Eigene Forschungen

Montag, 29. Juli 2013

PACIFIC RIM


PACIFIC RIM
USA 2013

Regie:
Guillermo del Toro

Darsteller:
Charlie Hunnam,
Rinko Kikuchi,
Idris Elba,
Max Martini,
Ron Perlman,
Burn Gorman,
Charlie Day,
Clifton Collins Jr.



„Um Monster zu bekämpfen, erschufen wir selbst Monster.“


Inhalt:

Die Welt der Zukunft ist nicht mehr das, wie sie war: Den Tiefen des Meeres entsteigen riesenhafte Monster, 'Kaijūs' genannt, die, vermutlich gesteuert von einer fremden Macht, die Städte der Welt vernichten. Diese hat ihre Konflikte mittlerweile beigelegt: Alle Nationen kooperieren zugunsten der Rettung der Erde. Um die Monster zu besiegen, werden riesige Kampfroboter gebaut, die 'Jäger', welche jeweils von zwei Piloten im Inneren per Gedankenkraft gesteuert werden. Raleigh Becket [Charlie Hunnam] und sein Bruder Yancy [Diego Klattenhoff] harmonieren im Kampf perfekt miteinander – bis Yancy bei einem Einsatz ums Leben kommt. Voller Gram zieht Raleigh sich zurück. Doch dann bedrängt ihn Captain Pentecost [Idris Elba], ins 'Jäger'-Programm zurückzukehren: „Es geht zuende mit der Welt. Wenn Sie sterben, wo wollen Sie dann sein? Hier oder in einem 'Jäger'?'

Kritik:

Hochhausgroße außerirdische Monster, die die Erde zerstören wollen und sich mit gigantischen, von Menschenhirn gesteuerten Kampfrobotern wildeste Schlachtfeste zu Lande, zu Wasser und in der Luft liefern – niemand würde ernsthaft bestreiten wollen, dass es sich dabei um ganz große Kunst handelt. Werner Herzog, Federico Fellini und François Truffaut raufen sich kollektiv die Haare und fragen sich: 'Warum, zum Teufel, ist mir das bloß nicht eingefallen?' 

Stattdessen ergriff der Mexikaner Guillermo del Toro [→
HELLBOY] die Gelegenheit beim Schopfe und kreierte mit auffallend viel kindlicher Begeisterung PACIFIC RIM
- eine unter allem krachendem Hollywoodbombast doch sehr liebevolle Verbeugung vor dem Kaijū Eiga, dem japanischen Monsterfilm. Regisseur Inoshiro Honda (der, neben Ray Harryhausen, auch im Abspann PACIFIC RIMs gewürdigt wird) erschuf 1954 mit GODZILLA den ersten Beitrag dieses im Laufe der Zeit zum Kult gewordenen Subgenres, damals noch von düsterer Atmosphäre geprägt und voller Bitterkeit. Der Erfolg beflügelte die Macher, eine Flut von Fortsetzungen und Epigonen brach los, und schon bald wurde das Geschehen bunter, die Monster zahlreicher und der Pessimismus wich infantilem Vergnügen. ROBOTER DER STERNE, ein unter abenteuerlichen Umständen in Japan und Hongkong entstandener fröhlicher Unfug, in welchen eine (wirklich sehr) kleine Spezialeinheit mit einem riesigen Roboter gegen außerirdische Invasoren kämpft, war eines der abstrusen Höhepunkte dieser Auswüchse und wirkt nicht nur aufgrund seines Inhalts wie eine Blaupause für den freilich ungleich aufwändiger gestalteten PACIFIC RIM.

'Kaijūs' werden die Monster im Film dann auch wirklich genannt und deren Design orientiert sich eindeutig an den japanischen Vorbildern. Bereits eines der ersten Ungeheuer, treffenderweise als 'Messerkopf' bezeichnet, erinnert gewiss nicht nur zufällig an das
GAMERA-Monster Guiron, welches tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit einem lebenden Brotmesser aufwies. Die Kaijū-Entwürfe PACIFIC RIM
s gerieten dann auch durch die Bank äußerst fantasievoll und obwohl die Monster hier natürlich komplett am Rechner entstanden, gelang es, die etwas schwerfälligen Bewegungsabläufe der asiatischen Originale (resultierend aus dem Umstand, dass dort Menschen in beengten Latexkostümen schwitzten) überzeugend zu imitieren. Dass die Effekte im Gegensatz zur Vorlage allesamt per Computertechnik entstanden, ist selbstredend, und die Darsteller dürften sich nur selten abseits des Blauschirms aufgehalten haben. Das Ergebnis geriet äußerst überzeugend, die meterhohen Kampfkolosse und Ungetüme fügen sich nahtlos in das reale Umfeld ein, ohne ihren digitalen Hintergrund preisgeben zu müssen. Das ist zwar beeindruckend auf der einen Seite, jedoch auch wenig überraschend auf der anderen: Tricktechnische Perfektion gehört zum Hollywoodstandard und bringt bei allem Respekt auch immer das Defizit glattbebügelter Kantenlosigkeit mit sich – ein Vorwurf, den sich PACIFIC RIM ebenfalls gefallen lassen muss. Allerdings war man dennoch klug genug, sich der Vorlage optisch so weit anzunähern, dass der Animationscharakter dabei deutlich in den Hintergrund tritt.

Erfreulicherweise bändelte man auch inhaltlich mit den liebgewonnenen Spinnereien der Vorlage an. Bereits die Grundidee, zur Abwehr riesiger Monster auf den Einsatz ebenfalls riesiger Roboter zu bauen, ist dermaßen erfrischend abstrus, dass der kleine Junge im Manne begeistert Beifall klatscht. Und auch die daraus resultierenden Unplausibilitäten (Warum bauen die Menschen nicht einfach Roboter, die
noch größer sind als die Monster? Warum kämpft jeweils immer nur ein
Roboter gegen den Gegner?) sind unverzichtbarer Bestandteil des Genres und gehören zum Erlebnis der ultimativen Realitätsflucht schlichtweg dazu. Unbestreitbar steckte man also tatsächlich jede Menge bemerkbares Herzblut in eine respektsvolle Ehrerbietung des Kaijū Eigas. Aus seiner Haut kann PACIFIC RIM letztendlich allerdings doch nicht: Es ist und bleibt ein von Hollywood auf Blockbuster gekämmtes Eventkino mit all den Klischees, die so etwas mit sich bringen muss. Auch hier begegnet man dem gestrauchelten Helden, der schließlich wieder über sich selbst hinauswachsen muss, dem arroganten Widersacher, der seine Lektion zu lernen hat und dem strengen, doch eigentlich warmherzigen Anführer, welcher, wie spätestens seit INDEPENDENCE DAY üblich, kurz vor der finalen Schlacht noch eine feurige Motivationsrede halten darf (die dieses Mal allerdings reichlich läppisch ausfiel).

Aufgemotzt mit Heldentum und Heilandssymbolik, verschwendet das Drehbuch dann auch auffallend viel Zeit für allerlei oberflächliche Bagatellen, die in ihrer Belanglosig- und Formelhaftigkeit trivialer wirken, als jede zünftige Monsterschlacht es je sein könnte. Das ist umso ärgerlicher, da es anfangs bereits von Null auf Hundert in die Vollen ging: Schon nach ein paar Sekunden donnert der erste brachiale Kampf, anstatt einer langwierigen Vorgeschichte werden die vorhergehenden Ereignisse im Offkommentar zusammengefasst. Fast wirkt es, als habe man Teil 1 verpasst und sähe stattdessen auf Anhieb die Fortsetzung. Dass der anfängliche Ballastverzicht im weiteren Verlauf dann doch wieder stereotypischen Erzählmustern weichen muss, darf gut und gern als Enttäuschung gewertet werden. Dabei ist der Gedanke, die Charaktere mit einem interessanten Innenleben auszustatten, durchaus kein völlig verkehrter, zumal die intakte Psyche eines Menschen auch inhaltlich eine Rolle spielt
(denn nur so lassen die Roboter gedanklich steuern). Dass man sich dafür jedoch sattsam bekannter Kamellen bediente, die in Thematik und Dialog wie aus jedem zweiten Tiefgründigkeit heuchelnden Hollywoodfilm herüberkopiert wirken, ist ein kaum zu leugnendes Ärgernis, das einen
kaijūgroßen Schatten auf die Gewitztheit der Macher wirft.

Doch noch einen weiteren kapitalen Fehler begeht
PACIFIC RIM
: So liebevoll die Monster auch gestaltet wurden, so rücksichtslos wurden sie auch verheizt. Einer der Erfolgsrezepte der japanischen Vorbilder war es, jedes Kaijū mit einer eigenen Identität auszustatten und ihm im Kampf ausreichend Zeit zu gewähren. Hier jedoch ist davon nichts zu spüren. Worin genau jetzt die Gefährlichkeit der einzelnen Ungeheuer (abgesehen von ihrer Größe und Aggressivität) eigentlich besteht, wird nie so recht deutlich. Zwar werden sie in verschiedene Kategorien eingeteilt, doch letztendlich ist eines wie das andere. Und auch die Kämpfe sind zu kurz (und zudem häufig noch unübersichtlich) gestaltet, als dass eine funktionierende Beziehung zu den Monstern aufkommen könnte.

