Eigene Forschungen

Mittwoch, 4. September 2013

NOBLE HOUSE


NOBLE HOUSE
USA 1988

Regie:
Gary Nelson

Darsteller:
Pierce Brosnan,
Deborah Raffin,
John-Rhys-Davies,
Burt Kwouk,
Nancy Kwan,
Damien Thomas,
Tia Carrere,
Denholm Elliott



Inhalt:

Hongkong, Ende der 1980er Jahre: Seit 150 Jahren ist der Handelskonzern Struans & Co., das Noble House, im Geschäft und hat sich in dieser Zeit zum größten und mächtigsten Vertreter unter den East Asia Trading Companies entwickelt. Drei Jahre zuvor hat Ian Struan Dunross (Pierce Brosnan) die Leitung des Konzerns übernommen. Er ist der Tai Pan, der oberste Führer unter den Bossen Hongkongs. Doch nun steht das Noble House vor dem Ruin. Aus den USA sind Linc Bartlett, (Ben Masters), Chef des Par-Con-Konzerns, und seine Geschäftspartnerin Casey Tcholok (Deborah Raffin) angereist, um Handelsbeziehungen nach Hongkong aufzubauen. Bartlett ist es dabei gleichgültig, mit wem er Verträge abschließt, solange dabei ein möglichst großer Gewinn für ihn herausspringt. So trifft er nicht nur mündliche Vereinbarungen mit Struans, sondern knüpft gleichzeitig auch Verbindungen zum schärfsten Konkurrenten des Noble House, dem Konzern des skrupellosen Quillan Gornt (John Rhys-Davies). Gornt verbindet eine Erbfeindschaft mit Struans, und sein einziges Ziel ist es, das Noble House zu vernichten und selbst Tai Pan zu werden. Um dies zu erreichen, startet er gemeinsam mit Bartlett einen Raid auf Struans. Durch großangelegte Leerverkäufe seiner Struans-Aktien treibt er den Börsenkurs des Noble House gnadenlos in den Keller. Als stecke Dunross nicht schon in genügend Schwierigkeiten, wird auch noch John Chen (Steven Vincent Leigh), Sohn des Kompradors des Noble House, entführt. Wie sich herausstellt, hat John in der Vergangenheit heimlich für Par-Con gearbeitet und dabei auch diverse Geschäftsgeheimnisse an Linc Bartlett weitergegeben. Des Weiteren hat John seinem Vater Philip (Burt Kwouk) auch noch die Hälfte einer alten chinesischen Münze gestohlen. Wer immer dem Tai Pan eine solche Halbmünze vorlegt, kann dafür einen wie auch immer gearteten Gefallen einfordern, den der Tai Pan ohne wenn und aber erfüllen muss. In den falschen Händen kann diese Münze das endgültige Aus des Noble House bedeuten...
  
Kritik:

Eines DER TV-Events des Jahres 1980 war die Miniserie SHOGUN mit Richard Chamberlain nach dem gleichnamigen Roman von James Clavell. Der aufwändig produzierte Sechsteiler um einen englischen Navigator, der im 17. Jahrhundert Schiffbruch im feudalen Japan erleidet und schließlich zum Samurai und Vertrauten des Shoguns aufsteigt, war ein echter Straßenfeger und sorgte für Rekord-Einschaltquoten und klingelnde Kassen.
Treibende Kraft hinter dem Projekt war der Produzent und Drehbuchautor Eric Bercovici. Als sich die De Laurentiis Entertainment Group des italienischen Filmmoguls Dino De Laurentiis 1988 anschickte, auch den 1981 erschienenen Clavell-Roman NOBLE HOUSE, eine Fortsetzung seines Bestsellers TAI PAN (1986 ebenfalls von De Laurentiis mit dem Australier Bryan Brown in der Titelrolle fürs Kino adaptiert), als TV-Miniserie für die NBC zu realisieren, machte man Nägel mit Köpfen und holte Bercovici ebenfalls wieder ins Boot.

Nachdem Clavell das Drehbuch für SHOGUN noch selbst verfasst hatte, beschränkte er sich dieses Mal auf die Position des ausführenden Produzenten, während Bercovici die Mammutaufgabe zufiel, den fast 1000 Seiten starken Roman in ein Skript umzuwandeln, welches den Stoff auf vier neunzigminütige Filme aufteilte. Bei SHOGUN waren es noch sechs Teile mit zusammen rund neun Stunden Nettolaufzeit (12 Stunden inklusive Werbeunterbrechungen) gewesen. Dort hatte man also runde drei Stunden mehr Zeit gehabt, um die epische Geschichte um Navigator Blackthorne und Fürst Toranaga in nahezu allen Einzelheiten nachzuerzählen. So wich die Filmversion von SHOGUN im Grunde lediglich durch einige geringfügige Kürzungen von der Buchvorlage ab. Für die sechs Stunden Nettolaufzeit (acht Stunden inklusive Werbeunterbrechungen), die nun für NOBLE HOUSE zur Verfügung standen, bedurfte es wesentlich weitreichenderer Kürzungen und auch einiger sonstiger Veränderungen, um die Ereignisse des Buches an die dramaturgischen Vorgaben einer TV-Miniserie anzupassen.
So verlegt der Film unter anderem die Handlung zunächst aus dem Jahr 1963 in die Gegenwart (und kurioserweise vom Monat August in den November). Dabei ist nicht ganz klar, ob der Film in seinem Entstehungsjahr 1988 angesiedelt ist oder aber geringfügig in der Zukunft. Es wird erwähnt, dass Dirk Struans, der Konzerngründer und erste Tai Pan, den von jedem seiner Nachfolger zu leistenden Schwur 1841 verfasst hat. Struans feiert im Film sein 150-jähriges Bestehen. Ob jedoch die Firmengründung und die Niederschrift des Schwurs durch Dirk Struans im selben Jahr stattgefunden haben oder der erste Tai Pan das Dokument erst später erstellt hat, als er Vorkehrungen für seine Nachfolge traf, bleibt offen. Leider habe ich bisher den Roman TAI PAN auch noch nicht gelesen und kann somit nicht sagen, wie es sich dort darstellt.
Die für den Film notwendigen Handlungskürzungen trafen vor allem jenen Erzählstrang des Romans, in dem es um einen in Hongkong stationierten Spionagering der Sowjets und Dunross' Verwicklung in eben diesen geht. Der Roman geht hier weit in die Tiefe. Dunross ist nach dem Tod eines ihm bekannten Mitarbeiters des britischen Geheimdienstes in den Besitz mehrerer Geheimberichte gelangt, auf die es sowohl der britische als auch der sowjetische Geheimdienst abgesehen haben. Teil der komplizierten Verwicklungen ist auch ein unter dem Decknamen "Arthur" operierender Verräter aus den eigenen Reihen, den es zu enttarnen gilt. Übriggeblieben ist von diesem rund ein Drittel des Buches beanspruchenden Subplot nur mehr der Teil, in dem Ian Dunross, als er die Bank of China um finanzielle Unterstützung gegen die feindliche Übernahme durch Gornt und Par-Con bittet, als Gegenleistung beim Governeur (John Houseman) die Freilassung des als chinesischem Spion enttarnten Polizisten Brian Kwok (Lim Kay Tong) erwirken soll.
Um den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden, wollte man natürlich auch nicht auf eine klassische Liebesgeschichte verzichten. Im Buch ist Ian Dunross glücklicher Ehemann und Vater, was ihn als Objekt der Begierde für andere Frauen außen vor lässt. Die Beziehung zwischen Linc Bartlett und Casey Tcholok hingegen ist ungemein komplizierter. Linc und Casey sind hier nicht nur Geschäftspartner, sondern auch ineinander verliebt. Sie haben jedoch eine Abmachung miteinander geschlossen, dass sie sieben Jahre warten wollen, bevor sie heiraten. So lange, wie es für Casey voraussichtlich dauert, sich ihr "Startgeld", den Grundstock für ein eigenes Vermögen und somit finanzielle Unabhängigkeit, zu erwerben. Die Abmachung schließt auch sexuelle Abstinenz mit ein. Die beiden beschränken ihre Beziehung also aus reinem Pragmatismus auf das Par-Con-Geschäft. Als Quillan Gornt seine ehemalige Geliebte, die schöne Eurasierin Orlanda Ramos (Julia Nickson), auf Bartlett ansetzt, um diesen zu verführen, sich Linc und Orlanda aber dann wirklich Hals über Kopf ineinander verlieben, ist es neben ihrem Misstrauen gegenüber Gornt nicht zuletzt Eifersucht, die Casey dazu bringt, hinter Lincs Rücken einen Deal mit Ian Dunross zu tätigen.
Um das ganze Geflecht zu entwirren und eben eine klassische Liebesgeschichte zu konstruieren, bedient sich Bercovici in seinem Drehbuch eines ebenso simplen wie effektiven Kniffs: Er macht aus Ian einen kinderlosen Witwer und beschränkt die Beziehung zwischen Linc und Casey tatsächlich auf die rein geschäftliche, höchstens freundschaftliche Ebene. Linc verlangt zunächst von Casey, sich nicht zu einer Affäre mit Ian oder sonst einem Mann in Hongkong hinreissen zu lassen, damit sie einen klaren Kopf für die geplante Übernahme des Noble House behält. Als sich Linc dann aber wie schon im Roman in Orlanda verliebt, ist es nicht mehr die Eifersucht, sondern lediglich der Verdacht, Linc werde von Orlanda benutzt, der sie die Initiative in Richtung Struans ergreifen lässt. Und dass Ian Dunross nun Witwer ist, öffnet natürlich Tür und Tor für eben jene Affäre, die Linc zunächst unterbinden wollte.
Des Weiteren erleichterte die Entscheidung, Dunross zum Witwer zu machen, den Film auch gleich um diverse Familienangelegenheiten (insbesondere eine frisch verliebte Tochter), um die sich Dunross im Roman kümmern muss.
Von den unzähligen Nebenfiguren wurden ebenfalls diverse Charaktere entweder gänzlich gestrichen, treten nur noch als "Gastauftritte" in Erscheinung (z. B. der Gouverneur) oder es wurden mehrere Figuren zu einer einzigen zusammengefasst. So hat man z. B. den Schriftsteller Marlowe (im Grunde ein Alter Ego von James Clavell), der im Buch als Lieferant von Hintergrundinformationen zu diversen anderen Figuren fungiert, mit dem Zeitungsverleger Christian Toxe (Leon Lissek) verschmolzen.
Abgesehen von eben diesen Änderungen hält sich der Film aber doch weitgehend an die Vorlage und schafft es zu jeder Zeit, den Kern und die Stimmung des Buchen punktgenau zu treffen. Bercovici ist es tatsächlich gelungen, aus dem verschachtelten Handlungsgeflecht der Vorlage eine stringente, auf das Wesentliche konzentrierte Geschichte zu extrahieren, die über alle vier Teile hinweg einen gelungenen Spannungsbogen entwickelt. Vor allem schafft es der Film, die notwendigen Teile der Hintergrundgeschichte über den ersten Tai Pan und die Entstehung und Geschichte des Noble House gut und verständlich in die Dialogszenen einfließen zu lassen. Diese Informationen sind nämlich selbst bei Lektüre des Buches eine sehr komplexe und zum Teil verwirrende Angelegenheit (zumindest dann, wenn man das Buch TAI PAN nicht kennt).
Die Geschichte des Buches basiert laut Internet Movie Data Base übrigens auf wahren Begebenheiten, die sich in den 1960er Jahren in einem Zeitraum von sieben Jahren (im Buch verdichtet auf sieben Tagen) um den 1832 gegründeten (und noch heute existenten) Handelskonzern Jardine Matheson zugetragen haben sollen.

