Eigene Forschungen

Montag, 30. November 2020

DER MAFIA-KILLER


LIKE FATHER, LIKE SON
USA 1974

Regie:
Duke Mitchell,
Jefferson Richard

Darsteller:
Duke Mitchell,
Vic Caesar,
Lorenzo Dodo,
Louis Zito,
Cara Peters,
Fred Otash,
John Strong



„Du bist dabei oder du bist im Weg.“ 


Inhalt:

Mimi Miceli [Duke Mitchell], Sohn des emeritierten Mafiosos Don Miceli [Lorenzo Dodo], kommt nach Sizilien, um im Mafia-Business auch endlich so richtig durchzustarten. Seinen Einstand feiert er gleich mit einem Knaller: Er lässt den amtierenden Unterwelt-Boss Chucky Tripoli [Louis Zito] entführen, ihm einen Finger abhacken und erst gegen ein hohes Lösegeld wieder auf freien Fuß setzen. Die halsbrecherische Kamikaze-Aktion hat Erfolg: Miceli erntet sich Respekt und zählt quasi auf Anhieb zu den großen Tieren. Zusammen mit seinem alten Kumpel Jolly Rizzo [Vic Caesar] beginnt er eine klassische Mobster-Karriere, beherrscht von Mord, Prostitution und Pornograhie. Doch nach jedem Aufstieg folgt der Fall: Micele überschätzt sich von Tag zu Tag mehr und schaufelt sich damit langsam, aber sicher sein eigenes Grab.

Kritik: 

LIKE FATHER, LIKE SON, wie DER MAFIA-KILLER am Tage seiner Erstaufführung noch ganz dezent hieß, beginnt gleich mit einem Paukenschlag: Zwei Männer laufen durch einen Bürokomplex und richten ohne jeden Federlesens ein blutiges Massaker an. Ein Rollstuhlfahrer wird per Kabel und Pissbecken unter Strom gesetzt, der Rest der Belegschaft bekommt ebenso kommentar- wie mitleidlos Kugeln in Kopf, Brust oder Bauch verpasst, bis keiner mehr steht. Untermalt wird die brutale Vernichtungsarie mit beschwingter Gute-Laune-Musik, was ihre Kaltblütigkeit nochmals maximal potenziert. Dann gehen die Killer wieder lässig Richtung Fahrstuhl, als sei nix passiert. Zu diesem Zeitpunkt weiß das Publikum noch nicht, dass diese Szene (die zuvor bereits effektiv den Trailer zum Film schmückte) eine Vorausschau ist und später im Handlungskontext nochmals abgespult wird. Die Schützen, so weiß man dann, sind Mimi Miceli und Jolly Rizzo, zwei eigentlich kleine Fische, die sich mit kaltblütigen Aktionen wie diesen den Respekt der Unterwelt verdient haben und nicht vorhaben, ihn sich wieder abluchsen zu lassen. 

Der Macher dieser siffigen Räuberpistole, der nicht nur Drehbuch, Produktion und Regie übernahm, sondern obendrein auch die Hauptrolle bekleidete, hieß Duke Mitchell. Das heißt, eigentlich hieß er mit Familiennamen Miceli, wie die Filmfigur, und unterhielt ebenfalls Kontakte zum halbseidenen Milieu, was MASSSACRE MAFIA STYLE (international bekanntester Titel) einen gewissen halbbiographischen Anstrich verleiht. Zuvor hauptsächlich als Komiker und Sänger in Nachtklubs unterwegs, begann er schließlich, auf eigene Kosten billige Reißer für die Leinwand zu produzieren. Ausschlaggebend, so heißt es häufig, war seine Sichtung von Francis Ford Coppolas Kino-Meilenstein DER PATE, nach der er der Meinung war, so etwas eigentlich viel besser hinbekommen zu können. Natürlich stimmte das nicht. Von der eleganten Erzählweise des angeblichen Vorbilds ist hier nicht das Geringste zu spüren. Salopp gesagt: Wäre DER PATE eine filigrane 16jährige Ballerina im Russischen Staatsballett, so wäre DER MAFIA-KILLER eine trächtige Seekuh auf dem Tresen einer Hamburger Hafenspelunke um 4 Uhr morgens. Auf gewisse Weise ist Mitchells Interpretation damit vermutlich sogar näher an der Realität als die opulente Portraitierung Coppolas, denn seine grobschlächtige Umsetzung sorgt für ein ausnehmend hässliches, ungastliches Bild des Verbrechertums. Mitmachen möchte man nach dieser Lehrstunde jedenfalls nicht. 

Wirklich etwas zu erzählen hat Mitchell dabei freilich nicht. Sein Werk speist sich aus sattsam bekannten und lieblos aneinander gereihten Versatzstücken, die man alle irgendwo schon mal besser gesehen hat. Nicht selten erweckt das Stück dabei den Eindruck einer Improvisation, in der die Geschichte stets so weitergeht, wie es Mitchell am Drehtag gerade eben in den Sinn kam. Eklatant dafür ist die plötzlich eingeleitete Episode, in der Miceli quasi aus heiterem Himmel beschließt, in die Pornofilm-Branche einzusteigen. Weil er dafür Darsteller benötigt, aber keine findet (was man gut und gern als Quatsch verbuchen kann, willige Akt-Akteure dürften zu der Zeit keine Mangelware gewesen sein), beschließt er, die Mädchen eines bekannten Zuhälters dafür zu rekrutieren. Da dieser sich vehement der Zusammenarbeit verweigert und auch noch ausfallend wird, muss man nicht studiert haben, um dessen Schicksal korrekt erraten zu können. Wer hier die leise Hoffnung hegt, DER MAFIA-KILLER könnte von nun an einem roten Faden folgen und weitererzählen, wie es dem engagierten Mafia-Spross im Filmgeschäft erginge, welche Erfolge und unerwarteten Probleme ihn dort heimsuchen, welche Lehren er daraus zieht und wie diese sein weiteres Tun und Handeln beeinflussen, der irrt sich gewaltig. Nach Tötung des widerspenstigen Zuhälters ist dieses Fragment nämlich auch schon wieder abgeschlossen und das Bumskino-Business wird nie wieder auch nur erwähnt. Immerhin heben die bis dahin zum Thema abgesonderten Dialoge das Stück (vielleicht sogar unfreiwillig) auf eine schelmische Meta-Ebene, wenn Miceli und sein Busenkumpel Rizzo darüber plachandern, dass sie vom Filmemachen ja eigentlich gar keine Ahnung hätten, dann aber beschließen, trotzdem einfach durchzustarten. Das vorliegende Werk dürfte ganz ähnlich entstanden sein. 

Das einzig wirklich stets wiederkehrende Motiv (und deswegen vielleicht sogar eines, das Mitchell tatsächlich wichtig war), schlägt sich direkt im Originaltitel wieder: das der Familienbande. In einer arg ausgewalzten Szene referiert Mitchells Miceli über die Achtung vor der Mutter, immer wieder wird der Wert des Zusammenhalts betont. Gewiss, letztendlich ist das auch nur ein weiteres Mafiafilm-Klischee, aber immerhin ein Konzept, das sich auffallend konsequent durch die ansonsten reichlich zerfaserte Erzählung zieht. Als reizvoller Nebeneffekt steigern diese von Respekt und Liebe geprägten Aussagen abermals erheblich den Zynismus des ganzen Rests, stehen diese doch im krassen Kontrast zu den sonstigen menschenverachtenden Handlungen Micelis. Das Töten passiert lapidar, ruppig und ohne ausgefeilte Pläne. Die Inszenierung passt sich dem in ihrer Billigkeit an. Wenn hier geschossen wird, dann sieht man das Mündungsfeuer und in der nächsten Szene hält sich der Getroffene das perforierte Körperteil, während ihm ein Päckchen Kunstblut zwischen den Fingern hervorquillt. Nur ganz selten gönnte man sich tatsächlich ein paar platzende Blutpäckchen. Die reißerische Darbietung erinnert dabei eher an Slasher der Marke Freitag, der 13. Da hängt das Opfer schon mal recht unschön mit dem Auge am Fleischerhaken. 

In solchen Momenten wird dann auch die eigentliche Intention Mitchells deutlich, der einfach nur einen barschen Beitrag fürs einschlägige Bahnhofskino vom Stapel ließ. Seine Figuren bekamen keine besonderen Beweggründe verpasst. Warum Miceli z. B. unbedingt der große Boss werden will, wird niemals klar. Sympathiefiguren gibt es nicht. Mitchell selbst poltert als bildungsferner, öliger Fatzke durch die Kiste. Das ist alles fern von Geschick und Geisteswissenschaft, aber allzu hart sollte man mit Mitchells launigem Lausbubenstreich trotzdem nicht ins Gericht gehen. Aus der rüpelhaften Do It Yourself-Attitüde ist etwas ganz Eigenes, Urwüchsiges entstanden, ein Gegenpol zum herausgeputzten Hollywood, bei dem alles nach Schmutz und Schweiß und Blut riecht. Als roughiger Zeitverschwender funktioniert das schon. Wem DER PATE immer zu ausladend und intellektuell war, der findet hier seine Alternative.

Laufzeit: 83 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 29. November 2020

DIE RACHE DER CAMORRA


I GUAPPI
Italien 1974

Regie:
Pasquale Squitieri

Darsteller:
Franco Nero,
Fabio Testi,
Claudia Cardinale,
Raymond Pellegrin,
Rita Forzano,
Nino Vingelli,
Antonio Orlando,
Sergio Serafini



Inhalt:

Anfang des 20. Jahrhunderts: Nicola Bellizzi [Franco Nero], einst ein gefürchteter Gangster, kehrt nach mehreren Jahren im Gefängnis ins Elendsviertel Neapels zurück. Sein Ruf eilt ihm voraus, noch immer fürchten ihn die Leute. Aber Bellizzi hat sich geändert: Er verachtet mittlerweile das Verbrechen und möchte Rechtsanwalt werden. Mittlerweile regiert der brutale Don Gaetano [Fabio Testi] das Viertel. Schnell gerät Bellizzi mit ihm aneinander, kränkt ihn in seiner Ehre. Beim unausweichlichen Duell jedoch erkennen beide Männer, dass sie zwar auf verschiedenen Seiten stehen, aber dennoch ähnliche Moralvorstellung haben. Die einstigen Todfeinde beginnen zunächst, sich zu respektieren, schließlich werden sie gar Freunde. Bellizzi arrangiert sich mit der verbrecherischen Camorra – bis die Zweckgemeinschaft zu einem Problem wird.

