Eigene Forschungen

Samstag, 2. März 2019

MIGHTY GORGA - DAS GRÖSSTE MONSTER AUF ERDEN


THE MIGHTY GORGA
USA 1969
 
Regie:
David L. Hewitt

Darsteller:
Anthony Eisley,
Megan Timothy,
Scott Brady,
Kent Taylor,
Gary Kent,
Greydon Clark,
Sheldon Lee,
Lee Parrish



Es soll Leute geben, die der Auffassung sind, die GODZILLA-Filme der 60er und 70er hätten schlechte Effekte. Gewiss wurde dort hin und wieder mal etwas geschludert, aber in der Summe zeichnete sich die Reihe durch hohen Aufwand und handwerkliches Können aus. Wer einmal erleben möchte, wie mieserable Trickarbeit wirklich aussieht, dem sei MIGHTY GORGA gereicht, eine filmische Unfassbarkeit, die Ende der 60er Jahre unter der Leitung David L. Hewitts entstand. Was hier ohne Rücksicht auf Verluste auf Zelluloid gestümpert wurde, passt auf keinen Affenpelz und ist ein Paradebeispiel technischen Unvermögens.

Inhalt:

Mark Remington [Anthony Eisley] hat in letzter Zeit wenig zu lachen. Sein Zirkus steht kurz vor der Pleite. Scheinbar gibt es nur noch eine Hoffnung: Ein Geschäftspartner berichtete vor vielen Jahren von einem gigantischen Gorilla, der in den Wäldern Afrikas lebt. Wenn es Mark gelänge, dieses sagenhafte Wesen einzufangen, wären all seine Probleme gelöst. Also macht er sich auf den Weg nach Afrika und macht dort die Bekanntschaft der (natürlich) attraktiven April Adams, deren Vater auf der Suche nach dem Riesenaffen verschollen ist. Gemeinsam beschließen sie, sich durch den Dschungel zu schlagen, um Vater samt Affe zu finden. Was sie noch nicht wissen: Das Ungetüm wird von einem der dort ansässigen Stämme als Gottheit verehrt. Als es die Runde macht, dass Eindringlinge auf dem Weg sind, lassen sie die Bestie von der Leine.

Kritik:

Bereits die Inhaltsangabe verdeutlicht, dass Originalität kein Ding MIGHTY GORGAs ist. Der Plot ist schamlos dem 30er-Jahre-Klassiker KING KONG entliehen und bemüht sich keinen Deut um Variation. Riesenmonsterfreunden könnte das freilich herzlich egal sein. Hauptsache, irgendein Ungetüm stampft durch Wald oder Flur, um möglichst viel kaputtzumachen. Allerdings werden in diesem Falle nicht nur Häuser, Menschen und Botanik zerstört, sondern in erster Linie die Sehnerven des Publikums. Das fängt schon bei dem erbärmlichen Affenkostüm an, das einer launigen Karnevalsparty gewiss genügen würde, als „weltgrößtes Monster“ (wie der deutsche Untertitel ja behauptet) jedoch keine Furcht, sondern hauptsächlich Mitleid erregt. Dabei wurde nicht einmal der Versuch unternommen, die offensichtliche Dürftigkeit der wandelnden Fellstola zu kaschieren. Wo ein geschickterer Regisseur zunächst versucht hätte, Spannung durch Nichtzeigen und Andeutungen aufzubauen, geht Hewitt sofort in die Vollen: Bereits nach sage und schreibe 15 Sekunden Spielzeit stolpert der mächtige Affenarsch aus dem Gesträuch, elegant wie Trinker-Uwe um halb 5 Uhr morgens aus der Dorfkneipe. Danach hat er zwar erst einmal ein wenig Pause, aber was Hewitt (der auch das Drehbuch verzapfte) dem Publikum in der Zwischenzeit auftischt, geht auch nicht unbedingt sparsam mit Absurditäten um.

Dass sich Hauptprotagonist Mark Remington auf Monsterjagd begibt, um seinen maroden Zirkus aufzumöbeln, geht inhaltlich durchaus klar. Die Begleitumstände jedoch sind eher seltsamer Natur, wird er doch von einem mafiabossähnlichen Finstermann unter Druck gesetzt, der aufgrund seines Einflusses und irgendwelcher krummen Geldgeschäfte kleinere Unternehmen dazu zwingt, an sich zu verkaufen. Man fragt sich schon, was er davon hat, und wie so ein paar spärliche Provinzzirkusse ihm überhaupt gefährlich werden könnten. Jedenfalls sind diese Drohungen für Remington Grund genug, sich in den nächsten Flieger nach Afrika zu setzen, was sich ebenfalls gehörig mit dem zuvor Vernommenen beißt, war er doch eben angeblich noch völlig pleite, und so ein Flug ist ja nun bekanntlich nicht gratis (da er auch später nicht damit aufhört, mit vierstelligen Geldbeträgen um sich zu werfen, muss man sich fragen, ob Hewett eigentlich sein eigenes Skript gelesen hat). In Afrika angekommen, ist dann erstmal Zeit für ein bisschen Rassismus, wenn Remington seine Kontaktperson, die Amerikanerin April Adams, trifft, welche sich den ganzen Tag auf ihrer Veranda lümmelt und die Schwarzen herumscheucht, als befände man sich nicht etwa 1969 in einem afrikanischen Dorf sondern 200 Jahre früher auf einer Baumwollplantage in Virginia. Allerdings glauben auch nur Allernaivsten, dass man sich hier tatsächlich in Afrika befindet; die kalifornischen Autokennzeichen sprechen zumindest deutlich dagegen. Und auch, was einem im Folgenden als afrikanischer Urwald verkauft werden soll, ist einfach nur ein stinknormaler Wald, wie man ihn in den USA an jeder zweiten Ecke findet.

Nun sind all diese Unzukömmlichkeiten aber gar nicht das eigentliche Problem MIGHTY GORGAs. Viel gravierender wiegt, dass offenbar niemand in der Lage war, die Geschichte filmisch sinnvoll zu erzählen. Als Beispiel sei das Gespräch dreier Personen auf der Veranda besagter Miss Adams genannt. Einer spricht, die Kamera klebt auf seinem Gesicht. Der nächste antwortet, die Kamera fängt wieder nur den sprechenden Kopf ein. Und bei jeder neuen Antwort ist es wieder das gleiche. Jeder starrt irgendwohin, nie scheinen sich Blicke zu treffen, sodass man als Betrachter bald gar nicht mehr weiß, wo man sich eigentlich gerade befindet. Ist dieses Beispiel noch relativ harmloser Natur, drehen die Synapsen dann endgültig durch, sobald die Effektaufnahmen beginnen. Einen Vorgeschmack bekommt man bereits bei der Aufnahme einer brennenden Hütte – ein offensichtliches Mini-Modell, das in einem merkwürdig falschen Verhältnis ins Bild kopiert wurde. Endgültig Feierabend ist allerdings, als das Suchteam während der Expedition von einem Saurier attackiert wird. Das „Monster“ würde selbst ein Fünfjähriger auf Anhieb als Plastikpuppe aus der Spielwarenabteilung identifizieren, und die Art und Weise, wie die zappelnde Attrappe mit dem Rest des Bildes kombiniert wurde, spottet jeder Beschreibung. Während die Charaktere mit ihren Gewehren nach rechts aus dem Bild feuern, hampelt die ungelenke Dino-Imitation irgendwo im Vordergrund herum, und absolut niemand, und sei er noch so bescheuert, würde jemals der Illusion erliegen, beide Objekte könnten tatsächlich eine Einheit darstellen.

Was folgt, ist ein unfassbarer Moment, in dem das Affenkostüm gegen die Plastikpuppe... nunja... „kämpft“ - was in der Praxis bedeutet, dass der Mann im Zottelfell (übrigens auch der Regisseur persönlich) seinen nahezu unbeweglichen Kunststoff-Kontrahenten einfach nur wild hin-und herschüttelt und dabei so tut, als könne dieser ihm tatsächlich irgendwie gefährlich werden. Als Zuschauer fällt man bei dieser Sequenz fast vom Glauben ab. Jedes Kasperletheater bietet bessere Spezial-Effekte. Ab diesem Zeitpunkt könnte nichts und niemand MIGHTY GORGA noch retten; jede Bereitschaft zur Akzeptanz dieser fremden (Film-)Welt wurde innerhalb dieser (eigentlich nur wenige Sekunden dauernden) Aufnahmen gnadenlos gekillt. Zu allem Überfluss offenbart sich gegen Ende auch noch ein weiteres Musterbeispiel erzählerischer Impotenz: Als sich die Helden in einer Höhle befinden, wo sie einen Schatz aus (reichlich modern aussehenden) Perlenketten finden, werden sie von einem weiteren Urvieh überrascht, animiert mittels etwas, das wohl mal Stop-Motion werden sollte (und vermutlich aus einem anderem Werk entliehen). Da hier perspektivisch abermals geschlampt wurde, weiß man gar nicht so recht, ob sich das Ungetüm nun eigentlich im Vorder- oder im Hintergrund befinden soll, was die Sinnesorgane bereits gehörig in Rotation bringt. Als es dann plötzlich heißt, dass nun ein Vulkan ausbreche (der freilich auch niemals zuvor erwähnt wurde), folgen komplett zusammenhanglose Aufnahmen von unterirdischen Lavamassen, Plastik-Skeletten, Feuer, Dinosaurier und rennenden Menschen. Dann ist der Spuk aus heiterem Himmel wieder vorbei, man befindet sich im Freien und der Vulkanausbruch hat sich scheinbar in Luft aufgelöst. Für ein normal funktionierendes Gehirn ist es schlichtweg unmöglich zu eruieren, was hier eigentlich gerade passiert sein soll. Das erinnert ein wenig an Ed Woods DIE RACHE DES WÜRGERS, in dessen Finale sich Bilder von einem lebenden Oktopus, einem künstlichen Oktopus, den sich Darsteller Bela Lugosi um den Hals wickelt, einem Blitz und einer Atombombenexplosion aneinanderreihen und man raten muss, was das alles zu bedeuten hatte – nur, dass man dort noch eher zu einer einigermaßen sinnvollen Entscheidung gelangen konnte als es bei MIGHTY GORGA der Fall ist.