Gedreht wurde NOBLE HOUSE weitgehend vor Ort in Hongkong. Nur einige Innenaufnahmen fanden in Studiosets in den USA statt. Die ausschweifende Nutzung der exotischen Szenerie Hongkong verleiht der Produktion nicht nur eine sehr authentische Atmosphäre, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Grandesse. Ebenso, wie schon SHOGUN acht Jahre zuvor durch die Dreharbeiten in Japan einen wahren Augenschmaus für das TV-Publikum darstellte, sieht auch NOBLE HOUSE zu jeder Minute sehr edel und hochwertig produziert aus, was dem Unterhaltungswert extrem zugute kommt.

Für die Besetzung der trotz der Kürzungen immer noch sehr zahlreichen Charaktere konnten durchweg hochkarätige und namhafte Darsteller verpflichtet werden, wobei man auf einige Mimen zurückgriff, die auch schon SHOGUN mit ihrem Talent veredelt hatten.
Die Hauptrolle des Ian Dunross ging an den Iren Pierce Brosnan, der damals bereits durch seine Hauptrolle in der TV-Serie REMINGTON STEELE zu Weltruhm gelangt war und ab 1995 als insgesamt fünfter Darsteller in die Rolle des legendären britischen Geheimagenten James Bond schlüpfen sollte. Brosnan verkörpert Ian Dunross präzise wie ein Uhrwerk mit exakt der richtigen Mischung aus oberflächlicher Rücksichtslosigkeit, die er als Geschäftsmann an den Tag legen muss, unterschwellig brodelnder Sorge um die Zukunft des Struans-Konzerns, weltmännischer Gelassenheit, verführerischer Männlichkeit und spitzbübischem Charme.
Ihm zur Seite steht die Amerikanerin Deborah Raffin als Casey Tcholok. Neben zahlreichen TV-Rollen vor der Kamera war Raffin auch als Produzentin und Regisseurin tätig. Im Kino war sie unter anderem 1985 in DEATH WISH 3 an der Seite von Charles Bronson und 1991 in SCANNERS II zu sehen. Leider erlag sie am 21. November 2012 im Alter von gerade einmal 59 Jahren einer Leukämieerkrankung. Raffin kann in ihrer Rolle durch eine gesunde Balance aus Clevernis, Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit überzeugen und besitzt dank ihrer leicht kantigen Gesichtszüge auch rein äußerlich die notwendigen Attribute, um mehr als nur hübsches Love-Interest zu sein.
Für die Rolle des Linc Bartlett konnte Ben Masters gewonnen werden. Der charismatische Blondschopf erlangte später weitreichende Bekanntheit als Julian Crane in der langlebigen Seifenoper PASSIONS und gibt den amerikanischen Self-made-Man ebenso geradlinig erfolgsorientiert wie jovial angeberisch mit einer Spur trockenem Humor. Dunross und Bartlett sind im Buch wie im Film Kontrahenten auf Augenhöhe, und dieses Level hält auch Masters ohne Schwierigkeiten.
Als Quillan Gornt gibt es für Clavell-Fans ein Wiedersehen mit SHOGUN-Veteran John Rhys-Davies. War sein Vasco Rodrigues im SHOGUN noch ein zwar mit allen Wassern gewaschener, aber im Grunde herzensguter und vor allem loyaler Mann, so spielt der schwergewichtige Brite, der zuvor schon mit Indiana Jones die verschollene Bundeslade und mit Allan Quatermain den Schatz der Könige hatte suchen dürfen, bevor er sich Jahre später als resoluter Zwerg Gimli durch Mittelerde in Richtung Schicksalsberg aufmachte, seinen Quillan Gornt hier als Ekelpaket, dem man gleichzeitig die Pest an den Hals und eine Versöhnung mit Ian Dunross und Struans wünscht. John Rhys-Davies' Karriere ist so umfangreich wie qualitativ schwankend, aber selbst in den größten Mist bringt sein Gesicht immer noch zumindest einen Hauch Klasse. Der Mann hat sein Handwerk einfach drauf.
Ebenfalls bereits bei SHOGUN dabei waren der in Ägypten geborene Damien Thomas und der Australier Leon Lissek, die in NOBLE HOUSE erneut in kleinen aber feinen Gastrollen glänzen dürfen. Thomas hatte in SHOGUN die ambivalente Rolle des Jesuiten Father Alvito verkörpert und spielt hier Struans Geschäftspartner Lando Mata, während Lissek 1980 als Jesuitenpater Sebastio eine eher unsympatische Figur verkörperte und hier den Zeitunsverleger Christian Toxe gibt. Lissek und Brosnan waren übrigens beim NOBLE HOUSE-Dreh bereits alte Bekannte, denn Lissek hatte 1984 einen Gastauftritt in REMINGTON STEELE.
Erstmals, aber nicht letztmals vor der Kamera stand Brosnan mit der wunderschönen, in Singapur geborenen Julia Nickson. Nickson, deren bekannteste Rolle wohl immer noch die der Vietnamesin Co in RAMBO II sein dürfte, spielte in der 1989 entstandenen dreiteiligen TV-Miniserie AROUND THE WORLD IN 80 DAYS, einer ziemlich freien Adaption der Jules-Vernschen Vorlage mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle des Phileas Fogg, die Prinzessin Aouda. In NOBLE HOUSE spielt Nickson Linc Bartletts Geliebte Orlanda Ramos. Nicksons Darstellung wirkt zuweilen ein wenig hölzern, was aber durchaus zu Orlandas zerbrechlichem Charakter passt.
Auch der Rest der Besetzung, ob nun Burt Kwouk, den die Meisten sicherlich als Inspektor Clouseaus treuen Diener Cato aus den PINK PANTHER-Filmen mit Peter Sellers kennen, als Komprador Philip Chen, Gordon Jackson als pflichtbewusster Superintendant Armstrong, Lim Kay Tong als enttarnter Spion Brian Kwok oder die blutjunge Tia Carrere als schnippische Geliebte Venus Poon des von Khigh Dhiegh überzeugend hinterhältig verkörperten Piraten Four Finger Wu: Sie alle sind eine Bereicherung für den Cast und tragen als Ensemble einen Großteil zum Gelingen der Serie bei. Sie alle zu nennen oder gar zu besprechen, würde zu weit führen.
Lediglich ein einziger Wehrmutstropfen fällt bei der Besetzung auf: Obwohl Hongkong bekanntlich eine der emsigsten Filmindustrien dieses Planeten beherrbergt, taucht in der gesamten Serie kein einziger bekannter Hongkonger Schauspieler auf. Hatte man in SHOGUN die Rollen der Japaner noch durchgehend auch mit bekannten japanischen Darstellergrößen wie Mifune Toshiro besetzt, so sucht man hier bekannte Gesichter des chinesischen Films vergebens. Man "importierte" stattdessen sämtliche asiatischen Darsteller aus den USA. Dies mag aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass man sich im Gegensatz zu SHOGUN, wo die Japaner auch auschließlich japanisch sprachen und man sich des dramaturgischen Mittels der Übersetzung durch Dolmetscher bediente, bei NOBLE HOUSE dazu entschied, alle Figuren durchgehend Englisch sprechen zu lassen und die Sprachbariere gänzlich zu ignorieren.

Regisseur Gary Nelson war 1988 bereits ein alter Hase im Regiestuhl. Seit 1962 hat er hunderte von Serienepisoden und diverse Fernsehfilme inszeniert, unter anderem 1977 die von Kritik und Publikum hochgelobte Miniserie WASHINGTON: BEHIND CLOSED DOORS, einer fiktiven Aufarbeitung der Nixon-Ära. 1986 durfte er für Cannon Film dann den zweiten und letzten Teil der Quatermain-Reihe ALLAN QUATERMAIN AND THE LOST CITY OF GOLD verzapfen. Diese Trashgranate könnte man durchaus als Leiche im Keller bezeichnen, aber immerhin schenkte er damit der Filmgeschichte Henry Silva als durchgeknallten Hohepriester im Woodstock-Gedächtnis-Look. Auch eine Leistung. Bei NOBLE HOUSE liefert Nelson eine ordentliche Arbeit ab. Zwar fällt die Inszenierung zu keiner Zeit durch besondere Raffinesse, dafür aber durchgehend durch Sorgfalt auf. Nelsons Regie verliert sich nie in der pittoresken Stadtkulisse Hongkongs, sondern nutzt sie geschickt zur Etablierung der Schauplätze, an denen sich das Geschehen abspielt. Die Dialogszenen hat Nelson dabei immer gut im Griff, aber auch die wenigen Actionszenen (unter anderem ein Brand auf einem Restaurantschiff und ein zusammenstürzendes Hochhaus) sind packend in Szene gesetzt. Lediglich ab und zu wirkt das Geschehen, wohl auch bedingt durch die Beschränkungen des Mediums Fernsehen, ein klein wenig behäbig, aber das ist zu verschmerzen.

