Eigene Forschungen

Sonntag, 28. September 2014

LAILA - VAMPIR DER LUST


MANTIS IN LACE
USA 1968

Regie:
William Rotsler

Darsteller:
Susan Stewart,
Steve Vincent,
M.K. Evans,
Vic Lance,
Pat Barrington,
Janu Wine,
Stuart Lancaster,
John Caroll



Nein, trotz des deutschen Titels hat man es hier nicht etwa mit Draculas rolliger Tochter zu tun. Der „Vampir“ ist hier wohl eher symbolisch zu verstehen und soll verdeutlichen, dass sich die titelgebende Dame auf nahezu unersättliche Art und Weise auf der Suche nach sexuellen Ausschweifungen befindet. Da LAILA – VAMPIR DER LUST aber gleichzeitig auch als ernsthafte Mahnung vor dem Drogenkonsum verstanden werden möchte, kommen zur Präsentation des gewährt-klassischen Kopulationsmoments auch noch eine gehörige Portion Rauschmittelmissbrauch und daraus resultierend einiges blutiges Schandwerk hinzu. Jede Menge großartiges Zeug also, das einem da versprochen wird, und dermaßen angelockt haben ihrerzeit bestimmt nicht wenige Schaulustige den Gang ins Lichtspielhaus gewagt.

Doch gar seltsam fängt es an: In einem stockdusteren Raum hockt irgendein Heiopei auf einem Stuhl und hat dabei ne Maske auf (und dabei liegt noch nicht mal irgendwo Stroh rum). Noch bevor man sich allzusehr wundern kann, was hier eigentlich gerade los ist, schiebt sich plötzlich ein bebrillter, bekrawatteter und auch ansonsten ungemein seriös aussehender älterer Herr aus der Finsternis ins Bild, der mit bierernster Miene verkündet, dass sich der anwesende Maskenhoschi gerade unter LSD-Einfluss befände und er ihm nun einige Fragen zu dieser Droge stellen werde - „um das Publikum aufzuklären“. Ach, so ist das also! Das Ganze ist eine Dokumentation. Wie schön, etwas Bildung schadet ja nie. Das folgende Interview ist dann auch wahrlich knüppelhart und sprüht nur so vor investigativem Journalismus:

„Wann haben Sie das erste Mal LSD genommen?“ - „Vor etwa zwei Jahren.“ - „Wann alt waren Sie damals?“ - „25.“ - „Wie alt sind Sie jetzt?“ - „27.“

Großartig! Und ähnlich brillant geht es auch weiter; der findige Reporter entlockt seinem Gegenüber so manch erhellende Aussage dazu, warum es sich so richtig lohne, den ganzen lieben langen Tag völlig verstrahlt zu verbringen: LSD habe ihm geholfen, sich besser zu verstehen und außerdem seine Gehirnfunktionen verbessert. Plötzlich könne er in Räume seines Lebensgebäudes gehen, die er zuvor nicht habe betreten können. Einmal habe ihm ein Mädchen vorgetanzt und unter LSD-Einfluss habe sie viel „eindringlicher“ gewirkt, viel „schöner“ und „graziöser“ (Mensch, da hätten ein paar Kännchen Gerstensaft doch auch schon gereicht).

An diesem Punkt der hochbrisanten Enthüllungsreportage wird übrigens ohne verstärkten Grund auf eine tanzende, sich dabei langsam entblätternde Dame geblendet, von der dann bis zum Schluss des lauschigen Zwiegesprächs der beiden Männer in dem dunklen Raum auch nicht wieder weggeblendet wird. Die beiden salbalbern dann auch fröhlich weiter, wobei man unter anderem erfährt, dass das Gehirn bei jedem Menschen verschieden ist und LSD den Zugang zum Unterbewusstsein erleichtert. Irgendwann werden dann auch noch in staubtrockener Begeisterung Statistiken heruntergebetet, die besagen, dass 20,7 % der amerikanischen Jugend aus den Bereichen der Colleges und Universitäten (also Studentenpack) schon mal LSD genommen haben oder innerhalb der nächsten sechs Wochen nehmen werden. Woher diese doch sehr genaue Zeitangabe mit den sechs Wochen stammt, wäre dann tatsächlich mal eine sehr interessante Frage gewesen, allerdings interessiert es zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon niemanden mehr, was der Nachrichtenheini da so alles von sich gibt, denn die holde Tänzerin ist jetzt bereits seit einigen Minuten doch ziemlich entblößt und die Kamera wird nicht müßig, ihre wippenden Hüften in Nahaufnahme und aus allen möglichen Perspektiven abzulichten. Wie war das? 20,7 %? Ja ja, schockierend das alles!

„LSD ist gefährlich!“ schimpft die Stimme dann plötzlich in mahnendem Oberlehrerton, gerade in dem Augenblick, in dem die Hüften so richtig wunderbar herumkreisen und das Bild der Tänzerin aufgrund einer optischen Kameraspielerei sogar schon anfängt, sich zu vervielfachen, „gefährlicher, als sich die meisten Menschen vergegenwärtigen.“ Schade, dabei klang das doch bis dahin eigentlich alles ziemlich geil, das mit den Räumen und den Gehirnfunktionen und so. Und die Alte im Bild sieht doch jetzt schon scharf aus, nun stelle man sich das ganze Geschlängel doch nur mal im LSD-Modus vor. Tja, so ziemlich an der Intention vorbeigeschrammt, möchte man meinen. Selbstverständlich nicht wirklich, denn diese war natürlich von Anfang an nur vorgeschoben. LAILA – VAMPIR DER LUST ist Bahnhofskinoplunder, der unter dem Deckmantel der Aufklärung und Warnung gerade versuchte, sein Publikum mit der Neugierde auf illegale Substanzen zu ködern, von denen der brave und gefrustete Familienpapa zwar fasziniert war, aber in der Regel doch ehrfurchtsvoll die Griffel lies.

„Schon in kleinen Dosierungen kann es Nervenzusammenbrüche und Selbstmorde herbeiführen“
, wird man weiter aufgeklärt, um schließlich eine elegante Überleitung zum eigentlichen Hauptprogramm herbeizufaseln. „Wir verfolgen in diesem Film die Lebensgeschichte eines Mädchens, Laila, das außer seiner nymphomanen Veranlagung als normal anzusprechen ist.“ Ach so, nur ein wenig nymphoman, das geht ja noch. Ansonsten aber alles in Butter, ja? Puh, Glück gehabt! „Normal anzusprechen“ ist, nebenbei bemerkt, auch eine richtig knorke Formulierung. Sollte das nicht eher „anzusehen“ heißen? Oder kann man die gute Laila auch unnormal ansprechen, in einer Bar zum Beispiel? Fragen über Fragen, die geklärt werden müssen. Vielleicht ja sogar von dem nun folgenden, so überaus eloquent angekündigten Zelluloid-Opus, das entgegen der Ankündigung doch nicht die Lebensgeschichte der nymphomanen, ansonsten jedoch völlig gesunden Laila erzählt, sondern nur einen kleinen Abschnitt daraus. Die Geburt und die ersten ca. 25 Jahre danach hat man sich nämlich kurzerhand gespart und ihre Geschichte beginnt nun, wie jede gute Geschichte, ganz traditionell auf der Tanzfläche einer Striptease-Bar. Vorhang auf:

Laila [Susan Stewart] ist Tänzerin in einer Striptease-Bar. Eines Tages nimmt sie das erste Mal LSD. Danach beginnt sie damit, Männer zu verführen und sie während des Geschlechtsaktes umzubringen. Das passiert drei Mal hintereinander. Beim dritten Male allerdings wird sie verhaftet. Ende.

Tja, das war sie auch schon, die „Lebensgeschichte“ der armen Laila und gleichzeitig auch die komplette Handlung dieses innovativen Meisterstücks. Mehr passiert hier nämlich tatsächlich nicht. LAILA – VAMPIR DER LUST ist ein wahnsinnig billiger Schundstreifen, der in seiner reißerischen Aufmachung zwar jede Menge Sensationen versprach, letztendlich jedoch kaum etwas davon zu halten vermochte. So funktionierte sie eben, die damalige Bahnhofskino-Masche, und man war damit – aufgrund der sagenhaft kostengünstigen Herstellung der Streifen – auch sehr erfolgreich. In diesem Zusammenhang hat man bei MANTIS IN LACE (wie das Teil fast schon edel im Original heißt) auch so ziemlich alles richtig gemacht, mehr noch: Die inhaltliche Nullnummer taugt geradezu als perfektes Anschauungsprojekt für die Mechanismen des frühen Exploitationkinos, das mit üblichen Zutaten auf Kundenfang ging und dabei gerademal für'n Appel und'n Ei in Szene gesetzt wurde.

Möglich, dass LAILA – VAMPIR DER LUST Ende der 60er Jahre sogar tatsächlich noch ein paar Leute befriedigen konnte. Rein formal wurden die Versprechen, namentlich Sex, Gewalt und Drogen, ja tatsächlich eingelöst. Aus späterer Sicht kann man mit der Umsetzung des Ganzen jedoch nicht mal mehr die eigene Großmutter erschrecken. So beschränkt sich der 'Sex' (wenn man ihn denn spaßeshalber mal so nennen möchte) auf das Räkeln halbnackter (und meistens auch nur halbhübscher) Damen im puffigen Dämmerlicht, die Gewalt auf auf- und niedersausende Mordinstrumente und ab und an ein wenig Kunstblut (war wohl ziemlich teuer, das Zeug, durfte man also nicht allzu oft verwenden) und der Drogenpart auf... nun ja,... kleine Pillen im Champagnerglas.

Produzent des Schmierstücks war Harry H. Novak, der von Anfang der 60er Jahre bis Mitte der 70er eine ganze Wagenladung ähnlicher Heuler auf die Leinwände hiefte: Immer viel nackte Haut, manchmal etwas Gewalt dazu und konsequent handlungsbefreit, um das Publikum nicht zu verwirren. 1968 drehte er zudem die Pseudo-Dokumentation MONDO MOD, aus welcher die beschriebene anfängliche Interview-Szene stammt, die speziell für die deutsche Fassung vor den Hauptfilm gesetzt wurde (das konnte man machen, da MONDO MOD in Deutschland nicht zu sehen war). Selbstverständlich (und eigentlich ist es unnötig, das zu erwähnen) ist die Szene gestellt. Der Mann hinter der Maske ist tatsächlich niemand anders als William Rotsler – der Regisseur von LAILA – VAMPIR DER LUST.

Die deutsche Fassung unterscheidet sich nicht nur aufgrund dieses hinzugefügten Intros von der Originalversion: Quasi alle Szenen, in denen nackte Brüste in Nahaufnahme zu sehen sind, wurden entfernt, darunter auch auch eine komplette und sehr merkwürdige Sex-Szene (merkwürdig deshalb, weil der Herr und die Dame, welche diese bestreiten, bis dahin niemals irgendwo im Film vorkamen und es auch danach nie wieder tun). Dafür enthält die deutsche Fassung jedoch wieder ein paar zusätzliche Szenen, bei denen es sehr rätselhaft ist, woher die überhaupt stammen, unter anderen eine sehr schräge Drogenpartyszene. Insgesamt ist die deutsche Fassung dadurch wesentlich konsumierbarer, da viel straffer geworden. Das Original hingegen versuchte, das inhaltliche Nichts zwischen Schäferstündchen, Tötungsdelikten und polizeilicher Ermittlungsarbeit mit schier endlosen Striptease-Nummern in die Länge zu zerren, was auf Dauer sehr an den Nerven sägt.

