Eigene Forschungen

Samstag, 21. Oktober 2023

KAMUI - THE LAST NINJA


KAMUI GAIDEN
Japan 2009

Regie:
Yôichi Sai

Darsteller:
Ken'ichi Matsuyama,
Koyuki,
Kaoru Kobayashi,
Kôichi Satô,
Hideaki Itô,
Sei Ashina,
Ekin Cheng,
Naoyuki Morita



Wenn ein Manga eine Realverfilmung bekommt, ist Empörung prinzipiell vorprogrammiert. Zu unterschiedlich sind beide Medien in Art und Möglichkeit der Darstellung, zu stark in der Regel die Kompromisse in Sachen Story- und Plot-Komprimierung, als dass man als Purist beglückt nach Hause gehen könnte. Auch KAMUI GAIDEN, die Kino-Adaption der gleichnamigen Comic-Reihe, musste daher ein beträchtliches Maß an Missbilligung über sich ergehen lassen – wobei sich ein Großteil der Kritik allein darauf bezog, dass der Film halt nicht die Vorlage ist. Aber reale Menschen sind nun mal keine Zeichnungen und 2 Stunden nicht ausreichend, um den Inhalt von mehr als 20 Bänden unverändert wiederzugeben. Darum betrachtet man KAMUI – THE LAST NINJA, wie die Umsetzung in Deutschland getauft wurde, am besten als eigenständiges Werk und misst es lediglich an sich selbst.

Inhalt:

„Japan im 17. Jahrhundert, zur Zeit der Herrschaft der Tokugawa-Dynastie: In einem armen Dorf erblickt ein Kind das Licht der Welt. Es hört auf den Namen Kamui. In dieser ungerechten Klassengesellschaft wächst er zu einem starken Jungen heran. Kamui hat nur einen einzigen Wunsch: stark genug zu werden, um schließlich als freier Mensch leben zu können. Eines Tages verlässt er sein Dorf und begibt sich auf eine ziellose Reise. Aber wohin er auch kommt: Überall stößt er auf eine große, kalte Mauer. Weil er arm ist, wird er ein Ninja. Und als Ninja strebt er nach Vollkommenheit. Gefangen in den Fesseln der Ninja-Gesetze, ist er gezwungen, Menschen zu töten. So wird er zum Abtrünnigen und steht als Gejagter am Abgrund des Todes. Aber sein eigentlicher Feind sind nicht seine Verfolger mit ihren nicht enden wollenden Angriffen. Es ist sein eigenes Herz, das niemandem trauen kann. So bleibt ihm nichts weiter, als auf der Flucht zu sein. Um zu überleben.“

So erklärt es zu Beginn ein Erzähler auf dem Off in weniger als 2 Minuten, zunächst noch begleitet von Zeichnungen der Vorlage, die allerdings alsbald in die reale, gefilmte Variante übergleiten. Und diese Bilder können sich durchaus sehen lassen: Dreckig, erdig und gelbstichig beginnt die Erzählung im schicken Italo-Western-Retro-Look und das auch gleich mit zünftigem Kampfgetümmel inklusive gekreuzter Klingen, fliegender Ketten und garstiger Wurfgeschosse. Es ist der Freiheitskampf Sugarus, einer jungen Frau, die ebenfalls aus der Ninja-Gemeinschaft austreten möchte und dafür nun mit dem Leben bezahlen soll. Titelheld Kamui wird, noch im Kindesalter, Zeuge dieses Gefechtes und muss miterleben, wie Sugaru schließlich über die Klippen in ihren scheinbaren Tod stürzt. Viele Jahre später, als junger Erwachsener und inzwischen selbst auf der Flucht vor den Vollstreckern der Ninja, wird er sie in einem Küstenstädtchen wiedertreffen – als Gemahlin des exzentrischen, doch herzensguten Fischers Hanbei.

Aus diesem unverhofften Wiedersehen schöpft KAMUI den Löwenanteil seiner Spannung, birgt die Begegnung doch einiges an Konfliktpotential. Denn Sugaru, der es gelang, ihrer Vergangenheit zu entfliehen und sich ein neues Leben aufzubauen, misstraut dem Neuankömmling, da ein Verrat ihren Tod bedeuten könnte. Aber auch Kamui selbst muss seinen Ninja-Hintergrund bestmöglich geheim halten, weil ein unbedachtes Wort gegenüber falschen Leuten ihn ebenfalls in Gefahr brächte. Es ist ein Leben in Angst und Paranoia, das beide führen, geprägt von gegenseitigem Misstrauen und vorsichtiger Annäherung. Die Integrierung Kamuis in die Dorfgemeinschaft führt zudem zu weiterem Missmut, als Hanbeis Tochter ein eindeutiges Auge auf den attraktiven Neuzugang wirft, was einen zwielichtigen Nebenbuhler, der nun seine Felle davonschwimmen sieht, arg erzürnt und zum Risiko werden lässt. Und nicht zuletzt steht auch Hanbei selbst auf der Abschussliste, da er das Pferd eines Fürsten getötet hat, der sich seinen Verlust nun in Blut auszahlen lassen möchte und dafür seine skrupellosen Schergen ausgesandt hat.

Kritik:

Diese zwischenmenschlichen Wechselspiele dominieren weite Strecken der Handlung, weswegen sich Action-Junkies trotz gelegentlich stattfindender, eher kurzgehaltener kriegerischer Auseinandersetzungen durchaus langweilen könnten. Angezogen wird das Tempo wieder, als ca. zur Halbzeit ominöse Hai-Jäger das Szenario betreten, die für einige abstruse Momente sorgen, wenn sie aus dem Meer hervorschnellende Kiefermäuler noch während des Sprungvorganges fachgerecht filetieren. Das Auftauchen dieser neuen Figuren passiert recht unvermittelt und lenkt das Geschehen in neue Bahnen, die kaum Bezug zu den vorherigen Ereignissen besitzen. Dramaturgisch wirkt das etwas unausgegoren und erweckt ein wenig den Anschein, es mit dem Zusammenschnitt eines Mehrteilers zu tun zu haben. Einerseits schimmert hier natürlich der Serien-Charakter der Vorlage durch. Andererseits ist hier auch auf stilistischer Ebene ein Bruch bemerkbar, passt diese absurde Praxis der Raubfisch-Massakrierung doch eher in ein komödiantisch angehauchtes Szenario. KAMUI gebärdet sich allerdings überwiegend bierernst und von bleierner Schwermut geprägt. Und obwohl rechtschaffende Historiker gewiss Anfälle bekommen, wirkt die Darstellung der Edo-Zeit überwiegend echt und nahbar, was bisweilen sogar an die Samurai-Epen Akira Kurosawas erinnert.

Natürlich haben die Ninjas dementsprechend auch nichts mit den meist in schwarze Roben gehüllten Killer-Akrobaten zu tun, die Regisseure wie Sam Firstenberg oder gar Godfrey Ho in Heulern namens AMERICAN NINJA oder NINJA TERMINATOR auf die Menschheit losließen. Die hier porträtierte Mörderbande ist eine doch recht gewöhnlich gekleidete, dabei aber reichlich ruchlose Gemeinschaft, die überwiegend damit beschäftigt zu sein scheint, sich gegenseitig zu jagen und ans Messer zu liefern. Obwohl bei den daraus resultierenden gewaltsamen Zusammenstößen auch mal die eine oder andere Extremität durch die Gegend fliegt, ist der Härtegrad zumindest in visueller Hinsicht eher moderat. Inhaltlich ist die Geschichte allerdings von beträchtlicher Brutalität. Denn auch vor Sympathiefiguren wird nicht Halt gemacht, sodass im Zweifelsfalle auch mal der eine oder andere liebgewonnene Charakter über die Klinge springen darf. Diese Konsequenz hebt KAMUI durchaus vom Gros der Konkurrenz ab. Etwas störend wirken hingegen die teils verblüffend schlechten Effekte, die dem Authentizitätsgefühl abträglich sind, sei es im Schlachtgewühl oder bei Flucht und Flug von Mensch und Tier.

Als unvorteilhaft erweist sich außerdem, dass der neutrale Erzähler, der einen zu Beginn noch so erkenntnisreich in die vorhandenen Verhältnisse einweihte, im weiteren Verlauf nie so wirklich Ruhe gibt und zwischendurch immer mal wieder laufende Sequenzen kommentiert. Sätze wie „Das azurblaue Meer und der unendlich sorglose Hanbei berührten Kamuis Herz tief“, wirken reichlich sinnlos und verführen in erster Linie zum genervten Augenrollen. Vollends überzeugen kann hingegen Hauptdarsteller Ken'ichi Matsuyama [→ DEATH NOTE] als Kamui. Dem damals 24-Jährigen nimmt man die Gratwanderung zwischen sensibler Seele und potentieller Killermaschine mühelos ab. Mag KAMUI innerhalb seiner Schauspiel-Vita eher unbedeutend sein, privat lohnte sich sein Auftritt auf jeden Fall: 2 Jahre später gaben er und seine Leinwand-Partnerin Koyugi [→ LAST SAMURAI] sich das Ja-Wort. Fans des Hongkong-Kinos erspähen in einer Nebenrolle außerdem den chinesischen Star Ekin Cheng [→ DIE SÖHNE DES GENERALS YANG]. Wie der sich in eine japanische Manga-Verfilmung verirrt hat, obwohl seine Rolle ebenfalls japanisch ist, ist eine gute Frage, aber der charismatische Mime ist immer gern gesehen.

Für Regisseur Yôichi Sai [→ ART OF REVENGE] blieb dies das letzte Werk, bevor er im November 2022 verstarb. Begeisterungsstürme löst die eher gemächlich erzählte Selbstfindungsgeschichte zwar nicht aus, aber die überwiegend verhaltenen bis sogar negativen Rezensionen verwundern dann doch. KAMUI besticht durch seine sorgfältige Inszenierung und den Aufwand in Sachen Kostüm und Kulisse, durch den eine glaubwürdige, greifbare Welt entsteht. Das betrifft vor allem die Szenen im Dorf, denen viel Zeit gewidmet wird und die eine gehörige Portion zwischenmenschliche Spannung entstehen lassen. Die Bilder atmen stets großes Kino, sei es staubig-erdig an Land oder knallig-blau auf hoher See. Dramaturgische Schwächen sind vorhanden und gelegentliche Stil- und Richtungswechsel irritieren, aber unterm Strich wurde hier deutlich mehr richtig als falsch gemacht. Die neutrale Erzählerstimme würde sich jetzt vermutlich zu Wort melden und so etwas sagen wie: „Die prachtvollen Tableaus und die spürbare Energie aller Beteiligten berührten den Rezensenten tief.“ Und damit hätte sie recht.