MIGHTY GORGA ist ein Mysterium. Warum er überhaupt entstanden ist, ist bereits das erste große Rätsel. Um sich an ein bekannteres Projekt mit ähnlicher Thematik zu hängen, war man entweder zu früh dran (John Guillermins KING KONG-Neuverfilmung kam erst sechs Jahre später) oder zu spät (Ishirō Hondas DIE RÜCKKEHR DES KING KONG war bereits sieben Jahre her). Und nur, um das neu erworbene Affenkostüm doch noch für etwas anderes zu nutzen als den letzten Kindergeburtstag, ist der Rest dann doch wieder ein wenig zu aufwändig inszeniert. Auch die Darsteller sind eigentlich viel zu gut für solch eine Graupe, weswegen sie einem manchmal auch irgendwie aufrichtig leid tun. Zugestanden sei, dass der Abenteuerteil (obwohl hier eben eindeutig nicht durch den Dschungel, sondern durch amerikanische Waldlandschaften gestromert wird) trotz permanenter Ereignislosigkeit doch irgendwie Laune macht und man direkt Lust bekommt, sich mit längst verloren geglaubter kindlicher Begeisterung und Papas Brotmesser als Machetenersatz durch die Botanik zu pflügen, um ebenfalls Monster zu jagen. Klar, MIGHTY GORGA ist ne mächtige Gurke. Aber Gurken können ja auch viel Freude bereiten (das wird jede Nonne bestätigen). Im Grunde eignet sich Hewitts völlig missratener Mummenschanz hervorragend als Anschauungsobjekt an Filmhochschulen. Irgendwie ist es doch viel sinnvoller, alle Unzulänglichkeiten dieses amüsanten Affentheaters aufzudecken, als zum x-ten Male CITIZEN KANE durchzuanalysieren. Wer einen professionellen Film abliefern möchte, muss einfach alles haargenauso machen wie David L. Hewitt. Nur eben andersrum.

Laufzeit: 83 Min. / Freigabe: ab 12

Sonntag, 17. Februar 2019

ANGRIFF DER RIESENKRALLE


THE GIANT CLAW
USA 1957

Regie:
Fred F. Sears

Darsteller:
Jeff Morrow,
Mara Corday,
Morris Ankrum,
Louis Merrill,
Edgar Barrier,
Robert Shayne,
Frank Griffin,
Clark Howat



Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist ... Oh! Nein, halt, es ist doch ein Vogel. Aber was für einer!

„Datum: der 17. des Monats. Wetter: trübe, bedeckt. Zeit: 13.32 Uhr. Ein bedeutsamer Moment in der Menschheitsgeschichte. Der Moment, in dem ein Elektronikingenieur namens Mitch MacAfee etwas am Himmel entdeckte. Etwas, das beinahe der Anfang vom Ende allen Lebens auf dieser Erde war“, verkündet die für Billighorror der 50er Jahre typische neutrale Erzählstimme aus dem Off. Und sie hat sehr Recht. Ein bedeutsamer Moment in der Menschheitsgeschichte. Und ein noch bedeutsamerer für die Geschichte des unfreiwilligen Komik-Kinos. Denn obwohl ANGRIFF DER RIESENKRALLE im Prinzip ein stinknormaler Riesenmonsterstreifen ist, wie es ihn zu seiner Zeit zu Dutzenden gab, erarbeitete er sich im Laufe der Jahre den Ruf eines geradezu unfassbaren Lachschlagers und erspielte sich somit eine treue Fangemeinde, von deren Ausmaß die Macher zum Zeitpunkt des Entstehens höchstens träumen konnten. Aber der Reihe nach!

Inhalt:

Mitch MacAfee [Jeff Morrow] arbeitet als Elektronikingenieur für die U. S. Air Force. Während eines Kalibrierungsfluges sichtet er eines Tages ein unbekanntes Flugobjekt. Über Funk alarmiert er das Militär, das sofort eine Fliegerstaffel losschickt. Diese jedoch kehrt unverrichteter Dinge zurück - es war schlicht nichts Außergewöhnliches auffindbar. Major Bergen [Clark Howat] hält Mitch für nen Kasper und macht ihn richtig rund („Wenn ich mit Ihnen fertig bin, Mr. Elektronikingenieur, werden Sie froh sein, wenn Sie noch irgendwo Lichtschalter putzen dürfen.“) Doch kaum ist die Standpauke vorüber, klingelt auch schon das Telefon. Ein Passagierflugzeug ist verschwunden – kurz nachdem der Pilot ein UFO gemeldet hatte. Zwar wird Mitch nun Glauben geschenkt, aber die Suche nach dem mysteriösen Objekt bleibt auch weiterhin erfolglos. Erst nach vielen weiteren Unglücksfällen entpuppt sich der Übeltäter als ein gigantischer Vogel vermutlich außerirdischen Ursprungs, dessen Schutzschild aus Antimaterie ihn unverwundbar macht. Verzweifelt suchen Wissenschaft und Militär nach einer Möglichkeit, das aggressive Großtier aufzuhalten, das mittlerweile New York erreicht hat, um dort ordentlich Schaden anzurichten.

Kritik:

Das alles folgt üblichen Mustern. Eine Bedrohung, die zunächst niemand ernstnimmt, gefolgt von bösem Erwachen, Hilflosigkeit im Angesicht der scheinbaren Übermacht, Tüfteleien, um der Katastrophe Herr zu werden, und nach mehreren Fehlschlägen schließlich Triumph von Technik, Forschung und schimmernder Wehr. Regisseur Fred F. Sears inszenierte mit ANGRIFF DER RIESENKRALLE eine handelsübliche Monsterfabel, die das für die Zeit typische Hohelied auf militärische Intervention anstimmt und deren außerirdische Bedrohung sich einmal mehr allzu leicht als Panikmache vor kommunistischen Umtrieben umdeuten lässt. Dabei zieht er sein Programm straff und überaus unterhaltsam durch und ist damit etlichen Mitbewerbern voraus, die trotz stets kurzer Laufzeit oft auch mit einer Menge Leerlauf zu kämpfen hatten. Auffallend ist hier auch der freundliche Grundton, der die Streitkraft wirken lässt wie einen fidelen Kegelverein. Man scherzt, man lacht, man schimpft zwar auch mal, verträgt sich aber auch gleich wieder. Es ist tatsächlich so, wie der einleitende Off-Kommentar verspricht: „Ein Elektronikingenieur, ein Radar-Offizier, eine Systemanalytikerin, ein Fluglotse und ein paar Zeichner. Menschen, die ihre Aufgabe erfüllen. Gut. Effizient. Mit Spaß bei der Sache. Ernsthaft bei der Arbeit.“

Der Grund für eine derart sympathische Zeichnung der Protagonisten liegt auf der Hand: ANGRIFF DER RIESENKRALLE sollte das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in die Landesverteidigung stärken, sollte suggerieren, dass hier gute Männer (und Frauen) am Werke sind, die etwaige Bedrohungen effektiv abwehren können. Nicht ohne Grund werden, noch bevor es überhaupt richtig losgeht, erst einmal die technischen Errungenschaften in den Fokus gerückt (obwohl diese in den folgenden 70 Minuten quasi überhaupt keine Rolle mehr spielen). Und auch das weibliche Personal darf hier deutlich mehr tun als den Kaffee zu servieren und ein besorgtes Gesicht zu machen. Die von Mara Corday [→ TARANTULA] einnehmend verkörperte Analytikerin Sally Caldwell mischt aktiv mit und bringt wichtige Geistesblitze ein, die zur Problemlösung beitragen – nicht schlecht in Anbetracht des vorsintflutlichen Frauenbildes der 50er Jahre. Dass ANGRIFF DER RIESENKRALLE seit seinem Erscheinen als mächtige Spaß-Granate gilt, liegt daher weder an einer mangelhaften Inszenierung noch an der naiven Handlung (die sich ohnehin nicht unterscheidet von anderen Vertretern der damaligen Zunft). Der Grund dafür ist der Antagonist, die 'Riesenkralle', der außerirdische Monstervogel, der so sagenhaft bescheuert aussieht, dass es einem schier die Schuhe auszieht.