Viele Worte über die Darsteller zu verlieren, wäre müßig - die wahren Hauptdarsteller
PACIFIC RIMs sind deutlich höher als 1,80 Meter. Charlie Hunnam [ → CHILDREN OF MEN] wirkt als Held ebenso langweilig und ausdruckslos wie Robert Kazinsky [→ RED TAILS] als sein Kontrahent. Idris Elba [→ PROMETHEUS] als Anführer der Truppe besitzt da schon deutlich mehr Charisma, bleibt jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Als obligatorische Witzfiguren kaspern sich Charlie Day [→ KILL THE BOSS] und Burn Gorman [→ THE DARK KNIGHT RISES] als depperte Wissenschaftler lachhaft überzogen und kaum komisch durch das Szenario, während Regie-Liebling Ron Perlman [→ BLADE 2
] erneut seine „Ich bin der Coolste“-Nummer abzieht. Wirklich positiv heraus sticht lediglich Rinko Kikuchi [→ BABEL], die nicht nur zusätzliches asiatisches Flair in das (ansonsten so gut wie ausschließlich männerdominierte) Geschehen bringt, sondern sich in ihrer zurückhaltenden Art auch wohltuend von den üblichen amerikanischen Sexsymbolen abhebt, welche normalerweise mit Hot Pants und tiefen Einblicken durch derartige Szenarien turnen. Guillermo del Toro ist halt eben doch kein Michael Bay, der mit TRANSFORMERS zwar ähnlich geartete, doch deutlich sexistischere und militärverliebtere Unterhaltung bot. Während letzterer vor allem amerikanischen Hurra-Patriotismus bis zum Exzess zelebrierte, bleibt PACIFIC RIM auch in dieser Hinsicht eher bescheiden: Der Weltrettungsjob ist ein internationaler – wer hat noch nicht, wer will noch mal?

PACIFIC RIM mag seine Einschränkungen haben, ist jedoch unter'm Strich eine überaus gelungene Hommage, die den Kult um japanische Schauspieler im Gummikostüm mit den Ingredienzien des amerikanischen Blockbusters verschmilzt und in der sich Riesenmonsterfreunde sehr wohlfühlen dürften. Haufenweise Anspielungen auf den GODZILLA-Kult (so werden die Kaijūs kurzerhand als Spielfiguren vermarktet und die Trainingssequenz, in welcher die Kompatibilität zweier Piloten getestet wird, erinnert wohl nicht zufällig an eine ähnliche Szene aus GODZILLA – FINAL WARS) sowie die japanische Kultur (so kann eines der Monster nur mithilfe eines zwischen all dem Technikfirlefanz reichlich altmodisch anmutenden Schwertes besiegt werden – beste Samurai-Tradition!) halten das Publikum ganz hübsch in Schach. Der Rest der Zweifel verschwindet im Schlachtgewitter: Funken sprühen, Blitze zucken und es scheppert lauter als beim Iron Maiden-Konzert. Ein RIM-Job, der Freude macht.

Laufzeit: 131 Min. / Freigabe: ab 12

Dienstag, 23. Juli 2013

ONLY GOD FORGIVES


ONLY GOD FORGIVES
USA, Thailand, Frankreich, Schweden 2013

Regie:
Nicolas Winding Refn

Darsteller:
Ryan Gosling,
Kristin Scott Thomas,
Tom Burke,
Yayaying,
Vithaya Pansringarm,
Byron Gibson,
Gordon Brown,
Sahajak Boonthanakit



„Die Damen sollten jetzt die Augen schließen.“


Inhalt:

Der Amerikaner Billy [Tom Burke] schändet und ermordet in Bangkok eine minderjährige Prostituierte. Diese Tat setzt eine blutige Ereignisspirale in Gang: Der Polizist Chang [Vithaya Pansringarm] sperrt den Vater der Toten mit Billy in einen Raum, was letzterer nicht überlebt. Billys Mutter Crystal [Kristin Scott Thomas] reist daraufhin aus den Staaten an, um ihren jüngeren Sohn Julian [Ryan Gosling] zum Rachemord zu überreden. Julian jedoch, der lebenslang im Schatten seines brutalen Bruders stand, hat Bedenken. Daraufhin heuert Crystal einen Auftragskiller an. Dieser jedoch gerät bei Chang an seinen Meister und wird selbst Opfer unmenschlicher Grausamkeit. Schließlich treffen Chang und Julian aufeinander.

Kritik:

Hände! Immer wieder starrt Ryan Gosling auf seine Hände. Und das liegt nicht nur daran, dass er als Julian die Rolle eines Boxers verkörpert: Hände begehen Taten. Und Hände können Taten verhindern.

Nach dem hochgelobten DRIVE aus dem Jahre 2011 schickte der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn den kaum weniger gefeierten Mimen Ryan Gosling zum zweiten Male auf eine großartig gefilmte, gewaltreiche Tour de Force, die jedoch, abgesehen von der kunstvollen Inszenierung und dem abermals grandiosen Hauptdarsteller, erstaunlich wenig Gemeinsamkeiten mit dem Vorgänger bereithält: Die recht geradlinige Erzählweise DRIVEs weicht hier oft skurillen Momentaufnahmen, deren Sinn sich einem, sofern überhaupt, erst in größerem Zusammenhang erschließt. Tatsächlich gleichen die Ereignisse eher einem fiebrigen Albtraum, was durch die brodelnde Kulisse Thailands noch verstärkt wird. ONLY GOD FORGIVES ist wahrlich keine leichte Kost und zeichnet ein niederschmetterndes, gewaltgetränktes Schreckensszenario menschlicher Grausamkeiten, dessen Figuren wie schlaftrunken durch das bedrückende Geschehen taumeln. Nicolas Winding Refn zelebriert meditative Langsamkeit und setzt dazu ganz auf die suggestive Kraft seiner bis ins Detail durchdachten Bildkompositionen. Das ist für Ästheten ein Fest, Actionjunkies, durch Titel, Setting und Werbung womöglich in die Irre geführt, könnten sich hingegen rasch fehl am Platze fühlen.

Denn im Gegensatz zu DRIVE, dessen grundsätzliche Ruhe immer noch durch einige ungewöhnlich komponierte Geschwindigkeitszelebrationen unterbrochen wurde, herrscht hier insgesamt eine verblüffende Actionarmut. Refn macht es seinem Publikum dabei nicht gerade einfach, beginnt Szenen, bricht sie wieder ab, um sie an anderer Stelle weiterlaufen zu lassen, spielt mit Kameraeinstellungen und Raumgestaltung, mit rot-gelbem Licht und immer wiederkehrenden Symbolen. Wer von Ryan Gosling einen ähnlich coolen Auftritt wie als namenloser Stuntfahrer erwartet, dürfte ebenfalls eine mindestens mittlere Enttäuschung erleben: Verkörperte Gosling in DRIVE eine zwar einsame, doch nichtsdestoweniger seinen Mitmenschen klar überlegene Person, erlebt man ihn in ONLY GOD FORGIVES als vollkommen gebrochenen Charakter, als seelischen Krüppel, der, zeit seines Lebens um die Gunst seiner ebenso beherrschenden wie grausamen Mutter ringend, in eine sinnlose Leere läuft. Als er Chang gar zum Zweikampf herausfordert, bekommt er von diesem im Anschluss gnadenlos und alles andere als heldenhaft die Fresse poliert – das wär dem ‚Driver‘ nie passiert!

Obwohl mit seinem Namen beworben, ist Gosling nicht einmal die eindeutige Hauptfigur ONLY GOD FORGIVES', sondern vielmehr lediglich eine von vielen verirrten Charakteren, welche diese düstere Parallelwelt bevölkern. Die Funktion einer zentralen Person erfüllt noch am ehesten Vithaya Pansringarm in der Rolle des Selbstjustizpolizisten Chang, der als Richter und Henker zugleich über Leben und Tod der Verworfenen entscheidet. Haben die Unholde Glück, entfernt seine Schwertklinge lediglich einen ihrer Arme, haben sie es nicht, zerschneidet sie gleich den gesamten Torso. So absurd es klingt, ist Chang (dessen Name innerhalb der Handlung nie tatsächlich genannt wird) doch noch der positivste Charakter in diesem Höllenszenario, scheint er doch als einziger über eine Art von Gerechtigkeitssinn zu verfügen. Dass er dafür zum Racheengel (und somit ebenfalls zum Mörder) werden muss, ist bezeichnend für die Ausweglosigkeit, in welcher sich die Figuren befinden. Immer, nachdem er ein weiteres Urteil vollstreckt hat, sieht man Chang in einer Karaokebar singen. Es klingt nicht schön. Aber es ist gleichzeitig das Menschlichste, wozu man hier in der Lage sein könnte.

