Montag, 26. Mai 2014

DIE KILLERMAFIA

[LA POLIZIA ACCUSA: IL SERVIZIO SEGRETO UCCIDE][ITA][1975]

Regie: Sergio Martino
Darsteller: Luc Merenda, Mel Ferrer, Delia Boccardo, Michele Gammino, Paola Tedesco, Franco Giornelli, Gianfranco Barra, Carlo Alighiero, Claudio Gora, Claudio Nicastro, Antonio Casale 

Im Italien der 70er Jahre tobt das Chaos: Eine Mordserie an höhergestellten Persönlichkeiten hält die Polizei in Schach, die Ermittler sind ratlos. Kommissar Solmi [Luc Merenda], extra aus Mailand importiert, soll Licht ins Dunkel bringen. Als die Leiche eines kleinen Erpressers gefunden wird, will er, im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, Staatsanwalt Mannino [Mel Ferrer], nicht so recht glauben, dass tatsächlich eine Prostituierte den Mann getötet hat, auch, wenn alle Indizien dafürsprechen. Als Solmi weiterermittelt, stößt er auf niederschmetternde Gewissheiten: Der Mord an dem Ganoven war nur die Spitze des Eisbergs, eine gigantische Verschwörung reicht bis in höchste Regierungskreise. Zeugen werden beseitigt, Beweismittel vernichtet. Schon bald weiß Solmi nicht mehr, wer Freund und Feind ist. 

Nachdem er 1974 Luc Merenda auf eine HETZJAGD OHNE GNADE schickte, gönnte Sergio Martino dem Jungen auch im Folgejahr keine Ruhe und lies DIE KILLERMAFIA auf ihn los. Zwar durfte er dieses Mal auf der Seite des Gesetzes stehen, sein Leben jedoch geriet deswegen nicht weniger in Gefahr. Merenda gehörte zum Stammpersonal des vor allem durch seine Giallo-Wurzeln bekannten Regisseurs und Drehbuchautors Martino, dem es zwar nicht immer, aber doch in hübscher Regelmäßigkeit gelang, seine Arbeiten unter ihrer reinen Unterhaltungsoberfläche in solch ausreichendem Maße zu subtextuieren, dass sie neben der nach simpler Zerstreuung sich sehnenden Masse auch bei der sich dem Intellekt verschriebenen Kritikermeute Anklang finden konnten. LA POLIZIA ACCUSA (='Die Polizei klagt an' [Originaltitel]) reiht sich gewiss gern mit ein in diese Kette, darf zudem gut und gern als Beleg dieser These gelten.

Entstanden 1975, während der Hochphase des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms, der zu dieser Zeit, nicht selten reaktionär angehaucht und hauptsächlich in Reaktion auf den brutalen, von Terrorgefahr beherrschten Alltag des Stiefellandes entstanden, einigen Publikumszuspruch verbuchen konnte, beginnt DIE KILLERMAFIA mit einer regelrechten Tötungsarie und reiht, zunächst ohne jeden erkennbaren dramaturgischen Zusammenhang, Mord an Mord, wenn mehreren hochrangigen politischen Figuren auf nicht gerade sehr zimperliche Art und Weise das Lebenslicht ausgepustet wird. Martinos Giallo-Vergangenheit ist dabei kaum zu übersehen, die Bluttaten geschehen explizit, die (teilweise subjektive) Kamera bleibt nah an den schreckverzerrten Gesichtern. Im Zusammenspiel mit den dazu eingeblendeten Schlagzeilen, dem unruhigen, realistischen Bild und der nüchtern-unprätentiösen Ruppigkeit ergibt sich daraus, trotz durchschaubarer Tricktechnik, ein aufwühlender Dokumentarcharakter, der Stil und Atmosphäre der kommenden 90 Minuten maßgeblich mitbestimmen soll.

Diesem knalligen Auftakt, der mit der Sensationslust des Publikums geschickt zu spielen versteht, folgt die übliche, genretypische Ermittlungsarbeit der Polizei, die, wie man es von ihr nicht anders gewohnt ist, nach allen Regeln der Kunst auf dem Schlauch steht und sich deshalb bald Unterstützung von außerhalb kommen lassen muss. Mit dem Auftauchen Kommissar Solmis, der auf spannend erzählte Weise Hinweise entschlüsselt, Spuren verfolgt und sich (fast selbstverständlich) mit seinem Vorgesetzten anlegt, verschiebt sich der Kontext zwar langsam, aber doch sicher in eine andere Richtung. Befasst sich der Poliziottesci in seiner Gesamtheit hauptsächlich mit blutigen Kriegen und Intrigen zwischen und im Polizei- und Gangsterapparat, kombiniert Martino die bekannten Zutaten mit den Versatzstücken des politischen Paranoiathrillers, welcher das Kino, resultierend aus dem erwachsenden Misstrauen der Bevölkerung gegenüber ihrer Führungskräfte, zu dieser Zeit ebenfalls fest im Griff hatte. Während die USA unter der Regie Sidney Pollaks DIE DREI TAGE DES CONDORS erlebten, verstrickten in Europa Regisseure wie Damiano Damiani [→ DER TERROR FÜHRT REGIE] ihre Protagonisten bereits seit mehreren Jahren in politische Skandalgeschichten mit anklagender Note und pessimistischer Weltsicht. 