Obwohl ursprünglich angedacht war, das Untier per Stop-Motion-Technik von Effekt-Pionier Ray Harryhausen entstehen zu lassen, entschied man sich (sicherlich aus Kostengründen) dann doch für eine Attrappe, die man bei einem Puppenbauern in Mexiko anfertigen ließ. Ob die Entscheidung, den Entwurf dann tatsächlich abzunehmen und auch zu verwenden, aufgrund von Zeitnot oder Inkompetenz erfolgte, lässt sich nicht genau sagen. Fest steht: Das Monstermodell hätte rein realistisch betrachtet niemals Verwendung finden dürfen, wollte man sich nicht vollends der Lächerlichkeit preisgeben. Doch zum Glück betrachtete man die Sache damals unrealistisch und schenkte der Filmwelt somit eine der wohl schrägsten Kreaturen, die jemals erschaffen wurden. Die 'Riesenkralle' sieht aus wie eine wilde Mixtur aus Geier und Truthahn, inklusive dämlicher Glubschaugen, unpraktischem Giraffenhals und schriller, stets auf halb Acht hängender Punk-Frisur. Das Vieh wirkt, als habe es die letzte Nacht durchgezecht, sei dann um 8 Uhr in der Früh vom Postboten geweckt worden und müsse nun jeden Augenblick kotzen, weswegen es hochgradig angepisst alles kaputtschlägt, was ihm in die Quere kommt. Nun konnte man den Leuten in den 50er Jahren noch deutlich mehr Unfug auftischen als nur wenige Jahrzehnte danach und vieles aus der Zeit wirkt selbst bei eigentlich guter Machart aus moderner Sicht ein wenig albern. Die 'Riesenkralle' jedoch sorgte auf Anhieb für allgemeine Heiterkeit – laut Cast und Crew brach das Premierenpublikum beim ersten Erscheinen des fiesen Federviehs in schallendes Gelächter aus und hörte bis zum Schluss auch nicht mehr damit auf.

Die Legende sagt, dass Hauptdarsteller Jeff Morrow das Monster bei der Premiere selbst erstmals zu Gesicht bekam und daraufhin den Saal vor lauter Scham noch während der Vorstellung verließ (falls das stimmt, hat er sich allerdings schnell wieder erholt, immerhin trat er 1971 gegen den OCTAMAN an – ein weiteres unfassbar beknacktes Ungetüm, abermals mexikanischen Ursprungs). Tatsächlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass Trick- und Realaufnahmen getrennt aufgenommen und erst später kombiniert wurden. Das würde auch die Diskrepanz zwischen den albernen Monsterszenen und dem restlichen Material erklären. Morrow und Konsorten agieren nämlich sehr anständig und wirken keineswegs so, als sei ihnen bewusst, durch was für eine Unfassbarkeit sie hier eigentlich stolpern. Dass die Dialoge dabei genregerecht wissenschaftlichen Nonsens der Extraklasse verbreiten, macht die Sache freilich noch mal um einiges amüsanter. "Dieser Vogel ist extraterrestrisch, vielleicht sogar extragalaktisch. Er kommt aus einer gottverlassenen Antimaterien-Galaxis Millionen, Abermillionen Lichtjahre von uns entfernt. Das müssen wir aus den Beweisen folgern“, verkündet ein Wissenschaftler da mit bierernster Miene und guckt dabei maximal betroffen aus der Wäsche. Zu diesen vermutlich eher versehentlich erheiternden Auswüchsen - so viel sei zugestanden - gesellen sich allerdings auch welche, die gewollt amüsant und durchaus pointiert sind. So erinnern die verbalen Kabbeleien zwischen männlicher und weiblicher Hauptrolle an amerikanische Screwball-Komödien, was gut funktioniert. Und als einer der Piloten Jagd auf den Vogel macht, ruft er über Funk: „Jetzt kann ich meine Schwiegermutter nie wieder 'Hässlicher Vogel' nennen.“

Abseits des verunglückten Riesenkrallen-Designs sind auch die restlichen Trickeffekte insgesamt eher unterdurchschnittlicher Natur. Zwar spricht alles immer bestürzt davon, wie unfassbar viel Schaden das Monster in New York anrichtet, wirklich viel sehen jedoch tut man nicht davon. Sicher, ANGRIFF DER RIESENKRALLE ist eine Billig-Produktion, aber wenn man bedenkt, wie viel effektive Destruktion der japanische GODZILLA bei seinem ersten Auftritt bereits drei Jahre zuvor mit ähnlichen Mitteln angerichtet hat, ist das Gebotene doch sehr bescheiden. Da man die Zerstörungssequenzen auch noch mit Material aus früheren Katastrophenfilmen anreicherte, ergibt das zudem jede Menge Anschlussfehler. In der einzigen etwas imposanteren Szene hockt der Supervogel auf dem UN-Gebäude, um es im Anschluss in gewohnt schlechter Laune mit einem beherzten Schnabelhieb in Stücke zu hacken. Ansonsten schnappt er hauptsächlich Fallschirmspringer-Püppchen vom Himmel und klaubt eine Modelleisenbahn wie eine Wiener-Würstchen-Kette vom Schienenstrang. Auch über die Ausmaße der Kreatur hat man sich keine großen Gedanken gemacht. Mal passt gerade mal ein Mensch in deren Schnabel, später dann plötzlich doch ein ganzes Flugzeug. Aber das schert zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon längst niemanden mehr. ANGRIFF DER RIESENKRALLE ist ein Fest für Freunde des fröhlichen filmischen Unfugs, und man muss den Machern Dank sagen für die Traute, die bizarre Kreation durchgewunken zu haben. Der garstige Gummi-Geier wird garantiert noch Generationen beeindrucken.

Laufzeit: 74 Min. / Freigabe: ab 12

Samstag, 9. Februar 2019

MASSAKER IN KLASSE 13


MASSACRE AT CENTRAL HIGH
USA 1976

Regie:
Rene Daalder

Darsteller:
Derrel Maury,
Andrew Stevens,
Ray Underwood,
Robert Carradine,
Kimberly Beck,
Steve Bond,
Rex Steven Sikes,
Lani O'Grady



„Pass dich an, dann geht’s dir hier gut.“


Inhalt:

David [Derrel Maury] ist neu auf der Central High. Die Freude, seinen Jugendfreund Mark [Andrew Stevens] wiederzutreffen, ist allerdings schnell verflogen, gibt sich dieser doch seltsam reserviert. Aber auch viele weitere Mitschüler verhalten sich merkwürdig, wirken unsicher und verschüchtert. Bald wird David klar, was hier Sache ist: Die Central High wird kontrolliert von der Gang des herrschsüchtigen Bruce [Ray Underwood], die es bestens versteht, den Rest der Schülerschaft zu schikanieren. Mark, mittlerweile selbst Mitglied dieser Terrorbande, ist nun hin- und hergerissen zwischen Loyalität zur Gang und Verbundenheit mit seinem alten Freund. Er rät David, sich ruhig zu verhalten und die Machtverhältnisse nicht anzuzweifeln. Doch als dieser sich die Freiheit herausnimmt, eine Vergewaltigung zu verhindern, schlagen Bruce & Co. mit aller Härte zurück – David landet im Krankenhaus. Sein Bein ist zwar gebrochen, nicht jedoch sein Kampfgeist. Nach Entlassung wandelt sich das ehemalige Opfer zum humpelnden Rachegespenst. In Folge erschüttern mehrere bizarre Todesfälle die Central High – und die Gang um Bruce wird immer kleiner und kleiner …

Kritik:

Die Schulzeit wird auf der Leinwand meist arg verklärt dargestellt. Glaubt man dem Kino, so scheint die Schule in erster Linie ein heiterer Ort zu sein, mit lustigen Typen, attraktiven Frauen und jeder Menge Spaß und Party. In der Realität allgegenwärtige Themen wie Leistungsdruck, Gruppenzwang oder Mobbing hingegen werden in der Regel ausgeklammert. Das vom gebürtigen Holländer Rene Daalder geskriptete und inszenierte MASSAKER IN KLASSE 13 schickt sich an, zumindest ein paar dieser Defizite auszugleichen. Seinem martialischen Titel wird das Geschehen dennoch nicht gerecht, weswegen begeisterte Blutbauern ihre Hosen auch gleich wieder schließen dürfen. Auf knatternde Kettensägen, fliegende Körperteile und jedwedes Gesudel hofft man hier vergebens. Stattdessen wird man Zeuge eines mit sarkastischen Spitzen gewürzten Sozialdramas im Jugend-/Teenie-Milieu, das mit ein paar (zum Teil herrlich perfiden) Mordmomenten angereichert wurde. Die Methoden, die Protagonist David anwendet, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen, strapazieren zwar massiv die Glaubwürdigkeit, sind aber gleichzeitig so wunderbar verschlagen, dass man sich eines breiten Grinsens kaum erwehren kann. Der beherzte Sprung ins leere Schwimmbecken ist sogar ein waschechter Brüller und gereicht jedem Cartoon zur Ehre.

Trotz Blutarmut und Verzicht auf ausgespielte Spannungsszenarien nimmt MASSAKER IN KLASSE 13 dabei bereits einige Elemente des typischen Teenie-Slashers vorweg, eines Genres, das erst wenige Jahre später zu voller Blüte kommen und ganze Heerscharen mysteriöser Meuchler auf die arme amerikanische Jugend loslassen sollte. Doch obwohl es fraglos das Hauptanliegen gewesen dürfte, das Publikum mit ein paar reißerischen Effekten zu unterhalten, ist das Skript doch clever genug, einen weder weit hergeholten noch uninteressanten Blick auf gesellschaftliche Phänomene zu werfen. So entwickeln sich die Ereignisse nämlich doch ein wenig anders, als man es zunächst erwarten würde, sind doch die vermeintlichen Hauptantagonisten bereits nach relativ kurzer Dauer ausradiert. Bei der Mehrheit vergleichbarer Werke läutet das in der Regel den Abspann ein. Hier jedoch herrscht nun nicht etwa Friede, Freude, Eierkuchen. Die einstigen Mobbingopfer genießen ihre neu gewonnene Freiheit so sehr, dass sie arrogant werden und selbst damit beginnen, Schwächere in ihrer Umgebung zu drangsalieren. Es beginnt ein Kampf um die neue Vorherrschaft an der Schule. Eine neue Hackordnung entsteht, welche der alten in nichts nachsteht. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. David sieht sich gezwungen, seinen Tötungsmarathon fortzusetzen – eine Gewaltspirale also, die niemals enden kann.