Zwar ist Thailand der Schauplatz, doch scheinen die Protagonisten tatsächlich in einer vollkommen fremden moralbefreiten Welt zu existieren, in welcher sich die Unfähigkeit zur Kommunikation auf dem Höhepunkt befindet. Gesprochen wird in ONLY GOD FORGIVES ohnehin kaum. Nicht etwa, weil es nichts zu sagen gäbe, sondern weil das Sprechen größtenteils verlernt zu sein scheint. Am meisten Text hat daher auch Kristin Scott Thomas in der Rolle der zugereisten Crystal, die jedoch hauptsächlich mit menschenverachtenden Beleidigungen um sich wirft. Crystal ist dann gleichzeitig auch eine der Schlüsselfiguren: Als treibende manipulative Kraft setzt sie die blutigen Ereignisse erst richtig in Gang. Perfekt versteht sie es dabei, ihrem verbleibenden Sohn Minderwertigkeitsgefühle einzuimpfen, indem sie ihm immer wieder zu verstehen gibt, dass sie seinen toten Bruder stets bevorzugte. Der inzestuöse Hintergrund dieser Beziehung ist dabei eindeutig und erfolgter Kindesmissbrauch mehr als wahrscheinlich: „Ich will sie so jung wie möglich“, sagt Billy, kurz bevor er zum Mädchenmörder wird. Als man Crystal mit seiner blutigen Tat konfrontiert, fällt ihre Antwort nach kurzer Pause sehr lapidar aus: „Ich bin mir sicher, er hatte seine Gründe.“ Während Billy seine Beziehungsunfähigkeit durch sexuelle Perversionen und Gewaltexzesse zu kompensieren versucht, geht Julian im Gegenzug den passiven Weg: Zwar hat er zumindest so etwas Ähnliches wie eine Freundin, doch schafft er es nicht, sie auch nur zu berühren, lässt sich lediglich von ihr fesseln, um ihr bei der Masturbation zuzusehen – ein treffendes Bild für Julians Ohnmachtsgefühl, das sich wie ein Leitfaden durch die Handlung zieht.

Dunkle Flure, Türen, hinter denen man das Grauen erwartet, unwirklich flackernde Lichter und heftige Gewalteruptionen – es ist kein Zufall, dass ONLY GOD FORGIVES über weite Strecken inszeniert ist wie ein Horrorfilm, werden doch die scheußlichsten Winkel der menschlichen Seele ausgelotet. Die Gewaltakte sind dabei in ihrer teilweise quälend expliziten Darstellung gewiss nicht unprovokant und auf ihre Schockwirkung bauend eingesetzt, doch verdeutlichen sie auch, in welch brutaler Umgebung man sich befindet, in welcher Grausamkeit gegen Menschen längst zum Alltag zu gehören scheint.

ONLY GOD FORGIVES erklärt nichts, verspricht nichts, hält nichts. Eine vorkauende Vorstellung der in unwirkliches Licht getauchten Charaktere findet nicht statt, Dialoge sind zu selten, um Rückschlüsse auf Motivationen zuzulassen, die Handlung ist teilweise zu diffus montiert, um sich ein übersichtliches Bild machen zu können. Vieles bedarf der Interpretation, der Auslegung, der Fantasie. Spannung in klassischen Sinne sucht man hier vergebens. Was bleibt, ist ein faszinierend bebildertes, mit treibendem Bass unterlegtes Kabinett der Gräueltaten, eine gekonnte Ästhetisierung unmenschlicher Brutalitäten und ein Musterbeispiel stilistischer Versiertheit, von dem man seine Augen und Ohren kaum abwenden kann. Am Ende wird Ryan Gosling nie wieder auf seine Hände starren. 

Laufzeit: 89 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 15. Juli 2013

THE GRANDMASTER


JAT DOI ZUNG
China, USA 2013

Regie:
Wong Kar-Wai

Darsteller:
Tony Leung Chiu-Wai,
Zhang Ziyi,
Jin Zhang,
Chang Chen,
Wang Qingxiang,
Song Hye-kyo,
Bruce Leung Siu-Lung,
Julian Cheung



„Kung Fu. Zwei Worte. Waagerecht und senkrecht.“


Inhalt:

China, 1936: Kung-Fu-Lehrer Ip Man [Tony Leung] führt ein sorgenfreies Leben im Wohlstand. Seine Fähigkeiten bleiben nicht unbeachtet: Eines Tages kommt der alte Großmeister Gong Baosen [Wang Qingxiang] in die Stadt, um ihn zum Kampf herauszufordern. Dabei geht es Baosen nicht etwa um Hass: Er will die Fackel des Großmeisters zeremoniell an einen jüngeren, würdigen Nachfolger weiterreichen. Seiner Tochter Gong Er [Zhang Ziyi], ebenfalls eine großartige Kämpferin, missfällt die Idee allerdings: Noch nie wurde ein Mitglied der Gong-Familie im Kampf besiegt. Für sie bedeutet eine Niederlage einen nicht hinnehmbaren Gesichtsverlust. Als der Kampf zu Gunsten Ip Mans entschieden wird, fordert sie ihn ihrerseits heraus. Doch noch während ihres Kampfes mit ihm entdecken beide, wie sehr sie sich zueinander hingezogen fühlen. Sie brechen ihre Auseinandersetzung ab, verschieben die Fortführung auf einen späteren Zeitpunkt und trennen sich für viele Jahre. Als der Krieg über das Land hereinbricht, verliert Ip Man nicht nur seine Familie, sondern auch all seinen Besitz. Auch Gong Er erlebt eine Schreckenszeit, denn ihr Stiefbruder Ma San [Jin Zhang] hat sich mit den Japanern verbündet und ihren Vater ermordet. Seitdem plant sie ihre Rache. Das Schicksal führt Gong Er und Ip Man schließlich wieder zusammen.

Kritik:

Regisseur Wong Kar-Wai erwirtschaftete sich im Laufe seiner Karriere eine beachtliche Reputation für seine künstlerisch höchst wertvollen Bildstrecken, in welchen einwandfrei abgelichtete Figuren in Hotelzimmern herumstehen, um sich, von flauschigem Jazz untermalt, mit zaghaften Blicken unterdrückter Liebe sehnsuchtsvoll anzustarren. Das räumte in der Regel jede Menge Preise ab und ist auch tatsächlich sehr hübsch anzusehen, wenn es sich auch fraglos niemals den Nervenzerrer-des-Monats-Pokal ins heimische Regal stellen dürfte. Dass Wong sich dem Genre des Kampfkunstfilms widmete, war hingegen eher die Ausnahme. Gerade aus diesem Grunde jedoch stechen seine Ausflüge in die Welt der angriffslustigen Akrobatik auf erfreulich erfrischende Weise aus seinem Œuvre heraus: Wenn Wongs Charaktere, welche für gewöhnlich auf höchst geerdete Weise fühlen, leiden und lieben, sich, der Schwerkraft scheinbar entbunden, augenschmeichelnde Hand- und Fußgemenge liefern, ist das eine willkommene Abwechslung und eine gelungene Kombination aus Action und Anspruch.

THE GRANDMASTER ist nach ASHES OF TIME die zweite Exkursion Wong Kar-Wais in das Reich der anmutigen Kämpfer. Als Aufhänger diente dabei die Lebensgeschichte des Kung-Fu-Lehrers Ip Man, welcher dem Publikum spätestens seit Wilson Yips gleichnamigen Martial-Arts-Epos aus dem Jahre 2008 kein Unbekannter mehr ist: Der Patron der späteren Ikone Bruce Lee galt als Großmeister des Wing Chun und gleichzeitig Wegbereiter vieler späterer Kampfkünste. Relativ spät erst besann sich das um Legendenverklärung eifrig bemühte chinesische Kino dieser Figur, um sie dann jedoch so richtig wüten zu lassen: Nach Wilson Yips IP MAN und dessen Fortsetzung, gesellte sich alsbald noch Herman Yaus IP MAN ZERO dazu, welcher des Meisters jüngeren Jahre auf die Leinwand brachte und später ebenfalls in Serie ging. A
ll das taugte als hervorragend inszeniertes Prügelkino fraglos eine ganze Menge, war als Geschichtsstunde hingegen gänzlich unbrauchbar: Vor dem Hintergrund des zweiten chinesisch-japanischen Krieges wird Ip Man quasi zur guten Seele Chinas erklärt, zum einfachen Mann, der sich der Brutalitäten der japanischen Besatzer erwehren muss, um am Ende als überragender Held über alles und jeden zu triumphieren. Das ist zwar publikumswirksam und hochkarätig in Szene gesetzt, jedoch mehr Hirngespinst als Historie. THE GRANDMASTER, von den Spektakeln Wilson Yips und Hermann Yaus unabhängig produziert und auch bereits lange Zeit in Voraus geplant, bietet da eine überaus reizvolle Alternative, die ihre wunderbar fotografierten Kampfszenen mit einer beträchtlichen Schippe cineastischen Anspruchs verbindet. Tony Leung [→ HERO] agiert dabei in der Titelrolle wesentlich distanzierter als seine Kollegen Donnie Yen und Yu-Hang To von der Konkurrenz, was aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweise durchaus sinnvoll erscheint.

Nahm die Kampfkunst in ASHES OF TIME noch eine eher untergeordnete Rolle ein und diente lediglich als Ausdrucksform für die Wong-typischen Inhalte wie Einsamkeit, Liebe und Erfüllung, schien der Regisseur dieses Versäumnis mit THE GRANDMASTER gründlichst nachholen zu wollen: Quasi von der ersten Sekunde an widmet Wong sein in rauschende Bilder gepacktes Hochglanzprodukt dem Wesen des Kung Fu, zelebriert es in erlesenen Aufnahmen, feiert dessen Philosophie, vergöttert dessen Existenz. „Was mein Vater mich lehrte, war nicht die Technik, sondern der Gedanke, der dahinterstand“, lautet dann auch treffenderweise eines der wichtigsten Zitate (ausgesprochen von Zhang Ziyis Charakter Gong Er). Bereits wenige Minuten nach Beginn entfesselt eine bis ins kleinste Detail durchstilisierte Kampfsequenz einen wahren Rausch der Ästhetik, welcher auch bis zum Ende nicht mehr so recht aufhören möchte. Wong spielt seine Stärken perfekt aus und serviert bombastische Bildgefüge, für welche die Leinwand quasi erfunden zu sein scheint. Kein Wimpernzucken mutet zufällig an, jede Geste, jedes Wort ist Teil einer streng durchkalkulierten, hochkonzentrierten Komposition. Dass dabei auf bewährte ästhetische Mittel zurückgegriffen wird, mag nicht einfallsreich sein, dafür aber effektiv: Gekämpft wird wahlweise bei strömendem Regen, in vereister Schneelandschaft oder vor einen rasenden Güterzug – Szenen purer Kinetik, die einen, in ihrem dynamischen Wechsel aus Geschwindigkeit und Zeitlupe, Totale und Detailaufnahme, das Luftholen teilweise vergessen lassen.

