Freitag, 15. Mai 2015

MAD MAX - FURY ROAD

[AUS][2015]

Regie: George Miller
Darsteller: Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Zoë Kravitz, Rosie Huntington-Whiteley, Riley Keough, Nathan Jones, Megan Gale, Hugh Keays-Byrne, Josh Helman, Debra Ades

„Was für ein Tag! Was für ein schöner Tag!“

Einst war Max Rockatansky [Tom Hardy] Polizist. Nach der Apokalypse jedoch ist er nur noch ein Mann, der tagtäglich ums Überleben kämpft. Die Zukunft wird bevölkert von maronierenden Horden, denen ein Menschenleben nichts mehr wert ist. Mit am schlimmsten treibt es die Brut um den sich als Gott feiernden Immortan Joe [Hugh Keays-Byrne], der es schließlich sogar gelingt, Max gefangen zu nehmen. Folgend soll er als lebender Blutspender sein Dasein fristen. Als er dabei sein muss, wie Joes Männer versuchen, eine Schar flüchtiger Sklavinnen wieder einzufangen, kann er inmitten einer gewaltigen Verfolgungsjagd entkommen. Nachdem er mit Müh und Not überlebt hat, tut er sich mit der einarmigen Kämpferin Furiosa [Charlize Theron] zusammen, die mit den anderen entkommenen Frauen auf der Suche nach dem 'grünen Ort' ist, einem sagenhaften Flecken, der blüht und gedeiht. Doch Joes Männer lassen nicht locker und setzen sich auf ihre Fersen.

Der Kult um die Figur des „Mad Max“ begann 1979, als der australische Regisseur George Miller einen bis dato völlig unbekannten Schauspieler namens Mel Gibson in enge Lederklamotten steckte und zum einsamen Motorrad-Rächer werden lies. Die Billigproduktion wurde ein überragender Erfolg, Mel Gibson ein Weltstar und die Idee des eiskalten Vigilanten in einer trostlosen, endzeitlichen Welt ein beliebtes Kopierobjekt. Assoziieren tut man den Charakter allerdings tatsächlich in erster Linie weniger mit dem Original, sondern viel eher mit dessen Fortsetzung, welche die Elemente des Vorgängers cartoonesk erhöhte. Die Idee, die Ereignisse dieses Mal nach Stattfinden einer atomaren Apokalypse anzusiedeln, bot die Möglichkeit zur hemmungslosen Übertreibung in Sachen Ausstattung und Extravaganz. Das deutlich erhöhte Budget verprasste man dabei für eine Vielzahl exzessiver Autojagden, die in ihrer Virtuosität neue Maßstäbe setzen konnten.

Nachdem mit der zweiten Fortsetzung, die zu sehr auf Familientauglichkeit schielte, niemand so recht glücklich wurde, dauerte es 30 Jahre, bis Miller auf den Regiestuhl zurückkehrte, um ein neues Kapitel der Saga aufzuschlagen. Da Mel Gibson für die Titelrolle mittlerweile deutlich zu rüstig war, übernahm an dessen Stelle Tom Hardy, der dieser Aufgabe definitiv gewachsen ist und die übergroßen Fußstapfen seines Vorgängers perfekt ausfüllt. FURY ROAD nennt sich die späte Wiederaufnahme, und der Titel erweist sich als überaus treffend gewählt: Der so oft strapazierte Vergleich mit einer wilden Achterbahnfahrt – hier passt er nicht nur, er scheint geradezu dafür gemacht worden zu sein. Der vierte MAD MAX ist eine wahre Orgie der Zerstörung, ein schwindelerregender Orkan entfesselter Gewalt und die maximal mögliche Potenzierung aller Erfolgsformeln der Vergangenheit, die hier auf ein neues atemberaubendes Level gepeitscht werden.