Kritik:

Cineastische Darstellungen der Mafia gibt es viele. DER PATE [1972] ist nicht nur Platzhirsch des Genres, sondern war auch Initialzündung für zahlreiche Filmschaffende, sich ebenfalls mit der berühmt-berüchtigten Institution zu beschäftigen. Nicht wenige Beiträge kamen dabei aus Italien – kaum überraschend, war das Land doch a.) nie darum verlegen, auswärtige Leinwand-Erfolge zu kopieren und b.) stets Hauptleidtragender der organisierten Kriminalität. Oft wurde die Thematik dabei für reißerische Kolportagen genutzt. Aber auch, wenn der deutsche Titel es mit dem Blick auf ein sensationslüsternes Klientel zu suggerieren versucht – DIE RACHE DER CAMORRA gehört nicht dazu. Die Banditen, wie die Nummer eigentlich im Original heißt, ist tatsächlich sogar weniger Gangsterfilm als vielmehr ein mit nüchternem Understatement inszeniertes Zeitbild über die gesellschaftlichen Verhältnisse Italiens an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Regisseur Pasquale Squitieri [→ DIE RACHE BIN ICH] stammt ursprünglich aus dem Journalismus-Bereich, was sich in einer analytischen Herangehensweise und einem dokumentarischen Duktus niederschlägt. Squitieri (der auch für das Drehbuch verantwortlich war) beschreibt in unaufgeregtem, sachlichem Ton, wie in den südlichen Gefilden des Landes langsam, aber sicher die Camorra erstarkt – autonome Familienclans, die nach und nach ihre eigenen Gesetze installieren und immer mehr an Macht und Einfluss gewinnen.

Mit einigem Aufwand an Kostüm und Kolorit entstand so ein durch und durch authentisch wirkender Blick auf die Rituale und Kodizes der neapolitanischen Verbrechervereinigung, die – fast völlig unbehelligt von überforderter und geschmierter Polizei – ihre ganz eigenen Strukturen entwickelt hat, ein perverser Staat im Staat, der sich die Armut und die daraus resultierende Hilflosigkeit der Bevölkerung zunutze macht, um ihre Macht zu erhalten und zu erweitern. Wie Könige herrschen die Anführer des Camorra-Clans in den Vierteln – wer es wagt, ohne ihre Zustimmung Geschäfte zu machen, endet mit dem Messer im Bauch. Ein Ausweg aus den Verhältnissen scheint unmöglich. Von Geburt an lernen bereits die Kinder, dass der einzige Weg zu überleben das Stehlen und das Morden ist. Anstatt Lesen lehrt man ihnen das korrekte Hantieren mit der Klinge. Die Verhältnisse sind trist, die Aussichten trostlos, Werte wie Tugend oder Gerechtigkeit scheinen nicht mehr existent.

Vor diesem historischen Hintergrund entspinnt Squitieri die Studie zweier Männer, Gaetano und Bellizzi, die zwar unterschiedlichen Prinzipien huldigen, sich aber dennoch gegenseitig respektieren, woraus eine eigentlich völlig absurde Freundschaft erwächst. Mit Fabio Testi [→ DIE PERFEKTE ERPRESSUNG] und Franco Nero [→ DIE KLETTE] holte man sich dafür zwei echte Schwergewichte an Bord, die sich (und dem Publikum) ein wahrlich packendes Schauspielduell liefern, das vor allem deswegen glaubhaft wirkt, da beide Mimen ihr Spiel nicht durch eitle Übertreibungen verwässern, sondern sich überwiegend auf ihre grundsätzliche Leinwandpräsenz verlassen. Vor allem Nero gelingt es dabei, den Zwiespalt seiner Figur intensiv herauszuarbeiten: Zwar ist Gerechtigkeit sein Ziel, doch stürzt ihn das Wissen, dass sein Arrangement mit dem Verbrechen Gerechtigkeit eigentlich ad absurdum führt, in einen quälenden Konflikt. Auch Testi nimmt man die Rolle des mächtigen Gangsterbosses spielend ab. Sein ruhiges und scheinbar beherrschtes Auftreten strahlt unantastbare Überlegenheit aus, doch liegt die Gefahr eines plötzlichen Gewaltausbruchs jederzeit spürbar in der Luft. Weibliche Unterstützung bekommt das Duo von Claudia Cardinale [→ PETROLEUM-MIEZEN], die hier ebenfalls beweisen kann, dass sie zu den großen ihrer Zunft gehörte. Denn ihre Rolle ist zum Glück alles andere als reine Staffage, sondern von ebensolcher Relevanz wie die männlichen Figuren. Ein weiterer wichtiger Name auf der Besetzungsliste ist der des Franzosen Raymond Pellegrin [→ PULVERFASS BAHIA]. In blendender Verbissenheit verkörpert er den temperamentvollen Hauptmann Aiossa, der mit Wut und Leidenschaft versucht, den kriminellen Gaetano hinter Schloss und Riegel zu bringen. Bezeichnenderweise muss er irgendwann einsehen, dass ihm dieses auf rechtschaffendem Wege nicht möglich ist, weswegen er zur Erreichung des Zieles schließlich selbst zum Verbrecher werden muss.

Somit hat man es hier auch mit einer Bestandsaufnahme des damaligen italienischen Rechtssystems zu tun. Man sieht Richter, die völlig überfordert sind und oftmals nicht wissen, wie sie sich entscheiden sollen. Die Folge ist eine völlig willkürliche Pseudo-Rechtsprechung vor dem Hintergrund des nett gemeintes Schriftzugs „Vor dem Gesetz sind alle gleich“. Doch bei Squitieri läuft das Versagen von Recht und Gesetz nicht etwa auf einen finalen Befreiungsschlag, einen kathartischen Akt entfesselter Selbstjustiz hinaus. Am Ende bleibt hier nicht mehr als Betroffenheit und Frustration. Freunde von Krawall und Krudelität kommen hier deshalb auch kaum auf ihre Kosten, auch wenn zwischendurch mal Fäuste, Peitschen und frisch gewetzte Rasiermesser fliegen. Trotzdem ist DIE RACHE DER CAMORRA kein Actionspektakel, sondern ein um Authentizität bemühter Historienfilm, der sich zum Teil auch ein wenig zu viel Zeit lässt. Speziell der Beginn geriet etwas sehr spröde und schleppend, ein paar Straffungen hätten gewiss nicht geschadet. Und dafür, dass man anfangs fast ein wenig zu betulich daherkommt, passiert am Ende dann auch alles etwas zu hopplahopp - ohne Erklärung werden da mehrere Monate einfach mal übersprungen. Dennoch entwickelt das mit viel merklicher Leidenschaft in Szene gesetzte Kriminellen- und Gesellschafts-Portrait eine morbide Faszination, die einen in ihren Bann zieht. Nach niederschmetternder Schlusspointe wird man schließlich mit überraschendem Sprung in die (damalige) Gegenwart entlassen, so dass man sich die Frage stellen muss: Wie viel hat sich in Neapel im Laufe der Jahre denn eigentlich geändert?

Laufzeit: 126 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 27. November 2020

DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN


DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN
BRD, Italien 1965

Regie:
Ernst Hofbauer

Darsteller:
Stewart Granger,
Rosanna Schiaffino,
Sieghardt Rupp,
Margit Saad,
Harald Juhnke,
Horst Frank,
Helga Sommerfeld,
Paul Klinger



„Das Ding sieht aber gefährlich aus. Ist die geladen?“
„Ich kann ja mal abdrücken.“


Inhalt:

CIA-Agent Michael Scott [Stewart Granger] reagiert zunächst ein wenig unwirsch, als sein Chef ihn während seines wohlverdienten Urlaubs anruft. Doch das ändert sich, als er den Grund dafür erfährt: Sein Freund und Kollege ist bei einem Einsatz in Hongkong ermordet worden. Sofort lässt er die Freizeit Freizeit sein, trennt sich von seiner Modelleisenbahn und schaltet sich in den Fall ein. Sein Kollege ermittelte vor Ort gegen den unnahbaren Verbrecher Pierre Mirot [Sieghardt Rupp], welcher seine drei Dschunken als Tarnung nutzt, um Einzelteile für den Bau von Atomwaffen (!) zu schmuggeln. FBI-Agentin Carol Eden [Rosanna Schiaffino] soll sich nun als Tippse bei Mirot einschleusen und Scott so mit nötigen Informationen versorgen. Während sie sich das Vertrauen Mirots (wenn auch nicht das seiner Liebsten) erschleicht, sind Scott und sein neuer Partner, der Dolmetscher Smoky [Harald Juhnke], damit beschäftigt, diverse Mordanschlägen zu überleben, denn Mirot hat längst seinen brutalen Killer Pereira [Horst Frank] losgeschickt. 