Laufzeit: 120 Min. / Freigabe: ab 16 

Samstag, 14. Oktober 2023

BLOODY TIE


SASAENG GYEOLDAN
Südkorea 2006

Regie:
Choi Ho

Darsteller:
Ryu Seung-beom,
Hwang Jeong-min,
Chu Ja-Hyeon,
Ja-Hyeon Chu,
Kim Hee-ra,
Lee Do-gyung,
On Ju-wan,
Choe Jin-ho



Inhalt:

Busan: Kurz vor der Jahrtausendwende hat der Drogenhandel die Stadt im Würgegriff. Einer der Nutznießer ist der junge Dealer Lee Sang-do [Ryu Seung-beom], der seine Haushaltskasse mit dem Handel von Crystal Meth aufbessert. Doch die sorglosen Tage sind vorbei, als ihn der ruppige Polizist Doh Jing-Wang [Hwang Jeong-min] aufsucht und zur Zusammenarbeit erpresst: Sang-do soll als Spitzel agieren, um an eine noch größere Nummer heranzukommen. Doch die geplante Verhaftung geht gehörig in die Binsen, woraufhin Jing-Wang seinen Job los ist und Sang-do seine Freiheit. Acht Monate später kommt der Kriminelle aus dem Knast. Gleichzeitig wird der geschasste Bulle wieder in den Dienst gestellt. Während Jing-Wang die Karriereleiter erneut erklimmen muss, sieht sich Sang-do völlig neuen Verhältnissen gegenüber: Aus dem Ausland sind neue Drogen ins Land gekommen und haben den Markt komplett verändert. Der neue große Boss heißt Jang-chul [Lee Do-gyung]. Dessen Verhaftung wäre für Jing-Wang die Rückkehr zu alten Ehren und für Sang-do die Möglichkeit, wieder zum Kiez-König aufzusteigen. Notgedrungen schmieden die Kontrahenten daher ein neues schicksalhaftes Bündnis.

Kritik:

BLOODY TIE beginnt im Stil einer flotten Komödie, wenn der junge Dealer Lee Sang-do dem Publikum per gut gelauntem Off-Kommentar erklärt, wie er in hemdsärmeliger Routine seine Geschäfte abwickelt und was für eine tolle Win-Win-Situation das doch ist: Seine Kunden erwerben (vermeintliches) Glück in kleinen Dosen, er selbst hört im Austausch dafür tagtäglich die Scheine rascheln. Trotz der ernsten Thematik (dass Südkorea kurz vor der Jahrtausendwende in einer Krise steckte und speziell in Busan das Verbrechen scheinbar unkontrollierbar wütete, das vermitteln bereits zum Einstieg diverse Schlagzeilen und Ausschnitte aus Nachrichtensendungen) wird dabei eine durchaus heitere Grundstimmung suggeriert. Sang-do feiert ausgelassen in Bars und Clubs; sein forsches Auftreten wirkt jugendlich-überschwänglich, seine Gestiken und Mimiken erinnern bisweilen an argloses Kleinkind-Verhalten. Dazu bringen ein funky Soundtrack und schnelle Schnitte gehörig Schwung in die Sache und sorgen für Stimmung und gute Laune.

Dass diese ausgelassene Attitüde nicht bis zum Ende Bestand haben wird, davon zeugt bereits die erste Begegnung zwischen Sang-do und seinem unfreiwilligen Polizisten-Partner Jing-Wang, die unmissverständlich aufzeigt, dass sie keine Kumpels werden. Das hier ist kein Buddy Movie, in dem sich zwei grundverschiedene Parteien zusammenraufen und schließlich Freundschaft schwören. Hier können sich beide Männer tatsächlich auf den Tod nicht ausstehen, und die zerbrechliche Zweckgemeinschaft bleibt auch eine bis zum bitteren Ende. Auf dem Weg dorthin wird es mit jedem Schritt düsterer und brutaler, was dem Werk in seinem Heimatland sogar einige Schlagzeilen bescherte: Obwohl nicht ausdrücklich verboten, galt die explizite Darstellung von Drogensucht in Südkorea lange Zeit als eine Art rotes Tuch, weswegen das kommerzielle Kino in der Regel einen verschämten Bogen um das Thema machte. BLOODY TIE hingegen leistete sich diesen Tabubruch, wenn auch nicht um des reinen Brechens willen: Die Zurschaustellung der verhängnisvollen Folgen des Konsums von Rauschgift ist notwendiger Bestandteil der Handlung und offeriert zudem einige Schauwerte in Sachen Schauspiel und Inszenierung.

Chu Ja-Hyeon verkörpert exzellent die süchtige Lee Ji-young, die aufgrund traumatischer Erlebnisse in die Abhängigkeit getrieben wurde. Wenn in einer rückblickenden Montage gezeigt wird, wie sie langsam, aber unaufhaltsam in die Sucht abgleitet, dann ist das darstellerisch wie inszenatorisch ein nachhaltig eindrücklicher Moment. Gleichzeitig wird Ji-young auch zum Zünglein an der Waage. Denn Sang-do, dessen Weg sich mit dem ihren zufällig kreuzt, erkennt seine Mitschuld an ihrem Zustand, weswegen er die im Grunde nur noch als Wrack existierende Frau in eine Entzugsklinik einliefert – die ironischerweise von seinem eigenen Onkel geleitet wird. Dieser Moment bedeutet im Übrigen jedoch nicht, dass aus dem Dealer jetzt plötzlich ein besserer Mensch wird. So versucht er nach Ji-youngs ersten Erfolgen in Sachen Entzug schamlos, sie zum nächsten Drogen-Cocktail zu überreden. Seine Motivation wird dabei nicht ganz klar, aber spätestens ab diesem Moment steht fest, dass Sang-do nicht zur Sympathiefigur taugt.

Das gilt allerdings auch für Jing-Wang, der als Polizist ja immerhin (zumindest formal) auf der Seite des Gesetzes steht. Aber auch er ist für das Publikum keine Bezugsperson, wenn er sich, offenbar psychisch labil, stets am Rande des Nervenzusammenbruchs zu bewegen scheint und sich sein Gebaren gar nicht großartig von dem eines Verbrechers unterscheidet. Nun sind ambivalente Figuren, erst recht im Genre des Gangster- und Polizeifilms, prinzipiell immer gern gesehen, zumal man sich damit natürlich deutlich dichter an der Realität befindet als mit den Klischees vom strahlenden Helden und fiesen Schurken. Aber wenn Verhaltensweisen und Handlungen kaum nachvollziehbar sind und die Protagonisten moralisch mal in die eine, mal in die andere Richtung pendeln, dann führt das auf Dauer doch eher zu Unzufriedenheit.

Dabei blitzen vereinzelt durchaus mal Anflüge von Charakterisierung und Motivation auf, am ehesten bei Dealer Sang-do, dessen Leben offenbar bereits von Kindesbeinen an von Gewalt und Kriminalität bestimmt war. Vertieft wird das dann allerdings nicht. Jing-Wang hingegen handelt nach der Prämisse, dass Kriminalität mit legalen Mitteln nicht besiegt werden kann, weswegen er zwangsläufig selbst zum Kriminellen wird. Diese Figur ist im Genre natürlich alles andere als neu und im Falle BLOODY TIEs gelang es den Autoren auch nicht, ihr neue Facetten abzuringen. Darum muss als zusätzlicher Antrieb dann doch noch die gute alte Rache herhalten: Zielperson Jang-chul ist nämlich nicht nur Drogenbaron, nein, er hat auch noch einen Kumpel und Kollegen Jing-Wangs auf dem Gewissen.

Lebendig werden diese Abziehbilder in erster Linie vom energischen Spiel ihrer Darsteller. Speziell Ryu Seung-beom [→ ARAHAN] agiert sich als mit heftigen Gefühlsschwankungen versehenem Drogendealer die Seele aus dem Leib: Mal enthusiastisch wie ein kleines Kind, kullern im nächsten Augenblick dann ausgiebig die Tränen. In Hwang Jeong-min [→ SHIRI] als rastlosem Polizisten scheint indes ein brodelnder Zorn zu wohnen, der jede Sekunde sich Bahn brechen und zur Explosion führen könnte. Bezogen auf reale Verhältnisse scheint das zwar ein wenig übertrieben (einen Beamten, der solch ein überkandideltes und unberechenbares Verhalten an den Tag legt, hätte man schon längst in Frührente geschickt), aber darstellerisch gibt es da ebenfalls nichts zu mosern.

Hauptgrund, dass BLOODY TIE am Ende als Sieger ins Ziel kommt, ist allerdings die temporeiche Inszenierung, die trotz nicht gerade schmaler Laufzeit ständig aufs Gas steigt, obwohl man sich stilistisch nicht so ganz einigen konnte. Denn obwohl das Ganze zeitlich Ende der 1990er verortet ist, klingt der Soundtrack stark nach 1970er Jahre, wobei manche Szenen auch einen entsprechenden, an Beiträge wie FRENCH CONNECTION gemahnenden, Siff-Look mitbringen, während schnelle Schnitte, Split-Screens und viel Kamerabewegung dann doch wieder deutlich moderner wirken. Schaden tut das freilich nicht, denn es funktioniert durchgehend bis zum Schluss, der erstaunlich nihilistisch daherkommt und nun gar nichts mehr von der scheinbaren Unbekümmertheit der ersten Minuten innehat. BLOODY TIE mag das Genre damit weder neu erfinden noch ihm irgendwelche Innovationen hinzufügen, ist unterm Strich jedoch ein professionell gefertigter Zeitvertreib, dem man sich ohne Reue aussetzen kann.

Laufzeit: 112 Min. / Freigabe: ab 16

Samstag, 7. Oktober 2023

TÖDLICHE SPIELE


DEATH GAME
USA 1977

Regie:
Peter S. Traynor

Darsteller:
Sondra Locke,
Colleen Camp,
Seymour Cassel,
Beth Brickell,
Michael Kalmansohn,
Ruth Warshawsky
(Mehr sind es
tatsächlich nicht.)



Inhalt:

George Manning [Seymour Cassel], Geschäftsmann, glücklich verheiratet, bleibt an seinem 40. Geburtstag allein zu Haus, da seine Frau sich um einen familiären Notfall kümmern muss. Er erwartet ein ruhiges Wochenende. Abends zieht ein Gewitter auf, was ja an sich noch nichts Schlimmes ist. Urplötzlich stehen dann jedoch zwei junge, vom Regen durchnässte Frauen vor seiner Tür, die sich als Jackson [Sondra Locke] und Donna [Colleen Camp] vorstellen und erklären, dass sie eigentlich auf eine Party wollten, aber mit dem Auto liegengeblieben seien. George lädt sie zum Trocknen ins Haus ein und gestattet ihnen, einen Freund anzurufen, der sie abholt. Die drei unterhalten sich angenehm vor dem Kamin, der Abend wird immer länger und der Alkohol tut seine Wirkung. Schließlich kommt es zum Äußersten. Am folgenden Morgen kommt das böse Erwachen gleich in doppelter Hinsicht: Nicht nur, dass beide Frauen jegliche Anziehungskraft verloren haben und sich plötzlich benehmen wie die Schweine, es stellt sich zudem auch noch heraus, dass die Geschichte von der Party und dem angerufenen Freund eine Lüge war. Nun beginnt für den Ehebrecher das schlimmste Wochenende seines Lebens. Denn Jackson und Donna lassen ihren sadistischen Neigungen freien Lauf und haben offenbar nicht vor, das Haus jemals wieder zu verlassen.

