Eigene Forschungen

Freitag, 9. Mai 2014

THE RIFFS 3 - DIE RATTEN VON MANHATTAN


RATS – NOTTE DI TERRORE
Italien, Frankreich 1984

Regie:
Bruno Mattei,
Claudio Fragasso

Darsteller:
Ottaviano Dell'Acqua,
Geretta Geretta,
Massimo Vanni,
Richard Cross,
Ann-Gisel Glass,
Jean-Christophe Brétigniere,
Fausto Lombardi



„Im Jahre 2015 hat die Starrsinnigkeit des Menschen endlich triumphiert. Hunderte von Atombomben haben alle fünf Kontinente verwüstet. Aus Angst vor Tod und Zerstörung haben die wenigen Überlebenden der Katastrophe Zuflucht im Untergrund gesucht. Nun beginnt die Ära der zweiten menschlichen Rasse, bekannt als „Zeit nach der Bombe“. Ein Jahrhundert später beschließen ein paar Männer, unzufrieden mit dem System, das die neue Menschheit ihnen auferlegte, zu revoltieren und wie ihre Vorfahren wieder an der Erdoberfläche zu leben. So entsteht eine weitere Rasse, die der „Neuen Primitiven“. Lange Zeit haben beide Gemeinschaften keinen Kontakt miteinander. Die Menschen, die noch immer unter der Erde leben, sind hochnäsig, verachten die „Primitiven“ und betrachten sie als Wilde. Diese Geschichte beginnt auf der Erdoberfläche im Jahre 225 nach der Bombe.“

Holla! Ganz schön episch, was einem die vorgeschaltete (und reichlich unsauber durchs Bild gezogene) Texttafel da so alles verkündet. Die beschriebenen Ereignisse hätten ganz gewiss das Zeug zu einem richtig guten (oder zumindest nicht vollkommen schlechten) Endzeitabenteuer gehabt. Schade nur, dass die mit solch blumigen Worten ersponnene Vorgeschichte so rein gar nichts mit der danach folgenden Handlung zu tun hat. Diese entwickelt sich nämlich auffallend unepisch in deutlich beengtem Raum und besticht dabei weder durch erzählerische Dichte, noch durch ausschweifende Fabulierlust:

Inhalt:

King [Richard Raymond] ist Anführer einer kleinen Racker- und Rockerbande, die zu den letzten Überlebenden des Atomkriegs gehören. Ziellos durchstreifen sie das Land auf der Suche nach Zivilisation. In einem alten Saloon finden sie schließlich Nahrung für mehrere Wochen. Im Keller entdeckt die Bande nicht nur ein geheimnisvolles Labor, sondern auch ein Gewächshaus mit künstlich gezüchteten Pflanzen und einer Destellieranlage mit klarem Wasser. Anhand von Tonbandaufzeichnungen wird klar, dass Wissenschaftler hier bis zum Schluss versucht haben, der Menschheit das Überleben zu sichern. Zunächst ist die Freude groß, doch schon bald häufen sich Merkwürdigkeiten: Die Kaschemme ist bevölkert von aggressiven Ratten und überall liegen grauenvoll verunstaltete Leichen herum. Schon bald kommt es auch in den Reihen von Kings Bande zu ersten Todesfällen. Was zuerst nur ein Verdacht ist, wird bald Gewissheit: Die Ratten sind nicht mehr so harmlos wie noch vor Beginn des Krieges. Und für sie sind die Menschen die Störenfriede. Ein gnadenloser Kampf beginnt.

Kritik:

Man muss nicht erst auf den Originaltitel schielen, um zu bemerken, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Wer hier auf eine weitere Fortsetzung von Enzo G. Castellaris apokalyptischem Gang-Reißer THE RIFFS hofft, dürfte spätestens nach 20 Minuten reichlich ernüchtert aus der Wäsche blicken. Der deutsche Verleih war vom finanziellen Erfolg des kernigen Action-Zweiteilers offenbar so angetan, dass er sich händeringend einen dritten Teil herbeiwünschte, der allerdings niemals gedreht wurde. Dafür jedoch war Billigfilmer Bruno Mattei nett genug, seinen im Folgejahr entstandenen Endzeit-Grusler RATS mit ein paar motorradfahrenden Knallchargen zu eröffnen. Das reichte für die hiesigen Verleiher bereits vollkommen aus: Schnell die publikumswirksamen Zauberwörtchen THE RIFFS in den Titel gemeißelt, das Plakat dem bekannten Design der Vorbilder angepasst und die wenigen Actionszenen des Geschehens in den Mittelpunkt der Werbung gerückt. Den Rest besorgte dann halt die Synchronisation, welche die Figuren hin und wieder mal behaupten lassen darf, dass die 'Riffs' früher mal New York beherrschten und niemals aufgeben werden. Und schon hatte man es mehr oder minder erfolgreich geschafft, die Abenteuer der kassenträchtigen Rockerbande zur Trilogie auszuweiten.

Funktionieren tut das freilich nur bedingt bis gar nicht, zumal THE RIFFS III auch eine völlig andere Kategorie bedient: Waren die Ereignisse von Trash und seinen Kumpanen in DIE GEWALT SIND WIR und FLUCHT AUS DER BRONX noch eindeutig dem Actionkino zuzuordnen, ist DIE RATTEN VON MANHATTAN trotz staubiger Endzeitkulisse ein lupenreiner Beitrag zur Gattung des Tierhorrorfilms. Dank der deutschen Distributionsmaßnahmen schrammt Matteis kosteneffizient gestalteter Schundfetzer nun natürlich an jeder Erwartungshaltung komplett vorbei, was einen unter Umständen übersehen lassen könnte, dass dem häufig belächelten Ramsch-Regisseur hier ein insgesamt doch recht passables Produkt geglückt ist – selbstverständlich lediglich im eng abgesteckten Rahmen der gegebenen Voraussetzungen und des beackerten Genres, welches ja in der Regel nicht gerade durch überragende Qualitätsarbeiten besticht. Denn natürlich ist auch RATS ein reichlich mülliger Horrorverschnitt, befüllt mit dem üblichen Kontingent an Abstrusität, Nonsens und bescheidener Effektkunst.

Doch trotz aller fraglos vorhandenen Defizite schafft es THE RIFFS III dennoch, eine gelungene, weil angenehm irreale Atmosphäre aufzubauen und einen damit einen Großteil der Handlung bei Laune zu halten. Der Schauplatz des alten Saloons ist gut gewählt (was aber eher Zufall sein dürfte, vermutlich war es einfach billiger in einem Saloon zu drehen als irgendwo anders) und das unterirdische Labor mit angegliedertem Gewächshaus nebst merkwürdiger Bewässerungsanlage besitzt in seiner unbeholfenen Mischung aus behauptetem Zukunftslook und tatsächlichem Retro-Chic seinen ganz eigenen eigentümlichen Charme. Auch ist die Idee, die Motive des Tierhorror- mit denen des Endzeitfilms zu kreuzen, so dumm gar nicht mal, bietet sie doch ausreichend Möglichkeit zur unterschwelligen Gesellschaftskritik: Die Rasse des Menschen löscht sich durch ihre ständigen Grabenkämpfe quasi im Alleingang aus, während die vermeintlich primitiven Lebewesen es nicht nur schaffen, das durch menschliche Dummheit entfachte Inferno zu überleben, sondern im Anschluss auch über die verbleibenden Exemplare zu triumphieren.

So macht sich dann selbst die durch Rattenattacken bereits deutlich dezimierte Gruppe lieber gegenseitig das Leben schwer und fechtet Kompetenzstreitigkeiten aus, anstatt sich zusammenzuraufen und der Gefahren gemeinsam Herr zu werden. „Wir sind menschliche Wesen mit menschlicher Intelligenz und keine Ratten!“, versucht Anführer King seine Mannen dann auch verzweifelt zu überzeugen, als man mal wieder dabei ist, sich gegenseitig an die Gurgel zu springen – doch die mahnenden Worte können die Wogen nur vorübergehend glätten und verlieren schon bald wieder ihre Wirkung. Natürlich sollte man sich davor hüten, in einen Billigheimer wie diesen allzu viel Subtext hineinzuinterpretieren, doch die Intention des Ganzen ist tatsächlich so unübersehbar wie lobenswert. Dass die Ausführung dennoch nur halbherzig gelang, ist vor allem der eher schluderigen Regie geschuldet, der es nicht gelingt, die interessanten Ansätze zu einem überzeugenden Ganzen zu verdichten.

Vermutlich war der hauptsächlich als Kopist von Hollywood-Ware bekannte Bruno Mattei viel zu sehr damit beschäftigt, die Angriffe der Ratten angsteinflößend wirken zu lassen – was gehörig in die Beinkleider ging. Das Hauptproblem RATS' ist es dann auch, dass die Nager zu keinem Zeitpunkt auch nur im Ansatz wie eine ernstzunehmende Gefahr wirken, sitzen sie doch die meiste Zeit vollkommen unbeteiligt in der Gegend herum, schnüffeln ihre Umgebung oder ihren Nachbarn ab und wundern sich über all die Leute um sie herum, die aus vollem Halse Zeter und Mordio schreien. Dass die eigentliche Bedrohung eher als niedlich empfunden wird (zumal zumindest ein Teil der Ratten auch noch aus angemalten Meerschweinchen besteht!), ist natürlich so ziemlich das schlimmste, was einem Tierterrorfilm passieren kann. Um der eher Gemütlichkeit ausstrahlenden Horde doch noch zu einem aggressiven Eindruck zu verhelfen, wurden die possierlichen Tierchen kurzerhand eimerweise über die dazu wie am Spieß brüllenden Protagonisten geschüttet oder wie wild vom Rand ins Bild geworfen – mit eher zweifelhaftem Erfolg. Zudem ist auch nicht zu übersehen, dass nur eine sehr eingeschränkte Anzahl an Ratten zur Verfügung stand, so dass immer wieder die selben Tiere vor die Kamera gescheucht werden mussten. Wenn einer der Darsteller dann panisch schreiend behauptet, „Millionen von Ratten“ würden sich nähern, müssen hier schon ein paar Gummiattrappen herhalten, die auf einem Teppich über den Boden gezogen werden.

