Donnerstag, 9. November 2017

DER MAFIABOSS - SIE TÖTEN WIE SCHAKALE

[LA MALA ORDINA][ITA/BRD][1972]

Regie: Fernando Di Leo
Darsteller: Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strode, Adolfo Celi, Luciana Paluzzi, Franco Fabrizi, Femi Benussi, Gianni Macchia, Peter Berling, Francesca Romana Coluzzi, Cyril Cusack

"Schieß mir ins Herz und schau mir dabei in die Augen, wenn du der Mann bist, für den ich dich halte!"

New Yorks Mafia ist vergrätzt: In Mailand ist eine ganze Ladung Heroin verschwunden. Pate Don Vito Tressoldi [Adolfo Celi] präsentiert dafür ziemlich hurtig einen Schuldigen: den kleinen Zuhälter Luca Canali [Mario Adorf]. Infolgedessen heften sich die beiden Killer Frank [Henry Silva] und David [Woody Strode] an die Fersen des vermeintlichen Übeltäters, um diesen fachgerecht über die Klinge springen zu lassen. Der Haken dabei: Canali ist vollkommen unschuldig und hat keine Ahnung, warum er plötzlich auf der Abschussliste steht. Mehr durch Glück denn durch Können kann er den beiden Auftragsmördern zunächst entkommen. Doch als seine Verfolger nicht locker lassen und seine Ex-Frau samt Kind ebenfalls bedrohen, erwacht der Kämpfer in ihm. Mit dem Mut der Verzweifelung versucht er herauszufinden, warum er aus heiterem Himmel ins Fadenkreuz geriet und muss dabei gegen immer mehr Verfolger antreten.

Mit MILANO KALIBER 9 inszenierte sich Fernando Di Leo 1971 in die Herzen vieler Genre-Fans. Das spröde Gangster-Drama über einen aus dem Knast entlassenen Ganoven, der in die Mühlen der Mafia gerät und von da an um seine heile Haut bangen muss, konnte durch großartige Darsteller, stringente Story und konstante Hochspannung Kritik wie Publikum mehrheitlich überzeugen. Im Folgejahr machte Leo sich dann daran, den frisch erworbenen Ruf als Erste-Liga-Regisseur zu verteidigen und lieferte einen weiteren im Mailänder Mafia-Milieu angesiedelten Unterwelt-Reißer ab, der Deutschlands Schauspiel-Ikone Mario Adorf [→ DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER] auf eine gewalt- und actionreiche Tour de Force schickt, die final in einer Orgie aus Blut, Blech und Blei mündet. Um die Pointe vorweg zu nehmen: Trotz inhaltlicher Parallelen muss sich Leos zweite Syndikat-Sause dem Vorgänger geschlagen geben. DER MAFIABOSS – SIE TÖTEN WIE SCHAKALE wirkt stellenweise ähnlich holprig zusammengeschustert wie sein deutscher Titel und läuft zeitweilen ein wenig unrund. Dazu gehören, neben einer oftmals arg sprunghaften Montage, die einen manche Abläufe gar nicht so recht nachvollziehen lässt (was zugegebenermaßen auch an den Handlungskürzungen der deutschen Kinofassung liegen könnte), auch die gelegentlich eingestreuten etwas befremdlichen humoristischen Einlagen, wie z. B. die beschwipste Mutti, die einige Male durch das Bild taumelt und vergessen hat, in welcher Stadt sie sich gerade befindet, oder die mehrmals stattfindenden seltsam sinnlosen Partysequenzen, in denen die Kamera um teils kurios kostümierte Männer und textilbefreite Frauen herumwirbelt.

So wirkt Leos zweiter Streich anfangs ein wenig larifari und man beginnt, die Geradlinigkeit eines MILANO KALIBER 9 schmerzlich zu vermissen, der bereits von Beginn an mächtig steil ging. Später jedoch, wenn die Ereignisse sich langsam, aber sicher zuspitzen und das Netz beginnt, sich um den Protagonisten Luca Canali zuzuziehen, ist dieses Manko schnell vergessen und DER MAFIABOSS wird tatsächlich noch zu dem intensiven, mitreißenden Stück Kino, das man gern schon etwas früher gehabt hätte. Die große Trumpfkarte ist dabei ohne jeden Zweifel dessen Hauptdarsteller, der hier teilweise wahrlich um sein Leben zu spielen scheint. War Mario Adorf im Vorgänger noch selbst der gnadenlose Jäger, so gibt er hier nun den Gejagten und durchleidet im Laufe der gut 90 Minuten so ziemlich jede Gefühlsregung, zu der ein Mensch überhaupt fähig ist. Der zunächst noch recht arglos scheinende Zuhälter, der zwar junge Frauen auf den Strich schickt, ansonsten aber einen ganz knorken Eindruck macht, mutiert im Laufe der schicksalhaften Ereignisse schließlich zur entfesselten Kampfmaschine, zu einem blutdürstenden Berserker, der in unbändiger Wut rennt, kämpft, schießt, auf fahrende Autos springt und deren Windschutzscheiben mit seiner bloßen Stirn zertrümmert, um im Anschluss nochmals weiterzukämpfen. Das Ende dieser schwindelerregenden Dauer-Action-Sequenz ist an Intensität kaum zu überbieten: Nachdem Adorf den verfolgten Missetäter gerichtet hat, bricht er weinend zusammen. Erst jetzt wird ihm so richtig bewusst, dass sein Sieg kein Sieg ist und er alles verloren hat.