Kritik:

Home Invasion nennt sich eine Unterkategorie des Terror-Kinos, die vor allem deswegen so effektiv ist, weil sie wie kaum eine andere mit menschlichen Urängsten spielt: Die Vorstellung, dass das Böse bis in die eigenen vier Wände vordringt, dass sich die eigene Sicherheit nicht nur als Illusion, sondern der vermeintliche Safe-Space im Gegenteil sogar als scheinbar unüberwindbare Falle entpuppt, rüttelt gewiss bei nicht gerade wenigen Bürgern anständig an den Nerven. Vor allem das kostengünstig produzierte Sensations-Kino machte sich diesem Umstand zunutze und ließ auf der Leinwand immer wieder gewaltbereite Mörder, Psychopathen und Sadisten für ihre perfide Spielchen in anderer Leute Eigenheime eindringen. Dass die Unholde dabei auffallend oft männlich und die Opfer weiblich waren, lässt sich natürlich leicht als garstiger Kommentar zum Kampf der Geschlechter umdeuten. Diese Prämisse drehte Regisseur Peter S. Traynor in seinem Zweite-bis-Dritte-Reihe-Reißer DEATH GAME einfach mal frech auf links, wenn stattdessen zwei weibliche, mit dem Wahnsinn Sympathisierende anfangen, einem mehr oder minder unbescholtenen männlichen Mitbürger das Leben zur Hölle zu machen – ein im Prinzip simpler Taschenspieler-Trick, im Ergebnis jedoch erstaunlich effektiv.

Dass sich das Publikum trotz des fraglos nicht tadellosen Verhaltens der männlichen Hauptfigur schnell auf Seite George Mannings schlägt, liegt vor allem daran, dass es dem Regisseur gelingt, dessen Situation vollkommen glaubhaft rüberzubringen: Die beiden jungen Frauen, die wie aus dem Nichts in Georges Leben hereinbrechen, erwecken zunächst den Beschützerinstinkt und bedienen im weiteren Verlaufe in ihrer scheinbaren naiven Arglosigkeit dann unterschwellige fleischliche Fantasien, ohne dabei in plumpe Porno-Provokationen zu verfallen. Tatsächlich besitzt das alkoholumnebelte Palaver vor dem Kamin eine kindlich-unschuldige Gemütlichkeit, sodass nachvollziehbar ist, wie eines schließlich ganz klassisch zum anderen führt. Kaum minder faszinierend, wie DEATH GAME es gelingt, die Stimmung am darauffolgenden Morgen ins komplette Gegenteil kippen zu lassen: Der erotische Reiz des Vorabends ist völlig verflogen, die Besucherinnen erscheinen nicht mehr die Bohne attraktiv, geschweige denn begehrenswert, sondern sogar regelrecht abstoßend – eine treffsichere Versinnbildlichung von Scham und schlechtem Gewissen. Die zuvor so verlockend erschienenen kindlich-naiven Verhaltensweisen werden für George nun nach und nach zum Alptraum, wenn die unfreiwilligen Gäste ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen, wobei auch das Mobiliar in Mitleidenschaft gezogen wird. Regelrecht greifbar scheint dabei die aufsteigende Panik des Ehebrechers, wenn ihm Stück für Stück gewahr wird, dass er die beiden Damen vermutlich nicht mehr loswird.

Das funktioniert auch wegen des guten Schauspiels der Protagonistinnen, denen es allein durch die Veränderung leichter Nuancen gelingt, ihre Erscheinung von attraktiv auf abstoßend und schließlich sogar bedrohlich zu ändern. Verkörpert werden die Hausbesetzerinnen von Sondra Locke (die wohl ewig nur darauf reduziert sein wird, mal mit Clint Eastwood verheiratet gewesen zu sein) [→ DIRTY HARRY KOMMT ZURÜCK] und Colleen Camp [→ BRUCE LEE – MEIN LETZTER KAMPF], die alterstechnisch interessanterweise fast ein Jahrzehnt auseinanderliegen, ohne dass man es wirklich merkt (Camp war beim Dreh 21 Jahre alt, Locke sogar schon 30). Geschickt schaukelt das Skript den Konflikt im weiteren Verlaufe immer weiter hoch, die offensichtliche Geisteskrankheit der Frauen tritt deutlicher zutage und spätestens, wenn ein zufällig vorbeikommender Lieferjunge unfreiwillige Bekanntschaft mit einem Aquarium machen muss (eine in ihrer nüchternen Kaltblütigkeit wirklich enorm schockierende Szene), ist klar, dass es für George nun gar nicht mehr um die Rettung von Ehe oder Ehre geht, sondern nur noch darum, mit heiler Haut davonzukommen.

Dass der Produktion nur ein schmales Budget zur Verfügung stand, gereichte ihr durchaus zum Vorteil. So spielt sich die Handlung fast ausschließlich im Hause George Mannings ab, was DEATH GAME zu einem intensiven Kammerspiel werden lässt. Und obwohl es (bis auf besagte Aquariums-Szene) gar keine körperlichen Gewaltakte zu sehen gibt, hat man nach gut 90 Minuten Spielzeit das Gefühl, soeben Zeuge einer brutalen Tour de Force gewesen zu sein. Wenn die Frauen unter irrem Gelächter hemmungslos Klaviertasten malträtieren, wild mit Schminke bemalt wie Schreckgespenster durch die Wohnung fegen und sich generell völlig irrational und unberechenbar verhalten, dann erscheint das wie ein surrealer Alptraum, aus dem es kein Entkommen gibt. Gipfel des Grauens ist dann eine „Gerichtsverhandlung“, in welcher George stellvertretend für die Geißel des Patriarchats zur Ader gelassen wird.

Ob die Aktionen tatsächlich eine Art Rache für erfolgten sexuellen Missbrauch sein sollen oder die geistige Unzurechnungsfähigkeit der Protagonistinnen gar Resultat von eben solchem sind, wie mehrmals angedeutet wird, darüber schweigt sich DEATH GAME final aus. Eine gute Entscheidung, denn das bis zuletzt völlig rätselhaft und erklärungslos bleibende Verhalten der Eindringlinge unterstreicht abermals den irrationalen Alptraum-Charakter der Ereignisse. Dazu passend auch das nur im ersten Moment zu diesen im Kontrast zu stehen scheinende Kinderlied „Good Old Dad“, das im Vorspann erklingt und hinter dessen harmloser Fröhlichkeit sich ebenfalls gruselige Abgründe erahnen lassen. Vermutlich sind eben diese bewusst offen gelassenen, oftmals auch fehlenden Zusammenhänge der Grund dafür, dass DEATH GAME seinerzeit in der Rezeption so stark polarisierend aufgenommen wurde. Von „Schund“ bis „feministisches Manifest“ war so ziemlich jede Einschätzung dabei. Die Wahrheit dürfte – ja, das ist eine Phrase! – irgendwo dazwischen liegen. Denn dass dem kostengünstig zum Leben erweckten Terrorfilmchen durchaus Ambitionen zu Grunde lagen, lässt sich kaum leugnen.

Speziell Sondra Locke berichtete später allerdings von chaotischen Dreharbeiten und tadelte die mangelhafte Leistung Peter S. Traynors in Sachen Schauspielführung. Diesem Urteil schloss sich George-Darsteller Seymour Cassel [→ COOGANS GROSSER BLUFF] liebend gern an, der Berichten zufolge mit dem Regisseur in einen lautstarken Disput geriet und mehrmals damit drohte, das Set zu verlassen. Zudem verweigerte er seine Mitwirkung an jeder Form von Nachdreh und -bearbeitung, sodass er sogar von einem anderen Schauspieler nachsynchronisiert werden musste. Dem Resultat merkt man das allerdings nicht an: DEATH GAME wirkt durchaus stimmig und entlässt sein staunendes Publikum schließlich mit einer Szene, die so unerwartet kommt, dass kaum eine Besprechung sie unerwähnt lässt. Und ja, das Ende ist überraschend. Allerdings auch nur, weil es im Grunde völlig bescheuert ist. Im Prinzip könnte man jeden Film auf diese Weise enden lassen, Geringschätzung des eigenen Publikums vorausgesetzt. Daher sollte man sich tatsächlich eher auf den Rest fokussieren. Auch dann hat man es freilich nicht mit einem vergessenen Meisterwerk zu tun. Aber dafür mit einem oftmals etwas verschrobenen, stets interessanten und – was das Wichtigste ist! – im Gedächtnis bleibenden Mini-Thriller, der das Glück hatte, unter widrigen Bedingungen entstanden zu sein, um so wundersam speziell zu werden, wie er jetzt ist.

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ungeprüft

Mittwoch, 27. September 2023

DER SCHWARZE SKORPION


CIFRATO SPECIALE
Frankreich, Italien, Spanien 1966

Regie:
Pino Mercanti

Darsteller:
Lang Jeffries,
José Greci,
Helga Liné,
George Rigaud,
Andrea Scotti,
Philippe Hersent,
Janine Reynaud,
Umberto Raho


„Du bist ein amerikanischer Agent. Für nen echten Russen bist du mir viel zu russisch.“ [Aufgeflogen! „Ivan“ hätte bei Johnny wohl doch keinen Wodka bestellen sollen.]


Nachdem "James Bond" im Jahre 1962 erstmals die Leinwand betreten hatte, war die Welt in sicheren Händen. Bei den ganzen „Geheimagenten“, die in den Folgejahren wie Pilze aus dem Boden sprossen, dürfte es dem globalen Ganoventum nämlich nicht einmal mehr gelungen sein, sich rechtswidrig ein Wurstbrot einzuverleiben. Da es die lernresistente Schurkenschaft dennoch immer wieder darauf anlegte, die Menschheit zu malträtieren, durfte in den 1960ern so ziemlich jedes Herrenmoden-Modell einmal den Connery kopieren und ein bisschen Spion spielen. So auch der 1930 in Kanada geborene Lang Jeffries, der 1966 für die italienisch-französisch-spanische Co-Produktion CIFRATO SPECIALE vor die Kamera trat, um das zu tun, was ein anständiger Abendlandretter eben so tun muss.