Fast scheint es, als habe man es George Miller als Kind verboten, mit seinen Matchbox-Autos zu spielen, was er nun auf irrsinnige Art und Weise zu kompensieren versucht. FURY ROAD ist das, wovon kleine Jungs träumen, wenn sie übermütig über den Abenteuer-Spielplatz toben, und was große Jungs begeistert, wenn sie es nun mit eigenen Augen und Ohren erleben dürfen – ein brachiales Leinwand-Geschoss, das von der ersten Sekunde an abgeht wie ein Zäpfchen, ein kolossales, laut krachendes Fest für alle Sinne. Von der Banalität vergleichbarer Blockbuster-Ware setzte man sich dabei durch eine Vielzahl kreativer Ideen ab und bevölkerte das Szenario mit einem Sammelsurium verrückter Gestalten und Situationen. In einer an den schrägen Humor Terry Gilliams erinnernden Szene sieht man, wie die übergroßen Brüste übergroßer Frauen an Melkmaschinen angeschlossen sind, um die darbenden Bösewichter mit wertvoller Muttermilch zu versorgen. Und der brutale Feldzug der bösen Horde wird noch bei wildester Fahrt begleitet von einem an den Kühler des Trucks geketteten Instrumentalisten, der das blutrünstige Geschehen mittels feuerspeiender E-Gitarre musikalisch begleitet.

Bereits der Auftakt, eine in den schieren Wahnwitz übersteigerte Karikatur des berühmten Wagenrennens aus BEN HUR, presst einen in seiner atemberaubenden Wucht in den Sessel und stellt doch nur die Weichen für ein zweistündiges, überlebensgroßes Stunt-Inferno, bei dem fast ausnahmslos alles in Bewegung ist - freilich ohne, dass die Übersichtlichkeit des Ganzen darunter zu leiden hätte. Und zwischen all diesen verschwenderischen Geschwindigkeitszelebrationen kommt es dann völlig überraschend immer wieder zu malerischen Momenten von fast zärtlicher Poesie. Wenn die Protagonisten unter stahlblauem Himmel doch mal zur wohlverdienten Ruhe kommen, erinnert das in seiner Gestaltung an ausladende Landschaftsgemälde, an deren Schönheit man sich nicht sattsehen möchte. Mit dem einstigen Beginn der Reihe hat das natürlich nur noch wenig zu tun. MAD MAX war einst billig, dreckig und ungeschliffen. Dreckig ist es zwar immer noch, doch scheint der Dreck nun poliert. Die damalige Grobschlächtigkeit weicht kunstvoll konstruierten Kompositionen, die nichts mehr dem Zufall überlassen.

Die Einflüsse sind dabei überaus vielfältig. So erinnern die Nahaufnahmen der von Staub und Wüste ausgemergelten Gesichter an die legendären Italo-Western Sergio Leones, die bisweilen monumentale Cinematographie bedient sich der Ästhetik epochaler Bibelverfilmungen und den sinnevernebelnden Rausch des großen Abenteuers lieh man sich von stilbildenden Klassikern vom Schlage eines INDIANA JONES. Die genüssliche Zurschaustellung von Degeneration und Verstümmelung gestattet selbst Assoziationen zu rüdem Wüsten-Splatter der Marke THE HILLS HAVE EYES, die Freude an Masken und Ketten hingegen gehorcht dem Ausdruck einschlägiger Fetisch-Pornographie. Doch hat eine simple Aufzählung von Inspirationen kaum einen Sinn, denn FURY ROAD kreiert aus all dem etwas ganz Eigenes - nichts Neues eigentlich, aber etwas Verlorengeglaubtes: Ein spektakuläres Action-Vehikel, das sein Publikum ernstnimmt und sich nicht dafür schämt, in völliger Selbstverständlichkeit Blut und Gewalt mit künstlerischem Anspruch zu verbinden.

Dass man das Ganze stark religiös auflud und sich, sowohl auf inhaltlicher Ebene, wie auch auf gestalterischer, oftmals biblischer Motive bediente, mag dabei nicht sonderlich originell sein, geriet jedoch überaus passend. Letztendlich geht es allen Protagonisten um Erlösung: Die Mädchenbande um Furiosa ist auf der Suche nach dem 'grünen Ort', einer Art 'Gelobtem Land' (das als solches natürlich nicht existiert), der zunächst bösartige, später konvertierende Scherge Nux indes sucht nach Walhalla, einer vom Oberschurken Joe versprochenen, besseren Welt, für die sich der Märtyrertod lohne - "Ich lebe, ich sterbe, ich lebe wieder!" lautet ein repetitiver Satz von ihm. Letztendlich ist FURY ROAD selbst eine Wiedergeburt, nicht nur einer längst eingemottet geglaubten Kino-Saga, sondern auch die des niveauvollen Unterhaltungsfilms mit Herz und Seele. Und obwohl einen hier selbstverständlich keine charakterlichen Tiefen erwarten, ist es erstaunlich, wie sehr einem die Figuren bereits nach kurzer Zeit ans Herz wachsen. Das liegt nicht nur, aber durchaus auch an der klugen und makellosen Besetzung.