Auch, wenn es wie ein Klischee klingt, aber in solchen Momenten vergisst man fast tatsächlich, lediglich einen Schauspieler vor sich zu haben. Adorf scheint wirklich dieses arme Schwein zu sein, dieser in die Enge getriebene kleine Mann, dem alles über den Kopf wächst und der in selbstmörderischem Zorn schier übermenschliche Kräfte entwickelt. Dazu gehört dann auch, dass Canali eben nicht der überlegene und in passend-coolen Posen operierende Superheld ist, sondern hin und wieder auch mal ein wenig albern rüberkommt in seiner hilflosen Kopflosigkeit, die oftmals alles nur noch schlimmer macht. In gewisser Weise gilt das allerdings auch für seine Kontrahenten, bestehend aus dem wahrhaft ungleichen Killer-Duo Frank und David, verkörpert von Henry Silva [→ ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN] und Woody Strode [→ HÜGEL DER BLUTIGEN STIEFEL]. Silva gibt den amüsiersüchtigen Lebemann, der so ziemlich jeden Rock angräbt, der ihm über den Weg läuft, dabei aber meistens schlagfertige Abfuhren kassiert („Sag mal, was machst du überhaupt hier? Zum Rumhüpfen bist du zu alt und zum Aufreißen siehst du zu bescheuert aus.“). Ganz anders als der einsilbige Strode, dem sich das schöne Geschlecht gleich reihenweise an den Hals wirft, der aber gar kein Interesse an irgendetwas anderem als an seinem Auftrag hat und die ganze Zeit aus der Wäsche guckt, als könne er seit Tagen nicht mehr vernünftig kacken. Wie eine ernstzunehmende Bedrohung wirken die beiden dabei freilich nicht und da ihre Bemühungen auch niemals so wirklich vom Erfolg gekrönt sind, fragt man sich schon, ob die Mafia kein geeigneteres Personal hat, um dringende Mordaufträge auszuführen.

Als Mafiaboss (der trotz seiner kleinen Rolle merkwürdigerweise den deutschen Titel stellen durfte) sieht man Adolfo Celi [→ EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN], der allerdings nicht wirklich viel zu tun hat und daher auch gar nicht viel verpatzen konnte. Noch fataler traf es freilich die weibliche Belegschaft. Zwar sind mit Luciana Paluzzi [→ MONSTER AUS DEM ALL] oder Femi Benussi [→ DIE ZEIT DER GEIER] durchaus talentierte und gern gesehene Gesichter dabei, die hier drehbuchswegen aber gar keine Chance hatten, sich irgendwie darstellerisch zu profilieren, da es rollenbedingt bereits ausreichte, sich möglichst freizügig zu geben. In einer Nebenrolle erkennt man noch Peter Berling, der später neben Helge Schneider in dadaistischen Kleinoden wie PRAXIS DR. HASENBEIN! auf sich aufmerksam machen konnte.

Wirkt DER MAFIABOSS bisweilen auch etwas stottrig, so passt in den entscheidenden Augenblicken dann doch wieder alles: Wenn Canali nach einem harten Schicksalsschlag wutschnaubend eskaliert oder seine (Ex-)Frau und sein Kind versuchen, sich vor den Killern des Paten in Sicherheit zu bringen und an jeder Ecke das Böse zu lauern scheint, dann nagelt einen das in seiner Intensität in den Sitz. Und Showdowns, die auf Autofriedhöfen stattfinden, sind ja generell auch immer großartig. So kommt Leos schweißtreibende Hetzjagd am Ende trotz allem als eindeutiger Sieger ins Ziel. Ein Jahr später widmete sich der Regisseur mit DER TEUFEL FÜHRT REGIE noch ein weiteres Mal dem harten Mobster-Alltag. Da durfte Henry Silva dann auch endlich mal Erfolg bei den Damen haben.

Laufzeit: 85 Min. / FSK: ab 18

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