Inhalt:

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs versenken die Nazis noch flugs zwei Kisten mit geheimnisvollem Inhalt vor der Küste Istanbuls. 20 Jahre später: Die britische Regierung findet in einem alten Bunker eine Video-Aufzeichnung, die beweist, dass der deutschen Landesführung einst ein sensationelles Experiment gelang: die zeitweilige Aufhebung der Schwerkraft. Die Formel zu diesem Bravourstück befindet sich offenbar - neben ein paar Goldbarren - in einer der beiden Kisten, die immer noch auf dem Meeresgrund liegen. Geheimagent Johnny Miller [Lang Jeffries] wird beauftragt, diesen Schatz sicherzustellen, bevor feindliche Mächte es tun. In der Türkei gelingt es ihm, den steinreichen Mr. Hoover [George Rigaud] für die Such- und Bergungsaktion anzuwerben. Schon bald gerät Miller ins Visir mehrerer Partien, die ihm ans Leder wollen. Aber auch Hoover scheint eigentlich eigene Pläne zu verfolgen.

Kritik:

Ein Bein ausgerissen hat man sich gewiss nicht, um diese Posse zu Papier zu bringen. Die absurd anmutende Anti-Gravitations-Formel ist für die Handlung völlig irrelevant, ein gegenstandsloses Gimmick, nur erdacht, damit die Meute auch etwas zum Hinterherjagen hat. Schnell wird es dabei unübersichtlich und vor allem unkonkret: Wer Johnny Millers Gegner eigentlich sind und welches Interesse sie ihrerseits an der Beute haben, kommt an keiner Stelle zur Sprache. Dabei hätten andere Parteien ja im Prinzip auch nicht weniger Anrecht darauf, sich das begehrte Zielobjekt unter den Nagel zu reißen, als der Held der Show. Aber da derlei Spitzfindigkeiten hier keine Rolle spielen, drückt man natürlich automatisch dem hauptrollenden James Bond-Verschnitt die Daumen, der in puncto Status und Persönlichkeit eindeutig zur „guten“ Fraktion gehört.

Während besagter Johnny Miller nicht einen Hauch Ambivalenz innehat, wird kaum ein Zweifel daran gelassen, dass sein angeworbener Kompagnon Hoover (der von Miller übrigens meistens „Huber“ genannt wird, was diesen aber nicht zu stören scheint) alles andere als ein integrer Geschäftsmann ist, sondern vielmehr ein skrupelloser Gangster, der notfalls über Leichen geht (War im Agenten-Genre eigentlich jemals ein Milliardär ganz koscher?). Die Folge ist eine zerbrechliche Zweckgemeinschaft, da zumindest eine Zeit lang keiner das Ziel ohne den anderen erreichen kann: Miller verfügt über relevante Informationen und Geheimdienst-Befugnisse, Hoover besitzt die für die Mission nötigen Moneten, Männer und Maschinen. Doch das Zerwürfnis hängt wie ein Damokles-Schwert über dem behelfsmäßigen Bündnis; hinter der gönnerhaften Freundlichkeit und den flapsigen Bromance-Sprüchen stecken gegenseitiges Belauern und gepflegtes Misstrauen. Hoover, das scheint sicher, wird Miller abservieren, sobald sich die Vorteilsverhältnisse zu seinen Gunsten verschoben haben. Dabei macht er aus seiner Gefährlichkeit keinen Hehl und liefert gleich zu Beginn eine unmissverständliche Botschaft: Als Miller Anstalten macht, sich von der Gegenseite abwerben zu lassen, findet er sich unversehens und gut verschnürt in Hoovers privatem Hobbykeller wieder und wird nach ein paar Stunden Spezialbehandlung fürs Erste wohl nur noch gebückt auf den Gemüsemarkt gehen können.

Aus der Frage, ob und – falls ja – wann Hoovers Unterstützung in Verrat und Vernichtung umkippen wird, bezieht CIFRATO SPECIALE den Großteil seiner Spannung. Der Rest ist gediegene Funterhaltung von der Spionage-Stange: Miller (der im Original eigentlich Curd heißt, aber das klang für Germany wohl nicht cool genug) stolziert strotzend vor Stolz und Selbstvertrauen durch Stadt und Land, während irgendwelche Leute fortwährend versuchen, ihm die Lichter auszupusten. Ob auf offener Straße, im Skilift oder in der Geisterbahn (ja, tatsächlich!): Überall warten bereits dunkle Gestalten mit schwerem Gerät auf ihn. Zum Glück sind die Gauner meist nett genug, selbst aus kurzer Distanz noch daneben zu schießen, ansonsten wäre der Fall nämlich schon recht schnell zu den Akten gewandert. So jedoch zieht sich die Sache ganz schön hin und verkommt zeitweilen zu einer bloßen Aneinanderreihung missglückter Attentatsversuche, was nun nicht gerade der Kreativität letzter Schluss ist.

Für etwas Abwechslung sorgt dabei lediglich die Anwesenheit holder Weiblichkeit, denn natürlich bleibt so ein waschechter Geheimagent nicht lang allein. Dabei bandelt Miller mehr oder minder gleich mit zwei Grazien an, wobei das Kennenlernen mit der ersten, Luanna, gespielt von Helga Liné [→ SARTANA – NOCH WARM UND SCHON SAND DRAUF], schon enorm spezialgelagert daherkommt: Völlig ohne Erklärung, was er dort macht oder wie er dort hin kam, stromert Miller da nämlich den Felsenstrand entlang, bevor er aus unbekannten Gründen von unbekannten Personen aus dem Hinterhalt beschossen wird (natürlich mal wieder nicht besonders zielsicher). Miller springt auf ein bereitstehendes Motorrad samt Beiwagen (Gehört es ihm? Wer weiß … ?), kratzt damit die Kurve, bollert die Straße entlang, bevor nun wiederum auf das Gefährt geschossen wird, das infolgedessen explodierend über eine Klippe fliegt, während Miller abspringt und über den Boden kullert, direkt vor das Automobil von Luanna, die seine Situation mit einem kecken Spruch kommentiert, bevor er – ebenfalls mit launigem Scherz auf den Lippen - in völliger Selbstverständlichkeit auf dem Beifahrersitz platznimmt und sich von ihr in trauter Eintracht und wie mit einer alten Bekannten plaudernd durch die Stadt kutschieren lässt. Diese Sequenz (die gleichzeitig auch der Einführung der Hauptfigur dient) ist so sinnbefreit und ohne jeden Bezug zum Rest, das geht schon fast als Absurdes Theater durch. Dass sich Luanna dann später ausgerechnet als Schwester einer Person entpuppt, mit der es Miller im Laufe seiner Mission ebenfalls zufälligerweise zu tun bekommt, akzeptiert man da auch einfach mal achselzuckend.

Als weitere Zerstreuung gesellt sich José Greci [→ OPIUM CONNECTION] dazu, die als Hoovers Assistentin dem Agenten schöne Augen machen darf, wobei ihre Rolle natürlich bewusst zwielichtig angelegt ist, da sie den Helden womöglich lediglich in die Falle locken will. Interessant ist auch hier ihr erster Auftritt: Da steht sie nämlich nur leicht beschürzt hinter einem Vorhang verborgen, wobei Miller schnell Wind von der heimlichen Beobachterin bekommt. Kein Wunder, denn der obligatorische Saxophon-Schmuse-Sound, der bei Werken wie diesen immer zuverlässig beim Auftritt einer weiblichen Schönheit eingespielt wird, ertönt hier schon, bevor sie überhaupt im Bild ist. Nun wirkt es so, als wüsste Miller lediglich aufgrund der aus heiterem Himmel einsetzenden Kuschel-Musik, dass da eine junge Dame hinter der Gardine steht. Positiv ist anzumerken, dass Frau Greci im weiteren Verlauf alles andere als die übliche hilflose Staffage ist, sondern sich ihrer Haut auch sehr gut ohne männliches Zutun zu erwehren weiß – zumindest legt sie einen bemesserten Schergen doch sehr souverän auf die Bretter.

Davon abgesehen mangelt es wenig überraschend weder an Klischees noch Albernheiten. So erkennt man Schurken in der Regel daran, dass sie Sonnenbrille tragen, im Zweifelsfalle auch Nachts. Bemerkenswert ist es zudem, wie Miller es schafft, durch das Überziehen einer Gummimaske nicht nur seine Gesichtszüge, sondern auch seine Stimme und Statur komplett zu verändern. In erster Linie in Erinnerung bleibt aber seine bemerkenswerte Methode, den ersten Kontakt mit dem eigentlich als unerreichbar geltenden Mr. Hoover herzustellen: Miller läuft einfach durch die Stadt, kauft die teuersten Läden leer und sagt zu den Verkäufern im Anschluss lapidar: „Schicken Sie die Rechnung an Mr. Hoover!“ Das geht so lang gut, bis Hoovers Gorillas bei ihm auftauchen, um ihm den Konsumrausch per körperlicher Ermahnung nachhaltig auszutreiben. Doch selbstverständlich werden die Handlanger entgegen deren eigentlichen Plänen von Miller fachgerecht frikassiert und zwar so lang, bis sie ihn schließlich zu ihrem Boss bringen. Was für ein Plan! Hätte es ne Brieftaube nicht auch getan?

Lang Jeffries [→ PERRY RHODAN – SOS AUS DEM WELTALL] macht bei alledem eine wirklich gute Figur, agiert weltmännisch-souverän und legt sich auch bei den Action-Szenen mächtig ins Zeug. In der deutschen Fassung erhält er durch seinen Synchronsprecher noch zusätzliche Autorität (natürlich mal wieder: Gert Günther Hoffmann, damals quasi die Agentenstimme schlechthin). Zu den Höhepunkten zählt seine hervorragende Interaktion mit dem argentinisch-stämmigen George Rigaud [→ FRISS ODER STIRB], der den zwielichtigen Mr. Hoover fabelhaft verkörpert. Hinter seiner freundlichen Fassade, das spürt man, liegt stets eine unschwellige Bösartigkeit, die sich jeder Zeit von der Leine reißen könnte. Dass Hoover in einer längeren Kostümball-Sequenz zeitweilen mit einer doch recht lächerlichen Dagobert Duck-Maske auftritt, was der Autoritäts-Aura nun wieder ziemlich schadet, war hingegen eine eher weniger gelungene Idee der Macher. Auf Hoovers Figur geht auch der deutsche Titel zurück, nennt man den halbseidenen Anzugträger auf den Straßen Istanbuls eben den Schwarzen Skorpion. Da Skorpione generell die Angewohnheit haben, schwarz zu sein, ist der Name freilich ungefähr so sinnvoll wie Der gelbe Bagger oder Der hetzende Höcke. Aber immerhin gab es ja auch schon einen Superhelden, der es für eine gute Idee hielt, sich Schwarze Fledermaus zu nennen (Nein, nicht Batman, sondern sein weitaus unbekannterer Kollege Black Bat).

