Eigene Forschungen

Samstag, 14. Dezember 2013

DER HOBBIT - SMAUGS EINÖDE


THE HOBBIT – THE DESOLATION OF SMAUG
USA/Neuseeland 2013

Regie:
Peter Jackson

Darsteller:
Martin Freeman,
Ian McKellen,
Evangeline Lilly,
Orlando Bloom,
Cate Blanchett,
Hugo Weaving,
Richard Armitage,
Luke Evans



„Ich bin Feuer. Ich bin Tod.“ 


Inhalt:

Der Hobbit Bilbo Beutlin, die Zwerge unter der Führung Thorin Eichenschilds und der Zauberer Gandalf befinden sich immer noch auf dem Weg zum Einsamen Berg, um das einstige Zwergenreich Erebor vom Drachen Smaug zurückzuerobern. Bilbo erfährt bald, worin dabei seine Aufgabe besteht: Er soll dem gefährlichen Untier den Arkenstein stehlen, einen Edelstein, dessen Besitz Thorin dazu legitimieren würde, die Zwergenvölker zu vereinen. Der Weg der Gemeinschaft wird nicht nur durch immer wieder angreifende Orkherden erschwert, sondern führt auch durch unwirtschaftliche Gegenden wie den Düsterwald, welcher von blutdürstenden Riesenspinnen bewohnt wird. Während Bilbo und die Zwerge sich ihrer Haut erwehren müssen, trennt sich Gandalf aufgrund eines Versprechens von der Gruppe und bahnt sich seinen Weg zur Festung Dol Guldur, um dort eine immer stärker werdende dunkle Macht zu bannen. Dort begegnet er dem bösen Sauron, welcher ihn zu seinem Gefangenen macht. Bilbo und seine Gefährten können inzwischen zwar, nicht zuletzt durch die magische Kraft des von Gollum entwendeten Rings, ihre Haut vor den Spinnen retten, geraten aber in die Hand der Elben, die den Zwergen nicht wohlgesonnen sind. Nach erfolgter Flucht aus den elbischen Verliesen und einigen weiteren mal mehr, mal wenigen gefährlicheren Begegnungen und Ereignissen, ist es schließlich der Hobbit Bilbo, welcher allein und Aug in Aug dem Drachen Smaug gegenüber steht.

Kritik:

SMAUGS EINÖDE setzt EINE UNERWARTETE REISE fort und bildet somit das Mittelstück der Fantasy-Trilogie um die Abenteuer des Hobbits Bilbo Beutlin, der sich mit einer Schar von Zwergen und dem Zauberer Gandalf auf eine gefährliche Reise ungewissen Ausgangs begibt. Die berühmte Buchvorlage, von John Ronald Reuel Tolkien in den 30er Jahren verfasst, musste sich für eine solch monumentale Abhandlung freilich erneut auf die Streckbank legen lassen, galt es doch auch hier, das inhaltlich eher überschaubare Werk auf eine ausreichend epochale Länge zu zerren. Der Grund dafür war natürlich, den HOBBIT als Korrelat zum vorhergehenden Dreiteiler DER HERR DER RINGE ins Rennen schicken zu können, welcher als kraftstrotzendes Fantasy-Geschoss für ein überwiegend begeistertes Publikum sorgen und sich seinen Platz im Kinoolymp sichern konnte. Doch während man dort, gemäß Vorlage, tatsächlich eine Fülle an Handlungssträngen und Figuren zur Verfügung hatte, rackerten sich Regisseur Peter Jackson und sein Autorenteam hier hingegen tüchtig ab, um aus dem Vorhandenen das Maximum an erzählerischer Essenz herauszuquetschen.

So entfacht SMAUGS EINÖDE an so ziemlich jeder im Buch erwähnten Station ein größtmögliches Actiongewitter oder verfällt alternativ in ausladende visuelle Schwelgereien. Das besitzt zugegebenermaßen nicht immer wirklich inhaltliches Gewicht, geriet letztendlich aber dennoch zu einer runden Sache. Die ausgewogene Mischung aus brachialer Kinetik und besinnlichem, zur Not auch ausgewalztem Dialog inmitten einer perfekt zum Leben erweckten Fantasiewelt, die so glaubwürdig wirkt, als existierten all diese magischen Orte, der bedrohliche Düsterwald, die marode Seestadt, die finstere Ruinenfestung, tatsächlich, funktioniert hervorragend und sorgt für notwendige dramaturgische Dichte. Lediglich die sich anbahnenden Gefühle zwischen dem Zwerg Kili [Aidan Turner] und der (hinzuerfundenen) Elbin Tauriel [Evangeline Lilly] wirken wenig überzeugend eingebracht und mehr wie ein Mittel zum Zweck, aber daran soll es nicht scheitern (zumal derlei Anspielungen auch eher unaufdringlich eingeflochten wurden).

Die eigentlich simple Idee, SMAUGS EINÖDE mit einer Szene beginnen zu lassen, welche ein Jahr vor den Ereignissen von EINE UNERWARTETE REISE ansetzt, erweist sich als geschickter Schachzug, wird doch auf diese Weise eine bestmögliche Verknüpfung der Ereignisse hergestellt und eine gelungene Brücke zum Vorgänger geschlagen. So erlebt man eingangs, wie Zwergenkönig Thorin Eichenschild [Richard Armitage], auf der Suche nach seinem verschollenen Vater, in einem Gasthaus die Bekanntschaft des Zauberers Gandalf [Ian McKellen] macht und beide erste Pläne schmieden, das Zwergenreich Erebor wieder zurückzuerobern – wobei der Zauberer auch ein nicht ganz uneigennütziges Interesse am Tode des Drachens Smaug hegt. Nach dieser achronistischen Einleitung, welche nicht nur den Rahmen für eine zeitliche Orientierung innerhalb der Ereignisse schafft, sondern zudem auch der Vertiefung der Beweggründe für Handlungen und Motive der Figuren dient, setzt die Fortsetzung nahtlos an den Vorläufer an und liefert ein prall geschnürtes Paket aus Action und Abenteuer mit deutlich angezogenem Erzähltempo: Lies man sich bei der UNERWARTETEn REISE noch ausreichend Zeit, bis das eigentliche Abenteuer überhaupt erst begann, so ist man hier innerhalb weniger Minuten mittendrin im Ereignisstrudel. Der Humorpegel wurde dabei ebenso zurückgefahren, wie der Härtegrad gesteigert wurde (vor der Idee, pro abgeschlagenem Orkkopf einen Kurzen zu sich zu nehmen, wird ausdrücklich gewarnt).

Als erstes Glanzlicht kristallisieren sich schnell die Erlebnisse Bilbos und der Zwerge im Düsterwald heraus: Dank angenehm-morbider Waldatmosphäre, schaurig-schöner Bilder (welche besonders in der dreidimensionalen Variante zur Geltung kommen) und tadellosem Gespür für funktionierende Grusel- und Spannungsmomente wird der trickreiche Kampf gegen eine Brut garstiger Riesenspinnen zu einem inszenatorischen Bravourstück, das noch nachhaltig beeindrucken kann. Als erwarteter Höhepunkt und mit fiesem Cliffhanger versehener Rausschmeißer fungiert hingegen Bilbos finale Begegnung mit dem hinterlistigen Drachen Smaug, der mit seinem kleinen Kontrahenten zu spielen versteht wie die Katze mit der Maus. Ebenso wie Gollum in den Vorgängern wurde auch Smaug mithilfe des Motion Capture-Verfahrens zum Leben erweckt, was bedeutet, dass sich hinter den animierten Gesichtszügen Mimik und Gestik eines echten Schauspielers (in diesem Fall Benedict Cumberbatch) verbergen. Auf diese Weise wird die am Rechner erschaffene Figur zu einer waschechten Persönlichkeit, die erstaunlich realistisch agiert.

Das geistige Kräftemessen zwischen dem mächtigen Drachen und dem kleinen Hobbit geriet auch deswegen zum Highlight, weil Martin Freeman hier endlich seine Schauspielkunst wieder angemessen ausspielen darf. Stand sein Bilbo im ersten Teil noch eindeutig im Fokus, verkommt er bei der Fortsetzung nämlich eher zur Randfigur. SMAUGS EINÖDE konzentriert sich insgesamt mehr auf den schwelenden Konflikt zwischen Zwergen und Elben. Diesbezüglich ist es auch wenig überraschend, dass man die Möglichkeit, die Figur des Elben Legolas zurückzuholen, nicht ungenutzt ließ. Bei der Verwendung des beliebten, von Orlando Bloom verkörperten, DER HERR DER RINGE-Charakters schoss man bisweilen allerdings ein wenig über das Ziel hinaus: Der ursprünglich würdevoll gezeichnete Charakter mutiert hier zur nimmermüden Kampfsau, die, gemeinsam mit Kumpanin Tauriel, komplette Ork-Armeen quasi im Alleingang ausradiert. Fast gerät es dabei zum 'Running Gag', dass, kaum, dass Unschuldige von den bösen Orks bedroht werden, urplötzlich Legolas nebst Begleitung hinter der Tür steht, um die Angreifer pflichtschuldigst und mit bluttriefendem Ergebnis niederzumähen. Bei dem realitätsfernen Herumgespringe und Abgeschlachte fehlt eigentlich nur noch die Einblendung der mit Bimmelgeräusch unterlegten Punktevergabe, um sich vollends wie in einem Computerspiel zu fühlen.

Solche eigentlich unnötige Übertreibungen trüben ein wenig das Gesamtbild, zudem kann die volle Breitseite ausufernder Actionsequenzen und großer Panoramen auch nicht vollkommen übertünchen, dass hier mit vollen Bombast-Kanonen auf inhaltliche Spatzen geschossen wird: Die Substanz der Handlung bleibt, vorlagenbedingt, mager. Die Ereignisse reihen sich ohne große Raffinesse aneinander wie die Perlen auf der Kette, die inhaltliche Tiefe DER HERR DER RINGEs wird zu keinem Moment erreicht. Doch geht es beim HOBBIT auch weniger um das Was, sondern vielmehr um das Wie. Wer gewillt ist, sich für ein paar Stunden in eine ferne, fantastisch umgesetzte Welt entführen zu lassen, für den ist und bleibt Mittelerde die erste Adresse. Diese Einöde ist gar nicht öde.