Kritik:

DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN erzählt, deutlich beeinflusst von den Erfolgen der James Bond-Reihe, eine im realitätsfernen Szenario angesiedelte, reichlich abstruse Agentengeschichte und fährt dabei so ziemlich jedes einzelne Klischee auf, das in späteren Jahren nur allzu dankbar als willkommene Steilvorlage für entsprechende Genre-Parodien genutzt wurde. Im Erscheinungsjahr vermutlich noch ernstgemeint und auch so empfunden, taugt die hemdsärmelige Mischung aus banalem Groschenkrimi und bunt bebildertem Reisebericht Jahrzehnte später lediglich noch als amüsantes Dokument damaliger deutscher Befindlichkeiten. Das beginnt schon beim völlig fehlbesetzten Stewart Granger in der Hauptrolle, dessen Figur Michael Scott laut kühner Drehbuchbehauptung eigentlich ein erfahrener CIA-Mann sein soll, der in seinem biederen Auftreten und Gebaren aber so urteutonisch wirkt, dass man ihm direkt die Puschen reichen möchte. Reichlich tapsig stolpert der stets leicht überfordert wirkende Aushilfsagent durch allerhand exotische Kulissen, ohne rechten Plan, wie er seinen Auftrag denn eigentlich ausführen soll. Seine Gegner fürchten ihn aus irgendwelchen Gründen allerdings trotzdem und stellen ihm deswegen alle naslang tödlich gemeinte Fallen (in die er auch immer brav hineintappt) oder setzen ein paar kaum minder tollpatschige Killer auf ihn an. Diesen vehementen Tötungsbemühungen entgeht Scott dabei nicht etwa durch altehrwürdige Geheimdienst-Tugenden wie List, Tücke oder gar Geschick, sondern einzig und allein durch Zufall oder unverschämtes Glück. Als er sich beispielsweise in einem Auto befindet, das gerade im Begriff ist, einen Steilhang hinunterzustürzen, springt er kurzerhand einfach zur Tür hinaus, landet ohne eine zusätzliche Schramme auf dem Schotter und macht weiter, als sei nichts geschehen. 

Und in diesem Duktus geht es weiter. Michael Scotts Überleben basiert entweder auf einer Extraportion Dusel, unerklärter Unverwundbarkeit oder darauf, dass seine Gegner noch ungeschickter agieren als er selbst. Derart einfallsloses Drehbuchschreiben geht natürlich tüchtig auf Kosten der Spannung. Gewiss rechnet auch beim großen Kollegen Bond niemand damit, er könne jemals ernsthaft zu Schaden kommen, aber durch die Frage, wann und wie er der andauernden Leib- und Lebensgefahr entkommt, entsteht ein gewisser Nervenkitzel. Wenn der Held jedoch, wie hier, aus jedem Steinschlag, jeder Explosion und jedem Schusswechsel ohne erkennbare Mühe lebendig hervorgeht, stellt sich doch recht rasch Verdruss ein. Dass Michael Scott zudem auch nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, macht die Sache nicht unbedingt besser. Als er sich gegenüber dem Bösewicht als Versicherungsvertreter ausgibt, nennt er dabei doch tatsächlich seinen richtigen Namen. 

Viele Gedanken an Zusammenhang und Kausalität hat das Autorenduo (bestehend aus Werner P. Zibaso [→ KOMMISSAR X JAGT DIE ROTEN TIGER] und Hanns-Karl Kubiak [→ HOTEL DER TOTEN GÄSTE]) also wahrlich nicht verschwendet. Stattdessen kopierte es eifrig Situationen und Stereotype aus größeren Vorbildern in der Hoffnung, das sei schon irgendwie ausreichend. Auch Motivationen und Hintergründe der Charaktere blieben nur vage umrissen. Der Schurke ist einfach nur der Schurke, und er ist das, weil er schurkische Dinge tut. Mehr braucht man gar nicht zu wissen. Auch Regisseur Ernst Hofbauer [→ TIM FRAZER JAGT DEN GEHEIMNISVOLLEN MR. X] ging maximal uninspiriert zu Werke und lieferte kaum mehr als drögen Dienst nach Vorschrift. Die „Action“ (wenn man sie denn so nennen möchte) besteht aus ein paar undynamisch abgefilmten Autojagden, hüftsteif ausgeführten Schlägereien und ein bisschen „Peng, Peng“ mit dem Revolver wie beim präpubertären Cowboy- und Indianer-Spiel. Und wenn doch mal kurzzeitig Gefahr besteht, es könnte etwas turbulenter werden, ist es meistens auch schon wieder vorbei, bevor es richtig angefangen hat. Man merkt an allen Ecken und Enden: DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN wollte niemals einen Innovationspreis gewinnen und entstand auch nicht aus einer großen Vision heraus. Er wurde gedreht, um mit möglichst geringem Aufwand möglichst viel Geld einzuspielen. Nur mit dem Allernötigsten an Finanz- und Schaffenskraft wurde hier ein Produkt zurechtgezimmert, das den Ansprüchen des Publikums gerade so sehr entspricht, dass sich trotz eisernem Sparstift am Ende der finanzielle Erfolg einstellt. 

Der Schauplatz Hongkong war dabei bereits die halbe Miete. Der damals noch als geheimnisvoll und exotisch empfundene Ort kitzelte den Eskapismus des deutschen Durchschnittsbürgers, sorgte für attraktive Aufnahmen und günstige Arbeitsbedingungen. Durch eine Kooperation mit Produzenten aus Italien konnte man die Kosten zusätzlich gering halten. Und bei der Besetzung orientierte sich man sich an dem, was man damals in der BRD gern auf Leinwand und Mattscheibe sah. Stewart Granger stand dank der Karl-May-Verfilmung OLD SUREHAND auf der Beliebtheitsskala ganz oben, sein Gegenspieler Sieghardt Rupp [→ FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR] war noch aus diversen Heimatfilmen wohlbekannt, der stets gern gesehene Horst Frank [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU] bekleidet als brutaler Bezahl-Killer eine auf ihn zugeschnittene Nebenrolle, während als ebenso obligatorische wie redundante Witzfigur Harald Juhnke [→ DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL] ein paar seichte Lacher vom Stapel lassen darf. Für den weiblichen Part engagierte man die bildhübsche Rosanna Schiaffino [→ THE KILLER RESERVED NINE SEATS], die – auch nur wenig überraschend – eine für die Produktionszeit typische Frauenfigur aufgedrückt bekam: Keck und adrett, aber im gleichen Maße auch naiv und im Ernstfall auf die Rettung ihres großen Beschützers angewiesen (in welchen sie nach lausigen fünf Minuten unsterblich verliebt ist). Gut, der Augenblick, in welchem sie ihrem Folterknecht einen saftigen Tritt verpasst, worauf dieser wie von der Kanonenkugel getroffen auf der Glatze durchs Zimmer kegelt, ist zugegebenermaßen nicht von schlechten Eltern. 

Dazu gesellen sich die unvermeidliche Portion Sexismus („Es müsste beim CIA verboten sein, Frauen zu beschäftigen“) sowie wie der damals übliche arrogante westliche Blick auf den Fernen Osten: Granger und Juhnke poltern durch die Stadt wie die Elefanten im Porzellanladen, zeigen Respekt weder vor der Kultur noch vor der Bevölkerung, klopfen Sprüche übers Essen mit Stäbchen („Kein Wunder, dass die Chinesen alle so dünn sind!“) und reden mit den Einheimischen (die im Übrigen fast alle Deutsch verstehen und sprechen) wie mit zurückgebliebenen Kleinkindern. Dass die blauäugige Abenteuer-/Agenten-/Kriminalfilm-Melange trotz all ihrer Defizite gut bei Laune hält, liegt an ihrer eigentümlichen Schrulligkeit, die tief im Zeitgeist verwurzelt ist und sich daher auch nicht reproduzieren lässt, an ihrem radikalen Widerspruch aus behaupteter Weltoffenheit und tatsächlichem bundesdeutschen Spießbürgertum. Sich selbst fett CIA auf die Fahnen zu schreiben und dann einen feixenden Harald Juhnke auf Mission zu schicken, dazu gehört schon eine ganze Menge Verstiegenheit. Wie viele ähnlich gelagerte Werke dieser Zeit und Gattung entspringt der Reiz somit in erster Linie aus der schönen Atmosphäre längst vergangener Kinotage. Das exotische Flair Hongkongs geschickt nutzend, werden alle möglichen attraktiven Schauplätze abgegrast und jede Szene atmet den Geist verklärter Leinwandromantik. Angereichert mit der für die Zeit üblichen locker-flockigen Dialogen, erlebt man hier flauschig abgelichteten Kintopp mit all den zu erwartenden Ingredienzien. Eine gewisse Affinität sollte man allerdings mitbringen.

Laufzeit: 85 Min. / Freigabe: ab 12

Donnerstag, 26. November 2020

IN DEN KLAUEN DER CIA


SAAI SAU YING
Hongkong 1982 

Regie:
John Liu

Darsteller:
John Liu,
Mirata Miller,
Raquel Evans,
José María Blanco,
Casanova Wong,
Danny Lee,
Christian Anders,
Victor Israel



„Noch zwei Tote. Bedeutet das, dass wir Mörder sind?“
„Es ist kein Mord gewesen. Ungeziefer muss man leider mitunter vertilgen, damit die Anständigen, die Sauberen ne Überlebenschance haben.“ 

(John Liu argumentiert stets rational.) 


Inhalt:

Der KGB hat im stillen Kämmerlein einen neuen Kampfstil ausgeklügelt, der garantiert jeden Gegner auf die Bretter schickt: eine Kombination aus klassischem Kung Fu und der Kunst zur Selbsthypnose, welche den Killerinstinkt aus ihrem Anwender herauskitzelt. Die CIA will da nicht hinten anstehen und gelüstet ebenfalls nach einer in dieser Technik bewanderten Spezialeinheit. Schnell ist klar, dass die Ausbildung nur ein einziger Mann übernehmen kann: der verdiente Vietnam-Veteran John Liu [John Liu]. Dieser jedoch hat nach Ende des Krieges jede Kooperation mit der Regierung abgeschworen und muss daher erst vom zwielichtigen Agent Sanders [Christian Anders] zur Mitarbeit erpresst werden. Tatsächlich kann die CIA den renommierten Superfighter eine Zeit lang gefügig halten, doch als diesem gewahr wird, dass sein Arbeitgeber noch viel mehr Dreck am Stecken hat als bereits vermutet, setzt er sich kurzerhand nach Paris ab – mit hochbrisanten Geheimdokumenten im Gepäck. Die Jagd beginnt. 