Am Ende gehört DER SCHWARZE SKORPION trotz kleinerer Durststrecken und der gängigen Mischung aus Klischees und Kokolores zu den besseren Bond-Reproduktionen, zumal er auch im schicken Gewand daherkommt (Drehgenehmigungen für Türkei, Italien und Spanien wollen schließlich ausgereizt werden). Etwas unglücklich nur, dass ausgerechnet die finalen Unterwasser-Szenen, die vermutlich als Höhepunkt geplant waren, tatsächlich eine echte Anti-Klimax bilden. Per Tauchroboter, Mini-U-Boot oder klassisch via Flosse, Flasche und Schnorchel begibt man sich da in die Tiefe, und auch, wenn die grollende Klangkulisse permanenten Nervenkitzel zu suggerieren versucht, tritt die Spannung hier auf der Stelle, zumal selbst bei den Zweikämpfen im Neoprenanzug gar nicht mehr ersichtlich ist, wer denn hier eigentlich gerade wen vermöbelt. Der Schlussakt bietet dann noch mal einen echten Lacher, wenn der Held lediglich den weiblichen Schurken vor dem Tode rettet, während der Rest ruhig elendig krepieren darf. Amnestie wegen Attraktivität. Dass die beiden danach miteinander anbandeln und händchenhaltend in eine glückliche Zukunft schlendern, als sei zuvor nichts geschehen, versteht sich von selbst.

Am Ende ist dann plötzlich ein Tanzbär im Bild. Warum? Dieses Rätsel könnte nicht einmal Johnny Miller lösen.

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ab 16

Mittwoch, 20. September 2023

SPIRITS OF DEATH


UN BIANCO VESTITO PER MARIALÉ
Italien 1972

Regie:
Romano Scavolini

Darsteller:
Ida Galli,
Ivan Rassimov,
Luigi Pistilli,
Pilar Velázquez,
Ezio Marano,
Giancarlo Bonuglia,
Gianni Dei,
Edilio Kim



Inhalt:

Auf saftigem Grün, durch Baum und Busch vor Blicken verborgen, zelebriert ein Paar die Zärtlichkeit. Doch das Vergnügen findet sein jähes Ende: Ein Mann nähert sich den einander Zugetanen mit einer Pistole im Gepäck. Kurze Zeit später liegen drei Leichen im Gras: Die Liebenden wurden vom unerwarteten Gast per Kugel niedergestreckt, er selbst richtete sich im Anschluss selbst. Es war der Ehemann der Frau, die nun freilich nie wieder fremdgehen wird. Doch das Drama blieb nicht unbeobachtet: Zwei vor Schreck geweitete Kinderaugen waren Zeuge der blutigen Tat. Sie gehören Marialé. Der Racheengel war ihr Vater. Viele Jahre später ist das Mädchen erwachsen und fristet sein Dasein auf einem abgelegenen Schloss. Ihrem Gatten Paolo [Luigi Pistilli] gelingt es, die Frau erfolgreich von der Außenwelt abzuschirmen. Trotzdem stehen eines Tages Gäste vor dem Tor: Einige frühere Freunde des Ehepaares beharren darauf, eine Einladung erhalten zu haben und bestehen auf Einlass. Paolo kann sich das nicht erklären, lässt die Besucher aber widerwillig passieren. Ein Fehler. Zwar freut sich Marialé [nun: Ida Galli], ihre Bekannten von damals wiederzusehen und veranstaltet mit ihnen eine rauschende Party. Doch dann geschieht ein grausamer Mord. Es wird nicht der letzte bleiben.

Kritik:

Angeblich drehte Regisseur Romano Scavolini SPIRITS OF DEATH lediglich aus finanzieller Not heraus als relativ unwillkommene Auftragsarbeit. Das klingt nicht unbedingt nach guten Voraussetzungen für einen packenden Krimi-Abend und lässt leidenschaftslos abgefilmten Dienst nach Vorschrift erwarten. Dass dem nicht so ist, wird zum Glück schnell klar, denn UN BIANCO VESTITO PER MARIALÉ, so der deutlich sperrigere Originaltitel, eröffnet sein Spiel gleich mit einem Knalleffekt (ja, im Wortsinne) und hat allein dadurch bereits auf Anhieb alle Blicke auf sich - wenn danach auch erst einmal wieder einen Gang runtergeschaltet wird. Stattdessen beherrschen nun zarte Agatha-Christie-Schwingungen das Szenario gemischt mit etwas gotischem Grusel, wenn eine bunt zusammengewürfelte Gastgesellschaft (man fragt sich, wie solch unterschiedliche Figuren sich denselben Freundeskreis teilen können) sich zum Stelldichein auf dem ungewöhnlichen Wohnsitz der stets leicht der Realität entrückt scheinenden Marialé versammelt. Hier quillt dann vor allem die Atmo aus jeder Ritze, denn der Schauplatz Schloss ist umgeben von verzaubert scheinenden Gärten und verziert mit ausladend dekadenter Dekoration.

Natürlich kommt es dann, wie es meistens kommt: Die Besucher sind sich spinnefeind und die Luft ist erfüllt von Spannungen jedweder Art. So weit, so gewohnt. Doch dann wird es unversehens extravagant: In einer (alp-)traumartigen Sequenz steigt die bunte Runde die Kellertreppe hinab und tappst zwischen Massen an Spinnweben wie lobotomiert durch ein Kabinett aus steinernen Masken, menschgroßen Stoffpuppen, altertümlichen Kostümen und weiterem schaurigen Schnickschnack, während sich um sie herum das Tor zur Hölle zu öffnen scheint und ein Inferno aus Blitz, Sturm und Donner urplötzlich den Raum erfüllt. Sich einen Reim auf diese sonderbaren Bilder zu machen, ist freilich nichts, was mal eben zwischen Tür und Angel passieren sollte. Aber geht man davon aus, dass das gesamte Schloss eine Metapher ist für die angeschlagene Psyche der Hauptfigur Marialé, so symbolisieren dessen Mauern ihr Gefängnis, ist der Gang ins unterirdische Gewölbe ein Sinnbild für das Eindringen in die tief verborgenen Geheimnisse ihrer Seele und der unvermittelte (eigentlich unmögliche) Wetterumschwung eine Allegorie auf die Unruhe, die dieser Einblick in ihrem Gemüt verursacht. Dazu passt, dass Marialé hier unten im Dunkel das weiße Kleid wiederfindet, das ihre Mutter einst im Augenblick ihrer Ermordung trug. Die verdrängte Vergangenheit holt sie nicht nur ein, sie ergreift regelrecht Besitz von ihr, da sie sich das unheilvolle Kleidungsstück überwirft und bis zum Ende auch nicht mehr ablegen wird.

Ohnehin bricht sich der Wahn ab hier genüsslich Bahn. Denn das Auffinden ausgefallener Gewänder nimmt die Gemeinschaft zum Anlass, sich neu in Schale zu schmeißen, um im Anschluss eine simpel als „Spiel“ bezeichnete Super-Orgie vom Zaun zu brechen, die überdeutlich Assoziationen zu spätrömischer Dekadenz zulässt. Kaum kostümiert und die Antlitze hinter bunter Schminke verborgen entladen sich die bis dahin so angestrengt zurückgehaltenen Alterationen aller Anwesenden bei einem rauschartigen, von psychedelischer Beat-Musik begleiteten Fest der Völlerei, das die Teilnehmer offenkundig auf einen anderen Stern katapultiert. Da wird im närrischen Federkleid durch den Saal gehopst, die Peitsche geschwungen und Backenfutter verteilt. Hemmungen fallen, Hüllen ebenfalls, Triebe gewinnen die Oberhand. Man wird beleidigend, rassistisch, übergriffig. Das Tragen der Masken scheint die Menge zu demaskieren. Nach der großen Sause, als die Realität langsam wieder anfängt zu kicken, stehen sie dann alle da wie begossene Pudel, außer Atem und albern im Anblick. Und da das Krimi-Karussell irgendwann einmal anfangen muss zu rotieren, kommt nun, nach fast genau einer Stunde Laufzeit, der Hammer.

Im Wortsinne versteht sich, denn der erste extern herbeigeführte Exitus endet für den unfreiwilligen Rezipienten mit zerschmettertem Schädel. Ab jetzt bringt der Tod tüchtig Leben in die Bude, denn die Zahl der Gäste schwindet von nun an rapide. Der Mörder begann sein Werk zwar spät, scheint aber trotzdem pünktlich Feierabend machen zu wollen. Die Tötungen sind garstig, blutig und nicht selten experimentell und aus ungewöhnlichen Winkeln gefilmt. Die Identität des Täters liegt dabei so offenkundig auf der Hand, dass man sich fragt, ob das überhaupt als Geheimnis intendiert war. Zwar bleibt der Meuchler bei Ausübung seiner Taten stets fürs Publikum unerkannt, aber die „überraschende“ Enthüllung am Ende geriet so asketisch abgefrühstückt, dass man annehmen muss, der Regie war die obligatorische Rätselratenummer schlichtweg gleichgültig. Und obgleich ein Paukenschlag zum Abschied die Sache noch etwas runder hätte machen können, funktioniert sie auch ohne finalen Aha-Effekt. SPIRITS OF DEATH ist nämlich selbst nur kostümiert und hüllt die Studie einer geschundenen Seele in das Kleid eines Krimis. Zeitweise erzählerisch etwas unausgewogen (so wird anfangs etwas zu lang und dabei etwas zu ereignislos lediglich durch den Schauplatz geirrt, während die Mordserie im letzten Drittel dann kaum zum Luftholen kommt), aber stets von morbider Faszination, entfaltet sich ein durchaus fesselndes Kammerspiel.

Dass die dabei präsentierte Weltsicht eher pessimistisch geprägt ist und einem kaum Identifikationsfiguren lässt, darf einen freilich nicht stören. So sind Marialés „Freunde“ (die wohl auch deswegen charakterlich so verschieden sind, weil sie verschiedene gesellschaftliche Typen abbilden sollen) überwiegend sonderbar und unsympathisch, lediglich der von Ivan Rassimov [→ DIE FARBEN DER NACHT] verkörperte Massimo scheint noch einen gewissen Rest Anstand zu besitzen (obwohl der lüsterne Blick, den er einer jungen Frau anfangs beim Nachdemwegfragen zuwirft, durchaus auch den ein oder anderen Abgrund vermuten lässt). Das Personal agiert stets zwielichtig, wie der von Luigi Pistilli [→ DER SCHWANZ DES SKORPIONS] gespielte Ehemann, der seine Frau gegen ihren Willen mit Medikamenten füttert, oder Genger Ghatti [→ DIE RACHE DER CAMORRA] als schräger Bediensteter, der hier mit seinem Schnauzer aussieht wie Charles Bronson, sodass man jeden Augenblick damit rechnet, er würde eine Waffe ziehen. Dazu kommt die wirklich wunderschöne Musik von Fiorenzo Carpi [→ EIN FISCHZUG FÜR 300 MILLIONEN], die angenehm in den Gehörgang kriecht und es sich dort gemütlich macht.