Ebenso wie die Machtverhältnisse sich verschieben, ändern sich damit einhergehend auch die Sympathieträger. Hielt man anfangs noch eindeutig zu David, der den Laden als einsamer Racheengel mal so richtig durchputzte, schlägt man sich im weiteren Verlaufe plötzlich auf die Seite von dessen Kumpel Mark, der zu Beginn noch so verachtenswert mitläuferisch und feige blieb, während David sich langsam, aber stetig zum Psychopathen entwickelt, der als eine Art Mini-MacGyver mit Bombe im Gepäck und Trauma im Kopf zur größten Gefahr wird. Der einstige Held wandelt sich somit zum Bösewicht. Dieser kritische Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und Eigenarten ist der eigentliche Clou der Erzählung. Ebenso wie in der realen Welt gibt es auch hier keine eindeutig guten oder bösen Menschen; alles bedingt sich und steht in Wechselwirkung zueinander. Je nach Situation und Umstand können aus Opfern Täter werden, aus Helden Schurken oder aus Feiglingen Lebensretter. Gut und Böse sind also relativ. Böses gewaltsam ausmerzen zu wollen, wäre demnach sinnlos. Zum einen, weil man sich damit selbst auf die böse Seite begibt, zum anderen, weil bereits der nächste Schurke darauf wartet, den freien Platz einzunehmen.

Solch zart philosophische Sprengsel machen MASSAKER IN KLASSE 13 zwar interessanter als den Durchschnitt, aber freilich noch lang nicht zum gewieften Intellektuellenstück. Dafür ist die ganze Chose dann doch eine Spur zu plump und auf Radau gebürstet. Die formalen und inhaltlichen Schwächen des Werks sind zahlreich und kaum zu übersehen. Das beginnt damit, dass die Gang um Bruce tatsächlich ziemlich armselig ist und niemals so wirkt, als ginge von ihr eine ernsthafte Gefahr aus. Eigentlich ist es nicht mal eine richtige Gang, sondern lediglich ein aus vier, fünf Leuten bestehender Haufen reichlich ungezogener Rüpel, denen eine zünftige Schelle bereits den Kompass richten könnte. Immer wieder wird zudem erwähnt, dass Mark bei David aufgrund vergangener Ereignisse in der Schuld stünde, ohne dass jemals erklärt würde, worin diese denn nun eigentlich besteht. Auch die Inszenierung wirkt ein wenig eigentümlich-verschroben. Das beginnt bereits beim Vorspann, in dem Protagonist David Strand und Straße entlang joggt, musikalisch untermalt von einer Schnulze, die man eher in einem Liebesdrama vermuten würde, und mehrfach unterbrochen von kurzen Szenen, die erst im weiteren Verlaufe folgen werden (Explosionen, Schlägereien, Gefummel am Kamin). Das ist schon eine etwas seltsame Art und Weise der Eröffnung.

Die größte Merkwürdigkeit allerdings besteht darin, dass hier außer den (zumindest behauptet) jugendlichen Hauptfiguren niemand sonst zu existieren scheint. Bei einer Schule als Schauplatz sollte man ja meinen, dass ab und an mal ein Lehrkörper, Hausmeister oder sonst irgendein erwachsenes Personal auftaucht. Aber das ist nicht der Fall. Auf den Gängen tummeln sich ausschließlich Schüler, die zudem immer Pause zu haben scheinen – man sieht keine einzige Unterrichtsstunde (da es offensichtlich eben keine Lehrer gibt). In Klassenzimmer, Schwimmbad oder Sporthalle beschäftigen sich die Heranwachsenden stets allein und ohne Aufsicht. Nun mag man sich einreden, Daalder wolle sich eben voll und ganz auf Konflikte und Seelenleben seiner adoleszenten Hauptfiguren beschränken. Aber auch außerhalb des Schultrakts scheint die Welt wie leergefegt. Wenn sich die Jugendlichen im Park lümmeln, dann sind sie die einzigen Menschen dort. Elternteile existieren ebenso wenig wie die Polizei, die bei dieser extremen Anhäufung obskurer Todesfälle früher oder später zwangsläufig auf den Plan treten müsste. Das wirkt auf Dauer dermaßen absurd, dass es schon fast post-apokalyptisches Flair verbreitet: MASSAKER IN KLASSE 13 scheint in einer Welt zu spielen, in der alle Erwachsenen vom Erdball getilgt wurden. Wo bei MAD MAX & Co. nur die Rockerbanden das infernale Feuer überlebt haben, waren es hier eben die Pennäler.

Das ändert sich erst im Finale, das aber nicht weniger abstrus anmutet. Wie aus heiterem Himmel findet hier nämlich ein Schulball statt, der niemals zuvor angekündigt wurde, der aber dennoch plötzlich einfach da ist und von dem auch alle zu wissen scheinen. 'Student Alumni Prom' steht auf dem Plakat, tatsächlich aber erinnert die Veranstaltung an Tanztee im Altenheim. So erstaunt man ist, hier mit einem Male Figuren anzutreffen, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, desto erstaunter ist man, wenn einem klar wird, dass diese alle um die 80 sind. Ohnehin ist bis zum Schluss auch überhaupt nicht ersichtlich, wo man sich hier eigentlich die ganze Zeit befindet: Der Originaltitel behauptet eine Highschool, die deutsche Synchronisation spricht von einem College (was de facto nicht das Gleiche ist). Gebäudearchitektur (nebst angeschlossener Riesen-Bibliothek) und Alter der Protagonisten lassen hingegen eher auf eine Universität schließen (was einem College immerhin am ähnlichsten wäre). Der deutsche Titel sorgt für zusätzliche Verwirrung, denn eine Klasse 13 gibt es hier schlicht und ergreifend nicht (ebenso wenig wie eine Klasse 12 oder gar 14). Es ist Fakt: MASSAKER IN KLASSE 13 bleibt in vielerlei Hinsicht nebulös. Eindeutig allerdings ist, dass das Treiben trotzdem tüchtig Stimmung in die Bude bringt. Die Ereignisse sind durchgehend spannend, man erlaubt sich keine Hänger und David beim Rabauken-Pauken zuzusehen, ist eine kleine innere Freude. Das Klassenziel erreicht diese leicht obskur angehauchte Mixtur aus Früh-Slasher, Selbstjustiz-Posse und Jugend-Drama daher mit einer guten 3+. Setzen, weitermachen!

Laufzeit: 84 Min. / Freigabe: ab 18

Samstag, 26. Januar 2019

COMMANDO NINJA


COMMANDO NINJA
Frankreich 2018

Regie:
Benjamin Combes

Darsteller:
Eric Carlesi,
Philippe Allier,
Stéphane Asensio,
Olivier Dobremel,
Thémann Fagour,
Cécile Fargues,
Thyra Hann Phonephet,
Charlotte Poncin



„Seine Handlanger sind Ninjas.“ - „Verdammt, schon wieder diese Wichser!“


Inhalt:

Seine Tage als wilder Kämpfer hat John Hunter [Eric Carlesi] nach Ende des Vietnamkrieges hinter sich gelassen. Nun lebt er friedlich in einer abgeschiedenen Hütte in den Wäldern Kanadas, zerhackt Baumstämme per Schwerthieb und lässt den Lieben Gott nen guten Mann sein. Mit der Ruhe ist es jedoch schlagartig vorbei, als sein alter Kriegskumpan Leeroy Hopkins [Philippe Allier] bei ihm auf dem Rasen steht und sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht überbringt. Die gute: Johns Ex-Frau wurde kalt gemacht. Die schlechte: Der Killer hat außerdem auch Johns kleine Tochter entführt. Ob dieser Information schaltet der beinharte Ex-Soldat umgehend wieder in den Kampfmodus und heftet sich ohne großen Federlesens an die Fersen des Drahtziehers der ganzen Angelegenheit – die des ruchlosen Waffendealers Oleg Kinsky [Olivier Dobremel]. Dieser haust auf seinem Anwesen in Zentralamerika und lässt sich Leib und Leben durch eine ganze Horde Ninjas schützen. Gottlob besinnt sich John seiner Tage in Kriegsgefangenschaft, als er von Colonel Yin [Thyra Hann Phonephet] in die Geheimnisse der Ninja-Kampfkunst eingeweiht wurde. Derart geschult richtet John unter Olegs Mannen ein zünftiges Blutbad an, das kaum einer an einem Stück überlebt. Bevor er jedoch seine Tochter wieder in die muskulösen Arme schließen kann, muss er sich noch einem viel stärkeren Gegner stellen: einem mysteriösen Super-Ninja, der sich bei Bedarf unsichtbar machen kann und scheinbar übernatürliche Kräfte besitzt.

Kritik:

Wer nicht genau hinsieht, der könnte den Gag glatt verpassen. Das schweiß- und blutgetränkte Brutalo-Opus COMMANDO NINJA scheint nämlich auf den ersten Blick unverkennbar dem tiefsten 80er-Jahre-Sumpf entsprungen und somit Kind einer Zeit zu sein, in welcher Arnold Schwarzenegger der ungekrönte Action-König war und raubeinige Leinwand-Helden Konflikte noch mit gezückter Panzerfaust aus der Welt schafften. Tatsächlich aber entstand dieser so altmodisch anmutende cineastische Amoklauf erst 2018, nachdem der bis dahin in Sachen Regie fast unbefleckte Franzose Benjamin Combes beschlossen hatte, dass es an der Zeit sei für eine Ehrerbietung an das zum Teil hemmungslos beknackte Krawall-Kino vergangener Tage. Mittels einer Handvoll Euro und viel Wochenendfreizeit entstand so eine zunächst 45-minütige Retro-Sause, die dem Initiator aber immer noch nicht ausreichte. Mit dem bereits vorhandenen Material als respektable Visitenkarte warb er daher online bei Fans und Freunden in aller Welt um weitere Gelder und brachte auf diese Weise genug Barschaft zusammen, um den Otto dann doch noch so richtig von der Kette lassen zu können. Zwar dauert die finale Version letzten Endes dann doch nur etwas länger als eine Stunde, aber die hat es dafür auch in sich. Denn für Action-Fanatiker der alten Schule ist COMMANDO NINJA nicht weniger als ein kleines Fest.