Dass THE GRANDMASTER dennoch eine Abkehr brutaler Prügelarien darstellt, versteht sich von selbst: Hier werden Herzen gebrochen statt Knochen und anstelle von Blut fließen Tränen. Denn trotz allem bleibt es halt doch ein Werk Wong Kar-Wais, dessen Charaktere eben keine realitätsfernen Kampfstiere sind, sondern emotionsbefähigte Menschen aus Fleisch und Blut. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau schon mal zum knisternden Quasivorspiel in der Schwerelosigkeit, während an anderer Stelle ein Kampf voller Ehrerbietung vorzeitig abgebrochen wird, sollte die Überlegenheit des Gegners erkannt sein. 
Im Hintergrund zog dabei einmal mehr Choreographie-Großmeister Yuen Woo-Ping [→ TRUE LEGEND] die Strippen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Protagonisten fliegen auch hier effektiv am Drahtseil durch die Landschaft. Das Ergebnis mag sich in seiner physikalischen Unmöglichkeit etwas beißen mit der seriösen Attitüde, sieht jedoch nach wie vor großartig aus. So wird der Sehnerv durchgehend angenehm gekitzelt; eine akribisch genaue Biographie des Lebens Ip Mans jedoch bleibt auch Wong Kar-Wai schuldig. THE GRANDMASTER liefert lediglich Momentaufnahmen und erlaubt sich unter Umständen schon mal gewaltige Zeitsprünge. Selbst ein solch wichtiger historischer Einschnitt wie der Angriff Japans auf China erfährt nur eine nebensächliche, wenn auch äußerst effektvoll umgesetzte Abhandlung (was natürlich auch einen Verzicht auf das klassische Feindbild bedeutet, welches Wong Kar-Wai ohnehin nicht unterstützt hätte). Tatsächlich wird Ip Man als vermeintlicher Hauptprotagonist nach geraumer Zeit sogar zunächst im Stich gelassen, um sich weiteren Charakteren zu widmen.

Vor allem liegt der Schwerpunkt dabei auf Gong Er, die anfängliche Kontrahentin, spätere heimliche Liebe Ip Mans, gewohnt blassnäsig, doch überaus einnehmend verkörpert von Zhang Ziyi [→ DIE GEISHA], die als zierlicher Racheengel einige große Momente für sich verbuchen darf. So lehnt sie, gierig nach Vergeltung für den Tod ihres Vaters, alle guten Zurufe, allein der Himmel habe über das Schicksal des Mörders zu entscheiden, energisch ab: „Vielleicht bin ich die Rache des Himmels!“, entgegnet sie lautstark und verlässt mit entschlossenem Blick die Versammlung. Neben Verräter und Vatermörder Ma San [Jin Zhang (→ DAS KÖNIGREICH DER YAN)], ist der Auftragsmörder „Rasiermesser“ [Chang Chen (→ TIGER & DRAGON)] die vierte wichtige Figur, welcher Wong Kar-Wai sich widmet. Recht plötzlich eingeführt und fast ebenso schnell wieder fallengelassen, lässt es sich jedoch vermuten, dass ein Großteil seiner Geschichte auf dem Boden des Schneideraums gelandet ist. Hätte er nicht ebenfalls eine großartige Kampfszene, wäre man sogar fast versucht zu behaupten, dass man auf den Charakter ebensogut hätte verzichten können. Dennoch ist 
ist klar, worauf Wong hinauswollte: Jede einzelne Figur verkörpert einen Aspekt des Kung Fu. Jede Figur muss sich entscheiden, wie und wieso sie ihre Fähigkeiten einsetzt. Im Effekt ergibt das ein überaus komplexes Mosaik über das Wesen der Kampfkunst und ihre verschiedenen philosophischen Blickwinkel. Und am Ende stehen sich Ip Man und Gong Er wieder gegenüber, um sich mit zaghaften Blicken unterdrückter Liebe sehnsuchtsvoll anzustarren. Doch wirkt das darauf folgende Lippenbekenntnis weder albern, noch banal, sondern gehört zu den berührendsten Dialogzeilen, die man in einem Martial-Arts-Film zu hören bekommen kann. 

THE GRANDMASTER setzt erfolgreich das fort, was Ang Lee und Zhang Yimou einst mit TIGER & DRAGON und HERO begannen: Die Verknüpfung des einst ausschließlich als primitiver Gewalttumult verschrieenen Kung-Fu-Films mit den höheren Weihen des Arthouse-Kinos. Das Ergebnis ist ein eindrucksvoller, in gleißend-goldgelbes Licht getauchter, perfekt montierter und choreographierter Sinnesrausch, der Freunde ästhetischer Bildgestaltung in die Hände klatschen lässt. 
„Nur der gewinnt, der stehenbleibt“, erklärt Tony Leung als Ip Man die Regeln des Kung Fu. THE GRANDMASTER steht noch.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 12

Dienstag, 18. Juni 2013

TRUE LEGEND


SU QI-ER
China 2010

Regie:
Yuen Woo-Ping

Darsteller:
Vincent Zhao Wen Zhuo,
Andy On Chi-Kit,
Zhou Xun,
Guo Xiaodong,
Michelle Yeoh,
Jay Chou Kit-Lun,
Gordon Liu,
David Carradine



Inhalt:

Su Chan [Vincent Zhao Wen Zhuo], siegreicher Krieger des Kaisers, gelingt es mit seinen Männern, den Prinzen aus der Hand von Landesfeinden zu befreien. Sein Adoptivbruder Yuan [Andy On] neidet ihm den Erfolg selbst dann noch, als Su seine Beförderung an ihn abtritt, um fern vom Kriegsgetümmel eine Familie zu gründen – ausgerechnet mit Yuans Schwester Ying [Zhou Xun]. Nach fünf Jahren stattet Yuan Sus Familie einen Besuch ab – und tötet dessen Vater. Fassungslos vor Zorn will Su sich rächen, doch Yuan beherrscht mittlerweile die tödliche Kampfkunst der 'Faust der fünf Gifte'. Schwer angeschlagen gelingt es ihm und Ying zu fliehen, während ihr gemeinsamer Sohn in der Hand von Yuan zurückbleibt. In den Bergen werden Su und Ying von der Heilerin Yu [Michelle Yeoh] gerettet und gesundgepflegt. Doch Su hat seinen Lebenswillen verloren und verfällt schließlich dem Wahnsinn. In seiner Fantasiewelt begegnet er jedoch bald dem 'Gott des Wushu' [Jay Chou]. Dieser fordert ihn immer wieder zu Kämpfen heraus. Sein Ehrgeiz wird wieder geweckt, und es beginnt ein jahrelanges Training, in welchem Su einen neuen, nie dagewesenen Kampfstil entwickelt …

Kritik:

Bettler Su – eine (zumindest in ihrer Heimat) populäre Figur des Hongkong-Kinos – war bereits vor TRUE LEGEND Protagonist verschiedener Martial-Arts-Streifen. Ihre Leinwand-Premiere erlebte die auch als Drunken Master bekannte Figur (damals von Yuen Siu-Tin verkörpert) im Jahre 1978 mit SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER, in welchem sie Jackie Chan als Volksheld Wong Fei-Hung das Drunken Boxing lehrte. Aufgrund des überragenden Erfolgs der launigen Kung-Fu-Komödie entstanden in den darauffolgenden Jahren massenhaft ähnliche Werke, welche den Kult um die Person immer weiter ausbauten. 
TRUE LEGEND erzählt, wie aus dem einst stolzen General Su Chan überhaupt erst der alte Alko-Zausel wurde und stellt somit strenggenommen die Vorgeschichte der früheren Produktionen dar. Waren diese jedoch meist eher komödiantisch angelegt und oftmals auch von einer unbedarften (und besonders für das westliche Publikum gewöhnungsbedürftigen) Infantilität geprägt, steht TRUE LEGEND ganz in neujahrtausendlicher Hongkong-Kino-Tradition, das, nach erfolgter Rückgabe der Metropole an China, zahlreiche prestigeträchtige, doch unterschwellig propagandistische Historien-Epen produzierte, die, meist auf stark idealisierende Art und Weise den Werdegang eines tatsächlichen oder behaupteten Nationalhelden erzählend, die vermeintliche Größe und Überlegenheit der sozialistischen Nation in den Köpfen des Publikums verankern sollten. IP MAN sei an dieser Stelle genannt, KONFUZIUS oder auch das sich so harmlos gebende Jackie Chan-Vehikel LITTLE BIG SOLDIER.
 