Warum man sich immer wieder in dem rattenverseuchten Gebäude verschanzt, anstatt anständig Fersengeld zu geben, wird in dem Zusammenhang natürlich auch nicht wirklich plausibel erklärt. Zwar wird erwähnt, dass die Tiere die Motorräder unbrauchbar gemacht haben, aber gegen eine gute alte Flucht zu Fuß wäre im Prinzip nichts einzuwenden gewesen. Auch war man sich offensichtlich nicht so recht im Klaren darüber, wie genau die Ratten ihre Gegner jetzt eigentlich ins Gras beißen lassen. So verwandelt man sich nach erfolgtem Biss in der Regel in eine mit knallroter Farbe und diversen Wundmalen verzierte Schaufensterpuppe, manchmal jedoch liegt man auch mit Fieber im Bett, und während die einen auf Anhieb sterben, wandeln die anderen noch stundenlang schwankenderweise durch die Gänge, bevor sie sich dann irgendwann einfach aufblähen und zerplatzen. Und wer es sich besonders simpel machen möchte, kommt einfach rattenbehangen und „Tötet mich!“-röchelnd in den Saal gewankt und lässt sich kurzerhand von des Kumpanen Flammenwerfer bearbeiten, bevor er reichlich ungelenk und eher vorsichtig taumelnd (schließlich soll der Aluminiumanzug nicht versehentlich auch noch andere Dinge in Brand setzen) wieder hinausstolpert. Ob das nun wirklich der geilere Tod ist, sei mal dahingestellt.

Das klingt nun alles recht martialisch, doch selbst ausgewiesene Schwachmägen können DIE RATTEN VON MANHATTAN ohne größere Schwierigkeiten goutieren, werden die insgesamt auch eher selten auftretenden Brutalo- und Ekelszenen aufgrund ihrer bescheidenen Technik doch niemandem den Schlaf rauben. Die Darsteller der ganzen Chose gehören zwar fraglos nicht zur Oberliga, spielen jedoch ganz anständig, wobei die guten Sprecher der deutschen Fassung hier noch einige Kastanien aus dem Feuer holen können. Fast durch die Bank unerträglich geriet allerdings das weibliche Personal, das zuverlässig bei jedem Leichen- oder Ratten-Anblick in eine hemmungslose Kreisch-Arie verfällt (was zu dem Bild der angeblich so harten Rockerbraut irgendwie gar nicht passen will). Wahnsinnig kreativ gerieten auch die Namen der Figuren wie King (im Original fast noch schlimmer: Kurt – manchmal mit Helm, immer ohne Gurt), Chocolate (natürlich für eine dunkelhäutige Amazone), Video oder Lucifer.

Wer nicht mit falschen Erwartungen an die Sache herangeht und keine Straßenschlachten im heruntergekommenen New York erwartet, kann hier bei heruntergeschraubten Ansprüchen zumindest leidlich unterhaltsame, mattei-typisch von billigen Orgelklängen begleitete und mit Spruchgut wie „Computern und Leichen sollte man möglichst aus dem Weg gehen!“ garnierte 90 Minuten erleben, bevor einen die doch sehr gelungene und reichlich garstige Schlusspointe wieder aus dem Geschehen entlässt. Dass man sich bei der Produktion allerdings der Tierquälerei schuldig machte und mindestens ein Tier (vermutlich aber deutlich mehr) den grausamen Flammentod sterben ließ, lässt einen fast wünschen, die süßen Nager hätten dem primitiven Produktionsteam tatsächlich mal ein wenig das Fürchten gelehrt.

Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ungeprüft

Dienstag, 6. Mai 2014

THE RIFFS 2 - FLUCHT AUS DER BRONX


FUGA DAL BRONX
Italien 1983

Regie:
Enzo G. Castellari

Darsteller:
Mark Gregory,
Henry Silva,
Valeria D'Obici,
Giancarlo Prete,
Paolo Malco,
Ennio Girolami,
Antonio Sabàto,
Alessandro Prete


Inhalt:

„Verlassen Sie die Bronx! Tragen Sie sich ein für ein neues Zuhause im zauberhaften New Mexico!"

So schallt es mantrahaft aus den Lautsprechern des bewaffneten Säuberungskommandos. Und die präsidentiellen Putzmänner haben ihre eigenen Methoden, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen: Wer sich weigert, sein Zuhause zu verlassen, wird, wenn er Glück hat, brutal misshandelt, wenn er Pech hat, gut durchgeröstet. Hintergrund der gewaltsamen Aktion ist das geplante Bauprojekt des mächtigen Immobilienkonzerns "General Constructions", dessen gewissenloser Vorsitzender Henry Clarke [Enio Girolami] die abgehalfterte Bronx in ein schniekes Hochhausparadies für Bestverdienende verwandeln möchte. Auch ein älteres Ehepaar weigert sich, seine Heimat aufzugeben. Beide enden als ein Haufen Asche. Es waren die Eltern von Trash [Mark Gregory], dem knallharten Anführer der Rockerbande 'Riffs', der nun ein persönliches Interesse an blutiger Rache hegt. Trash begibt sich in den Untergrund und beginnt, gemeinsam mit der mutigen Reporterin Moon Grey [Valeria D'Obici], dem Rebellen Toblerone [Antonio Sabàto] sowie dem Einzelkämpfer Strike [Giancarlo Prete] den Widerstand zu formieren. Der Plan: die Entführung des Mannes, der alles zu verantworten hat – Präsident Clarke. Doch die Regierung schickt ihren eigenen Mann auf die Widersacher: den eiskalten Schlächter Floyd Wrangler [Henry Silva].

Kritik:

DIE GEWALT SIND WIR behaupteten 1982 die titelgebenden 'Riffs' und waren damit tatsächlich – nicht zuletzt aufgrund ihrer kosteneffizienten Machart - gewaltig erfolgreich. Nur ein Jahr dauerte es bis zur unvermeidlichen Fortsetzung, wieder inszeniert von Genreprofi Enzo G. Castellari und abermals mit dem wandelnden Muskelberg Mark Gregory in der Hauptrolle. Während die Besetzung also vertraute Gefühle erweckt, beschreitet man inhaltlich eher neue Wege: Die 'Riffs' sind zerschlagen (der deutsche Titel ist daher strenggenommen nicht ganz korrekt), ihr Anführer 'Trash' das einzige Überbleibsel der ehemaligen Biker-Gang. So ist THE RIFFS 2 dann auch – im Gegensatz zum Vorgänger - weniger Bandendrama als viel mehr klassische Einzelkämpferaction in bewährter RAMBO-Manier. Das Element der rivalisierenden Straßengangs wurde in dem Zusammenhang ebenfalls fast vollkommen eliminiert. Der gemeinsame Feind kommt hier von außen und trägt Anzug und Krawatte.

Diese Kontraste sind es, die THE RIFFS 2 so fabelhaft auszuloten versteht: Die elitäre Schicht gibt sich gönnerhaft und grenzt sich in blitzeblanker Umgebung ganz bewusst ab vom bildungsfernen Straßenleben in Schmutz und Schutt, ist in Wahrheit jedoch verlauster, als der dreckigste Slum-Bewohner es je sein könnte. Geradezu gottgleich stehen die Mächtigen des Landes vor dem Modell ihres protzigen Bauprojektes (welches sie ganz bescheiden als „Achtes Weltwunder“ titulieren), während sie in beinahe schon erotischer Verzücktheit mit dem Finger über dessen glitzernde Fassaden streichen. Das ist natürlich nicht frei vom Klischee, im Grunde sogar der Inbegriff desselben, funktioniert aber durchgehend großartig, zumal auch ansonsten mit Zynismen nicht gespart wurde: So ertönt das so wohlwollend scheinende „Tragen Sie sich ein für ein neues Zuhause im zauberhaften New Mexico!" bereits, noch bevor die erste Szene überhaupt zu sehen ist. Erst nach der folgenden Aufblende wird deutlich, wie sehr Verheißung und Realität auseinanderklaffen: Die Säuberungstruppen haben das Gebiet bereits in ein grauenhaftes Schlachtfeld verwandelt, zwischen den Spruchbändern und Schildern mit den verheißungsvollen Zukunftsbotschaften werden die Menschen wie Vieh zusammengetrieben oder massenhaft hingerichtet.

Die Sympathien des Publikums liegen also forcierterweise eindeutig auf Seite der unterjochten Unterschicht, so dass die Gewaltakte der 'Helden' dann auch ungefragt beklatscht werden dürfen. Dabei geht es nicht gerade zimperlich zu, THE RIFFS 2 stapelt tatsächlich ganze Leichenberge. Wahre Heerscharen der mit silbernen Schutzanzügen und Motorradhelmen zur konformen Anonymität kostümierten Widersacher laufen punktgenau in die rebellischen Kugeln, werden in Zeitlupe in die Luft gesprengt oder bekommen vom Racheengel Trash den Helm mitsamt sich dahinter befindlichem Gesicht zertrümmert (denn wie sang die norddeutsche Kapelle 'Torfrock' doch schon so überaus treffend?: "Das matscht so schön und tut so gut.“). Zwar ist deutlich zu erkennen, dass hier keine Menschen zerrissen werden, sondern menschenähnliche Puppen und die zermalmten Visagen lediglich mit blutähnlicher Masse befüllte Attrappen sind, doch sorgen gerade die käsigen Effekte für die Extraportion Charme.

Der Gewaltpegel wurde gegenüber dem Vorgänger tüchtig angezogen, und ab einem gewissen Zeitpunkt gibt es kaum noch eine Szene, die nicht damit endet, dass die Helden aus dem Hinterhalt angegriffen werden und sich ihrer Haut erwehren müssen. Dabei nimmt das massenhafte Meucheln zeitweise fast schon bedenkliche Züge an, wenn der etwas vorlaute Bengel einer der Kämpfer ('Strike'-Darsteller Giancarlo Pretes tatsächlicher Sohn Alessandro Prete) fleißig mittöten darf und dafür bei Erfolg ausgiebig vom Papi gelobt wird. Bis ins Absurde übersteigert sich die Vernichtungsarie, wenn Trashs Kugeln nicht nur zuverlässig jedes noch so weit entfernte Ziel treffen, sondern dieses aus unerfindlichem Grunde auch noch in einem Feuerball versinken lassen. So darf er mit seinem simplen Sechsschüsser ohne jede Schwierigkeit einen Helikopter vom Himmel holen, welcher natürlich nicht besseres zu tun hat, als mal eben zu explodieren. Sollte sich Trash allerdings zufällig mal selbst in einem explodierenden Haus befinden, so ist das auch kein größeres Problem: Eilig aus den Trümmern rausgewühlt, das schmucke Westchen abgeklopft und die Wunderwumme nachgeladen.