Fast wirkt es, als habe man tatsächlich beim Ausschlachten einer antiken Videothek die verstaubte VHS-Kassette eines längst vergessenen B-Krachers entdeckt, der jahrzehntelang vor sich hinmoderte, um erst Dekaden später wieder ein Publikum beglücken zu dürfen. Dabei sind es entgegen dem Titel gar nicht so sehr die unzähligen Ninja-Heuler, die hier genussvoll durch den Nostalgie-Fleischwolf gedreht werden. Die erste Hälfte orientiert sich stattdessen primär an Arnold Schwarzeneggers tollkühner Tochter-Rettungsaktion aus PHANTOM-KOMMANDO. Das verwundert kaum, gilt Mark L. Lesters ruppiger Gassenhauer doch quasi als eine Art Prototyp des doof-lustigen 80er-Jahre-Spektakels. Der überwiegende Rest COMMANDO NINJAs zollt dann dem philippinischen Vietnam-Vehikel Tribut und lässt angestrengt cool dreinglotzende Mega-Machos in Kampfmontur und mit lässig ins Gesicht gesteckter Zigarre durch sumpfige Dschungellandschaften stapfen, um sich mit plötzlich aus dem Gesträuch springenden Unholden fetzige Feuergefechte zu liefern (wobei auch durchaus mal ein Arm verlustig geht – was den Angeschossenen natürlich nicht davon abhält, weiterhin wild blutend um sich zu ballern).

Die Anzahl der (vor allem visuellen) Zitate ist dabei enorm hoch. Bereits nach wenigen Sekunden wähnt man sich beim PREDATOR (ebenfalls mit Arnold Schwarzenegger), wenn die durch das Dickicht schleichenden Soldaten visuell entfremdet aus der Sicht eines schnaufenden Untiers präsentiert werden. Die unvermeidliche Trainingsmontage zur Halbzeit gemahnt überdeutlich an Jean-Claude van Dammes Blutgrätschen-Blockbuster BLOODSPORT und KICKBOXER. Und natürlich bekommt bei einer Publikation diesen Titels auch Trash-Ikone Godfrey Ho, der für die zweifelsfrei schrottigsten Ninja-Streifen der Geschichte verantwortlich war, sein Fett weg: So telefoniert der Oberschurke mit dem legendären Garfield-Telefon aus NINJA TERMINATOR, einer der feindlichen Ninjas trägt den markanten Schnauzbart von Hos Lieblings-Darsteller Richard Harrison spazieren, und als Hauptprotagonist John Hunter einen seiner Feinde per Raketenbeschuss zur Hölle schickt, verwandelt sich dieser kurz vor der Explosion in einen notdürftig behangenen Kleiderständer, so wie es bereits bei Hos zusammengestümpertem Kokolores-Knaller ROBO VAMPIRE der Fall war.

Gigantische Bizepse, knackige Frauenkörper, Gegner, die dem Helden bereitwillig ins Feuer laufen und sich brav der Reihe nach aufstellen, um erschossen werden … Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit gelingt es Autor und Regisseur Combes, Stil und Stimmung früherer Zeiten zu imitieren, ohne dabei plump oder anbiedernd zu wirken. Das funktioniert deswegen so gut, weil sich seine Hommage nicht etwa über die Originale erhebt, sondern sie schlicht und ergreifend einfach feiert. Combes hat erkannt, dass es unsinnig wäre, sich über die Vorlagen lustig zu machen, da sich diese mit ihren schlechten Effekten und teils sagenhaft dummen Sprüchen stets selbst schon gefährlich nah an der Selbstpersiflage bewegten. Natürlich lacht man, wenn John Hunter einen einzigen Wurfstern schleudert und damit gleich zwei (weit voneinander entfernt stehende) Gegner auf einmal in die ewigen Jagdgründe schickt oder sich ein von Kugeln durchsiebter Kontrahent beim Sturz vom Dach urplötzlich und gut sichtbar in eine stocksteife Schaufensterpuppe verwandelt. Aber ist diese Komik eben einfach das Resultat einer nahezu perfekten Reproduktion. Combes übertreibt es lediglich dezent an den richtigen Stellen und inszeniert den Rest überraschend konventionell, was zur Folge hat, dass COMMANDO NINJA über weite Strecken nicht einmal so wirkt, als sei er dem Genre der Komödie zugehörig. Auch darum wirken Dinge wie die sonderbar-sinnlose Sequenz, in welcher die Helden im Dschungel von Laos „kommunistische Raptoren“ jagen, oder der noch kurz vor Schluss eingeführte Science-Fiction-Einschlag nicht nur fehl am Platze, sondern sogar regelrecht ein bisschen ärgerlich.

Die Gewaltdarstellung ist zwar extrem, aber immer deutlich sichtbar als billiger Jahrmarktstrick zu entlarven, und die aus dem japanischen Kino entliehenen Blutfontänen verführen auch eher zum Lach- denn zum Herzanfall. Digitale Unterstützung holte sich Combes nur im Ausnahmefall und für Sekundenbruchteile; die Mehrheit der Effekte entstand in Handarbeit. Interessant ist der Umstand, dass die Ereignisse COMMANDO NINJAs in einem Kosmos stattfinden, in dem das Kino-Kollegium tatsächlich existiert. So hängen im Zimmer von Johns Tochter u. a. Plakate von RAMBO oder AMERICAN NINJA, während im Videorekorder der Mama ein Bodybuilding-Video mit Arnold Schwarzenegger läuft. In visueller Hinsicht setzt Combes, wie viele seine Mitstreiter in Sachen Nostalgie-Kino, auf einen nachträglichen Filter, der Materialschäden anhand von Bildfehlern, Farbverfälschungen und Gerumpel bei Szenenwechseln vorgaukelt. Allerdings dient diese Masche hier nicht etwa dazu, einen hässlichen Digitallook zu kaschieren, wie es andernorts oft der Fall ist – gedreht wurde ganz klassisch auf echtem Film, und das sieht man auch.

Das anfängliche Tempo kann COMMANDO NINJA freilich nicht bis zum Finale halten. Sein bestes Pulver hat das Werk bereits nach 30 Minuten verschossen (im Wortsinn, versteht sich). Vieles von dem, was danach noch kommt, ist lediglich Makulatur. Besonders der Showdown ist im Vergleich doch etwas sehr lasch geraten (bietet aber immerhin ein schönes Kiesgruben-Setting, um abschließend auch noch dem italienischen Endzeitfilm seine Ehre zu erweisen). Am Ende muss man zudem konstatieren, dass das ein oder andere Zitat dann doch etwas zu viel des Guten war – eine KEVIN – ALLEIN ZU HAUS-Karikatur hätte es nun wahrlich nicht gebraucht. Macht aber alles nix, denn die herrlich hirnlose Kirmes verbreitet dennoch sagenhaft gute Laune. COMMANDO NINJA ist ein Triumph und zugleich ehrfurchtgebietendes Anschauungsobjekt dafür, wie man ungeachtet bescheidener Finanzen mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft Großartiges erschaffen kann. Man muss schon eine ausgemachte Miesmuschel sein, um bei dieser Parade aus Machismus, Sexismus und selbstzweckhafter Brutalität nicht zumindest ein kleines Glücksgefühl zu entwickeln. Ob die deutsche Sprachfassung deswegen so steif geriet, um abermals an alte Zeiten zu gemahnen, als man der Flut an über die Videotheken hereinbrechenden VHS-Premieren oft nur mit eilig ins Mikro gekübelten Spar-Synchronisationen Herr werden konnte, ist zwar nicht überliefert, allerdings fügt sich auch das wunderbar ins Gesamtkonzept. „Ninjaaaaaas!!! Feueeeeeeeeer!!!!“

Laufzeit: 68 Min. / Freigabe: ungeprüft

Mittwoch, 6. Dezember 2017

DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS


GAAI SHUT YING HUNG
Hongkong 1979

Regie:
Chang Cheh

Darsteller:
Jason Pai Piao,
Lu Feng,
Lo Meng,
Philip Kwok,
Chiang Sheng,
Sun Chien,
Chiang Nan,
Walter Tso Tat-Wah



Inhalt:

China, Ming-Dynastie: Die Freunde Yang Dabao [Philip Kwok] und Chen A Jin [Lo Meng] träumen zwar vom großen Abenteuer, ihre Arbeit als Kellner in einem kleinen Restaurant ist jedoch alles andere als aufregend. Der Alltagstrott ist passé, als aus heiterem Himmel der schwer verwundete Shaolin-Schüler Hong Xiguan [Jason Pei Piao] ins Dorf geeilt kommt. Die feindlichen Mandschuren, so berichtet er, haben den heiligen Tempel überfallen und unter den friedlichen Mönchen ein blutiges Massaker angerichtet. Er selbst konnte als einziger entkommen. Da sich die Angreifer bereits auf der Suche nach Hong befinden, nehmen Yang und Chen ihn bei sich auf und pflegen ihn gesund. Zum Dank weiht dieser sie in die Geheimnisse der Shaolin-Kampfkunst ein. Zu dem Trio stoßen später noch Zhu Cai [Sun Chien], ein örtlicher Kung-Fu-Schüler, der von seinem Meister nur herumgestoßen wird, sowie Han Qi [Chiang Sheng], ein weiterer junger Shaolin-Mönch, dessen Kameraden ebenfalls von den Invasoren getötet wurden. Gemeinsam ziehen die fünf Freunde nun gegen den Feind ins Feld. Verschanzt in einem alten Tempel stellen sie sich einer gewaltigen Übermacht und führen einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod.