Laufzeit: ca. 161 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 28. Oktober 2013

ROBO VAMPIRE


ROBO VAMPIRE
HK 1988

Regie:
Godfrey Ho

Darsteller:
Robin Mackay,
Nian Watts,
Harry Miles,
Joe Browne,
Nick Norman,
George Tripos,
David Borg,
Diana Byrne



Liest der Trashfreund irgendwo den Namen Godfrey Ho, dann fängt die Pumpe an zu rasen. Der 1948 in Hongkong als Chi Kueng Ho geborene Regisseur lässt sich allerhöchstens mit einem Augenzwinkern als ein solcher bezeichnen und setzte seine Berufsbezeichnung auf offiziellen Papieren hoffentlich regelmäßig in Anführungszeichen. Denn Ho führte nicht nur Regie, sondern das Publikum auch wiederkehrend an der Nase herum: Anstatt tatsächlich Geld für aufwändige Action auszugeben, erwarb der findige Geschäftsmann für nen Appel und'n Ei lieber billige Ausschussware vorzugsweise niemals fertiggestellter Billigfilmchen und schnitt das Material mehrerer dieser Knallschoten mehr schlecht als recht ineinander (vollkommen egal, ob das nun passte oder nicht). Um zumindest im Ansatz den Anschein zu erwecken, diese Handlungsmomentaufnahmen hätten tatsächlich auch etwas miteinander zu tun, drehte er dann meist auf Amateurfilmniveau, ohne jeden finanziellen Aufwand und mit grauenhaften Laiendarstellern ein paar Zwischensequenzen, die als vermeintliche Bindeglieder agieren und einen Zusammenhang suggerieren sollten. Sollte es danach immer noch nicht so recht harmonisieren, wird per neu arrangierter Nachsynchronisation dem originalen Wortlaut der Sequenzen einfach ein neuer Sinn gegeben – was nicht passt, wird passend gemacht!

Sinnlos zu erwähnen, dass das, was dabei am Ende herauskam, trotzdem in keinerlei Einklang steht und sich das Niveau bei all der Herumdoktorei schon längst in Richtung Grasnarbe verabschiedet hat. Andererseits war es Ho natürlich auch niemals daran gelegen, die Oscar-Verleihung zu entern, sondern lediglich daran, leicht verkäufliches Videofutter abzuliefern. Und auf dieser Schiene fuhr er jahrelang so gut, dass seine zusammengestümperten Produkte schon bald ganze Lagerhallen füllten. Für Ottonormalvergucker ist das natürlich nichts – für Trashfans hingegen ein kleines Paradies. ROBO VAMPIRE reiht sich nahtlos ein in diesen Ausschuss und besitzt höchstens entfernt Ähnlichkeit mit einem Film. Die Handlung zu beschreiben, das fällt schwer - hier ein Versuch:

Inhalt:

Eine skrupellose Gangsterbande gerät eines Tages in eine Schießerei mit ein paar Drogenfahndern, wobei mehrere der bösen Buben ins Gras beißen. Ihr Anführer (wie es sich für einen Big Boss ziemt natürlich ganz stilecht mit dicker Pornobrille) ist aufgrund solch unbeglückender Ereignisse doch arg erzürnt, hat aber eine sehr naheliegende Idee:

Boss:
„Wir müssen einen Weg finden, wie wir uns diesen Anti-Drogen-Agenten vom Hals schaffen.“

Handlanger
(mit totaler Idiotenstimme):
„Boss, wie sollen wir das machen?“

Boss:
„Ich habe Kontakt zu einem Taoisten. Der richtet Vampire ab, die dann für ihn arbeiten.“

So etwas lässt natürlich aufhorchen. Des Bosses narrensicherer Plan: Die abgerichteten Vampire des Dr. Fu Man Chu (oder wie immer der heißt) sollen ihm beim Drogenschmuggel helfen. So befiehlt er seinen Untergebenen, den Vampirflüsterer aufzusuchen. Unverzüglich stolpern die beiden los, ohne auch nur ein einziges Mal nach dem Weg fragen zu müssen. Kaum am Ziel angekommen, hat der alte Blutsaugerbändiger auch sogleich eine sehr frohe Botschaft im Gepäck und verkündet mit stolzgeschwellter Brust: „Mein Vampir-Experiment ist gelungen. Kommt her, und überzeugt euch selbst von diesem gelungenen Experiment!“ (Ja, die Dialoge sind hier wahrlich ausgefeilt.)

Nun werden die beiden Ganoven mit staunend aufgerissenen Glubschaugen Zeuge, wie der alte Meister tatsächlich einen Aushilfs-Dracula heraufbeschwört, welcher allerdings eine Gorillamaske trägt (warum auch immer, vielleicht ist in Siebenbürgen ja gerade Karneval). Doch damit nicht genug der Merkwürdigkeiten: Aus heiterem Himmel, und ohne dass man sie dafür extra heraufbeschwören musste, taucht auch noch eine geheimnisvolle Geisterfrau auf, welche sich schnell als Schwester des King-Kong-Vampirs zu erkennen gibt. Als eben diese zögert sie nicht lang und stellt unverblümt die Gretchenfrage: „Wie kannst du es wagen, den Leichnam meines Bruders zu einem Vampir umzufunktionieren und aus ihm einen lebenden Toten zu machen? Wer gibt dir das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden?“ Meister Tao kontert sogleich sehr geschickt: „Aber er kam aus dem Osten. Du nicht.“ Das ist natürlich eine tolle Antwort, die allerdings so rein gar nichts mit der Frage zu tun hat. Dementsprechend gibt sich die geisterhafte Dame auch ziemlich unüberzeugt und deutet an, mit der Gesamtsituation sehr unzufrieden zu sein. Nach dem Tode ihres Bruders wollte sie mit ihm vereint sein, was jetzt halt nicht mehr geht, da er ja nun ein Vampir mit Gorillamaske ist. Nach kurzem Handgemenge willigt der Tao-Mann schließlich ein, beide Parteien eines Tages zu vereinen, allerdings erst, nachdem beide für ihn gearbeitet haben. Verwirrend? Merkwürdig? Unverständlich? Gewiss! Ist aber auch völlig egal, spielt später sowieso keine Rolle mehr.

Vampir-Kong darf schon bald zeigen, was alles in ihm steckt, und tötet einen Mitarbeiter des Anti-Drogen-Kommandos. Aber Glück im Unglück für die gute Seite: Ein Wissenschaftler hat kürzlich ROBOCOP im Fernsehen gesehen und weiß nun, wie man aus toten Polizisten astreine Kampfroboter zusammenpfriemelt (als er sich während der Arbeit an selbigem plötzlich eine Wunderkerze ansteckt, wähnt man sich zwar zunächst in feucht-fröhlicher Jahreswechselfeierlichkeit, tatsächlich jedoch soll die Kerze lediglich ein Schweißgerät darstellen [Wunderkerzen als Schweißgeräte gab es übrigens auch schon bei der AUGSBURGER PUPPENKISTE, die Idee ist also schamlos geklaut]).

Wunderkerze hin, Puppenkiste her, das Ergebnis ist überaus beeindruckend: Im schmucken Alufolien-Ganzkörperkondom, mit Pisspott auf'm Kopp und hinten drangeklebter Antenne von Opas altem Kofferradio, sorgt Blechbulle nun dafür, dass sich jeder Verbrecher, der das große Pech hat, ihm über den Weg zu laufen, totlachen muss. Folgend stakst Robi nun völlig plan- und ziellos durch Feld, Wald und Wiese oder veranstaltet lange und ausgiebige Strandspaziergänge, da sich die meisten Gewaltverbrechen bekanntlich in schaumbenetzten Dünen abspielen. Und als wäre das alles nicht bereits genug Tumult, wird nebenbei auch noch die Mitarbeiterin einer Anti-Drogen-Einheit (soll zwar die bereits erwähnte sein, hat aber eindeutig nichts mit ihr zu tun) vom Drogenboss Mr. Young entführt und auf solch grausame Weise gefoltert, dass selbst Jigsaw blass werden würde: Auf einen Stuhl gefesselt muss sie herunterfallende Wassertropfen ertragen. Zwar kommt höchstens alle zwei Minuten mal einer, dennoch schreit die arme Frau so verzweifelt, als zwänge man sie, die Handlung zu erklären.

Ray, ein offenbar stahlharter Einzelkämpfer (auch, wenn er nun gar nicht danach aussieht), wird von höchster Stelle (also vermutlich von irgendjemandem, der in einem Baumhaus sitzt) damit beauftragt, die Dame wieder rauszuhauen:

„Du bist der Einzige, Ray, der es mit diesem verfluchten Young aufnehmen kann. Young ist ein verdammt harter Kotzbrocken!“

Interessanterweise ist es der Regierung zwar möglich, für diese Aktion mal eben 30 000 Dollar aus dem Ärmel zu schütteln, als Büro jedoch kann sie sich lediglich eine lausige Rumpelkammer leisten (könnte natürlich auch ne geschickte Tarnung sein). Nach einer Extra-Dosis endlosen Herumlatschens, sowie diverser Vampir- und Gangster-Attacken, landet man plötzlich wieder bei Robobulle, der sich allerdings aus heiterem Himmel nicht mehr an der Küste, sondern mitten in der (wenn auch menschenleeren) Großstadt befindet. Es kommt zum grausamen Kampf Blechbüchse gegen Vampir-Gorilla.

Kritik:

Das war zwar ein Versuch, die sich auf geradezu schwindelerregende Weise jeder Struktur verweigernden Ereignisse zusammenzufassen, doch worum es hier eigentlich geht, bleibt weiterhin unklar. Jedenfalls konträr zum Titel nicht um Robo-Vampire, davon gibt es hier nämlich keine. Dafür allerdings Robo-Polizisten und Vampir-Gorillas, die sich allerdings eher wie Zombies benehmen. Doch ob Robo, Vampir, Gorilla, Zombie oder Geist - für die Handlung, falls man sie so nennen möchte, spielt das ohnehin keine Rolle.