Tom Hardy [→ STAR TREK - NEMESIS], der als Max kaum ein Wort sagt (wenn er überhaupt spricht, dann meistens nur für den Zuschauer aus dem Off), ist der perfekte Mel-Gibson-Nachfolger und schafft es tatsächlich, dass man das Original nicht eine Sekunde lang vermisst. Der Übergang von einem Darsteller zum nächsten funktioniert hier völlig reibungslos und es dauert keine Minute, bis man Hardy als Max vollkommen akzeptiert hat. Als Antagonisten sieht man Hugh Keays-Byrne – mehr oder weniger zumindest, denn als eine Art Wüsten-Darth-Vader versteckt er sein Gesicht hinter einer skurrilen Ganzkopf-Maske und hätte somit strenggenommen auch von jedem anderem gespielt werden können. Dennoch ist seine Besetzung ein nettes Schmackerl für Fans, gab Keays-Byrne doch bereits den bösartigen Toecutter im originalen MAD MAX. Als erstaunlich vielschichtig erweist sich die Rolle von Nux, in dem man zunächst nur einen weiteren Handlanger des Bösewichts vermutet, der aber im Laufe der Zeit überraschend viel Profil entwickeln kann und von Nicholas Hould [KAMPF DER TITANEN] sehr einnehmend verkörpert wird.

Als zweiter wirklich großer Besetzungs-Coup erweist sich allerdings Charlize Theron [→ PROMETHEUS] als knallharte Kampf-Amazone mit TERMINATOR-artiger Arm-Prothese, die in ihrer Rolle als Furiosa gleichermaßen taff und verletzlich rüberkommt und zeitweise sogar komplett das Ruder übernimmt und Tom Hardy zum Beobachter degradiert. Überhaupt sind die emanzipatorischen Untertöne hier kaum zu überhören: Als Max das erste Mal auf die flüchtigen Mädchen trifft, einst allesamt Sex-Sklavinnen des schurkischen Immortan Joe, inszeniert Miller die Szene wie einen pubertären Männertraum, präsentiert sie als leichtbekleidete Nymphen, die sich gegenseitig mit dem Gartenschlauch abspritzen, und bildet damit einen krassen Kontrast zu der bis dahin erlebten Welt des Schreckens. Doch die Damen erweisen sich nicht etwa als hilflose Opfer, sondern als handelnde Persönlichkeiten, die alles dafür tun würden, ihr Leben in Freiheit zu behalten. Nicht mehr Benzin oder Wasser sind hier die höchsten aller Güter, es sind die Frauen, deren Milch ungeheuer wertvoll ist und deren Fähigkeit, Kinder zu gebähren, die eigene Zukunft sichert.

Fast muss man froh sein, dass es mit der dritten Fortsetzung so lang gedauert hat. FURY ROAD profitiert enorm von den Möglichkeiten der weiterentwickelten Technik, perfektioniert die alten Zutaten und besinnt sich dennoch auf alte Werte. Schepperndes Blech, kreischende Motoren und Verdis „Requiem, Dies irae“ sind der Soundtrack zu einem opernhaften, hyperkinetischen Meisterstück, dessen überwältigende inszenatorische Brillanz und finales Pathos selbst den härtesten Männern Tränen in die Augen treiben sollten. FURY ROAD ist nicht einfach nur eine Fortsetzung. FURY ROAD ist ein filigranes Kunstwerk und ein gottverdammter Meilenstein in der Geschichte des Actionfilms. Was für ein schöner Tag!

Laufzeit: 121 Min.

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