SPIRITS OF DEATH zeichnet eine Tragödie, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen und die vermutlich noch bis in alle Ewigkeit nachhallen wird. Und mag es auch nicht vorrangige Intention gewesen sein, so wird dem gemeinen Grusel- und Giallo-Freund mittels einer wohldosierten Melange aus finsteren Gestalten und gefährlichem Getier doch genügend Material geboten, um sich hier ebenfalls angenehm unwohl zu fühlen. Erwähnt sei abschließend noch der wahrhaft spektakuläre Abgang des in flagranti erwischten Liebhabers aus der Eröffnungssequenz, der nach erfolgtem Todesschuss durch die frische Waldluft bollert, als habe ihn soeben eine Kanonenkugel getroffen, es aber während seiner daraus resultierenden Dreiviertel-Drehung trotzdem noch irgendwie schafft, verschüchtert seine Scham zu bedecken.

Laufzeit: 90 Min. / Freigabe: ungeprüft

Freitag, 15. September 2023

DAS HAUS DER VERFLUCHTEN


7, HYDEN PARK: LA CASA MALEDETTA
Italien 1985

Regie:
Alberto De Martino

Darsteller:
Christina Nagy,
David Warbeck,
Carroll Blumenberg,
Rossano Brazzi,
Andrea Bosic,
Loris Loddi,
Adriana Giuffrè,
Daniela De Carolis



Inhalt:

Die querschnittsgelähmte Joanna [Christina Nagy] ist trotz ihrer Behinderung eine lebenslustige Frau, die sich u. a. mit Fechten und Bogenschießen fit hält. Dabei lernt sie den charmanten Sportlehrer Graig [David Warbeck] kennen, der sie alsbald in den Hafen der Ehe zu bugsieren gedenkt. Es ist an Joannas Hausarzt Dr. Sernich [Rossano Brazzi], Graig über Joannas Vergangenheit aufzuklären: Im Alter von 11 Jahren stürzte sie eine öffentliche Treppe hinab, als sie vor einem Mann im Priestergewand floh, der sich an ihr vergehen wollte – ein Trauma, das ihre Psyche seitdem verdrängt hat. Aber nun scheint ihre Vergangenheit sie einzuholen: Immer wieder sieht Joanna einen mysteriösen Mann in dunkler Robe, der eine mit Blut besudelte Puppe bei sich trägt. Gleichzeitig beginnt eine grausige Mordserie, der immer mehr Freunde und Bekannte Joannas zum Opfer fallen. Joanna muss all ihre körperlichen und mentalen Kräfte aufbringen, um hinter das Geheimnis zu kommen.

Kritik:

Dass DAS HAUS DER VERFLUCHTEN in vielen Datenbanken unter der Rubrik „Horror“ gelistet ist, verdankt er wohl in erster Linie seiner unpassenden Benennung nebst akuter Abschreiberitis. Aber auch, wenn gefühlt jedes dritte Spuk-Spektakel ebenfalls einen derartigen Titel trägt, entpuppt sich 7, HYDEN PARK: LA CASA MALEDETTA (wie er im Original kaum weniger irreführend heißt) bereits nach wenigen Minuten als ein Giallo reinsten Wassers. Gut, so rein, wie es anfangs den Anschein hat, ist das Wasser im weiteren Verlaufe dann zwar gar nicht, übernatürliche Phänomene glänzen dennoch durchgehend durch Abwesenheit. Dafür startet Regisseur Alberto De Martino [→ IM DUTZEND ZUR HÖLLE] direkt mit der Bebilderung des für das Giallo-Genre unerlässlichen Kindheitstraumas, was auf Anhieb Punkte bringt, denn die Inszenierung ist unerwartet hochwertig. Verstörende Symbole, schräge Winkel und verschrobene Perspektiven erschaffen eine astreine Alptraum-Ästhetik und glaubwürdige Visualisierung der Zerrüttung einer Kinderseele. Und als wollte man alle Zutaten in möglichst kurzer Zeit abarbeiten, folgt im Anschluss an diese Sequenz auch direkt der erste Mord, stilecht begangen mit schwarzen Handschuhen und scharfem Rasiermesser.

An effektiven Auftakten mangelt es also beileibe nicht und des Publikums Neugierde, wie die einleitenden Ereignisse miteinander in Verbindung stehen, ist geweckt. Bis das geklärt wird, vergeht ein wenig Zeit, die allerdings gut genutzt wurde und zudem einige Stilwechsel mit sich bringt. So wandelt sich DAS HAUS DER VERFLUCHTEN zunächst zaghaft zum Psycho-Thriller, wenn Hauptfigur Joanna von ihrer verdrängten Vergangenheit eingeholt wird. Die Auftritte eines unheimlichen Priesters, der ein blutbeflecktes Plastik-Püppchen vor sich her trägt, welches noch dazu mit zarter Mädchenstimme ein gar grausliches Gesangsstück über aufgeschlitzte Bäuchlein zum Besten gibt, sorgen dabei in der Tat für ein paar schöne Schauer-Momente, obwohl einem eigentlich zu keiner Sekunde suggeriert wird, hier ginge tatsächlich ein Gespenst um. Dass stattdessen ein Komplott im Hintergrund läuft, davon künden nämlich die doch sehr weltlichen Tötungsdelikte, die sich im Umfeld der Protagonistin ereignen, und denen – Zufall? – stets Kirchendiener zum Opfer fallen. Die größte Überraschung ist dabei am Ende gar nicht die Antwort auf die Frage nach dem Täter, sondern der Umstand, dass dieser sich dem Publikum bereits nach gut einer halben Stunde Spielzeit selbst offenbart.

Mit dieser unerwarteten Früh-Demaskierung findet ein Perspektivwechsel statt, der DAS HAUS DER VERFLUCHTEN vom Mitrate-Krimi in etwas verwandelt, dessen Mittel Altmeister Alfred Hitchcock (von dessen Stil die Ereignisse auch deutlich inspiriert sind) einst als Suspense bezeichnet hat: Der Protagonist weiß nicht um die Gefahr, in welcher er schwebt, das Publikum allerdings schon. Durch diesen Wissensvorsprung entsteht der nötige Nervenkitzel, denn natürlich hofft man, dass die Hauptfigur das Unheil rechtzeitig bemerkt und mit heiler Haut davonkommt. Dennoch – so viel muss man einräumen – hängt die Spannung ab diesem Moment zunächst ein wenig durch, zumal sich die meisten Zusammenhänge auch als ernüchternd banal erweisen und der zu Beginn aufgebauten Erwartungshaltung kaum zur Genüge gereichen. Doch zum Glück gelingt es den Autoren (zu denen auch der Regisseur selbst gehört), die Ereignisse wieder ansprechend zu verdichten, wenn sich das Ganze nach und nach zu einem intensiven Kammerspiel entwickelt, bevor jede Subtilität über Bord fliegt und es nur noch ums blanke Überleben geht. Hier kommt dann auch endgültig das den Titel schmückende Haus ins Spiel, das von Alberto De Martino und seinem Kameramann Gianlorenzo Battaglia [→ BLADE IN THE DARK] als sinistrer Todeskäfig in Szene gesetzt wurde. Dass man dabei die Rollstuhl-Abhängigkeit der Protagonistin mehrmals zur Spannungsförderung einsetzt, führt zu einer weiteren prominenten Referenz, nämlich den Thriller-Klassiker WARTE, BIS ES DUNKEL IST aus dem Jahre 1968, in welchem das blinde Opfer seine Behinderung am Ende in seinen Vorteil ummünzt.

Dass DAS HAUS DER VERFLUCHTEN erst Mitte der 1980er entstand, nimmt freilich Wunder, ist die Inszenierung doch auf fast schon trotzige Weise angenehm altbacken. Dabei hatte der Giallo, die in viel Kunstblut getränkte italienische Krimi-Spielart, seinen Zenit zu dieser Zeit nicht nur überschritten, sondern war eigentlich schon längst abgemeldet. Dennoch wirkt das Werk überwiegend, als sei es gut 10 Jahre früher entstanden. Davon, dass bereits ein neues Zeitalter angebrochen war, zeugen insgesamt nur wenige Dinge, wie beispielsweise die Musik, die hier doch arg synthetisch klingt. Und auch der Einfluss amerikanischer Slasher-Ware, die seit Beginn der 1980er mit HALLOWEEN & Co. die Kinosäle füllte, lässt sich kaum leugnen (wobei diese auch deutlich vom Giallo inspiriert war, womit sich der Kreis wieder schließt), spätestens dann nicht mehr, wenn am Ende plötzlich alle bis dahin Gemeuchelten aus jeder Ecke fallen und der Killer trotz brutalster Blessuren schlichtweg nicht kleinzukriegen ist. Ohnehin gestaltete De Martino manche Momente verblüffend heftig, wenn immer mal wieder zwar kurze, aber dafür umso eindringlichere Gewaltakte stattfinden. Und natürlich lassen sich auch die offiziellen Meuchelszenen nicht lumpen, wenn Skalpell und Schaufel sehr gekonnt zweckentfremdet werden.

Frei von Schwächen ist die Erzählung dabei freilich nicht. So wird man beispielsweise das Gefühl nicht los, die Enthüllung des Rasiermesser-Mörders geschehe vor allem deswegen so früh, weil sie ohnehin keine sonderlich große Überraschung gewesen wäre (für das deutsche Publikum übrigens schon gar nicht, ist dessen Synchronstimme doch derart markant, dass man sie bereits nach wenigen Sekunden korrekt zugeordnet hat). Ein zwischendrin stattfindender Ausflug nach New York ist inhaltlich zudem so unnötig, dass man den Eindruck gewinnt, hier wollte man nur noch schnell eine Drehgenehmigung ausnutzen. Irritierend geriet auch eine seltsam uninspiriert wirkende Traum-Sequenz Joannas, die einen durch ihren neuen Denkanstoß so sehr aus der Bahn wirft, dass sie dem weiteren Verlauf der Handlung sogar regelrecht Schaden zufügt, obwohl sie am Ende (ebenso unpassenderweise) wieder aufgegriffen wird. Dieser Einfall wirkt nicht nur auf erzählerischer Ebene unglücklich, sondern auch auf formaler, da die Inszenierung ohnehin bereits einen realitätsfernen (Alp-)Traumcharakter besitzt.

Dass die ganzen vorgetragenen Erklärungen bezüglich Verdrängung und Seelenpein küchenpsychologischer Kokolores vom Feinsten sind, versteht sich fast von selbst, gehört dieser Umstand doch fast so sehr zum Giallo-Genre wie Mord und Maskierung. Ohnehin wirkt die Konstruktion von Joannas Kindheitstrauma etwas weit hergeholt: Ein Triebtäter, welcher sich ausgerechnet in eine geistliche Tracht wirft, um Kinder anzulocken? Wäre für so etwas nicht jedes andere Kostüm besser geeignet gewesen? Eigentlich sollte es sich ja herumgesprochen haben, dass, sobald ein Pfaffe mit Püppchen naht, sämtliche Fluchtreflexe umgehend zu aktivieren sind. Auch dem bewährten erotischen Unterton wird Rechnung getragen, wenn ein paar harmlose gleichgeschlechtliche Anwandlungen zwischen Joanna und ihrer jungen Pflegerin geschehen. Eindeutige Schlüpfrigkeiten bleiben jedoch aus und hätten sich auch kaum mit der restlichen Tonalität vertragen.