Kritik:

Die Five Deadly Venoms, in Deutschland vermutlich besser bekannt als Die unbesiegbaren Fünf oder auch Fünf tödliche Schlangen, gehörten ab Ende der 70er Jahre zu den größten Zugpferden des Shaw Brothers-Studios. Nachdem Wang Yu die erfolgsverwöhnte Kung-Fu-Produktion im Streit verlassen hatte und die Beziehung des einstigen Leinwand-Traumpaares David Chiang und Ti Lung auch nicht mehr ganz so traumhaft lief, brauchte es neue Helden, um das Publikumsinteresse weiterhin wachzuhalten. Diese fand man schließlich in Philip Kwok, Lo Meng, Lu Feng, Sun Chien und Chiang Sheng, allesamt Absolventen der Peking Opera School, die zwar zuvor schon für die Shaws vor der Kamera standen, aber erst 1978 mit DIE UNBESIEGBAREN FÜNF ihren Einstand als das titelgebende Kämpfer-Kollektiv gaben. Das recht düstere Konglomerat aus Kung Fu, Krimi und klassischem Gotik-Grusel sorgte auf Anhieb für klingelnde Kassen, sodass es nicht lang dauerte, bis weitere Abenteuer der neuen Erfolgstruppe die Lichtspielhäuser heimsuchten. Inhaltlicher Bezug zum Vorgänger bestand dabei zwar nicht, aber das war in dem Bereich ohnehin nur selten der Fall. DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS ging dann auch schon deutlich weniger Experimente ein und verzichtete auf eine wilde Genre-Mixtur zugunsten altbekannter Schablonen und Schemata.

Die sehr simpel gestrickte Story über intrigante Invasoren, zerstörte Tempel und tollkühne Kämpfer haut dann auch niemanden so wirklich vom Schlitten und wirkt auch optisch nicht besonders aufregend, da sich die Ereignisse gefühlt nur an zwei immer wiederkehrenden Schauplätzen abspielen. Das überrascht ein wenig, da Regisseur Chang Cheh [→ DUELL OHNE GNADE] in der Regel für die großen Epen des Studios verantwortlich zeichnete und dafür schon mal Heerscharen an Statisten durch ausladende Kulissen toben ließ. Hier hingegen wirkt alles eine ganze Ecke spartanischer und deutlich weniger ambitioniert. Der synthetische Eindruck der eröffnenden Schlacht der Shaolin gegen die brutalen Unterdrücker, die in einer eindeutig künstlichen Umgebung stattfindet und eher als Tanz denn als Duell choreographiert wurde, ist freilich gewollt und als Referenz an das Theater und die Oper zu verstehen. Die fehlende visuelle Abwechslung im weiteren Verlaufe jedoch lässt das Stück dann auf Dauer doch vergleichsweise eintönig wirken, zumal auch die Handlung lange Zeit auf der Stelle tritt und in erster Linie lediglich darum bemüht scheint, die (zugegebenermaßen respektablen) akrobatischen Fähigkeiten ihrer Hauptdarsteller ins rechte Licht zu rücken. So sieht man Philip Kwok und Lo Meng eine geraume Weile erst einmal beim Faxen und Fingerstand machen zu – eher sinnlose, deutlich von den Jackie-Chan-Triumphen der Konkurrenz inspirierte Kaspereien, welche die Geschichte unangenehm ausbremsen, wenn nicht teilweise sogar zum Stillstand bringen.

Folglich dauert es ein wenig, bis die 'Unbesiegbaren Fünf' hier schließlich bereit sind, um sich topfit und todesmutig ins grausame Gefecht zu stürzen. Das fette Finale holt dann allerdings tüchtig Kastanien aus dem Feuer und geriert sich wie eine kostümierte Version von John Carpenters Großstadt-Western ASSAULT. Die ‚Guten‘ verschanzen sich in einer Tempelanlage und müssen sich gegen die ‚Bösen‘ zur Wehr setzen, die ihre Angriffe gezielt von außen führen – und dazu schon mal mit bloßem Körper durch die Wand brechen. Mit Blut und Pathos wird nicht gegeizt und einige saftige Brutalitäten dürfen ebenfalls bestaunt werden (welche überraschenderweise sogar die deutsche Kinofassung überlebten). So endet DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS dann doch noch als typische Chang-Cheh-Chose mit der Extra-Portion an Brüderlichkeit, Tapferkeit und Heldentod. Dass diese aus sattsam bekannten Versatzstücken zusammengeschraubte Story gleich drei Autoren verschliss, ist allerdings schon ein wenig seltsam.

Auch von Darstellerseite aus sollte man hier keine Wunder erwarten. Die Kompetenz der Hauptprotagonisten liegt ganz klar in den Bereichen Fitness, Kondition und Körperbeherrschung. Das geht deswegen in Ordnung, weil ihre Figuren vom Drehbuch nicht wirklich als Charaktere angelegt wurden, sondern als Stereotype. Große darstellerische Fähigkeiten sind daher von Grund auf gar nicht nötig, es reicht vollkommen aus, dem gängigen Klischee zu genügen. Zu den Deadly Venoms gesellt sich hier noch Jason Pai Piao [→ IM GEHEIMDIENST DES GELBEN DRACHEN], der ebenfalls keine mimischen Meisterleistungen vollbringt, seine Rolle als gehetzter Shaolin-Schüler aber brauchbar ausfüllt.

Der deutsche Titel hat einmal mehr kaum etwas mit dem Inhalt zu tun (es gibt zwar ein paar Todesschreie, aber weit und breit keinen einzigen Tiger) und wurde einfallslos nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzt. Da das in gewisser Weise aber auch für das Gesamtwerk gilt, ist das schon fast wieder konsequent. SHAOLIN RESCUERS (so nennt und kennt man die Nummer im englischsprachigen Raum) ist beileibe keine vollkommen misslungene Veranstaltung, steht aber im Schatten ihrer eigenen Schöpfer und wirkt irgendwie, als wäre sie nebenbei in der Mittagspause größerer Produktionen entstanden. Selbst die damalige deutsche Leinwand-Fassung, die – wie zu diesen Zeiten üblich – um eine nicht unerhebliche Menge an Dialog erleichtert wurde (hier waren es ungefähr 15 Minuten), zieht sich insgesamt doch ein bisschen, da man eigentlich nicht wirklich viel zu erzählen hatte. Für Freunde des Genres ist das Ganze dennoch eine Pflichtveranstaltung. DER TODESSCHREI DES GELBEN TIGERS gehört gewiss nicht zur Speerspitze der Knochenbrecher-Kategorie, ist aber dennoch kompetent in Szene gesetzte Kung-Funterhaltung, deren schonungsloser Showdown angenehm im Gedächtnis bleibt. Der allerletzte Schrei ist das nicht. Gut genug, um nicht ungehört zu verhallen, ist es dennoch.

Laufzeit: 83 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 29. November 2017

EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN


UOMINI SI NASCE, POLIZIOTTI SI MUORE
Italien 1976

Regie:
Ruggero Deodato

Darsteller:
Marc Porel,
Ray Lovelock,
Adolfo Celi,
Franco Citti,
Silvia Dionisio,
Marino Masé,
Renato Salvatori,
Sergio Ammirata



"Es ist doch ein Ding der Unmöglichkeit, dass ihr von jedem Einsatz mit Toten oder zumindest schwer Verletzten zurück kommt."


Inhalt:

Fred [Marc Porel] und Tony [Ray Lovelock] gehören zu einer Spezialeinheit der Polizei. Und beide agieren wirklich sehr spezial. Im Zweifelsfalle ersparen sie dem Staat nämlich den Umweg über ein zeit- und kostenintensives Gerichtsverfahren und handeln als Ankläger, Richter und Henker in Personalunion. Salopp gesagt: Verbrecher entkommen den beiden Ordnungshütern nur selten lebend. Ihr Vorgesetzter [Adolfo Celi] wird zwar nicht müde, die beiden übereifrigen Racker immer wieder zurechtzuweisen, insgeheim jedoch billigt er ihr rabiates Vorgehen. Mehr aus persönlicher Vendetta heraus ermitteln Fred und Tony gegen den mächtigen Syndikatsboss Roberto Pasquini [Renato Salvatori], der beim illegalen Glücksspiel alle Fäden in der Hand hält. Über einen Informanten gelangen sie an einen ehemaligen Mitarbeiter Pasquinis, der während seiner Dienste bei ihm ein Auge verlor und deshalb recht redselig ist. Doch ihr Gegner schläft nicht und holt zum Gegenschlag aus. Fred und Tony haben nun allerhand zu tun und foltern und metzeln sich durch Roms Unterwelt.