Natürlich schaden solche Momente der Glaubwürdigkeit (um nicht zu sagen: sie wird dadurch vollkommen vernichtet), letztendlich sind es jedoch gerade diese kleinen Verrücktheiten, die das Stimmungsbarometer immer wieder steil nach oben treiben. So dürften Trashs Eltern auch weltweit so ziemlich die einzigen sein, die einen lebensgroßen 'Bravo'-Starschnitt ihres Sohnes in der Wohnung hängen haben (welcher zudem auf dem Bild auch keinen Deut jünger aussieht als zur Zeit der aktuellen Handlung). Trashs Rachemotive aufgrund ihres erzwungenen Ablebens spielen zwar im weiteren Verlauf dann gar keine Rolle mehr (zumal das Drehbuch den Kampf der Unterdrückten gegen das Establishment ohnehin unabdingbar macht), doch nur die Allerspitzfindigsten dürften sich an diesem Umstand stören. Letztendlich ist die Prämisse sowieso nur das Mittel zum Zweck, die 90 Minuten Spielzeit mit möglichst vielen Actionsequenzen zu strecken.

Diese sind dann auch ohne Wenn und Aber ausgezeichnet in Szene gesetzt: Wenn die Protagonisten durch verfallene Ruinen und versiffte Kanäle schleichen und sich, die Kamera stets im Nacken, mit ihren Gegnern aufwändig produzierte, effektreiche Feuergefechte liefern, sich alles in Bewegung befindet und gleichzeitig doch wunderbar übersichtlich bleibt, dann ist das astreines, sauberes Actionkino der dreckigen Art, das den vielbemühten Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen braucht. Fast drängt sich einem dabei der Eindruck auf, Castellari und sein Team hätten die Fortsetzung nur gedreht, weil ihnen beim Erstling die Idee mit den Flammenwerfern erst so spät gekommen war und sie nun diesbezüglich mal so richtig vom Leder ziehen wollten. So wird bereits in der Anfangsszene fleißig Gebrauch gemacht von dem feurigen Utensil, welches bis zum Finale dann auch noch einige Male zum Einsatz kommen darf. Leider versäumte man es, den einzelnen Actionszenen individuellen Charakter zu verleihen, so dass die ständigen Schusswechsel insgesamt ebenso ununterscheidbar voneinander daherkommen wie die behelmten Bösewichte in ihren Silberanzügen. Auch findet kaum eine Steigerung statt, die letzte Szene ist wie die erste ist wie die mittlere. Besonders dem Hauptantagonisten hätte man ein etwas schäbigeres Ende gewünscht als dem Rest, das Finale geriet ernüchternd unspektakulär.

Mark Gregory hat seine Drohung wahrgemacht und sich seit Teil 1 einen zweiten Gesichtsausdruck antrainiert (so irgendetwas zwischen Erstaunen und Verwirrtheit). Damit spielt er jetzt automatisch besser als Steven Seagal in jedem seiner Filme. Gleichzeitig ist er auch einer der wenigen, der seinen Namen erneut auf die Besetzungsliste schreiben durfte. Ein weiteres Wiedersehen gibt es mit Ennio Girolami, dessen Rolle zwar anders heißt, im Prinzip jedoch die gleiche ist. Als arroganter Anzugträger wirkt er überaus überzeugend und stellt einen gelungenen Gegenpart zu den schrill kostümierten Bronx-Bewohnern dar. Für die Frauenquote sorgt Valeria D'Obici als Reporterin Moon Grey, die vergeblich versucht, die Öffentlichkeit auf die Missstände in der Bronx aufmerksam zu machen (dass es keine sehr kluge Taktik ist, zu diesem Zwecke auf Pressekonferenzen wie eine Geisteskranke herumzuschreien, hätte man ihr allerdings mal mitteilen sollen).

Als zu erwartendes Highlight entpuppt sich Italo-Ikone Henry Silva, der als sadistischer Staatsdiener nahezu perfekt besetzt ist und keine Not damit hat, Häuser zu sprengen, die noch nicht vollkommen geräumt sind, allerdings fast selbst kollabiert, wenn sein Kaffee falsch gezuckert wurde (wobei er in der deutschen Fassung interessanterweise ausrastet, weil sein Kaffee ohne Zucker serviert wird, während er selbiges in der Originalfassung tut, weil er mit Zucker serviert wird). Der Rest der Belegschaft agiert zwar überwiegend nur als Stichwortgeber, ist aber durch die Bank treffend besetzt. Selbst das vollkommen übertriebene Schauspiel von Antonio Sabàto passt zur Figur des extravaganten Untergrundkämpfers, und Giancarlo Prete nimmt man den Sprengstoffexperten trotz (oder gerade wegen?) eingeschränkter Mimik ebenfalls sofort ab. Der eigentliche Hauptdarsteller ist aber natürlich ohnehin wieder der Schauplatz des Ganzen, dieser grandios verranzte Moloch, der die perfekte Kulisse für das dreckige Schießen und Sterben abgibt.

THE RIFFS 2 ist eine überraschend konsequente Weiterentwicklung der Ereignisse des ersten Teils, ein exzellent gefilmter, von erlesenen Zeitlupen-Sequenzen im Stile Sam Peckinpahs durchsetzter Budenzauber mit deutlich erhöhten Schauwerten und einer nicht geringen Dosis bitteren Spotts, inhaltlich zeitweise zwar etwas flügellahm und überraschungsfrei, doch für Freunde zünftiger B-Action eigentlich unverzichtbar. Zu erwähnen bliebe höchstens noch, dass der Titel FLUCHT AUS DER BRONX inhaltlich Unsinn ist (und wohl nur gewählt wurde, um an eines der Vorbilder – ESCAPE FROM NEW YORK 
– zu erinnern), da es ja gerade darum geht, in der Bronx bleiben zu dürfen, aber daran soll es nicht scheitern. Verlassen Sie nicht die Bronx, lehnen Sie sich zurück, und genießen Sie ein weiteres zauberhaftes B-Movie von Castellari. Und vergessen Sie den Flammenwerfer nicht!

Laufzeit: 86 Min. / Freigabe: ungeprüft

Samstag, 3. Mai 2014

THE RIFFS - DIE GEWALT SIND WIR


1990 – I GUERRIERI DEL BRONX
Italien 1982

Regie:
Enzo G. Castellari

Darsteller:
Mark Gregory,
Stefania Girolami Goodwin,
Joshua Sinclair,
Rocco Lerro,
Fred Williamson,
Vic Morrow,
Christopher Connelly,
George Eastman



„In der Bronx ist das Leben weniger wert als ein müder Joint. Da geht der Tod mit ner mächtig großen Harke durch.“
[Der Trailer informiert]


Inhalt:

1990: Die Bronx wurde zum ‚Niemandsland‘ erklärt. Die Behörden haben jede Bemühung, Recht und Ordnung wieder herzustellen, aufgegeben. Stattdessen beherrschen nun verschiedene Gangs das Gebiet. Eine davon sind die 'Riffs', die auf betotenschädelten Motorrädern durch die Gegend kesseln und vom muskelbepackten 'Trash' [Mark Gregory] angeführt werden. Eines Tages retten Trash und seine Männer die junge Ann [Stefania Girolami Goodwin] vor einem Gewaltverbrechen. Ann kommt aus reichem Hause und ist aus dem gutsituierten Manhattan in die Bronx geflüchtet, um den kapitalistischen Zukunftsplänen ihres herzlosen Vaters zu entkommen. Dieser hegt natürlich den innigen Wunsch, sie aus dem Hort der Gesetzlosigkeit zurückzuholen und engagiert den für seinen Wahnsinn berüchtigten Polizisten Hammer [Vic Morrow], der selbst von seinen Kollegen gefürchtet wird. Die 'Riffs' sehen nur eine Möglichkeit: die Zusammenarbeit mit der verfeindeten Gang von Ogre [Fred Williamson]. Eine gefährliche Reise durch das gewaltzersetzte Land beginnt.

Kritik:

THE RIFFS ist ein weiterer lupenreiner Beitrag zum italienischen Trivialkino der 80er Jahre, dessen Zielsetzung es war, es ungleich größeren amerikanischen Vorbildern nachzueifern, um in deren Fahrwasser noch ein paar Lire in des Produzenten Portokasse zu befördern. Walter Hills rüder Gangstreifen THE WARRIORS war es hauptsächlich, der dieses Mal Pate stehen durfte und mit diversen Elementen ähnlich gearteter Erfolge angereichert wurde. Ganz ohne Scham kreiert das Drehbuch auf diese Weise ein angenehm-schmuddeliges, von apokalyptischer Weltuntergangsstimmung geprägtes Endzeitszenario mit einer Fülle schräger Figuren und Frisuren, das trotz seiner unbestrittenen Realitätsferne ein eigentümlich-authentisches Flair versprüht. Das liegt vor allem daran, dass überwiegend an Originalschauplätzen in den USA gedreht wurde (wenn auch immer mal wieder Brooklyn die Bronx doubeln darf) und man einen Großteil der Gangmitglieder mit tatsächlichen Gangmitgliedern der Hells Angels besetzte.

Mag die zu Grunde liegende Intention auch eindeutig sein, wäre es dennoch vermessen, THE RIFFS einfach nur als simples Abziehbild begreifen, besitzt das engagierte Werk doch genug eigenen Charakter, um sich vom Vorwurf des plumpen Plagiats ausreichend distanzieren zu dürfen. Bereits eine der ersten Szenen ist in ihrer individuellen Einzig- und Eigenartigkeit nahezu unschlagbar: Eine gepfählte Leiche liegt am Ufer des East River, ein Schlagzeugspieler sitzt samt Instrument daneben und trommelt coole Beats, während die 'Riffs' (die im Original eigentlich die 'Riders' heißen) dazu in ihrer absonderlichen Montur ergriffen Spalier stehen und melancholisch in die Ferne starren. Die fetzige Montage dieser Sequenz, welche ihre extravaganten Bilder taktgenau aneinanderreiht, sowie die teils ungewöhnlichen Perspektiven, aus welchen diese eingefangen sind, rockt in ihrer verschrobenen Mischung aus schrägem Surrealismus, künstlerischem Anspruch und sonderbarer Sinnbefreitheit bereits tüchtig die Hütte. Etwas später stehen die Bandenmitglieder am selben Ufer, um, dieses Mal begleitet von infernalischem Schrammelrock, die Asche ihres verblichenen Gefährten hinaus in den Fluss zu streuen – eine nahezu unverschämt blindwütige Romantisierung eskapistischen Aussteigertums.