Ein großer Nachteil der deutschen Version allerdings ist, dass auch die Mordsequenzen zum Teil drastisch verkürzt wurden. Diese sind nämlich das eigentliche Highlight und der einzige Grund, warum LAILA trotz grassierender Ödnis doch noch sehenswert geriet. So beginnt die arme Lila (im Original wird sie ohne „a“ geschrieben) aufgrund ihrer LSD-Nascherei immer, wenn sie sich mit einem ihrer zahlreichen Freier vergnügt, nach ein paar Minuten heftigst zu halluzinieren. Das totale Lichtinferno entbrennt vor ihrem inneren Auge, bevor sie beginnt, wie von Sinnen mit Schraubendrehern und ähnlichem Handwerkszeug auf ihre Besteiger einzustechen. Diese Szenen sind tatsächlich hervorragend gemacht: Die Gesichter der Männer werden von bizarren Lichtspielen beleuchtet, der Sound wabert unheilvoll, die Schnitte zwischen der Realität und Lilas Horrortrips erfolgen so rasant, dass einem schwindelig wird – denn während Lila die Körper ihrer schreienden Opfer zerhackt, sieht sie sich selbst lediglich auf Kissen oder Kuscheltiere einstechen, was für herrlich surreale Bilder sorgt.

In diesen Momenten entwickelt LAILA – VAMPIR DER LUST gerade aufgrund seiner finanziellen Knappheit seine ganz eigene schäbige Poesie. Doch auch andere Dinge darf man ohne jede Reue positiv hervorheben: So sieht Susan Stewart in der Hauptrolle nicht nur passabel aus, sondern spielt ihre Rolle auch ziemlich gut (und zwar vor allem auch gerade dann, wenn sie die hysterische Tötungsmaschine gibt). Und das verträumt-verruchte Titellied von Vic Lance (der später dann auch die Rolle als Lilas erstes Opfer innehat) ist sogar ohne jede Einschränkung großartig und spukt einem Stunden später noch im Kopf herum.

Erwähnenswert ist noch, dass sich hinter der Kamera ein gewisser László Kovács befand, der später die Karriereleiter emporsteig und bei Kultfilmen wie EASY RIDER oder GHOSTBUSTERS für die Bilder sorgen durfte, bevor er dann am Ende für richtige Horrorfilme wie MISS UNDERCOVER arbeitete. MANTIS IN LACE hingegen will und wollte nie mehr sein, als das, was er auch wirklich ist: Sensationsheischende Marktschreierei mit perfider Doppelmoral, die ihre Entstehungskosten im Idealfall schon beim ersten Besucher wieder einspielt. So bietet das interessante Zeitdokument trotz seiner offensichtlichen Defizite allen Freunden leicht abseitigen Entertainments ohne Scheu vor Schäbigkeit ein durchaus erfreuliches Futter und gefällt als durchgehend unterhaltsamer, von
psychedelischen Szenen und wabernden Klangteppichen begleiteter Trip in abstruse Kinogefilde. Doch, doch... Auch ohne Substanzen ein sehr 'lustiger' Film.

Laufzeit: 83 Min. / Freigabe: ungeprüft

Freitag, 26. September 2014

PANIK IM TOKIO-EXPRESS


SHINKANSEN DAIBAKUHA
Japan 1975

Regie:
Jun'ya Satô

Darsteller:
Ken Takakura,
Ken Utsui,
Sonny Chiba,
Eiji Gô,
Etsuko Shihomi,
Takashi Shimura,
Yoshifumi Tajima,
Tetsurô Tanba



Inhalt:

Der „Hikeri 109“ verkehrt zwischen Tokio und Hakata und ist einer der schnellsten Züge der Welt. Eines Vormittags geht bei der Bahngesellschaft ein Anruf ein. Der bankrotte Geschäftsmann Tetsuo Okita [Ken Takakura] verkündet, dass, sollte die Geschwindigkeit des sich bereits in voller Fahrt befindlichen Zuges unter 80 Stundenkilometer fallen, eine an Bord platzierte Bombe in die Luft gehen werde. 500 Millionen Dollar verlangt er, dann werde er verraten, wo sich der Sprengsatz befindet und wie er entschärft werden kann. Um die Ernsthaftigkeit seines Anliegens zu demonstrieren, lässt der Erpresser zunächst einen Güterzug explodieren. Es bleiben nur wenige Stunden. Für Bahnpersonal, Rettungskräfte und die 1500 Passagiere beginnt ein hochstrapaziöser Nervenkrieg, aber auch für die Erpresser läuft nicht alles so, wie sie es geplant hatten.

Kritik:

Im Ausland gelten die Deutschen als ausgesprochen akkurat und überpünktlich. Dieser Eindruck jedoch dürfte in der Regel revidiert sein, sobald man als Tourist einmal gezwungen war, mit der Deutschen Bahn zu reisen. In Japan hingegen sieht die Sache schon ein wenig anders aus: Eine einzige Minute Abweichung vom Fahrplan gilt dort bereits als Unpünktlichkeit und Verspätungen passieren dermaßen selten, dass sie es bei Vorkommen sogar in die Hauptnachrichten schaffen. In ganz besonderem Maße gilt das für die sogenannten Shinkansen, die Hochgeschwindigkeitszüge. Seitdem sie 1964 erstmals vom Stapel gelassen wurden, erarbeiteten sich die stählernen Geschosse einen legendären Ruf und gelten als eines der pünktlichsten und sichersten Verkehrsmittel der ganzen Welt. Selbst, als es im Jahre 2004 zu einem Erdbeben kam und erstmalig einer der Züge entgleiste, kam es zu keinem einzigen Personenschaden. Auf diese Weise wurde der Shinkansen zu einem Symbol für die technische Überlegenheit der Nation.

Grund genug für Japans Filmproduktionfirma Toei, der Bevölkerung doch mal ein bisschen Angst einzujagen. Eindeutig im Fahrwasser der amerikanischen Katastrophenfilmwelle à la AIRPORT entstand somit im Jahre 1975 das ausladende Action-Vehikel PANIK IM TOKIO-EXPRESS (im Original: 'Die große Shinkansen-Explosion'), in welcher ein vollbesetzter Hochgeschwindigkeitszug zum Instrument einer großangelegten Erpressung wird. Mit aus dem Off erschallender Erklärbär-Stimme über den Alltag und die technischen Gegebenheiten des Bahnbetriebs beginnen die Ereignisse fast schon dokumentarisch, bevor das Pedal bis zum Anschlag durchgetreten wird. Bereits die Grundidee einer sich an Bord des Zuges befindlichen Bombe, die detoniert, sobald ein gewisses Tempo unterschritten wird, spielt mit einem der Kernelemente des Actionfilms: der ungebremsten Geschwindigkeit – ein Einfall, der 1994 für den Hollywood-Erfolg SPEED wieder aufgegriffen wurde.

Während man sich gut 20 Jahre später der Prämisse von PANIK IM TOKIO-EXPRESS bediente, fällt bei diesem ebenfalls die hohe Ähnlichkeit zu einem anderen Werk auf: STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123 heißt der nur kurz zuvor entstandene amerikanische Thriller, in dem es Walter Matthau als Sicherheitschef mit einer Bande von U-Bahn-Entführern aufnimmt. Aufgrund der zeitlichen Nähe könnte die Ähnlichkeit zugegebenermaßen auch ohne Weiteres dem Zufall geschuldet sein; dennoch folgt Regisseur Jun'ya Satô (der auch am Drehbuch mitschrieb) in dramaturgischer Hinsicht überwiegend westlichen Vorbildern, versäumt es dabei allerdings nicht, dem Geschehen auch einen asiatischen Stempel aufzudrücken. So beleuchtet der Reißer abseits seines Katastrophenszenarios auch die wirtschaftliche Situation des Landes, wenn in Rückblenden die zum Teil fatalen gesellschaftlichen Verhältnisse geschildert werden, welche die Bombenleger erst in ihre verzweifelte Lage brachten.

Die Zeichnung des Anführers, des insolventen Unternehmers Tetsuo Okita, geriet dann auch überraschend vielschichtig: Von der Rezession aus der Bahn geworfen, von der Ehefrau verlassen, sieht er in seinem Erpressungsplan schließlich den einzigen Ausweg aus seiner finanziellen Misere. Seine Mitstreiter, den politischen Aktivisten Koga und den jugendlichen Kleinkriminellen Fujio, hat er ebenfalls aus der Unterschicht rekrutiert. Gemeinsam bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, geeint vom Traum, ihrem verhassten Leben am sozialen Minimum zu entkommen. Vor allem Ken Takakura [→ BLACK RAIN] überzeugt dabei als ambivalenter Kopf der Bande, der abwägend zugleich skrupellos wie nachsichtig agieren muss, denn tatsächlich hat er trotz seiner gefährlichen Aktion nicht wirklich vor, nachhaltigen Schaden anzurichten.

Den leisen Anklängen des Sozialdramas stehen die verzweifelten Maßnahmen im Führerhaus des Schnellzugs und im Kommandozentrum der Bahnzentrale gegenüber, wo in ständiger Atemlosigkeit versucht wird, der schwierigen Situation Herr zu werden. Vor allem Ken Utsui [→ DER GROSSE WALL] als Streckenleiter Kuramochi schält sich dabei schnell als Sympathiefigur heraus, wenn er versucht, mittels klugen Kopfes und trotz aller Panik besonnener Taktiken Schlimmeres, wie den drohenden Aufprall mit einem auf gleicher Strecke nahendem Zug, zu verhindern. Auch die Polizeiarbeit kommt bei alledem nicht zu kurz, wenn die Beamten sich redlich mühen, die Lösegeldübergabe abzuwickeln, um sich dadurch auf die Spur der Verbrecher setzen zu können. Und als besonderes Bonbon sitzt Karate-Ass Sonny Chiba [→ DER UNERBITTLICHE VOLLSTRECKER], der normalerweise ganzen Heerscharen von Bösbuben den Hintern malträtiert, schwitzend und bebend im Führerhaus und zittert herzzerreißend um sein Leben.

Darauf, dem Publikum, wie im amerikanischen Kino üblich, vor Eintreten des Desasters ein paar Identifikationsfiguren zu präsentieren, mit denen man nachfolgend mitleiden und -zittern kann, wurde hingegen verzichtet. Die Passagiere des Unglückszuges bleiben im Großen und Ganzen eine anonyme Masse. Stattdessen setzt man überwiegend auf Temporausch, Panikzustände und verzweifelte Krisengespräche. Zur Ruhe kommen die Protagonisten dabei selten, wobei man zugeben muss, dass die Erregung dabei nicht unbedingt auf das Publikum überspringt. Zum einen liegt das an der Gewissheit, dass ein ungebremster Schnellzug auf den Gleisen im Prinzip nur wenig Schaden anrichten kann, zum anderen daran, dass die Actionszenen sehr auffällig mit Miniaturen getrickst wurden. Nun sind Modelleffekte im Prinzip immer ein sehr willkommene Angelegenheit, aber in solch einem auf Realismus angelegten Sensationsstück kann das der Illusion, Zeuge einer ernsthaften Bedrohung zu werden, doch schon relativ abträglich sein.