NOBLE HOUSE ist TV-Unterhaltung der klassischen Art, aus einer Zeit, in der die ganze Familie abends noch gemeinsam vor der Flimmerkiste hockte und gebannt dem großen Fernsehereignis entgegenfieberte. Drehbuchautor und Produzent Eric Bercovici und Regisseur Gary Nelson ist eine saubere und hochwertige Adaption des Romans von James Clavell gelungen, die Kenner wie Nichtkenner der Vorlage gleichermaßen zufriedenstellen dürfte. Hochkarätig besetzt, solide inszeniert und mit einer Priese Exotik durch den (damals für das westliche Publikum abseits der Eastern- und Actionsaficionados noch recht ungewohnten) Drehort Hongkong bekommt man sechs Stunden spannende, (melo-)dramatische und romantische Unterhaltung, die zwar stellenweise ein klein wenig behäbig wirkt, aber garantiert nie langweilt. Eine tolle Miniserie zum immer wieder Ansehen.

Nachdem NOBLE HOUSE lange Zeit nur als qualitativ recht minderwertige australische DVD zu haben war, gibt es seit einigen Jahren dank Lionsgate Entertainment sowohl in den USA als auch bei uns in Deutschland bildqualitativ sehr gute DVD-Ausgaben. Die deutsche DVD erschien bei Kinowelt/StudioCanal. Lionsgate hat hierfür das originale 35mm-Filmmaterial neu abtasten lassen. Hierbei entschied man sich allerdings statt für einen Transfer im Original-Bildformat von 1,33:1 dafür, eine anamorphe Widescreenfassung im Format 1,66:1 zu erstellen. Hierfür wurde das Vollbild-Format oben und unten leicht abgemattet, wodurch Bildinformationen verloren gehen. Außer im Vorspann, wo der obere Rand der Münzen, in denen die Köpfe der Hauptdarsteller zu sehen sind, abgeschnitten werden, fällt dies jedoch zu keiner Zeit negativ auf.

Präsentiert werden die vier Teile jeweils als Doppel-DVD mit zwei Teilen auf einer Scheibe. Die US-DVD bietet englischen Ton in DD-2.0-Mono sowie englische Untertitel und Closed Captions für Hörgeschädigte. Extras sind keine vorhanden. Zudem sind die Discs im Regionalcode 1 codiert. Verpackt ist das Ganze in einem Keep-Case mit O-Ring aus Pappe. Die deutsche Kinowelt-Scheibe bietet neben der deutschen Synchronspur ebenfalls den englischen Ton (beide ebenfalls in DD-2.0-Mono) sowie deutsche Untertitel. Als Extras sind lediglich eine Bildergalerie und Werbetrailer zu weiteren Kinowelt-Titeln enthalten. Wie bei Kinowelt üblich, wird ein Wendecover für FSK-Flatschen-Allergiker geboten.

Laufzeit: 355 Min. / Freigabe: ab 12

Dienstag, 3. September 2013

LONE WOLF - THE SAMURAI AVENGER



SAMURAI AVENGER – THE BLIND WOLF
USA 2009

Regie:
Kurando Mitsutake

Darsteller:
Kurando Mitsutake,
Domiziano Arcangeli,
Jeffrey James Lippold,
Megan Hallin,
Kyle O. Ingleman,
Loren Lutcher,
Mariko Denda,
Aki Hiro



„Traue niemals einem Lügner.“


Inhalt:

‚Blind Wolf‘ nennt sich der blinde Samurai [Kurando Mitsutake], der scheinbar ziellos durch die Gegend zieht. Keiner ahnt etwas von seiner grauenhaften Vergangenheit: Einst führte er ein beschauliches Leben mit Frau und Kind. Doch als er auf den psychopathischen Gewaltverbrecher Nathan Flesher [Domiziano Arcangeli] traf, fand dieses ein jähes Ende: Flesher vergewaltigte und tötete seine Frau und zwang ihn anschließend, sich selbst zu blenden, um wenigstens seiner Tochter noch das Leben zu retten. Unter höllischen Schmerzen stach sich der Mann die Augen aus. Doch der sadistische Gesetzlose tötete das Mädchen dennoch und jagte ihm anschließend drei Kugeln in den Leib. Aber der Mann überlebte. Nach einer langen Zeit der Genesung lässt er sich von einem Mönch zum Kämpfer ausbilden. Sein Ziel ist die Rache, sein Mittel das Schwert. Doch Flesher hat bereits Lunte gerochen und denkt gar nicht darin, sich kampflos umbringen zu lassen. So heuert er eine skurrille Killertruppe an, um Blind Wolf den Garaus zu machen.

Kritik:

Keine Frage: Kurando Mitsutake hat seine Hausaufgaben gemacht! Der von dem filmverliebten Japaner als Autor, Produzent und Regisseur in Personalunion gestemmte Grindhouse-Hybrid LONE WOLF (der im Original, wie seine Titelfigur, eigentlich BLIND WOLF heißt) ist eine feurige Ehrerbietung an die spekulativen Klassiker des Bahnhofskinos der 60er und 70er Jahre. Vom japanischen Samuraifilm über den italienischen Spaghetti-Western bis hin zum chinesischen Kung-Fu-Epos verwurstet sein quietschfideler Genre-Bastard auf spielerische Art und Weise die verschiedensten Einflüsse zu einem handwerklich sauberen Independent-Spektakel, das in weiten Teilen, obwohl ohne große Studiogelder realisiert, sowohl technisch als auch optisch überzeugen kann.

Dafür griff Mitsutake auf ein spätestens seit Robert Rodriguez’ PLANET TERROR und Quentin Tarantinos DEATH PROOF etabliertes Stilmittel zurück und trimmte das Bild mittels Farbfilter absichtlich auf alt und verschmutzt, um es im Anschluss mit scheinbaren (in Wahrheit natürlich gewollten) Schnittstellen, Tonsprüngen und Brandlöchern zu überziehen. Dieses sorgt beim Betrachter nicht nur für wohlige Nostalgiegefühle, sondern dient zugleich auch der gekonnten Kaschierung des schmalen Budgets. Dermaßen zielgerichtet zauberte man dann auch so manch nette Idee aus dem Hut: Bereits zu Beginn weist eine vorgeschaltete Texttafel darauf hin, dass es sich bei der vorliegenden Kopie um eine angeblich rekonstruierte Fassung handele, in welche ehemals geschnittene Gewaltszenen nachträglich wieder eingefügt wurden. Tatsächlich verschlechtert sich dann im weiteren Verlauf bei allzu rabiaten Momenten, von einleitenden Tonaussetzern begleitet, auffallend die Bildqualität. Selbstverständlich ist das lediglich ein Jux und steht beispielhaft für das permanente Augenzwinkern, mit welchem die Geschichte hier an den Mann gebracht wird. 
Eher unvergnüglich gestaltet sich hingegen die Tatsache, dass es hauptsächlich gerade diese Szenen waren, die aus der deutschen Fassung schließlich aus Gründen des Jugendschutzes herausgeschnitten wurden. Mal abgesehen von der Tatsache, dass eine dermaßen überspitzte Comic-Gewalt wahrlich niemanden sozialethisch desorientiert hätte, ist es charakterisierend, dass die Satire an dieser Stelle von der Realität eingeholt wurde. Eine unangetastete deutsche Sprachfassung ist lediglich im Ausland verfügbar.

Da sich LONE WOLF grundsätzlich der gleichen Vorlagen bediente wie bereits KILL BILL, liegt ein Vergleich beider Werke zunächst nahe. Nun ist Kurando Mitsutake allerdings kein Quentin Tarantino, welcher sich zwar ebenfalls ausgiebigst an früheren Vorlagen bediente, dem es als brillanter Geschichtenerzähler jedoch auch immer wieder gelang, aus den geräuberten Elementen etwas ganz Eigenes zu erschaffen. LONE WOLF hingegen krankt an einem denkbar schwachen Drehbuch, dem letztendlich nicht viel mehr einfiel, als seine Titelfigur so lang in der Gegend herumwandern zu lassen, bis sie auf ihren nächsten Gegner trifft – ein Konzept, welches nicht gerade durch übermäßige Raffinesse besticht und recht schnell zu Abnutzungserscheinungen führt. Auch die Macher schienen das bemerkt zu haben, weshalb sie die inhaltlich simple Nummernrevue mit einer Vielzahl an bizarren Gestalten bevölkerten. So stellt sich dem 'Samurai Avenger' nicht nur eine barbusige Hypnosefrau in den Weg, sondern er muss sich auch gegen ein zotteliges Johannes-Heesters-Double erwehren, das mitsamt Krückstock zum Angriff übergeht, sich mit einer Hochschwangeren duellieren, die noch während des Kampfes ihr Kind zur Welt bringt, um schließlich auf einen Haufen garstiger Hexen zu treffen, bevor auch noch eine Horde Zombies ums Eck getaumelt kommt.

Ein deftiges Süppchen rührte Mitsutake hier also zusammen, mit allem drin, was in irgendeiner Weise Freude bereiten könnte. Das Blut fließt dabei in Strömen und sprudelt mit Überdruck aus dem menschlichen Körper, Augäpfel werden zerdrückt, abgetrennte Gliedmaßen stapeln sich in der Landschaft und herausquellende Gedärme werden zurückgeschaufelt in den offenen Leib. Die überwiegend handgefertigten, teilweise auch mit Computeranimation aufgemotzten Effekte sind dabei allerdings auf Anhieb als irreale Faschingsattraktion erkennbar, während die cartoonesken Übertreibungen ihr Übriges tun, um den Grausamkeiten ihren Schrecken zu nehmen.