ROBO VAMPIRE ist ein Krüppel von einem Film. Keine Szene passt irgendwie zur anderen. Sollte hingegen doch mal die Gefahr bestehen, die Story könnte zu stringent oder gar verständlich werden, kommt wieder ein brutaler Schnitt und man befindet sich erneut an einen anderen Ort mit völlig neuen Protagonisten, die ganz neue unverständliche Dinge tun und sagen. Leute stellen sich mit Namen vor und verschwinden danach auf Nimmerwiedersehen, weder gibt es Bezugspersonen, noch einen auch nur minimalen Spannungsbogen. Die Synchronisationsfritzen der deutschen Fassung verstanden offenbar auch nicht mehr, worum es überhaupt ging (kann man ihnen nicht verübeln), und quatschten einfach irgendetwas drauflos (und zwar ungefähr mit der Leidenschaft einer Trauerrede). Die Darsteller sind offenbar direkt aus der nächstbesten Kneipe gecastet, stehen stellenweise in der Gegend rum, als hätte sie das Delirium ereilt. Alle hirnverbrannten Dialoge aufzuzählen, würde ganze Bände füllen. Als Beispiel sei daher lediglich das Zitat gebracht, welches fällt, nachdem der Aluboter in die Luft gejagt wurde. Sein Erbauer folgert scharfsinnig den Grund für dessen anschließende Funktionsuntüchtigkeit: „Ich befürchte, er hat einen Kurzschluss.“ Sehr guter Gedanke! Könnte aber natürlich auch damit zusammenhängen, dass er gerade eben explodiert ist.

Dazu gibt es als Sahnehäubchen noch ein paar Szenen zu bestaunen, die man eigentlich gar nicht für möglich gehalten hätte und hauptsächlich die hochlachhafte ROBOCOP-Kopie betreffen: So muss sich Schrott-Bot am Strand mit ein paar Vampiren herumplagen, die, wie es sich für chinesische Vampire gehört, wild um ihn herumhüpfen, was im Endeffekt aussieht, als versuche er verzweifelt, einen Sack Flöhe zu hüten. Doch auch die atemberaubende Verfolgungsjagd gegen Ende sollte unbedingt Erwähnung finden: Da hopst der Vampiraffe ohne jedes Tempo eine menschenleere Straße entlang, während Hartz-IV-Robo gemütlich hinterherschlendert – fehlen nur noch die Radfahrer im Hintergrund, welche die beiden klingelnd überholen. Kurzum: Godfrey Ho macht seinem Ruf hier mal wieder alle Ehre. Das Müllometer schlägt Purzelbäume und Trashfans fliegt der Draht aus dem Hut. Alle anderen werden nicht mal den Vorspann überstehen. Immerhin besser als TWILIGHT.

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ungeprüft

Mittwoch, 16. Oktober 2013

00 SCHNEIDER - IM WENDEKREIS DER EIDECHSE


00 SCHNEIDER – IM WENDEKREIS DER EIDECHSE
BRD 2013

Regie:
Helge Schneider

Darsteller:
Helge Schneider,
Rocko Schamoni,
Pete York,
Peter Thoms,
Sergej Gleithmann,
Norbert Losch,
Tyree Glenn,
Carlos Boes


 
„Er wurde nicht als Kommissar geboren. Er musste diesen Beruf erst erlernen.“ 


Inhalt:

Der Kommissar Schneider [Helge Schneider] ist gut. Darum braucht man ihn auch, als eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt begangen wird: Ein skrupelloser Verbrecher hat eine Schachtel Zigaretten aus einem Kiosk geklaut. Die Täterbeschreibung der Besitzerin [Peter Thoms] gerät sehr ungewöhnlich: Er hielt sich die Hände wie eine Krause vor den Hals, gab reptilienähnliche Laute von sich und bespuckte die arme Frau mit einer übelriechenden Flüssigkeit. Natürlich will der Kommissar auch diesen Fall schnell lösen und den Verbrecher ins Gefängnis tun. Doch das erweist sich als ungewöhnlich schwierig. Als der Täter ein zweites Mal zuschlägt und ein Huhn vom Bauernhof klaut, ist er am Ende seiner Weisheit. Ein Täter, der raucht und spuckt? Wie kann das sein? 00 hat nur eine vernünftige Erklärung: Alle 400 Jahre kommt ein Eidechsenmann auf die Erde, um Unheil zu stiften. Da der Kommissar nebenbei auch noch einen Sittenstrolch zur Strecke bringen muss, von einem rachsüchtigen Staubsaugervertreter verfolgt wird, Besuch von seiner angeblichen Tante Tyree [Tyree Glenn] aus Amerika bekommt und zudem auch noch aufgrund seiner Memoiren jede Menge Interviews geben muss, hat er wieder alle Hände voll zu tun … 

Kritik:

Das Phänomen Helge Schneider zu erklären ist ein Unterfangen, an dem schon größere Männer gescheitert sind. Tatsache ist, dass der extravagante Unterhaltungskünstler von vielen Kritikern jahrelang als Dilettant verschrien wurde und seine Auftritte erst Konzerthallen füllen mussten, bis der Feuilleton sich schließlich bereit erklärte, ihn und seine ungewöhnliche Art der Komik zu akzeptieren. Als besonderer Härtefall erwiesen sich dabei vor allem Schneiders Leinwandausflüge, in welchen er sein Stilmittel der vermeintlichen Laienhaftigkeit, das bereits seine Musik, Hörspiele und Bühnenprogramme durchzog, bis ins maximal Mögliche potenzierte. Als er 1994 als Kommissar 00 SCHNEIDER – JAGD AUF NIHIL BAXTER machte und der Humor Schneiders noch längst nicht, wie in späteren Jahren, zur deutschen Popkultur gehörte, sorgte der sich jeder Stringenz und Professionalität verweigernde 16mm-Witz für so manch fragendes Kritiker- und Konsumentengesicht. 

00 SCHNEIDER – IM WENDEKREIS DER EIDECHSE ist, schlanke 19 Jahre später, der zweite Kinoeinsatz der von Schneider erdachten und verkörperten Kunstfigur (wenn man seine Nebenrolle in TEXAS außer Acht lässt), und somit die erste reelle Fortsetzung innerhalb des Helge-Schneider-Universums. Tatsächlich jedoch ist das kaum von Belang, denn Schneider hat sich weiterentwickelt in all der Zeit, und so auch seine Arbeit. Der erste 00 SCHNEIDER ließ sich in alter Form kaum wiederholen, viel zu abgeklärt wirkt der mittlerweile lässige Altersmilde ausstrahlende Helge Schneider, der, anstatt wie zu früheren Zeiten mit seinem unangepassten Brachialhumor gegen starre Schablonen in Kunst und Gesellschaft zu rebellieren, lediglich noch entspannte Selbstreflexion bietet. 00 SCHNEIDER Eidechse ist nicht 00 SCHNEIDER Nihil Baxter, welcher mit komplett improvisierten Szenen, viel zu langen Kameraeinstellungen und dadaistisch-depperten Dialogen jeden Realitätsbezug unter brutalem Wahnwitz begrub. 

IM WENDEKREIS DER EIDECHSE fühlt sich grundlegend anders an und präsentiert sich als ironische Kriminalfilmparodie, welche zwar mit den gewohnt-grotesken Schneiderismen aufwartet, inhaltlich jedoch deutlich geschlossener daherkommt und in seiner Ausführung mehr den Regeln des Films als denen des absurden Theaters gehorcht. Bezeichnend für diesen Wandel sind bereits die ersten Minuten, in welchen 00 Schneider in seinem schäbigen Citroën durch das in bewährt-tristen Bildern eingefangene Ruhrgebiet eiert, um sich, nach einer Fahrt ums Eck, plötzlich und mit völliger Selbstverständlichkeit an den majestätischen Felsenstränden Andalusiens zu befinden. Die bekannte Ranzigkeit vermischt sich hier quasi im Handumdrehen mit wuchtiger Pracht, die renommierte Unsinnigkeit mit professionellem Handwerk. 

Auch die Hauptfigur agiert widersprüchlich zum originalen 00, legt neben ihrem bewährten Kleidungsstil auch ihre verkniffene Mimik nebst gepresster Sprechweise ab und gleicht nunmehr dem in den Romanen beschriebenen Kommissar, welcher ebenfalls mit dem Kino-00 nur wenig zu tun hatte. Für Fans sind derlei Charakteränderungen nichts Ungewöhnliches: Auch Dr. Hasenbein, ein weiteres Alter Ego Helge Schneiders, war, nach einer Nebenrolle im ersten 00 SCHNEIDER, in seinem eigenen Kinofilm plötzlich eine völlig andere Person. Schneider hielt nie viel von Struktur und Zusammenhang und entwickelte seine Figuren stets auf dieselbe Art und Weise, wie er seine gesamte Komik entstehen lässt: spontan und aus dem Bauch heraus. Vorbilder für den ‚neuen‘ 00 waren ziemlich eindeutig die knallharten Cops der reaktionären 70er-Jahre-Polizeifilme, welche die Verbrecher mit unorthodoxen Methoden zur Strecke bringen, um sie im Anschluss windelweich zu prügeln.

Nicht nur, aber auch in diesen liebevoll eingestreuten Genrezu- und -zitaten zeigt sich erneut, worin der Erfolg Helge Schneiders mitbegründet liegt: Ebenso, wie er die Regeln der Musik beherrscht, beherrscht er auch die Regeln des Filmemachens – freilich lediglich, um sie genussvoll unterlaufen zu können. Man erkennt, dass Helge weiß, wie Filme funktionieren, dass er die Vorlagen kennt und sich darüber bewusst ist, dass sein Publikum das ebenfalls tut. Die daraus resultierende Erwartungshaltung macht er sich zu Nutze, um die sattsam bekannten Muster immer wieder aufzugreifen und sie dann, durch fallengelassene Ideen, verpasste Pointen und normkonträre Verhaltensweisen, gekonnt auszuhöhlen. Das passt wunderbar in diesen absonderlichen Parallelkosmos, in welchem sich die Ereignisse zutragen, eine merkwürdig anachronistische Mischung aus 70er-Jahre-Mief und globalisierter Weltoffenheit, in welchem es keine Computer gibt, sondern nur Schreibmaschinen, in welchem auf dem als Polizeirevier dienenden, äußerst hässlichen Betonklotz nicht ‚Polizei‘ steht, sondern ‚Police‘, und in welchem die Sprache auf der Station ein heilloses Durcheinander aus Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch ist.

