Montag, 29. Juli 2013

PACIFIC RIM

[USA][2013]

Regie: Guillermo del Toro
Darsteller: Charlie Hunnam, Rinko Kikuchi, Idris Elba, Max Martini, Ron Perlman, Burn Gorman, Charlie Day, Clifton Collins Jr., Heather Doerksen, Robert Maillet, Diego Klattenhoff

„Um Monster zu bekämpfen, erschufen wir selbst Monster.“


Die Welt der Zukunft ist nicht mehr das, wie sie war: Den Tiefen des Meeres entsteigen riesenhafte Monster, 'Kaijūs' genannt, die, vermutlich gesteuert von einer fremden Macht, die Städte der Welt vernichten. Diese hat ihre Konflikte mittlerweile beigelegt: Alle Nationen kooperieren zugunsten der Rettung der Erde. Um die Monster zu besiegen, werden riesige Kampfroboter gebaut, die 'Jäger', welche jeweils von zwei Piloten im Inneren per Gedankenkraft gesteuert werden. Raleigh Becket [Charlie Hunnam] und sein Bruder Yancy [Diego Klattenhoff] harmonieren im Kampf perfekt miteinander – bis Yancy bei einem Einsatz ums Leben kommt. Voller Gram zieht Raleigh sich zurück. Doch dann bedrängt ihn Captain Pentecost [Idris Elba], ins 'Jäger'-Programm zurückzukehren: „Es geht zuende mit der Welt. Wenn Sie sterben, wo wollen Sie dann sein? Hier oder in einem 'Jäger'?'

Hochhausgroße außerirdische Monster, die die Erde zerstören wollen und sich mit gigantischen, von Menschenhirn gesteuerten Kampfrobotern wildeste Schlachtfeste zu Lande, zu Wasser und in der Luft liefern – niemand würde ernsthaft bestreiten wollen, dass es sich dabei um ganz große Kunst handelt. Werner Herzog, Federico Fellini und François Truffaut raufen sich kollektiv die Haare und fragen sich: 'Warum, zum Teufel, ist mir das bloß nicht eingefallen?' 

Stattdessen ergriff der Mexikaner Guillermo del Toro [→
HELLBOY] die Gelegenheit beim Schopfe und kreierte mit auffallend viel kindlicher Begeisterung PACIFIC RIM
- eine unter allem krachendem Hollywoodbombast doch sehr liebevolle Verbeugung vor dem Kaijū Eiga, dem japanischen Monsterfilm. Regisseur Inoshiro Honda (der, neben Ray Harryhausen, auch im Abspann PACIFIC RIMs gewürdigt wird) erschuf 1954 mit GODZILLA den ersten Beitrag dieses im Laufe der Zeit zum Kult gewordenen Subgenres, damals noch von düsterer Atmosphäre geprägt und voller Bitterkeit. Der Erfolg beflügelte die Macher, eine Flut von Fortsetzungen und Epigonen brach los, und schon bald wurde das Geschehen bunter, die Monster zahlreicher und der Pessimismus wich infantilem Vergnügen. ROBOTER DER STERNE, ein unter abenteuerlichen Umständen in Japan und Hongkong entstandener fröhlicher Unfug, in welchen eine (wirklich sehr) kleine Spezialeinheit mit einem riesigen Roboter gegen außerirdische Invasoren kämpft, war eines der abstrusen Höhepunkte dieser Auswüchse und wirkt nicht nur aufgrund seines Inhalts wie eine Blaupause für den freilich ungleich aufwändiger gestalteten PACIFIC RIM.