Kritik:

John Liu war niemals Jackie Chan. Der taiwanesische Schauspieler und Kampfkünstler (dessen eigentlicher Name Liu Chung Liang lautet), mühte sich zwar um eine ähnlich erfolgreiche Karriere wie Chinas bekannter Star-Export und beackerte ähnliche cineastische Felder, der große Durchbruch jedoch blieb aus. Dennoch konnte er im Laufe der Zeit eine kleine Fan-Gemeinde um sich scharen, die seinen Stil (eine Mischung aus Karate und Mixed Martial Arts) zu schätzen wusste und seinen billig produzierten Zweite-Reihe-Produktionen wie DIE ZWILLINGSBRÜDER VON BRUCE LEE [1976] ihr Wohlwollen entgegenbrachte. 1981 gründete Liu seine eigene Produktionsfirma und drehte mit sich selbst auf dem Regie- und Hauptrollenstuhl drei reichlich unbeholfene Action-Vehikel, die bei Kritik und Publikum einhellig durchfielen. Eines davon ist IN DEN KLAUEN DER CIA, eine himmelschreiend hanebüchene Agentennullnummer, die inhaltlich schon fast als absurdes Theater durchgeht. Das groteske Skript wirkt wie das Nachmittagselaborat eines hyperaktiven 12-jährigen, der zu viele James-Bond- und Bruce-Lee-Filme gesehen hat und nun selbst seiner Fantasie freien Lauf ließ. 

Bereits die Prämisse der obskuren Prügelschote lädt zu exzessivem Kopfschütteln ein. Aber selbst, wenn man im Rahmen der Suspension of Disbelief großzügig die Annahme akzeptierte, bei der CIA bestünde tatsächlich ernsthafter Bedarf an einer halbseidenen Hypnose-Kampftechnik, kommt man nicht umhin, sich einzugestehen, dass auch die auf dieser Idee aufbauenden Ereignisse nichts anderes sind als eine riesengroße Extraportion ausgemachten Schwachsinns. Der erste Brüller ist schon die Tatsache, dass als CIA-Ausbildungslager hier eine arg mittelalterlich anmutende Burg herhalten muss, die gewiss überall steht, nur ganz sicher nicht – wie hier trotzdem tollkühn behauptet – in den USA. Die CIA selbst ist ein Haufen spinnerter Vollpfosten, der aus unerfindlichen Gründen ständig versucht, vorbeikommende Frauen zu vergewaltigen. Vielleicht sind das ja Nebenwirkungen der höchst merkwürdigen Ausbildungsrituale, werden Neuanwärter doch zur Begrüßung erstmal zünftig unter Strom gesetzt („Durch dieses Härtetraining muss jeder durch. Es ist die einzige Art, sich zu stählen.“). Die angeblich so geheime KGB-Kampftechnik, nach der sich die CIA hier so verzweifelt ihre schmierigen Finger leckt, ist indes dermaßen streng geheim, dass Hauptfigur John Liu (deren Rollenname praktischerweise mit dem ihres Schauspielers identisch ist) sie in seiner Schule höchst offiziell und für jedermann zugänglich unterrichtet. 

Keine Frage: Logik und Realitätsbezug haben hier Hausverbot. Das Motto lautet: Nicht fragen, einfach sehen, hören und staunen! Unfassbare Szenen spielen sich ab, wobei der Höhepunkt des Irrsinns sicherlich der Moment ist, in dem eine eigens dafür angeheuerte Agentin versucht, den Helden aus seiner Trainings-Trance zu holen, indem sie ihm auf freiem Feld ausgiebig am Schniepel rumschlabbert („Wenn er darauf nicht abfährt, ist er kein Mensch!“). Dazu gesellen sich gleich mehrere Nebenhandlungsstränge, die mit der eigentlichen Erzählung quasi nichts zu haben und ohne jedwede Erklärung im luftleeren Raum verbleiben. Da wird einer der Rekruten von einem klischeetriefenden Triadenboss irgendwie dazu gezwungen, eine Kampfausbildung bei der CIA zu machen. Weil dieser aber ob der grausamen Trainingsmethoden so gar nicht will, sucht er besagten Bandenführer in seinem Garten auf und erschießt ihn scheinbar im Affekt, weswegen er im Anschluss panisch durch das Buschwerk auf- und davonstolpert. Der böse Boss ist aber gar nicht tot, sondern hat sein Ableben nur vorgetäuscht, weswegen er sich nun ausgiebig kaputt lacht. Was die komische Nummer eigentlich sollte? Weiß der Geier! Dass Cheftreter John Liu außerdem noch einen Zwillingsbruder hat, dem er zu Beginn einmal kurz einen Besuch abstattet, ist – wenig überraschend – inhaltlich ebenfalls ohne jeden Belang. 

Den finalen Vogel allerdings schießt fraglos die deutsche Synchronisation ab, die sich der Absurdität der Ereignisse völlig bewusst war und sie daher lediglich als Vorlage für diverse feuchtfröhliche Verbalauswüchse gebrauchte. „Ich hab euch beim Training beobachtet und festgestellt, ihr seid Pflaumen“, erklärt John Liu da im furztrockenen Tonfall seinen Zöglingen, und verabschiedet sich später schimpfend mit: „Hochschulabsolventen sollen das sein? Das sind die letzten Arschlöcher.“ Ein Kontaktmann wird lapidar als „dieser Verbindungsheini da“ bezeichnet; der Angriff eines Gegners wird kommentiert mit „Noch so'n Alete-Hippie!“ Und als eine Dame von mehreren Männern bedrängt wird, ruft sie ihren potenziellen Vergewaltigern doch tatsächlich zu: „Verzieht euch oder wichst!“ Das alles ist dermaßen drüber, dass man irgendwann schlichtweg die Segel streicht und beginnt, sich in diesem paradoxen Paralleluniversum pudelwohl zu fühlen. Genrefreunde können sich zudem noch die Zeit damit vertreiben, Gastauftritte völlig unerwarteter Darsteller zu zählen. Gleich zu Beginn schaut Shaw-Brothers-Ikone Danny Lee [→ THE KILLER] mal kurz vorbei, Italo-Recke Victor Israel [→ AUCH DIE ENGEL ESSEN BOHNEN] hat einen (natürlich ebenfalls gänzlich sinnlosen) Auftritt als verschrobener Nervenarzt (den braucht man auch bei so viel Käse), und die Rolle des kickenden Colonel Sanders ging doch tatsächlich an den deutschen Schlagerbarden Christian Anders [→ DIE BRUT DES BÖSEN], der hier den doch leicht inkorrekten Spruch „Sie sind ja ein ganz schön schlitzäugiges Schlitzohr“ aufsagen darf. 

Nein, IN DEN KLAUEN DER CIA wird garantiert niemals jemand mit einem guten Film verwechseln – zumal nicht mal die Kampfszenen (also der eigentliche Grund, weswegen man sich so etwas ja ansieht) überzeugen können und ähnlich unbeholfen daherkommen wie der ganze Rest. Der Unterhaltungswert allerdings ist vor allem in Verbindung mit der deutschen Spaß-Vertonung sehr enorm. Wem James Bond schon immer etwas zu seriös war, der stelle sich ein paar Kannen Gerstensaft kalt, bestelle sich ein oder zwei Gesinnungsgenossen in die Stube und lasse den Tag feuchtfröhlich mit John Lius grenzdebiler Geheimdienst-Gaga-Saga ausklingen. Oder wichst.

Laufzeit: 75 Min. / Freigabe: ab 18

Sonntag, 22. November 2020

ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE


E KE
Hongkong 1971

Regie:
Chang Cheh

Darsteller:
Ti Lung,
David Chiang,
Chen Sing,
Kurata Yasuaki,
Ching Li,
Chang Cheh,
Bolo Yeung,
Fang Jen-Tzu



Inhalt: 

Die schlagkräftigen Brüder Fan Ke [David Chiang] und Wen Lieh [Ti Lung] brachten einst den gefährlichen Verbrecher Chiang Ren [Chen Sing] hinter Gitter. Dieser ist jedoch gar nicht so dumm, wie er aussieht, und kann mithilfe einer unfassbar billigen List aus dem Gefängnis entkommen. Aus Rache tötet er zunächst Wens Familie und entführt im Auftrage der japanischen Unterweltgröße Yamaguchi [Chang Cheh] dann auch noch dessen Freundin Yu Lan [Ching Li]. Fan und Weh reisen nach Tokio, um Yu buchstäblich wieder rauszuhauen. Zwar geht die Aktion erfolgreich über die Bühne, doch Yamaguchi gibt nicht auf: Er schickt seinen besten Kämpfer Katsu [Yasuaki Kurata] mit seinem Team [unter anderen: Bolo Yeung] nach China, um dort mit den Brüdern abzurechnen. Doch die lassen sich nicht so ohne weiteres die Wurst vom Brot ziehen.

Kritik:

Zehn gelbe Fäuste, das macht rein rechnerisch fünf gelbe Menschen. Wie genau der deutsche Anbieter auf diese Zahl kam, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Hauptfiguren existieren nämlich im Prinzip lediglich zwei, Grund zur Rache hingegen hätte so ziemlich jeder der Beteiligten. Allerdings ist es müßig, sich mit schnöder Mathematik zu beschäftigen, wenn so wunderbar konsequent feindliche Scheitel geradegerückt werden wie bei ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE. Der kompromisslose Kino-Klopper fährt nämlich das volle Programm 70er-Jahre-Hongkong-Action auf und erfüllt dabei so ziemlich alle Erwartungen, die man in solch einen Beitrag setzen könnte. Um ihren seriösen Ruf besorgte Kritiker rümpfen in Anbetracht dünner Story, dummer Dialoge und überzogener Brutalitäten natürlich pflichtschuldig die Nase, und in der Tat sind diverse Defizite nicht von der Hand zu weisen. Wirklich inspiriert oder von großer Vision beseelt ging man hier wahrlich nicht zu Werke, und es ist offensichtlich, dass man einige Mühe hatte, die überschaubare Handlung auf die obligatorischen 90 Minuten zu zerren. So muss man sich manche Gangster-Erläuterungen gleich mehrfach anhören und wird auch immer wieder Zeuge inhaltlich sinnfreier Autofahrten durch das wahlweise nächtliche oder tägliche Tokio, die aber schon allein deswegen von Nutzen sind, weil sie, mit groovigem Score unterlegt, ein wunderbar mondänes Großstadt-Flair verbreiten und damit essentieller Bestandteil des immens wichtigen Wohlfühl-Faktors sind.