Kritik:

Zimperlich waren Italiens Verbrechensjäger ja insgesamt eher selten. Beschnauzbarte Gesetzeshüter wie Franco Nero oder Maurizio Merli nahmen immer mal wieder das Recht in die eigenen Hände, um die Straßen effektiv vom Abschaum zu säubern. Die reaktionäre Selbstjustiz-Attitüde kam zwar in der Regel beim Feuilleton schlecht an, beim zahlkräftigen Publikum dafür umso besser. Das hatte natürlich seine Gründe: In den 70er Jahren wurde das Land von gewalttätigen Unruhen durchgeschüttelt und das Volk sehnte sich nach harten Bandagen, um dem Terror Einhalt zu gebieten. Da das auf der Leinwand schon immer wesentlich einfacher zu bewerkstelligen war als in der Realität, hatte das Faustrecht dort Hochkonjunktur. Das geschah mal mehr, mal weniger differenziert. Während an einer Stelle ohne Rücksicht auf Verluste losgeholzt wurde, setzte man das Konzept andernorts in einen kritischen Kontext. Fast als Reaktion auf die immer reaktionärer werdenden Action-Krimis erschien 1976 der reflektierende KALIBER 38, in dem ein vom Schicksal gebeutelter Kommissar seine eigene Spezialeinheit unter Kontrolle halten muss, die es mit Regeln und Vorschriften nicht allzu genau nimmt. Als eine Art provozierendes Pendant dazu erschien im selben Jahr EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN - eine wahre Furie von einem Film, der die erbarmungslosen Einsätze eines staatlich geschützten Mörderduos zum alternativlosen Nonplusultra hochstilisierte.

Was dabei herauskam, ist eigentlich kaum in Worte zu fassen. Fast scheint es, als wollten Autor Fernando Di Leo [→ DER MAFIABOSS] und Regisseur Ruggero Deodato [→ DIE BARBAREN] alles, was bis dahin an radikalen Rache-Cops durch die Kinolandschaft tobte, übertreffen und erschufen mit Fred (Marc Porel [→ DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN] und Tony (Ray Lovelock [→ JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN] ein geradezu monströs asozial operierendes Polizisten-Pärchen, gegen das 'Dirty Harry' wie ein verweichlichter Waisenknabe wirkt. Bereits der hammerharte Auftakt macht klar, dass die Samthandschuhe hier in der heimatlichen Schublade bleiben: Zwei motorisierte Banditen versuchen, einer arglosen Passantin die Handtasche zu rauben. Das Problem: Die Dame ist daran festgekettet. Folglich nehmen die Schurken sie ins Schlepptau und schleifen sie mit ihren Motorrädern so lang über die Straße, bis ihr Kopf unsanft gegen einen Laternenpfahl prallt. Fred und Tony beobachten die Tat und nehmen auf ihren Feuerstühlen die Verfolgung auf. Die rasende Jagd (bei der auch ein Blindenhund dran glauben muss) endet, als die beiden Räuber in voller Fahrt gegen einen parkenden Lastwagen krachen. Fred und Tony eilen zu den Männern. Einer von ihnen wurde vom Lenker seines Motorrades durchbohrt, was Fred mit einem Blick quittiert, der soviel aussagt wie: 'Tja, Pech gehabt!' Der zweite Übeltäter hingegen lebt noch und liegt röchelnd auf dem Asphalt. Tony möchte allerdings nicht das Risiko einer spontanen Gesundung eingehen und bricht ihm kurzerhand das Genick. „'n Lenker im Bauch is' nich' gut“, meint Fred. „'n gebrochenes Genick auch nich'“, entgegnet Tony. (Im Original eigentlich: „Meiner ist von allein gestorben.“ - „Bei meinem musste ich Hand anlegen.“) Dann verlassen beide gut gelaunt die Unfallstelle.

Zuschauern, denen bereits dieser Beginn Magenschmerzen bereitet, werden in den restlichen 90 Minuten nur wenig Freude haben, denn in diesem Duktus geht es weiter. Fred und Tony haben zwar ständig nen launigen Spruch auf den Lippen, legen völlig konträr dazu jedoch eine Menschenverachtung an den Tag, dass einem Hören und Sehen vergeht. Verbrecher werden rigoros exekutiert, Gefangene quietschvergnügt zu Tode gefoltert. Frauen sind Freiwild und stets das Ziel penetranter Schnackselakquisen. Selbstreflexion? Gewissensbisse? Fehlanzeige! Wie zwei pubertierende Teenager kaspern sich beide frohen Mutes durch die blutige Schlachtplatte, wohl wissend, dass sie das Gesetz im Rücken haben. Wenn ihr Vorgesetzter (Adolfo Celi [→ DIE KLETTE] mal wieder mit ihnen schimpft wie mit zwei ungezogenen Schuljungen, die ihrem Lehrer einen Streich gespielt haben, zucken sie mit den Schultern und entgegnen: „Sie wissen doch selbst, dass man bei unserem Job nicht zimperlich sein kann." Dass die vermeintlichen Ordnungshüter dabei auch noch aussehen wie zwei frisch aus dem Ei geschlüpfte Schwiegermutterfantasien, die eigentlich noch gar keinen Führerschein besitzen dürften, treibt den Zynismus ihrer Taten noch zusätzlich auf die Spitze.

Die eigentliche Handlung ist indes kaum der Rede wert. Die Jagd auf den großen Unterweltboss würde inhaltlich gerade mal der Episode einer handelsüblichen vorabendlichen Krimiserie genügen. Darum reicherte man das Geschehen mit allerlei autarken Nebenepisoden an, in welchen die Hauptprotagonisten natürlich vor allem ihre Skrupellosigkeit unter Beweis stellen dürfen. Da wird eine Geiselnahme durch gezielte Warnschüsse in Gangsterhirne beendet und ein Banküberfall verhindert, indem die Täter bereits erschossen werden, noch bevor sie ihre Tat überhaupt begangen haben. Die Kritik schlug ob des nihilistischen Welt- und Menschenbildes natürlich zuverlässig Alarm und übersah dabei, dass EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN eigentlich nur als Genre-Persiflage funktioniert. Der radikale Reißer ist kaum ernstzunehmen und führt sein Publikum im Grunde grandios an der Nase herum. Der Pöbel verlangte nach immer härteren Gesetzeshütern und nun bekam er sie halt. Fred und Tony sind der feuchte Traum eines jeden rechtspopulistischen Hardliners. Dass sie dabei noch viel größere Schweinehunde sind als ihre Gegner, entlarvt die perfide Doppelmoral hinter der Sache. Die Herrschaft des Unrechts wird durch Gesetzesübertretung nicht ausgemerzt, sondern zementiert. Der einzige Unterschied zwischen den Schergen der Mafia und den Protagonisten ist am Ende nur der, dass letztere eine Polizeimarke tragen.

Das Klischee der letzten wahren Männer auf Gottes Erde wird schließlich derart komplett der Lächerlichkeit preisgegeben, dass die homoerotischen Untertöne zwischen den beiden kaum zu leugnen sind. Bereits während des Vorspanns, in dem sie, begleitet von der romantischen Schmusemusik Ray Lovelocks, eng aneinandergekuschelt auf ihrem Motorrad umherschaukeln, hat man eher den Eindruck, es mit warmen Brüdern statt mit eiskalten Typen zu tun zu haben. Das ändert sich auch nicht, wenn man später erfährt, dass sich Fred und Tony zudem auch noch ein Zimmer teilen. Um ihre latenten Bedürfnisse zu überspielen, balzen sie wie zwei pubertäre Jungs um die Sekretärin ihres Chefs herum, reden ständig über Muschis und reißen homophobes Spruchgut („Der ist so schwul, der dampft schon.“). Der Sexismus, den Film und Figuren dabei offenbaren, ist in seiner maßlosen Übertreibung ebenfalls so dermaßen absurd, dass er einfach nur als Karikatur damals gängiger Machismen zu verstehen ist. Als Fred und Tony die attraktive Schwester ihres Zielobjekts aufsuchen, um sie über die Geschäfte ihres Bruders auszuhorchen, entpuppt sich diese als nymphomanes Betthäschen, das sich den beiden nach einer schallenden Ohrfeige nicht nur an den Hals wirft, sondern sie regelrecht zur Ader lässt. Nachdem Fred seine Pflicht erfüllt hat, darf Tony gleich als nächster drüberrutschen, während ersterer in der Küche von der lachenden Haushälterin empfangen wird, die ihm, während sein Kollege im Nebenzimmer lautstark bei der Arbeit ist, erstmal Rührei zur Stärkung zubereitet.

Spätestens in diesem Augenblick gibt man als Zuschauer endgültig auf und akzeptiert, dass EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN in irgendeiner weit entfernten Galaxis spielen muss, in einem abwegigen Paralleluniversum, das mit der realen Welt gerade mal genauso viel am Hut hat wie Mittelerde. Man kapituliert schlichtweg vor dieser galligen cineastischen Giftspritze aus Testosteron, Sadismus und männlicher Allmachtsfantasie, lehnt sich zurück und genießt das groteske Feuerwerk. Dass das Ende dann reichlich hopplahopp und unspektakulär über die Bühne geht (was man im Hinblick auf den stuntgespickten Auftakt so nun nicht unbedingt erwartet hätte), spielt dabei eigentlich gar keine Rolle mehr. Dafür kommt es kurz vor Schluss noch mal zu einem unfassbaren Überraschungsmoment, als die angeblichen Helden nach einem kurzem gegenseitigen Zunicken einer vollkommen überrumpelten Dame aus heiterem Himmel die Kleider vom Leibe reißen - und das ganz bestimmt nicht, um mit ihr über die Wirtschaftskrise zu debattieren. Hätte das jemand vor ihren Augen auf offener Straße gemacht, hätten sie ihn erschossen. UOMINI SI NASCE, POLIZIOTTI SI MUORE [=Als Mann zur Welt kommen, als Polizist sterben] ist ein ordinäres, sich leicht verboten anfühlendes Vergnügen, für dessen enormen Unterhaltungswert man sich am Ende irgendwie schämt. Leider geil!