Wie befreiend ist es da, dass an diesem absurden Ort Menschen hausen, die vor allem durch ihre unverkrampfte Natürlichkeit bestechen. Niemand hier ist ein professioneller Schauspieler, und das ist auch gut so. Abermals besetzte Helge überwiegend aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis und bewies dabei erneut ein unfehlbares Gespür für schräge Typen, die allein durch ihre Kauzigkeit amüsieren. Die junge, rappende Taxifahrerin z. B. hat zwar keine Funktion, passt aber irgendwie einfach hinein in dieses verrückte Helge-Universum, zu dem sich natürlich auch wieder alte Bekannte gesellen: So hat Peter Thoms als JAZZCLUBs Pflasterverkäufer zwar mittlerweile die Preise geändert, ist aber immer noch nicht beim Euro angekommen. Auch ließ es sich Helge nicht nehmen, zusätzlich zur Hauptfigur noch weitere Nebenrollen zu übernehmen: Vor allem der extrem nuschelnde Psychiater Dr. Henry oder der dauergeile Zahnarzt Dr. Fracklefuss belasten dabei gehörig das Zwerchfell.

Das Wiedersehen mit etablierten Charakteren und die gleichzeitige Einführung neuer Kultfiguren geriet für geübte Fans zu einer freudenspendenden Veranstaltung, die mit schneidertypischen Momenten (so legt der Meister in einem Parkhaus ebenso spontan wie sinnlos eine flotte Sohle aufs Parkett) ebenso aufwartet, wie mit gezielten Parodien auf gängige Klischees amerikanischer Copthriller (wie der massenhaft praktizierte Tabakkonsum, der selbst den seligen Helmut Körschgen blass gemacht hätte). Anhänger wissen, was sie erwartet, und 00 SCHNEIDER – IM WENDEKREIS DER EIDECHSE nach bekannten Maßstäben zu beurteilen, ist erwartungsgemäß nicht möglich. Denn obwohl man den Regeln des klassischen Filmemachens hier mehr Tribut zollte, bleibt es letztendlich ein nach wie vor formfernes Experiment. Sympathisanten hält das nicht ab: Klar schludert die Kamera. Klar schludert das Licht. Klar schludert der Schnitt. Doch ist es Schludern um des Schluderns Willen. Helge bleibt Helge bleibt Helge bleibt Helge. Wer’s mag, der mag’s. Wer’s nicht mag, hat einfach Pech.

Laufzeit: 94 Min. / Freigabe: ab 6

Donnerstag, 3. Oktober 2013

DIE BRONX-KATZEN


SWITCHBLADE SISTERS
USA 1975

Regie:
Jack Hill

Darsteller:
Joanne Nail,
Robbie Lee,
Monica Gayle,
Asher Brauner,
Chase Newhart,
Marlene Clark,
Kitty Bruce,
Janice Karman



„Mütter, versteckt eure Söhne – die Bronx-Katzen sind los!“


Inhalt:

Die 'Dagger Debs' sind eine brutale New Yorker Mädchengang, vor welcher das ganze Viertel zittern muss. Doch eines Tages kommt Maggie [Joanne Nail] in die Stadt, welche sich nicht so ohne Weiteres einschüchtern lässt und den 'Debs' ordentlich Paroli bietet. Nach einer zünftigen Rauferei landet die Gang gemeinsam mit Maggie im Kittchen. Bandenchefin Lace [Robbie Lee] ist von den Nehmerqualitäten des Neuankömmlings überaus beeindruckt, und als sie ihr auch noch dabei behilflich ist, die Übergriffe der lesbischen Wärterin Mom Smackley [Kate Murtaugh] abzuwehren, entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen. Maggie wird in die Bande aufgenommen. Dieses missfällt wiederum der einäugigen Patch [Monica Gayle], welche nach Haftentlassung der 'Dagger Debs' unverzüglich anfängt, gegen die neue Konkurrentin zu intrigieren. Dass sich Laces Freund Dom [Asher Brauner] in Maggie zu verlieben scheint, kommt ihr dabei gerade recht. Doch damit nicht genug der Anfeindungen: Als die konkurrierende Gang des schrägen Drogendealers Crabs [Chase Newhart] auf ihre Schule versetzt wird, bricht auch noch ein blutiger Bandenkrieg los.

Kritik:

Nachdem Jack Hill mit COFFY und FOXY BROWN Pam Grier zur ungekrönten Königin des Blaxploitation-Kinos erhoben hatte, widmete sich der Meister des kostengünstigen Leinwandspektakels den Schicksalen deutlich bleichgesichtigerer Slumbewohner und lies die BRONX-KATZEN los. Gewohnt realitätsfern und spekulativ ausschlachtend kredenzte er eine von obszönen Dialogen beherrschte, angenehm räudige Räuberpistole über eine frevelhafte Mädchenbande, die, zwischen internen Intrigen und kriegerischen Anfeindungen, im verruchtesten Viertel der Stadt ihren Mann stehen muss. Und obwohl der gefeierte B-Film-Regisseur zur Vorbereitung seiner Sause mehrere tatsächliche Bandenmitglieder interviewte und lange Zeit einen ernsthaften Themenbeitrag plante, entschied er sich letztendlich doch wieder für das, was er am besten konnte und servierte einmal mehr zwar anspruchsloses, aber überaus charmantes Bahnhofskino voll feinsten Rambazambas. Und während die seriöse Kritik erneut inbrünstig abwinkte, über Dilettantismus und Gewaltverharmlosung klagte, bot sich dem etwas weniger wählerischen Publikum abermals eine willkommene Abwechslung zu Schlöndorff und Shakespeare.

Alles Echauffieren über Mangel an Intellekt und Anstand wäre tatsächlich auch reinste Zeitverschwendung, denn SWITCHBLADE SISTERS (so der wohl bekannteste Titel) ist eigentlich purer Unfug und in keiner Weise ernstzunehmen. Das beginnt bereits bei Joanne Nail als Quasi-Hauptfigur Maggie, die, selbst im Frauenknast noch in Overknees und Hot Pants unterwegs, zwar einen optischen Leckerbissen erster Kajüte darstellt, doch niemals auch nur im Ansatz wie eine Person wirkt, die es mit einer ganzen Straßengang aufnehmen könnte. Andererseits wirkt auch Lace, die von Robbie Lee verkörperte Anführerin der rabiaten Truppe, alles andere als ehrfurchtsgebietend, sondern eher wie jemand, dem bereits die Tränen in die Augen steigen, wenn ihm die Plätzchen im Ofen anbrennen. So erwecken die angeblich so beinharten 'Dagger Debs' eher den Eindruck einer ungezogenen Sandkastenkombo, der man nur mal ein bisschen Wangenapplaus spendieren müsste, um sie wieder zur Besinnung zu bringen. Dass diese pseudocoole Püppchenparade eine der gefürchtetsten Gangs im ganzen Ghetto darstellen soll, glaubt man nicht eine einzige Sekunde.

Natürlich könnte man, sofern man gewillt ist, den Umstand, dass die taffen Mädels und Jungs, die tagtäglich fett einen auf dicke Hose machen, innerlich eigentlich verletzlich und voller Zweifel sind, auch als beabsichtigte Sozialkritik auffassen, und tatsächlich klingt etwas Ähnliches zumindest zeitweise durchaus an, wenn Dom, Freund von Lace und natürlich ebenfalls Anführer eines mehr oder minder knallharten Straßenmobs, ihr in einem haltlosen Emotionsausbruch entgegenschleudert: „Diese ganze verfluchte Gang kotzt mich an!“. Allzu weit aus dem Fenster lehnen sollte man sich aufgrund dessen allerdings trotzdem nicht: THE JEZEBELS (und noch ein Alternativtitel) ist und bleibt ein oberflächliches Bandendrama, das in Inhalt und Dialog über das Niveau einer gewöhnlichen Seifenoper zu keiner Zeit herauskommt und auch niemals einen reellen Versuch unternimmt, eine Erklärung für gesellschaftliche Probleme zu liefern. Als Dokumentation taugt das wahrlich nichts - als schicke Schmierenkomödie hingegen umso mehr.

Einmal mehr erhob Jack Hill Trivialität zur Tugend, indem er sie geradezu mustergültig zelebrierte: Ungelenke Schlägereien wechseln sich ab mit kitschigen Beziehungskisten, pubertäre Sex- und Gewaltphantasien mischen sich mit arglosem Geblödel. Ernste Themen verkommen dabei zu belanglosen Banalitäten, während Tötungen und Misshandlungen nahestehender Menschen lapidar, nach kurzem pflichterfüllendem Trauermoment fast schon schulterzuckend zur Kenntnis genommen werden. Auch Prostitution (denn natürlich schicken die Mitglieder der männlichen Gang ihre Freundinnen auf den Strich) wird hier zum feucht-fröhlichen Vergnügen, wenn die Dame (die zwar genervt ist vom langen 'Arbeitstag', aber ansonsten eigentlich keine nennenswerten Probleme hat) auf der Schultoilette dem nächstbesten Kunden zum Sonderpreis von nur fünf Dollar angeboten wird – selbst, wenn dieser eigentlich gar kein Interesse hegt: So kommt der Klassenstreber um die Ecke und wird vom zuständigen Zuhälter mit inbrünstig werbenden Worten in die Toilettenräume gestoßen, während der arme Junge lauthals protestiert, da er eigentlich dringend in den Chemieunterricht müsse. Die Geldbörse des unfreiwilligen Freiers behält der Kuppler dabei selbstverständlich gleich ein, um sich seine fünf Dollar höchstpersönlich einzuverleiben.

Momente wie dieser, die heiße Eisen zu harmlosem Entertainment degradieren, sind keine Seltenheit und machen DIE BRONX-KATZEN zu einem politisch höchst unkorrekten Vergnügen, das unverbesserlichen Moralaposteln zwar tüchtig die Pumpe hochtreiben dürfte, tatsächlich jedoch in seiner unverblümt naiven Weltsicht und kuscheligen Wohlfühlattitüde vorzügliche 70er-Jahre-Unterhaltung bietet, zumal auch die Gewaltdarstellung, bei Hill ohnehin immer eher gemäßigt, hier noch mal zusätzlich gezügelt wurde und explizite Brutalitäten nahezu völlig ausbleiben. Und um den ruchlosen Ereignissen auch noch den Rest an Schrecken zu nehmen, bevölkerte Hill sein Drehbuch zusätzlich mit einer erquickenden Vielzahl schreiend schriller Figuren, die das grausame Ghetto endgültig in ein quietschbuntes Kabarett verwandeln. Das gilt vor allem für den von Chase Newhart verkörperten Drogendealer Crabs, der mit kariertem Beinkleid, sternverzierten Hosenträgern und glitzerndem Herrenhemd aussieht wie ein lauwarmer Kanarienvogel und optisch vielleicht auf den Christopher Street Day passen würde, aber ganz bestimmt nicht als Gangsterboss in die Bronx.