Bereits hier hat THE RIFFS gewonnen, wenngleich sein stärkstes Pulver auch schon verschossen. Die folgende Story über Aufwiegelung zum Bandenkrieg, Verrat in den eigenen Reihen und Korruption von außerhalb bleibt unerwartet ungeschlossen, die Reise ihrer Protagonisten insgesamt eher ereignisarm. Etwaige Hindernisse sind schnell überwunden, retardierende Momente kaum der Rede wert. Zudem werden die Beweggründe der Figuren vom Skript überwiegend im Nebel gelassen. Warum Ann aus der sicheren Welt des Reichtums ausgerechnet in die gewalttätige Bronx flieht, wird ebenso unzureichend erklärt wie die Frage, was genau an dem gefürchteten Polizei- und Gangsterschreck Hammer nun eigentlich so entsetzlich sein soll, verhält er sich im Prinzip doch auch nicht weniger skrupellos als der ganze Rest. Nun erwartet man in der Regel von einem Beitrag wie diesem nicht zwangsläufig bis ins Mark ausgefeilte Zusammenhänge, doch kommt man nicht umhin zu sagen, dass hier durchaus vorhandenes Potential verschenkt wurde. 

Dass das Geschehen dennoch anständig bei Laune hält, liegt vor allem daran, dass THE RIFFS das, was ihm an Spannung fehlt, durch seine besondere Atmosphäre locker wieder wettmacht. In charmant-ranzigem Umfeld präsentiert sich eine illustre Parade skurriler Gestalten in flotten Klamotten, die das an sich düstere Bandendrama bisweilen in einen grellbunten Comicstrip verwandeln. Die dazu stattfindenden Actionszenen wirken zwar teilweise ein wenig holprig in Szene gesetzt (was vor allem für die Kampf-Choreographie gilt), doch gefallen trotz allem durch ihre unbefangene Ruppigkeit. Das Finale schließlich schlägt angenehm über die Stränge, präsentiert eine Armada berittener Gesetzeshüter, die ihre Gegner entgegen jeder Logik mit Flammenwerfern malträtieren, und zelebriert blutige Schuss- und Stichwechsel zwischen Opferbereitschaft und Heldentod.

Unverbesserlichen Spöttern wird dabei gewiss jede Menge Angriffsfläche geboten, läuft man den Sehgewohnheiten der Masse doch von Grund auf zuwider. So wirken die 'Riffs' mit ihrem lächerlichen Aufzug (inklusive leuchtender Plastiktotenköpfe auf den Motorradlenkern) weniger wie eine wirkliche Gefahr, sondern vielmehr wie eine Horde ungezogener Jungs, die mal so richtig einen auf dicke Hose machen möchte. Und dafür, dass die Bronx ein Schmelztiegel der Gewalt sein soll, geht es hier insgesamt doch ziemlich gesittet, teilweise fast schon gemütlich zu. Dass man den Hauptcharakter in sympathischer Selbstironie ‚Trash‘ taufte, nimmt manchem Kritiker natürlich schon im Vorfeld etwas Wind aus dem Segel, tatsächlich jedoch ist von eben diesem trotz aller Banalität verblüffend wenig vorhanden. Sicherlich mag es ein paar Miesepeter geben, die Straßengangs, die mit Rollschuhen und Hockeyschlägern unterwegs sind oder stepptanzend eiserne Melonen auf ihren geschminkten Häuptern tragen, als müllig bezeichnen würden, doch in diesem Genre und während dieser Periode hat man tatsächlich schon sehr viel härtere Kaliber erlebt.

Die Hauptrolle des fröhlichen Unfugs ging an den davor (und auch noch danach) völlig unbekannten Mark Gregory [→ THUNDER]. Der damals gerade mal 17 Lenze zählende Jüngling wurde der Legende nach direkt aus dem Fitnessstudio heraus gecastet und verkörpert die Titelfigur ‚Trash‘ als muskelbepackte Supertucke mit offenem Hemd, hautenger Hose und lobenswertem Hang zum Zweitgesichtsausdruck. Ihm gegenüber steht ausgerechnet Fred Williamson [→ GIANT KILLER], einer der ungekrönten Könige des B-Movies, der selbst, wenn er gar nichts macht, noch besser spielt als alle anderen. Locker steckt er auch hier wieder die komplette Restbesetzung in die Tasche, lässt eine Spruchsalve nach der nächsten raus und ist lässig genug, sich selbst im Angesicht des drohenden Flammentodes noch eine Zigarre anzustecken. Dazu sind mit Vic Morrow [→ STERNENKRIEG IM WELTALL] als grimassierender Nazibulle, George Eastman [→ DJANGO UND DIE BANDE DER GEHENKTEN] als Bandenführer im Mongolenkostüm und Christopher Connelly [→ DIE JÄGER DER GOLDENEN GÖTTIN] als zwielichtigem Grenzgänger noch ein paar nicht vollkommen unbekannte Mimen an Bord, die ihren Stiefel artig herunterspielen.

Auf dem Regiestuhl nahm mit Enzo G. Castellari ein echter Routinier Platz, der von Western [→ TÖTE ALLE UND KEHR ALLEIN ZURÜCK] über Kriegsabenteuer [→ EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE] bis zum Polizeikrimi [→ DER TAG DER COBRA] so ziemlich jedes Genre zuverlässig beackerte und hier seine halbe Familie auf die Besetzungsliste hievte: Seine Tochter Stefania Girolami [→ METROPOLIS 2000] ist als Ann zu sehen, sein Bruder Enio Girolami [→ DIE RÜCKKEHR DER WILDGÄNSE] gibt den bösen Waffenfabrikanten und er selbst dessen korrupten Anwalt.

THE RIFFS ist wunderbar launiges Actionkino aus zweiter Reihe, dessen siffige Endzeitatmosphäre auf eine quietschbunte Comicästhetik trifft. Angereichert mit ein paar garstigen, wenn auch nicht übermäßig expliziten Brutalitäten und attraktiven Western- und Horrorelementen, gelingt dem durchaus ambitionierten Ghetto-Reißer das Kunststück, im selben Atemzug sowohl DIE KLAPPERSCHLANGE als auch UHRWERK ORANGE zu zitieren, ohne dabei seinem schrulligen Stil untreu werden zu müssen. Ein paar uninspirierte Humoreinlagen (wie der Betrunkene, der anfangs ein paar Mal sinnlos durch die Gegend taumelt) sowie das provozierende Ins-Bild-Rücken von Hakenkreuzen zu Beginn hätte man sich zwar schenken können, dem Vergnügen jedoch ist das kaum abträglich. Das Publikum sah das wohl ähnlich, kam es doch nur ein Jahr später zur fortsetzenden FLUCHT AUS DER BRONX. Und sogar das bei Trash-Freunden berühmt-berüchtigte 'Lexikon des Internationalen Films' sprach seine Empfehlung aus: „Brutal und gewaltverherrlichend.“ So einfach kann man das zusammenfassen.

Laufzeit: 89 Min. / Freigabe: ungeprüft

Freitag, 25. April 2014

BADGES OF FURY


BU ER SHEN TAN
China 2013

Regie:
Wong Tsz-Ming

Darsteller:
Wen Zhang,
Jet Li,
Michelle Chen,
Liu Shishi,
Liu Yan,
Jacky Wu,
Tong Dawei,
Collin Chou



Inhalt:

Hongkong: Innerhalb kürzester Zeit sterben ein Schauspieler, ein Turmspringer, ein Balletttänzer und ein Immobilienberater auf hochmysteriöse Weise – ohne ersichtlichen Grund, aus heiterem Himmel und mit einem ins Gesicht gemeißelten Lächeln. Die beiden etwas chaotischen Polizisten Wang Bu Er [Wen Zhang] und Huang Feihong [Jet Li] sollen, unter der Leitung ihrer Chefin Angela [Michelle Chen], Licht ins Dunkel bringen. Schon bald finden sie heraus, dass alle Opfer mit der Schauspielerin Liu Jingshui [Liu Schishi] liiert waren. Als Hauptverdächtige gilt jedoch bald ihre attraktive Halbschwester Dai Yiyi [Liu Yan], welche ihr nicht nur jeden einzelnen Mann ausgespannt, sondern diesen kurz vor ihrem Ableben auch noch Lebensversicherungen zu ihren Gunsten aufgeschwatzt hat. Um den Mörder zu entlarven, spielt Wang Bu Er schließlich den Lockvogel und gibt sich als neuer Verlobter Lius aus. Schon nach kurzer Zeit muss auch er um sein Leben fürchten.

Kritik:

BADGES OF FURY – vom deutschen Verleih fast schon unverschämterweise als ‚spannungsgeladener Actionthriller‘ ins Rennen geschickt – ist eine mit jeder Menge rasanter Bewegung gespickte, dabei komplett durchs Dach steigende Nonsenskomödie, die ihre im Kern durchaus interessante Kriminalprämisse lediglich dazu nutzt, einen wüsten Orkan comichaft überzogener Krawall- und Klamaukszenen abzufackeln, die nur mühsam und allzu offensichtlich alibihaft durch notdürftig verbindende Story-Elemente zusammengehalten werden. So atmet Wong Tsz-Mings Regiedebüt auf eine gewisse Art und Weise den Geist des albern-überdrehten – manch einer möchte hier womöglich ausrufen: peinlichen - Hongkong-Kinos der 80er und 90er Jahre, wenn auch durch den damals noch nicht möglichen CGI-Einsatz inbrünstig ins neue Jahrtausend katapultiert. Im poppigen Manga-Stil werden hier pausenlos Possen gerissen, Grimassen geschnitten und nicht zuletzt die Gesetze der Schwerkraft in hyperkinetischen Martial-Arts-Geplänkeln außer Kraft gesetzt, wenn die Kämpfer ohne jede Not kilometerweit durch die Lüfte fliegen.

Doch im beispielhaften Gegensatz zu Stephen Chows zumindest stilistisch ähnlichem KUNG FU HUSTLE (2004) verfehlt BADGES OF FURY sein Ziel des Lacherfolges durch ein überraschend schlechtes Timing der ohnehin nur selten – eigentlich nie! – wirklich komischen Gags, die sich zu allem Überfluss auch nicht für eine bestimmte Richtung entscheiden können. Durchaus gelungene visuelle Spielereien mit attraktivem Cartoon-Charakter (der Schatten der männermordenden Femme Fatale erscheint als Schlangensilhouette an der Wand, Wolken verdichten sich bei drohender Gefahr zu einem Totenschädel) treffen auf banale Typenkomik inklusive schwulen Schotten und stotternden Versicherungsagenten, dazu gesellen sich abgestandene Slapstick-Nummern der Marke 'Sich den Kopf stoßen', 'Durch die Wand brechen' und 'Mit dem Gesicht gegen eine Scheibe klatschen'.