So zwiespältig der politische Hintergrund, so gekonnt jedoch auch das Handwerk der chinesischen Filmschaffenden. TRUE LEGEND wurde von Yuen Woo-Ping in Szene gesetzt – eine Rückkehr zu den Wurzeln quasi, wurde doch über 30 Jahre zuvor bereits Sus erster Auftritt in SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER von dem renommierten Regisseur verwirklicht. Weltweiten Ruhm erlangte Yuen (der dem Regiestuhl bis zu TRUE LEGEND 15 Jahre abtrünnig war) durch seine Choreographien zu internationalen Erfolgsproduktionen wie MATRIX, TIGER & DRAGON oder KILL BILL, die ihn zu einer der gefragtesten Adressen Hollywoods werden ließen. So verwundert es wenig, dass sich auch TRUE LEGEND in Sachen Martial Arts absolut kompetent gibt. Zwar wäre grundsätzlich etwas weniger Unterstützung durch Seil und Rechner wünschenswert gewesen, doch Zugeständnisse an die Neuzeit müssen halt gemacht werden.
 
Deutlich mehr Probleme hatte Yuen mit der Schauspielführung: Selbst bei dramatischsten Schicksalsschlägen wirken seine Darsteller irritierend unbeteiligt und ihre Versuche, Emotionen in passende Worte zu kleiden, lässt sie oftmals nur noch hilfloser erscheinen. Ohnehin sind die Dialoge eines der nächsten Defizite, glänzen sie doch häufig durch geradezu lachhafte Einfachheit („Weißt du, was du bist? Ein elender Mistkerl!“). Möglicherweise zumindest in Teilen der Übersetzung geschuldet, dürfte auch das Original weit entfernt von großer Dichtkunst sein. Als Hauptdarsteller sieht man Zhao Wen-Zhuo, welcher bereits ziemlich blass wirkte, als er einst im vierten Teil von ONCE UPON A TIME IN CHINA Jet Li in der Rolle des Wong Fei-Hung beerbte. Wirklich überzeugendes Spiel bleibt Zhao zwar erneut schuldig, doch reicht seine Darstellung völlig aus, um beim Publikum die nötige Sympathie zu erwecken. Der Part seines Widersachers ging an Andy On, welcher in Daniel Lees THREE KINGDOMS bereits historische Luft schnuppern durfte. In deutscher Fassung unglücklicherweise mit recht unpassender Synchronstimme gestraft, gleicht seine Schurkenrolle hier einer realitätsfernen Karikatur: Die Faust mit tödlichem Gift getränkt, die Haut mit undurchdringlicher Panzerung verbunden, gibt er als fleischgewordener Anime-Bösewicht dem Affen kräftig Zucker. Dabei hat er zwar nicht großartig viel mehr zu tun, als dauerböse aus der Wäsche zu gucken, doch das gelingt ihm durchaus überzeugend. Freunde des Hongkong-Kinos freuen sich über die Mitwirkung Michelle Yeohs [→ DER MORGEN STIRBT NIE], auch wenn ihre interessante Rolle im Grunde völlig verschenkt wurde. Ebenso klein wie fein geriet auch der Auftritt David Carradines, welcher einem nach KILL BILL erneut auf böser Seite begegnen darf.
 
Inhaltlich zerfällt TRUE LEGEND in zwei Teile (auch unterschiedlich benannte), was dazu führt, dass das eigentliche Thema, die Bettler-Werdung nämlich (einhergehend mit der eher zufällig entstehenden Kampftechnik der Trunkenen Faust), erstaunlich spät eingeführt wird. Auch dramaturgisch unterscheiden sich beide Hälften recht stark: Erzählt der Anfang noch eine tragische Familiengeschichte mit anschließender Reise eines vom Verlust gebeutelten Mannes in die mentale Katharsis, erscheint der zweite Teil als genreübliche Prügelarie, in welcher, patriotisch angehaucht erneut bewährte Feindbilder nutzend, einmal mehr böse W(r)estler als Zielscheibe herhalten müssen. Fantastisch umgesetzt wurde dabei der schleichende Wahnsinns Sus, seine Flucht in imaginäre Bilderwelten, sein Kampf mit dem Wushu-Gott (welcher eigentlich der Kampf um seinen eigenen Überlebenswillen ist), seine damit verbundene psychische Reinigung, gekleidet in surreale, alptraumhafte Bilder.

Doch auch abseits seiner optischen Reize erhebt sich TRUE LEGEND in manchen Momenten zu wahrer Größe: „Ich habe schon immer nur das bekommen, was du nicht haben wolltest“, kommentiert der eifersüchtige Yuan resigniert die Gefälligkeit seines Bruders, ihm Rang und Ruhm abzutreten. Als Yuan Jahre später, umrahmt von Getöse und Feierlichkeit, als strahlender Kriegsheld zu seiner Familie zurückkehrt, hoffen alle Beteiligten, sein Zorn habe sich verflüchtigt. Alles scheint in Ordnung. Doch dann fängt die Kamera für einen kurzen Moment Yuans geballte Faust ein. Ein paar Sekunden nur, doch sofort ist klar: Dieser Abend wird in einer Tragödie enden. Ähnlich effektiv geriet auch die nachfolgende Sequenz, in welcher sich Yuan und sein Adoptivvater im Kreise ihrer Angehörigen gegenseitig belauern: Oberflächlich vermeintliche Belanglosigkeiten austauschend, führen sie in Wahrheit ein unterschwelliges Hassgespräch, bei welchem einer von beiden schon längst weiß, dass er in wenigen Minuten sterben wird.

Es sind Momente wie diese, die man sich etwas häufiger gewünscht hätte. Doch auch, wenn zur ‚wahren Filmlegende‘ noch ein wenig Feinschliff fehlt, gefällt TRUE LEGEND durch Ernsthaftigkeit, Epik und optischen Eindruck. Der Trunkene Meister ist auch nüchtern einen Blick wert.

Laufzeit: 110 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 31. Mai 2013

DER GROSSE GATSBY


THE GREAT GATSBY
USA, Australien 2013

Regie:
Baz Luhrmann

Darsteller:
Leonardo DiCaprio,
Tobey Maguire,
Carey Mulligan,
Joel Edgerton,
Isla Fisher,
Jason Clarke,
Amitabh Bachchan,
Steve Bisley



„Gatsby glaubte an das grüne Licht.“


Inhalt:

New York, 20er Jahre: Börsenmakler Nick Carraway [Tobey Maguire] ist Opfer schwerer Depression und verbringt seine Tage unter ärztlicher Aufsicht in einem Sanatorium. Als er immer wieder den Namen „Gatsby“ erwähnt, wird sein Therapeut neugierig und beginnt, Nick über Gatsby auszufragen. Nun beginnt Nick zu erzählen, wie er als junger Mann nach Long Island zog und so zufälligerweise Nachbar des geheimnisvollen Millionärs Jay Gatsby wurde, den zwar niemand wirklich persönlich zu kennen scheint, über den jedoch abenteuerliche Geschichten kursieren. Jedes Wochenende veranstaltet er in seiner Luxusvilla rauschende Partys, zu denen alle eingeladen sind. Zwar kennt niemand den Grund für dieses Angebot, aber dennoch treffen sich regelmäßig alle Gesellschaftsschichten bei Gatsby, um ausgelassen und exzessiv zu feiern. Fasziniert von dieser für ihn fremden Welt, ist Nick schließlich einer der wenigen, die Gatsby persönlich kennenlernen dürfen. Viele Geheimnisse umgeben den jungen Mann, doch nach und nach erfährt Nick, dass Gatsby auf der Suche nach der Liebe seines Lebens ist, die er vor vielen Jahren verlassen musste, da sie aus reichem Hause und er selbst bettelarm war. Der Name dieser Frau ist Daisy Buchanan – Nicks Cousine.

Kritik:

DER GROSSE GATSBY, das ist Weltliteratur™ und gilt als solche als unverfilmbar™. Das hat ein paar Leute jedoch nicht davon abgehalten, es dennoch immer mal wieder zu tun. Der Australier Baz Luhrmann war somit bereits der Vierte im Bunde, der versuchte, Publikum und Presse von seiner Leinwand-Version der gesellschaftskritischen Prosa F. Scott Fitzgeralds zu überzeugen. Fast selbstverständlich, dass Luhrmann dabei einmal mehr seinem Steckenpferd frönte, auf das er seit seiner Version von ROMEO UND JULIA nicht mehr verzichten wollte. So geriet auch sein GATSBY zur visuellen Reizüberflutung, deren Bildgewalt in manchen Momenten selbst die große Leinwand zu sprengen scheint, zumal Luhrmann sich die Möglichkeiten der 3D-Technik zu Nutze machte, um eine größtmögliche Einbindung des Publikums zu gewährleisten. Dabei beginnt DER GROSSE GATSBY, in Verneigung vor dem klassischen Kino Hollywoods, sogar zunächst in schwarz-weiß, bevor sich die Leinwand, hat das Bild erst einmal Farbe bekommen, regelrecht zu öffnen scheint und den Betrachter Hals über Kopf hineinsaugt in die grellbunte, überschäumende Welt der wilden 20er Jahre.