Eher schwach gerieten die darstellerischen Leistungen: Mitsutake hat es sich nicht nehmen lassen, neben seiner Funktion als Autor, Produzent und Regisseur auch noch die Hauptrolle zu spielen und wirkt vor allem in Momenten, in welchen er Wut, Verzweiflung oder Trauer rüberbringen möchte, leicht überfordert. Und auch seine spätere Coolness erscheint eher aufgesetzt als überzeugend. Da er sich einen Großteil der Zeit jedoch ohnehin unter seinem riesigen Hut versteckt, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht. Domiziano Arcangeli als sein Kontrahent Nathan Flesher wirkt wie Christian Ullmen auf Speed und legt einen völlig übertriebenen Charakter aufs Parkett. Das geht zwar mit dem exzessiven Stil LONE WOLFs durchaus konform, doch hätte man dem Avenger eher einen würdigeren Gegner gewünscht als einen albernen Hampelmann.

Den Eindruck, lediglich ein besserer Amateurfilm zu sein, kann LONE WOLF zudem trotz allem niemals vollkommen abstreifen, fehlt es doch hier und dort schon mal ein wenig an Professionalität. So wirken die zahlreichen Schwertkampfduelle bisweilen etwas unbeholfen inszeniert, und der auf cool getrimmte Moment des Zurückschiebens des Schwertes in die Scheide wird arg überstrapaziert. Auch die Dialoge hätten insgesamt gern etwas pfiffiger sein dürfen. Dennoch geriet Mitsutakes Werk für eingefleischte Exploitation-Freunde zu einer durchaus brauchbaren Zerstreuung. Kann der japanische Regisseur seinem Kollegen Tarantino künstlerisch auch nicht das Wasser reichen, die Liebe zu den Vorlagen spürt man bei ihm ebenso. So können sich Genre-Kenner hier ihre Zeit bestens mit dem Erkennen von Zitaten vertreiben. Das beginnt bereits bei der Hauptfigur, welche eine ziemlich unverhohlene Mixtur aus dem blinden Samurai 'Zatoichi', welcher es zwischen 1962 und 2003 auf satte 27 Kinoeinsätze brachte, und 'Itto Ogami' aus der kaum minder bekannten OKAMI-Reihe darstellt, auf welche der umgestaltete deutsche Titel noch deutlicher Bezug nimmt als der originale (immerhin ist OKAMI auch als LONE WOLF & CUB bekannt). Dean Harada spendierte dem blutigen Geschehen dann noch einen vom Italo-Western inspirierten Soundtrack, der sich, dank E-Gitarre & Co., als leicht modernisierte Form klassischer Melodien präsentiert und geschmeidig ins Ohr geht. Die deutsche Synchronisation hingegen geriet eher durchschnittlich, lässt besonders in den Nebenrollen die nötige Leidenschaft vermissen, während die tiefe Stimme Tilo Schmitz’ in der Hauptrolle etwas zu klischeehaft besetzt wurde. 

‚Sushi-Western‘ nannte Mitsutake seine wilde Mixtur aus Akira Kurosawa, Sergio Leone und Chang Cheh, was eine doch sehr treffende Beschreibung darstellt. Aufgelockert mit ein paar augenzwinkernden Lektionen über den Bushidō, den Ehrenkodex der Samurai, sowie der Demonstration verschiedener Schwertkampf- und Harakiritechniken, dazu angereichert mit etwas nackter Haut und einigen Motiven des Horrorfilms, bietet LONE WOLF einen liebenswert-spaßigen Blutverlust im Wüstensand. Von Genialität zwar weit entfernt, doch mit dem Herzen am rechten Fleck, lohnt sich die Reise des blinden Samurais somit für jeden, der gern im Grind haust.


Laufzeit: 92 Min. / Freigabe: ungeprüft

Montag, 2. September 2013

WESTERN JACK


UN UOMO, UN CAVALLO, UNA PISTOLA
Italien, BRD 1967

Regie:
Luigi Vanzi

Darsteller:
Tony Anthony,
Daniele Vargas,
Ettore Manni,
Marina Berti,
Marco Guglielmi,
Dan Vadis,
Jill Banner,
Raf Baldassarre



„Wir werden in Moon Village heute Nacht ein bisschen Hölle spielen.“


Inhalt:

'En Plein' [Dan Vadis] ist einer der skrupellosesten Verbrecher Mexikos, der auf seiner Jagd nach Reichtum andere Menschen ohne zu zögern über die Klinge springen lässt. Sein neuester Coup soll der Raub einer mit Gold beladenen Postkutsche werden. Der Postinspektor dient ihm bei diesem Vorhaben als Informant. Doch kaum hat dieser seine Schuldigkeit getan, bekommt er auch schon eine Kugel verpasst. 'En Plein' und seiner Bande gelingt die Übernahme der Kutsche danach quasi im Handumdrehen, freilich jedoch nicht ohne weitere Verluste unschuldiger Menschenleben. Doch die Halunken können ihren Erfolg nicht allzu lang genießen: Ein fremder Revolverheld [Tony Anthony] findet des Postinspektors Leiche und setzt sich mit dessen Papieren ausgestattet auf die blutige Spur der Schurkenbande. Diese haben es demzufolge plötzlich nicht nur mit Verrat in den eigenen Reihen zu tun, sondern auch mit dem schweigsamen Fremden, welcher ebenfalls ein Stück vom Kuchen abbekommen möchte.

Kritik:

Nachdem Tony Anthony in EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN als namenloser Revolverheld eine Bande skrupelloser Banditen um ihr Leben und ihr geraubtes Gold erleichtert hatte, verging gerade mal ein einziges Jahr, bis der schweigsame Pistolero ein weiteres Mal über die Leinwand reiten durfte. Im Gegensatz zum staubtrockenen Vorgänger wandelte man dieses Mal hingegen auf deutlich ironischeren Pfaden und tauschte die triste Kargheit des Originals gegen ein vergnügtes Augenzwinkern. Bereits die Anfangssequenz geriet erfrischend verschroben: Da reitet der ‚Fremde‘ mit adrettem rosafarbenem Sonnenschirmchen ins Bild, legt sich dann entspannt ins Gras und beginnt leicht grobmotorisch und mit kümmerlichem Ergebnis, sich eine Kippe zu drehen, während sein Gaul in der Zwischenzeit für ihn auf die Jagd geht.

Bereits diese Eröffnung bietet schon mehr Witz als Teil 1 während seiner gesamten Laufzeit und karikiert auf neckische Art und Weise das Image vom ‚harten Mann‘, das sich zu dieser Zeit bereits fest im Genre etabliert hatte. Und humorvoll geht es auch weiter, wenn der Fremde auf zwei Banditen trifft, die ihn aufgrund seiner schrulligen Art natürlich grob unterschätzen. Mit vorgehaltener Waffe zwingen sie ihn, ein Grab für den von ihnen getöteten Post-Inspektor zu schaufeln. Nach verrichteter Arbeit soll der Fremde nun auch ein zweites Grab für sich selbst ausheben. Nach kurzem Zögern beginnt er mit verhaltenem Schmunzeln mit dessen Vermessung. „Scheint etwas zu groß“, bemerkt einer der Banditen. „Ich denke, es passt“, antwortet der Fremde mit abschätzendem Blick auf den etwas korpulenteren Körperumfang seines Gegenübers. Solche, mit hintergründigem schwarzen Humor gespickte Szenen bietet WESTERN JACK reichlich, so dass des Fremden zweiter Ritt dann auch deutlich mehr Laune bereitet als seine zwar sehr gelungene, doch noch etwas spröde Erstvorstellung. Auf gewisse Art und Weise steht WESTERN JACK damit abermals in der Tradition von Sergio Leones DOLLAR-Trilogie, war doch auch dort der zweite Teil wesentlich ironischer konzipiert als sein spartanischer Vorgänger. Inhaltlich hingegen löste man sich dieses Mal vom einstigen Vorbild und ging stattdessen eigene Wege. Im Ergebnis ist das Ganze freilich dennoch nicht mehr, als eine erneute Variation der üblichen Genre-Versatzstücke und im Prinzip lediglich eine rustikale Aufbrezelung der Ereignisse des ersten Teils. Es geht mal wieder um Habgier, Verrat und die Verkommenheit der menschlichen Natur.

Der Fremde ist dabei (zumindest in der deutschen Fassung) so wortkarg gar nicht mehr und kommentiert die Ereignisse immer mal wieder mit locker-flockigem Spruchgut. Tony Anthony, im Erstling durch das enge Korsett des Clint Eastwood-Imitats noch ziemlich eingeschränkt, agiert dazu auffallend souveräner und gibt sich als argloser Herumtreiber, der mit seiner leicht schrägen Art seine Gegner immer wieder zu täuschen versteht, so dass sie sich seiner Gefährlichkeit erst dann bewusst werden, wenn es bereits zu spät für sie ist. Drolligerweise erinnert Tony Anthony hier nun auch weniger an Clint Eastwood, sondern in vielen Momenten sowohl von der Optik als auch vom Gebaren her an Paul Hogan im gut 20 Jahre später entstandenen CROCODILE DUNDEE. Auf böser Seite erlebt man dieses Mal Dan Vadis [→ BRONCO BILLY] als eiskalten Anführer einer wahrlich widerlichen Schurkenbrut. Dabei fasste man die kluge Entscheidung, sein 'En Plain' nicht einfach zu einem simplen Abziehbild von Frank Wolffs Rolle aus dem Vorgänger verkommen zu lassen, sondern ließ ihn etwas intelligenter wirken, beherrschter und nachdenklicher. In Sachen Bosheit jedoch macht man ihm ebenfalls kaum etwas vor: Als ihm eine hübsche Indianerin vor die Augen läuft, gerade friedlich die Wäsche aufhängend, beginnt er mit gezieltem Schuss, die Träger ihres Kleides zu entfernen. Als ihr Vater erzürnt herbeieilt („20 Banditen gegen ein Mädchen! Welch Haufen tapferer Männer!“), wird er von dem Unhold, nach einem aufgezwungenen ungleichen Duell, ohne mit der Wimper zu zucken über den Jordan geschickt.