Der Krimi-Plot geht in dieser Ansammlung von Albernheiten mehr als einmal verloren, was immer dann zur Irritation führt, wenn die Fülle an Zoten mal wieder unvermittelt für dramatische, bisweilen sogar melancholische Momente unterbrochen wird, die im krassen Gegensatz stehen zu der generell vorherrschenden Geistlosigkeit. Doch interessiert man sich für die Schicksale der Protagonisten zwischen dem ungenierten Gehampel und Geblödel ebenso wenig wie für die Frage nach dem Täter, auch wenn die finale Auflösung, wenn auch nicht unbedingt bis ins Mark logisch, so doch zumindest ausreichend überraschend daherkommt. In solchen Augenblicken wird erst klar, wie viel Potential hier eigentlich verschwendet wurde, fällt die Konzentration auf die zugrundeliegende Handlung doch von Minute zu Minute schwerer, da man den im Klamauk versinkenden Dialogen und Ereignisketten schließlich nicht mehr die Bedeutung beimisst, die sie zumindest teilweise verdient hätten. Dramaturgisch äußerst ungeschickt setzt zudem der Subplot, dass Wang sich als Verlobter Lius ausgibt (und sich damit dem Mörder als Köder anbietet), viel zu spät ein, um bereits nach kurzer Zeit sang- und klanglos wieder fallengelassen zu werden, obwohl doch gerade diese Idee, so unoriginell sie eigentlich auch ist, für den dringend benötigten frischen Wind und die bis dato vermisste klare Linie hätte sorgen können.

Für anspruchslose Seelen mit Affinität zum überkandidelten Mainstream-Kino Asiens ist das Gebotene dennoch von durchaus brauchbarer Essenz, zumal der wilde Trip in seiner entfesselten Anarchie nicht vollkommen reizlos geriet. Schrille Kostüme und knallige Farben beherrschen das absurde Szenario, das zudem gespickt ist mit Anspielungen auf das Hongkong-Kino moderner und klassischer Tage. So lautet der Rollenname Jet Lis hier nicht zufälligerweise 'Huang Fei Hong', und die dazugehörige Fanfare nebst finaler Kampfszene im altertümlichen Theater verweisen fast schon ein wenig zu penetrant auf Lis größten Leinwanderfolg ONCE UPON A TIME IN CHINA. Neben einer seltsam uninspirierten und gut 15 Jahre zu späten MEN IN BLACK-Referenz fallen augenzwinkernde Bemerkungen über Jackie Chans POLICE STORY-Reihe und Hongkongs Filmgeschäft an sich, während die zahlreichen Gastauftritte (unter anderen vom Lam Suet [→ TRIANGLE], Stephen Fung [→ HOUSE OF FURY] und Jacky Wu [→ KILLZONE]) für Eingeweihte zwar ein paar „Ach, schau an, der/die/das spielt da auch mit!?“-Effekte bergen, an einem Großteil des westlichen Publikums jedoch eher unbemerkt vorbeirauschen dürften.

Jet Li, als prominentester Mitwirkender vom Marketing natürlich publikumswirksam ins Bild gerückt, hat zwar ein paar gelungene Kampfszenen, fiedelt hier jedoch nur auf zweiter Geige. Die eigentliche Show gehört Wen Zhang (welcher mit seinem Co-Star bereits in dem Fantasymärchen DIE LEGENDE DER WEISSEN SCHLANGE vor der Kamera stand) als trotteligem Polizisten, der seine Fälle mehr durch Glück als durch Verstand löst. Besonders in den humorbetonten Szenen wirkt Wen dabei ein wenig überfordert, da es ihm nicht gelingt, deren Möglichkeiten ausreichend auszuschöpfen, was besonders im direkten Zusammenspiel mit seiner Partnerin Michelle Chen auffällt (welche ihr Ziel ebenfalls verfehlt). Die Sequenz, in welcher beide erfolglos das Verhörspiel „Guter Bulle, böser Bulle“ ausprobieren, offenbart in ihrer Witzlosigkeit exemplarisch das Scheitern der Komik BADGES OF FURYs: Die Darsteller spielen brutal aneinander vorbei, die Reaktionen und Dialoge scheinen isoliert voneinander abzulaufen und die ganze Situation verpufft am Ende quasi pointenlos.

So oder so ähnlich fehlt es BADGES OF FURY über die gesamte Laufzeit hinweg erheblich an Rhythmus und Balance. Stattdessen feuert man hier rücksichtslos aus allen Rohren, garniert die Kampfszenen mit zeichentrickartigen Klangeffekten und serviert lieber einen Jux zu viel als zu wenig. Dass mit Corey Yuen [→ TRANSPORTER] ein geachteter Profi für die Martial-Arts-Action zuständig war, sollte man erwähnen, doch verschwindet dessen Talent größtenteils unter massivem Drahtseil- und Rechnereinsatz. Wer weiß, worauf er sich einlässt und nicht jedes Mal nach Perfektion strebt, kann bei dieser hyperaktiven Cop-Comedy im Staccato-Tempo durchaus gute 90 Minuten grellbunten Spaß erleben, ohne dabei ein großartig schlechtes Gewissen haben zu müssen, und Jet-Li-Fans schauen sowieso rein. Den ‚spannungsgeladenen Actionthriller‘ gibt es dann halt das nächste Mal.

Laufzeit: 94 Min. / Freigabe: ab 12

Samstag, 19. April 2014

ARMOUR OF GOD - CHINESE ZODIAC


SHI ER SHENG XIAO
China 2012

Regie:
Jackie Chan

Darsteller:
Jackie Chan,
Zhang Lanxin,
Kwon Sang-Woo,
Liao Fan,
Yao Xingtong,
Laura Weissbecker,
Oliver Platt,
Vincent Sze



Inhalt:

Jackie Chan, genannt 'Der asiatische Falke', befindet sich stets auf der Suche nach verloren geglaubten oder gestohlenen Artefakten. Als er den Auftrag des schwerreichen Kunstsammlers Lawrence Morgan [Oliver Platt] annimmt, zwölf im Krieg geraubte Statuen wiederzubeschaffen, ist das Beginn einer gefährlichen Reise rund um den Globus. Neben seinem Team, bestehend aus Bonnie [Zhang Lanxin], Simon [Kwon Sang-Woo] und David [Liao Fan], begleiten ihn auf seiner Suche schließlich auch die engagierte Archäologin Coco [Yao Xingtong] sowie die französische Großerbin Catherine [Laura Weissbecker], deren Vorfahren einst in den Raub involviert waren. Nach turbulenten Ereignissen zu Lande, zu Wasser und in der Luft trifft man sich schließlich zum Showdown in der unterirdischen Festung von Morgans Sohn Michael [Vincent Sze], wo sich Jackie zunächst dem gegnerischen Schatzsucher Vulture [Alaa Safi] stellen muss.

Kritik:

Jackie Chan ist wohl einer der bekanntesten chinesischen Darsteller der Welt – ein Ruf, den sich der eifrige Kämpfer seit Beginn seiner Leinwandkarriere hart erarbeiten musste. Zunächst hauptsächlich als Statist unterwegs, wurden seine überragenden Kampfkünste schon bald erkannt, weshalb man nach dem plötzlichen Tode von Martial-Arts-Ikone Bruce Lee versuchte, ihn zu dessen Nachfolger heranzuzüchten. Wirklicher Erfolg allerdings stellte sich erst ein, nachdem Chan etwas damals völlig Neues entwickelte und in den folgenden Jahren immer weiter perfektionierte: Seine originelle Kombination aus klassischem Kung Fu á la Bruce Lee und turbulentem Slapstick á la Buster Keaton machte ihn international zum Star, erst in historischen Kostümkloppern wie DRUNKEN MASTER, später dann in modernen Großstadtreißern wie POLICE STORY. Im Laufe der Zeit zementierte Chan immer weiter seinen Status als der Mann, der all seine halsbrecherischen Stunts selbst ausführt und für jeden neuen Film dem Tod ins Auge blickt.

Als eine der beliebtesten von Jackie Chan verkörperten Figuren gilt der ‚Asiatische Falke‘, eine Art chinesischer 'Indiana Bond' mit Gauner-Attitüde, der sich seine Brötchen durch aufwändig geplante und ausgeführte Raubzüge verdient und sich regelmäßig auf weltumspannende Artefakt-Suche begibt. Nach DER RECHTE ARM DER GÖTTER (1986) und MISSION ADLER (1990) ist CHINESE ZODIAC der dritte Teil der ARMOUR OF GOD-Saga, für welchen Chan den populären Charakter nach fast 20 Jahren Pause noch einmal reanimierte. Dieses hatte gewiss mehrere Gründe. Ein nicht unwesentlicher dürfte gewesen sein, dass Chan in gehobenerem Alter viele (vor allem westliche) Fans vergraulte, indem er sich nach der Rückgabe Hongkongs an China wiederholt als Befürworter der kommunistischen Regierung aussprach und seine Filme immer wieder auch als Bühne für entsprechende Propaganda nutzte. Das kostete ihm weltweit viele Sympathien, so dass eine Flucht in vergangene Erfolge als durchaus sinnvoller Schritt erschien.

Freilich war das nicht ohne Risiko, gilt doch gerade MISSION ADLER, der zweite Teil der Reihe und somit unmittelbarer Vorläufer CHINESE ZODIACs, völlig zurecht als einer der besten Jackie-Chan-Filme überhaupt, der wie kaum ein anderer artistische Akrobatik und infantile Albernheiten mit dem Flair des großen Abenteuers kreuzte und es blendend verstand, durch perfekt getimte Situationskomik das Publikumszwerchfell im Minutentakt zur Erschütterung zu bringen. Ein schwieriges Erbe also, das es anzutreten galt. Chan besaß inzwischen so viel Einfluss, dass er es sich nicht nehmen ließ, das ambitionierte Projekt quasi im Alleingang zu stemmen und so ziemlich alle wichtigen und weniger wichtigen Positionen einzunehmen: Hauptrolle sowieso, dazu Drehbuch, Regie, Produktion, Titelsong, Beleuchtung, Art Direction, Unit Production Manager, Catering Coordinator und vermutlich auch Klorollenverteiler.

CHINESE ZODIAC erweist sich letztendlich als durchaus stimmige Fortsetzung, die in Sachen Storytelling und Dramaturgie ganz den bewährten Erfolgsformeln gehorcht. Beginnend mit einer halsbrecherischen Verfolgung im Roller-Blade-Ganzkörperkondom, welche nahtlos an die ähnlich übertriebenen Eröffnungssequenzen der Vorgänger anschließt, erhält Jackie (hier durchgehend pseudocool 'JC' gerufen) von seinem Mentor Jonathan noch während seiner Flucht bereits den nächsten Auftrag. Es folgt eine Jagd zunächst nach diversen Kunstgegenständen, später auch nach einem verschwundenen Schiff durch verschiedene Länder und Kontinente, die in ihrer Mischung aus entfesselter Action und arglosem Geblödel gut 105 Minuten erfrischenden Eskapismus bieten kann. Wo MISSION ADLER allerdings bei gleichem Konzept zu wahren Lachstürmen hinriss, langt es bei CHINESE ZODIAC gerade mal noch zu dem einen oder anderen Schmunzler, zumal die leichtfüßige Fröhlichkeit der Originale hier einen etwas zwanghaft bemühten Eindruck macht.