Faktisch hat man es zwar mit der Fortsetzung von FAN CHU – TÖDLICHE RACHE zu tun, der im Vorjahr mit fast identischer Besetzung vor und hinter der Kamera entstand. Tatsächlich aber ist dessen Kenntnis abdinglich – ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE funktioniert, nicht zuletzt aufgrund der sehr simplen Story, auch ohne Vorwissen als eigenständiger Kung-Fu-Snack für zwischendurch. Das von Ni Kuang [→ DIE TÖDLICHEN ZWEI] verfasste Skript sät die Action vergleichsweise sogar eher spärlich; dafür geht es bei Stattfinden alles andere als zimperlich zur Sache: Bei der ausschließlich aus Prügeleien bestehenden Konfliktbewältigung suppt das Blut stets in anständiger Dosis, und immer wieder hagelt es neben Faust und Fuß manch fiese kleine Gemeinheit. Die Choreographie besorgte das bewährte Duo Liu Chia-Liang und Tong Kai, das unter anderem bereits dem Klassiker DAS GOLDENE SCHWERT DES KÖNIGSTIGERS kinetisches Leben einhauchte. Mit dessen eleganten Duellen hat das hier vorliegende Hieb- und Stichfest allerdings herzhaft wenig am Hut. Die Ästhetik entspricht dem rauen Straßenkampf; statt taktischem Belauern und effizientem Zuschlagen geht es hier ohne Federlesens schnurstracks zur Sache. Das ist eine willkommene Abwechslung zum gewöhnlichen Œuvre der produzierenden Shaw Brothers-Studios, die ihre Darsteller überwiegend in kaiserzeitliche Kostüme steckten, um sie mit Lanze und Schwert aufeinander losgehen zu lassen. Beiträge, die in der Moderne spielen, genießen daher automatisch sympathischen Exotenbonus.

In den Hauptrollen harmonieren Ti Lung [→ DAS BLUTIGE SCHWERT DER RACHE] und David Chiang [→ DIE EROBERER], die damaligen Aushängeschilder des Studios, abermals überaus prächtig als zuschlagendes Geschwistergespann, das die gegnerische Gangsterbande quasi im Alleingang aufreibt. Chang Cheh [→ DER MANN MIT DER TIGERPRANKE], der die ganze Chose extrem schmissig in Szene setzte, spielt höchstpersönlich die Rolle des schmierigen japanischen Obermuftis, der genussvoll seine Monsterzigarre schmaucht und die Sonnenbrille wohl nicht mal auf dem Donnerbalken zur Seite legt. Dass der Regie-Gigant sich auch mal vor die Kamera wagte, geschah tatsächlich so selten, dass man es an einer Hand abzählen kann. Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt Chen Sings [→ TAG DER BLUTIGEN RACHE], der in der Rolle des Killers Chiang Ren auf fast schon rührende Art und Weise putzig wirkt: Als er sich nach einem vollkommen planlosen und deshalb auch grandios gescheiterten Attentatsversuch beim Boss seine wohlverdiente Schelte abholt und dabei aus der Wäsche guckt wie ein geprügelter Hund, möchte man ihm glatt das Ganovenhändchen halten. Nicht besser wird es dadurch, dass er zusätzlich noch die meiste Zeit hilflos auf Krücken herumhumpelt. Wenn er sich mitsamt seinen Gehhilfen unkoordiniert auf seine Gegner stürzt, überkommt einen aufrechte Sorge, er könne sich als nächstens versehentlich auch noch den Hals brechen. Interessanterweise ist sein Charakter später plötzlich auch gar kein Thema mehr, obwohl man anfangs noch den Eindruck gewinnt, er sei der Hauptgegner.

Eine weitere wichtige Rolle spielt in hiesigen Breitengraden die deutsche Sprachfassung aus dem bewährten Hause Karlheinz Brunnemanns. Der ungeniert zwischen geschmackloser Zote und zünftigem Klamauk pendelnde Kneipenjargon ist zwar nicht immer ganz stubenrein, passt zu der dreckigen Straßen-Attitüde aber wie die Faust aufs Auge.


„War hier ein Verkehrsunfall oder was ist?“ - „Ach was, im Gebüsch raucht einer.“

„Jetzt kommt der Onkel mit dem ganz langen ... Gewand.“

„Je mehr sich die Damen wehren, desto heißer wird’s in der Hose.“

„Falls du ihn siehst, dann sag ihm, er soll nicht wagen, gegen uns zu schießen! Sonst schlagen wir ihm die Schnauze weg, und das halten die Vorderzähne nicht aus.“


ZEHN GELBE FÄUSTE FÜR DIE RACHE erreicht zwar niemals die Königsklasse, und selbst aus dem Hause Shaw kam im Bereich der Modern Times Action bereits wesentlich besseres Material. Freunde gepflegter Handkanten-Applikation werden sich dennoch auf Anhieb heimisch fühlen. Ti Lung und David Chiang beweisen erneut, dass sie ein großartiges Duo sind, das Tempo passt und die Action macht keine Gefangenen. Vor allem das finale Baustellen-Massaker heizt dem Betrachter noch mal tüchtig ein, wenn die Protagonisten per Schaufel, Brecheisen und Bagger aufeinander losgehen und das fröhliche Verwemsen beginnt. Bäume reißt das nicht aus. Aber es sorgt für 90 schöne Minuten für Fans gewalt(ät)iger Kloppe. Nicht mehr. Aber auch auf gar keinen Fall weniger.

Laufzeit: 89 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 14. Februar 2020

DER TODESDIAMANT


BATTLE FOR THE TREASURE
Hongkong 1987

Regie:
Godfrey Ho

Darsteller:
Joey Ryan,
Randy Donner,
Bert Brooks,
Stephene Mitchell,
Norman Linn,
David Chiang,
Norman Tsui Siu-Keung,
Sorapong Chatree



„Es gibt nur eine einzige Möglichkeit. Und das ist die meine.“
[Kane klopft coole Sprüche in blöder Übersetzung.]


Inhalt:

Irgendwo in Kambodscha, in einer Höhle verborgen, liegt der teuerste Diamant der Welt. Für die Dynastie der Khmer ist dessen Wert allerdings in erster Linie ideeller Natur: Der Stein gilt als sagenumwobenes Symbol der Macht. Als im Land der Krieg ausbricht und der Sieg der Vietkong bereits sicher scheint, nehmen ein paar Söldner den kostbaren Klunker an sich, um ihn nach Paris zu schaffen und dort Prinzessin Yung zu überreichen. Aber die Gruppe wird aufgerieben. Drei der Männer sterben im Gefecht, einer fällt in die Hände des Feindes. Nur einem gelingt die Flucht. Dieser engagiert den knallharten Elite-Soldaten Kane, um den Gefangenen zu befreien – nicht zuletzt auch deswegen, weil dieser nun der Einzige ist, der um den Verbleib des Diamanten weiß. Zwecks Auftragserfüllung holt Kane noch drei alte Kameraden ins Boot: Max, Philip und May. Doch die erste Lagebesprechung mit der Prinzessin gerät zum Desaster: Die junge Thronerbin wird nach verlustreichem Feuergefecht vom Feind verschleppt. Eine wilde Verfolgungsjagd zu Lande, zu Wasser und in der Luft beginnt.

Kritik:

Der chinesische Regisseur Godfrey Ho erwarb sich bei Videofreunden ab Mitte der 1980er Jahren einen Ruf wie Donnerhall. Seine Filme, deren Titel überwiegend mit dem gewinnträchtigen Wort Ninja geschmückt waren, bestanden nämlich zum Großteil aus günstig aufgekaufter Ausschussware, die umgeschnitten, verfälschend synchronisiert und mit eilig heruntergekurbelten neuen Szenen angereichert wurde. Da das nachgedrehte Material meist von billigster Machart war und sich mit dem ursprünglichen in der Regel so gar nicht vertrug, gelten fast alle Erzeugnisse, auf denen der Name Ho steht, als Musterbeispiele filmischen Sondermülls. Auch auf DER TODESDIAMANT steht Ho, und auch in DER TODESDIAMANT ist Ho drin. Sprich: Manche der Bilder entstanden eigentlich für eine andere Produktion. Und dennoch ist dieses Mal alles ein wenig anders. Zum einen glänzen des Regisseurs liebste Steckenpferde, die Ninjas nämlich, hier durch Abwesenheit. Und zum anderen wurden in diesem Falle die bereits vorhandenen Szenen in die neu gedrehten eingefügt und nicht umgekehrt. Heißt: Die Sause besteht überwiegend aus tatsächlich auch eigens dafür hergestellten Aufnahmen. Und siehe da: Schon funktioniert das Ding einigermaßen. Natürlich nicht in der Form, dass das Endprodukt entfesselte Begeisterungsstürme auslösen könnte. Aber immerhin doch gut genug, um nicht mit permanentem Was zum Geier?-Gesicht in der Vorstellung hocken zu müssen.