Zudem hält das Drehbuch auch noch ein paar Merkwürdigkeiten bereit, wenn beispielsweise mitten in der Lösegeldübergabe aus heiterem Himmel eine dauerlaufende Karate-Truppe auftaucht und sich nach lauten Zurufen seitens der Polizei in das Geschehen einmischt (das ergibt schon allein deswegen keinen Sinn, weil es der Polizei eigentlich daran gelegen war, die Aktion reibungslos über die Bühne gehen zu lassen). Und die einfach mal fesch ins Blaue geratene Maßnahme zur Entschärfung der Bombe darf auch gut und gern mit einem sanften Kopfschütteln quittiert werden. Ein paar arg überkonstruierte Un- und Zufälle sägen zusätzlich an der angestrebten Glaubwürdigkeit, während das Verhalten mancher Protagonisten auch so manches Rätsel aufgibt. Aber diese kleineren Unpässlichkeiten verschmerzt das engagierte Desaster-Epos locker, um am Ende doch sehr souverän in den Zielbahnhof zu fahren (nicht zuletzt, da der tragisch-symbolträchtige Schluss sich noch mal als zusätzliche Trumpfkarte erweist).

Dem deutschen Verleih war das alles viel zu ausufernd. Die zugegebenermaßen nicht gerade kurz und bündig gehaltene Terror-Reise wurde um gut eine Stunde (!) Material erleichtert. Trotz des deutschen Titels blieb von der Panik der Besatzung so gut wie gar nichts mehr übrig, und auch die Hintergründe für die Tat fielen quasi komplett der Schere zum Opfer. Um der Aktion zumindest so etwas Ähnliches wie einen Grund zu geben, legte die deutsche Synchronisation den Erpressern daher auch immer mal wieder einen Plan vom „perfekten Verbrechen“ auf die Lippen – was als Begründung für solch einen Coup doch etwas sehr dürftig daherkommt. Lediglich dem engagierten Label ‚Subkultur Entertainment‘ ist es zu verdanken, dass PANIK IM TOKIO-EXPRESS das Schicksal, als unattraktiver Torso im Billigregal zu verschimmeln, schließlich doch noch verwehrt wurde und seit 2013 auch in Deutschland in voller Pracht und Länge begutachtet werden darf.

Ein bisschen Patina hat der Tokio-Express fraglos angesetzt. Manche Dinge, die man dem technikunerfahrenen Publikum in den 70er Jahren noch vorsetzen konnte, wirken aus zeitlicher Distanz doch etwas hanebüchen, und die Tricks sind auf zwar liebenswürdige, doch illusionsverlustigende Art und Weise durchschaubar. Freunde des zünftigen Katastrophenkrachers und unverhohlene Zeitgeistsympathisanten dürften sich bei dieser Fahrt dennoch (oder gerade auch deswegen) pudelwohl fühlen. Alle Mann an Bord! 


Laufzeit: 146 Min. / Freigabe: ungeprüft

Dienstag, 23. September 2014

SIN CITY 2 - A DAME TO KILL FOR


SIN CITY – A DAME TO KILL FOR
USA 2014

Regie:
Robert Rodriguez,
Frank Miller

Darsteller:
Mickey Rourke,
Josh Brolin,
Eva Green,
Jessica Alba,
Powers Boothe,
Joseph Gordon-Levitt,
Bruce Willis



Inhalt:

Basin City, von allen nur Sin City genannt, ist ein Hort der Sünde, in dem sich Nacht für Nacht unfassbare Geschichten abspielen:

Ein stinknormaler Samstagabend:
Der ehemalige Sträfling Marv [Mickey Rourke] erwacht ohne Bewusstsein neben zwei Leichen und einem Autowrack. Verzweifelt versucht er, die Ereignisse der letzten Stunden zu rekonstruieren.

Eine Braut, für die man mordet:
Privatdetektiv Dwight McCarthy [Josh Brolin] erhält einen Anruf von seiner ehemaligen Geliebten Ava [Eva Green], die ihn um Hilfe bittet. Ihr neuer Liebhaber, der Multimillionär Damien Lord [Morton Csokas], quält sie regelmäßig und sein Chauffeur Manute [Dennis Haysbert] überwacht sie auf Schritt und Tritt. Trotz der Skepsis um den Wahrheitsgehalt ihrer Erzählung erliegt er den Reizen der schönen Frau und lässt sich auf ein riskantes Spiel ein.

Eine lange böse Nacht:
Dem übermütigen Glücksspieler Johnny [Joseph Gordon-Levitt] gelingt es, den korrupten Senator Roark [Powers Boothe] beim Pokern zu besiegen und ihn somit bis auf die Knochen zu blamieren. Das kann der stolze Mann nicht hinnehmen: Er lässt Johnny foltern und bricht ihm dabei die Finger. Doch Johnny gibt nicht auf und stellt sich dem Mann ein zweites Mal.

Nancys letzter Tanz:
Die Stripperin Nancy Callahan [Jessica Alba] will Rache: Einst erschoss sich ihr Beschützer, der Polizist John Hartigan [Bruce Willis], um sie vor Senator Roark in Sicherheit zu wissen. Nancy kauft sich einen Revolver, doch bringt es nicht übers Herz, den Senator zu erschießen. Sie sucht sich Unterstützung beim Ex-Sträfling Marv.

Kritik: 

Neun Jahre können eine lange Zeit sein, wenn man auf etwas wartet. Im Falle von SIN CITY vielleicht sogar ein wenig zu lang. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass A DAME TO KILL FOR, die späte Fortsetzung der zu ihrer Zeit phänomenal erfolgreichen Graphic-Novel-Adaption, an den Kinokassen so ernüchternd gescheitert ist. Und das, obwohl Regisseur Robert Rodriguez [→ DESPERADO] seiner schwarz-weiß-bunten Extravaganz bis in die Haarspitzen treu geblieben ist. Dass beide Werke von fast einem Jahrzehnt getrennt werden, merkt man tatsächlich nicht eine einzige Sekunde. Aber vielleicht lag der Misserfolg auch gerade darin begründet: In Zeiten von immer brachialeren Comic-Adaptionen der Marke AVENGERS oder AMAZING SPIDER-MAN wirkte der seinerzeit bahnbrechende visuelle Stil SIN CITYs fast schon ein wenig altbacken.

Sicher, die rebellische filmische Frische ist passé; hier wird nicht neu erschaffen, hier wird aufgekocht. Doch gerade deswegen dürfte Fans des Originals die etwas verwirrend verschachtelte Fort-, Vor- und Zwischensetzung sehr angenehm in den Magen gehen: Der Besuch in SIN CITY 2 wirkt wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten – auch, wenn diese nun teilweise andere Gesichter tragen. Von Josh Brolin [→ NO COUNTRY FOR OLD MEN] abgesehen, der die Rolle des Dwight McCarthy von Clive Owen übernahm, fällt dieses jedoch kaum ins Gewicht und geschieht eher dezent im Hintergrund – nicht zuletzt auch deshalb, weil Mickey Rourke [→ THE EXPENDABLES] in seiner wiederkehrenden Rolle als übermenschliche Killermaschine Marv ohnehin jegliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bereits die von ihm aus dem Off kommentierte Exposition ist ein Feuerwerk an Witz und Wahn und stimmt vorzüglich ein auf den nun folgenden Sumpf der Niedertracht.

Erneut folgen die mehreren einander überlappenden Rache-Geschichten sowohl stilistisch als auch inhaltlich den großen Vorbildern des Film Noir und treiben dessen Elemente dabei dermaßen auf die Spitze, dass SIN CITY 2 zu seiner eigenen Persiflage wird: Jeglicher Rest von Anstand oder Moral scheint von der Welt getilgt; es herrschen Laster, Gewalt und Gier. Die Frauen sind Huren, die Männer bei aller körperlichen Stärke innerlich schwach und psychisch gebrochen. Verbitterung, Korruption und Niedertracht beherrschen das trostlose Leben in den labyrinthartigen Straßenschluchten, wer den Fehler macht, anderen Menschen Vertrauen zu schenken, beißt früher oder später ins Gras. Und mittendrin agiert Eva Green [→ CASINO ROYALE] als verhängnisvolle Super-Femme-Fatale, die in eiskalter Berechnung ihre eigenen Ziele verfolgt und die Herren der Schöpfung gleich dutzendfach ins Verderben stürzen lässt.

Abermals scheint es, als sei die von Frank Miller erschaffene Comic-Welt direkt vom Papier gesprungen und zu übergroßem Leinwandleben erwacht (auch, wenn es dieses Mal nicht für jede Story eine gezeichnete Vorlage gab). Rodriguez zelebriert ein exzessives Spiel aus Licht und Schatten, zwar künstlich bis ins Mark, doch durch die realen Darsteller gleichzeitig auch auf irrationale Weise plausibel. Immer wieder wird die edle Schwarz-Weiß-Optik dabei durch leichte Farbschimmer aufgebrochen: Feuerrote Lippen oder gleißend blondes Haar künden von leisen Momenten der Hoffnung, von einem Hauch von Zuversicht in einer Welt der Finsternis. Doch am Ende zerschmettert die raue Wirklichkeit jede optimistische Gefühlsregung wie Kampfmaschine Marv die Köpfe seiner Gegner.

Wenn man SIN CITY 2 etwas zum Vorwurf machen möchte, dann könnte man freilich bemerken, dass die hier erzählten Episoden deutlich hinter denen des Originals zurückfallen und in ihrer Entwicklung auch überwiegend überraschungsfrei geraten sind. Man könnte erwähnen, dass ein paar der neu aufgegriffenen Handlungsstränge nach hochtrabendem Beginn ohne besondere Raffinessen wieder im Sande verlaufen, was einen ein wenig unbefriedigt zurücklässt. Und man könnte anführen, dass die emotionale Einbindung des Betrachters, wie beim Vorgänger noch vorhanden, dieses Mal nahezu komplett ausbleibt. Man schaut zu, man amüsiert sich, man ergötzt sich an den visuellen Spielereien, doch wirklich involvieren kann einen das Geschehen kaum. Man spürt, dass die alten Geschichten im Prinzip bereits abgeschlossen waren und die neuen lediglich ein Aufguss der bekannten Motive sind, dass man es letztendlich „nur“ mit einem gut gemeinten Nachklapp zu tun hat, der überwiegend Fan-Service betreibt.

Aber dennoch kann man sich unverschämt wohlfühlen in diesem kuriosen Kosmos der Sünden und Sakrilegien, dessen eigentlich beachtlicher Härtegrad durch den entfremdeten Comic-Stil nicht nur verharmlost, sondern sogar zu einem hemmungslosen Vergnügen wird. Das liegt nicht zuletzt auch an den vorzüglichen Darstellern, welche die surrealen Charaktere mit echtem Leben füllen. Neben Mickey Rourke, der als Marv quasi im Alleingang den Großteil A DAME TO KILL FORs auf seinen breiten Schultern trägt und zudem in drei von vier Episoden involviert ist, gefällt vor allem Powers Boothe [→ AUSGELÖSCHT], der hier als fieser Senator so richtig auftrumpfen und das widerliche Scheusal raushängen lassen darf, während er in Teil 1 quasi nur einen Gastauftritt absolvierte. Jessica Alba [→ DIE KILLERHAND] kehrt zurück als Stripperin Nancy, tanzt dabei allerdings besser, als dass sie schauspielert – den von Hass zerfressenen Racheengel nimmt man ihr nicht wirklich ab. Und der Auftritt von Bruce Willis [→ DAS FÜNFTE ELEMENT] als Detective Hartigan kann man eigentlich auch nur als 'pro forma' bezeichnen und dürfte innerhalb von ein paar Stunden absolviert worden sein.