Dennoch ist es ein Vergnügen, Jackie Chan ein weiteres Mal in seiner klassischen Rolle zu erleben, der hier mit seinen fast 60 Jahren auch immer noch respektabel agil rüberkommt. Und wenn 'JC' und sein Team auf einer exotischen Insel schließlich von einer Handvoll depperter Piraten mit Raketenwerfer und Maschinenpistole überfallen werden, kommen beim Fan gar wohlige Erinnerungen an selige SUPERFIGHTER-Zeiten auf. Dass die Inselszenen zudem offenbar komplett im Studio entstanden sind, unterstreicht noch zusätzlich den kindlich-unbedarften Charakter CHINESE ZODIACs, dem selbst die lausigen CGI-Effekte nichts Gravierendes anhaben können. Ohnehin gab man sich sichtliche Mühe, der Produktion zu einem realitätsfernen Look zu verhelfen, indem man bestimmte Farben massiv übersättigte. Das Ergebnis ist eine der Wirklichkeit entrückte bonbonbunte Comic-Welt, die an das begeisterungsfähige Kind im Manne appelliert.

Fraglos: Die Unschuld vergangener Tage ist ein wenig verloren gegangen, nicht nur, weil all die altmodischen Elemente auf teilweise allzu penetrant ins Bild gerückten High-Tech-Schnickschnack treffen. Jackie Chan wirkt hier ein wenig wie ein chinesischer Otto Waalkes, der es auch im Rentenalter nicht lassen kann, den Pausenclown zu geben und so tut, als wären in der Zwischenzeit lediglich 3 und nicht 30 Jahre vergangen. Was einst frisch und munter wirkte, erscheint mittlerweile wie ein trotziges Aufbäumen gegen den schwelenden Zahn der Zeit. Und trotzdem sieht man ihm gern dabei zu, zumal sich Chan auch deutlich besser gehalten hat als Waalkes und die Kampfchoreographien, wenn auch nicht mehr so zahlreich vorhanden, so doch zumindest einmal mehr exzellent in Szene gesetzt wurden.

Ein wenig überladen wirkt CHINESE ZODIAC aufgrund der zahlreichen Nebenfiguren, die das Szenario bevölkern, zumal ihnen kaum irgendwelche Konturen zugestanden werden. So hat Jackie Chan hier ein Team an seiner Seite, das einem weder vorgestellt wird, noch im weiteren Verlauf Eindruck hinterlassen kann. Für Amüsement hingegen sorgt die weibliche Begleitung, drückt man Chan hier doch getreu der Serie abermals zwei reizende junge Damen aufs Auge, die sich die gesamte Reise über kabbeln und Faxen machen dürfen. Zwar funktioniert das nicht halb so gut wie noch in MISSION ADLER, für eine Extraportion gute Laune sorgt es allerdings trotzdem. Als Bonus gibt es noch zwei minimale Gastauftritte von Shu Qi [→ UNDER CONTROL] und Daniel Wu [→ IN 80 TAGEN UM DIE WELT], während der amerikanische Schauspieler Oliver Platt [→ FLATLINERS] in der Rolle des zwielichtigen Kunstsammlers Morgan für die internationale Note sorgen darf.

Muss sie sich dem übergroßen direkten Vorgänger auch eindeutig geschlagen geben, so befindet sich die späte Wiederbelebung immerhin mit dem noch etwas ungelenken ersten ARMOUR OF GOD-Teil so ziemlich auf Augenhöhe. Zwar geriet das luftige Finale im wahrsten Sinne des Wortes ein wenig zu abgehoben und warum nebenbei auch immer mal wieder die Eheprobleme des Teams eine Rolle spielen müssen, wird wohl auch ein Geheimnis bleiben. Doch Jackie Chan erscheint trotz fortgeschrittenen Alters immer noch unermüdlich hyperaktiv und sorgt mit CHINESE ZODIAC für sympathischen Fan-Service vor und hinter der Kamera. Ein starker Arm der Götter ist das nicht mehr. Aber zumindest noch ein nettes Händeschütteln.

Laufzeit: 105 Min. / Freigabe: ab 12

Freitag, 4. April 2014

MAN OF TAI CHI


MAN OF TAI CHI
USA, China, Hongkong 2013

Regie:
Keanu Reeves

Darsteller:
Tiger Chen Hu,
Keanu Reeves,
Karen Mok,
Simon Yam,
Yue Hoi,
Michael Chan,
Ye Qing,
Iko Uwais



„Warum gewinnst du?“ - „Weil ich besser bin.“


Inhalt:

Chen Lin-Hu [Tiger Hu Chen] lebt in Peking in einfachen Verhältnissen und schlägt sich als Kurierfahrer durch. Seine Leidenschaft gilt der Kampfkunst Tai Chi, welche er regelmäßig im Tempel seines Meisters Yang [Yue Hoi] trainiert. Als er gegen den Willen Yangs an Fernseh-Wettkämpfen teilnimmt, erregt er damit die Aufmerksamkeit des eiskalten Geschäftsmannes Donaka Mark [Keanu Reeves]. Dieser veranstaltet vor wohlsituiertem Publikum brutale Martial-Arts-Kämpfe auf Leben und Tod. Von Unschuld und Bescheidenheit Chens gleichermaßen beeindruckt wie von seiner Kampfkraft, unterbreitet er diesem ein großzügiges finanzielles Angebot - freilich, ohne seine wahren Absichten zu verraten. Chen lehnt zunächst ab. Erst, als der Tempel seines Meisters aufgrund von Sicherheitsmängeln geschlossen werden soll, entschließt er sich, doch für Mark zu kämpfen. Nun beginnt für ihn eine Reise ans Ende der Unschuld und wieder zurück.

Kritik:

Hollywood-Star Keanu Reeves frönte in späteren Jahren, fraglos immer noch von seinem MATRIX-Ruhm und dem guten Klang seines Namens profitierend, seiner Liebe für das fernöstliche Kino und brachte mit 47 RONIN und MAN OF TAI CHI innerhalb kürzester Zeit zwei tief in der asiatischen Kultur verwurzelte Heldenreisen auf die Leinwand, die vom breiten Publikum aufgrund ihrer speziellen Thematik zwar eher ignoriert, von Genrefreunden jedoch überwiegend wohlwollend zur Kenntnis genommen wurden. Und obwohl er auch bei letzterem zunächst nur als Darsteller und Drehbuchberater eingeplant war, übernahm er schließlich, neben der Rolle des Antagonisten, auch noch den Regieposten, was innerhalb seiner Karriere eine Premiere bedeutete.

Bereits die (zumindest im Original vorhandene) Mehrsprachigkeit aus überwiegend Kantonesisch und Mandarin und nur wenig Englisch (was gut und gern als zuschauerunfreundlich gewertet werden darf) macht dabei deutlich, dass es Reeves wenig daran gelegen war, die asiatischen Motive den Gewohnheiten des westlichen Mainstream-Publikums anzupassen, weswegen auch Look und Location lobenswert unangetastet blieben: Der Schauplatz MAN OF TAI CHIs ist China, und seine malerischen Bilder sind ein relativ unverblümter Offenbarungseid einer geradezu schwelgerischen Liebe zum Handlungsort Peking. So erlebt man, während einer wunderbaren Kamerafahrt durch Häuserschluchten und Fensterscheiben, einen ganzen Tag flirrenden Großstadtlebens im Zeitraffer, und selbst der Abspann scheint nur zu existieren, damit ihm eine fast zärtliche verabschiedende Luftaufnahme der Metropole als Hintergrund dienen kann.

Das Drehbuch beschreitet derweil nicht mal im Ansatz neue Wege und betet die in der Vergangenheit bereits unzählige Male durchexerzierte Selbstfindungsgeschichte eines Mannes vom Erliegen der Versuchung über den Verlust der Unschuld bis hin zur gereinigten Wiederauferstehung ohne nennenswerte Variation treuherzig herunter. MAN OF TAI CHI funktioniert daher weniger als klassische Spannungskost, sondern viel mehr als einzige große Metapher, in welcher sich die Kampfkunst über ihre simple Funktion als Instrument körperlicher Auseinandersetzung erhebt und zum Gradmesser für Tugend und Standhaftigkeit wird: Hauptfigur Tiger Chen, hier und dort mal ein wenig aufmüpfig, doch moralisch einwandfrei, kommt vom rechten Wege ab, lässt sich, zunächst aus lauteren Motiven, später aufgrund schnöden Mammons und gekränkter Eitelkeit, von der dunklen Seite einspannen, bevor er seine Verfehlung schließlich erkennen und sich seinen Dämonen stellen darf. Das mag vom Kern her nicht neu sein und in seiner banalen Erkenntnis auch reichlich abgestanden, doch gibt sich die inhaltlich weitestgehend überraschungsfreie Moralparabel im selben Moment dermaßen aufrichtig, so voller Elan und Engagement, dass ihre Formelhaftigkeit so gut wie gar nicht ins Gewicht fällt.

Dass kaum eine Bindung des Publikums an die eher unterkühlt gezeichnete Hauptfigur erfolgt, ist freilich ein eher unschöner Nebeneffekt der Sache, nicht zuletzt deshalb, weil genau dieses Thema im Finale noch eine wichtige Rolle spielen soll. In seiner wohl wichtigsten Funktion macht MAN OF TAI CHI hingegen alles richtig: Die Kampfszenen sind durch die Bank schlicht großartig inszeniert - roh, grob und zeitweilen von geradezu schmerzhafter Brutalität, im selben Moment jedoch auch von purer Schönheit. Yuen Woo-Ping, mit Reeves noch aus seiner MATRIX-Zeit bekannt, sorgte für eine zuverlässig makellose Choreographie und Kameramann Elliot Davis [→ OUT OF SIGHT] lieferte die effektiven Bilder dazu. Wenn Tiger Chen sich, vor sich kultiviert gebendem Publikum in schickem Ambiente, einen ungleichen Überraschungskampf gegen gleich zwei rücksichtslose Gegner liefern muss, dabei, zwischen unstet flackerndem Licht, gerade mal noch die Silhouetten der Kämpfenden zu erkennen sind, dann werden die Möglichkeiten der Sehnervreizung größtmöglich ausgelotet.