Der gemeine Bildungsbürger wendet sich natürlich dennoch demonstrativ ab, wenn bereits nach wenigen Minuten die ersten Statisten fallen wie die Fliegen und der historische Hintergrund des kambodschanischen Bürgerkrieges völlig unreflektiert als ausladende Spielwiese für eine Extraportion saftigen Rambazambas herhalten muss. Der titelgebende Todesdiamant ist dabei ein geradezu klassischer MacGuffin – ein Gegenstand also, der für die Handlung eigentlich ohne Belang ist, die Ereignisse aber dennoch ins Rollen bringt. Die Erklärung, warum der von allen Seiten heißbegehrte Stein so ungemein wertvoll ist, wirkt dabei mehr als nur fadenscheinig herbeigesponnen, reicht aber doch vollkommen aus, um die verschiedenen Parteien zwecks zünftiger Achterbahn aufeinanderzuhetzen. Das geschieht dann auch in einem derartigen Affenzahn, dass man selbst, wenn man es denn wollte, gar nicht dazu käme, sich über die skandalöse Substanzlosigkeit der wirren Genre-Suppe zu beklagen. Wie die Perlen an der Schnur reiht sich hier eine Action-Sequenz an die andere; ohne Atempause hechten die Protagonisten von A nach B, um sich dort heftigst die Hucke vollzuhauen, und wird ein Schauplatz verlassen, dann nur, um am nächsten gleich ein neues Fass aufzumachen. Für Fans von Krawall und Kinetik gleicht der Inhalt einer wahren Wundertüte, ist hier doch wirklich alles dabei, was irgendwie Freude macht: Granatwerfer lassen Hütten explodieren, motorisierte Drachengleiter verfolgen Eisenbahnen, Hubschrauber bekriegen Ross und Reiter, Männer fliegen mit waffenstarrenden Jetpacks durch die Luft und ballern Widersacher vom Himmel als sei das ganz selbstverständlich. Härtegrad und Leichenanzahl sind dabei durchaus beachtlich: Harpunen perforieren Brustkörbe, es hagelt Unmengen an Kugeln, Kung-Fu-Tritten und Schwerthieben – und wenn alle Stricke reißen, greift das hochwohlgeborene Fräulein Prinzessin auch schon mal höchstpersönlich zur Bleischleuder, um gegnerische Leiber von Amts wegen zu löchern.

Mag das alles auch anständig die Laune heben, heißt das natürlich trotzdem nicht, dass aus Godfrey Ho über Nacht plötzlich ein guter Regisseur geworden ist. Seine Inszenierung gibt sich plump und lieblos wie eh und je und ist vor allem – und das ist eigentlich das Schlimmste – nicht einen Deut an den Figuren interessiert. Grob umrissen ist eine Bezeichnung, die in der Kritik oft verwendet wird, wenn Charaktere nur notdürftig skizziert werden. Grob umrissen wäre allerdings noch geprahlt für die Gleichgültigkeit, mit der Ho seine Darsteller hier vor die Kamera scheuchte. Die Protagonisten von DER TODESDIAMANT sind nicht grob umrissen, sie sind einfach nur da. Wenn man nebenbei zumindest ihre Namen mitbekommt, darf man sich direkt glücklich schätzen. Das geht so weit, dass nach dem flott herbeizitierten Flammentod des Schurkenchefs plötzlich einfach alles vorbei ist. Fall, Knall, Feuerball. Und dann ... Ende Gelände! Kein Nachklapp mehr, keine klärenden Worte, keine kurzen letzten Blicke. Wenn man dann noch bedenkt, dass Ho die zahlreichen Actionszenen gewiss nicht selbst zu verantworten hat (manche Quellen sprechen vom thailändischen Choreographen Phanna Rithikrai als Urheber), sondern lediglich die wenigen kläglichen Dialogfetzen dazwischen, dann ist das mal wieder ein wahrhaft amtliches Armutszeugnis für seine Kompetenz als Spielleiter. Neben jeglichen Ausbleibens einer zumindest zweckdienlichen Personenzeichnung vergrätzt zusätzlich die bemerkenswerte Konsequenz, mit der das Publikum hier für dumm gehalten wird. Immer wieder werden die nun wirklich nicht sonderlich komplizierten Sachverhalte haarklein erläutert, immer wieder müssen sich die Leute hier gegenseitig erzählen, dass der zu jagende Diamant ein wichtiges Machtsymbol ist, immer wieder erinnert man sich gegenseitig daran, dass die Prinzessin in Feindeshand ist und gerettet werden muss. Die  deutsche Synchronfassung nervt parallel dazu auffallend oft mit falschen Betonungen, die die Figuren mehrmals aneinander vorbeireden lassen. Offenbar gab man sich bei der Vertonung der ohnehin armseligen Dialoge nicht sonderlich mehr Mühe als Godfrey Ho bei deren Ersterstellung.

DER TODESDIAMANT verquirrlt publikumswirksame Elemente der Abenteuer-, Action- und Söldner-Kategorie zu einer grellbunten Melange, die am Ende weniger als kohärenter Kinofilm funktioniert, als viel mehr als Showreel für eine Bewerbung im Bereich Stunt-Choreographie und Pyrotechnik. In den besten Momenten erinnert das immerhin entfernt an zeitnah entstandene Jackie-Chan-Klassiker wie DER SUPERFIGHTER oder die ähnlich hemmungslose Wir machen das jetzt einfach mal-Attitüde der MAD MISSION-Reihe – wobei derlei Vergleich fast schon ein wenig zu viel der Ehre ist, denn deren Niveau wird bei weitem nicht erreicht. Zumindest merkt man dem Ergebnis die zu Grunde liegende Resteverwertung nicht an, und anspruchslosen Action-Affinen wird anständig der Abend versüßt.

Laufzeit: 86 Min. / Freigabe: ungeprüft

Sonntag, 9. Februar 2020

NINJA-JÄGER


BLOOD DEBTS
Philippinen, Hongkong 1984

Regie:
Teddy Page

Darsteller:
Richard Harrison,
Jim Gaines,
Anne Jackson,
Ann Milhench,
Mike Monty,
Pat Andrew,
Willy Williams,
Tom Romano



Die Karriere des amerikanischen Schauspielers Richard Harrison ging endgültig den Bach runter, als er Mitte der 1980er Jahre eine verhängnisvolle Kollaboration mit dem chinesischen Regisseur Godfrey Ho einging. Dieser begann zu dem Zeitpunkt mit der Massenproduktion ultrabilliger Ninjafilme, wofür er Harrison als westliches Gesicht engagierte. Die Crux daran: Ho verwendete das gedrehte Material einfach mehrmals, lies es nach Lust und Laune umsynchronisieren und schnitt es auf zum Teil abenteuerlichste Weise in völlig andere Filme völlig anderer Leute. Die Resultate spotteten oft jeder Beschreibung; Harrisons Konterfei auf dem Cover wurde zum Kennzeichen für den Bodensatz an Videoschrott.

Dass er sein Ninja-Image danach nur schwerlich wieder loswurde, bewies unter anderem der deutsche Anbieter seines Rache-Reißers BLOOD DEBTS, der urplötzlich als NINJA-JÄGER in den hiesigen Verleihregalen stand – völlig ungeachtet der Tatsache, dass sich die gesamte Laufzeit über kein einziger Ninja in die Handlung verirrt und dementsprechend auch keiner gejagt werden kann. Aber offenbar waren ein paar findige Marketingstrategen der Ansicht, ein Richard-Harrison-Artefakt könne man unmöglich ninjalos unters Video-Volk jubeln, weswegen sie kurzerhand den wohl kühnsten Titelstunt des Jahres aufs Parkett legten. Da man dem geprellten Kunden aber nun noch irgendwie plausibel machen musste, warum die flinken Kämpfer hier durch allgemeine Abwesenheit glänzen, bat man das zuständige Synchronstudio um tatkräftige verbale Unterstützung. Und so kam es dann dazu, dass Harrisons Charakter jeden seiner Gegner völlig gegenstandslos als Ninja bezeichnet – obwohl kein einziger der Hampelmänner optisch wie verhaltenstechnisch auch nur in die Nähe eines solchen kommt. Das ist freilich ein Lacher vor dem Herren und lässt Harrisons Figur wie einen Vollidioten wirken.

Viel kaputtgemacht hat man damit allerdings nicht. BLOOD DEBTS war schon vor der Synchronisation lächerlich. Der hilflose Versuch, auf der damals grassierenden Selbstjustiz-Welle mitzuschwimmen, ist in Sachen Plot und Dialog von oft kindlicher Naivität, reiht talentfrei abgeschmackte Handlungs- und Figurenklischees aneinander und befindet sich insgesamt nur knapp über Amateurniveau. Je nach Fasson und Tagesform bietet die fröhliche Vergeltungskirmes für ein bestimmtes Klientel mit ausreichend Schmerzerfahrung natürlich gerade deswegen beste Unterhaltung. Vorhang auf also für NINJA-JÄGER – den ersten Ninjafilm ohne Ninjas!

Inhalt:

Ein Pärchen sitzt beim Picknick im Park. Motto des Tages: Romantik bei Butterbrot und Büchsenbier. Plötzlich knallt's, und der Korb explodiert. Der Grund offenbart sich umgehend: Fünf Strolche kriechen aus den Sträuchern, bewaffnet mit Gewehr und geilem Blick. Letzterer gilt selbstverständlich der weiblichen Ficknick... Picknickerin (Sarah), und damit keine Missverständnisse aufkommen, erklärt einer der Unholde dann auch gleich, worum es geht: „Das wird ne kleine Vergewaltigung." (Logisch! Vergewaltigungen am hellichten Tag pflegt man ja generell durch Salutschüsse anzukündigen.) Drei der Kerle machen sich über die Frau her, die beiden anderen verfolgen ihren Begleiter, der bereits die Beine in die Hand genommen hat. Ein paar Schüsse später ist der junge Mann tot – was seltsamerweise einen der Verfolger (Donny), dem eben noch die Mordlust aus dem geifernden Gesicht sprang, aus heiterem Himmel in helle Verzweiflung stürzt. „Du Idiot hast ihn erschossen, er sollte doch nur Angst kriegen“, schimpft er seinen Kumpanen aus, geht dann zur Leiche, stubst sie kurz an und meint dann fachmännisch: „Da haben wir's! Tot!“ (Nihil Baxter hätte im selben Tonfall noch hinzugefügt: „Das hab ich nicht gewollt. Das hab ich auch wieder nicht gewollt!!!!“) Während die Jungs noch beratschlagen, wie man mit dem Verblichenen umgehen solle (liegenlassen oder eingraben), rennt die nun ebenfalls flüchtende Sarah vorbei und bekommt gleichermaßen eine Ladung Schrot in den Rücken. Dessen gewahr wird ihr Vater Mark [Richard Harrison], der gerade aus dem Haus kam und nun verzweifelt versucht, fassungslos zu gucken. Wütend rennt er auf den Schützen zu, der nun wiederum auf ihn anlegt und abermals abdrückt. Mark fasst sich ans Auge, als hätte er ne Fliege reinbekommen, und geht stöhnend zu Boden. Dem plötzlichen Sensibelchen Donny platzt nun endgültig der Kragen: „Du Scheißkerl, warum musste das sein? Das sinnlose Töten... Das ist doch Mord!“ (Offenbar der Denker der Truppe.) Das Quintett kratzt die Kurve, obwohl Mark noch lebt (was kaum angehen kann, da er die Kugel ja offenbar ins Auge bekam – allerdings hat er nach Erwachen an der Stelle nicht mal nen Kratzer).