Der Boden der Tatsachen wird dabei freilich verlassen. Luhrmann bietet keine dokumentarische Geschichtsstunde, die Anrecht auf Authentizität erheben dürfte. Luhrmann bietet einen haltlosen Sturz in eine märchenhaft überzogene, romantisch verklärte Imitation vergangener Zeiten, bis zum Exzess hochstilisiert und vorm Zuschauerauge schimmernd wie eine LSD-geschwängerte Seifenblase. Eine große Überraschung ist das nicht: Bereits Luhrmanns vorherige Regiearbeit AUSTRALIA, ein geradezu schwindelerregend schwülstiger Schmachtfetzen, huldigte dermaßen ungehemmt der szenischen Übertreibung, dass er fast wie seine eigene Parodie wirkte. Dennoch ist es bemerkenswert, könnte die Diskrepanz zur vorhergehenden Kinoverfilmung (1974 von Regisseur Jack Clayton verwirklicht) doch größer kaum sein. Wo Clayton die Ereignisse eher spröde und zurückhaltend inszenierte, um sie erst im Finale zu verdichten (und das durchaus wirkungsvoll), geht Luhrmann den umgekehrten Weg: Seine Version verschießt sein (allerdings fast ausschließlich visuelles) Pulver bereits in der ersten Hälfte, bevor er sich auffällig zurücknimmt, um sich dann erst dem Innenleben seiner Figuren zu widmen.

Das allerdings hat schon bei Luhrmanns MOULIN ROUGE nicht wirklich gut funktioniert und funktioniert auch hier nicht so richtig: Die Liebe zwischen Jay Gatsby und Daisy Buchanan bleibt reine Behauptung, wirkt zu keinem Zeitpunkt wahrhaftig oder gar tangierend, im schlimmsten Falle sogar eher verärgernd. Wenn die opulente Pracht der Bilder plötzlich seichten Slapstick-Nummern weichen muss, in welchen sich das turtelnde Liebespaar vor Verlegenheit gegenseitig zum Kasper macht, dann hat das doch arge Ähnlichkeit mit einer kalten Dusche. Dass DER GROSSE GATBY dennoch bis zum Schluss zu fesseln vermag, liegt, neben der ungebrochen optischen Attraktivität, vor allem an seiner psychologischen Komponente, die mit der visuellen Wucht Hand in Hand geht: Wirkt die ausschweifende Welt des Lasters mit all seinen Reizen und seiner lockeren Moral zunächst wie ein nie enden wollender, die Sinne benebelnder Traum, offenbart sich, ist die Party erst vorbei, unter der glänzenden Oberfläche eine erschreckende Leere, während ihre vergnügungssüchtigen Protagonisten an ihrer Einsamkeit langsam, aber sicher zu Grunde gehen.

Als Identifikationsfigur für das Publikum dient dabei der von Tobey Maguire gespielte Börsenmakler Nick Carraway, der im Rahmen einer ärztlichen Therapie die Geschichte erzählt und die Ereignisse zusammenhält. Ebenso wie der Betrachter stolpert auch er überwältigt vom Pomp und Getöse mit großen Augen durch diese für ihn neue Welt und erliegt der Faszination um die Identität Gatsbys, der auch für ihn lange Zeit ein Rätsel bleibt. Für die Rolle des jungen, ebenso charmanten wie geheimnisvollen Millionärs Gatsby drängte sich Leonardo DiCaprio freilich geradezu auf – da schadet es nicht mal großartig, dass der vielbeschäftigte Mime hier ein wenig auf Autopilot zu funktionieren scheint. Er ist, genauso wie seinerzeit Robert Redford, die Idealbesetzung und erweckt die Figur glaubwürdig zum Leben. Das Objekt seiner Begierde verkörpert Cary Mulligan, die jedoch von Regie und Drehbuch arg im Stich gelassen wird. „Das beste, was einer Frau in dieser Welt sein kann, ist ein hübsches, kleines Dummchen“, sagt sie als Daisy Buchanan in einer Szene und liefert dabei eine verblüffend genaue Beschreibung ihrer Rolle. Warum gerade sie zur großen Liebe Gatsbys wurde, ist wenig nachvollziehbar, unterscheidet sie sich doch kaum von den restlichen Püppchen, die sie umgeben. Dass sich der Rest der Belegschaft gefährlich nah am Rand der Karikatur bewegt, ist angesichts der generellen Wirklichkeitsferne von DER GROSSE GATSBY gar nicht mal so tragisch. Fatal wird es hingegen, wenn eben diese Figuren Gefühle beim Publikum auslösen sollen. Vor allem gilt das für Jays Kontrahenten Tom Buchanan, von Joel Edgerton auf fast schon absurd überspannte Weise als rassistischer Drecksack verkörpert und moralisch dermaßen verkommen, dass Daisys Liebesbekenntnis ihm gegenüber kaum nachvollziehbar erscheint.

Macht nichts! DER GROSSE GATSBY berührt auf andere Weise: Bis zum Bersten gefüllt mit symbolträchtigen Bildern, entführt er sein Publikum in eine alternative Historie und erschafft ein faszinierendes Kaleidoskop, in welchem Bild und Sound eine atemberaubend perfekte Symbiose eingehen. Selbst die 3D-Technik wirkt hier nicht prahlerisch und auf simple Attraktion schielend eingesetzt, sondern ist gewissermaßen Teil der Handlung: Gatsby lebt in einer anderen Dimension, einem fremden Universum, dessen überbordenden optischen Reize quasi zum Leben erwachen. Dass die 20er Jahre dieser Welt nicht nur mit klassischen Klängen, sondern auch mit moderner Popkultur beschallt werden, kann dabei durchaus als Kommentar verstanden werden: Die Zeit des oberflächlichen Rausches ist noch lang nicht vorbei. 

Laufzeit: 142 Min. / Freigabe: ab 12

Mittwoch, 22. Mai 2013

ANGEL IN THE NIGHT - EINE FRAU SIEHT ROT


EL PLACER DE LA VENGANZA
Mexiko 1988

Regie:
Hernando Name

Darsteller:
Susana Dosamantes,
Hugo Stiglitz,
Eleazar Garcia Jr.,
Andres Garcia Jr.,
Pedro Armendáriz Jr.,
Jorge Alejandro,
Raúl Araiza,
Carlos East Jr.



Panik! Amok! Horrorshow! Bereits der deutsche Titel lässt die Alarmglocken schellen und knallt einem schon vor dem Lesen jeder Inhaltsangabe vor den Latz, womit man es hier zu tun hat. Und natürlich ist EINE FRAU KENNT KEINE GNADE tatsächlich nichts anderes, als eine erneute (wenn auch reichlich späte) Variation des allseits bekannten Rachethemas, das 1974 von Charles Bronson etabliert und in den folgenden Jahren immer wieder gern neu aufgekocht wurde. Dem Publikum gefällt das in der Regel. Da Rache in der Realität verboten ist, müssen halt die Leinwandhelden ran, um das lichtscheue Gesindel vorschriftsmäßig unter die Erde zu bringen.

Hier nun also EIN MANN SIEHT ROT, die hundertste. Nur halt auf frauisch. Und mexikanisch. Und da schellen die besagten Glocken dann gleich das zweite Mal, ist Mexiko doch nun nicht gerade für seine cineastischen Meisterleistungen berühmt, sondern eher für seine billigen Kopien erfolgreicher Vorlagen. Tatsächlich bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen: Dass EINE FRAU KENNT KEINE GNADE Innovationen ebenso vermissen lässt wie handwerkliches Geschick, ist dabei schon fast eine Selbstverständlichkeit und für Freunde des gepflegten B-Films auch nicht wirklich ein Problem. Doch unabhängig davon dürfte kaum jemand ausreichend gewappnet sein für die volle Breitseite allerschlimmster 80er-Jahre-Verbrechen, die einem hier vollkommen schamlos um die arglosen Augen und Ohren geballert wird. So ergießt sich (selbstverständlich untermalt von unerträglich billigem Synthesizer-Georgel in Dauerschleife) eine wahre Wagenladung von Gesichtselfmetern, Modesünden und Frisurdelikten über den Zuschauer, welche noch um einiges brutaler ist als die von reichlich unecht aussehendem Kunstblut getränkte Meuchelarie der Titelfigur.

Inhalt:

Familie Ruiz (Papa, Mama und zwei Bälger) macht Urlaub und plantscht ausgelassen am Pool herum. „Nachher gehen wir alle schwimmen“, so spricht der Papi. „Aber du kannst doch gar nicht schwimmen“, erwidert der Sprössling. „Und warum nicht?“, will der so Diffamierte erstaunt wissen. „Weil du ein Gips an deinem Bein hast“, lautet die Antwort, und die ganze Bagage kommt fast um vor Lachen. Der Grund für diesen Heiterkeitsausbruch bleibt freilich im Dunklen, denn der Bub spricht die Wahrheit: Papa Ruiz trägt tatsächlich ein Gipsbein (das für die Story übrigens völlig ohne Belang ist – vermutlich ist der Darsteller am Vortag beim Lesen des Drehbuchs einfach vor Schreck aus dem Fenster gefallen, und man hatte keine Zeit mehr, einen geeigneten Ersatz zu suchen).