Um sich bewusst zu machen, wie viel Klasse DAS HAUS DER VERFLUCHTEN trotz seiner fraglos vorhandenen Defizite besitzt, muss man ihn nur mit der Mehrheit der Italo-Krimi-Ware aus dem Jahrzehnt seiner Veröffentlichung vergleichen, wie mit dem blankpolierten, nichtssagenden NOTHING UNDERNEATH, der im tiefsten 1980er-Körperkult-Sumpf versinkt und ähnlich langweilig-oberflächlich daherkommt wie die ganzen Models, die dort uninteressanter Weise gemeuchelt werden. Im Gegensatz dazu erscheint Alberto De Martinos Werk regelrecht klassisch und besticht durch eine hochwertige Ausstattung (die mit Bildern und Büchern vollgestopften Räumlichkeiten sind ein echter Hingucker) und ein paar gelungene optische Spielereien (wie Spiegelungen in Sonnenbrillen oder zahlreiche experimentelle Perspektiven). Die Gründe für die Morde kann das Drehbuch zwar nicht so wirklich plausibel machen, aber Stimmung und Spannung passen durchaus. Wer für klassischen Giallo-Grusel und „Hitchcock mit Härte“ etwas übrig hat, der darf in diesem Haus also gern ein Zimmer buchen.

Laufzeit: 85 Min. / Freigabe: ab 16

Donnerstag, 31. August 2023

J & M - DYNAMIT IN DER SCHNAUZE


ARRIVANO JOE E MARGHERITO
Italien, Frankreich, Spanien, BRD 1974

Regie:
Giuseppe Colizzi

Darsteller:
Keith Carradine,
Tom Skerritt,
Cyril Cusack,
Sybil Danning,
Gianfranco Bullo,
Raymond Bussières,
José Calvo,
Tito García



Inhalt:

Joe [Keith Carradine] verdingt sich als Leibwächter für die Mafia-Größe Pacco [Emilio Messina]. Als sein Boss auf die Abschussliste gerät, versuchen sie verzweifelt, den Auftragsmördern zu entkommen. Es gelingt Joe, ein Segelboot zu kapern und den Verfolgern fürs Erste ein Schnippchen zu schlagen. Unfreiwillig mit an Bord befinden sich allerdings noch der kauzige Mr Parkintosh [Cyril Cusack] sowie dessen Tochter Betty [Sybil Danning]. Um jemanden mit Seefahrtkenntnissen dabei zu haben, wird auf offenem Meer zusätzlich noch der kodderschnäuzige Fischer Margherito [Tom Skerritt] aufgelesen. Zwar können sich Joe und Margherito zunächst nicht besonders gut riechen, aber schon bald müssen sich beide zwangsweise zusammenraufen. Denn die Mafia hat noch nicht aufgegeben und bringt alle Beteiligten in akute Lebensgefahr.

Kritik:

Der italienische Regisseur Guiseppe Colizzi hat die Geschichte des Kinos entscheidend mitgeprägt: Unter seiner Ägide entstand der erste gemeinsame Leinwand-Auftritt des legendären Zweier-Gespanns Bud Spencer und Terence Hill. Zwar war sein knochentrockener Rache-Western GOTT VERGIBT – DJANGO NIE! (1967) noch weit entfernt von der unbekümmerten Heiterkeit, für die das Duo später bekannt wurde, aber der Grundstein war gelegt. Nachdem Spencer/Hill als pikareskes Prügel-Pärchen populär geworden waren, lieferte er mit ZWEI HIMMELHUNDE AUF DEM WEG ZUR HÖLLE (1972) auch gleich noch eine der besten Arbeiten der beiden Haudegen ab (ironischerweise gleichzeitig auch die erste, die nicht im Western-Setting verortet war). Colizzis Qualifikation steht also außer Frage und sein Schaffen war unbestritten von immenser Bedeutung für die weitere Entwicklung nicht nur der italienischen Film-Industrie. Wenn man die fantasielose Gauner-Groteske J & M – DYNAMIT IN DER SCHNAUZE betrachtet, käme man allerdings niemals auf den Gedanken, es mit einer weiteren Kreation dieser Koryphäe zu tun zu haben.

Oft und gern wird J & M mit den Werken Bud Spencers und Terence Hills verglichen und auch der deutsche Video-Titel ZWEI TOLLE HECHTE AUF DEM WEG ZUM HIMMEL versucht Assoziationen zum wohl größten Erfolg Colizzis zu wecken. Tatsächlich aber dürfte die einfallslose Posse dem Vorbild nicht einmal die Schuhe putzen, fehlt es ihr doch an allen Ecken und Enden an Vision und Innovation. Mehr als nur simpel erdacht ist die Handlung, die zu keinem Zeitpunkt so etwas wie Spannung oder wenigstens Interesse aufbauen kann, geht sie doch kaum über die Installation der Ausgangssituation hinaus: Eine Handvoll Leute versteckt sich vor Mafia-Killern auf einer Segel-Yacht. Das war es eigentlich auch schon. Darauf fußend finden zwar ein paar belanglose Episödchen statt, ein übergeordneter Spannungsbogen fehlt dabei aber ebenso wie eine greifbare Charakterzeichnung. Joe und Margherito, die als Sympathieträger fungieren sollen, bleiben nahezu ohne Profil und sind sich zudem auch viel zu ähnlich. Wenn Bud Spencer und Terence Hill auf der Leinwand miteinander in Streit geraten und sich schließlich unausgesprochen wieder vertragen, dann liegt das daran, dass sie eigentlich zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten verkörpern, die sich am Ende aber eben doch so gut ergänzen, dass sie nicht mehr ohneeinander können. J & M hingegen kabbeln sich quasi grundlos, hauen einander Beleidigungen um die Ohren und fangen ohne erkennbare Motivation an, sich zu verwemsen.

Dass beide zudem einen nur wenig liebenswerten Eindruck machen, ist auch nicht gerade sonderlich hilfreich. Dass Joe zu Beginn einfach mal eine Yacht kapert, ließe sich noch mit seiner Notsituation erklären. Dass er jedoch vollkommen ohne jede Not den Schiffseigner fesselt, knebelt und gefangenhält, ist hingegen schon wieder ein ganz anderes Kaliber. Und wenn später tatsächlich noch ein weiteres Boot geräubert wird, stößt man dessen verständlicherweise lautstark protestierenden Besitzer einfach mal so mir nichts, dir nichts ins Wasser. Sympathie sieht anders aus! Gut, beide sollen Gauner sein und Joe verdingt sich immerhin sogar für die Mafia, aber wenn die Helden eines Stückes so gar keinen moralischen Kompass mit auf den Weg bekommen haben, dann fällt es doch arg schwer, sich auf ihre Seite zu schlagen. Nun ist J & M kein NATURAL BORN KILLERS und im Großen und Ganzen natürlich eher harmlos. Dennoch gibt es unterwegs auch den einen oder anderen Toten zu beklagen, die jedoch fast alle auf das Konto der skrupellosen Verfolger gehen (lediglich gen Ende wird einem vermeintlich Unschuldigen von den „Helden“ per Bombe das Lebenslicht ausgepustet). Der also durchaus vorhandene harte Unterton ist ungewöhnlich für eine Komödie und erinnert sogar ein wenig an den brutalen Mafia-Massaker-Auftakt des Travestie-Klassikers MANCHE MÖGEN’S HEISS – wobei das nicht die einzige Assoziation bleibt, denn im Laufe der Handlung werfen sich J & M tatsächlich in Frauenkleider. Wer allein über diesen Umstand bereits lachen kann, der sitzt hier humorspezifisch schon richtig.

Aufmerksamkeit erregt J & M allerdings weniger durch seine behäbigen Scherze und schleppende Erzählweise, als vielmehr durch seine ungewöhnliche Besetzung der Hauptrollen. Keith Carradine und Tom Skerritt sind nun so ziemlich die letzten, die man in einer 70er-Jahre-Italo-Klamotte erwartet hätte. Während Carradine später vor allem ein beliebtes Serien-Gesicht wurde, erlangte Skerritt Berühmtheit durch Kultfilme wie ALIEN oder TOP GUN. Vor allem Letzterer ist hier allerdings kaum zu erkennen, zumal er seine Gesichtszüge auch noch durch eine wildwüchsige Bartpracht verschleiert. Ein weiterer bekannter Name auf der Besetzungsliste ist der von Sybil Danning [→ DER TAG DER KOBRA], die allerdings die typische dumme Nudel spielt, die ohne ihre übergroße Brille quasi blind ist – was natürlich für weitere tiefergelegte Witzeleien genutzt wird. Verantwortlich für die deutsche Sprachfassung war dabei übrigens Rainer Brandt, der auch aus dem Munde Tom Skerritts zu hören ist. Zwar bewies Brandt zuvor schon oft Gespür für passende Pointen, aber in diesem Falle wirkt das verbale Dauerfeuer meist eher bemüht als locker vom Hocker.

Das Einzige, was wirklich für gute Laune sorgt, ist das beschwingte Titellied von Guido und Maurizio De Angelis, das, wäre es für einen besseren Film entstanden, im Laufe der Zeit wohl ähnlichen Klassikerstatus erlangt hätte wie ihre Arbeiten für Spencer/Hill. Wer infantiler Blödelei prinzipiell offen gegenübersteht und seine Ansprüche in den Keller schrauben kann, der darf J & M – DYNAMIT IN DER SCHNAUZE dennoch auf seine Abarbeitungsliste setzen. Immerhin erlebt man hier eine Hauptrollen-Konstellation, die man nicht alle Tage sieht. Und um der Ehrlichkeit Genüge zu tun: Die Sprunghaftigkeit und Erklärungsarmut der Ereignisse könnte auch darin begründet liegen, dass die bundesdeutsche Schnittfassung mit gerade einmal 75 Minuten Laufzeit wirklich extrem kurz geraten ist. Dass man sich viele Verhältnisse selbst zusammenreimen muss, wäre somit also hauptsächlich Folge großflächiger Auslassungen und einer Vertonung, der eher an spaßigem Spruchgut als an Informationsübermittlung gelegen war. Das Original läuft etwas über 100 Minuten (wobei sich in der deutschen Version wiederum Szenen befinden, die dort fehlen). In Ungarn und der Türkei kommt die Nummer sogar auf satte 115 Minuten. Insgesamt scheint sich so ziemlich jedes Land seine eigene Version von dem Ding gebastelt zu haben. Die deutsche Variante ist mit Abstand die kürzeste. Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber könnte man diskutieren.