Dabei experimentierte man ursprünglich sogar mit ganz neuen Kameramodellen, welche die Kämpfer während ihrer Einsätze umgeschnallt haben sollten, um eine bis dahin noch nie dagewesene Form der Publikumsinvolvierung zu erreichen. Doch selbst der Name Reeves öffnet bei solch einem riskanten Projekt nicht automatisch jeden Geldbeutel, so dass die progressiven Pläne schließlich ad acta gelegt werden mussten. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob dieses zum Vor- oder Nachteil MAN OF TAI CHIs geschah, doch ist es bemerkenswert, dass man stattdessen schließlich den umgekehrten Weg ging und die Fights auf das Elementarste reduzierte. Was hier zählt, ist nicht die technische Innovation, sondern die klassische Kontroverse: Zwei Männer, ein Raum, ein Befehl: „Fight!“

Diese Bescheidenheit, dieses Herunterbrechen auf das Notwendigste, dieser Verzicht auf effektheischende Übertreibungen für das Höher-Weiter-Schneller-Publikum zugunsten der respektvollen Huldigung der altmodischen Genreklassiker (bereits der Titel erinnert frappierend an Yuen Woo-Pings TAI CHI MASTER), das alles erweist sich als eine der größten Trumpfkarten MAN OF TAI CHIs und ist der Hauptgrund dafür, dass Reeves Regiedebüt so wunderbar rund läuft. Doch auch optisch hat der Regisseur sein Werk voll und ganz im Griff, präsentiert wunderbar ineinanderfließende Bilder, irgendwo zwischen antiquiert und modern, und gefällt sich in der genussvollen Auskostung markanter Gegensätze: Dem beschaulichen, ländlich gezeichneten Leben Pekings, mit seinen hart schuftenden, anständigen Bürgern, wird die gefühlskalte Hochfinanzfassade Hongkongs gegenübergestellt, klinisch rein, blitzeblank geschrubbt und frei von menschlicher Wärme. Chens meditative Übungen stehen in heftigem Kontrast zu den grausamen Tötungsveranstaltungen Marks, welcher bereits nach ein paar Minuten das erste Genick gebrochen und einem seiner Zöglinge brutalst die Kehle aufgeschlitzt hat.

Reeves spielt die Rolle des Antagonisten dann auch mit diebischem Vergnügen, gibt den großen Verführer mit leicht dämonischer Aura und kühler Attitüde, wobei ihm sein in der Vergangenheit oft verspottetes distanziertes Spiel hier nunmehr zur Ehre gereicht. Ironischerweise wirkt es dabei fast, als eifere er hier Al Pacino nach, welcher ihn im 1997er IM AUFTRAG DES TEUFELS noch selbst auf die Seite des Bösen ziehen durfte. So thront er wie der Leibhaftige persönlich auf sündhaft teurem, in seelenloser Symmetrie ausgerichtetem Mobiliar, um den moralischen Zerfall seines Schützlings live auf dem übergroßen Monitor mitzuerleben und mutiert in einem Moment teuflischen Gelächters tatsächlich zur unmenschlichen Schreckgestalt. Lediglich, dass Reeves sich am Ende als fast unbesiegbares Kampfass behauptet, strapaziert doch sehr die Glaubwürdigkeit. Zwar wirkt er in seiner einzigen Kampfszene mit seinen fast 50 Jahren noch respektabel agil, den Superfighter kann man ihm – nicht zuletzt aus dem Grund, da man um die überragenden artistischen Fähigkeiten seiner Mitstreiter weiß 
– dennoch nur schwerlich abnehmen.

Chen Hu, alias Tiger Chen, meistert seine Hauptrolle ebenfalls mit Bravour, obwohl seine Ausdrucksmöglichkeiten noch eingeschränkter sind als die eines Keanu Reeves. Das ist keine Überraschung, denn Chen ist eigentlich kein Schauspieler, sondern Stuntman und Kampfkunstlehrer, der sich am Set von MATRIX mit Reeves anfreundete. Dass er bei dessen Einstand als Regisseur nun gleich im Mittelpunkt stehen darf, ist nicht nur ein sehr sympathischer Freundschaftsdienst, sondern zudem auch noch eine gute Entscheidung: Chen wirkt als Darsteller wunderbar unverbraucht und im gleichen Maße unschuldig wie athletisch, so dass man ihm sowohl seine Arglosigkeit als auch seine Kampfkraft spielend abnimmt.

Auch bei der Besetzung der Nebenrollen bewies man ein sicheres Händchen, dem Genrefan werden bekannte Gesichter aus mehreren Generationen Martial-Arts-Action präsentiert, was für eine weitere Portion Authentizität sorgt. Yue Hoi, der bereits mit Jet Li in DIE MACHT DER SHAOLIN vor der Kamera stand, passt in die Rolle des alten Meisters Yang wie die berühmte Faust aufs Auge und als einer der Gegner Tiger Chens erkennt man Iko Uwais, der kurz zuvor mit der Gewaltoper THE RAID auf sich aufmerksam machte. Karen Mok [→ IN 80 TAGEN UM DIE WELT], ebenfalls ein bekanntes Gesicht des Hongkong-Kinos, ist als ermittelnde Polizistin Sun Jingshi zu sehen, während die Rolle von Ikone Simon Yam [→ BULLET IN THE HEAD] als Inspektor Wong fast schon sträflich verschenkt wirkt.

MAN OF TAI CHI ist insgesamt ein sehr beachtliches Debüt geworden, das seine moralinsaure Botschaft mit sanftem Märchenflair vernebelt: Protagonist Tiger Chen erscheint weniger als reeller Charakter, viel mehr als ein Ideal, als ein Sinnbild der Unschuld, als letzter Fackelträger einer eigentlich schon längst ausgestorbenen Disziplin – als letzter Schüler des Tai Chi. Donaka Mark ist seine Achillesferse, der heuchelnde Verführer, der an seine Eitelkeit appelliert, an sein Temperament, ihn manipuliert, seine Aggressionen Stück für Stück steigert. „Hast du Angst vor dem, was du ihnen antun könntest?“ fragt er, als Tiger dabei ist, im Kampf gegen seine Kontrahenten zu unterliegen. „Das musst du nicht.“ Dagegen agiert Meister Yang als Mentor Chens, als moralische Instanz, die ihm empfiehlt, den Geist zu reinigen und sein Chi zu sortieren: „Wenn du diesen Weg ohne Meditation gehst, dann wird es deinen Untergang bedeuten."

Chen geht diesen Weg, und bevor es zum finalen, in klassischer Wildwestmanier gefilmten und inszenierten Schlagabtausch kommt, muss er seine Lektionen lernen und seine spirituelle Mitte finden. Und obwohl die Pfade absehbar sind, nicht jeder Dialog perfekt sitzt und die Message fast schon rührend naiv daherkommt, bleibt MAN OF TAI CHI ein wunderbar ehrlich gemeintes Stück Kino von zielorientierter Geradlinigkeit und vibrierender Bildsprache.

„Du hast Blut gekostet“, tadelt Meister Yang seinen Schüler an einer Stelle. MAN OF TAI CHI ist die Versuchung durchaus wert.

Laufzeit: 105 Min. / Freigabe: ab 12

Mittwoch, 12. März 2014

IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE


IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE
BRD 1967

Regie:
Adrian Hoven

Darsteller:
Michel Lemoine,
Elvira Berndorff,
Janine Reynaud,
Claudia Butenuth,
Jan Hendriks,
Pier A. Caminnecci,
Howard Vernon,
Vladimir Medar



Adrian Hoven, als Schauspieler vorzugsweise jugendlicher Liebhaber im Nachkriegsdeutschland als redlich-reinlicher Schwiegermuttertraum einst berühmt-berüchtigt, begann ab Mitte der 60er Jahre selbst Regie zu führen und nutzte diese Möglichkeit, nicht völlig unwahrscheinlicherweise als notwendiges Ventil für sein blitzeblankes Saubermannimage, zur Inszenierung einer ganzen Reihe reichlich rüder Exploitation-Streifen, welche besagter Schwiegermutter einen vermutlich nicht unbedeutenden Strauß Albträume beschert haben dürften. Noch bevor Herr Hoven in dieser Funktion Hexen wahlweise schänden oder gar zu Tode quälen lies, lief er 1967 anständig warm und kreierte, wenn sich auch noch verschämt hinter dem putzigen Pseudonym Percy G. Parker versteckend, den reichlich obskuren Grusel-/Sex-/Kriminal-Hybriden IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE, einen zwar etwas ziellosen, doch eindeutig engagierten Rundumschlag durch eine Mehrzahl einschlägiger Genres, der seine fiebrige Lust am Laster nur schwerlich zu verhehlen vermag.

Inhalt:

Im Hause Baron Bracks wird gefetet, bis es rauscht: Von beschwingtem Jazz begleitet nuckelt eine illustre Partyrunde heiter am Champagnerglas, während der Gastgeber selbst bereits neben der erstbesten Beschwippsten hockt, um sie mit eindeutig zweideutigen Worten zu betören: „Was halten Sie davon, wenn wir zusammen ausreiten?“ Der Baron verweist dezent auf sein nahegelegenes Landhaus, das sich für so einen Ritt bestens eignen würde. Glück gehabt: Die so lieblich Angesäuselte, auf den Namen Elena hörend, deutet mit dem dezenten Hinweis auf ihre fabelhaften Reitkünste so etwas ähnliches wie Interesse an.

Und während der Rest der Gäste sich im befreienden Rausch der Polonaise verliert (so sind sie, die feinen Herrschaften!), machen sich Herr Baron und seine Eroberung mehr oder minder unauffällig aus dem Staube, um auch noch während ihres nun folgenden rasanten Ritts Dialoggut vom Feinsten auszutauschen („Pferde und Champagner sind die drei schönsten Dinge im Leben!“ - „Das sind zwei Dinge. Und welches ist das dritte?“ - „Frauen natürlich!“ - „Hahahahaha!“). Dass man während dieses angeregten Gesprächs nur die wild galoppierenden Beine der Pferde sieht, soll wohl verschleiern, dass in Wahrheit gar nicht Baron Brack und seine Herzdame im Sattel sitzen, sondern stattdessen irgendwelche Leute, die tatsächlich reiten können.