Laufzeit: 84 Min. / Freigabe: ab 18

Samstag, 18. November 2017

TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT


LA POLIZIA INCRIMINA, LA LEGGE ASSOLVE
Italien 1973

Regie:
Enzo G. Castellari

Darsteller:
Franco Nero,
James Whitmore,
Delia Boccardo,
Fernando Rey,
Duilio Del Prete,
Silvano Tranquilli,
Ely Galleani,
Daniel Martín



„Dieses Mal werden Sie sich auf die Polizei nicht verlassen können. Wenn sie Sie nicht kriegen können, kriegen sie die, die Ihnen nahe stehen, die Sie lieben.“


Inhalt:

In Genua ist die libanesische Drogenmafia auf dem Vormarsch. Kommissar Belli [Franco Nero] ermittelt energisch gegen die Hintermänner. Sein Objekt der Begierde ist der „Libanese“, der sich als Kurier für das Syndikat verdingt und der Polizei daher wertvolle Informationen liefern könnte. Endlich, nach monatelanger Planung, kann Belli den Mann nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd festnehmen. Doch die Freude über den Erfolg währt nicht lang: Noch bevor das Polizeiauto samt Gefangenem das Revier erreicht, wird es in die Luft gesprengt. Belli selbst entkommt dem Flammentod dabei nur durch puren Zufall. Mehr denn je legt er es nun darauf an, an die Drahtzieher heranzukommen und redet energisch auf seinen Vorgesetzten Scavio [James Whitmore] ein. Dieser hat über Jahre hinweg wichtige Informationen gesammelt, die er allerdings gezielt zurückhält, bis die Beweise zum großen Gegenschlag ausreichen. Auf Bellis Drängen hin beschließt er, die Akten vorzeitig freizugeben. Sein Todesurteil! Scavio wird auf offener Straßen ermordet, die Beweise werden gestohlen. Zwar gelingt es Belli, den Attentäter ausfindig zu machen, doch damit bringt er nun seine Familie in Gefahr. Es beginnt ein Kampf und Leben und Tod.

Kritik:

In den 70er Jahren entwickelte sich der italienische Polizeifilm quasi zu einem eigenen Genre. Inspiriert von Don Siegels Reißer DIRTY HARRY sowie realen Ereignissen (blutige Ausschreitungen auf offener Straße standen, vor allem in Palermo, damals an der Tagesordnung) ersannen die Drehbuchautoren einen ganzen Bau voller skrupelloser Selbstjustiz-Bullen, die sich mit ganzer Härte und vollem Körpereinsatz gegen das grassierende Unrecht zur Wehr setzten – und damit ironischerweise selbst zu einem Rädchen im Gewalt-Getriebe wurden. Der 1973 fertiggestellte TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT gehört noch zu den früheren Vertretern dieser Gattung, was man ihm rückwirkend auch anmerkt, bleibt man hier inhaltlich doch überwiegend auf dem Teppich. Wo ein Maurizio Merli später in vollkommen überspitzten Gassenhauern wie DIE GEWALT BIN ICH bereits Maulschellen verteilte, bevor er überhaupt „Guten Tag“ gesagt hatte, erscheint Franco Neros Kommissar Belli noch ausreichend bodenständig und gesetzeskonform, um nicht zu einer Karikatur zu verkommen. Trotz des nicht zu leugnenden Schwerpunkts auf Kinetik und Krawall schafft das rüde Spektakel daher dennoch den schwierigen Spagat zwischen Action und Anspruch und besticht durch eine geerdetere und realistischere Herangehensweise. Autor und Regisseur Enzo G. Castellani [→ TÖTE ALLE UND KEHR ALLEIN ZURÜCK] verband publikumswirksame, zum Teil freilich nicht unspekulativ ausgeschlachtete Sensationseffekte mit der anklagenden Attitüde eines Damiano Damiani, der zeitgleich versuchte, mit gesellschaftskritischen Thrillern wie DER CLAN, DER SEINE FEINDE LEBENDIG EINMAUERT (1971, ebenfalls mit Franco Nero in der Hauptrolle) wachzurütteln.

Dass es dabei nicht gerade zimperlich zugeht, liegt in der Natur der Sache. TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT portraitiert die Mafia nicht romantisch-verklärt, wie viele Mitbewerber, sondern als völlig außer Kontrolle geratene Bande vollkommen skrupel- und ehrloser Berserker, die ohne Rücksicht auf Verluste rumholzen, dass sich die Balken biegen. Da wird aus nichtigstem Anlass lieber mal einer zu viel zur Hölle geschickt als einer zu wenig und der Tod kleiner Kinder dabei achselzuckend unter Kollateralschaden verbucht. Es werden keine raffinierten Pläne mehr ausgetüftelt, sondern der Weg des geringsten Widerstandes gewählt. Da werden Sprengsätze gelegt oder Widersacher auf offener Straße wahlweise erschossen oder überrollt. Ein effektiver Schutz scheint ob dieser Ruchlosigkeit schlichtweg nicht mehr existent. In einer noch recht frühen Szene besucht der gebeutelte Kommissar Belli den alternden Mafiaboss Cafiero (klischeehaft, aber effektiv verkörpert von Fernando Rey), der sich mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen hat, um seinen Lebensabend der Blumenzucht zu widmen. Dieser warnt den Kommissar, dass die Regeln sich geändert und längst neue Leute die Bühne des Organisierten Verbrechens betreten haben, deren Brutalität alles bisher Bekannte übersteigt.

Spätestens hier wird auch dem Publikum klar, dass ein rechtsstaatlicher Weg, das Unheil auszuräumen, nicht funktionieren kann. Dass Kommissar Belli am Ende dennoch nicht, wie es vielleicht zu erwarten wäre, zur Charles-Bronson-artigen Kampfmaschine mutiert, die sich ohne Rücksicht auf Verluste durch seine Gegner pflügt, beweist, dass es Castellari nicht daran gelegen war, lediglich eine simple Jahrmarktsattraktion abzuliefern, sondern durchaus das nötige Maß an Frustration und Wut in seine Arbeit legte. Dass im Finale dennoch ordentlich die Fetzen fliegen, freut den gemeinen Actionfreund natürlich. Überhaupt legt TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT ein enormes Tempo vor und beglückt den Zuschauer bereits in der Eröffnung mit einer zünftigen Verfolgungsjagd. Zwar weiß man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht genau, worum es eigentlich geht, der Puls wird nichtsdestotrotz anständig in die Höhe getrieben. Die gebotenen Hetzjagden und Bleigewitter sind allesamt auf der Höhe ihrer Zeit und müssen sich hinter ihren mit mächtig Budget realisierten amerikanischen Pendants wahrlich nicht verstecken. Dazu gesellt sich die bewährte italienische Radikalität, die das Geschehen immer wieder mit kleinen Sadismen würzt (die man aus der damaligen deutschen Kinofassung dann pflichtbewusst auch gleich wieder entfernt hat). So werden auch mal durchaus wertvolle Körperteile entfernt oder Schürhaken effektiv zweckentfremdet, um den Gegner das Fürchten zu lehren.

Ausfälle erlaubt sich TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT kaum. Franco Nero kratzt mit seinem Spiel zwar hin und wieder mal an der Grenze zur Übertreibung, aber hier hat man es halt mit großem Kino zu tun, da gehört ein bisschen Theatralik eben auch dazu. Und dass ein Kommissar aus Italien quasi auch mühelos durch Genua und Marseille toben darf, ohne dabei irgendwelche Kompetenzen zu überschreiten, kauft man da ebenfalls gleich mit, zumal die verschiedenen Schauplätze auch für ein angenehmes internationales Flair sorgen. Auch an der Besetzung gibt es nichts zu kritteln. Natürlich wird das Szenario ohne jede Frage von Franco Nero beherrscht (der hier nur zufällig denselben Namen trägt wie in seiner Rolle als zwielichtiger Bulle in DIE KLETTE), aber auch die kleineren Rollen sind wunderbar besetzt. Fernando Rey als pensionierten Paten zu besetzen war eine ebenso raffinierte wie effektive Idee, war seine Darstellung als hassenswerter Antagonist in dem Action-Meilenstein FRENCH CONNECTION damals doch noch allzu gut im Gedächtnis. Und als vielleicht bester Casting-Coup erweist sich James Whitmore [→ DIE VERURTEILTEN], der als Bellis Vorgesetzter Scavio, stets zwischen Pflichtbewusstsein, Furcht und Verzweiflung pendelnd, eine Glanzleistung aufs Parkett legt. Das weibliche Personal hat, wie so oft im italienischen Machokino, eher das Nachsehen und darf keine großen Akzente setzen. Als Kommissar Bellis Freundin sieht man Delia Boccardo [→ DIE KILLERMAFIA], die nicht viel zu tun hat, das dafür aber gut macht, und deren gemeinsamen Nachwuchs gibt die Regisseurstochter Stefania Girolami Goodwin [→ THE RIFFS], die aufgrund ihrer Plietschigkeit (und deutschen Synchronstimme) ein wenig nervig rüberkommt, aber das ist mehr oder minder schnell vorbei.

Summa summarum ist TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT ein echtes Brett. Zwar hat man es hier wider Erwarten nicht mit einem amoklaufenden Franco Nero zu tun, sondern eher mit einem, der aus lauter Verzweiflung über seine Impotenz im Angesicht des Verbrechens fast vor die Hunde geht, Freunde ruppiger Action kommen dennoch voll und ganz auf ihre Kosten. Castellari kreierte eine gesunde Mischung aus Gesellschaftskritik und reißerischen Effekten und schafft es somit, gleich mehrere Parteien zufriedenzustellen. Da ist man gern Zeuge.

Laufzeit: 102 Min. / Freigabe: ab 18