Mag der Humorpegel also auch grundsätzlich gestiegen sein, geht es bisweilen dennoch erneut ziemlich hart zur Sache. Auch der Fremde muss abermals ordentlich einstecken, wenn einer der Fieslinge immer wieder versucht, ihn mit der Postkutsche zu überfahren, während er sich, geschlagen und geschunden bereits am Boden liegend, immer wieder mühsam zur Seite rollen muss, um nicht unter die Räder zu geraten. Der Versuch, sich seiner Fesseln dabei mithilfe einer Glasscherbe zu entledigen, führt dann zu einem unerfreulich blutigen Ergebnis an den Handflächen. Doch insgesamt ist der Fremde seinen Widersachern natürlich wieder glasklar überlegen und teilt ebenfalls tüchtig aus. Unterstützung erhält er dabei von einem älteren Wanderprediger [Marco Guglielmi (→ WARUM MUSSTE STAATSANWALT TRAINI STERBEN?)], welcher immer wieder seinen Weg kreuzt – eine zunächst nur schwierig einzuschätzende Figur und fast ein wenig surreal wirkend, wenn sie immer wieder wie aus dem Nichts auftaucht, um mitten in diesem ungastlichen Szenario aus Blut und Blei die Botschaft der Bibel zu verkünden. Nach mehreren leicht philosophisch angehauchten Wortwechseln, stattet er den Fremden schließlich mit einer mächtigen, vierläufigen Schrotflinte aus, welche in der heiligen Schrift bestimmt keine Erwähnung findet. Dermaßen ausgerüstet putzt der Namenlose die bösen Jungs nun reihenweise von der Platte, was für Freunde pulvergeschwängerter Italo-Western-Kost ein wahres Festmahl bedeutet.

Apropos Festmahl: Im Finale kommt es zu einer der im wahrsten Sinne des Wortes köstlichsten Szenen, als einer der Banditen [Mario Novelli (→ DJANGO, DER RÄCHER)] auf der Suche nach einem geeigneten Versteck durch ein Haus schleicht und dabei einen reich gedeckten Tisch vorfindet. Dermaßen angefixt, beginnt der gar hungrige Geselle erst einmal, nach Herzenslust zu schlemmen und scheint ob dieser Gratisverköstigung alles um sich herum vergessen zu haben. Zur Besinnung kommt er erst dann wieder, als sich der Fremde mit geladener Waffe zu ihm an den Tisch setzt. Anstatt seinen erschrockenen Kontrahenten jedoch auf Anhieb über den Haufen zu schießen, bedient er sich selbst erst einmal und liefert sich ein kleines Fressduell mit seinem nun wild kichernden Widerpart. Dass dieser im Anschluss trotzdem nie wieder Hunger zu leiden braucht, sollte keine Überraschung sein. Kauzige Szenen wie diese sind es, die WESTERN JACK aus der Masse herausstechen lassen. Dass die Handlung dabei nicht sonderlich originell und in ihrer Entwicklung arg absehbar ist, tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Luigi Vanzi [→ DER SCHRECKEN VON KUNG FU] inszenierte gekonnt und mit Sinn für Timing und dreckige Atmosphäre. Die musikalische Untermalung dazu stammt dieses Mal von Stelvio Cipriani [→ DAS SYNDIKAT], dessen Melodien etwas epischer und abwechslungsreicher, gleichzeitig aber auch weniger einprägsam gerieten als die des Vorgängers.

Der deutsche Titel ist natürlich ein Produkt geradezu sträflicher Einfallslosigkeit, zumal die Hauptfigur auch hier namenlos bleibt (drolligerweise wird einmal eine Nebenfigur mit ‚Jack‘ angeredet, doch es ist nicht zu vermuten, dass diese der ominöse 'Western Jack' sein soll). Bezüge zum Vorgänger wurden vom deutschen Verleih (absichtlich?) vermieden, zumindest lässt der Titel keine Verwandtschaft mehr erkennen und die Titelfigur bekam auch eine neue Synchronstimme verpasst. Wirklich schlimm ist das freilich nicht, Luigi Vanzis zweiter Streich funktioniert auch losgelöst vom Erstling prächtig. Denn ob nun mit oder ohne Vorwissen: WESTERN JACK ist ein astreiner Beitrag zum Genre des Spaghetti-Westerns, der sich auf seinem unverdrossenen Weg zum bleihaltigen Finale weder sinnlose Schnörkel, noch unnötige Verzierungen erlaubt. UN UOMO, UN CAVALLO, UNA PISTOLA heißt das Ganze aufs Notwendigste reduziert dann auch im Original – ein Mann, ein Pferd, eine Pistole. Den Sonnenschirm hat man vergessen.


Laufzeit: 91 Min. / Freigabe: ab 16

Freitag, 30. August 2013

EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN


UN DOLLARO TRA I DENTI
Italien 1966

Regie:
Luigi Vanzi

Darsteller:
Tony Anthony,
Frank Wolff,
Gia Sandri,
Raf Baldassarre,
Jolanda Modio,
Aldo Berti,
Enrico Cappellini,
Arturo Corso



„Was für ein Mann bin ich?“


Inhalt:

Ein Fremder [Tony Anthony] reitet in das karge Städtchen Cerro Gordo. Dort wird er Zeuge, wie die Schurkenbande unter der Führung des gefürchteten Gesetzlosen Aguilar [Frank Wolff] ein ganzes Bataillon mexikanischer Soldaten auslöscht. Der Grund: Aguilar und seine Männer wollen sich selbst als die Armeebediensteten ausgeben. Abgesandte der amerikanischen Kavallerie sind nämlich auf dem Weg, um dem mexikanischen Militär zwei Säcke voller Gold auszuhändigen. Der Fremde errät den Plan und klinkt sich in das Unternehmen ein. Doch als er seinen Anteil verlangt, ist es mit der Gastfreundschaft Aguilars zu Ende: Lediglich eine Dollarmünze überlässt er ihm als Belohnung, bevor er ihn brutal zusammenschlagen lässt. Doch der Fremde kann entkommen und hat jetzt nur noch ein einziges Ziel: das gesamte Gold ...

Kritik:

Das kleine Wörtchen 'Dollar' im Titel ist kein Zufall: EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN erinnert von Thema, Atmosphäre und Schauplatz her doch auffallend an den damals erst zwei Jahre zurückliegenden Sensationserfolg FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, welcher Kinogeschichte schrieb und das Bild des Italo-Westerns entscheidend mitprägte. Hier wie dort reitet ein namenloser Fremder in ein kleines Western-Kaff, spricht kaum ein Wort, legt sich mit einer Schurkenbande an und erweist sich im Schusswechsel als unbezwingbar, um am Ende schließlich als Sieger wieder aus der Stadt zu reiten. Nur heißt der fremde Pistolero hier nicht etwa Clint Eastwood, sondern Tony Anthony. Dieser besitzt zwar einen ähnlichen Poncho wie sein großes Vorbild, aber bei weitem nicht dessen Coolness. Dabei gibt sich Anthony durchaus Mühe, es dem Original bestmöglich nachzueifern: Nicht nur sein Kleidungsstil, auch die verkniffene Miene und die Einsilbigkeit gehören zu den eindeutig kopierten Mechanismen des 'Fremden'. Die deutsche Fassung setzte dem Imitat dann noch die Krone auf, indem sie ihm gar dieselbe Synchronstimme verpasste. Doch im Vergleich zu Eastwood wirkt Anthony doch immer etwas zu schwachbrüstig, um ihm seine Überlegenheit so ohne weiteres abzukaufen. Wenn er die bösen Buben niederschlägt, dann befürchtet man im ersten Augenblick eher, er habe sich dabei die Hand gebrochen, als dass man tatsächlich erwarten würde, dass die Getroffenen betäubt zu Boden sinken.

Auch inhaltlich wandelt A STRANGER IN TOWN (englischer Titel) auf wohlbekannten Pfaden. Bereits nach wenigen Minuten sind die Seiten klar abgesteckt: Auf der einen die Bösen in Gestalt der verkleideten Schurkenbande Aguilars, auf der anderen der Gute (oder besser gesagt: der etwas weniger Böse, immerhin ist dies ein Italo-Western) in der Gestalt Tony Anthonys, der seinen Gegnern zumindest intellektuell haushoch überlegen ist und dessen Kugeln vermutlich ferngesteuert durch die Gegend fliegen, treffen sie ihr Ziel doch immer haargenau. Was sich daraus ergibt, ist ein gewalthaltiges Katz-und-Maus-Spiel, bei welchem mal die eine, mal die andere Partei die Oberhand gewinnt. EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN folgt somit überwiegend der narrativen Schablone des großen Vorbilds: Der Fremde gibt sich zunächst als Verbündeter der Banditen aus und hilft ihnen sogar dabei, ihren Coup durchzuziehen. Erst, als er im Anschluss von ihnen erwartungsgemäß aufs Kreuz gelegt und um seinen Anteil betrogen wird, beginnt er einen verlustreichen Feldzug. Aufgrund seiner Schießkunst und Schläue hat er dabei quasi auf Anhieb die besseren Karten als die primitive Gaunerbande, die zur Erlangung ihrer Ziele lediglich auf rohe Gewalt zu setzen vermag. Doch auch trotz seiner Überlegenheit muss der Fremde herbe Rückschläge einstecken, wird gefoltert und scheint fast besiegt, bevor er im Finale dennoch triumphieren kann.

Das ist natürlich alles nicht atemberaubend originell und letztendlich nur die zu Grunde liegende Blaupause jeder Heldenstory, die hier eigentlich kaum großartig variiert wurde. Dass EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN dennoch ein gelungenes Unterhaltungsprogramm bietet, liegt, neben der versierten Regie Luigi Vanzis, vor allem an den liebgewonnen Ingredienzien des klassischen Italo-Westerns, welche hier, aufgrund des recht frühen Produktionsjahrs, noch erfreulich frisch und unabgenutzt wirken: das ungastliche Städtchen, durch das unaufhörlich der Wind pfeift, die kargen Landschaften, die eine trostlose Einsamkeit vermitteln, die unersättliche Gier nach Gold, die nur das Schlechteste im Menschen hervorruft, und nicht zuletzt die ruppige Gewaltdarstellung, die rein gar nichts mehr mit dem klinischen Glanz früherer amerikanischer Western gemein hat.