Die entscheidenden neuen Figuren sind der leicht überhebliche Spieler Johnny, der von Joseph Gordon-Levitt [→ LOOPER] zwar nicht überragend, aber ausreichend souverän verkörpert wird, sowie die bereits erwähnte Eva Green als Ava Lord, die es sich wohl auf die Fahnen geschrieben hatte, alle Kino-Verführerinnen der Vorjahre zu toppen und sich am Set hoffentlich nicht erkältet hat. Bedauerlich ist der kurze Auftritt von Vorzeige-Ekelpaket Ray Liotta [→ FLUCHT AUS ABSOLOM], der als betrügender und mordaffiner Ehemann eine für ihn typische Paraderolle ergattern konnte, welche die Handlung allerdings viel zu schnell wieder verlässt.

Im direkten Vergleich muss sich SIN CITY 2 seinem Vorgänger geschlagen geben. Etwas zu stark sexualisiert auf der einen Seite, ein bisschen zu schlicht in der Auflösung seiner Fäden auf der anderen, wird die narrative Perfektion des Originals kein zweites Mal erreicht. Als durchaus willkommene Ergänzung hingegen taugt die betont lässige, angenehm-verruchte Sündensause allemal. Handwerklich nach wie vor makellos, bis unters Dach mit rabenschwarzem Humor befüllt und von nahezu ungebremster Fabulierlust – ein Mord lohnt sich dafür nicht, aber etwas mehr als 90 Minuten Lebenszeit ist das durchaus wert. 

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 18

Samstag, 20. September 2014

TÖTE, AMIGO


¿QUIEN SABE?
Italien 1967

Regie:
Damiano Damiani

Darsteller:
Gian Maria Volonté,
Lou Castel,
Klaus Kinski,
Martine Beswick,
Andrea Checchi,
Spartaco Conversi,
Jaime Fernández,
Joaquín Parra



„Gefällt es dir in Mexiko?“ - „Überhaupt nicht.“


Inhalt:

Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Revolution ist in vollem Gange. Das Volk lehnt sich mit blutigen Mitteln gegen die Staatsmacht auf. Einer der gefürchtetsten Aufständischen ist El Chuncho [Gian Maria Volenté], der überall für seine Grausamkeit berüchtigt ist. Als er und seine Bande einen Waffentransport der mexikanischen Armee überfallen, erhält er unerwartet Hilfe von dem sich an Bord des Zuges befindlichen Amerikaner Ben Tate [Lou Castel]. Trotz seiner Jugend und seines feinen Outfits wird er in die Bande aufgenommen, nachdem er verspricht, die Aufständischen zu unterstützen, obwohl er von Anfang an deutlich macht, dass es ihm lediglich um das dabei zu erntende Geld geht. Die nun folgende Reise wird zu einer Probe für die Ideale aller Parteien.

Kritik:

Western sind nun nicht unbedingt das, was man von Damiano Damiani grundsätzlich erwarten würde. Der linksliberale Regisseur verdankt seinen Ruhm in erster Linie seinen anklagenden Politthrillern mit solch schlanken Titeln wie GESTÄNDNIS EINES POLIZEIKOMMISSARS VOR DEM STAATSANWALT DER REPUBLIK oder WARUM MUSSTE STAATSANWALT TRAINI STERBEN?, die meist die Verflechtung von Politik und Verbrechen zum Thema haben. Wer jedoch genauer hinsieht, merkt schnell, dass sich TÖTE, AMIGO doch gar nicht so sehr von seinen späteren Werken unterscheidet und seine kritische Botschaft lediglich durch seinen historischen Hintergrund ein wenig vernebelt. Denn obwohl der Regisseur bestritt, er habe mit seinem grimmigen Revolutionsepos die damalige US-Außenpolitik kritisieren wollen, sind die Parallelen zu zeitgenössischen Ereignissen eigentlich unübersehbar.

Damals befand sich der Vietnamkrieg in einer Hochphase. Unter dem Vorwand, lediglich den Einheimischen zu Hilfe kommen zu wollen, trug die amerikanische Regierung auf fremdem Gebiet einen auf eigenen Vorteil bedachten Stellvertreterkrieg aus. Genau zu dieser Zeit erschien TÖTE, AMIGO und erzählte die Geschichte eines arrogant gezeichneten Amerikaners, der die mexikanischen Aufständischen im Kampf gegen ihre eigenen Landsleute unterstützt, dabei jedoch stets den eigenen Nutzen vor Augen hat. Ganz gleich, ob man diesen Umstand nun als gesellschaftliches Statement begreifen möchte oder nicht, fest steht: Selbst, wenn man den politischen Aspekt völlig außer Acht lässt (was auch durchaus möglich ist), bietet die ambitionierte Schlachtplatte durchgehend packende Unterhaltung, die bis zum Schluss in Atem hält und trotz der stringenten Erzählweise nicht mit Überraschungen geizt.

Grund dafür ist in der Hauptsache die tadellos funktionierende Figurenkonstellation, die von grandios besetzten Darstellern getragen wird. Gian Maria Volonté, der bereits in Sergio Leones Meilensteinen FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR sowie FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR als Schurke fungieren durfte, glänzt als ungeschliffener Revoluzzer El Chuncho, der in erster Linie für seine Ideale kämpft. Dabei begeht das Drehbuch keineswegs den Fehler, ihn zum erhabenen Helden zu stilisieren. Ganz im Gegenteil wird er als ziemlich skrupelloser und nicht übermäßig intelligenter Geselle gezeichnet, dessen Kaltblütigkeit einen das ein oder andere Mal sprachlos zurücklässt: Ohne jedes emotionale Problem lässt er bereits restlos besiegte oder flüchtige Soldaten über die Klinge springen; ein Unterschied zu den Gewaltakten der Gegenseite ist kaum erkennbar. Es ist daher kein Zufall, dass TÖTE, AMIGO zunächst aus Sicht der überfallenen Soldaten beginnt: El Chuncho hat einen Offizier als lebendes Hindernis auf den Gleisen fixiert; jeder, der den Zug verlässt, um dem Mann zu Hilfe zu eilen, wird gnadenlos über den Haufen geschossen. Als Zuschauer erlebt man mit den zusammengepferchten, um ihr Leben zitternden Männern El Chunchos Grausamkeit quasi höchstpersönlich mit, noch bevor die Figur überhaupt ein einziges Mal auf der Bildfläche erschienen ist.

Noch während dieses bluttriefenden Beginns wird der zweite wichtige Charakter eingeführt: Der Amerikaner Bill Tate, der sich als Gefangener mit an Bord befindet und sich an der Tötung des Zugpersonals kurzerhand beteiligt, ist ein jungenhaftes Milchgesicht und sieht aus wie frisch aus dem Ei gepellt. In feinstem Zwirn unterwegs und sich gewählt artikulierend, könnte der Kontrast zum grobschlächtigen El Chuncho größer kaum sein. Aber dennoch (oder gerade deswegen?) imponiert der junge Mann dem Bandenchef so sehr, dass er ihn quasi vom Fleck weg in seine Truppe integriert. Von Anfang an werden dabei die gegensätzlichen Beweggründe beider Partien wortlastig in den Fokus gerückt: El Chuncho geht es um die Befreiung des Landes, Tate, folgend nur noch „El Niño“, das Kind, genannt, interessiert sich für die materiellen Werte, für das Geld, das es dabei zu verdienen gibt.

Dem schwedisch-italienischen Darsteller Lou Castel [→ MÖGEN SIE IN FRIEDEN RUHEN], der diese Rolle interpretiert, wird dabei oftmals ein zu distanziertes Spiel vorgeworfen, doch genau das passt zu dieser Figur wie die berühmte Faust aufs Auge: Tate umgibt eine geheimnisvolle, eine unnahbare Aura, die seine eigentlichen Intentionen stets mysteriös und ungreifbar erscheinen lassen. Weltlichen Genüssen scheint er nicht oder nur selten zu erliegen; während seine Kumpanen feiern, saufen und den Frauen hinterhersteigen, beobachtet er abschätzend und aus Entfernung das Treiben der Menschen, die ihn umgeben. Eine innere Ruhe scheint in ihm zu wohnen, ein Geheimnis ihn zu umgeben. Die Beziehung zwischen ihm und dem Banditen mündet in einer kaum konkret ausgesprochenen, doch unterschwelligen verqueren Freundschaft, die ihren Höhepunkt in dem Moment findet, in welchem El Chuncho einen seiner eigenen Männer über den Haufen schießt, um Tate zu beschützen.

Es ist dieses ungewöhnliche Verhältnis der beiden Protagonisten zueinander, dieses glaubwürdig beschriebene Aufeinanderprallen zweier von Grund auf verschiedener Charaktere, das TÖTE, AMIGO zu so viel explosiver Spannung verhilft und dafür sorgt, dass man interessiert am Ball bleibt, obwohl im Prinzip keine einzige positive Identifikationsfigur existiert: El Chuncho erscheint viel zu naiv und menschenverachtend, als dass man Sympathie für ihn empfinden könnte, während Tate bis zum Schluss viel zu arrogant und auf fast schon unmenschliche Weise emotionslos bleibt, um als Held zu taugen. Exemplarisch dafür ist der Moment, als El Chuncho den reichen Gutsbesitzer Don Filipo töten lassen will, um sich für die Ausbeutung der Arbeiter zu rächen. Seinem Gerechtigkeitsempfinden nach erscheint es dabei völlig legitim, außerdem auch dessen Frau vergewaltigen zu lassen. Nur Tate ist dagegen – nicht aber etwa aus moralischen Gründen. Eine Vergewaltigung ist für ihn schlicht und einfach Zeitverschwendung. Das Schicksal der Frau ist ihm dabei freilich vollkommen gleichgültig.

Es sind also ganz eindeutig keine klassischen Helden in den Hauptrollen, mit denen man sich gleichsetzen könnte. Und dennoch bleibt man bis zum Schluss an ihren Schicksalen interessiert, spürt man doch schon von Beginn an, dass diese kuriose Konstellation in einem gewaltigen Konflikt gipfeln wird. Der Rest der Belegschaft gerät dabei schon fast ein wenig ins Hintertreffen, auch wenn mit Klaus Kinski [→ JACK THE RIPPER] als mordender Priester schon ein sehr starkes Geschütz aufgefahren wird. Vollkommen in seinem Element schleudert er seine Sprengsätze „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, und sorgt für explosive Abgänge gleich im Dutzend-Pack. Die auf Jamaika zur Welt gekommene Martine Beswick, die in LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU und FEUERBALL bereits James Bond Gesellschaft leistete, sorgt als Adelita für die weibliche Note, sieht recht feurig aus, ist für die ansonsten recht männerdominierte Handlung nicht unwichtig und spielt auch überzeugend, klingt in der deutschen Fassung allerdings wie Karl-Heinz. Die übrigen Charaktere bleiben kaum im Gedächtnis, zu sehr konzentriert sich das Drehbuch auf die Hauptfiguren.