Doch auch abseits von Modemerkwürdigkeiten und Charakterkuriositäten sind DIE BRONX-KATZEN ein Sammelbecken herrlich abstruser Albernheiten: Im Frauengefängnis herrscht natürlich eine dicke Matrone, die auch gern mal Hand an ihre Schäfchen legt („Besser, du kommst ihr nicht in die Quere - die ist scharf wie Affenscheiße!“), Drogenhändler jubeln ihren Stoff armen Kindern bei der Essensausgabe unter („Er macht sogar Kinder süchtig - mit präparierten Vitaminpillen!“), und der einzige Ort, an dem die harten Ghettogangster ihre Waffen ablegen, ist die örtliche Rollschuhbahn („Die Bahn ist neutrales Territorium“), an welcher sich die harten Jungs selbstverständlich einmal in der Woche treffen, um unbeschwert Rollschuh zu laufen. Und da es Hill auch nicht so ganz gelang, seine Blaxploitation-Affinität zu zügeln, mischt aus heiterem Himmel auch noch eine Horde afro-amerikanischer, militanter Frauenrechtlerinnen mit („Politische Power erwächst aus dem Lauf einer Knarre!“), weswegen am Ende dann auch wieder eine Black Mama die letzten Kohlen aus dem Feuer holen darf (wofür sie natürlich mit einem privaten Panzerfahrzeug anrollt – Erklärungen sind überflüssig!).

Kurzum: SWITCHBLADE SISTERS ist eine wirklichkeitsfremde, doch äußerst burleske Angelegenheit, deren Grundtenor, trotz einiger Entgleisungen (wie der Umstand, dass aus einer Vergewaltigung heraus romantische Gefühle resultieren) zudem unerwartet feministisch geriet. Natürlich wäre es maßlos übertrieben, zu behaupten, Hills Werk sei ein ernstzunehmendes emanzipatorisches Manifest, doch erweisen sich die weiblichen Figuren ihren männlichen Pendants gegenüber sowohl charakterlich als auch emotional als deutlich überlegen. So gibt es hier tatsächlich nicht eine einzige männliche Identifikationsfigur, so dass die Sympathien sich klar auf die Mitglieder der Mädchengang verteilen, welche dann auch schließlich erkennen, dass sie auf die Unterstützung des vermeintlich starken Geschlechts gar nicht angewiesen sind. „Hol dir einen Mann, wenn du was brauchst fürs Bett - dann wirf ihn weg!“, lautet die finale Quintessenz, ausgesprochen von der schwarzen Revoluzzerin Muff [Marlene Clark].

Das humorlose 'Lexikon des internationalen Films' gab sich mal wieder stocksteif und unterstellte den BRONX-KATZEN „ein Zeugnis menschenverachtender Gesinnung". Das ist nun freilich heillos übertrieben. Selbstverständlich ist und bleibt SWITCHBLADE SISTERS eine Billigproduktion (das Budget betrug lachhafte 320.000 Dollar und die Drehzeit gerade mal zwölf Tage), die mit spekulativen Elementen versucht, möglichst viel Umsatz zu machen und an der es auch formal Einiges zu bekritteln gäbe: So ist der Schnitt in den Actionszenen eine Katastrophe und auch die Choreographie kommt reichlich hüftsteif daher (man beachte vor allem die Gefängnisschlägerei, bei welcher sich die Personen bereitwillig in Positur stellen, um sich treffen zu lassen). Zudem schlagen manche Darsteller zeitweilen vollkommen über die Stränge und betreiben ein Overacting, dass die Bronx bebt (das gilt vor allem für die männlichen Darsteller, doch auch Joanne Nail übertreibt es in der Schlussszene maßlos).

Doch obwohl eine charismatische Hauptdarstellerin vom Schlage einer Pam Grier fehlt (Joanne Nail bleibt insgesamt deutlich zu brav), und manch ein Scherz in seiner Harmlosigkeit eher an bieder-deutschen Lustspielklamauk erinnert (so versteckt ein Bandenmitglied ein Unterhöschen in der Jacke ihres Lehrers – hach, wie rebellisch!), geriet Hills Ganovenstück zu einer runden Sache, die durchaus auch einige gelungene Regieeinfälle zu bieten hat (so erscheint der Schlusskampf zweier Mädchen lediglich als Schattenspiel an der Wand). Allen Defiziten zum Trotze geriet THE JEZEBELS somit geradezu unverschämt liebenswert und bietet trotz seiner ernsthaften Thematik jede Menge an Putzigkeiten. Dass die rabiate Schlägerbraut Patch einen Schmetterling auf ihrer Augenklappe durch die Gegend trägt, darf dabei ohne Weiteres als Metapher verstanden werden: Gewalt und Brutalität werden zum kindlich-unbekümmerten Ulk, der niemandem mehr wehtut. Somit versprühen DIE BRONX-KATZEN auf angenehme Art und Weise den unbeschwerten Zeitgeist ihrer Entstehung.

Die JEZEBELS laden ein zur großen Ghetto-Gaudi, und alle machen mit! Eine Handvoll schnuckeliger Schnecken schimpft, schlägt und ränkeschmiedet sich leidenschaftlich durch ein himmelschreiend absurdes Bandenkriegsszenario, und der bluesige Soundtrack groovt einem dazu die Hütte voll und schämt sich nicht mal. DIE BRONX-KATZEN sind nicht nur für Tierfreunde eine Empfehlung.

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ungeprüft

Mittwoch, 18. September 2013

WAR OF THE ARROWS


CHOIJONGBYEONGGI – HWAL
KOR 2011

Regie:
Kim Han-Min

Darsteller:
Park Hae-Il,
Ryoo Seung-Yong,
Kim Moo-Yeol,
Moon Chae-Won,
Lee Han-Wi,
Kim Goo-Taek,
Park Ki-Woong,
Lee Kyeong-Yeong




„Mein Bogen hat nicht die Aufgabe, zu töten.“


Inhalt:

Korea, 1623: König Injo hat durch einen Staatsstreich die Macht im Lande an sich gerissen. Der begabte Bogenschütze Choi Pyeong-Ryung kritisiert öffentlich den neuen Regenten und gilt seitdem als Landesverräter. Rücksichtslos wird der einst treue Staatsdiener von den Schergen des Königs gehetzt. Während sein jugendlicher Sohn Nam-Yi und dessen jüngere Schwester Ja-In entkommen können, wird Pyeong-Ryung vor ihren Augen getötet. Die beiden Überlebenden flüchten zu einem Freund ihres Vaters, der sich ihrer annimmt. 13 Jahre später: Ausgerechnet am Tag von Ja-Ins Hochzeit wird das Land von den Mandschuren überfallen. Die Eindringlinge verwüsten das friedliche Dorf und nehmen die Überlebenden, darunter auch Ja-In, als Geiseln. Lediglich Nam-Yi, mittlerweile wie einst sein Vater ein Meister im Bogenschießen, haben die Invasoren übersehen. Während für die Gefangenen ein verlustreicher Gewaltmarsch in Richtung der Mandschurei beginnt, erinnert sich Nam-Yi an die letzten Worte seines Vaters, er solle seine Schwester vor allen Gefahren beschützen. Ausgestattet mit Pfeil und Bogen folgt er den Entführern und beginnt einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen eine übermächtige Armee.

Kritik:

Mit Beginn des neuen Jahrtausends erlebte der asiatische Historienfilm einen gewaltigen Aufschwung und brachte die Leinwände in regelmäßigen Abständen durch epochales Kampfgetümmel zum Erzittern. Als eine der Initialzündungen darf dabei der südkoreanische Kassenschlager MUSA gelten, dem im Jahre 2001 auch international einige Aufmerksamkeit zuteilwurde. Was folgte, war eine Welle ähnlich gearteter Kriegsepen, die mit aufwändiger Ausstattung und großzügigem Statistenaufgebot um die Gunst des Publikums buhlten. Vor allem China mauserte sich dabei zum ernsthaften Konkurrenten und ließ seine Nationalhelden eine kolossale Schlacht nach der nächsten schlagen. Die Kämpfer Koreas gerieten dabei fast in wenig ins Hintertreppchen, bis mit WAR OF THE ARROWS, 10 Jahre nach MUSA, abermals ein Überraschungserfolg beträchtliche Menschenmassen in die Lichtspielhäuser ziehen konnte.

Dabei verzichtet Kim Han-Mins pralles Actionabenteuer trotz des geschichtlichen Hintergrundes der Zweiten Mandschuren-Invasion sogar überwiegend auf die mittlerweile zum Standard gewordenen Genre-Zutaten und bietet stattdessen eine sehr geerdete Variante kriegerischer Auseinandersetzungen, die sich nicht auf tosende Massenschlachten und dröhnenden Gefechtslärm konzentriert, sondern die Schicksale einer überschaubaren Anzahl von Einzelpersonen in den Mittelpunkt rückt. Anstatt dass hier zwecks gegenseitiger Massakrierung gewaltige Heere von Statisten aufeinander zustürmen, entwickelt sich aus der feindlichen Belagerung schon bald die private Fehde zweier Männer, die sich in einer emotionalen Mischung aus Rachegelüst und Selbstbehauptungsdrang eine erbarmungslose Hetzjagd liefern, bei welcher mal die eine, mal die andere Partei die Oberhand gewinnt.

Diese Entwicklung vom Allgemeinen ins Spezielle ist es dann auch, woraus WAR OF THE ARROWS seinen hauptsächlichen Reiz bezieht: Nach eher gemächlichem Beginn inklusive obligatorischer Charaktervorstellung, kommt es mit der Invasion der Mandschuren und der Entführung einiger wichtiger Hauptfiguren zu einem ersten dramatischen Höhepunkt. Es folgen diverse Sadismen der Entführer gegenüber ihren Gefangenen, denen mehrere Menschen zum Opfer fallen. Als die selbstbewusste Ja-In von einem der Anführer zum Objekt der Begierde auserkoren wird, wird sie überraschenderweise nicht etwa zum hilflosen Opfer, sondern verdient sich aufgrund ihrer starken Persönlichkeit schnell den Respekt ihres Peinigers, welcher sie daher zunächst verschont, um ihre Willensstärke auszutesten. Obwohl es bis zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise wenig Action zu bewundern gab, sorgen spannungsgeladene Interaktionen wie diese bereits für genügend Nervenkitzel, um auch ungeduldige Erlebnisjünger in Schach zu halten.