Im Gegensatz zu FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR fehlt es dabei allerdings etwas an inhaltlicher Dichte. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich Clint Eastwood seinerzeit mit gleich zwei Gangsterbanden herumschlug, während es Tony Anthony hier nur mit einer einzigen zu tun bekommt. Da sich diese auch nicht gerade durch übermäßige Pfiffigkeit auszeichnet, verkommt EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN im Mittelteil zeitweise zu einem simplen Versteckspiel, in welchem der Fremde lediglich durch Höhlen und Häuser kriecht, während seine Häscher erst dann wieder zur Jagd blasen, wenn ein weiteres Mitglied ihrer Truppe in den Staub gebissen hat. Chronologisch will dabei manches nicht so recht zusammenpassen: Da plant Aguilar die Dorfschönheit zwangszubegatten, was der Fremde lobenswerterweise verhindern möchte. So schleicht er durch das Gebäude, hinterlässt dabei eine Spur aus Schießpulver, wird beinahe entdeckt, versteckt sich, schlägt seinen Beinahe-Entdecker nieder, geht wieder in Deckung und entzündet schließlich die hinterlegte Spur, um das Dynamitlager in die Luft zu jagen. Und obwohl man während all dieser Zeit locker ein ganzes Frauenhaus hätte vernaschen können, hat sich Aguilar in der Zwischenzeit noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen.

Auch an anderen Stellen gibt es durchaus mal kleinere Schönheitsfehler: Dass die Soldaten zu Beginn z. B. alle brav stehenbleiben, um sich über den Haufen schießen zu lassen, erscheint ein wenig merkwürdig. Auch an Blutpäckchen hat man offenbar gespart, immerhin hinterlässt das erwähnte Massaker nicht einen einzigen sichtbaren Kratzer auf dem schnieken Unterhemd. Zudem hat der Fremde die meiste Zeit mehr Glück als Verstand, da seine Gegner selbst aus nächster Nähe vielleicht gerade mal den Türrahmen treffen, in welchem er sich befindet. Sinnlos zu erwähnen, dass seine Kontrahenten meist schon am Boden liegen, bevor er überhaupt den Abzug betätigt hat. Doch solch liebenswerte Unzulänglichkeiten gehören auch einfach zu einem zünftigen B-Kracher, zumal EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN im Gegenzug mit so manch großartigem Moment aufwarten kann: So kann man sich eines Schmunzelns kaum erwehren, wenn der Fremde zunächst seine Schritte auf der Veranda abzählt, um dann später hinter der Ecke kauernd die Schritte seines Widersachers zu zählen und genau zu wissen, wann er feuern muss. Auch, wenn er sich im Anschluss unter den Bodendielen versteckt und seine Gegner zunächst mit Geräuschen und Bewegungen verunsichert, bevor er sie in seine Flinte laufen lässt, erntet das einen gehörigen Lacherfolg.

Die Gewaltdarstellung schockiert dabei aus zeitlicher Distanz freilich längst nicht mehr so sehr wie noch im Erscheinungsjahr, doch vor allem die Zynismen des Schurken Aguilar sind von unvergänglicher Boshaftigkeit: Nach dem kaltblütigen Niedermähen einer ganzen Armee schreckt er auch nicht davor zurück, einen Säugling mit dem Messer zu bedrohen, um aus dessen Mutter eine benötigte Information herauszukitzeln, lässt sich vor jeder Missetat jedoch immer wieder von seinem Handlanger Marinero (gespielt von Aldo Berti [→ ESCONDIDO]) bestätigen, dass er ein gerechter Mann sei. Das ist schon starker Tobak und macht Aguilar zu einem enorm verachtenswerten Vertreter seiner Zunft. Der viel zu früh verstorbene Frank Wolff [→ GOTT VERGIBT – DJANGO NIE!], welcher diesem sein markantes Gesicht leiht, ist als Darsteller hassenswerter Bösewicht ohnehin eine Bank. Seine schauspielerischen Qualitäten kann er hier allerdings kaum unter Beweis stellen, seine Rolle ist dafür schlichtweg zu eindimensional geraten. Im Gegenzug jedoch darf er hier nach Herzenslust böse sein, um immer dann, wenn er sich nicht mehr hinter seinem Maschinengewehr verstecken kann, zum erbärmlichen Jammerlappen zu mutieren.

Ungewöhnlich ist, dass sich hier auch eine Frau zu den Schurken zählen und als solchen ebenfalls gehörig austeilen darf: Gia Sandri [→ SCHNELLER ALS 1000 COLTS] spielt Maruca, welche dem Fremden bei seiner Ankunft zunächst nur die Blumenvase entgegenschleudert (nicht ganz zu Unrecht, immerhin beobachtet er sie beim Einkleiden), ihm später jedoch mit inbrünstiger Leidenschaft die Peitsche ins Gesicht knallt (obwohl sie in Wahrheit natürlich total rattig auf ihn ist). Die zweite größere Frauenrolle ging an die hübsche Jolanda Modio [→ VON ANGESICHT ZU ANGESICHT], die als hilfebedürftige Chica das klassische Opfer spielen und einige Male aufgescheucht aus der Wäsche gucken darf.

Und Tony Anthony? Der hat mit der Figur des schweigsamen Westernhelden offenbar die Rolle seines Lebens gefunden, so dass er nachfolgend eigentlich kaum noch etwas anderes spielte und diesem Typus fast bis zum Schluss treu blieb - was seinen Höhepunkt erreichte, als er in BLINDMAN nicht nur schweigsam sein durfte, sondern auch noch blind. Obwohl sich seine Darstellung, wie mehrfach erwähnt, mit den ganz Großen nicht messen kann, verleiht er der klassischen Figur des unnahbaren Revolvermannes doch etwas ganz Eigenes, eine eigenartig liebenswerte Tapsigkeit, die ihn aus der Masse hervorhebt.

Komponist Benedetto Ghiglia [→ HÖLLENJAGD AUF HEISSE WARE] spendierte dem Fremden dazu ein eingängiges Titelthema, welches allerdings ein wenig zu häufig wiederholt wird und einem daher irgendwann doch auf die Nerven fällt. Die restliche Musikuntermalung geriet eher trist und lässt große Melodien, eigentlich eines der Steckenpferde des Genres, schmerzlich vermissen.

Die ständigen Vergleiche mit FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR muss sich EIN DOLLAR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN schlichtweg gefallen lassen – zeitlich zu nah sind sich beide Werke und zu ähnlich sind Konzept und Umsetzung. Doch holt man Vanzis kompetent umgesetzte Spaghetti-Sause aus dem Schatten Sergio Leones, dann kommt dabei ungemein passable Unterhaltung zum Vorschein. Auch dem Publikum schien das ausreichend gefallen zu haben, durfte der Fremde im Anschluss doch noch zwei weitere Male in die Stadt reiten.

Kein Grund zum Zähneknirschen. 

Laufzeit: 83 Min. / Freigabe: ab 16

Dienstag, 27. August 2013

TEPEPA


TEPEPA
Italien, Spanien 1969

Regie:
Giulio Petroni

Darsteller:
Tomas Milian,
John Steiner,
Orson Welles,
Luciano Casamonica,
Ángel Ortiz,
Annamaria Lanciaprima,
José Torres,
George Wang



„Liebst du Mexiko?“


Inhalt:

Tepepa [Tomas Milian] ist zum Tode verurteilt. Der freiheitsliebende Mexikaner war einer der Anführer der Revolution, die vermeintlich gewonnen wurde. Doch nach scheinbar erfolgtem Sieg ist die Armee doch bald wieder an der Macht und der erzkonservative Obert Cascorro [Orson Welles] arbeitet daran, die prärevolutionären Verhältnisse wiederherzustellen. Mit der Hinrichtung Tepepas, eines der wichtigsten Männer des Widerstandes, soll ein Exempel statuiert werden. Francisco Madero, der ehemalige Revolutionsführer, hat sich mit dem Militär verbündet und das Todesurteil seines ehemaligen Gefolgsgenossen selbst unterschrieben. Tepepa blickt bereits in die Gewehrmündungen, da fährt ein Auto vorbei. Am Steuer sitzt Dr. Henry Price [John Steiner]. Er entführt Tepepa und rettet ihm das Leben. Doch Price ist nicht etwa ein Sympathisant, wie Tepepa zunächst glaubt: Er meint, in Tepepa den Vergewaltiger seiner Verlobten zu erkennen und will ihm persönlich das Licht auspusten. Mit Müh und Not kann Tepepa ihn davon überzeugen, dass er sich irrt. Es folgt eine schrittweise Annährung beiden Parteien und schließlich wird Price sein Verbündeter im erneuten Kampf gegen die Unterdrückung.

Kritik:

Bei der Masse genießt der Italo-Western – vorausgesetzt, es steht nicht zufällig der Name Sergio Leone darauf – die Reputation des billig produzierten, bleihaltigen Spektakels, das Leiche über Leiche stapelt. Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr, wurde die deutliche Mehrzahl dieses Subgenres doch tatsächlich mit eher beschränkten finanziellen Mitteln umgesetzt, während auf inhaltlicher Ebene das meist zu Grunde liegende Rachethema lediglich rudimentär variiert wurde. Dass es sich dennoch lohnt, den Blick zu schärfen, um in der Menge an Material das ein oder andere Glanzlicht zu entdecken (was natürlich nicht bedeuten soll, dass preiswerte Dutzendware zwangsläufig schlecht sein muss), beweist Regisseur Giulio Petroni mit seinem im Jahre 1969 entstandenen TEPEPA. Vor dem explosiven Hintergrund der mexikanischen Revolution entwirft Petroni eine penibel durchdachte politische Parabel, die ihr Hauptaugenmerk nicht auf Action und Sadismus legt, sondern auf eine differenzierte, mit bitterem Humor gespickte Auseinandersetzung mit den Themen Staat, Freiheit und Unterdrückung. Wer nun sperrige Intellektuellenkost erwartet, der sei mit dem Hinweis beruhigt, dass TEPEPA dennoch durchgehend packende Unterhaltung bietet und trotz Actionarmut bis zum überraschenden Ende zu fesseln vermag.