Die Stärke TÖTE, AMIGOs liegt darin, dass er kaum Stellung bezieht. Er zeigt Figuren, die unmoralisch, die verwerflich handeln, doch weder verurteilt er dafür die Protagonisten, noch die Situation, in der sie sich befinden. Nüchtern und authentisch wirkend verzichtet er auf Gut-Böse-Klischees, zeichnet ein ambivalentes Bild aller Parteien und beschreibt das blutige Chaos des Umbruchs mit all seinen Paradoxa. Während der deutsche Titel versucht, das Werk erneut in die Baller-Baller-Schiene des typischen Italo-Westerns zu rücken, lautet der Originaltitel (zugegeben: wenig verkaufsfördernd) „Wer weiß?“, was in der Schlussszene seine Entsprechung findet. Dieser Moment schließlich ist dann auch der letzte, bindende Faktor, der in seiner Konsequenz und Aussagekraft ¿QUIEN SABE? zu einem echten Höhepunkt werden lässt. Doch trotz dieser deutlichen Autorenfilmelemente darf jeder, der nun eine kopflastige Intellektuellenkiste erwartet, beruhigt sein: TÖTE, AMIGO ist trotz seines zu Grunde liegenden Anspruchs ein packendes, mit feuriger Action verziertes Stück Kino geworden, mit dem sich jeder anfreunden kann. Wer das weiß, hat Glück.

Laufzeit: 113 Min. / Freigabe: ab 18

Mittwoch, 17. September 2014

ZWIEBEL-JACK RÄUMT AUF


CIPOLLA COLT
Italien, Spanien, BRD 1975

Regie:
Enzo G. Castellari

Darsteller:
Franco Nero,
Martin Balsam,
Sterling Hayden,
Dick Butkus,
Leo Anchóriz,
Romano Puppo,
Emma Cohen,
Helmut Brasch



1976 erschien KEOMA. Mit Enzo G. Castellari auf dem Regiestuhl entstand einer der dreckigsten und nihilistischsten Italo-Western überhaupt, in welchem sich sein Hauptdarsteller Franco Nero durch ein apokalyptisches Szenario aus Tod und Verderben kämpfen musste und dabei eine Menge Leichen zurückließ. Geradezu unglaublich erscheint es in diesem Zusammenhang, dass dasselbe Team fast zeitgleich auch ZWIEBEL-JACK produzierte, der wohl kaum einen größeren Kontrast zu Erstgenanntem darstellen könnte und beinahe den Eindruck erweckt, als sei er lediglich entstanden, da die Crew nach all der Weltuntergangsstimmung einen Ausgleich dringend nötig hatte. So weicht die raue Brutalität hier reinem Blödsinn und der graue Pessimismus grobem Unfug.

Zusammengefasst liest sich das dann so:

Inhalt:

Paradise City ist trotz seines Namens ein reichlich ranziger Ort. Als in dem kleinen Westernstädtchen plötzlich Öl gefunden wird, ist es mit der Ruhe vorbei: Der reiche Industrielle Lamb [Martin Balsam] terrorisiert die Bewohner, um ihnen das Land spottbillig abzukaufen. Der Farmer Foster allerdings weigert sich – und muss dafür mit seinem Leben bezahlen. Plötzlich taucht ein Fremder in der Stadt auf: Zwiebel-Jack [Franco Nero] liebt Zwiebeln über alles, isst sie, trinkt ihren Saft, schläft darin … und will sie deswegen auch anbauen. Zu diesem Zwecke hat er kurz vor Fosters Tod dessen Ranch gekauft. Gemeinsam mit Fosters minderjährigen Söhnen und dem Zeitungsverleger Pullitzer [Sterling Hayden] nimmt Jack den Kampf gegen die Schurken auf – mit Muskelkraft und Zwiebelsaft. 

Kritik:

Um sich auf den überaus subtilen ZWIEBEL JACK-Humor in angemessener Form einlassen zu können, sollten folgende Maxime unbedingt verinnerlicht werden:

  • Western-Helden, die ihre Gegner mittels Mundgeruch besiegen, sind witzig.
  • Sprechende Pferde sind witzig.
  • Furzende Pferde sind witzig.
  • Sprechende Pferde, die, bevor sie furzen, noch sagen „Dann bitte ich mal um Gehör!“ sind noch witziger.
  • Sätze wie „Der Sheriff mag keine Menschenaufläufe – nur Nudelaufläufe mag er“ sind witzig.
  • Verfolgungsjagden im Zeitraffer sind witzig.
  • Fahrräder, die sich während der Verfolgungsjagd in Ponys verwandeln, sind witzig.

Um auch noch die letzten Zweifel auszuräumen: ZWIEBEL-JACK ist krachlederner Klamauk der tiefergelegten Sorte und zieht als solcher hemmungslos vom Leder. Das dafür notdürftig errichtete Story-Gerüst vom schurkischen Ölmagnaten, der die armen Landbesitzer gewaltsam von ihrem Grund und Boden vertreiben will, gehorcht zwar im Grundsatz klassischen Genre-Regeln, bleibt jedoch von Anfang bis Ende bloßes Alibi für allerlei absurde Albereien. So wurde dann auch wenig Rücksicht darauf genommen, die Handlung in ein dramaturgisch durchdachtes Korsett zu zwingen, was vor allem dadurch auffällt, dass sich die Hauptfigur im einen Moment seinen Gegnern stellt (und ihnen dabei deutlich überlegen ist), im anderen Moment aber (immer dann, wenn es dem Drehbuch gerade gefällt) vor ihnen Reißaus nimmt. Was hier zählt, ist nicht der Sinn, sondern der Zweck. Und der Zweck ist ein Maximum an Schabernack.

Freunde von Castellanis düsteren Erfolgen wie JOHNNY HAMLET mögen hierüber womöglich die Nase rümpfen, doch tatsächlich war eine Karikatur der bekannten Muster zum Produktionszeitraum fast unumgänglich: Seit dem Erfolg mit DJANGO hatte sich das Genre aufgrund seiner zahllosen Wiederholungen mit immer ähnlichen Szenarien und Situationen im Prinzip selbst vernichtet; die einsamen Rächer und schweigsamen Revolverhelden lockten kaum noch einen Hund hinter dem Ofen hervor, geschweige denn in die Kinos. Die Popularität der Bud Spencer- und Terence Hill-Filme kam nicht von ungefähr: Der Italo-Western war bereits zu seiner eigenen Persiflage geworden; Filme wie VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA oder MEIN NAME IST NOBODY trugen diesem Umstand lediglich Rechnung. ZWIEBEL-JACK potenzierte den Blödelgehalt dieser Vorlagen nochmal um ein Vielfaches und ließ allzu ablenkendes Beiwerk einfach weg.

So ist es gewiss kein Zufall, dass Franco Nero hier agiert wie Terence Hill auf Speed (wodurch sich der Kreis auf drollige Art und Weise wieder schließt, verdankte Terence Hill ein paar seiner ersten Hauptrollen doch auch seiner optischen Ähnlichkeit zu Franco Nero). Verstärkt wird der Eindruck noch durch den gewohnt beschwingten Soundtrack von den Spencer-/Hill-Stammkomponisten Oliver Onions sowie speziell in der deutschen Fassung durch die bewährte Synchronisation aus dem Hause Rainer Brandt mit Terence Hill-Sprecher Thomas Danneberg in der Hauptrolle, die dem Original auch hier wieder noch so einiges an launigem Spruchgut hinzudichtet.

Dass man für die Hauptfigur kurzzeitig eine Liebesgeschichte erspinnt (Liebe auf den ersten Blick zwischen der Zwiebel und der Verlegerstochter), die dann aber vollkommen im Sande verläuft, hätte man sich freilich sparen können, und der reichlich verspätete Drehbucheinfall, dass Jack ein Mord in die Schuhe geschoben werden soll, ist ebenfalls schnell abgefrühstückt, bietet aber immerhin ein paar Lacher auf Kosten des dauertrunkenen Richters („Nach dem Anhören der Zeugen und dem Urteil der Geschworenen bleibt mir keine andere Wahl, als Sie zum Tode durch den Strang zu verurteilen. Dieser Akt der Ungerechtig... äääh … der Gerechtigkeit wird morgen bei Tagesanbruch vollzogen werden. Viel Vergnügen!“).

Dabei entstand ZWIEBEL-JACK bei allem Ulk nicht vollkommen uninspiriert: Am Drehbuch schrieben Sergio Donati und Luciano Vincenzoni, die bereits Genre-Klassiker wie VON ANGESICHT ZU ANGESICHT oder SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD auf dem Kerbholz haben (warum man für solch eine läppische Story zwei solche Ikonen benötigte, ist natürlich eine berechtigte Frage) und die Bilder von Kameramann Alejandro Ulloa junior [→ TÖTE ALLE UND KEHR ALLEIN ZURÜCK] sind teilweise fast schon ein bisschen zu gut für ein Werk dieses Schlages: Bereits die Eröffnungsszene in einer Landschaft aus Bohrtürmen erinnert an großes Kino, und wenn Nero seinen Kontrahenten inmitten zahlreicher, vom Wind durch den Ort getriebener Zeitungsseiten gegenübertritt, dann weht auch ein Hauch episches Flair mit.

Natürlich bleibt Castellanis Werk dennoch ein denkbar anspruchsloses Unterhaltungsprogramm, das vor allem durch seine Besetzung Laune bereitet. Franco Nero holt aus seiner Hauptrolle das Höchstmögliche an Komik heraus und parodiert voller Vergnügen sein Image als harter Kerl vom Dienst. Dass das tatsächlich derselbe Mann ist, der in DJANGO noch völlig verdreckt und desillusioniert einen Sarg durch den Schlamm schleifte, mag man kaum glauben. Auch der Rest der Riege ist sich für kaum eine Albernheit zu schade: Martin Balsam [→ HÖLLENHUNDE BELLEN ZUM GEBET] gibt mit Wonne den hinterhältigen Schurken mit mechanischem Metallarm, der allerdings ab und zu mal irgendwo steckenbleibt und von seinem Butler Adolf (nicht rein zufällig mit Zweifingerbart und Seitenscheitel unterwegs) aus dieser Bredouille gerettet werden muss. Dazu gesellt sich noch Altstar Sterling Hayden [→ DER PATE] als Zeitungsverleger Pullitzer (der Name ist natürlich auch kein Versehen).