Ein paar Monate später kommt Mark auf die Idee, dass es das Klügste wäre, die Killer seiner Tochter kaltzumachen. Als erstes sucht er Donny auf (von dem er seltsamerweise die Adresse weiß) und zwingt ihn zu verraten, wo sich die restlichen Bandenmitglieder aufhalten. Anschließend arbeitet Mark die Liste wahrlich im Rekordtempo ab. Dem ersten verpasst er im Fitnesstudio ne Kugel („Mich hat noch kein Ninja geschafft.“), dem zweiten in dessen Wohnung („Dich habe ich schon erwartet, du Möchtegern-Ninja!“), den dritten an dessen Arbeitsplatz (ohne Ninja-Kommentar). Bevor er sich Nummer 4 vorknöpfen kann, werden zwei neue Charaktere eingeführt: der schurkische Bill [Mike Monty] und der korrupte Polizist Peter [Jim Gaines], die sich in einem Restaurant über den Fall unterhalten. „Ich will nur wissen, unter welchen Umständen die Jäger umgekommen sind“, meint Bill gerade und fügt in ausbaufähiger Grammatik hinzu: „Also, wer und warum hat er sie gekillt?“ Aha, die ermordeten Triebtäter hatten also offenbar für den halbseidenen Anzugträger gearbeitet. Peter verspricht, der Sache auf den Grund zu gehen und sucht die nächste Toilette auf. Nicht, weil das Essen so schlecht war, sondern weil jedes Kind weiß, dass die besten Informanten nur auf Männerklos zu finden sind. Tatsächlich steht da auch einer und weiß einfach alles – auch, dass der Rächer auf den Namen Mark Collins hört. Woher er dieses Wissen hat, wird nicht erklärt. Peter beschattet nun also Mark, der mitten in der Nacht spazierengeht. Plötzlich hört man weibliche Schreie. Im Park wird mal wieder vergewaltigt. Ein Mann fällt gerade über eine Frau her. Mark zieht den Revolver, knallt den Typen ab und schlendert wieder davon. Pete hockt hinter'm Baum, feixt sich eins und macht fleißig Fotos.

Die Diashow, die Pete in der nächsten Szene dem hochinteressiert dreinblickendem Bill präsentiert, kann allerdings unmöglich aus dieser einen Nacht stammen - und auch kaum ohne Wissen und Zustimmung Marks entstanden sein, denn dieser posiert mit seiner Knarre regelrecht auf den Bildern, zum Teil offenbar auch noch in seiner Wohnung. Mark hat indes Stress mit seiner Ehefrau, die auf die abstruse Idee kommt, der Fall sei bei der Polizei eventuell besser aufgehoben. Mark sieht das anders: „Die Polizei unternimmt nichts gegen die Mörder unseres Kindes. Diese Ninjas...!“ Nachdem Mark nebenbei noch ein paar Räuber gekillt hat als wär es nix, knöpft er sich endlich den letzten Mann der Tochtertöter-Truppe vor und bringt ihn vergleichsweise pfiffig ums Eck: durch einen explodierenden Golfball. „Mit dem Totschießen ist jetzt Schluss“, verspricht er im Anschluss seiner hocherfreuten Gattin. Aber so schnell geht man als Racheengel nicht in den Ruhestand, denn ab hier übernehmen Bill und Pete. Letzterer hat nämlich herausgefunden, dass Mark Vietnam-Veteran ist und eigentlich vorhatte, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. „Aber nun wurde seine Tochter umgebracht, zusammen mit ihrem Freund. Darin sehe ich den Grund für sein Verhalten.“ (Ein richtiger Schlauberger!) Was folgt, ist die sicherlich schönste Dialogszene des Films:

Bill:
„Angenommen, er fühlt sich im Recht ... Dann wäre er verrückt.“

Peter:
„Nein, Bill! Mark hat keinen Dachschaden. Er ist überzeugt, die Leute waren Ninjas. Diese Verbrecher hasste er. Er fühlt sich als Racheengel. Er hat die fixe Idee, alle Ninjas müssen weg.“

Bill (bierernst):
„Damit hätten wir eine Begründung der Morde.“

Nun sollte man ja eigentlich annehmen, dass jemand, der überall nur Ninjas sieht, erst recht nen Dachschaden hat, aber das ist natürlich nur eine Theorie. Und woher Peter plötzlich weiß, dass Mark die bösen Buben für Ninjas hielt, ist ebenfalls ein Mysterium, das nie aufgeklärt wird. Jedenfalls werben die Männer Mark nachfolgend für ihre Killerorganisation an – ein Angebot, dass er erst annimmt, als sie seine Frau entführen. Tötete Mark bisher im Alleingang, spickt er von nun an fremde Körper im Auftrag seiner neuen Bosse mit Blei. Bis er von ihnen verraten wird und den Spieß umdreht.

Kritik:

Bis das endlich passiert, prasselt allerdings noch sehr viel schlecht arrangierter Schuss- und Sprachaustausch auf den Betrachter ein, der zu dem Zeitpunkt natürlich ohnehin schon längst aufgegeben hat, etwas halbwegs Anständiges zu erwarten. BLOOD DEBTS wirkt von der ersten Sekunde an einfach wahnsinnig schäbig, sowohl die Optik betreffend als auch die tölpelhafte Regie, die völlig überfordert ist damit, die grobschlächtig hingerotzten Szenen in eine auch nur leidlich ansprechende Form zu bringen. Bereits der Beginn baut durch die unbeholfene Inszenierung mehr Komik als Spannung auf: So fliehen die ersten beiden Opfer vor der ruchlosen Vergewaltigungsbande in ausschweifend zelebrierter Zeitlupe, was als stilistisches Mittel natürlich völlig legitim ist. Nachdem der männliche Flüchtige jedoch erschossen wurde und seine Mörder bereits ewig palavernd um ihn herumstehen, meint einer von ihnen plötzlich: „Hey, das ist doch sein Mädchen!“ Und tatsächlich rennt besagte Dame just in diesem Moment aus dem Gehölz – witzigerweise aber immer noch in Zeitlupe. Da der Rest der Ereignisse natürlich in normalem Tempo abläuft, sieht es nun so aus, als sei das gar kein Stilmittel mehr, sondern einfach ihre ganz natürliche Laufgeschwindigkeit.

Ähnliche Patzer passieren auch später immer mal wieder (so erinnert sich Richard Harrison beispielsweise an Ereignisse, bei denen er gar nicht zugegen war), was einen immer wieder holzhammerartig daran erinnert, sich anstatt in einer möglichen Realität gerade lediglich in einem mies modellierten Möchtegernthriller zu befinden. Blaupause des blühenden Blödsinns war natürlich die erfolgreiche DEATH WISH-Reihe, deren Thema im Prinzip sogar recht originell variiert wurde. Die Idee, dass der Rachefeldzug der Hauptfigur schon nach kurzer Zeit abgeschlossen ist und sie ihre Morde nachfolgend im Auftrage einer ominösen Killerorganisation begeht, ist durchaus nicht dumm und böte eine Menge guter Möglichkeiten mysteriösen Nervenkitzels. Da man als Zuschauer aber schon von Anfang an weiß, wie der Hase hoppelt, und die Umsetzung der Geschehnisse zudem jeder Glaubhaftigkeit und Logik entbehrt, ballert man das eigene Potential gnadenlos in den Wind. Die Action ist wenig überraschend ähnlich unbeholfen umgesetzt wie der Rest und besteht fast ausschließlich aus dynamikfreien Schläger- und Schießereien, wobei man sich hin und wieder auch mal ne kleine Explosion gönnte (sprich: Geld in einen Feuerwerkskörper investierte). Der Gewaltgrad der Ereignisse ist dabei prinzipiell ziemlich hoch, und vielleicht könnte die hier vorherrschende Kaltblütigkeit sogar schockieren – sofern es denn irgendwie möglich wäre, das Gezeigte auch ernstzunehmen. BLOOD DEBTS spielt in einer Welt, in der am hellichten Tag und laufenden Band Leute vergewaltigt, erschlagen und erschossen werden, ohne dass es irgendjemanden interessieren würde. Dabei spielt das Ganze nicht mal in New York oder einer vergleichbaren Metropole, sondern in irgendeinem muffigen Kleinstadt-Kaff, von dem man auch fortwährend immer nur die selben drei Locations sieht.