DIE KILLERMAFIA übernimmt deren Motiv der permanenten Bedrohung und setzt auf das ohnmächtige Gefühl des ständigen Verfolgungswahns: Solmi merkt bald, dass die Mächte, gegen die er antritt, tatsächlich mächtig sind, sein Feind nicht etwa der kleine Ganove ist, mit dem er es sonst zu tun hat, noch nicht einmal der kaltblütige Mörder, der die ihm befohlenen Taten lediglich ausführt und dabei auch nur ein Rädchen ist im unfassbar großen Gesamtgetriebe, sondern die unsichtbaren Dunkelmänner, die quasi ungestraft im Hintergrund agieren und deren Einfluss und Möglichkeiten jede Vorstellungskraft übersteigen. Obwohl eigentlich ein guter Mann in seinem Job, merkt Solmi, ohne jede Frage die Identifikationsfigur des Publikums, immer mehr, dass er dieser überlebensgroßen Aufgabe nicht gewachsen sein kann. Der Feind scheint jeden seiner Schritte vorauszuahnen, Zeugen werden postwendend beseitigt.

Einem kompetent durchgeführten Belastungstest würde das Drehbuch dabei freilich nicht standhalten: Warum die geheimnisvollen Hintermänner so ziemlich jeden ermorden, der dem Kommissar in irgendeiner Weise hilfreich sein könnte, anstatt ihn kurzerhand einfach selbst über die Klinge springen zu lassen, wird so wirklich plausibel nicht erklärt. Hier kommt halt doch wieder die reine Reißer-Attitüde zum Vorschein, die einfach nur ihr nach Spannung geiferndes Publikum an sich binden möchte. Doch findet DIE KILLERMAFIA eine durchaus passende Balance aus Anspruch und simpler Attraktion, zumal man sich auch in Sachen Action lange Zeit bedeckt hält, um erst im Finale wirklich aufzutrumpfen. Die großkalibrige Attacke einer kampfbereiten Hubschraubergarnison sorgt dann auch für so einige Schauwerte.

Auf eine geschönte Optik wurde verzichtet, die gute wie die böse Seite ist gesäumt mit einem illustren Haufen herrlich hässlicher Hackfressen. Als einzige Ausnahme geht da noch am ehesten Hauptdarsteller Luc Merenda durch, der sein Geld zuvor immerhin als Model verdiente. Dieser macht Robert De Niro zwar niemals ernsthaft Konkurrenz, spielt jedoch solide und hat allein aufgrund seiner Rolle als ehrbarer, doch in hilfloser Verzweiflung gefangener Kommissar die Sympathien auf seiner Seite. Als sein Vorgesetzter agiert Mel Ferrer [→ DER LÄNGSTE TAG], der als unnahbare Persönlichkeit mit aristokratischer Aura zwar einfallslos, allerdings auch treffend besetzt wurde. Der bekannteste Name auf der Besetzungsliste ist Tomas Milian [→ TÖTE, DJANGO], damals völlig zu Recht einer der bekanntesten und beliebtesten Mimen Italiens. Der gebürtige Kubaner war meistens in Hauptrollen zu sehen und bestach dabei nicht selten durch sein extravagantes, wenn nötig auch überkandideltes Schauspiel. In dieser eher kleinen Rolle des Captain Sperling hingegen hält er sich ungewohnt zurück, was einen viel größeren, da authentischen Eindruck hinterlässt.

Die finale Übeltäterenttarnung schließlich wirkt zwar nur wenig überraschend, wurde jedoch, mit vorhergehender Zu-Fuß-Verfolgung über Stock und Stein, ausgezeichnet inszeniert. Der darauf folgende politische Schlagabtausch geriet zwar etwas naiv fomuliert, spiegelt die damals in Italien grassierende Angst vor einem Staatsstreich allerdings eindrucksvoll wieder. Nicht nur wegen dieses starken Schlussaktes ist DIE KILLERMAFIA eine gelungene Melange aus Polizeikrimi und Politthriller, für die Martino auch seine Wurzeln nicht völlig ignorieren musste: Der mittige Moment, in dem eine junge Frau vor ihren Verfolgern flieht, eine Telefonzelle erreicht und es noch schafft, den Kommissar zu benachrichtigen, bevor sie ebenso unglücksselig wie vorhersehbar zu Tode stranguliert wird, erweckt den Eindruck, als hätte man sie direkt aus einem Giallo hineingeschnitten.

Die hiesige Synchronisation des Ganzen liegt die meiste Zeit dermaßen neben der Spur, dass man sie eigentlich eher als Unsynchronisation bezeichnen müsste, geriet dazu im Dialog oftmals seltsam steif und bieder - ganz im Gegensatz zum deutschen Titel, der reichlich reißerisch gewählt wurde. Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Für Freunde spannender Kinounterhaltung mit 70er-Jahre-Charme ist Martino eine kleine wunderbar-ungeschliffene Perle geglückt, gegen die nicht mal die Polizei was sagen kann. 

Laufzeit: 93 Min.

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