Für weiteres Amüsement sorgen die beiden Söhne des Farmers Foster, die das erzwungene Ableben ihres Vaters erstaunlich gelassen zur Kenntnis nehmen, mit Dynamit um sich werfen und in ihrer Abgebrühtheit für so manchen Lacher gut sind. Als Hilfssheriffs agieren dazu zwei geschminkte Supertucken und die Handlanger des Bösewichts präsentieren sich als Motorradbande im Football-Dress. Viel verrücktes Zeug also und fraglos nichts für Feingeister. Wer sich jedoch ohne Scham auch über den seichten Humor der späteren Terence Hill- und Bud Spencer-Vehikel amüsieren kann, ist hier grundsätzlich an der richtigen Adresse. Nicht jeder Gag zündet und manche Dinge (wie die ausufernden Zeitraffersequenzen im Stummfilm-Stil) wirken reichlich altbacken. Was jedoch ständig durchschimmert, ist die pure Lust an der Sinnbefreitheit. Und wem das nicht schmeckt, für den bleibt ja immer noch
KEOMA. „Nich' wahr?“ 

Laufzeit: 88 Min. / Freigabe: ab 12

Montag, 26. Mai 2014

DIE KILLERMAFIA


LA POLIZIA ACCUSA: IL SERVIZIO SEGRETO UCCIDE
Italien 1975

Regie:
Sergio Martino

Darsteller:
Luc Merenda,
Mel Ferrer,
Delia Boccardo,
Michele Gammino,
Paola Tedesco,
Franco Giornelli,
Gianfranco Barra



Inhalt:

Im Italien der 70er Jahre tobt das Chaos: Eine Mordserie an höhergestellten Persönlichkeiten hält die Polizei in Schach, die Ermittler sind ratlos. Kommissar Solmi [Luc Merenda], extra aus Mailand importiert, soll Licht ins Dunkel bringen. Als die Leiche eines kleinen Erpressers gefunden wird, will er, im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, Staatsanwalt Mannino [Mel Ferrer], nicht so recht glauben, dass tatsächlich eine Prostituierte den Mann getötet hat, auch, wenn alle Indizien dafürsprechen. Als Solmi weiterermittelt, stößt er auf niederschmetternde Gewissheiten: Der Mord an dem Ganoven war nur die Spitze des Eisbergs, eine gigantische Verschwörung reicht bis in höchste Regierungskreise. Zeugen werden beseitigt, Beweismittel vernichtet. Schon bald weiß Solmi nicht mehr, wer Freund und Feind ist. 

Kritik:

Nachdem er 1974 Luc Merenda auf eine HETZJAGD OHNE GNADE geschickt hatte, gönnte Sergio Martino dem Jungen auch im Folgejahr keine Ruhe und ließ DIE KILLERMAFIA auf ihn los. Zwar durfte er dieses Mal auf der Seite des Gesetzes stehen, sein Leben jedoch geriet deswegen nicht weniger in Gefahr. Merenda gehörte zum Stammpersonal des vor allem durch seine Giallo-Wurzeln bekannten Regisseurs und Drehbuchautors Martino, dem es zwar nicht immer, aber doch in hübscher Regelmäßigkeit gelang, seine Arbeiten unter ihrer reinen Unterhaltungsoberfläche in solch ausreichendem Maße zu subtextuieren, dass sie neben der nach simpler Zerstreuung sich sehnenden Masse auch bei der sich dem Intellekt verschriebenen Kritikermeute Anklang finden konnten. LA POLIZIA ACCUSA (='Die Polizei klagt an' [Originaltitel]) reiht sich gewiss gern mit ein in diese Kette, darf zudem gut und gern als Beleg dieser These gelten.

Entstanden 1975, während der Hochphase des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms, der zu dieser Zeit, nicht selten reaktionär angehaucht und hauptsächlich in Reaktion auf den brutalen, von Terrorgefahr beherrschten Alltag des Stiefellandes entstanden, einigen Publikumszuspruch verbuchen konnte, beginnt DIE KILLERMAFIA mit einer regelrechten Tötungsarie und reiht, zunächst ohne jeden erkennbaren dramaturgischen Zusammenhang, Mord an Mord, wenn mehreren hochrangigen politischen Figuren auf nicht gerade sehr zimperliche Art und Weise das Lebenslicht ausgepustet wird. Martinos Giallo-Vergangenheit ist dabei kaum zu übersehen, die Bluttaten geschehen explizit, die (teilweise subjektive) Kamera bleibt nah an den schreckverzerrten Gesichtern. Im Zusammenspiel mit den dazu eingeblendeten Schlagzeilen, dem unruhigen, realistischen Bild und der nüchtern-unprätentiösen Ruppigkeit ergibt sich daraus, trotz durchschaubarer Tricktechnik, ein aufwühlender Dokumentarcharakter, der Stil und Atmosphäre der kommenden 90 Minuten maßgeblich mitbestimmen soll.

Diesem knalligen Auftakt, der mit der Sensationslust des Publikums geschickt zu spielen versteht, folgt die übliche, genretypische Ermittlungsarbeit der Polizei, die, wie man es von ihr nicht anders gewohnt ist, nach allen Regeln der Kunst auf dem Schlauch steht und sich deshalb bald Unterstützung von außerhalb kommen lassen muss. Mit dem Auftauchen Kommissar Solmis, der auf spannend erzählte Weise Hinweise entschlüsselt, Spuren verfolgt und sich (fast selbstverständlich) mit seinem Vorgesetzten anlegt, verschiebt sich der Kontext zwar langsam, aber doch sicher in eine andere Richtung. Befasst sich der Poliziotteschi in seiner Gesamtheit hauptsächlich mit blutigen Kriegen und Intrigen zwischen und im Polizei- und Gangsterapparat, kombiniert Martino die bekannten Zutaten mit den Versatzstücken des politischen Paranoia-Thrillers, welcher das Kino, resultierend aus dem erwachsenden Misstrauen der Bevölkerung gegenüber ihrer Führungskräfte, zu dieser Zeit ebenfalls fest im Griff hatte. Während die USA unter der Regie Sidney Pollaks DIE DREI TAGE DES CONDORS erlebten, verstrickten in Europa Regisseure wie Damiano Damiani [→ DER TERROR FÜHRT REGIE] ihre Protagonisten bereits seit mehreren Jahren in politische Skandalgeschichten mit anklagender Note und pessimistischer Weltsicht. 

DIE KILLERMAFIA übernimmt deren Motiv der permanenten Bedrohung und setzt auf das ohnmächtige Gefühl des ständigen Verfolgungswahns: Solmi merkt bald, dass die Mächte, gegen die er antritt, tatsächlich mächtig sind, sein Feind nicht etwa der kleine Ganove ist, mit dem er es sonst zu tun hat, noch nicht einmal der kaltblütige Mörder, der die ihm befohlenen Taten lediglich ausführt und dabei auch nur ein Rädchen ist im unfassbar großen Gesamtgetriebe, sondern die unsichtbaren Dunkelmänner, die quasi ungestraft im Hintergrund agieren und deren Einfluss und Möglichkeiten jede Vorstellungskraft übersteigen. Obwohl eigentlich ein guter Mann in seinem Job, merkt Solmi, ohne jede Frage die Identifikationsfigur des Publikums, immer mehr, dass er dieser überlebensgroßen Aufgabe nicht gewachsen sein kann. Der Feind scheint jeden seiner Schritte vorauszuahnen, Zeugen werden postwendend beseitigt.

Einem kompetent durchgeführten Belastungstest würde das Drehbuch dabei freilich nicht standhalten: Warum die geheimnisvollen Hintermänner so ziemlich jeden ermorden, der dem Kommissar in irgendeiner Weise hilfreich sein könnte, anstatt ihn kurzerhand einfach selbst über die Klinge springen zu lassen, wird so wirklich plausibel nicht erklärt. Hier kommt halt doch wieder die reine Reißer-Attitüde zum Vorschein, die einfach nur ihr nach Spannung geiferndes Publikum an sich binden möchte. Doch findet DIE KILLERMAFIA eine durchaus passende Balance aus Anspruch und simpler Attraktion, zumal man sich auch in Sachen Action lange Zeit bedeckt hält, um erst im Finale wirklich aufzutrumpfen. Die großkalibrige Attacke einer kampfbereiten Hubschraubergarnison sorgt dann auch für so einige Schauwerte.

Auf eine geschönte Optik wurde verzichtet, die gute wie die böse Seite ist gesäumt mit einem illustren Haufen herrlich hässlicher Hackfressen. Als einzige Ausnahme geht da noch am ehesten Hauptdarsteller Luc Merenda durch, der sein Geld zuvor immerhin als Model verdiente. Dieser macht Robert De Niro zwar niemals ernsthaft Konkurrenz, spielt jedoch solide und hat allein aufgrund seiner Rolle als ehrbarer, doch in hilfloser Verzweiflung gefangener Kommissar die Sympathien auf seiner Seite. Als sein Vorgesetzter agiert Mel Ferrer [→ DER LÄNGSTE TAG], der als unnahbare Persönlichkeit mit aristokratischer Aura zwar einfallslos, allerdings auch treffend besetzt wurde. Der bekannteste Name auf der Besetzungsliste ist Tomas Milian [→ TÖTE, DJANGO], damals völlig zu Recht einer der bekanntesten und beliebtesten Mimen Italiens. Der gebürtige Kubaner war meistens in Hauptrollen zu sehen und bestach dabei nicht selten durch sein extravagantes, wenn nötig auch überkandideltes Schauspiel. In dieser eher kleinen Rolle des Captains Sperling hingegen hält er sich ungewohnt zurück, was einen viel größeren, da authentischen Eindruck hinterlässt.

Die finale Übeltäterenttarnung schließlich wirkt zwar nur wenig überraschend, wurde jedoch, mit vorhergehender Zu-Fuß-Verfolgung über Stock und Stein, ausgezeichnet inszeniert. Der darauf folgende politische Schlagabtausch geriet zwar etwas naiv formuliert, spiegelt die damals in Italien grassierende Angst vor einem Staatsstreich allerdings eindrucksvoll wider. Nicht nur wegen dieses starken Schlussaktes ist DIE KILLERMAFIA eine gelungene Melange aus Polizeikrimi und Politthriller, für die Martino auch seine Wurzeln nicht völlig ignorieren musste: Der mittige Moment, in dem eine junge Frau vor ihren Verfolgern flieht, eine Telefonzelle erreicht und es noch schafft, den Kommissar zu benachrichtigen, bevor sie ebenso unglückselig wie vorhersehbar zu Tode stranguliert wird, erweckt den Eindruck, als hätte man sie direkt aus einem Giallo hineingeschnitten.

Die hiesige Synchronisation des Ganzen liegt die meiste Zeit dermaßen neben der Spur, dass man sie eigentlich eher als Asynchronisation bezeichnen müsste, geriet dazu im Dialog oftmals seltsam steif und bieder – ganz im Gegensatz zum deutschen Titel, der reichlich reißerisch gewählt wurde. Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Für Freunde spannender Kinounterhaltung mit 70er-Jahre-Charme ist Martino eine kleine wunderbar-ungeschliffene Perle geglückt, gegen die nicht mal die Polizei was sagen kann. 