Nachdem Hauptcharakter Nam-Yi in einer halsbrecherischen Kamikaze-Aktion das Lager gestürmt und quasi im Alleingang ein verlustreiches Befreiungsinferno vom Zaun gebrochen hat, scheint die Action hingegen gar nicht mehr pausieren zu wollen und wird ständiger Begleiter einer martialischen Verfolgungsjagd, die in ihren besten Momenten Assoziationen zu Mel Gibsons beinharter Menschenhatz APOCALYPTO zulässt. Da sich sowohl die Reihen der Verfolger als auch die der Verfolgten immer weiter lichten, die Fronten sich dadurch immer weiter verhärten, wird die Sache schließlich nach und nach zu einer persönlichen Angelegenheit, die höchstens einen Überlebenden hervorbringen kann. Und je länger die Jagd dauert, je verbitterter beide Parteien gegeneinander kämpfen, desto mehr verdichtet sich die Spannung, bis sie sich schließlich in einem fiebrigen Finale entladen darf.

So bietet WAR OF THE ARROWS, nach einigem erklärenden Vorgeplänkel und psychologischen Machtspielchen, schließlich geradezu mustergültig stringentes Abenteuerkino, das seine Suspense-Schraube mit fortschreitender Laufzeit immer weiter anzuziehen vermag. Die zuvor thematisierte Gemütslage der Hauptfigur, die nicht nur an dem Verlust ihres Vaters leidet, sondern auch mit Identitätsproblemen aufgrund dessen Brandmarkung als Verräter zu kämpfen hat, spielt dabei im Übrigen plötzlich gar keine Rolle mehr, so dass der Versuch, dem Charakter Tiefe zu verleihen, zwar gut gemeint war, letztendlich jedoch zwischen Bogenkampf und Fersengeld sinnlos verpufft.

Ungewöhnlich für einen historischen Kriegsfilm diesen Kalibers geriet die durchaus differenzierte Darstellung des Feindbildes. Selbstverständlich erscheinen die Mandschuren eindeutig als Aggressoren und fallen durch diverse Grausamkeiten auf, doch verzichtete man dennoch darauf, sie bis zur Unmenschlichkeit zu dämonisieren. So sind sich Jäger und Gejagte in manchen Momenten sogar verblüffend ähnlich: Als einer der feindlichen Soldaten verzweifelt nach seinem schwer verwundeten und sich hilflos auf dem Waldboden windenden Bruder schreit und schließlich seine Deckung aufgibt, um ihn in Sicherheit zu bringen, erinnert das frappierend an eine ähnliche, frühere Szene, in welcher ein koreanischer Gefangener sein Leben riskiert, um seine Tochter retten zu können.

Während Ausstattung und Kostüme ebenfalls einen positiven Eindruck hinterlassen und weitestgehend authentisch wirken, steht WAR OF THE ARROWS mit der Glaubwürdigkeit des eigentlichen Geschehens arg auf Kriegsfuß: Brav den Regeln des typischen Eventkinos gehorchend, geschieht die Rettung des Helden immer wieder in allerletzter Sekunde durch äußeren Einfluss, bloßen Zufall oder glückliche Fügung – ein nicht gerade hochoriginelles Konzept, das man dann auch relativ schnell durchschaut hat. Die enorme Rasanz der Vorkommnisse, die kaum Zeit zum Luftholen lässt, macht dieses Manko jedoch ohne besondere Mühen wieder wett. Allein diesem Aspekt schien Regisseur Kim Han-Min allerdings nicht so recht zu trauen, weswegen er sich dazu entschied, sein Werk mit ein paar inszenatorischen Mätzchen aufzupeppen: Eine zappelige Kamera soll Authentizität vortäuschen, ein hektischer Schnitt für Tempo sorgen, und extreme Naheinstellungen in den Action-Szenen sollen die Einbindung des Publikums gewährleisten. Da die Ereignisse jedoch bereits von Haus aus sehr aufrüttelnd gerieten, wirken diese Sperenzchen nicht nur unnötig, sondern führen im schlimmsten Falle sogar zur Orientierungslosigkeit. Bereits die Eröffnungssequenz, der Kampf Choi Pyeong-Ryungs mit der Garde des Königs, die Flucht seiner beiden Kinder und der Angriff einer wilden Hundemeute, geriet auf diese Weise zur restlosen Reizüberflutung und übertreibt es maßlos mit Bewegung und Betriebsamkeit. Ein wenig mehr Ruhe bei der Inszenierung und etwas mehr Vertrauen auf die Handlung als solche wäre wünschenswert gewesen.

Dazu gesellen sich leichte Drehbuchschwächen. So wird z. B. niemals wirklich erklärt, woher Nam-Yi seine phänomenalen Schießkünste eigentlich hat. In gewisser Weise erinnert er so an einen klassischen Western-Helden, dessen Kugeln quasi von selbst zielgenau ins Schwarze treffen. Auch, dass es einer Handvoll Leuten immer wieder gelingt, eine ganze Armee zu besiegen, kratzt gehörig an der Plausibilität. Aber das muss natürlich grundsätzlich nichts Schlechtes sein. Tatsächlich geriet WAR OF THE ARROWS auf diese Weise zu einem durchaus reizvollen Hybriden aus um Authentizität bemühter historischer Darstellung und simplifiziertem Actionspektakel. Zwar ist Nam-Yi kein cooler, sprücheklopfender Superheld, sondern trotz überragender Trefferquote und Nehmerqualität ein verletzlicher und verzweifelter Mann, doch wenn er fast im Alleingang gegen einen zahlenmäßig weit überlegenen Gegner zu Felde zieht und, lediglich mit Pfeil und Bogen bewaffnet, aus der Deckung des Waldes heraus nach und nach seine Feinde dezimiert, sind Assoziationen zu einer frühgeschichtlichen RAMBO-Variante so abwegig gar nicht mal.

Mag WAR OF THE ARROWS auch inhaltliche wie gestalterische Defizite haben, ist der Erfolg seinen Machern durchaus zu gönnen: Ohne nennenswerte Umwege erlebt man hier einen, trotz zweistündiger Laufzeit aufs Nötigste reduzierten Überlebenskampf vor ansprechendem historischen Hintergrund, der es glänzend versteht, seine zunächst ausladende Präsentation zu einem fast schon intimen Rachefeldzug zu verdichten, bei dem neben jeder Menge Soldaten auch die Langeweile auf der Strecke bleibt. Interessenten sollten hier weder Pfeil noch Bogen drum machen.


Laufzeit: 118 Min. / Freigabe: ab 16

Montag, 16. September 2013

DIE ZEIT DER GEIER


IL TEMPO DEGLI AVVOLTOI
Italien 1967

Regie:
Nando Cicero

Darsteller:
George Hilton,
Frank Wolff,
Eduardo Fajardo,
Pamela Tudor,
Franco Balducci,
Femi Benussi,
Maria Grazia Marescalchi,
John Bartha


Inhalt:

Der junge Kitosch [George Hilton] ist neben seiner Funktion als Viehtreiber auf dem Hof des patriarchalischen Don Jaime Mendoza [Eduardo Fajardo] auch ein ausgemachter Frauenheld, der regelmäßig mit wechselnden Gespielinnen ins Heu steigt. Als er jedoch Mendozas Frau Steffy [Pamela Tudor], die ihm Avancen macht, abweist, ist diese zutiefst in ihrer Ehre gekränkt und bezichtigt ihn der sexuellen Belästigung. Mendoza lässt Kitosch daraufhin brutal misshandeln. Mit Müh und Not kann er entkommen. Doch als er im Nachbardorf den Sheriff um Hilfe bittet, wird er eingesperrt und soll ausgeliefert werden. Dieses verhindert der 'Schwarze Tracy' [Frank Wolff], ein gesuchter Schwerverbrecher, welcher, um seiner Verhaftung zu entgehen, den Sheriff und seine Mannen mit Blei vollpumpt. Kitosch, der das Geschehen aus seiner Zelle mitverfolgt, rettet wiederum Tracy, indem er einen hinterhältigen Angreifer per Messerwurf abserviert. Zu Dank verpflichtet, befreit ihn Tracy aus seiner Zelle und rettet ihn nachfolgend auch vom Galgen, den Mendozas Leute bereits postiert hatten. Beide Männer tun sich nun zusammen, um einen Goldschatz an sich zu bringen. Doch je länger die Reise dauert, desto mehr merkt Kitosch, mit was für einem Mann er es zu tun hat ...

Kritik:

DIE ZEIT DER GEIER entstand in der Hochphase des Italo-Westerns, der sich, nach einigen holprigen Orientierungsversuchen am klassischen amerikanischen Cowboy-Epos, durch ausgeprägten Zynismus und rohe Brutalität sein eigenes, unverwechselbares Gesicht verschaffte. Drehbuchautor Fulvio Gicca Palli gab sich in diesem Falle allerdings nicht damit zufrieden, das bewährte Erfolgsrezept einfach stumpf wiederzukäuen, sondern kleidete die typischen Genrezutaten in eine verblüffend vielschichtige Selbstfindungsparabel, der es gelingt, die an bestimmte Sehgewohnheiten gekoppelte Erwartungshaltung ihres Publikums immer wieder zu unterlaufen, was zu dessen unabwendbarer Involvierung führt. So macht Nando Ciceros Werk zunächst eher den Eindruck einer leichten Komödie, wenn sich Hauptfigur Kitosch mit einem kichernden Mädchen in der Scheune vergnügt, um sich im Anschluss nach Herzenslust mit ihrem zufällig hinzugekommenen Ehemann eine zünftige Rangelei zu liefern. Nachdem ihn sein Gutsherr Mendoza für diese Verfehlung bestraft hat, verlangt Kitosch im Beisein des Gehörnten noch ein paar Hiebe mehr, die Dame sei es schließlich wert gewesen. Wird also bereits zu Beginn schon eifrig bestraft und gepeitscht, erscheint der zu Grunde liegende Tenor doch noch sehr locker, was sich auch in den Dialogen bemerkbar macht: „Du bist auf meiner Ranch, um die Kühe zu versorgen“, erklärt Mendoza, „aber nur die mit vier Beinen.“