'Kaijūs' werden die Monster im Film dann auch wirklich genannt und deren Design orientiert sich eindeutig an den japanischen Vorbildern. Bereits eines der ersten Ungeheuer, treffenderweise als 'Messerkopf' bezeichnet, erinnert gewiss nicht nur zufällig an das
GAMERA-Monster Guiron, welches tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit einem lebenden Brotmesser aufwies. Die Kaijū-Entwürfe PACIFIC RIM
s gerieten dann auch durch die Bank äußerst fantasievoll und obwohl die Monster hier natürlich komplett am Rechner entstanden, gelang es, die etwas schwerfälligen Bewegungsabläufe der asiatischen Originale (resultierend aus dem Umstand, dass dort Menschen in beengten Latexkostümen schwitzten) überzeugend zu imitieren. Dass die Effekte im Gegensatz zur Vorlage allesamt per Computertechnik entstanden, ist selbstredend, und die Darsteller dürften sich nur selten abseits des Blauschirms aufgehalten haben. Das Ergebnis geriet äußerst überzeugend, die meterhohen Kampfkolosse und Ungetüme fügen sich nahtlos in das reale Umfeld ein, ohne ihren digitalen Hintergrund preisgeben zu müssen. Das ist zwar beeindruckend auf der einen Seite, jedoch auch wenig überraschend auf der anderen: Tricktechnische Perfektion gehört zum Hollywoodstandard und bringt bei allem Respekt auch immer das Defizit glattbebügelter Kantenlosigkeit mit sich – ein Vorwurf, den sich PACIFIC RIM ebenfalls gefallen lassen muss. Allerdings war man dennoch klug genug, sich der Vorlage optisch so weit anzunähern, dass der Animationscharakter dabei deutlich in den Hintergrund tritt.

Erfreulicherweise bändelte man auch inhaltlich mit den liebgewonnenen Spinnereien der Vorlage an. Bereits die Grundidee, zur Abwehr riesiger Monster auf den Einsatz ebenfalls riesiger Roboter zu bauen, ist dermaßen erfrischend abstrus, dass der kleine Junge im Manne begeistert Beifall klatscht. Und auch die daraus resultierenden Unplausibilitäten (Warum bauen die Menschen nicht einfach Roboter, die
noch größer sind als die Monster? Warum kämpft jeweils immer nur ein
Roboter gegen den Gegner?) sind unverzichtbarer Bestandteil des Genres und gehören zum Erlebnis der ultimativen Realitätsflucht schlichtweg dazu. Unbestreitbar steckte man also tatsächlich jede Menge bemerkbares Herzblut in eine respektsvolle Ehrerbietung des Kaijū Eigas. Aus seiner Haut kann PACIFIC RIM letztendlich allerdings doch nicht: Es ist und bleibt ein von Hollywood auf Blockbuster gekämmtes Eventkino mit all den Klischees, die so etwas mit sich bringen muss. Auch hier begegnet man dem gestrauchelten Helden, der schließlich wieder über sich selbst hinauswachsen muss, dem arroganten Widersacher, der seine Lektion zu lernen hat und dem strengen, doch eigentlich warmherzigen Anführer, welcher, wie spätestens seit INDEPENDENCE DAY üblich, kurz vor der finalen Schlacht noch eine feurige Motivationsrede halten darf (die dieses Mal allerdings reichlich läppisch ausfiel).

Aufgemotzt mit Heldentum und Heilandssymbolik, verschwendet das Drehbuch dann auch auffallend viel Zeit für allerlei oberflächliche Bagatellen, die in ihrer Belanglosig- und Formelhaftigkeit trivialer wirken, als jede zünftige Monsterschlacht es je sein könnte. Das ist umso ärgerlicher, da es anfangs bereits von Null auf Hundert in die Vollen ging: Schon nach ein paar Sekunden donnert der erste brachiale Kampf, anstatt einer langwierigen Vorgeschichte werden die vorhergehenden Ereignisse im Offkommentar zusammengefasst. Fast wirkt es, als habe man Teil 1 verpasst und sähe stattdessen auf Anhieb die Fortsetzung. Dass der anfängliche Ballastverzicht im weiteren Verlauf dann doch wieder stereotypischen Erzählmustern weichen muss, darf gut und gern als Enttäuschung gewertet werden. Dabei ist der Gedanke, die Charaktere mit einem interessanten Innenleben auszustatten, durchaus kein völlig verkehrter, zumal die intakte Psyche eines Menschen auch inhaltlich eine Rolle spielt
(denn nur so lassen die Roboter gedanklich steuern). Dass man sich dafür jedoch sattsam bekannter Kamellen bediente, die in Thematik und Dialog wie aus jedem zweiten Tiefgründigkeit heuchelnden Hollywoodfilm herüberkopiert wirken, ist ein kaum zu leugnendes Ärgernis, das einen
kaijūgroßen Schatten auf die Gewitztheit der Macher wirft.