Laufzeit: 93 Min. / Freigabe: ungeprüft

Samstag, 24. Mai 2014

HETZJAGD OHNE GNADE


LA CITTÀ GIOCA D'AZZARDO
Italien 1974

Regie:
Sergio Martino

Darsteller:
Luc Merenda,
Dayle Haddon,
Corrado Pani,
Enrico Maria Salerno,
Lino Troisi,
Giovanni Javarone,
Salvatore Puntillo,
Carlo Alighiero


Inhalt:

Luca Altieri [Luc Merenda], lächerlich lässig mit Motorroller und Nelke im Knopfloch unterwegs, betritt eine schummerige, eher schlecht besuchte Kneipe und bestellt beim Barmann einen ganz besonderen Cocktail: Milch und Champagner. Dieser ungewöhnliche Wunsch öffnet ihm eine verborgene Tür hinter den Waschräumen: die Tür zum illegalen Spielcasino des „Präsidenten“ [Enrico Maria Salerno]. Die dort anwesenden Spieler belächeln seine alberne Erscheinung ebenso wie seine vermeintliche Ahnungslosigkeit beim Pokerspiel und müssen erst, nachdem er sie nach Strich und Faden ausgenommen hat, einsehen, dass er ein besserer Trickbetrüger ist als sie selbst es jemals waren. Dieser Umstand beeindruckt den „Präsidenten“, den an den Rollstuhl gefesselten Chef des Etablissements, so sehr, dass er den jungen Mann vom Fleck weg als neuen Mitarbeiter engagiert. Nun beginnt Luca die Karriereleiter emporzusteigen, freilich nicht, ohne dabei den Hass von „Präsidenten“-Sohn Corrado [Corrado Pani] auf sich zu ziehen. Als Luca auch noch mit dessen ‚Freundin‘ Maria [Dayle Haddon] anbandelt, die von Corrado wie ein Hund an der Leine gehalten wird, ist das der Beginn einer katastrophalen Ereigniskette.

Kritik:

Sergio Martino ist ein Name, den Freunde des italienischen Kinos in erster Linie mit seinen Beiträgen zum Giallo-Genre verbinden. Mit DER SCHWANZ DES SKORPIONS und DER KILLER VON WIEN inszenierte er zwei der beliebtesten Vertreter dieser italienischen Thriller-Variante, beides stilistisch ausgefeilte, blutgetränkte Kriminalgeschichten, in welchen schwarzbehandschuhte Rasiermessermörder gutaussehenden Frauen brutal den Lebensfaden zerschneiden. Tatsächlich jedoch beackerte der emsige Regisseur im Laufe seiner Karriere so ziemlich jede erfolgversprechende Kategorie und erarbeitete sich dabei den Ruf des grundsoliden Handwerkers, in dessen Arbeiten sich künstlerischer Anspruch und profane Massenunterhaltung die Klinke in die Hand geben. Mit HETZJAGD OHNE GNADE versuchte er sich am Gangsterdrama und zeichnete die zwar wenig innovative, doch nichtsdestoweniger durchgehend kurzweilige Story des Falschspielers Luca, der sich nach bewährtem Muster zum Liebling des Paten hocharbeitet, um sich im Anschluss, durch das Verlieben in die falsche Frau, wieder um Geld und Glück zu bringen und eine nicht enden wollende Gewaltspirale in Gang zu setzen.

Die zeitliche Nähe zu DER CLOU mag womöglich kein Zufall sein, doch geht Martinos Werk einen ganz anderen, deutlich radikaleren Weg als George Roy Hills kauziger Klassiker und tauscht dessen lässige Eleganz gegen lasterhaftes Treiben – das Duell am Spieltisch wird zum Kampf auf Leben und Tod. Vor allem zu Beginn geht es dabei mit beachtlichem Tempo voran; allzu zeitraubende Erklärungen betreffend Motivation und Zielsetzung sparte man sich kurzerhand, und auf eine unnötig umständliche Charakterzeichnung wurde bereits allein dadurch verzichtet, dass die auftretenden Figuren nach sattsam bekannten Schablonen auf den Punkt skizziert wurden: Hier Luc Merenda [→ DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS] als von jugendlicher Ungestümheit erfüllter Spitzbube, der mit losem Mundwerk und flinkem Finger so ziemlich jede Situation zu meistern versteht und bereits in der Eröffnungsszene lässig mit seinem Motorroller ins Bild fährt, dort Corrado Pani [→ PINOCCHIO] als sein Gegenspieler, Papas Sohn, Frauenschläger, Mörder und schlechter Verlierer obendrein. Und mittendrin Dayle Haddon [→ BIG BOY] als rehäugige Schutzbedürftige, die fast schon sinnbildlich für den Traum von Frieden und Freiheit steht. Und über allem thront Enrico Maria Salerno [→ DAS SYNDIKAT] als mobilitätseingeschränkter Mentor, der, trotz seiner Funktion als oberster Käse der Mafia, noch am meisten Ehre im Leibe hat.

Mögen einem die Figuren in ihrer Reißbrettartigkeit auch merkwürdig vertraut verkommen, so funktioniert deren Konstellation über weite Strecken dennoch, obwohl selbst die Charakterentwicklung in bekannten Bahnen verläuft: Luc Merendas Fassade als jugendlicher Heißsporn bekommt Risse, als ihm – DJANGO lässt grüßen! - seine Hände, die Instrumente, die ihn regelmäßig zum Sieg führten, die quasi seine Existenz bedeuten, unerbittlich zertrümmert werden. Aus dem unbeschwerten Lebemann wird ein Besessener, der wie wahnsinnig für seine große Rückkehr trainiert. Dayle Haddon lernt, sich in der Rolle des Opfers nicht mehr länger zu gefallen und ein Leben in Freiheit vorzuziehen (es liegt an der für die Zeit typischen Machismus’ des Drehbuchs, dass sie dennoch bis zum Schluss das schutzsuchende Duckmäuschen bleibt und ihre Funktion letztendlich nur darin liegt, dem Hauptcharakter ein Kind versprechen zu können). Corrado Pani steigert sich indes mehr und mehr zum Monster, dessen unbedachter Leichtsinn ihn schließlich – wenn auch auf sträflich banale Art und Weise – in seinen Untergang führen soll.

Die Möglichkeiten, die sich daraus sowohl auf darstellerischer als auch narrativer Ebene ergeben, werden allerdings lediglich im Ansatz ausgeschöpft, besonders die Rolle Luc Merendas wirkt fast schon irritierend verschenkt: Sein Weg vom Leichtfuß zum Fanatiker nutzt das vorhandene Potential nicht wirklich aus, zieht sein Spiel doch kaum Trennlinien zwischen den einzelnen Phasen. Auch seine quasi aus heiterem Himmel hereinbrechenden Gefühlswallungen für die Frau seines Feindes wirken nicht nachvollziehbar. Wirklich aufrüttelnde oder gar prägende Momente gelingen HETZJAGD OHNE GNADE nur selten. Einer davon ist die Szene, als Corrado, in ohnmächtiger Verzweiflung darüber, dass seine Geliebte Maria (die er in ständiger Selbsterhöhung als „sein Eigentum“ bezeichnet) sich einem anderen hingegeben hat, seinem Leibwächter befiehlt, sie zu vergewaltigen. Während der Mann über die hilflose Frau herfällt, spiegelt sich in Corrados Gesicht eine ekelhafte Mischung aus Lust und Verzweiflung, wird ihm seine eigene Impotenz, die er regelmäßig durch seinen Reichtum zu kompensieren versucht, doch bewusster als je zuvor.

Der schwelende Konflikt zwischen Enrico Maria Salerno als unantastbare Vaterfigur (die sich selbst „Präsident“ nennt), die viel lieber den gewieften Luca als seinen Nachfolger sähe, und Corrado Pani als dessen machthungriger und unbeherrschter Sohn, der seine Minderwertigkeit durch Gewaltausbrüche auszugleichen versucht, birgt eine Menge Zündstoff, wenn der Ausgang auch vorhersehbar ist. Dass die Wege aller Beteiligten in eine sichere Katastrophe führen, ist ohnehin von Anfang an gewiss, rasen ihre Schicksale doch wie unaufhaltsame Schnellzüge aufeinander zu – es bleibt nur die Frage, wer am Ende am wenigsten Schaden davontragen wird. Diese trostlose Prädestination ist der Grund dafür, dass HETZJAGD OHNE GNADE trotz allem so dicht und mitnehmend geriet, obwohl er seiner Innovationsarmut noch nicht einmal besonders ausgeklügelte Spannungs- oder gar Actionmomente entgegenhält: Die Hetzjagd, die plakativ in den deutschen Titel gehievt wurde, dauert nur wenige Minuten, und wurde genretypisch mit Blechschaden und Explosion garniert. Sonstige Attraktionen beschränken sich auf Dinge wie eine übertrieben unblutig inszenierte Massenerschießung und diverse, wiederum von einer Extraportion knallroten Kunstbluts getränkte Verformungsarbeiten an Lucas Greifwerkzeugen.

Es ist schön, dass an mancher Stelle trotz vorherrschender Konventionalität der Spieltrieb Martinos die Oberhand gewinnen konnte, z. B. wenn er seine Hauptfigur in einem Raum voller Schaufensterpuppen zusammenschlagen lässt und damit ein herrlich surreales Bild erzeugt. Und wenn etwas später in selber Kulisse bereits erwähnte Hinrichtungsorgie stattfindet und man statt zersiebter Gangstervisagen lediglich zerfetzende Puppengesichter zu sehen bekommt, dann ist das schon eine wahrhaft beklatschenswerte Verweigerung an die Erwartungshaltung des Publikums, welche einen die abgeschmackt kitschigen Liebesszenen, inklusive obligatorischem schmalzmusikumhüllten Strandspaziergang, beinahe wieder vergessen lässt. Der träge Soundtrack Luciano Michelinis [→ DIE KILLERMAFIA] erntet ohnehin wenig Applaus, die generelle Großartigkeit italienischer Filmmusik weicht hier langweiligem (zudem häufig unpassend eingesetztem) Standard-Gedudel.

Zwar werden hier nicht nur Karten ausgeteilt, insgesamt jedoch ist HETZJAGD OHNE GNADE weitaus weniger atemlos unterwegs, als einem sein deutscher Titel suggerieren möchte. Im Grundton ruppig, in der Umsetzung mit Ecken und Kanten, sorgt das schroffe Zocker-Drama im Gangstermilieu dennoch und trotz seiner Formelhaftigkeit für anständige Zerstreuung. 

Laufzeit: 95 Min. / Freigabe: ungeprüft

Donnerstag, 15. Mai 2014

GODZILLA


GODZILLA
USA, Japan 2014

Regie:
Gareth Edwards

Darsteller:
Bryan Cranston,
Aaron Taylor-Johnson,
Juliette Binoche,
Ken Watanabe,
David Strathairn,
Elizabeth Olsen,
Sally Hawkins,
Victor Rasuk



"Oh no, there goes Tokyo, go go Godzilla“ [Blue Oyster Cult]
 

Im Jahre 1954 verbreitete 'Godzilla' das erste Mal Angst und Schrecken. Entstanden als Reaktion auf die Erfolge amerikanischer Monsterfilme, inszenierte der japanische Regisseur Ishirō Honda die düstere Utopie einer dem Meer entsteigenden, atomar verseuchten Superbestie, welche, mit tödlichem Feueratem und markerschütterndem Schrei ausgestattet, die pulsierende Großstadt Tokio in ein gigantisches Trümmerfeld verwandelt. Während GODZILLA im Ausland vor allem wegen seiner Schauwerte erfolgreich wurde, war das von melancholischer Stimmung geschwängerte Schauermärchen für das japanische Publikum viel mehr als nur eine simple Jahrmarktsattraktion: Das riesige Untier, das auf seinem Weg nichts als Tod und Trauer hinterlässt, stand sinnbildlich für die Schrecken der amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – ein urjapanisches Trauma, welches damals noch nicht einmal 10 Jahre alt war.