An der angepriesenen Behausung angekommen, fällt der guten Elena plötzlich ein, dass sie eigentlich doch gar keine Lust auf Sex hat und das Ganze eher so als kleines Späßchen gedacht war. „Ich wollte nur spielen“, lautet ihre eher zaghafte und auch nur wenig überzeugende Erklärung. „Aber nicht mit mir“, antwortet der Gehörnte, spendiert eine Gratisrunde Backenfutter und zieht sich die Holde höchstpersönlich über den Dorn. Kaum geschehen, stehen plötzlich Schwester, Schwager und Verlobter der soeben Geschändeten auf der Matte, und haben zu allem Überfluss auch noch Bracks eigene Verlobte Marion und seinen Bruder George im Schlepptau. Diese ahnen natürlich nichts von der bösen Tat und setzen ihre feucht-fröhliche Feier ungeniert fort. Des Amüsements irgendwann überdrüssig kommt man schließlich am Kaminfeuer zusammen, um sich die Schauergeschichte des Grafen Saxon (französisch ausgesprochen) zu erzählen, von dem kaum jemand etwas weiß und der praktischerweise in nicht allzu weiter Entfernung auf seinem Schoss residiert. Dessen Tochter wurde erst vor wenigen Tagen überfallen, so weiß Marion zu berichten, und der Vater setzte aus Wut und Verbitterung darüber einen wilden Bären im Wald aus. Und noch während man so fabuliert, schleicht sich Elena, offenbar aufgrund der Vergewaltigung seelisch noch nicht ganz auf der Höhe, unbemerkt davon und galoppiert in den Wald (auf einem Pferd, versteht sich!).

Der Weg, man ahnt es irgendwie bereits, führt sie zu besagtem und titelgebendem Schloss. Baron Brack, Elenas Schwester (die übrigens auf den Namen Vera hört) und deren Verlobter (mit dem kaum minder schönen Namen Roger) nehmen die Verfolgung auf und werden vor den Toren des Gemäuers empfangen von Alecos, einem bulligen Torsteher mit selten dämlichem Pseudo-Russen-Akzent. „Frau ist in Schloss“, verkündet dieser mit brutal rollendem „r“ und erklärt sich trotz deutlich zur Schau getragener Antipathie bereit, die lästigen Gäste zu seinem Herren, Graf Saxon, vorzulassen. Als dieser die Treppe herunterkommt und Vera erblickt, fallen ihm vor Überraschung fast die Glupschaugen aus dem hochadligen Schädel:


Folgend erweist sich der Graf zwar als unnahbar, doch auch als unerwartet gastfreundlich, führt seine Besucher zunächst zur schlummernden Elena, die, so heißt es, ziellos durch den Wald irrte, und bietet dann an, bis zur Genesung der Frau im Schloss verweilen zu dürfen. Da poltert es plötzlich unsanft an der Tür und Maria und George, welche unerwarteterweise ebenfalls die Verfolgung aufnahmen, stoßen zur bunten Truppe. Als Graf Saxon Maria erblickt, reißt er schon zum zweiten Male an diesem Abend die Glotzbuchten auf und fällt fast vom Glauben ab.

Der Grund für derlei Betragen wird dann spätestens beim abendlichen Gruppenschlemmen klar: Vera erinnert ihn auf unerhörte Weise an die Mätresse seines Vorfahren und Maria gleicht geradezu fatal seiner Tochter Katharina, welche, nach einer schweren Vergewaltigung, an eben jenem Tage im Keller des Schlosses verstarb. Sich ein Röslein vom Tisch grabschend, entfernt sich der Graf nach einigen tiefsinnigen Gedankenspielen („Liebe erzeugt Leben, und Liebe hat das Recht zu töten.“) von der Tafelrunde und bewegt sich mit schlafwandlerischer Eleganz die Treppe hinauf.

Doch wer nun glaubt, der Graf bettet sich zur Ruhe, der irrt: Tatsächlich führt Saxon mit seinem renommierten Kollegen aus der Ärztekammer eine blutige Operation an dem Leichnam seiner Tochter durch, deren Herz, entgegen seiner Angabe, sie sei tot, noch höchst aktiv herumschlägt. Doch auch Baron Brack denkt gar nicht daran, sich friedlich aufs Ohr zu legen: Mit dem Hinweis, das Auto holen zu müssen, schwingt er sich aufs Pferd, um das Schloss schnellstmöglich zu verlassen. „Haben keine Angst vor Bär?“ ruft ihm Alecos mit bewährt rollendem „r“ noch hinterher, doch das scheint nicht der Fall zu sein, denn Brack reitet wortlos weiter in die Nacht.

Waren die Ereignisse bis hierhin zwar zeitweise verwirrend, doch immer noch bodenständig, wird es spätestens ab hier reichlich kryptisch: So träumt Elena, sichtlich erotisiert, Zeugin einer Vergewaltigung zu werden, als sich, angeblich zur Zeit des 30jährigen Krieges geschehend, drei betrunkene Soldaten (die in ihren Kostümen aussehen wie die Zweitbesetzung einer Schultheateraufführung der „Drei Musketiere“) im Stall über ein Mädchen hermachen (wobei es durch die etwas unsauber montierten Schuß-/Gegenschuß-Aufnahmen die meiste Zeit eher so aussieht, als würden die Männer einen Heuballen rammeln und die Frau lediglich schreiend daneben liegen). Aus dem Off erschallen dazu tatsächlich Shakespeare-Zitate, die dem Geschehen wohl eine Art Tiefsinn geben sollen. „Oh, du zertrümmert Meisterwerk der Schöpfung - was geißelst du die Hure? Peitsch dich selbst!“ schwelt es dort erhaben, während die Täter gleichzeitig Dinge rufen wie: „Ganz schöne Kraft, das Hühnchen!“

Durch diesen Traum offenbar ganz juckig geworden, beginnt Elena nun, es mit Roger zu treiben, der sich, obwohl seine Verlobte quasi im Nebenzimmer wissend, auch im Handumdrehen verführen lässt. Unterbrochen wird das Dauerkoitieren dabei immer wieder von den blutigen OP-Bildern (welche im Übrigen eine tatsächliche Herzoperation zeigen) und den angestrengten Gesichtern der beiden herumdoktornden Gesellen, die immer noch fleißig dabei sind, Saxons Tochter ihre wild pochende Pumpe herauszupfriemeln. Und gerade, als man sich nach 15minütiger Abfolge freiwilliger sowie unfreiwilliger Rammelei und schlüpfriger chirurgischer Detailaufnahmen zu fragen beginnt, ob das nun die gesamte Restzeit noch so weitergeht, kommt dieser unvergleichliche Moment, in welchem der geflüchtete Baron Brack unvermittelt und aus heiterem Himmel mit einem Mann im Bärenkostüm ringt.

Während in den Gemächern weiter gepimpert und in den Gewölben weiter operiert wird, taumelt der blutig getrimmte Baron zum Schloss zurück und wird dort vom Diener Alecos empfangen. Es folgt ein Glanzlicht dichterischer Rhetorik:

„Der Bär“, röchelt ihm der Geschundene erklärend zu.

„Ja, der Bär“, gibt dieser zustimmend nickend zurück.

Großartig! Und ein paar Minuten zuvor wurde noch Shakespeare zitiert.

Kritik:

Ähnlich sprunghaft geht es weiter bis zum Schluss, der nur wenig Überraschungen birgt und einen irgendwie auch nicht mehr so wirklich interessiert. Nach recht vielversprechendem Beginn zieht sich das Geschehen nämlich trotz eher geringer Laufzeit am Ende doch arg und scheint ein wenig seine Richtung verloren zu haben. Herr Hoven, welcher auch am Drehbuch mitschrieb, war offenbar der Meinung, die Schockwirkung einer authentischen Operation am offenen Menschenherzen sei bereits einschlagend genug, um das Publikum auch über weitere Strecken in Atem zu halten. So dehnte er die blutigen Bilder schier endlos in die Länge, während die paradoxen Zwischenschnitte auf Beischlaf und Bärenkampf fraglos einen absurd-skurrilen Reiz besitzen.

Wirklich aufregend geht es hier allerdings ohnehin nie so wirklich zu, IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE punktet in seinen besten Momenten eher durch seine morbide Atmosphäre. Der Schauplatz, das düstere Gemäuer, wurde aus zahlreichen schrägen Perspektiven stimmungsvoll eingefangen, die Nebelmaschine ackert wie zu besten Edgar-Wallace-Zeiten und Kostüme wie Ausstattung sorgen für ein angenehm schauriges Kribbeln. In seiner Grundstimmung stark sexuell aufgeladen (ständig hat man das Gefühl, die Protagonisten würden am liebsten über sich herfallen wollen, um sich die Seele aus dem Leib zu vögeln), lässt sich ein frauenfeindlicher Unterton dabei nicht leugnen: Auf mehreren Zeitebenen wird hier vergewaltigt und getötet, zwar immer etwas zaghaft eingefangen und nie so explizit umgesetzt, wie man es wohl eigentlich gern gemacht hätte, sich jedoch trotzdem nicht unbedingt durch Geschmackssicherheit auszeichnend (auch, wenn die Schänder am Ende vor den Kadi gebeten werden).

Die Darstellerleistungen gerieten durchaus angemessen, die Schauspieler zählen sich insgesamt jedoch eher zur zweiten Garde. Der bekannteste Name auf der Besetzungsliste dürfte Howard Vernon sein, der hier als Graf Saxon wie wild die Augen aufreißen darf und sein markantes und nicht untalentiertes Gesicht in späteren Jahren fast ausschließlich nur noch für Vielfilmer Jess Franco in die Kamera hielt. Michel Lemoine, der später Pornofilme inszenierte, gibt den Baron Brack in einer hübschen Mischung aus aristokratischem Charme und tückischer Verschlagenheit, tatkräftig unterstützt von der süffisanten Stimme von Synchronlegende Gert Günther Hoffmann. In weiteren Rollen sieht man Elvira Berndorff als Elena, die dramaturgisch sinnlos einige Male ihre textilbefreiten Hupen ins Bild halten darf, und Janine Reynaud als ihre Schwester Vera, die in einer Szene nur wenig erotisch am Hühnchenknochen herumknabbert. Adrian Hoven selbst tritt zumindest verbal in Erscheinung und leiht Jan Hendriks als George seine Stimme.

Die Mischung aus gotischem Schauermärchen und Motiven des Sexfilms (und das noch vor der großen Welle) gehört nun nicht unbedingt zu den Höhepunkten des deutschen 60er-Jahre-Kinos, geriet jedoch in seiner experimentierfreudigen Sensationsgier angenehm verschroben. Angereichert mit den für die Zeit typischen humoristischen Dialogen und klassischen Krimi-Elementen dürfte Adrian Hovens mit nostalgischem Kintopp-Flair angefülltes Lustschloss für Interessenten des schrägen Leinwandvergnügens zumindest den einen oder anderen Blick wert sein.

Laufzeit: 76 Min. / Freigabe: ungeprüft