Auch der Look geriet für das Produktionsjahr überraschend sauber und farbenfroh und hat z. B. nichts zu tun mit Sergio Corbuccis Vorjahreserfolg DJANGO, welcher in seiner Dreckigkeit und Brutalität das Gesicht des Italo-Westerns der Folgejahre quasi grundlegend definierte. Schleppte sich Django bereits in der ersten Szene durch einen Berg von Schmutz und Schlamm, so tollt Kitosch hingegen, von fröhlicher Pfeifmusik begleitet, bei seinem ersten Auftritt ausgelassen im Heu. Doch das vermeintliche Idyll verwandelt sich schleichend in einen Ort der Gewalt, als Kitosch der Belästigung Steffy Mendozas beschuldigt wird: Plötzlich sind die Schläge schmerzhaft, die Tritte qualvoll und es werden keine Scherze über zweibeinige Kühe mehr gemacht. Langsam, aber sicher steigert sich die Situation für Kitosch schließlich gar zu einer Bedrohung für sein Leben, entpuppt sich der anfänglich noch humorvoll und anständig scheinende Mendoza doch als grausamer Machtmensch, der Kitosch wegen einer unbewiesenen Nichtigkeit ohne zu zögern hinrichten lassen würde. Bereits zu diesem Zeitpunkt aufgrund des veränderten Grundtons etwas irritiert, weiß der Zuschauer auch nach Kitoschs erfolgreicher Flucht noch nicht so recht, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Lange Zeit lässt einen DIE ZEIT DER GEIER im Ungewissen, um einem immer dann, wenn man die weiteren Ereignisse endlich zu ahnen glaubt, doch wieder eine lange Nase zu drehen und sich in eine andere Richtung zu entwickeln. Gerade dieser Verzicht auf geradlinige Bahnen und das neckische Spiel mit der Nichteinhaltung festgefahrener Erzählmuster sind die Ursache dafür, dass das rein inhaltlich nicht sonderlich spektakuläre Werk anhaltendes Interesse erwecken kann.

Als Kitosch schließlich auf den gesuchten Verbrecher 'Schwarzer Tracy' trifft (der gar nicht schwarz ist, sondern nur einen solchen Mantel trägt), und sich beide Männer gegenseitig das Leben retten, scheint es wie der Beginn einer großen Freundschaft. Doch der Eindruck täuscht abermals: Tatsächlich wirkt Tracy zunächst wie ein von seiner Umwelt missverstandener, zu Unrecht vom Gesetz verfolgter Mann, unter dessen rauer Schale ein sensibles Herz schlägt, betrauert er doch aufrichtig den Tod seiner Mutter und nimmt mehrere Gefahren auf sich, um sie auf ihrem eigenen Grund und Boden bestatten zu können. Auch die Rachegefühle, die er gegen seine ehemalige Geliebte und ihren Freund hegt, sind nachvollziehbarer Natur, hatten sie ihn schließlich betrogen und verraten. Im weiteren Verlauf jedoch entlarvt sich Tracy als gewissenloser Mistkerl, der völlig unschuldige Menschen ohne eine Miene zu verziehen über die Klinge springen lässt. Die Gleichgültigkeit, mit der das passiert, wirkt ungemein schockierend, und die anfänglichen Sympathien verschwinden unter einem Berg aus Leichen.

Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist eine Szene, welche bereits kurz nach der Begegnung der beiden Männer stattfindet: „Es wird kühl heute Nacht“, sagt Tracy zu Kitosch und deckt ihn mit seinem Mantel zu. Kitosch ist geradezu gerührt angesichts der vermeintlichen Fürsorge des gesuchten Mörders. Doch nachdem ihr Schlaflager mitten in der Nacht überfallen wurde, begreift er den wahren Hintergrund der Tat: Tracy wusste von seinen Verfolgern und kleidete Kitosch lediglich in seinen Mantel, um sie so zu täuschen und hinterrücks erschießen zu können. So humorvoll diese Szene auch umgesetzt wurde, beschreibt sie dennoch bereits den Verlauf der weiteren Ereignisse: Tracy ist kein liebenswerter Gauner mit dem Herz am rechten Fleck, sondern ein ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedachter, gefühlskalter Verbrecher, dem andere Menschenleben nichts bedeuten.

Dass Kitosch dem sich mehr und mehr als kaltherziger Sadist entpuppenden Tracy für eine erstaunlich lange Zeit sein nahezu bedingungsloses Vertrauen schenkt, lässt sich dabei nicht allein durch dessen Dankbarkeit erklären und wirkt angesichts der Gewalttaten Tracys auch nicht immer ganz nachvollziehbar. Allerdings gelingt es dem Drehbuch recht elegant, die größten Fallstricke zu umgehen und einige durchaus glaubwürdige Bedingungen für diesen Umstand zu schaffen: So leidet Tracy an Epilepsie, was dem brutalen Killer, wenn er während seiner Anfälle hilflos wie ein kleines Kind zappelnd auf dem Boden liegt, immer wieder auch menschliche, bemitleidenswerte Züge verleiht. Zudem erscheint – typisch für den Italo-Western – auch die ehrenwerte Gesellschaft kaum einen Deut besser als die steckbrieflich gesuchten Schwerverbrecher: Der gutbürgerliche Mendoza darf sich, aufgrund seines Reichtums, quasi seine eigenen Gesetze erschaffen, und der Sheriff und seine Mannen denken bei der Festnahme Tracys händereibend nur an den Schotter, den ihnen diese einbringen wird. Es ist eine raue Welt, in der Kitosch lebt, in der tatsächliche Nächstenliebe eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Tracy erscheint ihm da lediglich als die geballte, gewalttätige Antwort auf die alltäglichen Unmenschlichkeiten und als längst überfälliger Befreiungsschlag.

Aus dieser ungewöhnlichen Gemeinschaft, einerseits auf purem Zweck, andererseits jedoch auch auf einer sinnwidrigen Sympathie beruhend, erwächst ein enormes Konfliktpotential, aus welchem DIE ZEIT DER GEIER seine explosive Spannung schöpft, zusammen mit dem Reifeprozess, welchem der Hauptcharakter hier unterliegt: Ist Kitosch anfangs noch ein sorgloser Schlendrian, der Prügel und Folter zwar wegsteckt, jedoch, wenn überhaupt, dann nur halbherzig auf die Idee kommt, sich auch mal zur Wehr zu setzen, erscheint er nach seiner Rückkehr als überaus selbstbewusster Mann, der zwar von Tracy gelernt hat, sich nichts mehr gefallen zu lassen, allerdings gleichzeitig auch seinen aggressiven Charakter angenommen hat. Zwar wirkt diese Entwicklung von George Hilton nicht immer ganz glaubwürdig gespielt, nimmt man ihm doch den arglosen Luftikus viel eher ab als den harten Sauhund, doch verstehen es Skript und Regie hervorragend, seine emotionale Reise greifbar zu machen.

George Hilton [→ DER SCHWANZ DES SKORPIONS] heißt eigentlich Jorge Hill und kam aus Uruguay nach Italien, um dort quasi im Rekordtempo zu einem der der beliebtesten Westerndarsteller aufzusteigen. Zwar kamen seine Filme (die in Deutschland häufig mit einem DJANGO-Titel verziert wurden) nur selten über ein solides Mittelmaß hinaus, doch tat das seiner Beliebtheit keinen Abbruch. Mag Hilton bei manchen emotionalen Momenten DIE ZEIT DER GEIERs auch ein wenig überfordert wirken, besitzt er doch das nötige Charisma, um die Sympathien schnell auf seiner Seite zu haben. Ihm zur Seite steht Frank Wolff [→ EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN], der als 'Schwarzer Tracy' eine erneute Glanzleistung abliefert und einen durch und durch undurchsichtigen Charakter verkörpert, für den man abwechselnd sowohl Anteilnahme als auch Abscheu empfindet – eine Paraderolle für den in den USA geborenen Schauspieler, dem, vor allen in Western, häufig der Part des Antagonisten zufiel, wobei es ihm meistens gelang, seine Figuren nicht in einem tumben Klischee erstarren zu lassen, sondern ihnen eine psychologische Vielschichtigkeit zu verleihen. Doch auch in positiven Rollen konnte Wolff überzeugen. Am 12. Dezember 1971 nahm er sich das Leben. Er wurde nur 43 Jahre alt.

DIE ZEIT DER GEIER ist weniger klassisches Abenteuerkino, als eine zwar nicht immer glaubhafte, doch sorgfältig entwickelte Charakterstudie, die von dem höchst doppelbödigen Verhältnis seiner Figuren zueinander lebt. Und obwohl das staubige Spektakel für Actionfreunde auch ausreichend Pulverdampf und Munitionsverbrauch bietet, resultiert das Großmaß an Spannung doch aus seiner faszinierenden Ereigniskette: Eine zunächst harmlos scheinende Eifersüchtelei und die Lüge einer gekränkten Frau setzen einen unaufhaltsamen Prozess in Gang, führt zur einer von Blut und Blei gesäumten Selbstfindungsreise eines jungen Mannes, und resultiert schließlich in einem exzessiven Gemetzel, welches das Leben unzähliger Menschen ändern wird oder enden lässt. Ein paar Eigenartigkeiten muss man schon hinnehmen (So erweist sich Kitosch, als Tracy ihm das Schießen beibringen möchte, als geübter Scharfschütze - woher er diese Fähigkeit hat und warum er sie zuvor niemals angewendet hat, bleibt bis zum Schluss ungeklärt), doch hat man es hier dennoch mit einem von Anfang bis Ende mitreißenden Revolvermärchen zu tun, das aufgrund seiner erfrischenden Brechung dogmatischer Genre-Regeln und seiner ambivalenten Charakterzeichnung zu einem packenden Erlebnis wird und dessen herzzerreißendes Ende noch lang im Gedächtnis verbleibt. DIE ZEIT DER GEIER ist eine gute Zeit.

