigentlich vorhatte, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. „Aber nun wurde seine Tochter umgebracht, zusammen mit ihrem Freund. Darin sehe ich den Grund für sein Verhalten.“ (Ein richtiger Schlauberger!) Was folgt, ist die sicherlich schönste Dialogszene des Films:

Bill:
„Angenommen, er fühlt sich im Recht ... Dann wäre er verrückt.“

Peter:
„Nein, Bill! Mark hat keinen Dachschaden. Er ist überzeugt, die Leute waren Ninjas. Diese Verbrecher hasste er. Er fühlt sich als Racheengel. Er hat die fixe Idee, alle Ninjas müssen weg.“

Bill (bierernst):
„Damit hätten wir eine Begründung der Morde.“

Nun sollte man ja eigentlich annehmen, dass jemand, der überall nur Ninjas sieht, erst recht nen Dachschaden hat, aber das ist natürlich nur eine Theorie. Und woher Peter plötzlich weiß, dass Mark die bösen Buben für Ninjas hielt, ist ebenfalls ein Mysterium, das nie aufgeklärt wird. Jedenfalls werben die Männer Mark nachfolgend für ihre Killerorganisation an – ein Angebot, dass er erst annimmt, als sie seine Frau entführen. Tötete Mark bisher im Alleingang, spickt er von nun an fremde Körper im Auftrag seiner neuen Bosse mit Blei. Bis er von ihnen verraten wird und den Spieß umdreht.

Kritik:

Bis das endlich passiert, prasselt allerdings noch sehr viel schlecht arrangierter Schuss- und Sprachaustausch auf den Betrachter ein, der zu dem Zeitpunkt natürlich ohnehin schon längst aufgegeben hat, etwas halbwegs Anständiges zu erwarten. BLOOD DEBTS wirkt von der ersten Sekunde an einfach wahnsinnig schäbig, sowohl die Optik betreffend als auch die tölpelhafte Regie, die völlig überfordert ist damit, die grobschlächtig hingerotzten Szenen in eine auch nur leidlich ansprechende Form zu bringen. Bereits der Beginn baut durch die unbeholfene Inszenierung mehr Komik als Spannung auf: So fliehen die ersten beiden Opfer vor der ruchlosen Vergewaltigungsbande in ausschweifend zelebrierter Zeitlupe, was als stilistisches Mittel natürlich völlig legitim ist. Nachdem der männliche Flüchtige jedoch erschossen wurde und seine Mörder bereits ewig palavernd um ihn herumstehen, meint einer von ihnen plötzlich: „Hey, das ist doch sein Mädchen!“ Und tatsächlich rennt besagte Dame just in diesem Moment aus dem Gehölz – witzigerweise aber immer noch in Zeitlupe. Da der Rest der Ereignisse natürlich in normalem Tempo abläuft, sieht es nun so aus, als sei das gar kein Stilmittel mehr, sondern einfach ihre ganz natürliche Laufgeschwindigkeit.

Ähnliche Patzer passieren auch später immer mal wieder (so erinnert sich Richard Harrison beispielsweise an Ereignisse, bei denen er gar nicht zugegen war), was einen immer wieder holzhammerartig daran erinnert, sich anstatt in einer möglichen Realität gerade lediglich in einem mies modellierten Möchtegernthriller zu befinden. Blaupause des blühenden Blödsinns war natürlich die erfolgreiche DEATH WISH-Reihe, deren Thema im Prinzip sogar recht originell variiert wurde. Die Idee, dass der Rachefeldzug der Hauptfigur schon nach kurzer Zeit abgeschlossen ist und sie ihre Morde nachfolgend im Auftrage einer ominösen Killerorganisation begeht, ist durchaus nicht dumm und böte eine Menge guter Möglichkeiten mysteriösen Nervenkitzels. Da man als Zuschauer aber schon von Anfang an weiß, wie der Hase hoppelt, und die Umsetzung der Geschehnisse zudem jeder Glaubhaftigkeit und Logik entbehrt, ballert man das eigene Potential gnadenlos in den Wind. Die Action ist wenig überraschend ähnlich unbeholfen umgesetzt wie der Rest und besteht fast ausschließlich aus dynamikfreien Schläger- und Schießereien, wobei man sich hin und wieder auch mal ne kleine Explosion gönnte (sprich: Geld in einen Feuerwerkskörper investierte). Der Gewaltgrad der Ereignisse ist dabei prinzipiell ziemlich hoch, und vielleicht könnte die hier vorherrschende Kaltblütigkeit sogar schockieren – sofern es denn irgendwie möglich wäre, das Gezeigte auch ernstzunehmen. BLOOD DEBTS spielt in einer Welt, in der am hellichten Tag und laufenden Band Leute vergewaltigt, erschlagen und erschossen werden, ohne dass es irgendjemanden interessieren würde. Dabei spielt das Ganze nicht mal in New York oder einer vergleichbaren Metropole, sondern in irgendeinem muffigen Kleinstadt-Kaff, von dem man auch fortwährend immer nur die selben drei Locations sieht.

BLOOD DEBTS beweist, dass der Niedergang der Karriere Richard Harrisons nicht nur Godfrey Ho geschuldet war. Ein begnadeter Mime war er freilich nie, aber derart lustlos wie hier sah man ihn zuvor selten. Allerdings hätte selbst ein Robert De Niro nur schwerlich gegen die Stupidität dieses ultrabilligen Raudaustücks anstinken können, so dass sich Harrisons hilflose Schauspielversuche hier doch ganz passend einfügen. Auch modisch begeht sein Mark Collins dabei so einige Schwerverbrechen. Den versifften Trainingspullover, den er hier fast permanent spazierenträgt, wird er doch wohl hoffentlich zwischen den Morden auch mal gewaschen haben. Aber vermutlich kann man sich noch glücklich schätzen, dass er nicht in fleckiger Jogginghose auf Schurkenjagd ging. Etwas Stimmung kommt dann gegen Ende auf, wenn Mark eine extradicke Wunderwumme in die Hände fällt und er beginnt, auf dem Anwesen der Verbrecher klar Schiff zu machen (wie wunderbar diese Waffe funktioniert, erkennt man daran, dass man damit einfach nur auf den Boden ballern muss, woraufhin alle jene, die zufällig gerade in der Nähe des Einschlagloches stehen, schlagartig tot umfallen, ohne überhaupt getroffen worden zu sein). Aber auch dieses große Finale wird nicht vollends ausgespielt und bricht quasi mitten im Gefecht per dreistem Standbild ab. Somit endet BLOOD DEBTS genauso unbefriedigend wie er begann. Ein paar Ninjas hätten vielleicht noch was retten können.

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ab 18