Aber auch der schönste Urlaub geht einmal vorbei. Auf der Heimreise jedoch kommen die Ruizens auf die folgenschwere Idee, einen kleinen Umweg durch den Wald zu machen, um Papis Bruder zu besuchen. Doch im Wald, das weiß eigentlich jedes Kind, da sind die Räuber: Eine Bande ausnehmend hässlicher Hackfressen lauert im Gesträuch, um einen Geldtransporter zu erleichtern (Geldtransporte durch den Wald? In Mexiko wohl Standard). „Das gefällt mir gar nicht“, bemerkt dessen Fahrer dann auch sehr richtig. „Man schickt uns immer auf so einsame Strecken. Das macht mir Angst.“ „Es gibt keinen Grund, Angst zu haben“, erwidert sein Kumpan wacker. „Ich freue mich schon auf ein kühles Bier, wenn wir ankommen“. Ungeachtet der befremdlichen Tatsache, dass der Beifahrer dazu eine Geste macht, als würde er Brot schneiden, weiß der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt schon längst: Der gute Mann irrt sich und das Bier fällt heute Abend aus.

Quasi im Handumdrehen ist der Transporter gekapert, den Wachmännern wird kaltblütig das Licht ausgepustet. Besonders Bandenchef Julius [Eleazar Garcia Jr.] (der mit einer überdimensionalen Rotzbremse aussieht, als hätte er nach dem Überfall noch vor, den Saddam-Hussein-Ähnlichkeits-Wettbewerb zu gewinnen) ist ein brutaler Knecht, dem Menschenleben nichts bedeuten. Das müssen auch die Ruizens erfahren, die just in diesem unliebsamen Moment mit ihrer Familienkutsche ums Eck geschaukelt kommen. Zeugen sind eher schlecht fürs Geschäft, findet Julius, und eröffnet kurzerhand das Feuer. Die ganze Familie Ruiz verendet im Kugelhagel. Wirklich die ganze? Moment! Mama Ruiz hat das Inferno überlebt und sich einfach nur totgestellt - nicht ohne sich das Gesicht eines der Gangster genau einzuprägen. 

Cristina [Susana Dosamantes], so der Name der Überlebenden, wird ins Krankenhaus gebracht, nachdem dem falluntersuchenden Polizisten nach einer halben Ewigkeit auffällt, dass sie doch noch nicht ins Gras gebissen hat. Dort erfährt man nun, dass sie ebenfalls Ärztin ist: „Frau Doktor Ruiz, Sie sind über'n Berg. Sie werden noch einige Zeit brauchen, aber Sie sind ja selbst Ärztin.“ - „Und mein Mann? Und meine Kinder?“ - „Das Leben muss weitergehen, vergessen Sie das nicht!“

Diesen sehr weisen Rat befolgend, verbringt Cristina das Jahr ihrer Genesung bei ihrer Schwester in den USA, um daraufhin wieder in der Heimat als Psychologin zu arbeiten. Ihr Trauma scheint sie verblüffend schnell verarbeitet zu haben. Aber das Leben (und vor allem ein Drehbuch) steckt voller Überraschungen: Eines Tages legt sich der 19jährige Omar [Andres Garcia Jr.] auf ihre Couch, um die Schatten seiner Vergangenheit abzuschütteln. Als Cristina ihn erkennt, stockt ihr der Atem: Er war Mitglied der Bande, die ihre Familie getötet hat. 

Als sie bemerkt, dass er sie nicht erkennt, benutzt sie sein Vertrauen, um ihn über seine Kumpanen und deren Verbleib auszufragen. Kaum hat Cristina die nötigen Informationen, fackelt sie auch nicht lang: Mit einem Schraubenzieher bewaffnet und unter einer ausnehmend scheußlichen Perücke versteckt, lockt sie den ersten Täter (ein ganz böser Junge inklusive „Garfield“-Shirt) in einen Kinosaal, um ihn dort fachgerecht um die Ecke zu bringen. 

Auftritt Kommissar Gallardo [Pedro Armendariz], ein echtes Musterbeispiel fachlich kompetenter Polizeiarbeit. Als er erfährt, dass der Täter eine blonde Perücke trug, ist für ihn der Fall schon so gut wie gelöst: „Dann werden wir eine Razzia bei den Prostituierten machen. Transvestiten, Homosexuelle... Wir kämmen die ganze Gegend durch.“ Eine brillante Taktik, die jedoch nicht aufgeht: Cristina mordet weiter, die gute alte erst Verführungs-, dann Abstechungsmasche verfehlt ihr Ziel nie. Trotz aller Rückschläge will Kommissar Gallardo nicht von seiner Theorie abweichen: „Trotzdem glaube ich, dass es einer aus der Homosexuellenszene war. Du siehst ja, wie leidenschaftlich die sind! Wir müssen uns alle diese Schwulentreffs vornehmen! Wie heißt dieser Laden nochmal? Dieser, dieser... Argos! Ich habe mich erkundigt, da läuft Einiges!“ 

Und während sich der Kommissar immer noch auf Homo-Jagd befindet, dämmert es den verbliebenen Bandenmitgliedern inzwischen, dass Frau Ruiz das damalige Massaker doch überlebt haben könnte. „Ich bin mir fast sicher, dass diese Hure noch lebt“, verkündet Julius. „Wie kriegen wir raus, wer und wo sie ist?“ lautet eine berechtigte Frage. „Genauso, wie wir es früher gemacht haben: Durch die Zeitung!“

Früher? Wann? Egal, der Plan ist gut, finden alle. Dass nun ausgerechnet Jammerlappen Omar ins Zeitungsarchiv abkommandiert wird, sorgt für einen der grandiosesten Momente des gesamten Films, als er sich gegenüber dem Reporter [Hugo Stiglitz] eine geradezu fantastische Begründung für sein Interesse einfallen lässt: „Ich interessiere mich für die wichtigsten Verbrechen des letzten Jahres.“ - „Wofür brauchen Sie das?“ - „Ich bin... äääh.. Ich bin Lehrer an einer Schule und ich muss ein Referat über Mordfälle und Verbrechen halten“.

In Mexiko führen also nicht nur Geldtransporte durch die Botanik, sondern in den dortigen Schulen werden die Referate anstatt von den Schülern auch von Lehrern gehalten. Man lernt nie aus! Durch diesen schlauen Trick findet Omar schließlich heraus, dass seine Seelenklempnerin mit dem nächtlichen Racheengel identisch ist. Eine sehr brauchbare Information zwar, doch nützt sie der Bande nicht viel: Jeder Versuch, Cristina auszuschalten, schlägt fehl. Diese ist nun vollständig zum Aushilfs-Rambo mutiert und macht richtig den Otto los.

Kritik:

Es hat keinen Zweck, es zu leugnen: Die Optik EINE FRAU KENNT KEINE GNADEs ist äußerst unattraktiv und die Umsetzung der Ereignisse überaus plump geraten. Doch der Einfall, einen der Täter sich unwissentlich in die Hand seines Opfers begeben zu lassen, ist so unoriginell gar nicht mal und hätte durchaus als brauchbarer Aufhänger eines interessanten Konflikts dienen können. Bedauerlicherweise jedoch wird die Idee eigentlich kaum genutzt und verläuft schon nach recht kurzer Zeit wieder im Sande. Stattdessen folgt eine gewohnt formelhafte Abhandlung der Geschehnisse, die jedoch – so viel muss man zugeben – über weite Strecken durchaus zu unterhalten weiß. Mal abgesehen von einem unnötigen Nebenplot, in welchem sich die Bande untereinander zerstreitet (was aber ein paar Minuten später kein Thema mehr ist), geriet die Erzählung angenehm geradlinig und sorgt trotz ihrer Banalität für ein gewisses Maß an Kurzweil. Cristinas Racheaktion hingegen wirkt nicht wirklich zufriedenstellend, zumal sie die Bösewichte einfach absticht, ohne ihnen vorher zu offenbaren, mit wem sie es eigentlich zu tun haben und warum sie jetzt eigentlich gerade getötet werden (was die ganze Rache eigentlich sinnlos macht).

Die Darsteller gehen gerade noch als brauchbar durch (was ebenso für ihre deutsche Synchronisation gilt): Susana Dosamantes in der Hauptrolle gibt sich Mühe, wirkt aber in keiner Sekunde wirklich wie eine Frau, die vor kurzem Mann und Kinder verloren hat. Auch ihr Hass gegenüber den Tätern bleibt bloße Behauptung, spüren tut der Zuschauer nichts davon. Davon abgesehen ist es auch für den Zuschauer nicht einfach, diese lächerlich überzeichnete Ansammlung schauderhafter Bratwurstfressen ernstzunehmen, die weniger wie Gangster wirken, sondern eher wie wandelnde Parodien auf solche. Zwar wird Anführer Julius als hassenswertes Dreckschwein angelegt, doch wenn er seinen monströsen Schenkelbesen nebst Vokuhila ins Bild schiebt, empfindet man als Zuseher eher Heiterkeit als Hass. Fast schon tragisch wirkt die Rolle Andres Garcia Jr.s, der als Jammerlappen Omar in seiner unbeholfenen Art tatsächlich Sympathien beim Publikum ernten kann: Wenn er, von den Gewalttaten seines Anführers traumatisiert, plärrend und bebend auf Cristinas Couch liegt oder sich grandiosen Unsinn zusammenstotternd allen Ernstes als Grundschullehrer ausgibt, um Akteneinsicht zu erlangen, dann möchte man den armen Burschen direkt in den Arm nehmen, und ihm zum Trost ein Eis spendieren.