Laufzeit: 94 Min. / FSK: ab 16

Dienstag, 10. September 2013

FLUCHTWEG ST. PAULI - GROSSALARM FÜR DIE DAVIDSWACHE


FLUCHTWEG ST. PAULI – GROSSALARM FÜR DIE DAVIDSWACHE
BRD 1971

Regie:
Wolfgang Staudte

Darsteller:
Horst Frank,
Heinz Reincke,
Klaus Schwarzkopf,
Christiane Krüger,
Siegurd Fitzek,
Heidy Bohlen,
Ulrich Beiger



„Er macht rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch!“ 


Inhalt:

Der brutale Bankräuber Willi Jensen [Horst Frank] bricht aus dem Gefängnis aus. Doch als er die vor seiner Inhaftierung versteckte Beute an sich nehmen möchte, wird er fassungsloser Zeuge, wie das Haus, welches dieser als vermeintlich sicheres Lager diente, gerade eingerissen wird. Das Geld ist futsch. Doch nicht nur das: Als er seinen Bruder, den rechtschaffenden Taxifahrer Heinz [Heinz Reincke], aufsucht, stellt er fest, dass seine Frau Vera [Christiane Krüger] inzwischen dessen Geliebte ist. Bebend vor Zorn plant er seinen nächsten Coup: einen Einbruch in die Villa des Millionärs Berndorf [Ulrich Beiger]. Doch nachdem Willi wie geplant eingestiegen ist, wird er von Liliane [Heidy Bohlen], der Frau des Beraubten, überrascht. Willi wird zum Mörder. Mit Vera als Geisel versucht er nun, sich ins Ausland abzusetzen. Doch nicht nur sein Bruder, auch Kommissar Knudsen von der Hamburger Polizei [Klaus Schwarzkopf] ist ihm bereits dicht auf den Fersen.

Kritik: 

FLUCHTWEG ST. PAULI läuft noch nicht einmal zwei Minuten, da ist bereits der erste blanke Busen im Bild. Es ist also eindeutig ein guter Film.

Dennoch sollte man sich davor hüten, aufgrund dieses sehr enthüllenden Auftakts falsche Erwartungen an die folgenden 80 Minuten zu hegen: Trotz gelegentlich aufblitzender nackter Tatsachen und des marktschreierisch im Titel drapierten Wörtchens „St. Pauli“, handelt es sich bei Wolfgang Staudtes routiniert in Szene gesetztem Genre-Werk nämlich nicht etwa um ein die Triebe spekulativ ausschlachtendes Schmuddelstück, sondern um einen mit jeder Menge Lokalkolorit ausgestatteten und von schmissigem Easy Listening Sound begleiteten Polizei- und Gangsterkrimi, der das Rotlichtmilieu lediglich als attraktive Kulisse nutzt für seine fast schon biblisch anmutende Geschichte zweier Brüder, die dermaßen übertrieben gegensätzlich gezeichnet wurden, dass sich glatt die hanseatischen Balken biegen:

Auf der einen Seite steht Willi Jensen [Horst Frank], der auf seiner Jagd nach Reichtum selbst vor Entführung und Mord nicht zurückschreckt und sich, wenn es denn sein muss, noch nicht einmal scheut, seinem angetrauten Eheweib eine saftige Ohrfeige zu verpassen – ganz eindeutig ein böser Kerl. Auf der anderen Seite hingegen steht sein Bruder Heinz [Heinz Reincke], der als durch und durch anständiger Taxifahrer nicht mal auch nur im Ansatz auf die Idee käme, sich an seiner volltrunkenen Kundin, die sich gerade in seinem Dienstfahrzeug entblättert hat, in irgendeiner Art und Weise unzüchtig zu vergreifen, und sogar, neben besagter Dame, auch ihren prall gefüllten Geldbeutel brav mit auf der Wache abgibt. Und als wäre das nicht bereits genug der guten Taten, spart er sich von seinem schmalen Gehalt auch noch ein erkleckliches Sümmchen zusammen, um seinem gefallenen Bruder nach dessen Knastaufenthalt ein neues Leben ermöglichen zu können.

Das vorzeitige Aufeinandertreffen beider Parteien führt dennoch zu allerlei gewalttätigen Auseinandersetzungen, die der für den Fall zuständige Kommissar Knudsen [Klaus Schwarzkopf], welcher in der Regel eher durch Zufall als durch gekonnte Ermittlungsarbeit an den Orten des Geschehens zugegen ist, mehr oder weniger gleichgültig zur Kenntnis nimmt. Als Jensen seine Frau Vera [Christiane Krüger] zur Geisel nimmt, zieht Knudsen nur schulterzuckend von Dannen, nicht ohne zuvor seinen jungen Kollegen zu rüffeln, der doch tatsächlich auf die alberne Idee kam, eine Fahndung nach Jensen einzuleiten. Und auch der Rest der Polizei glänzt hier nicht gerade mit Engagement und Cleverness, sondern wartet bevorzugt einfach ab, bis sich die Unterwelt gegenseitig ans Messer liefert. Damit stemmt sich FLUCHTWEG ST. PAULI, ob nun gewollt oder ungewollt, gegen das vor allem im Ausland propagandierte Bild des stahlharten Superpolizisten und präsentiert stattdessen ein eher kumpelhaftes Verhältnis zwischen Beamten und Bürger, welche hier quasi auf Augenhöhe miteinander agieren.

Die Vorzüge ihres Schauplatzes Hamburg immer wieder gekonnt ins Bild rückend, tauscht die zwar realitätsferne, doch hochunterhaltsame Räuberpistole dabei Glaubwürdigkeit und ausgeklügelte Spannungsdramaturgie gegen eine Extraportion nordisches Flair ein. Als Jensens Flucht vor dem Gesetz ihn, von wabernden Klangteppichen begleitet, auf und über die Dächer der Stadt führt, fängt die Kamera nicht nur ihn, sondern auch das monströs anmutende Hafengebiet im Hintergrund ein. Die geschäftige Metropole wird zum permanenten Nebendarsteller, zur siedenden Kulisse für Niedertracht und Missetat. Wenig überraschend dabei, fast schon obligatorisch, dass auch die Gutbetuchten nicht wirklich mehr Moral am Leibe haben, als der gemeine grobschlächtige Unterweltvasall: Als Millionär Berndorf, mit abstoßend unterschwelliger Verschlagenheit verkörpert von Ulrich Beiger [→ DER FROSCH MIT DER MASKE], die Leiche seiner Frau entdeckt, ruft er, nach pflichtbewusster Verständigung der Polizei, unverzüglich und mit sichtlich zufriedener Miene seine Geliebte an, um ihr die frohe Botschaft mit süffisanter Freude zu verkünden, während man die Verblichene im Hintergrund auf dem teuren Teppich liegen sieht.

Der Mord an der Gattin Berndorfs ist dann auch eine der gelungensten Szenen FLUCHTWEG ST. PAULIs: Aus heiterem Himmel beginnt das noch ahnungslose alkoholgeschwängerte Opfer zu grandios psychedelischem Schrammelrock eine merkwürdig-ungelenke Tanznummer zu zelebrieren, bevor es von Jensen hinterrücks erdrosselt wird. Während sich die Frau im Todeskampf windet und die Musik dazu unerbittlich weiterschrammelt, gilt Jensens Blick im selben Moment einzig und allein den auf dem Tisch platzierten Juwelen – ein fabelhaft zynischer Augenblick, der an die italienischen Gialli der 70er Jahre erinnert, welche den Tötungsakt als stilvolle Kunstform zu inszenieren wussten.

Willi Jensen wird vom damaligen Publikumsliebling Horst Frank [→ DJANGO – DIE TOTENGRÄBER WARTEN SCHON] in bewährt ruppiger Art als phänomenal garstiger Schmierlappen zum Leben erweckt, dem auf fast schon krankhafte Weise Geld und Gold über alles gehen. Werte, die nicht materieller Natur sind, scheinen ihm hingegen vollkommen gleichgültig zu sein. Der ebenso rabiate wie feige Ganove ist geradezu eine Bilderbuchrolle für den bärbeißigen Frank, der erneut einige große darstellerischen Momente für sich verbuchen kann. Seine Mimik, als ihm klar wird, dass die versteckte Beute für immer verloren sein wird, ist unschlagbar. „Dann war das ja alles umsonst, Mensch!“, jammert er mit brüchiger Stimme, den Tränen nah, doch verzweifelt um Fassung ringend. Mit Heinz Reincke [→ WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN] castete man als Sympathieträger ebenfalls eine waschechte Type, die einem klassischen Hollywood-Helden unähnlicher nicht sein könnte. Weder attraktiv noch sonderlich gewitzt erscheint Reincke stattdessen wie der dufte Kumpel von nebenan. Vorurteile hegt er gegen nichts und niemanden, und mit den Prostituierten der Roten Meile plaudert er nicht minder kameradschaftlich und respektvoll als mit den Autoritätspersonen vom hiesigen Polizeirevier. Als ihm seine missliche Situation über den Kopf zu wachsen scheint und er sich aufgrund dessen hemmungslos in einer Bar besäuft, möchte man ihn glatt selbst in den Arm nehmen und ihm zum Trost einen Kaffee zu spendieren.

Aufgrund seiner geerdeten Figuren voller Kanten und Konturen gelingt FLUCHTWEG ST. PAULI dann auch die emotionale Involvierung seines Publikums. Die Charaktere wirken hier nicht etwa wie realitätsferne Gestalten aus wildfremden Sphären, mit denen eine Identifikation quasi unmöglich erscheint, sondern wie authentische Personen, von denen man sich vorstellen könnte, dass sie tatsächlich existieren, was FLUCHTWEG ST. PAULI, zusammen mit seinem glaubwürdig gezeichneten Schauplatz, an manchen Stellen sogar einen dokumentarischen Touch verleiht. Die Handlung hingegen ist nicht selten ernüchternd unplausibel, und das von Zufällen und gnadenlos konstruierten Verhaltensweisen beherrschte Skript besticht auch nicht gerade durch ausgemachte Pfiffigkeit.

Dennoch ist FLUCHTWEG ST. PAULI ein lohnendes Abenteuer für all jene, die schon längst vergessen haben, dass das deutsche Kino mehr zu bieten hat als Liebeskarussells und Vergangenheitsbewältigung. Reeperbahn und Elbchaussee bilden die Kulisse für ein wunderbar leichtes, erstaunlich unbiederes Ganovenstück, das weder belehren noch moralisieren, sondern lediglich 80 Minuten anspruchslose Zerstreuung bieten möchte. Die mit etwas Erotik und einer Prise Action (im Finale liefern sich Auto und Motorrad eine fetzig gefilmte Verfolgungsjagd) versetzte Mischung aus Groschenroman, Bruderdrama und Gangsterkrimi funktioniert prächtig und der jazzig-beschwingte Soundtrack lädt zum rhythmischen Mitschnippen ein. Einen „Hintertreppen-Krimi“ nannte das konservative 'Lexikon des internationalen Films' Staudtes Werk in gewohnt abschätziger Art und Weise und übersah dabei völlig, dass auch auf Hintertreppen ganz tolle Dinge passieren können. Moppen nach nicht mal zwei Minuten – was soll da noch schiefgehen?

Laufzeit: 83 Min. / Freigabe: ab 16