Die simple (wenngleich auch effektvolle) Tricktechnik mit Kostümen und Modellen wurde im Westen eher belächelt, verlieh Hondas Schwarz-Weiß-Epos jedoch individuellen Charakter. In den zahlreichen Fortsetzungen wandelte sich das finstere Schreckensszenario des Erstlings dann langsam, aber sicher zur schreiend bunten Karnevalsveranstaltung, die mit dem pessimistischen Charakter des Ursprungs so rein gar nichts mehr zu tun hatte. Zwar gab es im Laufe der Zeit durchaus Bestrebungen, die einstige Ernsthaftigkeit wieder zurückzuholen, letztendlich jedoch überwog der infantile Spieltrieb. Dem Unterhaltungswert war das kaum abträglich, blieb die GODZILLA-Serie auf diese Weise doch trotz ihres Wiedererkennungswertes stets abwechslungsreich und bediente von düster bis infantil so ziemlich jeden Publikumsgeschmack.

Obwohl es fraglos riskant war, einer dermaßen stark mit der japanischen Kultur verwurzelten Galionsfigur einen westlichen Stempel aufzudrücken, reichen die ersten amerikanischen Annexionsversuche bis in die 80er Jahre zurück, als es Pläne gab, 'Godzilla' in Stop-Motion-Technik San Francisco angreifen zu lassen – wozu es niemals kommen sollte. Erst dem auf aufwändige Weltuntergangsszenarien geeichten Regisseur Roland Emmerich gelang es im Jahre 1998 nach langen Verhandlungen, die erste US-Version des Kultmonsters ins Kino zu bringen. Doch Emmerichs GODZILLA geriet jämmerlich: Ohne jeden Respekt vor der Vorlage verwandelten Autor und Regie den atomar verseuchten Saurier in einen riesigen Leguan und veränderten Gestalt und Gebaren so radikal, dass vom Original (bis auf den Namen) nichts mehr übrigblieb. Nach diesem sowohl künstlerischen als auch finanziellen Flop dauerte es über 15 Jahre, bis der Brite Gareth Edwards einen zweiten Versuch unternahm, der übergroßen Berühmtheit zu einem ehrenhaften USA-Auftritt zu verhelfen:

Inhalt:

1999: Bei Bohrungen auf den Philippinen stoßen Arbeiter auf die Überreste einer unbekannten gigantischen Lebensform. Kurze Zeit später kommt es in einem japanischen Atomkraftwerk zur nuklearen Katastrophe, bei welcher der dort stationierte amerikanische Ingenieur Joe Brody [Bryan Cranston] seine Frau verliert. 15 Jahre später: Nach wie vor ist Brody der felsenfesten Überzeugung, dass die offizielle Behauptung, ein Erdbeben habe den damaligen Zwischenfall verursacht, eine Lüge ist. Auf dem ehemaligen Gelände des Atommeilers vermutet er ein von der Regierung streng gehütetes Geheimnis. Als er sich eines Tages mit seinem erwachsenen Sohn Ford [Aaron Taylor-Johnson] ins Sperrgebiet schleicht, kommt es erneut zu gewaltigen Erschütterungen. Fassungslos werden die beiden Zeuge, wie ein riesiges Monster aus seinem Schlaf erwacht und eine Schneise der Verwüstung hinterlässt. Das Militär ist verzweifelt und betrachtet Atomwaffen als einzigen Ausweg. Nur der Wissenschaftler Ichiro Serizawa [Ken Watanabe] zieht noch eine andere Möglichkeit in Betracht: den Kampf gegen ein anderes, sagenumwobenes Monster. Godzilla!

Kritik:

Tatsächlich schafft es die Neuauflage der Neuauflage, die gröbsten Fehler zu vermeiden und erzählt ihre Geschichte mit deutlich mehr Wertschätzung für die Ursprünge und Wissen um den Grund des weltweiten Kultes. Der GODZILLA des Jahres 2014 ist dabei nicht etwa eine Fortsetzung des GODZILLAs von 1954, wie im Vorfeld häufiger spekuliert wurde, sondern ein kompletter Neubeginn, wenn auch gespickt mit massig Reminiszenzen an vergangene Zeiten. Bereits der Umstand, dass große Teile der Handlung in Japan stattfinden, sorgt für heimelige Gefühle, und auch den Hauptfauxpas der 98er Version hat man natürlich vermieden: Godzilla ist hier – trotz einiger kleinerer Modifizierungen - ganz eindeutig Godzilla, und kommt einem, obwohl mittels Hochleistungsprozessor statt Latexanzug zum Leben erweckt, in Bewegung und Betragen doch angenehm vertraut vor.

Überraschenderweise verzichtete das Skript darauf, den Neustart einzig und allein seiner Titelfigur zu widmen, wie man es eigentlich erwarten könnte, sondern bediente sich stattdessen auch hier bei einem der prägnantesten Konzepte der Originalserie, in welcher es in der Regel weniger um den Kampf Mensch gegen Monster ging, als vielmehr um den Kampf verschiedener Monster gegeneinander. Aus diesem Grunde entwarf man mit M.U.T.O (nur ausgewiesene Supernerds müssen wissen, wie der vollständige Name lautet, nämlich 'Massiver, Unidentifizierter, Terrestrischer Organismus') ein weiteres gigantisches Untier, das in seiner Mischung aus CLOVERFIELD-Bestie, H.-R.-Giger-ALIEN und GAMERA-Unhold 'Gyaos' eine absolut gelungene Neukreation ganz im Stile der japanischen Schöpfungen darstellt. Bis die riesigen Ungeheuer zum großen Finale aufeinandertreffen dürfen, vergeht allerdings einige Zeit, die überwiegend durch Vorahnungen, Schicksalsschläge und militärische Planarbeit überbrückt wird.

Dem Team um Gareth Edwards gelang es dabei bedauerlicherweise nicht, die korrekte Balance zwischen Gemenschel und Getöse herzustellen. Immer wieder werden die an sich großartig inszenierten Bombastaufnahmen brachialer Massenverwüstung und pompöser Monstergefechte durch schlichtweg uninteressante, nach sattsam bekanntem Schema dargebotene Drama- und Militarismus-Momente unterbrochen, die das Tempo massiv ausbremsen. Jedes Mal, wenn man gerade der Meinung ist, nun ginge es richtig los, wird auch schon wieder weggeschaltet, was einen auf Dauer unbefriedigt zurücklässt (das geht so weit, dass von einem ganzen, für die Handlung nicht unerheblichen Kampf nach vielversprechendem Beginn lediglich noch ein paar Fernsehbilder zu sehen sind). Die gegebenen Möglichkeiten eines entfesselten Effektspektakels werden so lediglich leicht angekratzt.

Nun wäre das alles halb so schlimm, hätte man es mit interessanten Charakteren zu tun, für die sich ein Wegschalten tatsächlich lohnen würde. Doch auf dieser Ebene versagt Edwards' Arbeit fatalerweise auf ganzer Linie, obwohl man sich doch gerade dadurch von der Konkurrenz abheben wollte. Blassnase Aaron Taylor-Johnson in der Hauptrolle bleibt einem trotz diverser Heldentaten stets fremd, und selbst ein so großartiger Schauspieler wie Bryan Cranston kann beim Publikum trotz des tragischen Hintergrundes seiner Figur kaum Emotionen auslösen. Am Ende liegen sich die Überlebenden zwar schluchzend in den Armen, das ratlose Publikum hingegen zuckt eher die Schultern - wer hier überlebt und wer nicht, das war einem dann letztendlich doch reichlich egal. Lediglich der in Hollywood berühmt gewordene Ken Watanabe als Wissenschaftler sowie David Strathairn als Militäroberhaupt stehlen dem Rest bereits durch ihre bloße Präsenz die Show, haben jedoch beide so gut wie nichts zu tun.

Im Nachhinein wirkt der anfängliche Fokus auf das menschliche Drama und die inneren Konflikte ohnehin fast lachhaft, läuft die ganze Sache doch letzten Endes auf eine denkbar banale Monsterschlacht hinaus, für welche die zu Beginn so emsig überbetonten Schicksale dann überhaupt keine Rolle mehr spielen. So stolpert GODZILLA 2014 schließlich über seine selbst auferlegten Ansprüche, und auch der bekräftigte „realistische Ansatz“ stellt sich mehrfach ein Bein: Dass in Zeiten von Twitter & Co. niemand so wirklich das Auftauchen eines haushohen Ungeheuers mitbekommt, ist ebenso schwer zu glauben wie die Behauptung, dass das Militär wirklich keine bessere Ideen hat, als die Monster immer wieder mit simplen Pistolen und Gewehren zu attackieren (was allein aus dem Grunde bedauerlich ist, dass der in den Originalen so genüsslich zelebrierte Raketenbeschuss hier keine Verwendung findet). In einem etwas weniger ambitionierten Monsterkracher wären solche Dinge kaum der Rede wert, wer sich jedoch 'Realismus' auf die Fahnen schreibt, sollte im wahrsten Sinne des Wortes größere Geschütze auffahren.

Wirklich begeistern können hingegen die Spezialeffekte, die nahezu makellos geraten sind. Die Monster wirken in Gestik und Mimik dermaßen glaubhaft, dass man fast meint, sie würden gleich von der Leinwand steigen. Vor allem bei Godzilla gewinnt man den Eindruck, das Gummikostüm der Vergangenheit sei zu realem Leben erwacht und zum waschechten Koloss mutiert. Für manche Fans der ersten Stunde mag das ein hartes Brot sein, war die sympathische Durchschaubarkeit der angewandten Tricks, die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit doch immer auch essentieller Bestandteil der Magie, die von dem Leinwandriesen ausging. Doch die digitale Generalüberholung steht dem etwas in die Jahre gekommenen Monsterkönig ausgezeichnet und sorgt für den dringend benötigten Frischwind im Franchise. Die Kampfhandlungen bestechen dazu durch wirklichkeitsgetreue Bewegungsabläufe und lassen einen komplett vergessen, es lediglich mit einer Animation zu tun zu haben - umso bedauerlicher, dass eben solche Szenen eher Seltenheitswert besitzen.

Trotz dramaturgischer Schwächen und mangelnder Charakterzeichnung bleibt Edwards' engagiertes Werk eine gelungene Wiedergeburt der Leinwandlegende, die über weite Strecken voll und ganz den Geist der Vorlage atmet. Wenn Ken Watanabe Godzilla in geradezu mystischer Verbrämung als Stabilisator der Kräfte bezeichnet oder mit in die Ferne entrücktem Blick moralinsaure Botschaften in die Welt hinausschwadroniert („Die Arroganz des Menschen ist es, zu glauben, er hätte die Natur unter Kontrolle - und nicht andersherum“), dann merkt man, dass die Macher das zu Grunde liegende Konzept verstanden haben, und fühlt sich dem Original in wohliger Nähe. GODZILLA 2014 ist somit vor allem eines: Die erste wirkliche Ehrerbietung des Westens an eine Ikone des Ostens. Nur 60 Jahre hat's gedauert.

Laufzeit: 123 Min. / Freigabe: ab 12