Doch noch einen weiteren kapitalen Fehler begeht
PACIFIC RIM
: So liebevoll die Monster auch gestaltet wurden, so rücksichtslos wurden sie auch verheizt. Einer der Erfolgsrezepte der japanischen Vorbilder war es, jedes Kaijū mit einer eigenen Identität auszustatten und ihm im Kampf ausreichend Zeit zu gewähren. Hier jedoch ist davon nichts zu spüren. Worin genau jetzt die Gefährlichkeit der einzelnen Ungeheuer (abgesehen von ihrer Größe und Aggressivität) eigentlich besteht, wird nie so recht deutlich. Zwar werden sie in verschiedene Kategorien eingeteilt, doch letztendlich ist eines wie das andere. Und auch die Kämpfe sind zu kurz (und zudem häufig noch unübersichtlich) gestaltet, als dass eine funktionierende Beziehung zu den Monstern aufkommen könnte.

Viele Worte über die Darsteller zu verlieren, wäre müßig - die wahren Hauptdarsteller
PACIFIC RIMs sind deutlich höher als 1,80 Meter. Charlie Hunnam [ → CHILDREN OF MEN] wirkt als Held ebenso langweilig und ausdruckslos wie Robert Kazinsky [→ RED TAILS] als sein Kontrahent. Idris Elba [→ PROMETHEUS] als Anführer der Truppe besitzt da schon deutlich mehr Charisma, bleibt jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Als obligatorische Witzfiguren kaspern sich Charlie Day [→ KILL THE BOSS] und Burn Gorman [→ THE DARK KNIGHT RISES] als depperte Wissenschaftler lachhaft überzogen und kaum komisch durch das Szenario, während Regie-Liebling Ron Perlman [→ BLADE 2
] erneut seine „Ich bin der Coolste“-Nummer abzieht. Wirklich positiv heraus sticht lediglich Rinko Kikuchi [→ BABEL], die nicht nur zusätzliches asiatisches Flair in das (ansonsten so gut wie ausschließlich männerdominierte) Geschehen bringt, sondern sich in ihrer zurückhaltenden Art auch wohltuend von den üblichen amerikanischen Sexsymbolen abhebt, welche normalerweise mit Hot Pants und tiefen Einblicken durch derartige Szenarien turnen. Guillermo del Toro ist halt eben doch kein Michael Bay, der mit TRANSFORMERS zwar ähnlich geartete, doch deutlich sexistischere und militärverliebtere Unterhaltung bot. Während letzterer vor allem amerikanischen Hurra-Patriotismus bis zum Exzess zelebrierte, bleibt PACIFIC RIM auch in dieser Hinsicht eher bescheiden: Der Weltrettungsjob ist ein internationaler – wer hat noch nicht, wer will noch mal?

PACIFIC RIM mag seine Einschränkungen haben, ist jedoch unter'm Strich eine überaus gelungene Hommage, die den Kult um japanische Schauspieler im Gummikostüm mit den Ingredienzien des amerikanischen Blockbusters verschmilzt und in der sich Riesenmonsterfreunde sehr wohlfühlen dürften. Haufenweise Anspielungen auf den GODZILLA-Kult (so werden die Kaijūs kurzerhand als Spielfiguren vermarktet und die Trainingssequenz, in welcher die Kompatibilität zweier Piloten getestet wird, erinnert wohl nicht zufällig an eine ähnliche Szene aus GODZILLA – FINAL WARS) sowie die japanische Kultur (so kann eines der Monster nur mithilfe eines zwischen all dem Technikfirlefanz reichlich altmodisch anmutenden Schwertes besiegt werden – beste Samuraitradition!) halten das Publikum ganz hübsch in Schach. Der Rest der Zweifel verschwindet im Schlachtgewitter: Funken sprühen, Blitze zucken und es scheppert lauter als beim „Iron Maiden“-Konzert. Ein RIM-Job, der Freude macht.

Laufzeit: 131 Min.

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