BLOOD DEBTS beweist, dass der Niedergang der Karriere Richard Harrisons nicht nur Godfrey Ho geschuldet war. Ein begnadeter Mime war er freilich nie, aber derart lustlos wie hier sah man ihn zuvor selten. Allerdings hätte selbst ein Robert De Niro nur schwerlich gegen die Stupidität dieses ultrabilligen Raudaustücks anstinken können, so dass sich Harrisons hilflose Schauspielversuche hier doch ganz passend einfügen. Auch modisch begeht sein Mark Collins dabei so einige Schwerverbrechen. Den versifften Trainingspullover, den er hier fast permanent spazierenträgt, wird er doch wohl hoffentlich zwischen den Morden auch mal gewaschen haben. Aber vermutlich kann man sich noch glücklich schätzen, dass er nicht in fleckiger Jogginghose auf Schurkenjagd ging. Etwas Stimmung kommt dann gegen Ende auf, wenn Mark eine extradicke Wunderwumme in die Hände fällt und er beginnt, auf dem Anwesen der Verbrecher klar Schiff zu machen (wie wunderbar diese Waffe funktioniert, erkennt man daran, dass man damit einfach nur auf den Boden ballern muss, woraufhin alle jene, die zufällig gerade in der Nähe des Einschlagloches stehen, schlagartig tot umfallen, ohne überhaupt getroffen worden zu sein). Aber auch dieses große Finale wird nicht vollends ausgespielt und bricht quasi mitten im Gefecht per dreistem Standbild ab. Somit endet BLOOD DEBTS genauso unbefriedigend wie er begann. Ein paar Ninjas hätten vielleicht noch was retten können.

Laufzeit: 87 Min. / Freigabe: ab 18

Freitag, 7. Februar 2020

WU KUNG, HERR DER BLUTIGEN MESSER


MO GUI TIAN SHI
Hongkong 1973

Regie:
Lo Lieh

Darsteller:
Lo Lieh,
Grace Tong,
Fong Yau,
Tien Feng,
Ma Chien-Tang,
Michael Chan Wai-Man,
Chen Chun,
Wu Ma



Inhalt:

Weil Tong-Sen [Lo Lieh] so eine harte Kelle schlägt, wird er von einer Gangsterbande angeheuert, ihr bei einem Geldraub zu helfen. Trotz anfänglicher Zweifel nimmt er den Job an. Unmittelbar nach getaner Arbeit jedoch bekommt er von seinen Kumpanen eins auf die Zwölf. Der so Gelackmeierte geht erst zu Boden und dann mehrere Jahre in den Knast. Nach seiner Entlassung ist Tong-Sen immer noch ziemlich sauer und stattet seinen damaligen Komplizen nach und nach sehr kurze und sehr schlagkräftige Hausbesuche ab.

Kritik:

WU KUNG, HERR DER BLUTIGEN MESSER! Herr im Himmel, was für ein Titel! Ein ganz und gar wundervolles Beispiel für die damalige Kreativität deutscher Verleihfirmen, die eingekaufte Massenware immer wieder als die größte Sensation aller Zeiten anpriesen und sich mit griffigen Titeln und Werbezeilen regelrecht überschlugen. Dass diese zum Teil sehr abenteuerlichen Elaborate häufig gar nicht zum Inhalt passten, war dabei zweitrangig. So gibt es dann auch bei DEVIL AND ANGEL (wie das Teil total langweilig im englischen Raum heißt) weder blutige Messer, noch werden sie von irgendjemandem beherrscht. Und ein irgendwie gearteter Herr Kung ist auch weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen bekommt man es hier mit Gelegenheitsgauner Tong-Sen zu tun, dargestellt vom recht bekannten Kampf- und Schauspielkünstler Lo Lieh. In Indonesien zur Welt gekommen, dann nach China übergesiedelt, ging Lo erst durch die Shaw-Brothers-Schule und agierte für das berühmte Studio in knalligen Kung-Fu-Reißern wie ZHAO – DER UNBESIEGBARE, bevor er schließlich seine eigene Produktionsfirma aufmachte und mit dem vorliegenden WU KUNG sein Regiedebüt gab. Für eine Premiere ist das Gebotene zwar akzeptabel, verausgabt hat er sich bei dem Job allerdings dennoch nicht. Vor allem im Vergleich zu seinen vorherigen Arbeiten mit den Shaw Brothers wirkt dieses ideen- und innovationslose Rachegeschichtchen doch reichlich jämmerlich. Das Skript, von Lo gemeinsam mit Chiu Kang-Chien [→ TI LUNG – DUELL OHNE GNADE] ebenfalls höchstpersönlich aus der Taufe gehoben, definiert das Wort „Ökonomie“ regelrecht neu und setzt selbst im nicht gerade als komplex verschrienen Knochenbrecher-Genre mutige Maßstäbe in Sachen Simplizität.

Ein Mann wird gelinkt, wandert in den Knast, kommt wieder raus und nimmt Rache. Mann für Mann. Schlag auf Schlag. Die Ursuppe der Selbstjustiz. Schmeckt nur etwas abgestanden, weil der narrative Pfeffer fehlt. Die Handlung wird nämlich stur nach Schema F abgearbeitet – mit Ausnahme des Endes vielleicht, das in seiner unerwarteten Wucht und Kompromisslosigkeit im krassen Kontrast zum Restprogramm steht. Nun ist es ja per se kein Unglück, wenn speziell Action- und Rachefilme sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren und keine allzu großen Umwege machen. Aber die uninspirierte Erzählweise WU KUNGs wirkt doch arg ungelenk und haut einem dabei auch immer wieder auffallende Plausibilitätsversäumnisse an den Kopf. So hat Tong-Sens Verlobte von dessen immerhin 5-jährigen Gefängnisaufenthalt gar nichts mitbekommen – was nicht unbedingt für eine funktionierende, auf beiderseitigem Interesse beruhende Beziehung spricht. Und nachdem Tong-Sen aus einem bedauernswerten Handlanger herausgepresst hat, wo sich dessen Boss aufhält, geht er im Anschluss zunächst grundlos nach Hause und eilt erst (und damit unnötig verspätet) zur frisch erfolterten Adresse, als er von der Entführung seiner Verlobten erfährt. Dazu gesellen sich mehrere Handlungsstränge, die mit großem Trara begonnen werden und dann einfach im Nichts verlaufen: Als der Protagonist nach vielen Jahren Zuchthaus seinen Vater aufsucht, stellt er fest, dass dieser mittlerweile erblindet ist. Tragisch, gewiss! Da allerdings sowohl die Erblindung als auch der Erblindete selbst nachfolgend gar keine Rolle mehr spielen, ist die ganze Episode eigentlich obsolet – und taugt nicht mal als brauchbarer Mordlustmotivator für den Protagonisten, da dessen Blutwurst-Plan ohnehin schon beschlossene Sache war. Etwas später kommt wie aus dem Nichts ein nie zuvor erwähnter Kumpel Tong-Sens herbeigeeilt, um ihn vor einer nahenden Gruppe gewaltgeilen Gesindels zu warnen. Diese taucht dann auch auf wie bestellt, aber sein eben erst eingeführter Freund versichert ihm, er könne ruhig die Flatter machen, er würde die Bande schon übernehmen. Das tut er dann auch, und nachdem er die halbseidene Brut vorschriftsmäßig vermöbelt hat, verschwindet der ominöse Raufkumpan für immer aus der Geschichte.

Das klingt nun alles ziemlich schlecht. Ist es aber gar nicht. Zumindest nicht gefühlt. Denn WU KUNG läuft trotz seiner Defizite doch sehr geschmeidig runter. Entgegen kommt ihm dabei die extrem kurze Laufzeit von gerade mal 70 Minuten, die dafür Sorge trägt, dass so etwas Ähnliches wie Langeweile gar nicht erst aufkommen kann. Das Tempo ist enorm hoch, der Rhythmus angenehm rasant, der Look von schicker Schäbigkeit, und der lässige 70er-Jahre-Stil lässt wohlig das Wohnzimmer vibrieren. Die Kämpfe gefallen durch ihre rüde Auf-die-Fresse-Mentalität und kümmern sich nicht um irgendwelche ausgefeilten Choreographien. Hier wird einfach nur rabiat gerangelt, bis eine der beiden Parteien entweder die Segel streicht oder den Löffel reicht. Der funkige Soundtrack ist zwar frech von größeren (und ungleich bekannteren) Werken rüberkopiert (dieses Mal unter anderem von SHAFT), passt aber stets punktgenau und gibt der Nummer den nötigen Schmiss. Auch der deutlich von James Bond inspirierte Vorspann kommt extrem cool. Lo Lieh [→ TSCHANG FU – DER TODESHAMMER] gibt den Rächer irgendwo zwischen Charles Bronson und Terence Hill und wirkt weniger wie eine reelle Person als viel mehr wie der cartooneske Held eines Groschenromans. Als Oberschurke (und damit natürlich auch Endgegner) sieht man Fong Yau [→ JEN KO – IN SEINEN FÄUSTEN BRENNT DIE RACHE], während Grace Tong (die mit Lo Lieh im Folgejahr auch noch THE CONCRETE JUNGLE drehte – und danach dann gar nichts mehr) für die typische Frauenrolle eines solchen Beitrags zuständig ist und damit in erster Linie dazu dient, sich zappelnderweise entführen zu lassen. Unterwegs begegnet der kung-fu-film-kundige Konsument auch noch vertrauten Gesichtern wie Tien Feng [→ DRAGON LORD] oder Wu Ma [→ TI LUNG – DIE TÖDLICHE KOBRA].

Das Finale beschenkt einen dann noch mit einer grandios rumpeligen Autojagd, in der zwei schrottige Nuckelpinnen im Schneckentempo versuchen, sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Und zu all dem gesellt sich zum krönenden Abschluss noch eine deutsche Synchronfassung, die – wie zu der Zeit nicht unüblich – zusätzlich noch mal einen draufsetzt und herrlich schnodderige Dialoge serviert wie: „Verschwinde! Das Gemüse da mache ich allein fertig.“ - „Hoffentlich! Und knall den Brüdern von mir nen schönen Gruß in die Schnauze!“ Das alles ist schon schwer unterhaltsam und macht tüchtig Laune. Genre-Fans und -Affine verschwenden ihre 70 Minuten mit WU KUNG, HERR DER BLUTIGEN MESSER daher gewiss nicht sinnlos.

Laufzeit: 73 Min. / Freigabe: ab 18