Dabei resultiert die vibrierende Spannung TEPEPAs weniger aus einer aufregenden Story, sondern vielmehr aus dem ambivalenten Verhältnis der Charaktere zueinander. Bereits die Ausgangssituation stellt diesbezüglich die Weichen: Der undurchsichtige Henry Price erscheint zunächst als Verbündeter der Titelfigur Tepepa, als er diesem das Leben rettet. Doch dann wird klar, dass er ihm lediglich geholfen hat, um ihn selbst umzubringen, da er ihn für einen Vergewaltiger hält. Erst, nachdem Tepepa ihn von seinem Irrtum überzeugen kann, wird er nach und nach tatsächlich zu dessen Verbündeten und schließt sich zunächst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher der Widerstandsbewegung an. Dieser bereits wunderbar doppelbödige Beginn ist Wegbereiter für die folgenden Ereignisse, die geprägt sind von einem Wechselbad aus gegenseitigem Argwohn und Vertrauen, Hass und Respekt, Verachtung und Bewunderung. Verschiedene Figuren verfolgen verschiedene Interessen, und ihr Aufeinandertreffen sorgt für eine gehörige Portion Zündstoff und ein beständiges unterschwellig-bedrohliches Brodeln. Bedeutend dabei ist, dass das Verhalten der einzelnen Charaktere, selbst das des so unsympathischen Polizeichefs Cascorro, jederzeit nachvollziehbar bleibt und Verständnis ernten kann. Auf das klassische Gut-Böse-Schema wurde hier nahezu vollkommen verzichtet.

Auch begeht TEPEPA nicht etwa den Fehler, seine Titelfigur zum strahlenden, moralisch einwandfrei agierenden Helden zu stilisieren, wie man anfangs noch glauben könnte, sondern zeichnet ihn mit zunehmender Laufzeit als einen erschreckend naiven Charakter, dessen moralischer Kompass sehr ungenau justiert wurde. Zwar fehlt es ihm nicht an vordergründigem Selbstbewusstsein und Charisma (womit er nicht nur seine Leute zu blenden versteht), wohl aber am nötigen Intellekt, um sowohl Schwere als auch Folgen seiner Taten korrekt einschätzen zu können. Aus dem anfänglichen Idol wird so nach und nach ein eher bemitleidens-, zeitweise sogar verachtenswerter Tropf, für dessen simples Gemüt man schließlich nur noch Abscheu empfinden kann. Regisseur Giulio Petroni [→ PROVIDENZA] war es somit nicht etwa daran gelegen, lediglich ein simples Revolutionsspektakel darzubieten, welches die Bürgerrevolte einer kritiklosen Glorifizierung unterwirft. Das kluge Drehbuch aus der Feder Ivan Della Meas und Franco Solinas' interessiert sich vielmehr für das Wesen der Revolution, für ihre Macht der Verführung und Manipulation und für die Folgen, die falsch verstandener Freiheitsdrang mit sich bringen kann. Die Figuren sind Sinnbilder, ihr Handeln ist exemplarisch: Als Tepepa einen älteren Mann unter Anklage des Verrats hinrichtet, empfindet dessen Sohn nicht etwa Hass gegen den Mörder seines Vaters, was die natürliche und einzig logische Reaktion wäre, sondern akzeptiert die Tat stillschweigend als Notwendigkeit und unterstützt Tepepa nachfolgend sogar noch durch den Kauf von Feuerwaffen. Solche und ähnliche Momente sind in TEPEPA keine Seltenheit und veranschaulichen eindrucksvoll, wie sehr sich Verhalten und Einstellungen der Protagonisten bereits von der ‚normalen‘ Welt entfernt haben.

Tomas Milian [→ VON ANGESICHT ZU ANGESICHT] in der Titelrolle zu besetzen war die wohl beste Entscheidung der Macher, und es ist kaum anzunehmen, dass TEPEPA mit einem anderen Hauptdarsteller ebenfalls so gut funktioniert hätte. Milian war damals bereits einer der beliebtesten Darsteller Italiens und hat mit seinem spitzbübischen Charme und seiner Ausstrahlung die Publikumsgunst auf Anhieb auf seiner Seite. Gleichzeitig ist der gebürtige Kubaner jedoch auch ein hervorragender Schauspieler, der seine Rollen, falls nötig, mit der nötigen Tiefe auszustatten versteht. Der Wandel Tepepas von der Sympathiefigur zum wenn auch nicht ‚bösen‘ so doch zumindest zwielichtigen Charakter, geschieht somit ebenso unerwartet wie glaubwürdig. Ihm gegenüber steht ein fabelhaft besetzter Orson Welles [→ IM ZEICHEN DES BÖSEN], der als erzkonservativer Polizeichef Cascorro ebenfalls voll und ganz überzeugen kann. Mit scheinbar stoischer Gelassenheit versprüht er eine enorm autoritäre Aura, beunruhigend wie respekteinflößend zugleich. Und doch ist auch seine Figur nicht einfach nur der oberflächliche Schurke: In einer Szene erinnert er sich an den Kampf gegen die Aufständischen. Mit nachdenklicher Miene und fernem Blick berichtet er, wie Tepepa, der von Cascorros Befehl, ihn zu verschonen, nichts ahnte, ihm ohne jede Angst vor dem Tod entgegenrannte – eine großartig gespielte Momentaufnahme, die verdeutlicht, dass Cascorro, obwohl er Tepepas Feind ist, doch Bewunderung empfindet für diesen von seinen Idealen vollkommen überzeugten Mann. Denn ebenso wie Tepepa, sieht sich auch Cascorro als Patriot, dessen Ziel, die alten Verhältnisse wiederherzustellen, für ihn jedes Mittel legitimiert. John Steiner [→ EIN TURBO RÄUMT DEN HIGHWAY AUF] macht seinem Namen derweil alle Ehre und verkörpert seinen Dr. Henry Price mit tadellos versteinertem Gesichtsausdruck, was die Undurchsichtigkeit der Figur blendend unterstreicht. Nach seiner spektakulären Rettungsaktion zu Beginn, nimmt er lange Zeit eine eher passive Rolle ein, bevor er sich am Ende als eine der wichtigsten Figuren TEPEPAs herauskristallisiert. Den ständigen Zwiespalt zwischen persönlicher Überzeugung und zerreißenden Emotionen spielt Steiner sehr eindrucksvoll, seine tadellose Leistung ergänzt die Darbietungen seiner Schauspielkollegen nahezu perfekt.

Grundsätzlich charaktergetrieben, fährt TEPEPA im Finale zur explosiven Hochform auf und bietet eine äußerst versiert in Szene gesetzte Actionsequenz, in der es auch ordentlich knallen darf. Doch trotz gelegentlich durchaus vorhandenen Feuerzaubers bleibt das Werk in erster Linie eine scharfsinnige Abhandlung über politische Verhältnisse, Macht und Ohnmacht, Staat und Volk. Eingehüllt in das wiederholt wunderbare Klangkleid Ennio Morricones [→ TOP JOB], präsentiert Petroni seine Analyse jedoch nicht als schwerfällig verkopftes Intellektuellenstück, sondern als sympathisch unaufdringlichen Nebeneffekt großartigen Unterhaltungskinos. TEPEPA gelingt somit das Kunststück, sowohl die feingeistige als auch die frugale Natur gleichermaßen zu beglücken. Das bestürzende Ende schließlich sitzt wie ein Keulenhieb und untermauert mit bleibendem Nachdruck nochmals die radikale Botschaft. Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. Und Freunde packender Italo-Western fressen TEPEPA.

Laufzeit: 136 Min. / Freigabe: ab 16

Dienstag, 20. August 2013

BODYGUARDS AND ASSASSINS


SHI YUE WEI CHENG
China 2009

Regie:
Teddy Chan

Darsteller:
Donnie Yen,
Leon Lai,
Tony Leung Ka-Fai,
Nicholas Tse,
Eric Tsang,
Simon Yam,
Fan Bingbing,
Jacky Cheung



Inhalt:

„Demokratie ist die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk.“

So zitiert Professor Yang Quyun [Jacky Cheung], Gegner der Qing-Dynastie und Anführer der Revive China Society, die berühmten Worte Abraham Lincolns. „Werden wir dieses Ideal auch in China verwirklichen?“, fragt eine Zuhörerin. „Ich bin mir ganz sicher: Dieser Tag wird kommen“, antwortet Yang. Dann spaltet ihm eine Kugel den Schädel.

Im Jahre 1905 steht das Kaiserreich China kurz vor dem Zusammenbruch. Die Intellektuellen wenden sich westlichen Ideen zu und kokettieren mit einem demokratischen Staat. Dr. Sun Yat-Sen [Zhang Han-Yu] ist einer der bedeutendsten Anführer der Widerstandsbewegung gegen die unterjochende Qing-Dynastie. Als er ankündigt, aus dem Exil zurück ins Land zu reisen, befiehlt Kaiserin Cixi [Lau Kwong-Ning] seinen Tod. Der Attentäter Yan Xiao-Guo [Hu Jun] soll das Urteil vollstrecken. Der Revolutionär Prof. Chen Xiaobai [Tony Leung] will Sun Yat-Sen zusammen mit General Fang Tian [Simon Yam] beschützen. Doch ihre Einheit wird verraten und vernichtend geschlagen. Polizeichef Shi [Eric Tsang] beugt sich dem britischen Druck und hält sich heraus. Doch Prof. Chen denkt nicht ans Aufgeben und formiert innerhalb von fünf Tagen eine neue Widerstandsgruppe. Der Geschäftsmann Li Yue-Tang [Wang Xue-Qi], welcher bisher lediglich als Geldgeber fungierte, kristallisiert sich dabei bald als wichtigste Persönlichkeit heraus. Dazu stoßen alsbald einfache Bürger wie der gutmütige Riese Wang Fuming [Mengke Bateer], der Rickschafahrer Deng Si-di [Nicholas Tse], der Bettler Liu Yubai [Leon Lai], General Fangs Tochter Hong [Chris Lee], der spielsüchtige Polizist Shen Chong-Yang [Donnie Yen] sowie Yue-Tangs Sohn Chung-Quang [Wang Bo-Chieh].