Der Gewaltpegel EINE FRAU KENNT KEINE GNADEs ist zwar recht hoch, selbst die erschossenen Kinder werden ins unschöne Bild gerückt (was sich nur wenige Filmemacher wirklich trauen), doch vor allem das deutlich als solches zu identifizierende Kunstblut entlarvt das Gesehene sofort als Inszenierung, so dass auch die Nachtruhe etwas zarter Besaiteter nicht wirklich in Gefahr sein dürfte (Albträume aufgrund der gebotenen Visagen und Frisuren sind tatsächlich weitaus wahrscheinlicher). Insgesamt ist EL PLACER DE LA VENGANZA (=“Die Lust an der Rache“, so kennt man die Nummer in ihrer Heimat) zwar nicht ganz so schlimm, wie man hätte vermuten können und bietet im Prinzip ganz passable Unterhaltung. Doch die schäbige Optik, die banalen Dialoge, die plump inszenierte Action und nicht zuletzt die grässliche Musik machen EINE FRAU KENNT KEINE GNADE nicht selten zur Zerreißprobe und verlangen dem Zuschauer schon einiges ab. Unverbesserliche Trashjunkies, die wirklich jedes 80er-Jahre-Videofutter konsumieren müssen, seien daher gewarnt: Dieser Film kennt keine Gnade!

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ungeprüft

Donnerstag, 16. Mai 2013

LIEBESGRÜSSE AUS FERNOST


WONDER WOMEN
Philippinen, USA 1973

Regie:
Robert Vincent O'Neill

Darsteller:
Ross Hagen,
Nancy Kwan,
Vic Diaz,
Joonee Gamboa,
Sid Haig,
Maria de Aragon,
Roberta Collins,
Tony Lorea



Für Freunde anspruchsloser Action-Unterhaltung ist es längst kein Geheimnis mehr: Hat man es mit einer Gemeinschaftsproduktion der USA mit den Philippinen zu tun, steigt die Wahrscheinlichkeit, einen echten B-Kracher vor sich zu haben, exponentiell in die Höhe. In den 70er Jahren wurde das südostasiatische Inselarchipel von amerikanischen Billigfilmern geradezu überrannt, die dort, für schmales Geld und einen Koffer voller Pyrotechnik, ein fetziges Gute-Laune-Vehikel nach dem nächsten fabrizierten. Die Voraussetzungen waren denkbar günstig, boten die Philippinen doch nicht nur eine traumhaft schöne Kulisse und enorm billige Arbeitskräfte, sondern dazu auch Behörden, die ein Wort wie „Sicherheitsbestimmungen bei Medienproduktionen“ noch nicht mal im Ansatz buchstabieren konnten. So entstanden – völlig losgelöst von den starren Konventionen der hollywood'schen Traumfabrik – von halsbrecherischen Stunts durchzogene, inhaltlich zum Teil hoch abstruse Nonsens-Spektakel, denen keine Story zu dünn und keine Idee zu unsinnig erschien. Auch in Sachen Nacktheit und Brutalität nicht geizend, bereitete man dem geneigten Bahnhofskinogänger auf diese Weise etliche höchst vergnügliche Stunden, in welchen spontane Begeisterungsausbrüche nicht unbedingt auszuschließen waren.

Wer diese Worte nicht versteht oder gar glauben kann, dem sei LIEBESGRÜSSE AUS FERNOST ans zweifelnde Herz gelegt. Der schwindelerregend haarsträubende Agenten-Science-Fiction-Action-Cocktail ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, mit welch hemmungsloser Verrücktheit die Macher zur Not von Leder zogen, um ihr Publikum bei Laune zu halten.

Inhalt:

In Südostasien verschwinden seit einiger Zeit immer wieder berühmte Spitzensportler spurlos. Eine britische Versicherungsgesellschaft vermutet einen großangelegten Betrug hinter der Sache und schickt ihren Agenten Mike Harper auf den Inselstaat, um den Fall zu untersuchen. Dieser tappt zunächst im Dunkeln, doch ein Hinweis des zwielichtigen Informanten Won-Ton Charlie [Joonee Gamboa] (von Harper in bemerkenswerter Konsequenz „Wonne-Tonne“ genannt) schickt ihn schließlich auf die Spur der attraktiven Linda [Maria de Aragon]. Diese, so findet er bald heraus, arbeitet für die verbrecherische Chinesin Dr. Tsu [Nancy Kwan], die ihre ganz eigenen Moralvorstellungen hegt.

Kritik:

Bauklötze staunend und von massiven Heiterkeitsanfällen durchgeschüttelt, begleitet man als Zuschauer fassungslos die Reise des Hauptprotagonisten (von Ross Hagen zweckdienlich als Charmeur im bewährten James-Bond-Stil angelegt) und wird ent- und begeisterter Zeuge der erquickenden Vielzahl an Merkwürdigkeiten, die dabei seinen Weg kreuzen: Eine verrückte Chinesin, die in einem geheimen Labor verbotene Experimente durchführt, eine Horde nymphomaner Killer-Ladys, die mit MP und Minirock zum Angriff bläst, eine Maschine, die Sex-Strahlen aussendet, und zombieähnliche Mutanten (u. a. ein Maximalpigmentierter mit Blaulicht auf der Birne), die menschenmeuchelnd durch die Landschaft taumeln.

Bar jeder Plausibilität und Realitätshaftung präsentiert sich LIEBESGRÜSSE AUS FERNOST als anarchistische Achterbahnfahrt ausgemachter Albernheiten, die jedweden Anflug von Logik bereits im Ansatz mühelos erstickt: Da wird der Held von allen Seiten gleichzeitig unter Feuer genommen, ohne auch nur einen Kratzer davonzutragen. Eine Ladung aus des Helden Rohr hingegen entfacht halbe Infernos, lässt Fahrzeuge zerbersten, deren Insassen in Flammen aufgehen und hinterlässt gerade mal noch verbrannte Erde. Und sollte die Action doch mal pausieren in diesem wüsten Konglomerat aus Knalleffekten, Keilerei und Kesseljagden, so beginnt die weibliche Belegschaft in der Regel damit, ihre nackte Haut in die Kamera zu halten (was auch dramaturgisch nun nicht unbedingt zwingend notwendige Striptease-Nummern mit einschließt). Die Einblicke können sich dabei durchaus sehen lassen, die Damenriege - vom Klischee-Blondchen zum afrofrisierten Pam-Greer-Verschnitt - wurde sehr vorausschauend und mit Bedacht auf eine gewisse Qualität gecastet.

Ist der Unterhaltungsfaktor bis hierhin ohnehin bereits von kaum zu überbietendem Kaliber, verpasste man WONDER WOMEN (Originaltitel) zu guter Letzt noch eine deutsche Synchronfassung, bei welcher sich die Spucke noch mal zusätzlich verabschiedet: Rainer Brandt, damals die erste Adresse für Schnodderdeutsch im Kneipenjargon, steuerte dem Geschehen eine unfassbar politisch unkorrekte Tonspur bei, die einem die Sprüche quasi im Sekundentakt um die Ohren schlägt. Das geht von einfach nur blöden Dialogen („Sind Sie Amerikaner?“ - „Eigentlich bin ich Schwabe, aber sagen Sie’s nicht weiter!“) über sexistische („Ich bin ein anständiges Mädchen.“ - „Du kannst doch ‚anständig‘ nicht mal buchstabieren, du altes Ferkel!“) bis hin zu rassistischen („Sieh dir das an, mein gelblicher Freund!“) und passt zu dem schamlosen Leinwand-Treiben wie der berühmte Arsch auf den noch berühmteren Eimer.

Ross Hagen [→ DIE INSEL DER RIESEN-DINOSAURIER] in der Hauptrolle macht seine Sache gut, stiefelt als charmanter Sunnyboy mit amüsiertem Grinsen durch das banale Szenario und genießt die Hahn-im-Korb-Situation. Ihm zur Seite steht Vic Diaz, der als schlitzohriger Taxifahrer das komplette Gegenteil seiner Rolle als schmieriger Zuhälter aus dem im selben Jahr entstandenen FRAUEN IN KETTEN verkörpert. Nancy Kwan [→ DRAGON – DIE BRUCE-LEE-STORY] ist ebenfalls gut besetzt, agiert und wirkt als Dr. Tsu genauso, wie man sich eine verbrecherische Chinesin vorstellt. Fast schon obligatorisch für einen Beitrag dieser Art ist das Mitwirken von B-Film-Ikone Sid Haig [→ COFFY], der seine Hackfresse auch hier mal wieder mit hämischem Dauergrinsen in die Kamera halten darf.

Handwerklich gibt es nichts zu mäkeln, die Ereignisse wurden zwar kostensparend, doch solide umgesetzt: Die Optik stimmt, die Action geriet rasant, und die Stuntmen schoben Überstunden. Ein paar schöne Zeitlupenaufnahmen gibt’s gratis dazu und für den Rest sorgt die attraktive Kulisse. Lediglich über die Kampfchoreographie hätte man nochmal jemanden drüberschauen lassen sollen, der sich mit so etwas auskennt, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. LIEBESGRÜSSE AUS FERNOST ist eine Perle des Bahnhofskinos, die auch auf AUSTIN POWERS ungemein inspirierend gewirkt haben dürfte. Zwischen Exploitation und eigener Parodie entspinnt sich eine grandiose Unterhaltungsbombe, deren deutsche Fassung noch mal zusätzlich Zunder gibt. Fazit: Ein ausgemachtes Freudenfest für jeden trashaffinen Freund des abseitigen Leinwandspektakels. Und alle so: Yeaahh!!

Laufzeit: 73 Min. / Freigabe: ab 18