Laufzeit: 75 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 25. August 2023

ZWEI SCHLITZOHREN IN DER GELBEN HÖLLE


QUESTA VOLTA TI FACCIO RICCO!
Italien, Hongkong, BRD 1974

Regie:
Gianfranco Parolini

Darsteller:
Antonio Sabato,
Brad Harris,
Gianni Rizzo,
George Wang,
Karin Schubert,
Rudy Roland,
Eva Lin,
Danny Lee



„Das Kennwort heißt: 'Mundgeruch macht Feinde'. Ihnen als Reklamemann muss das ja leicht von den Lippen gehen.“

[Und das nächste Mal lernen wir den Unterschied zwischen ‚Kennwort‘ und ‚Parole‘!]

Inhalt:

Die beiden Herumtreiber Joe Esposito [Antonio Sabàto], genannt ‚Spaghetti‘, und Brad McCoy [Brad Harris], genannt ‚Keule‘, befinden sich stets auf der Jagd nach dem schnellen Geld. Dieses Mal versuchen sie ihr Glück in Hongkong, doch zunächst ohne Erfolg: Brads Plan, mittels gezinkter Würfel die Urlaubskasse aufzubessern, schlägt fehl und führt zu einer zünftigen Keilerei. Aufgrund ihrer Unerschrockenheit erregen sie allerdings die Aufmerksamkeit des Drogenbarons Giorgiakis [Gianni Rizzo], der sie vom Fleck weg als Kuriere engagiert. Nun befinden sich Joe und Brad nicht nur auf der Flucht vor der Polizei, sondern auch vor Giorgiakis’ Widersacher Wang [George Wang], der ihnen die heiße Ware abluchsen will. Noch ahnen sie nicht, dass sie in Wahrheit lediglich Spielbälle in einer hinterhältigen Intrige sind.

Kritik:

Mit der SABATA-Trilogie (1969/'70/'71) erschuf Gianfranco Parolini ein echtes Bravourstück, das bei Italo-Western-Fans völlig zurecht sehr hoch im Kurs steht. Und auch seine Beiträge zur KOMMISSAR X-Reihe (ab 1966) können sich sehen lassen. Darüber hinaus produzierte der 1925 in Rom geborene Regisseur allerdings auch viel Schund und Unterdurchschnittliches, wozu der vorliegende ZWEI SCHLITZOHREN IN DER GELBEN HÖLLE strenggenommen auch gehört. Bereits der deutsche Verleihtitel macht unmissverständlich klar, dass man es hier mit einem der zahlreichen Epigonen der erfolgreichen Bud Spencer- und Terence Hill-Komödien zu tun hat, ist die klangliche Nähe zu ZWEI HIMMELHUNDE AUF DEM WEG ZUR HÖLLE, einem der beliebtesten Filme des berühmten Vorbilds, doch nicht zu leugnen. Originalität oder gar große Visionen sind also schon von Haus aus nicht zu erwarten, wenn sich mal wieder ein flugs herbei fantasiertes ungleiches Duo durch die Gegend kabbelt, prügelt und juxt. Dennoch gelang Parolini (der auch am Drehbuch mitschrieb) im Großen und Ganzen recht passable Unterhaltung – immer vorausgesetzt, man schämt sich nicht für sein kindliches Gemüt und ist sich im Vorhinein bewusst, dass die Veranstaltung ein paar Qualitäts-Etagen unter der Spencer-/Hill-Liga spielt. Der große Lachanfall bleibt dann zwar immer noch aus, aber der ein oder andere generöse Schmunzler ist durchaus gegeben.

Dabei ist die Produktion mit dem Begriff „zweckdienlich“ wohl noch am besten beschrieben. Parolini lieferte artig Dienst nach Vorschrift, ging aber keinen Schritt weiter als zwingend notwendig. Strenggenommen ist es sogar verblüffend, wie vergleichsweise trist hier alles daherkommt, immerhin drehte man direkt vor Ort in China – eine Location, die von vielen Produzenten zu dieser Zeit ganz bewusst gewählt wurde, da sie, zumindest für damalige westliche Augen, viel exotisches Flair atmete und mit zahlreichen schönen Kulissen aufwarten konnte. ZWEI SCHLITZOHREN IN DER GELBEN HÖLLE jedoch spielt gefühlt immer an denselben drei Plätzen und gab sich auch keine Mühe, diese in irgendeiner Form anschaulich in Szene zu setzen. Die unvermeidlichen Prügel-Szenen sind ebenfalls eher schlecht als recht choreographiert und auch in Sachen Fabulierlust regierte der Sparstift: Erklärungen, woher sich die beiden Protagonisten überhaupt kennen und was sie antreibt, bleibt man dem Publikum schuldig. Während Spencer und Hill sich in der Regel zunächst zufällig über den Weg liefen und erst zusammenraufen mussten, bevor sie ein Team bildeten, welches dann auch ein festes Ziel vor Augen hatte, sind Brad und Joe bei ihrer ersten Begegnung bereits alte Bekannte, die sofort anfangen, einander anzufrotzeln, und dann ambitionslos in den Tag hineinleben.

Stehen und fallen tut solch eine Nummer natürlich mit ihren Hauptdarstellern und da ist ZWEI SCHLITZOHREN IN DER GELBEN HÖLLE nun ein sehr ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite hat man da den grandiosen Brad Harris [→ DAS GEHEIMNIS DER CHINESISCHEN NELKE], ein veritables Muskelpaket voller Präsenz und Energie, dessen infantiles Gemüt beinahe ansteckend wirkt. Einst war Harris in der Athleten- und Bodybuilder-Szene unterwegs und kam eher zufällig zum Film, erst als Stuntman, Statist und Nebendarsteller, bevor er aufgrund seiner Physis schließlich antike Heldenfiguren verkörpern durfte. Der deutsche Produzent Wolfgang Hartwig wurde auf den amerikanischen Schauspieler aufmerksam und bewilligte ihm für europäische Produktionen nicht nur Hauptrollen, die über Toga und Sandale hinausgingen, sondern engagierte ihn auch als Choreographen für darin vorkommende Action-Sequenzen. Hier erlebt man Harris als krachledernen Bud Spencer-Verschnitt, wobei sein Erscheinungsbild vielmehr an eine fleischgewordene Reinkarnation der Comic-Figur Popeye, dem Seemann erinnert (was von den Machern wohl auch intendiert war, immerhin gibt es eine sehr deutliche Anspielung darauf). Wenn Harris sich zu Beginn im wahrlich kriminell knappen Beinkleid ganz ungeniert zum Affen macht, dann hat er die Gunst des Publikums definitiv auf seiner Seite.

Deutlich weniger begeisternd ist hingegen die Besetzung seines Kompagnons: Vermutlich wollte Antonio Sabàto [→ THE RIFFS II] mit seiner Art smart und lässig wirken, aber das enorm breite und unechte Grinsen, dass er meist mit sich herumführt, lässt ihn eher leicht debil erscheinen. Zudem begleitet er seine Dialoge oft mit sehr eigentümlichen Gesten und Bewegungen, was ihm in manchen Momenten gar psychotische Züge verleiht. Ob dieses Auftreten auf Regie-Anweisungen oder persönliche Überforderung beim Anlegen der Figur zurückgeht, ist eine Frage, auf die es wohl niemals eine Antwort geben wird. Fest steht nur, dass Sabàto sowohl charismatisch als auch darstellerisch deutlich hinter seinem Partner zurückbleibt und kaum Sympathiepunkte sammeln kann. Tüchtig Kastanien aus dem Feuer holt hingegen ein Mann, der hier eigentlich eher Nebendarstellerstatus besitzt: George Wang, der sich bei allen Fans italienischer Comedy durch seine Rolle als Naka Kata in AUCH DIE ENGEL ESSEN BOHNEN (1973) unsterblich gemacht hat, indem er Opfer von Guiliano Gemmas Blütenstil mit den zwei Knospen-Trick wurde, ist eine Schau als gegnerischer Drogenboss, der immer und immer wieder auf der Bildfläche erscheint, um den beiden Helden die Suppe zu versalzen.

Die weibliche Belegschaft hat indes traditionsgemäß nur wenig zu tun, wobei man mit der gebürtigen Hamburgerin Karin Schubert [→ LASST UNS TÖTEN, COMPAÑEROS] immerhin einen bekannteren Namen an Bord hat. Allerdings darf sie hier kaum mehr als taff aussehen und Sabàto schöne Augen machen, wenngleich ihre Figur am Ende zumindest etwas vielschichtiger ist als angenommen. Noch ärger getroffen hat es allerdings Eva Lin [→ KUNG-FU-BRIGADE SCHWARZER PANTHER], die als Liebes-Anhängsel für Brad Harris herhalten muss und lediglich das Klischee der devoten Asiatin erfüllt (wobei sie sich immerhin einmal erfolgreich gegen ungewollte Avancen erwehren darf).

Die Defizite in Sachen Kampf-Chereographie und Bildgestaltung sind vor allem deswegen so ernüchternd, weil die im Original QUESTA VOLTA TI FACCIO RICCO! (=Diesmal mache ich dich reich!) genannte Knallschote eigentlich – man glaubt es kaum! – eine Produktion der Shaw Brothers ist, die damals bekanntermaßen die professionellste Kung-Fu-Film-Fabrik der Welt mit jeder Menge Klassiker-Output unterhielten. Hier jedoch lag die Gewalt über so ziemlich alle Gewerke offenbar fest in italienischer Hand, was doch recht bedauerlich ist: Ein paar Shaw-Profis an den richtigen Hebeln hätte das in vielen Punkten dilettantisch wirkende Werk deutlich aufwerten können. Zum Ausgleich gibt es immerhin einen kuriosen Gastauftritt des späteren Shaw-Stars Danny Lee [→ CITY ON FIRE], der hier bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit auftaucht, um Brad Harris Orangen, Ballons oder ähnlichen Klimbim anzudrehen.

Am Ende ist ZWEI SCHLITZOHREN IN DER GELBEN HÖLLE zwar ziemlich blöd und leidenschaftslos kredenzt, tut aber auch nicht sonderlich weh. Vor allem Brad Harris und George Wang machen richtig Dampf und können damit viel rausreißen. Im Original läuft das Ganze übrigens satte 100 Minuten. Die deutsche Kino-Version war mit 85 Minuten Spielzeit bereits auffallend erleichtert, in der hier besprochenen Video-Variante fehlen nochmal zusätzliche 10 Minuten. Das erklärt den teils etwas holprigen Schnitt. Das Gefühl, etwas Großartiges verpasst zu haben, hat man dabei allerdings auch nicht.

Laufzeit: 76 Min. / Freigabe: ab 16