Kritik:

Mit Beginn des neuen Jahrtausends entdeckte das chinesische Kino langsam, aber sicher seine Vorliebe für die Historie und produzierte in Folge immer häufiger aufwändige Schlachtpanoramen und Biographien bedeutender Persönlichkeiten aus Chinas Vergangenheit, häufig und gern vor dem Hintergrund einschneidender politischer Umwälzungen. Der Hauptgrund dafür war jedoch weniger der Drang, das Publikum mit kostspieligem Geschichtsunterricht zu verwöhnen, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich historische Stoffe hervorragend dazu eignen, beim Konsumenten unterschwellig patriotische Gefühle zu erwecken – ein Umstand, den die Propagandaabteilung des Landes natürlich sehr begrüßte. Der Hinweis, dass die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse zu diesem Zwecke stark romantisiert und simplifiziert wurden, sollte dabei in seiner Selbstverständlichkeit kaum mehr als eine Fußnote wert sein.

Ganz und gar regierungskonform geriet somit auch BODYGUARDS AND ASSASSINS, ein von Regisseur Teddy Chan [→ PURPLE STORM] mit viel Eifer in Szene gesetztes Martial-Arts-Epos, angesiedelt vor der brodelnden Kulisse der letzten Tage der Qing-Dynastie. Um die reale Figur des Revolutionsführers Dr. Sun Yat-Sen ersponnen die Drehbuchautoren Junli Guo, Tin Nam Chun und Joyce Chan die fiktive Geschichte einer Gruppe von Widerstandskämpfern, welche sich gegen die Terrorherrschaft der Kaiserin auflehnt und mit allen Mitteln versucht, das Attentat am zukünftigen ersten Präsidenten der Republik China zu verhindern. Wer nun allerdings ein Dauerfeuer an Handkantenschlägen und Knochenbrechereien erwartet, dürfte recht bald ernüchtert aus der Wäsche blicken. Das mehr als zweistündige Werk nimmt sich nämlich jede Menge Zeit, um zunächst seine Protagonisten vorzustellen – und das sind nicht gerade wenige. So werden einem innerhalb der ersten Stunde gut und gern 20 Personenbeschreibungen vor den arglosen Latz geknallt. Trotz dieser enormen Figurenfülle gelingt es BODYGUARDS AND ASSASSINS jedoch, durch die geschickte Verknüpfung der einzelnen Schicksale und die eher simple, wenn auch effektive Charakterzeichnung, jede einzelne Person dermaßen prägnant zu schildern, dass eine Identifikation nahezu reibungslos funktioniert.

Dass die Figuren dabei allesamt Stereotypen sind, ist freilich kaum von der Hand zu weisen. Ob es nun der Bettler ist, welcher durch den Selbstmord seiner Geliebten in den Opiumrausch getrieben wurde, der spielsüchtige Polizist oder die rachsüchtige Tochter des ermordeten Generals – die Motive und Hintergründe der Handelnden sind denkbar simpel gestrickt und alles andere als innovativ. Zur Wahrung der Übersicht allerdings ist dieser Umstand doch sehr nützlich und die emotionale Bindung des Zuschauers an die Protagonisten wird auf diese Weise ebenfalls denkbar erleichtert. Das Erwecken von Emotionen ist dann auch eines der Hauptanliegen BODYGUARDS AND ASSASSINS', weswegen es die Protagonisten in manch tränentreibende Situation verstrickt. So erfährt der von Donnie Yen verkörperte Shen Chong-Yang, dass die Tochter seiner ehemaligen Frau in Wahrheit sein eigenes Kind und nicht das ihres neuen Geliebten ist. „Wie konnte ich ihr erklären, was für ein Mensch ihr leiblicher Vater ist?“, wird er in Anspielung auf seine Spielsucht gefragt. Es folgt ein hochergreifender Moment, in welchem Shen seiner Tochter des erste Mal in die Augen blickt. Auch der grandiosen Schauspielleistung Donnie Yens ist es zu verdanken, dass diese Szene selbst dem Abgefeimtesten ans Herz geht.

Ohnehin sind die darstellerischen Darbietungen BODYGUARDS AND ASSASSINS' durch die Bank exzellent. Neben dem erwähnten Donnie Yen, dessen Karriere nach jahrelangem Gedümpel in Billigproduktionen schließlich eine wahre Blütezeit erlebte, überzeugt vor allem Wang Xue-Qi in der Rolle des reichen Geschäftsmanns Li Yu-Tang, welcher mit der Revolution zunächst wenig zu tun haben will und seinen Beitrag in Geldleistungen erschöpft sieht, um dann, nach turbulenten Ereignissen sein Verlagshaus betreffend, zu einer der wichtigsten Führungspersonen des Widerstandes aufzusteigen. Der eher unbekannte Mime spielt seinen Wandel dabei ebenso glaubhaft wie eindrucksvoll. Doch auch der Rest der Besetzung, bestehend aus dem Genre-Freund durchaus wohlbekannten Namen wie Eric Tsang, Leon Lai, Nicolas Tse oder Tony Leung, bekommt eine Chance, und nahezu jeder Darsteller erhält eine große Szene, in welcher er sich beweisen darf.

Auf gegnerischer Seite sieht man Hu Jun als kaiserlichen Attentäter Yan Xiaoguo, der zwar eine Armee befehligt, letztendlich jedoch quasi im Alleingang gegen den Widerstand zu Felde zieht. Das ist natürlich hochgeradig hanebüchen und letztendlich auch eher sinnbildlich zu verstehen: Yan Xiaoguo steht symbolisch für das 'böse China', für die verkrustete Kaisermentalität, die sich gegen jede Art von Fortschritt eisern zur Wehr setzt. Als typische Schurkenrolle angelegt, erfüllt Hu Juns Figur auch so ziemlich jedes zu erwartende Klischee, freilich nicht ohne ebenfalls einen großen Moment für sich zu verbuchen: So entführt er seinen ehemaligen Lehrer Chen Xiaobai [Tony Leung] und sperrt ihn ins Verlies, da auch dieser mit der Revolution sympathisiert. Doch hat Xiaoguo noch immer Respekt vor dem Mann, der ihn einst unterrichtete („Wer einmal mein Lehrer war, ist ein Leben lang mein Mentor.“). Darauf folgt ein großartiger verbaler Schlagabtausch zwischen beiden Parteien, von Unverständnis der gegenteiligen Meinung ebenso geprägt wie von verbleibender gegenseitiger Achtung.

Mit packenden Szenen wie dieser bietet BODYGUARDS AND ASSASSINS trotz der anfänglichen Action-Armut bereits mitreißende Unterhaltung. Die finale Stunde schließlich gehört dann fast ausschließlich dem Kampf und entschädigt auch den vergrätztesten Nörgler für die bis dahin vorherrschende Dialoglast. Meisterlich gelingt es Teddy Chan, eine zum Schneiden dichte Atmosphäre zu kreieren, als die zu beschützende Zielperson Sun Yat-Sen in einer Sänfte durch das belebte Hongkong getragen wird und das geschäftige Treiben in den Straßen plötzlich zur unheilvollen Kulisse mutiert, zu einem bedrohlichen Konglomerat aus fiebrigem Ambiente, unterschwelliger Gefahr und bösen Vorahnungen (so werden die zum Tragen schwerer Lasten benötigten Packhaken effektiv ins Bild gerückt), bei welchem der Duft des Massakers bereits in der Luft zu liegen scheint. Auf diese Weise bis zum Höhepunkt gepeitscht, entlädt sich die angestaute Spannung schließlich in einem gewaltigen Gemetzel, welches, wie vom Hongkong-Kino kaum anders gewohnt, abermals ein Musterbeispiel an Choreographie und Schlagkraft darstellt und in seiner Konsequenz kaum Wünsche offenlässt.

Dabei zelebriert BODYGUARDS AND ASSASSINS freilich ausgiebig Märtyrertum, Heldenmut und Opferbereitschaft und geriet damit in seiner Botschaft nicht unbedingt leicht verdaulich: Das zu erreichende Ziel steht über dem Wohl des Einzelnen und dessen Tod ist eine zwar tragische, doch im Zweifel notwendige Unabänderlichkeit. Die Opfer werden geehrt (hier sogar jeweils in einer Extraeinstellung mit Einblendung von Name, Geburts- und Todesdatum) und ihr Sterben, so die Behauptung, war nicht sinnlos. Derlei Propaganda könnte man BODYGUARDS AND ASSASSINS gewiss leicht zum Vorwurf machen, zumal die angestrebte Botschaft angesichts der tatsächlichen chinesischen Verhältnisse geradezu lachhaft wirkt: Das ständige Gerede von Freiheit und Demokratie, die behauptete Volksherrschaft, angebliche Weltoffenheit und USA-Sympathie, das alles steht im völligen Widerspruch zur wirklichen Situation des Landes, in welcher ein totalitäres System über die Belange seiner Bürger bestimmt und jeden Anflug von Freiheitsgeist bereits im Keim zu ersticken versucht.

Doch schiebt man den politischen Hintergrund beiseite, erlebt man ein mitreißendes, packendes Stück Kino, großartig ausgestattet und voll von symbolträchtigen Allegorien. Dabei ist es vor allem die Zeit, die als gegnerische Kraft immer wieder ins Bild gerückt wird. Ständig blicken die Protagonisten auf ihre Uhr und das Schlagen des Pendels erscheint manchmal als das lauteste Geräusch auf der Welt. BODYGUARDS AND ASSASSINS ist verdammt starker Stoff, der das Hongkong des beginnenden 20. Jahrhunderts mit beachtlichem Aufwand an Kostüm und Kulisse wieder zum Leben erweckt und inhaltlich bisweilen an den japanischen Klassiker DIE SIEBEN SAMURAI (und damit auch an dessen amerikanische Neuauflage DIE GLORREICHEN SIEBEN) erinnert, ein historisch inakkurates, doch mit einem Übermaß an Spannung, Stimmung und Atmosphäre aufgeheiztes Mammutwerk, großartig besetzt, stark gespielt und meisterhaft inszeniert. Von Leibwächtern und Attentätern empfohlen!

Laufzeit: 133 Min. / Freigabe: ab 16